Thema: Burgenland

Orthodoxie und Oktoberfest

Friederike Spitzer aus Eisenstadt heiratet das bayerische Urgestein Angelo Feuchtwanger

Am 15. Februar 1880 stirbt in Eisenstadt der Tuchhändler Ignatz Spitzer. Seine Ehefrau Kathi, eine Tochter von Leopold Wolf und Rosa Spitzer, stirbt 5 Jahre später. Die beiden haben 5 Töchter und 3 Söhne, alle in Eisenstadt geboren, nur 1 Tochter und 2 Söhne sterben auch in Eisenstadt.

In der hebräischen Grabinschrift von Ignatz Spitzer lesen wir u.a.:

…Er war die Krone seiner Söhne, die Pracht seiner Familie…

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch Ignatz und Kathi Spitzer nicht untätig waren, wenn es darum ging, die geeigneten Ehepartner für ihre Kinder zu finden. An erster Stelle stand sehr wahrscheinlich der religiöse Hintergrund des oder der Zukünftigen, diesbezüglich wollte man keine Risken eingehen: Schließlich wuchsen doch beide Elternteile in einer Zeit auf, als der „deutsche Doktor“ und Mitbegründer der Neo-Orthodoxie, Rabbiner Asriel Hildesheimer, von 1851 – 1869 Rabbiner in Eisenstadt, über seine Wirkungsstätte schreibt:

… hier ist noch echt jüdisches Leben – … wirkliche Achtung der Tora, angesehene Stellung des Rabbiners, Fortbestand der Jeschiva.

Wirtschaftliche Interessen spielten bei der „Heiratspolitik“ wohl eine wichtige, aber – zumindest im konkreten Fall der Familie Spitzer – vielleicht eher untergeordnete Rolle.

Vor allem die Ehe von Tochter Friederike, geb. 01. Jänner 1859 in Eisenstadt, ist höchst bemerkenswert:

Friederike heiratet am 19. März 1883 in Eisenstadt Angelo Feuchtwanger aus München (Rabbiner war Salomo Kutna!).

Angelo (Ascher) Feuchtwanger, Teilhaber der J.L. Feuchtwanger Bank in München, geb. 09. August 1854 in München, ist der Onkel 2. Grades des weltberühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, Autor u.a. von „Jud Süß“, „Die Geschwister Oppenheim“ oder „Die Jüdin von Toledo“.

Angelos Vater Jakob Löw Feuchtwanger (1821, Fürth – 1890, München), 1857 Bankgründer der J.L. Feuchtwanger Bank, ist der Bruder von Elkan Feuchtwanger (1823–1902), dem Großvater von Lion Feuchtwanger.

Elkan Feuchtwanger, Goldschmied, Seifensieder und Kaufmann, hatte in Haidhausen eine Margarinefabrik gegründet, die sein Sohn Sigmund Aaron Meir Feuchtwanger (1854–1916), der Vater von Lion, Ludwig und Martin Feuchtwanger, übernahm.

Am Bild links: Dr. Sigbert Feuchtwanger, Sohn von Friederike und Angelo Feuchtwanger, und seine Cousins 2. Grades Lion und Ludwig Feuchtwanger. Über Sigbert und die anderen Kinder von Friederike und Angelo s. Ignaz Spitzer (Vater).

  • Grabstein Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger, geb. Bodenheimer

    Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger,
    geb. Bodenheimer, Bild-©: Georg Gaugusch

  • Grabstein Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und Friederike Feuchtwanger

    Dr. Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und
    Friederike Feuchtwanger, Bild-©: Georg Gaugusch


Angelo Feuchtwanger war eine beeindruckende Persönlichkeit, die Nachkommen beschreiben ihn als bayerisches Urgestein.

Gleichzeitig waren die bayerischen Traditionen in der Familie sehr lebendig, man sprach Münchner Mundart, liebte Berge und Bier und ging aufs Oktoberfest. Angelo Feuchtwanger, ein Onkel von Lion war als bayerisches Urgestein bekannt, der nach dem fast täglichen Synagogenbesuch meist im Hofbräuhaus einkehrte. Falls dies auf einen Sabbat fiel, ließ er eben anschreiben (denn der Umgang mit Geld ist am Sabbat nicht erlaubt) und bezahlte die Rechnung im Laufe der nächsten Woche. Sehr unverkrampft fiel auch der Umgang mit Nachbarskindern und Schulfreunden aus und wie alle anderen Münchner ging man gerne ins Museum und Theater oder fuhr in die Sommerfrische an den Starnberger See.

Prädikat lesenswert: Familie Feuchtwanger, BR, radioWissen

Königliches Hofbräuhaus – 1903

Königliches Hofbräuhaus – 1903, Bild-©: Wikipedia


Ich bin zuerst Jude, dann Bayer und dann Deutscher,

lautete Angelos Wahlspruch.

Lion Feuchtwanger gehörte zu den Ersten, die die kommende Tragödie erkannten, schon 1920 thematisierte er in seinem satirischen Text „Gespräche mit dem Ewigen Juden“ den Wahnsinn, der bald Realität werden sollte (Bücherverbrennungen).
In seinem 1930 erschienenen Schlüsselroman „Erfolg“ karikiert Feuchtwanger mit spitzer Feder das politische und kulturelle Leben im konservativen München, das bei ihm nicht gut wegkommt – er spricht

von einer zähen dumpfigen und geistig nicht gut gelüfteten Bevölkerung -,

und zeichnet in der Figur Rupert Kutzners ein deutlich erkennbares Porträt Hitlers.

