Thema: Kunst und Kultur

Georg Gaugusch – ‚Wer einmal war‘

Zum Buch


5 Jahre haben wir mit großer Spannung darauf gewartet! Es ist soweit: Am 24. November 2016 wird der 2. Band des monumentalen Werkes von Georg Gaugusch „Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800 – 1938, L-R“ präsentiert. Der 1. Band mit den Familiennamen A-K erschien bereits 2011. Als dreibändiges Buch angelegt und eigentlich ein Nachschlagewerk, ist auch der zweite Band spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Gaugusch stellt auf 1420 Seiten den akribisch recherchierten und höchst umfangreichen genealogischen Daten der einzelnen Familien jeweils eine recht umfangreiche Übersicht der Familiengeschichte (besonders die Bedeutung der einzelnen Personen sowie ihre Vernetzung mit anderen Familien) voran. Selbst bei geringem genealogischen Interesse sind schon allein diese Einleitungen höchst lesenswert. Ich mache es kurz: Auch wenn (bei Buchrezensionen) nicht üblich (und wohl meist auch nicht ganz korrekt), im Falle des Buches von Georg Gaugusch unterschreibe ich den Verlagswerbetext voll und ganz und ergänze: auch aus meiner Sicht ist das Buch eine klare Kaufempfehlung!

Der erste Band von „Wer einmal war“ revolutionierte grundlegend die historische Personenforschung und gilt als wegweisendes Standardwerk zur Geschichte der österreichischen Juden. Nun erscheint der zweite Band, der die Familien von L bis R umfasst. Die genealogischen, präzise erforschten Aufstellungen sind ergänzt um Informationen zu der Bedeutung und Vernetzung der einzelnen Familien. Autobiografien, Akten zu Standeserhebungen, Ordensverleihungen und zahlreiche zeitgenössische Zeitungsartikel lassen ein lebhaftes Porträt der einzelnen Familien entstehen. Georg Gaugusch, renommierter Kenner des jüdischen Großbürgertums zwischen 1800 und 1938, hat in akribischer Forschungsarbeit ein Opus magnum geschaffen.

Amalthea-Verlag

Beziehungen zum burgenländischen Judentum

Besonders spannend für uns war natürlich die Frage, ob, wieviele und welche Beziehungen wir zum ehemaligen westungarischen, später burgenländischen Judentum finden. Vor allem, weil die jüdischen Gemeinden unserer Region, insbesondere jene der Sieben-Gemeinden auf esterházyschem Gebiet wohl kaum mit jüdischem Großbürgertum assoziiert werden können.
Das Resultat unseres Index bestätigt diese Aussage. Nur etwa 1% der Namen konnten ehemalige jüdische Gemeinden des Burgenlandes zugewiesen werden, klammern wir die (heute) südburgenländischen Gemeinden unter dem Schutz der Fürsten bzw. Grafen Batthyány (wie Nagykanizsa) aus, erreichen wir nicht einmal einen halben Prozentpunkt.

Und doch ist es überaus faszinierend, im Buch von Georg Gaugusch Vernetzungen und Verbindungen von Familien zu finden, von denen Angehörige etwa auf den jüdischen Friedhöfen in Eisenstadt begraben sind:
Zum Beispiel Moses Rust, der am 19. Jänner 1825 verstarb, seiner Frau Hannele, gestorben am 20. Dezember 1813, und seiner Mutter Lea, gestorben am 14. Jänner 1806.

Wir konnten erst 2015 diese Gräber der Genannten im Zuge unseres Friedhofsprojekts „Digitale und physische Dokumentation der 1.082 Grabsteine des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt“ korrekt zuordnen. Die Grabsteine waren nicht mehr namenlos. Nun haben die Toten auch ihre Geschichte bekommen:

Die schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Eisenstadt nachweisbare Familie Rust gehört zu jenen Familien, die, ohne jemals eine eigene Toleranz für Wien zu besitzen, hier zwischen 1750 und 1829 kontinuierlich nachweisbar sind. Das erste namentlich bekannte Mitglied war der 1791 in Wien verstorbene Handelsmann Markus Rust, dessen Sohn Moses bereits damals eine der tragenden Säulen der Eisenstädter Gemeinde war…
Nach Moses Rusts Tod 1825 zog seine Witwe mit ihrem zweiten Mann Samuel Hirschel in das aufstrebende südungarische Nagy Kanizsa, wo beide, ihren imposanten Grabsteinen nach zu urteilen, zu den wohlhabendsten Gemeindemitgliedern gehörten. Moses Rusts 1818 in Wien geborener Sohn Bernhard … wandte sich nach Pest, wurde der Schwiegersohn des Pester Großhändlers Ignaz Müller und übernahm noch in den 1850 Jahren … das Pester Großhandelshaus Aron Bing & Comp. Das später in Rust & Müller umbenannte Unternehmen befasste sich hauptsächlich mit dem Stoffhandel … und verfügte über ein Verpackungsmagazin am Wiener Salzgries. In den 1870er Jahren wurde Bernhard Rust in die Budapester Filiale der Österr.-ungarischen Bank berufen und bekleidete ab 1878 die Stelle eines Generalrats. Im Jahr 1888 regte der Budapester Oberbürgermeister die Verleihung des ungarischen Adels an ihn an und wandte sich diesbezüglich an den ungarischen Innenminister … Somit konnte der ungarische Minister … einen entsprechenden Vortrag bei Kaiser Franz Joseph einbringen…
Dieses Gesuch wurde Kaiser Franz Joseph am 27. Juli 1888 in Ischl vorgelegt und von ihm ohne Kommentar am 29. Juli 1888 unterfertigt, wodurch er Bernhard Rust und seine Nachkommen mit dem Prädikat „de Ruszt“ in den ungarischen Adelstand erhob. Bernhard Rust de Ruszt starb 1896 in Budapest, und auch der Pester Lloyd vom 3. Dezember lobt den Self Made Man in einem langen Nachruf, und nennt den Verstorbenen einen Ehrenmann von echtem Schrot und Korn, fleißig, pflichttreu und ungewöhnlich einfach und bescheiden. Seine beiden Söhne Josef und Oskar folgten ihrem Vater nach, und die Familie gehörte bis zum Zweiten Weltkrieg zur Budapester Oberschicht.

Gaugusch G., Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938, 3065f.

Matrikeneintrag Markus Rust

Matrikeneintrag Markus Rust, Sterbebuch Währing:
„Der Markus Rust aus Eisenstadt ist in Zuchsischen (?) Haus Nr. 2908 auf der Landstrasse an Urin Blasen Geschwür vestorben; Alt: 70 Jar.“


Der Index

Gemeinsam mit Genealogin Traude Triebel haben wir vorab den Namensindex erstellt, der weit über 33.000 Namen umfasst und den wir Ihnen hier exklusiv zur Verfügung stellen. Zusätzlich wurden alle Ortsnamen eingearbeitet. In Aufklappfeldern (für Nachname, Vorname, Buchseite und Ort) können alle indizierten Daten mit einem Blick erfasst bzw. durchgescrollt werden, was nicht nur den Vorteil einer viel besseren und schnelleren Übersicht über die Daten gewährleistet, sondern vor allem auch unbefriedigende bzw. leere Suchergebnisse vermeiden hilft.
Wie üblich wurden Namen, die – bei identischer Schreibung – mehrmals auf einer Seite vorkommen, im Index nur einmal, kleinste Variationen in der Schreibung jedoch berücksichtigt und ggf. mehrmals aufgenommen.
Beispiel: Polaczek Dr. Alfred und Polaczek Alfred (auf Seite 2299) generieren 2 Einträge im Index.
Für die Erstellung des Ortsnamensindex und das Korrekturlesen bedanke ich mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen im Museum (Sonja Apfler, Christa Krajnc, Franz Ramesmayer).

Zum Index / View the Index

Wir bitten Sie ein wenig Geduld zu haben, da das Laden der über 34.000 Daten ein wenig dauern kann…

Aus aktuellem Anlass wurde der Index für Band 2 als erstes online gestellt, in Bälde werden wir den Index mit den Namen aus Band 1 updaten.


