Thema: Friedhof Mattersburg

Theben (Nassau) Resel / Resl bat Wolf Brilin – 21. April 1755

Resl Theben (Nassau) / Resl bat Wolf Brilin, 10. Ijjar 5515 (Montag, 21. April 1755)

Foto I. Öhler: Resl Theben / Resl bat Wolf Brilin, 10. Ijjar 5515



Keine Abschrift von Isidor Öhler vorhanden.
Nicht in den Sterbematriken.

Der zweitälteste (siehe den ältesten aus 1728), aber wohl – was Länge, Form und besonders Inhalt der Grabinschrift betrifft – bemerkenswerteste Grabstein in Mattersdorf/-burg (zumindest was die Sammlung Öhler betrifft).

Mit diesem besonderen Grabstein beschließen wir auch unser Ende April 2010 begonnenes Projekt „Die verschollenen Grabsteine (Friedhof Mattersburg)“. Alle 229 in der Sammlung Öhler vorhandenen Fotos und Abschriften, immerhin die einzigen Zeugen des großen jüdischen Friedhofes der weltberühmten jüdischen Gemeinde, sind online.
Besonderer Dank gilt allen Kommentatorinnen/Kommentatoren für die wertvolle Unterstützung!

Max Grunwald führt den Grabstein in seiner Arbeit „Mattersdorf“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde 1924-1925, S. 495) an (siehe dazu auch Kommentar von Chaya-Bathya Markovits). Die Abschrift Grunwalds soll hier zur Gänze buchstaben-, form- und zeilengerecht wiedergegeben werden (nur auf die Zitatform wird aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet):

Rabbinerin Resel b. Wolf Brilin aus Nassau 1755

פה טמונה הרבנית ההגונה
אשה חכמת לב בחכמה ובתבונה עשתה רצון קונה צדקתה בחוץ תרונה
היתה כשושנה מרת ריזל בת הרר וואלף ברילן מנס בעשור
לחודש זיו הודה פנה ביום שלא נאמר כי טוב
נפטרת ונקברת בשם טוב יום ב“
יוד אייר תו קוף טית ויו
לפ“ק

בשובה אל מחצבה וגוה לארץ הושפלה
תפארת אשה שבת בית איך נפלה
היא היתה אם כל חי ברב חמלה וחנינה
ראתה ערום וכסתיהו כסות ושמלה
רחמה את לט רוחמה ורב חסד גמלה
ותתן תרף ומזור וחתול ללא חותלה
וי אבדה נפש יקרה צנועה ומהוללה
אחריה ישאגו כולם בקול המולה
לב מתנה אבד מתוך הקהלה
פרוח תפרח ותגיל אף רענן וגילה
זיו השכינה תשביע בסתר כנפיו סלה
לדשן עצמותיה ולא תעזב נפשה לשאולה
נס כי ינשא לקבץ נדחי עם סגולה

הידד על ציון קבר אשה גדולה
רבת אנחות שברון מתנים וחלחלה
בכו לאובדים מנורת זהב טהור כולה
נעים היו מעשיה כקטורת בלולה
ידיה שלחה לאביון ואל דל השכילה
תלמיה רותה נחת גדודי ביתה ואהלה
מקיר אבן תזעק הגה והי ויללה
רש ועשיר נפגשו ספדו על כל אלה
תהלתה ושבחה ברחובות נתן קולה
רכה וענוגה אל עפר נתן חילה
יהלך לפניה צדקתיה ותשכון ברום מעלה
זכיותיה וצדקותיה צדק יקראו לרגלה
לבטח תנוח ולקץ הימין תעמוד לגורלה


ת נ צ ב ה

Anmerkung von Max Grunwald am Ende der Abschrift: „Beachtenswert ist das Hervortreten sabbatianischer Stimmungen aus einer Reihe von Inschriften aus dieser Zeit.“

In der Einleitung (oben zentriert) wird sowohl der „prominente“ Vater genannt als auch zweimal das Sterbedatum, beide Male auf etwas ungewöhnliche Art und Weise:

Zeile 1 – 7:
(1) „Hier liegt/ist geborgen die Rabbinersgattin, die Würdige,
(2) ‚eine herzensweise Frau‘ (Exodus 35,25), mit Weisheit und Klugheit erfüllte sie den Willen ihres Schöpfers, ihre Woltätigkeit wurde ‚öffentlich mit Freude verkündet‘ (Sprüche 1,20, die Übersetzung lehnt sich an Mendelssohn an).
(3) Wie eine Lilie war sie, Frau Resl, Tochter des H(errn) u(nd) M(eisters) Wolf Brilin aus Nass(au). Am 10.
(4) des Monats Siw (= Monat Ijjar, s. 1 Könige 1) verging ihr Glanz, am Tag, an dem nicht gesagt wird „es ist gut“.
(5) Sie verstarb und wurde begraben mit gutem Namen (= in gutem Ruf) am Tag 2 (= Montag),
(6) Jod (= Zahlenwert 10) Ijjar, Taw (= Zahlenwert 400) Qof (= Zahlenwert 100) Tet (= Zahlenwert 9) Waw (Zahlenwert 6) (= 515)
(7) n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung)“

Der Vater, Wolf ben Löb Nassau-Brilin, starb am Freitag, 9. Nisan 513 (= 13. April 1753), also fast auf den Tag genau, 2 Jahre vor seiner Tochter, in Wien. Wir finden die Grabinschrift des Vaters als Nr. 907 in „Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, 2. Teil (1696 – 1783), Wien 1917“. Wachstein merkt übrigens an, dass sich „zwischen der Überschrift und dem Texte der Inschrift eine Brille (graviert)“ befindet.
Auf Seite 371 schreibt er weiter zum Namen „Brilin“: „‚Löw Nassau‘ wird unser Benjamin Wolf b. Löb Nassau auch im Verlassenschaftsakt seines Schwiegervaters Asriel Brilin, gestorben 1744, genannt. Wolf Nassau wohnte, wie sein Schwiegervater, unter dem Schutze des Wolf Wertheimerschen Privilegiums … Die Beziehungen zum Hause Wertheimer sind vor allem verwandtschaftlicher Natur. Asriel Brilin … war der Bruder der Mutter von Wolf Wertheimer und Löw Wertheimer … Ob unser Wolf, der ebenfalls den Namen Brilin führt … dieser Familie blutsverwandt ist oder ihr nur durch seine Frau Chana angehört, muss dahingestellt bleiben“. (Nur am Rande: Einer der Söhne des Asriel Brilin, Isak, lebte in Eisenstadt, war Anfang des 18. Jahrhunderts im Vorstand der Gemeinde und trotzdem wurde seinem Sohn Manes wegen übler Nachrede von der Gemeinde die Stättigkeit aberkannt).
Danach nennt Wachstein auch Kinder von Wolf Nassau, berichtet über Sara und sehr ausführlich über Sohn Isak Nassau. Eine „Rösel“, die unsere „Resl“ sein müsste, wird leider nur kurz und nur namentlich erwähnt.

Der Grabstein der Mutter von Resl (und Ehefrau des Wolf Brilin) aus Nassau, Chana Anna Nassau (Brilin) ist laut Wachstein, Nr. 987, nicht mehr vorhanden. Sie verstarb am 25. Schvat 529, also am 02. Februar 1769, ebenfalls in Wien.

Die Grabinschrift von Resl gleicht der ihres Vaters auffällig, einzelne Passagen sind sogar wörtlich übernommen, etwa linke Spalte letzte Zeile der Eulogie: נס כי ינשא לקבץ „Ein Zeichen wird er aufstellen (Jesaja 11,12) um einzusammeln…“. In obiger Inschrift heißt es weiter: נדחי עם סגולה „die Vertriebenen Israels, wörtlich: ‚des Gott eigenen Volkes'“, in der Inschrift ihrese Vaters: בני ישרון „wörtlich: ‚die Söhne Jeschuruns'“.
נס „Zeichen/Wunder“ ist natürlich ein Wortspiel mit dem Herkunftsort des Vaters „Nass(au)“.

Falls die (bei Grunwald!) in der Einleitung groß geschriebenen und mit superlinearen Punkten versehenen Wörter Zahlenwerte beinhalten, die eine kontextbezogene Bedeutung haben, kann ich sie leider nicht nachvollziehen. Genau genommen fehlt nämlich bei der ersten Angabe des Sterbedatums das Sterbejahr… Allerdings kann ich in der Grabinschrift selbst die bei Grunwald großgeschriebenen und mit Punkten versehenen Buchstaben auch nicht erkennen. Mit einer Ausnahme:
Der Zahlenwert „23“ des Wortes für den Sterbemonat זיו könnte das Sterbealter von Resl sein, vorausgesetzt sie ist 1732 geboren (ihre Mutter Chana/Anna wäre da etwa 23 Jahre alte gewesen).