Beim Oktoberfest wurde auch die Familie Angelo Feuchtwangers mit dem brutal-primitiven Antisemitismus konfrontiert. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sich die Lage für die Privatbank der Feuchtwangers zunehmend verschlechtert, 1935 hatte sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Feuchtwangers für sich und ihr Unternehmen in München keine Zukunft mehr sahen.

1936 emigrierte Angelo nach Palästina und auch in Tel Aviv besuchte er täglich die Synagoge, allerdings ohne anschließenden Gang ins Hofbräuhaus …

Angelo Feuchtwanger starb am 24. April 1939 in Tel Aviv, seine Frau Friederike, geb. Spitzer, war schon am 16. Oktober 1908 in München verstorben.

Fast allen Feuchtwangerfamilienmitgliedern der Münchner Linie gelang die Flucht, die meisten emigrierten nach Palästina. Es waren 854 Männer, Frauen und Kinder, 80 davon wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.

Kein Familienmitglied der großen Familie hat seinen Namen in Israel geändert, und das, obwohl der Name in Israel schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben war.

Prädikat hörenswert: „Von der Synagoge ins Wirtshaus, BR, radioWissen

Neben den oben verlinkten Lese- und Hörtipps empfehlen wir als Lektüre: Heike Specht: Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2006.


Burgenland

Schlagwörter: | Kommentare (0)

Ein teurer Mann …

Siegmund Wolf – Gerüchte, Bosheiten … und wenn es so richtig menschelt …

Die Familie Wolf in Eisenstadt und in Neudörfl – ein kurzer Überblick

Die beiden unmittelbaren Stammväter der beiden Familienzweige sind die beiden Söhne von Chajjim (Joachim) Wolf, Asriel Wolf und Leopold (Löb) Wolf.

Leopold (Löb) Wolf, sehr grob beschrieben, dominiert die „Eisenstädter“ Linie der Familie, seine beiden Söhne Adolf und Ignaz sind die Hauptfiguren der Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne. Enkel Leopold Wolf starb 1926, sein Bruder Sándor Wolf musste 1938 emigrieren.

Asriel Wolfs Sohn Abraham Wolf ist der Gründer der Firma „A. Wolf & Company“ in Neudörfl. Sein Bruder Wilhelm Wolf gründete in Wr. Neustadt die Firma „Wilhelm Wolf & Sohn“, über die 1927/28 das Ausgleichsverfahren eröffnet wurde. Und Abrahams Sohn Siegmund Wolf wird Gesellschafter der Firma seines Vaters in Neudörfl. Von ihm handelt dieser Beitrag.

Leopold (Löb) Wolf, gest. 14. Mai 1926, sein Bruder Alexander (Sándor) Wolf, gest. 02. Jänner 1946, und ihr Großcousin Siegmund (Samuel Halevi) Wolf, gest. 18. Dezember 1908, sind auch die letzten bedeutenden jüdischen Vertreter einer Familie, deren Wurzeln bis in die Wiener jüdische Gemeinde zurückreichen (wir berichteten) und die in Eisenstadt seit 1718 nachweisbar ist. Fast alle Kinder von Leopold und Siegmund Wolf sind aus dem Judentum ausgetreten und ließen sich taufen… aber ob jüdisch oder getauft, 1938 bedeutete das Aus für die Familie in Österreich.


Zwischen 1854 und 1859 eröffnete die Firma die Weinumsatz-Zentralstelle des Komitats Ödenburg auf dem Grundstück der heutigen Landespflegeanstalt [Neudörfl]. Wolf lagert 1000 hl Wein in seinen, aber auch in weiteren Kellern verschiedener Bauernhäuser. Er beschäftigt 100 Arbeiter und hat sogar eine eigene Fassbinderei.

Herbert Radel, Neudörfl – Dorf an der Grenze. Im Wandel der Zeit, 24


Siegmund Wolf löst in seinen letzten Lebensjahren einen katastrophalen Weinskandal aus, ruiniert seine Firma, landet im Gefängnis …

Dabei war 1893 die Welt für Siegmund Wolf noch in Ordnung. Er wurde zwar verdächtigt, eigentlich sogar verleumdet und wurde zum Opfer haltloser bösartiger Gerüchte. Seine Firma genoss aber einen hervorragenden Ruf und galt weit und breit als vertrauenswürdig und seriös, die Gerüchte konnten zerstreut werden:

Aus Wiener Neustadt wird gemeldet: Dieser Tage färbte sich der um diese Zeit gewöhnlich sehr wasserarme Leithafluss oberhalb Wiener Neustadt, respektive Neudörfl bis hinab gegen Eggendorf plötzlich intensiv roth, so dass es anzusehen war, wie ein Strom von Blut. Sofort verbreitete sich in Wiener Neustadt und Umgebung das Gerücht, der bekannten Weingroßhandlungsfirma Wolf in Neudörfl seien behördlicherseits 4000-10.000 Eimer Rothwein in die Leitha geschüttet worden. Ja sogar in die „Wr. landw. Ztg.“ fand diese Nachricht unglaublicher Weise Eingang. Nun ist aber an der Sache kein wahres Wort, denn die Verunreinigung geschah durch Einleitung von Farbstoffen aus einer oberhalb Neudörfl gelegenen Fabrik. Wie leicht derartige leichtsinnig oder boshaft verbreitete Gerüchte geeignet sind, den guten Ruf einer noch so vertrauenswürdigen Firma zu untergraben, ist wohl erklärlich und es sollten die Verbreiter derselben exemplarisch bestraft werden. Die Weingroßhandlungsfirma Wolf genießt zwar eines so hervorragenden Renommees, dass Niemand, der sie näher kennt, derartige Schaudergeschichten glaubt; es gibt aber immerhin Leute, welche derartige unsinnige Gerüchte, für ihre unlauteren Zwecke auszubeuten suchen.

Wiener Montags-Post, 28. August 1893, Seite 2

Kellerarbeiter der Firma Wolf, Herbert Radel, Neudörfl

Kellerarbeiter der Firma Wolf, Bildrechte: Herbert Radel, Neudörfl



Im Frühsommer 1907 aber zogen dunkle Wolken über Siegmund und seine Firma, schuld war er – offenbar – selbst. Geld- und sogar Gefängnisstrafe folgten, der gute Ruf der Firma, wohl auch jener von Siegmund Wolf, war auf einen Schlag Geschichte:

Ein bestrafter Weinpantscher.
Die österreichische Regierung wurde durch ein anonymes Schreiben aus Ödenburg darauf aufmerksam gemacht, dass der Weinhändler Siegmund Wolf „echte Ungarweine“ um teures Geld nach Österreich, insbesondere nach Wien exportiere, welche sich tatsächlich als wertlose Fälschung darstellen. Eine Untersuchung ergab, dass die Ungarweine des Siegmund Wolf Kunstweine sind. Es wurden 1000 Hektoliter Weine mit Beschlag belegt und Wolf von dem Gerichte in Ödenburg zu einem Monate Arrest und 600 K. Geldstrafe verurteilt. Und die Moral von der Geschichte?

Marburger Zeitung 01. Juni 1907, Seite 3
Sehr ähnlich in der Drogisten Zeitung vom 21. Juni 1907, Seite 11


… Daher wird sein gesamtes Lager beschlagnahmt und sein Wein in den Dorfbach geschüttet. Zwei Tage rinnt ein Weinbach durch Neudörfl. Manche Bewohner füllen sich ihre Gießkannen mit Wein, andere trinken gleich direkt am Bach, schlafen schließlich und trinken nach dem Aufwachen weiter…

Herbert Radel, Neudörfl – Dorf an der Grenze. Im Wandel der Zeit, 30


Im kleinen Ort Neudörfl an der Leitha hält sich noch heute (!) das hartnäckige Gerücht, dass Siegmund Wolf mit den Folgen dieses Fehltritts nicht fertig wurde und sich kurz darauf das Leben genommen hätte…
Zieht man die Matrikeneinträge mit eingetragener Todesursache (Magenkrebs) heran sowie etwa die Formulierung seiner Ehefrau in der Sterbeanzeige – „nach langem schweren Leiden sanft entschlafen…“ -, kommt ein Selbstmord wohl eher nicht in Frage.

Matriken Tod Siegmund Wolf

Matriken Tod Siegmund Wolf

Sterbeanzeige Siegmund Wolf

Sterbeanzeige Siegmund Wolf, Neue Freie Presse, 20. Dezember 1908, Seite 30



Der Titel für diesen Beitrag ist ein Zitat aus einem Vers der hebräischen Grabinschrift für Siegmund Wolf: „Ein teurer/edler Mann…“. Wir lesen weiter: „Deine Gerechtigkeit gehe vor dir her, denn den Weg des Glaubens hast du gewählt…ein rechtschaffener Mann und lauterer Geist… Wahrlich abgemüht hast du dich im Leben, und durch dein Mühen hast du das Glück kennengelernt…

Zugegeben: die Worte muten vielleicht ein wenig seltsam an angesichts der Vorkommnisse in den letzten Lebensjahren Siegmund Wolfs. Aber darum geht es auch gar nicht. Denn es muss klar festgehalten werden, dass solche Formulierungen stereotyp sind, dass sie – bewusst – in höchstem Maße idealisierend sind und keine Beschreibungen des real gelebten Lebens, schon gar nicht des Berufslebens, sein wollen. Und, dass sie von Menschen für ihre Toten mit sehr viel Liebe (und sehr oft mit viel Weisheit) verfasst wurden. Sie sollen den Hinterbliebenen Trost spenden und zeitlose Gültigkeit besitzen.

Es ist also obsolet zu hinterfragen, ob das Leben Siegmund Wolfs irgendeinem dieser idealisierten Stereotype entsprochen hat. Obwohl wir natürlich genügend Belege finden, dass Siegmund Wolf etwa immer wieder spendete, für den „Verein für fromme und wohltätige Werke in Wien I“ (Neue Freie Presse, 1905), für das „Heim krüppelhafter Kinder“ (Pester Lloyd 1905) usw.