„Those Who Once Were“ – The Index

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About the book


We have waited five years, with bated breath, for this to happen. And finally, it’s ready: on 24 November 2016, Volume II of Georg Gaugusch’s monumental work, “Those Who Once Were. Vienna’s Upper Class Jewish Society 1800-1938” („Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938“) will be presented. Volume I comprising family names from A-K was published in 2011. Conceived as a three-volume work by and large for reference purposes, Volume II is nonetheless fascinating from beginning to end. Gaugusch has meticulously researched wide-ranging and deep-delving genealogical data of the individual families and presents his findings over a span of 1,420 pages. Conveniently, the main body of work is preceded by a comprehensive overview of family histories, with particular attention paid to the individual persons and their interconnections with other families. Even those who have no great interest in genealogy will find these introductory passages quite scintillating. To put it in a nutshell: even if it is unusual, and of course also not quite correct, in the context of a book review, in the case of Georg Gaugusch’s book I can endorse the publisher’s blib completely, adding to it that from my personal vantage point as well, this book can be highly recommended.

Volume I of „Those Who Once Were“ revolutionized historical research procedures of individuals and has since become the trailblazing gold standard of the history of Jews in Austria, a fundamental reference work. Now the second volume comprising the families L to R has been published. Their genealogies include fastidiously compiled family listings and have been further enriched by supplementary information on the significance and interconnections of individual families. Autobiographies, dossiers and records tracing promotions in social rank, the conferring of orders, as well as numerous contemporary newspaper articles, together create a collection of animated, sparkling portraits of the individual families. What emerges from this painstaking research of Georg Gaugusch, noted authority of Upper Class Jewish Society between 1800 and 1938, is a true opus magnum on the subject.

Interfaces with Judaism in Burgenland

Of particular interest to us, of course, was the question of how many and what kinds of relationships and interconnections we could trace to former western Hungarian (later Burgenland) Judaism, first and foremost because the Jewish communities of our region, and particularly those of the Seven Communities in Esterházy territory (Sieben-Gemeinden), could hardly be associated with upper class Jewish society. The findings brought to light in this index corroborate that basic assumption. Only about 1% of the names cited in it hail from former Jewish communities in the Burgenland. Moreover, if we exclude today’s southern Burgenland towns under the protection of the Batthyány (and Nagykanizsa) princes and counts, it does not even amount to a half-percent.

Nevertheless, in Georg Gaugusch’s book it is utterly riveting to read about the interconnections and cross-weaving of families whose family members lie buried in the Friedhöfen Jewish cemeteries in Eisenstadt: for example Moses Rust, who died on 19 January 1825; his wife Hannele, who died on 20 December 1813; and his mother Lea, who died on 14 January 1806.

It was not until 2015 that we were able to correctly decode the graves of the above-named people in the course of our cemetery project „Digital and physical documentation of the 1,082 graves in Eisenstadt’s Older Jewish Cemetery“ At long last, those gravestones are not nameless. And now, as of the current juncture, the deceased have also been accorded their personal history:

The Rust family, whose history in Eisenstadt can be traced back verifiably to the beginning of the eighteenth century, numbers among those families who (not ever having any personal tolerance for Vienna) were continually present here between 1750 and 1829. The first family member known to us by name was Markus Rust, a tradesman who died in Vienna in 1791, and whose son Moses was one of the pillars of the community of Eisenstadt even back then …

Following the death of Moses Rust in 1825, his widow and her second husband Samuel Hirschel moved to the up and coming southern Hungarian town of Nagy Kanizsa where, to judge by their imposing gravestones, both of them numbered among the most wealthy members of the community. Moses Rust’s son Bernhard, who was born in 1818 in Vienna … emigrated to Pest in Hungary, became son-in-law to wholesale merchant Ignaz Müller of Pest, and assumed the reins of the wholesale import trading house Aron Bing & Comp. The company which was later renamed Rust & Müller dealt mainly in textiles … and also owned a packing warehouse on Salzgries Street, Vienna. During the 1870s, Bernhard Rust was appointed to a post at the Budapest branch of the Austro-Hungarian Bank, where he served as a General Counselor starting in 1878. In 1888 the Mayor of Budapest initiated the process of awarding Rust a title of Hungarian nobility and approached the Hungarian Minister for the Interior in this matter … The Hungarian Interior Minister then petitioned Emperor Francis Joseph and submitted the appropriate application….