Als Akrostycha finden sich in der Eulogie in beiden Spalten ihr Vorname sowie Titel und Vorname des Vaters und Segenwünsche:

rechte Spalte:
(8) bis (20): „Die Rabbinersgattin, Frau Resl, i(hr Andenken) m(öge bewahrt werden)“
הרבנית מרת ריזל זל

linke Spalte:
(8) bis (19): „Tochter des H(errn) u(nd) M(eisters) Wolf, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden)“
בת הרר וואלף זל

Auch in der linken Spalte finden sich über dem Wort זיו Punkte, zum Zahlenwert „23“ siehe oben.

Den Punkt über dem נ bzw. die Punkte über נס in Zeile 20 kann ich nicht erklären.

In der rechten Spalte in Zeile 20 befinden sich Punkte über den groß geschriebenen Wörtern/Buchstaben הימין ת. Der summierte Zahlenwert ergibt 515, also das Sterbejahr von Resl.
Der Text der Zeile ist angelehnt an Daniel 12,13: „In Sicherheit wird sie ruhen und am Ende der Tage auferstehen, um ihr Erbteil zu empfangen“.

Beachtenswert in der Eulogie ist noch, dass ausnahmslos alle Verse auf לה „la“ enden.

Im genealogischen Portal geni.com finden wir bei Resel Theben kein Sterbedatum!

Dort wird auch angeführt, dass Resl die Ehefrau von Koppel Theben war. Es müsste sich dabei um den Pressburger Stadlan Koppel Theben handeln (Josua Lewinsohn, יעקב קאפל טהעבן, Verlag Tuschia, Warschau 1899). Wachstein (s.o.) jedenfalls berichtet über einen Asriel, Sohn des Samuel (Sanwel) und Enkel des o.g. Asriel Brilin, der nicht nur ein „großes rabbinisches Wissen hatte, das wir durch zwei Generationen in diesem Zweige der Familie nicht mehr vertreten gesehen haben … Sein großer Besitz mag ihm voseiten seiner Frau Traula zugefallen sein, die eine Tochter des über die Gemeinde Pressburg weitbekannten Stadlans Koppel Theben [Ergänzung: und seiner Frau Resl] war“ (S. 288).

Archiv Friedhof Mattersburg

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Wien Avigdor – 04. März 1728

Avigdor Wien, 23. Adar 5488 (Donnerstag, 04. März 1728)

  • Foto: Grabstein von Avigdor Wien, 23. Adar 5488
  • Datenblatt Isidor Öhler: Avigdor Wien, 23. Adar 5488


Nicht in den Sterbematriken.

Der mit Abstand älteste Grabstein des jüdischen Friedhofs Mattersdorf/-burg (zumindest was die Sammlung Öhler betrifft). Das Alter des Steines ist auch an Form und Inhalt der Grabinschrift deutlich erkennbar.

Zeile 2 und 3: Es handelt sich um einem „Märtyrer“ הקדוש, um „einen gerechten und vollkommenen Mann, der (3) ermordet (erschlagen) wurde. Sein Blut möge gerächt werden (wird gerächt werden)“ והנהרג ינקם דמו.

Zeile 8 und 9: „Avigdor, S(ohn des) e(hrbaren) H(errn) u(nd Meisters) Simon Wien, s(ein Andenken) m(öge bewahrt weerden). Der Vater ist also zum Zeipunkt des gewaltsamen (!) Todes seines Sohnes ebenfalls schon verstorben.

Zeile 9 bis Zeile 11: „Er wurde erschlagen (ermordet) und begraben am Tag 5 (= Donnerstag) 23. Adar 488 נהרג ונקבר ביום ה כג אדר תפח.

Max Grunwald führt den Grabstein in seiner Arbeit „Mattersdorf“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde 1924-1925, S. 499f) an (siehe dazu auch Kommentar von Chaya-Bathya Markovits). Die Abschrift Grunwalds soll hier zur Gänze buchstabengetreu wiedergegeben werden:

Abigdor b. Simon Wien 1728 (gewaltsamer Tod)

פ“ט איש צדיק תמים הקדוש והנהרג ינקם דמו הדורש דמים עסק במצות ה“ ובתהילות רם על כל רמים ישב בתענית ברוב ימים ה“ה הר“ר אביגדור בהר“ר שמעון ווין ז“ל נהרג ונקבר ביום ה“ ך“ה אדר תפ“ח לפ“ק תהיא נשמתו צרורה בצרור החיים עם שאר צדיקים בגן עדן.