Was aber doch vielleicht auffällt: Die Inschrift scheint mir etwas zurückhaltend formuliert zu sein. Und dass seine Ehefrau, die sieben Jahre nach ihm stirbt, nicht bei ihm am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben wurde, sondern im Grab ihrer Familie in Wien, vermag zumindest Fragen aufzuwerfen…

Burgenland

Schlagwörter: | Kommentare (0)

Zu einem möglichst günstigen Preis…

Über den Umgang der lokalen Presse mit dem jüdischen Erbe im Jahr 1958

Vor kurzem wurde die Sammlung Wolf, jene berühmte und bedeutende Sammlung Alexander (Sándor) Wolfs, erwähnt, die Frieda Löwy-Wolf 1958 an die Republik Österreich zu verkaufen versucht hatte. Dies misslang, die größten Teile der Sammlung landeten im Auktionshaus Lukas Fischer in Luzern…

Wie aber sah die lokale Presse den Ankauf eines kleinen Teils der Sammlung durch das Burgenland?

Fündig wurde ich in der BF (Burgenländische Freiheit), der Zeitung der Sozialdemokratischen Partei des Burgenlandes (erschienen von 1921 bis 2007, mittlerweile online verfügbar).

Erwartet habe ich einen sachlichen Bericht oder gar einen Bericht, der die Entscheidung des Landes kritisch betrachtet, dass in diesem Artikel aber die ganze Klaviatur antisemitischer Klischees bedient wird, schockierte mich zutiefst:

  • Frieda Löwy-Wolf – und letztlich natürlich auch ihr Bruder Sandor – waren in Israel nicht auf Sommerfrische, sondern mussten vor den Nazis fliehen in ein Land, das sie nicht kannten und in dem sie sich neue Existenzen aufbauen mussten. Alexander (Sandor) Wolf hatte keineswegs damit gerechnet, dass er selbst und seine Sammlung nicht in Eisenstadt verbleiben können. Noch Anfang der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts hatte er mehrere Häuser in Eisenstadt erworben, in denen er seine Bibliothek und Sammlung in 26 Räumen zugänglich machte.
  • Dieser Staat heißt seit dem 14. Mai 1948 Israel. Frieda Löwy-Wolf und ihre Familie lebten in Israel. Die BF nimmt dies 10 Jahre nach der Staatsgründung noch nicht zur Kenntnis.
  • „Die geldgierigen Juden“ – „sich zuerst bereichern und dann ans Ausland verkaufen“ – „das internationale Judentum“…
  • Selbstverständlich wäre es am besten gewesen, die ganze Sammlung zu einem möglichst günstigen Preis für das Land zu erwerben.

    Günstig für WEN?

  • jene Gegenstände…, die sich auf das Burgenland beziehen

    Im ganzen Artikel findet sich kein Wort von der viele tausend Objekte umfassenden Judaica-Sammlung, die sehr wohl einen sehr engen Bezug zum burgenländischen und insbesondere Eisenstädter Judentum hat (siehe etwa unten den wunderschönen Kidduschbecher des jüdischen Frauenvereins Eisenstadt, den unser Museum vor vielen Jahren ersteigern und so zurück ins Burgenland bringen konnte).
    Aber Hauptsache, dass die Türschlösser für ein zukünftiges Weinmuseum im Burgenland verbleiben konnten…

  • Im gesamten Artikel fehlen die Wörter „Jude, Vertreibung, Holocaust, jüdische Gemeinde, Judaica usw. völlig!
    Im vorletzten Absatz gewinnt man den Eindruck, dass mit allen Mitteln versucht wird, jede Berührung mit o.g. Wörtern zu vermeiden.



Es gäbe noch mehr anzumerken … an übertriebenem schlechtem Gewissen hat man offensichtlich nicht gelitten. Die Sprache des Artikels ist zurückhaltender, subtiler, unterschwelliger, die Anspielungen aber sind nicht weit entfernt von den typischen Motiven antisemitischer Propaganda.
Traurig.


Wesentliche Teile der Wolf-Sammlung bleiben im Burgenland
Nur ein Teil unter Denkmalschutz

In den letzten Wochen hat sich die Öffentlichkeit wiederholt mit dem Schicksal der Wolf-Sammlung beschäftigt, die bekanntlich von der in Palästina lebenden Erbin an einen ausländischen Kunsthändler verkauft wurde. Die gesamten damit verbundenen Fragen stellten das Land vor ein schwieriges Problem. Alexander Wolf war bekanntlich ein überaus kunstliebender Kaufmann, der als Weinhändler durch halb Europa kam und überall die verschiedensten kulturgeschichtlichen Erinnerungsstücke einkaufte. Die so entstandene Sammlung war in erster Reihe durch seine Persönlichkeit gekennzeichnet, stellte aber vom rein fachlichen Standpunkt aus etwas sehr Uneinheitliches dar. Als nun die Abwicklung der Erbschaft in das entscheidende Stadium trat, waren die verschiedensten Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Selbstverständlich wäre es am besten gewesen, die ganze Sammlung zu einem möglichst günstigen Preis für das Land zu erwerben. Man muss aber berücksichtigen, dass der Betrag von 1,8 Millionen Schilling im Budget eines kleinen Landes mit gewaltigen Aufgaben auf allen Gebieten eine sehr bedeutende Rolle spielt.