This application was submitted to Emperor Francis Joseph on 27 July 1888 and subsequently signed by him without any added commentary on 29 July 1888, whereby Bernhard Rust and his descendants were raised to the Hungarian aristocracy with the title “de Ruszt”. Bernhard Rust de Ruszt died in 1896 in Budapest. In a copious obituary of 3 December, Lloyd of Pest extended great praise to this self-made man, deeming him a man of honor, carved out of true grit and grain, industrious, dutiful as well as remarkably simple and modest. His two sons Josef and Oskar followed in his footsteps. Thereafter, the family belonged to the upper crust of Budapest society until the Second World War.

Gaugusch G., Those Who Once Were. The Upper Class Jewish Society of Vienna 1800-1938, 3065f.

Matrikeneintrag Markus Rust

Entry on Markus Rust in the Death Register of Währing::
„Markus Rust of Eisenstadt died in Zuchsischen (?) house no. 2908 on Landstrasse, of ulcerated absess of the urinary bladder; age: 70 years.“


The Index

Together with genealogist Traude Triebel, we first put together the Index of Names comprising far more than 33,000 documented personal identifications which we provide to you here exclusively. In addition, all town names have also been included and properly assigned. In pop-up information fields (for family name, first name, page and town) all the indicated data can be viewed at a glance or scrolled through, thus providing not only the advantage of gaining a quicker and more comprehensive overview of the whole mass of data, but also helping to avoid empty searches which bring up no results.

As is customary, names written in identical fashion which occur several times on one page appear only once in the index, although minor variations in the ways the names were written are reflected and when necessary, repeated several times. For example: Polaczek Dr. Alfred and Polaczek Alfred (on p. 2299) generate two entries in the index.
I am deeply indebted to my colleagues at the museum, Sonja Apfler, Christa Krajnc and Franz Ramesmayer, for the index of town names.

Zum Index / View the Index


We politely request your patience, since loading more than 34,000 items of data might require a bit of time.

In light of this recent publication event, the Index for Volume II has been placed online first. The Index with the names from Volume I will be updated shortly.


Genealogie, Kunst und Kultur

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Lange Nacht der Museen 2016

Das Österreichische Jüdische Museum nimmt heuer wieder an der „Langen Nacht der Museen“ teil. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie in dieser besonderen Nacht auch unser Museum besuchen!

Wann: Samstag, 01. Oktober 2016, 18.00 bis 01.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Pressburger Klezmer-Band

Pressburger Klezmer-Band; Konzert um 20 Uhr und um 21.30 Uhr


Unser Programm im Detail

18.00 – 19.30 Uhr: Moses-Zyklus – Malen für Kinder

18.00 – 23 Uhr: Hartheim – Das Mordschloss – Filmvoführung (laufend)

19.00 – 19.30 Uhr: „Koscher Sex“ – Vortrag

19.30 – 20 Uhr: Die Synagoge – das Wichtigste in 20 Minuten (Schwerpunktführung)

20.00 – 20.30 Uhr: Pressburger Klezmer-Band – Konzert

21.00 – 21.30 Uhr: Die Synagoge – das Wichtigste in 20 Minuten (Schwerpunktführung)

21.30 – 22 Uhr: Pressburger Klezmer-Band – Konzert

22.00 – 22.30 Uhr: „Koscher Sex“ – Vortrag

Die Frau des Potifar und Josef

Die Frau des Potifar und Josef; Vortrag „Koscher-Sex“ um 19 Uhr und um 22 Uhr

Eintritt bzw. Teilnahme mit dem „Lange Nacht“-Ticket:

  • regulär EUR 15
  • ermäßigt EUR 12
  • frei für Kinder bis 12 Jahre

Das Ticket berechtigt zum Besuch aller an der „Langen Nacht“ teilnehmenden Museen in ganz Österreich.

Tickets erhalten Sie

  • im Österreichischen Jüdischen Museum (Vorverkauf & Abendkasse)
  • in allen weiteren teilnehmenden Museen

Bitte beachten Sie, dass unser Museum Samstag, 01. Oktober, und Sonntag, 02. Oktober, tagsüber geschlossen und an diesem Wochenende „nur“ in der Langen Nacht der Museen geöffnet ist!