Beachte: Grunwald liest in Zeile 10 „…am Tag 5, 25. (!) Adar …“ ביום ה ך“ה אדר, liest also ein Final-Kaf und He! Das „He“ kann nicht stimmen, weil der 25. Adar ein Schabbat war, beim Final-Kaf bin ich selbst nicht sicher (es schaut in der Tat danach aus), könnte mir aber den Sinn dafür nicht erklären (also warum kein כ verwendet wird)?

Öhler wiederum identifiziert die letzte Zeile falsch und glaubt dort den Namen der Mutter zu erkennen.
Ebenso rechnet Öhler das Datum falsch um!

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Sommer Rosa Theresa – 11. Februar 1908

Rosa Theresa Sommer (Schlesinger) / Resl Sommer, 09. Adar I 5668 (Dienstag, 11. Februar 1908)

  • Foto: Grabstein von Rosa Theresa Sommer / Resl Sommer, 09. Adar I 5668
  • Datenblatt Isidor Öhler: Rosa Theresa Sommer / Resl Sommer, 09. Adar I 5668


Nicht in den Sterbematriken.

Öhler hält die Inschrift für „Zum größten Teil unleserlich“. Bis zu einem gewissen Grad ist das korrekt, da Öhler nur das Foto zur Verfügung hatte. Vergrößert können wir die Inschrift aber heute recht gut lesen.

Nach der zweizeiligen Einleitung, übrigens ohne die übliche Einleitungsformel פ“נ o.Ä. „Hier liegt/ist geborgen“, folgen von Zeile 3 bis 5 der Vorname der Verstorbenen „Resl“ sowie die Erwähnung der sehr prominenten Familie:

Zeile 4: „Witwe des verstorbenen MORENU Pinchas Sommer, a(uf ihm sei der) F(rieden)“ אלמנת המנוח מוה“ פנחס זאממער עה.

Es sieht auf Öhlers Abschrift so aus, als würde er המנוח „der verstorbene“ für einen Vor- oder Nachnamen halten.

Zeile 5: „und Tochter des MORENU Josef Güns-Schlesinger, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden)“ ובת של מוה“ יוסף גינס שלעזינגער זל.

Die Mutter von Resl ist also Rosa Schlesinger (Fradel Radisch), der Bruder Jakob Schlesinger / Akiba Güns-Schlesinger.

Anmerkung: MORENU bedeutet wörtlich “u(nser) L(ehrer), H(err)”. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als “synagogaler Doktortitel” (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Die Eulogie ist im ersten Teil auf 2 Spalten (rechts/links) aufgeteilt, darunter der 3. Teil zentriert.

Die gesamte Eulogie weist auch Namensakrostycha auf (Zeile 6 – 14), sowohl ihr Vorname als auch Titel und Vorname ihres Vaters sind erwähnt:

rechte Spalte:
(6) bis (9): „Resl“

linke Spalte:
(6) bis (10): „Tochter des MORENU“

zentriert:
(11) bis (14): „Josef“
רזל בת מוה יוסף.

Zeile 15 und 16 nennen das Sterbedatum: „Sie verstarb m(it gutem) N(amen) 9. des M(onats) Adar I (16) im Jahr 668 n(ach der kleinen Zeitrechnung)“ נפטרת בשט ביום ט לח“ אדר ראשון בשנת ת“ר“ס“ח“ לפ“ק (= Dienstag, 11. Februar 1908).
Nicht ganz sicher lesbar ist die Einerzahl des Sterbejahres. Es könnte auch ת“ר“ס“ה, also 665 gelesen werden. Dann wäre das Sterbedatum Dienstag, 14. Februar 1905!

Im genealogischen Portal „geni.com“ finden wir Rosa Theresa Sommer mit Sterbejahr 1920 (sic!), was ich nicht nachvollziehen kann! Ebenso wird sie dort als Frau von „Shmuel Bunim Philipp Sommer“ geführt. „Samuel“ wäre allerdings der Name des Vaters von Philipp Sommer, der schon 1859 verstarb.
Jedenfalls wurde der Vorname „Rosa Theresa“ für uns im Titel des Beitrags und für die Indizierung übernommen.