Es wäre selbstverständlich auch möglich gewesen, die Wolf-Sammlung zur Gänze anzukaufen und dann Teile davon abzustoßen. Tatsächlich steht nur ein Teil der Sammlung unter Denkmalschutz und es ist auch nur ein Teil kulturgeschichtlich unmittelbar mit dem Land verbunden. Es ist aber sehr fraglich, ob der Verkauf irgendwelcher Teile der Sammlung durch das Land selbst von der Öffentlichkeit als tragbar empfunden worden wäre. Es wurde demgemäß schließlich der Weg gewählt, dass von vornherein nur jene Gegenstände angekauft wurden, die sich auf das Burgenland beziehen.

Die Gesamtaufwendung des Landes beläuft sich nunmehr auf nur 650.000 S. Erworben wurden vor allem sämtliche Erinnerungsstücke an Joseph Haydn, Franz Liszt und andere große Musiker des Landes. Dieser Teil der Sammlung umfasst rund 1000 Inventarnummern. Ebenso wurde die archäologische Sammlung mit rund 5000 Inventarnummern erworben. Im Besitz des Landes verbleibt weiter die einzigartige Sammlung von Tür- und Torschlössern: Von besonderer Bedeutung für das Burgenland ist auch eine Sammlung von Gegenständen, die dereinst in einem besonderen Weinmuseum unterzubringen wären.

Zu dem reichhaltigen Bücherbestand, der nun in das Eigentum des Landes übergegangen ist, gehört unter anderem eine große Anzahl von Fachwerken über Weinbau und Kellerwirtschaft, die heute natürlich nur noch historischen Wert haben. Ferner wurden zahlreiche Originalurkunden zur Geschichte des Landes erworben, umfangreiches Bildmaterial, volkskundliche Gegenstände und interessantes Material, das sich auf die Geschichte des burgenländischen Zunftwesens bezieht.

Im großen und ganzen ist also der für das Burgenland unmittelbar wertvolle Kern der großen Sammlung erhalten geblieben und die Aufwendung hierfür steht durchaus im Verhältnis zu ihrem Wert wie zu den finanziellen Gegebenheiten des Landes. Und sosehr man es bedauern mag, dass nicht die ganze Wolf-Sammlung erworben werden konnte, so darf die nunmehrige Lösung im Hinblick auf alle zu berücksichtigenden Umstände doch nicht als ganz unbefriedigend bezeichnet werden.

BF, Samstag/Sonntag 15./16. März 1958, Seite 2


Synagogaler Hochzeitspokal

Synagogaler Hochzeitspokal

Inschrift oben: „Möge das Volk Israel durch Eheschließung seine Heiligung erfahren“.
Inschrift unten: „Spende des Frauenvereins zur Unterstützung
mittelloser Bräute, Gemeinde ASCH (Eisenstadt)“.
Silber, 2. H. 19. Jh.


Burgenland

Schlagwörter: | Kommentare (0)

Nathan und die Wölfe von Eisenstadt

Ein erster Schritt zu einer längst fälligen Biografie der Familie Wolf

Auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts, dem älteren und dem jüngeren, liegen mehr als 40 Familienangehörige der Familie Wolf begraben, wenn nur die engsten Angehörigen gezählt werden. Nehmen wir Schwiegerkinder und -eltern, Tanten, Onkel, Schwäger und Schwägerinnen usw. dazu, kommen wir auf weit mehr als 100 Gräber. Dass die Wurzeln der Familie bis in die Wiener Gemeinde zurückverfolgbar sind, wurde hier im Blog schon abgehandelt.

Das Österreichische Jüdische Museum befindet sich im sogenannten Wertheimerhaus, das 1875 von der Familie Wolf gekauft und zum Firmensitz der 1790 gegründeten „Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ wurde, wie schon Bernhard Wachstein 1922 anmerkte:

Die Bürolokalitäten des Hauptsitzes der Firma in Eisenstadt befinden sich jetzt in dem von Simson Wertheimer erbauten Hause, das seit 1875 im Besitze der Firma ist. …

Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, Anm. 1, Seite 286f

'Weinhandlung Leopold Wolf's Söhne', heute jüdisches Museum Eisenstadt

„Weingroßhandlung Leopold Wolf’s Söhne“, heute jüdisches Museum Eisenstadt


Es ist schon erstaunlich, dass es bis zum heutigen Tag keine gründliche Biografie über die mittlerweile weltweit verzweigte Familie Wolf oder zumindest über die Generationen der Familie, die Eisenstadt und weite Regionen des heutigen Burgenlandes bis 1938 maßgeblich prägten, gibt. Richard Berczeller hat die Familie Wolf immerhin als „burgenländische Rothschilds“ bezeichnet. Der Korrektheit halber muss angemerkt werden, dass Ernst Wolf, Sohn von Adolf Wolf (dort mehr Informationen über Ernst Wolf), 1924 im Eigenverlag das hier oft zitierte Buch „Die Familie Wolf“ herausgegeben hat, in dem er im Vorwort erst aus den Memoiren der Glückel von Hameln (1645-1724) zitiert:

Meine lieben Kinder, ich schreibe Euch dieses, damit, wenn heute oder morgen Eure lieben Kinder oder Enkel kommen und sie ihre Familie nicht kennen, ich dieses in Kürze aufgestellt habe, damit Ihr wisst, von was für Leuten Ihr her seid.

und schreibt weiter:

… will ich als ältester Enkel in der männlichen Linie ein Familienregister der Nachkommen unseres Großvaters Leopold Wolf und seiner Gattin Rosa, geb. Spitzer aufstellen und in Druck legen lassen.
Es ist in der heutigen Zeit, in der man uns als Fremde und Zugewanderte anfeindet, von sehr großer Bedeutung, dass wir unsere Bodenständigkeit in Mitteleuropa durch drei Jahrhunderte nachweisen können. Wir haben eine Reihe von bedeutenden Ahnen und auch diejenigen unter uns, die aus Mischehen stammen, können auf diese Vorfahren mit Stolz zurückblicken.

Die Worte haben wohl heute dieselbe Gültigkeit, nur dass es bald vier Jahrhunderte sind … die Arbeit von Ernst Wolf wurde jedenfalls nie wirklich ernsthaft fortgeführt. Ernst Wolfs z.T. akribisch erstellte Stammbäume und Kurzbiografien dürfen auch heute als Standardwerk oder zumindest als Basis für alle weiterführenden biografischen Arbeiten über die Familie Wolf gelten.
Dass Ernst Wolf bei den biografischen Angaben doch manch Fehler unterlaufen ist, dürfte daran liegen, dass er nicht selbst recherchiert hat, sondern im März 1923 an seine Verwandten die Bitte richtet, ihm Daten (Nachkommentafeln, Reproduktionen von Familienbildern etc.) zukommen zu lassen. Dass er die Daten nicht überprüfte, sollte ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Zweck seines Buches und vor allem sein Zielpublikum waren andere – Ich übergebe dieses Werk meinen lieben Verwandten…. -, als bei wissenschaftlichen Publikationen.

Die „Söhne“

Wer sind aber nun genau die „Söhne“ in „Leopold Wolf’s Söhne“? Leopold Wolf, gest. 11. Jänner 1866, hatte 2 Söhne: Adolf, der 2 Söhne hatte (Ernst und Leopold), und Ignaz, der sieben Töchter und ebenfalls zwei Söhne hatte: Leopold und das wohl bekannteste und berühmteste Familienmitglied: Sohn Alexander, der sich selbst (ung.) Sandor nannte.

Noch erstaunlicher als das Fehlen einer Biografie allerdings und auch ein wenig ärgerlich ist aber, dass die spärlichen Informationen, die wir über die Familie finden, nicht nur lücken-, sondern oft auch fehlerhaft sind und viele Fragen offen bleiben.
Das beginnt damit, dass wir 3 verschiedene Geburtsdaten für Ignaz Wolf finden, beim Geburtsdatum seiner Ehefrau Hermine Neubrunn sich zwischen dem Datum am Grabstein und jenem im Geburtsmatrikeneintrag von Trenčín in der Westslowakei eine Differenz von mehr als 2 Monaten auftut, dass Adolf Wolf laut Geburtsmatriken eigentlich Arnold Adolf heißt und dass wir für zumindest 2 Töchter von Ignaz Wolf verschiedene Vornamen finden (Adele/Adelheid und Kathi/Gisela) oder dass Tochter Helenes Geburtsdatum gar um ein ganzes Jahr abweicht… Selbstredend schwerwiegender: dass es nahezu keine detaillierteren Informationen über die enorme wirtschaftliche Bedeutung des Wolf’schen Imperiums gibt.

Nathan Alexander/Sándor Wolf

Insbesondere sind auch die verfügbaren Informationen über die herausragendste Persönlichkeit der Familie, Alexander/Sándor Wolf, das 6. Kind von Ignaz und Hermine Wolf, ausgesprochen mager und z.T. schlicht falsch:

So finden wir sowohl in der gedruckten Literatur als auch online hundertfach das Geburtsdatum 21. Dezember 1871 für Alexander/Sándor Wolf, auch auf Dokumenten, für die er offensichtlich selbst seine Daten zur Verfügung stellte, wie etwa den Nationale-Dokumenten der Universität Wien, wo sich im Gedenkbuch auch eine ausführlichere Biografie findet.

In den Geburtsmatriken allerdings – hat sich niemand die Mühe gemacht, Originalquellen anzusehen? – finden wir nur einen Eintrag vom 30. Dezember 1871 mit Geburt Nathan Wolf (s.u.)!, Vater: Ignaz Wolf, Mutter: Hermine Neubrunn! Entweder das tradierte Geburtsdatum 21. Dezember ist falsch, oder aber – wohl wahrscheinlicher – in den Matriken wurde das Beschneidungsdatum anstatt des Geburtsdatums eingetragen?

Der jüdische Name „Nathan“ von Alexander/Sándor Wolf ist – verwunderlich genug – bis dato offenbar völlig unbekannt, außer auf einigen privaten genealogischen Einträgen (und dort „Nathanel„) ist er nirgends zu finden.