Weitere Informationen zur „Langen Nacht“ erhalten Sie auf langenacht.orf.at.

Credit: ORF-Design

Credit: ORF-Design

In eigener Sache, Kunst und Kultur, Veranstaltungen

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In der Judenstadt

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Lesung

„In der Judenstadt“

Claudia Erdheim

Wann: Sonntag, 22. Mai 2016, 10.30 Uhr

Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

 

Ein wenig beachtetes Kapitel der österreichischen Geschichte wird in dieser Erzählung lebendig: Wien 1624. Mit all ihrem Hab und Gut auf Eseln und auf Wagen ziehen die Juden aus der Inneren Stadt in den Unteren Werd, der heutigen Leopoldstadt. Voll Mut und Hoffnung, in der neuen Judenstadt unter dem Schutz des Kaisers friedlich leben zu können, machen sie sich auf den Weg. Es gibt Verleumdungen und schließlich sogar einen Mord. Doch all das ist nichts gegen das eigentliche Verhängnis des Himmels, das noch auf sie wartet.

Website von Claudia Erdheim.

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Lange Nacht der Museen 2015

Das Österreichische Jüdische Museum nimmt heuer wieder an der „Langen Nacht der Museen“ teil. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie in dieser besonderen Nacht auch unser Museum besuchen!

Wann: Samstag, 3. Oktober 2015, 18.00 bis 01.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Grabstein Hindel Spitzer, 1864

Grabstein Hindel Spitzer, 07. Juli 1864


Unser Programm im Detail

18.00 – 19.30 Uhr: Einmal andersrum! (Kinderprogramm)
In Anlehnung an unsere Schwerpunktausstellung versuchen wir mit der schwächeren Hand zu malen. Selbstverständlich erhält jede Künstlerin / jeder Künstler ein Geschenk!

19.00 Uhr: Führung Schwerpunktausstellung „Schloss Hartheim … und dann kamen die grauen Busse …“.

20.00 – 22 Uhr: Gratis Koscher-Wein-Verkostung

20.15 Uhr: In d’Schul! (Synagogenführung)

21.00 Uhr: Prominente Grabsteine: Von Frommen und Geschmähten … (Ein nächtlicher Besuch am jüdischen Friedhof)

22.00 Uhr: In d’Schul! (Synagogenführung)

22.45 Uhr: Prominente Grabsteine: Von Frommen und Geschmähten … (Ein nächtlicher Besuch am jüdischen Friedhof)

23.15 Uhr: In d’Schul! (Synagogenführung)

00 Uhr: Prominente Grabsteine: Von Frommen und Geschmähten … (Ein nächtlicher Besuch am jüdischen Friedhof)

Eintritt bzw. Teilnahme mit dem „Lange Nacht“-Ticket:

  • regulär EUR 13
  • ermäßigt EUR 11
  • frei für Kinder bis 12 Jahre

Das Ticket berechtigt zum Besuch aller an der „Langen Nacht“ teilnehmenden Museen in ganz Österreich.

Tickets erhalten Sie

  • im Österreichischen Jüdischen Museum (Vorverkauf & Abendkasse)
  • in allen weiteren teilnehmenden Museen

Bitte beachten Sie, dass unser Museum Samstag, 3. Oktober, und Sonntag, 4. Oktober, tagsüber geschlossen und an diesem Wochenende „nur“ in der Langen Nacht der Museen geöffnet ist!

Weitere Informationen zur „Langen Nacht“ erhalten Sie auf langenacht.orf.at.

Credit: Leopold Museum; ORF-Design / Matthias Kobold

Credit: Leopold Museum; ORF-Design / Matthias Kobold

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Wer hat das Ghettokind an der Hand geführt …

…als sich ihm die Türen der vornehmsten Paläste öffneten? Nur sein Talent.

Im Zuge unseres großen Projekts zum älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt (das sich übrigens schon langsam dem Finale nähert) stießen wir auch auf die Grabsteine von Samuel und Henriette Kerpel, den Eltern des berühmten Malers Leopold Kerpel.