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Koppel Josef – 13. Dezember 1850

Josef Koppel, Sohn des Abraham, 08. Tevet 5611 (Freitag, 13. Dezember 1850)

  • Foto: Grabstein von Josef Koppel, Sohn des Abraham, 08. Tevet 5611
  • Datenblatt Isidor Öhler: Josef Koppel, Sohn des Abraham, 08. Tevet 5611
  • Datenblatt Isidor Öhler, Rückseite: Josef, Sohn des Abraham, 08. Tevet 5611

Foto Duplikat I. Öhler: Josef, Sohn des Abraham, 08. Tevet 5611


Nicht in den Sterbematriken.

Nach der Einleitung in Zeile 1 folgen in Zeile 2 bis 4 Ehrentitel, Vorname des Verstorbenen sowie Ehrentitel und Vorname des Vaters: „D(as) i(st) d(er) e(hrbare) MORENU (3) Josef, (4) Sohn d(es ehrbaren) L(ehrers) u(nd Meisters) Abraham, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden) הה כמוה“ יוסף בהרר“ אברהם ז“ל. Der Vater war also zum Zeitpunkt des Ablebens seines Sohnes ebenfalls schon verstorben.

Anmerkung: MORENU bedeutet wörtlich “u(nser) L(ehrer), H(err)”. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als “synagogaler Doktortitel” (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 5 bis 7 geben das Sterbedatum an: „S(eine Seele) g(ing hinweg) und er wurde begraben mit gutem Namen (= in gutem Ruf) am achten (!) Tevet, an einem Freitag 611 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung) ינ ונקבר בשם טוב חית טבת ביום עשק תריא לפק.

In der sehr langen und schönen Eulogie finden sich als Akrostychon von Zeile 8 bis 17 sein Vorname sowie der Vorname seines Vaters und der Segenswunsch:
(8) horizontal: „Josef“
(8) bis (11): „Josef“
(12) horizontal: „S(ohn) d(es ehrbaren) H(errn)“
(13) bis (16): „Abraham“ (letzten beiden Buchstaben in Zeile 16 horizontal)
(17) horizontal: „sein Andenken möge bewahrt werden“
יוסף בהר“ אברהם זכרונו לברכה.

Der Segenswunsch in Zeile 17 ist nicht – wie meist – abgekürzt, sondern, da im Kontext der Zeile zu lesen, ausgeschrieben: „Sein Andenken möge bewahrt werden, so soll weitergegeben werden (erzählt werden) von den Vätern an die Söhne“ זכרונו לברכה יסופר מאבות לבנים.

Zeile 5 der Eulogie (Gesamtzeile 12) gibt an, dass der Verstorbene ein betagter Mann war: „Auf die Berge Gottes stieg er hinauf, ‚bejahrt und satt an Jahren‘ (Genesis 35,29, Hiob 42,17 u.a.)“ בהר“ אלקים עלה זקן ושבע ימים.
Update 22. 12. 2014: „Betagt“ würde durchaus mit seinem Geburtsdatum in 1770 korrespondieren. Er ist also mit 80 Jahren verstorben, siehe Kommentare unten!

Sehr schöne Lösung beim ersten Wort der Zeile 5 der Eulogie (Gesamtzeile 12): Der Grund, dass בהר“ „auf die Berge“, ein Abkürzungszeichen aufweist, die status-constructus-Form also nicht fertig geschrieben wurde (בהרי), ist, dass die abgekürzte Version im Akrostychon als „S(ohn) d(es ehrbaren) H(errn)“ lesbar ist.

Zeile 8 der Eulogie (Gesamtzeile 15) schließlich nennt seine Funktion in der Gemeinde: „Vorsitzender und Leiter war (er) in seiner Gemeinde, einer Gemeinde von Einsichtigen“ ראש ומנהיג הי“ בקהלתו קהל נבונים.

Max Grunwald führt den Grabstein in seiner Arbeit „Mattersdorf“ (Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde 1924-1925, S. 502) an (siehe dazu auch Kommentar von Chaya-Bathya Markovits). Die Abschrift Grunwalds soll hier zur Gänze buchstaben- und zeilengerecht wiedergegeben werden:

כהו“ה Josef b. Abraham 1851

פ“ה איש צדיק תמים ירא אלקים רבים השיב מעון ה“ה כמו“ה יוסף בהר“ר אברהם ז“ל י“נ ונקבר בשם טוב חית טבת ביום עש“ק תרי“א לפ“ק
יוסף היה המשביר לאחיו כל הימים
ותשב באיתן קשתו חסון כאלונים
סר מרע ועשה טוב והלך בדרך תמים
פרש לרעב לחם כסה והלביש ערומים
בהר אלקים עלה זקן ושבע ימים
אב לנבונים היה תפארת לחכמים
בצדקתו עמד עד שובו לבית עולמים
ראש ומנהיג הי“ בקהלתו קהל נבונים
הם יעידו כי הי“ ראש הבשמים
זכרונו לברכה יסופר מאבות לננים.