Matriken Geburt Nathan

Matriken Geburt (?) Nathan


Alexander/Sándor (Nathan) Wolf war – in fast unzulässiger Kürze aufgezählt – Weinhändler, Kunstsammler und Forscher, ehrenamtlicher Landeskonservator für das Burgenland, 1926 Mitgründer des Burgenländischen Landesmuseums, Initiator für das jüdische Zentralarchiv für das Burgenland, Publizist, Mitglied unzähliger Gesellschaften und Vereine für Kunst und Kultur, Geschichte, Volkskunde, moderne Kunst etc., Zionist.
Sándor Wolf, neben seinem enormen wirtschaftlichen Einfluss vor allem ein kunstsinniger und feinsinniger Humanist, ein bedeutender Sammler und Mäzen, dessen Haus ein beliebter Treffpunkt für das Who-is-who der damaligen Kunst- und Kulturszene war. Zu seinen Gästen gehörten z.B. die Schriftsteller Anton Wildgans, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel oder Felix Salten und die Musiker Wilhelm Kienzl, Edmund Eysler und Anton von Webern.

Exkurs: Lucie Rie

Wenig verwunderlich, dass Sándor Wolf auch ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Nichte Lucie Marie hatte, die am 16. März 1902 als Tochter von Sándors Schwester Kathi (Gisela) Wolf und Prof. Dr. Benjamin Gomperz geboren wurde und später als Keramikerin unter dem Namen Lucie Rie weltbekannt wird (geh. am 07. September 1926 im Stadttempel Wien Hans Rie). Sie starb am 01. April 1995 in London. Lucie war in ihrer Jugendzeit vor allem von den römischen Keramikobjekten in der Sammlung ihres Onkels beeindruckt und später in ihrem Werk beeinflußt. Der sehr enge Kontakt zwischen Nichte und Onkel zeigt sich auch darin, dass Sándor Wolf mit Lucie 1922 eine Reise in die wichtigen italienischen Städte, 1924 eine Reise nach Frankreich unternahm und einige Tage in Monaco verbrachte. Auch noch aus seiner Zeit in Palästina sind uns viele Briefe von Sándor Wolf an Lucie Rie erhalten.

Lucie Rie beauftragte 1928 den erst 25-jährigen Architekten Ernst Plischke mit der Einrichtung ihrer Wohnung in der Wollzeile in Wien, was für Plischke den Karrierestart bedeutete. Seit 1999 ist die Wohnung als Gesamtrekonstruktion im Hofmobiliendepot zu sehen. „Sie ist ein Highlight der österreichischen Wohnkultur zwischen den Kriegen und erinnert an die Freundschaft zweier österreichischer Künstler, die in der Emigration eine Weltkarriere gemacht haben“ (siehe „Die Wohnung Lucie Rie von Ernst Plischke“, von Eva B. Ottilinger, Seite 53 (*.pdf). In Tony Birks: Vienna and Eisenstadt. In: ders.: Lucie Rie. Reprint. Yeovil 1995. S. 9-15, gibt Lucie Rie einen Einblick in ihre Zeit in Eisenstadt bei der Wolf-Familie (s. dazu bes. auch The Lucie Rie Archive at the Crafts Study Centre, Sektion 3 und 5, mit Fotos aus der Zeit).

Frieda Löwy-Wolf und das Erbe ihres Bruders Sándor

Sándor Wolf musste nach der Beschlagnahmung seines Besitzes im Frühjahr 1939 über Triest nach Palästina fliehen und starb am 02. Jänner 1946 in Haifa. Wenige Monate davor hatte er in einem Brief seinen Verwandten mitgeteilt, dass er einen neuen Anfang in Eisenstadt für unmöglich und sinnlos hält:

… mit einem Gefühl großer Unlust, weil man uns die Heimatliebe ausgebläut hat ….

Nur am Rande angemerkt sei: Dies ist wohl der deutlichste Beleg dafür, dass Sándor Wolf in Haifa keinesfalls „inmitten seiner Reisevorbereitungen für eine Rückkehr nach Eisenstadt“ starb, wie wir in der Wikipedia leider lesen (die Fußnote führt übrigens zur Anmerkung „Beleg fehlt“)… aber in diesem sehr dünnen und aus wissenschaftlicher Sicht fast fahrlässigen Artikel wird auch das Gebäude, in dem heute unser jüdisches Museum untergebracht ist und das jahrzehntelang der Verwaltungssitz der „Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ war, mit keinem Wort erwähnt.

Bereits Anfang der 1920er Jahre hatte Sándor Wolf am Standort des heutigen Landesmuseums, gleich neben unserem Haus, sein Wolf-Museum errichtet, mehr dazu in unserem Blogartikel „Ein entzückendes kleines Barockpalais„.

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf

Frieda Löwy-Wolf erbte nach dem Tod von Bruder Sándor (s.u.) dessen Kunstsammlung mit immerhin 26.000 Kunstobjekten, darunter ein beträchtlicher Teil Judaica. Die Republik Österreich war nicht bereit, die Kaufsumme von 1.100.000 öS aufzubringen, ein kleiner Teil wurde vom Amt der Burgenländischen Landesregierung angekauft, der größte Teil wurde 1958 von der Galerie Fischer in Luzern versteigert.