Am Beginn von Zeile 1 liest Grunwald meines Erachtens falsch, es muss heißen: פ“נ, also „H(ier liegt/ist) g(eborgen)“.

Weiters fällt der 8. Tevet (5)611 noch in den Dezember 1850!

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Kohn Julia / Katz Jissche – 28. Dezember 1872

Julia Kohn / Jissche Katz, 28. Kislew 5633 (Schabbat, 28. Dezember 1872)

  • Foto: Grabstein von Julia Kohn / Jissche Katz, 28. Kislew 5633
  • Datenblatt Isidor Öhler: Julia Kohn / Jissche Katz, 28. Kislew 5633
  • Datenblatt Isidor Öhler, Rückseite: Julia Kohn / Jissche Katz, 28. Kislew 5633


Sterbematriken: Kohn Julia, geboren in Balashov, verheiratet, verstorben am 28. Dezember 1872, mit 53 Jahren, in Mattersdorf, an Wasserfraisen (Krampfanfälle).

Zeile 1: „I(hre Seele) g(ing hinweg) am 28. Kislew 633 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung)“ ינ כח בכסלו תרלג לפ“ק.
Der 28. Kislew ist der 4. Chanukkatag. Vielleicht ein wenig seltsam, dass nicht extra angeführt wird, dass es sich um einen Schabbat ש“ק handelt, vielleicht auch verständlich…

Zeile 4: Für den Vornamen „Jissche“ יסכה konnte ich im Burgenland keinen Beleg finden, der Name ist aber auf jüdischen Friedhöfen in Deutschland hinreichend belegt, siehe „Jissche Bär“ u.a.

Zeile 5 erwähnt den Ehemann mit Segenswunsch: „MORENU Lipman Katz, s(ein Licht) m(öge leuchten) מוה ליפמן כץ ני“. Der Ehemann lebt also zum Zeitpunkt des Ablebens seiner Frau noch.

Öhler hält den sehr üblichen Vornamen „Lipman“ für den Nachnamen.

Anmerkung: MORENU bedeutet wörtlich “u(nser) L(ehrer), H(err)”. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als “synagogaler Doktortitel” (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Der Name „Kohn“ כהן (hebräisch „Kohen“) ist ein sogenannter Stammesname, der Träger ein „Kohen“ (Priester). Siehe dazu unseren Lexikoneintrag.

Der Name „Katz“ ist ein hebräisches Akronym und bedeutet „Priester der Gerechtigkeit“ כהן צדק. „Katz“ ist damit ein sogenannter Stammesname, der Träger ein „Kohen“ (Priester) כהן.

Als Akrostychon finden sich von Zeile 6 – 16 (in der Eulogie) ihr Vorname sowie der Vorname des Vaters:
(6) bis (9): „Jissche“
(10) bis (11): „Tochter des“
(12) bis (13): „v(erstorbenen) H(errn)“
(14) bis (16): „Dov“
יסכה בת המ דוב.

Zeile 12/13: Die beiden hebräischen Buchstaben המ interpretiere ich als Abkürzung für המנוח „der verstorbene“. Für die Abkürzung kämen aber noch eine Reihe anderer Bedeutungsmöglichkeiten in Frage (der hervorragende, ruhmvolle … המעולה, המפורסם …). Mit anderen Worten: Solange wir nicht wissen, wer der Vater, Dov, war und vor allem, wann er verstorben ist, kann „der verstorbene“ nicht als sicher angesehen werden.

In der letzten Zeile der Eulogie sowie in der Zeile darunter, also der letzten Zeile der Inschrift, befindet sich zweimal die übliche Schlusseulogie („Ihre Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens“), zuerst, da im Kontext der Eulogie verwendet, ausgeschrieben und geringfügig umgestellt und danach, in der letzten Zeile, wie üblich abgekürzt: ת“נ“צ“ב“ה“.

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