Frieda Löwy-Wolf war es auch, die am 13. März 1946, etwas mehr als 2 Monate nach dem Tod ihres Bruders Sándor, in Haifa an Freunde in Europa schrieb:

Mein geliebter Bruder Sándor Wolf hat uns am 2. Jänner für immer verlassen. Er war eine Woche krank, und leider konnte die Kunst der Ärzte ihn nicht am Leben erhalten. Sie haben ihn gekannt und werden meine, der ganzen Familie und aller Freunde Trauer um diesen wahrhaft guten Menschen verstehen. Wie hätte er sich mit Ihren Briefen gefreut. … Auch die Nachricht, dass seine Sammlung in Eisenstadt unversehrt erhalten, kam um wenige Tage zu spät.
Er hatte ein schönes reiches Leben, und er hat es auf seine Weise voll und ganz genossen. Nicht einmal die Nazis konnten ihm seinen schönen Glauben an Gott und die Menschen rauben.


Der Artikel eröffnet eine Beitragsserie zur Familie Wolf, die Sie mit dem Schlagwort „wolf“ abrufen können (selbstverständlich wurden auch ältere Beiträge zum Thema „Familie Wolf“ mit aufgenommen).

PS: Wer noch mehr erfahren möchte, findet ausführliche Informationen (mit Bildern von den Matrikeneinträgen und weiteren Fotos) bei den online gestellten Grabsteinen.

Burgenland

Schlagwörter: | Kommentare (0)

Ein Revoluzzer

Als ich vor einiger Zeit den Grabstein des Ignaz Fischer, gestorben am 15. Februar 1923, online stellte, erinnerte ich mich, dass ich mich schon vor 20 Jahren wunderte, warum der Sohn des Rabbiners von Stuhlweißenburg (ung. Székesfehérvár) und Schwager des Eisenstädter Oberrabbiners eine auffällig kurze, fast lieblos-redundanzlose und ganz offensichtlich ohne jegliches Engagement geschriebene Grabinschrift hat und außerdem weit abseits seiner Verwandten, sozusagen im hintersten Eck des Friedhofes, begraben wurde?

Und auch diesmal wunderte ich mich wieder, fand aber zunächst keine Erklärung … bis jetzt: Denn in der „Burgenländischen Freiheit„, der Zeitung der Sozialdemokratischen Partei des Burgenlandes, die – nach Anlaufschwierigkeiten – erstmals am 19. November 1921 erschien, finden wir einen höchst aufschlussreichen Bericht (beachtenswert der nicht nur im vorliegenden Artikel zu findende höchst flapsig-aggressive Stil und die zur Schau getragene Ideologie – s. etwa die Überschrift in Klammern):

Eisenstadt-Unterberg (Juden als Christlich-Soziale)

In unserer Gemeinde ereignete sich vergangene Woche ein äußerst interessanter Todesfall. Es starb der Oberbuchhalter der Firma Leopold Wolf und Söhne, Ignaz Fischer, der in seinem Testament den Wunsch äußerte, in das nächstgelegene Krematorium zwecks Verbrennung seiner Leiche überführt zu werden. Vorher wünschte er noch, dass sein Herz durchbohrt werde. Es kamen von Wien die streng orthodoxen Verwandten des Verstorbenen, die mit Hilfe einiger Mitglieder des Eisenstädter Chevra-Kadisha Vereines, um mit dem durch den Verstorbenen ernannten Testamentsvollstrecker Dr. Halasz und allen möglichen Mitteln die zur Leichenverbrennung und zum Durchbohren des Herzens getroffenen Verfügungen zu vereiteln. Wir sind überzeugt davon, dass diese Herren die übrigen testamentarischen Willensäußerungen des Verstorbenen nicht antasten werden, da diese die Verteilung seines Vermögens unter den Verwandten bestimmen. Hier wird sicher der letzte heilige Wunsch berücksichtigt werden. Wo es sich um die eigene Tasche handelt, dort wird sicher nicht gesagt werden, dass das Testament ungültig ist, weil es durch Zeugen nicht gezeichnet wurde! Die Leiche wurde natürlich begraben, als Hohn auf die Demokratie, denn wir glauben, wenn man nicht einmal über den eigenen Körper verfügen kann, so hört sich eben jede Demokratie auf. Der Verstorbene war in seinem ganzen Leben ein überzeugter Freidenker und wollte durch die oben erwähnten Wünsche seinen Angehörigen zeigen, dass seine durch sein ganzes Leben so oft bekundete Überzeugung keine leere Rede war.

BF, 2. März 1923, 3. Jahrgang, Seite 3

Vielen Dank an meine Mitarbeiterin Sonja Apfler, die das Fundstück entdeckte!

PS: Mit dem Oberbuchhalter der Firma „Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ eröffnen wir eine kleine Artikelserie über die Familie Wolf, in Kürze lesen Sie hier mehr über die „Söhne“ von Leopold Wolf …

PPS: Assoziationen des von mir für diesen Artikel gewählten Titels „Ein Revoluzzer“ mit Erich Mühsam und der BF sind selbstverständlich nicht beabsichtigt!


Burgenland

Schlagwörter: | Kommentare (0)