Der Grabstein des Vaters ist unscheinbar, die Inschrift kaum leserlich. Er wurde 1945 offensichtlich als Panzersperre verwendet, dann aber wieder auf den jüdischen Friedhof zurückgebracht.

Bernhard Wachstein äußert sich ausführlich zu Samuel und insbesondere zu seinem berühmten Sohn Leopold Kerpel:

„Das Totenregister nennt den Verstorbenen Samuel ben Itzik Chajjat (Schneider). Von Isak findet sich kein Grabstein mehr vor, aber Sarl Frau Isak Chajjat, die in den Totenmatrik den Namen Kerpel führt, liegt in der Nähe ihres Sohnes begraben. Isak ist zweifellos ein Sohn des Moses Chajjat ben Isak, welch letzterer sicherlich nach seinem Schneiderhandwerk den Namen Chajjat führte, oder dem diese Bezeichnung beigelegt wurde. Die Frau des Moses Chajjat, Rachel, ist in der Nähe ihres Mannes begraben. Wann der Berufsname Chajjat, der sich zum Familiennamen Schneider umgestaltete, sich in den Namen Kerpel verwandelte, ist mir gegenwärtig nicht feststellbar. Die handwerkliche Fertigkeit in der Familie sollte sich jedoch bei einem ihrer Mitglieder zur künstlerischen Gestaltungskraft steigern, denn der in Eisenstadt geborene Maler Leopold Kerpel entstammt dieser Schneiderfamilie. Er ist ohne Zweifel ein Sohn unseres Samuel Kerpel.

Leopold Kerpel, Italienische Landschaft

Leopold Kerpel, Italienische Landschaft, Öl auf Leinwand, Copyright: Landesmuseum Burgenland



Ich halte es nicht für überflüssig, eine Notiz von André Csatkai über Leopold Kerpel aus der Ödenburger Zeitung vom 20. April 1920 mit Rücksicht darauf, dass ein Tageblatt eine nicht leicht zugängliche Quelle ist, hierher zu setzen:

Zur Zeit des Aufenthaltes von Markó [1801 -1860, lebte etwa seit 1830 in Eisenstadt] tauchte ein begabter Maler aus dem Eisenstädter Ghetto auf, namens Leopold Kerpel. Geboren wurde er etwa 1819 (diese Jahreszahl ist nicht ganz sicher festzustellen, denn die Matrikeln der isr. Gemeinde reichen nur bis um 1830 zurück). Es ist gut annehmbar, dass das Beispiel Markós den jungen Knaben auf die Künstlerlaufbahn gebracht hat, ja eine persönliche Begegnung wäre auch nicht ausgeschlossen, doch sicher ist sie nicht. Kerpel studierte in Wien, wo er 1845 das erstemal auf einer Ausstellung der Akademie vor die Öffentlichkeit trat. 1846 erweckte sein Bild, das römische Kolosseum darstellend, die Aufmerksamkeit der Erzherzogin Maria Dorothea, die es kauft und das Nationalmuseum in Budapest damit beschenkt. Nach 1849 macht Kerpel eine Reise über Deutschland nach Russland, sie ist ein wahrer Siegeszug. Er berichtet seinem Landsmann Schneider darüber in einem Briefe, dessen Fragment sich im Besitze des Apothekers W. Kerpel befindet.

Von Wien reiste der Maler nach Prag. Die alte Kaiserin, Ferdinands Gattin, kauft von ihm ein Albumblatt um 100 Gulden. Dann verweilt er in Teplitz. Der Herzog Clary und seine Sippschaft nehmen sich seiner gütigst an und erwerben mehrere Gemälde von ihm. In Dresden wird er ebenfalls freundlich empfangen. Der kaiserliche Legat Kuefstein, der später Hofmeister in Wien wurde, führte ihn in die besten Gesellschaften ein; auch der König von Sachsen beehrt ihn mit dem Kauf seiner Gemälde. Kerpel reist bald nach Berlin, wird mit Humboldt bekannt, der ihn dem preußischen König vorstellt. Jener bestellt bei ihm zwei Bilder, die Kerpel in zwei Monaten verfertigt und dann übersiedelt er nach Russland, wo er große Touren macht, besichtigt Moskau, Petersburg und auch Finnland. Das Fragment endet – leider ohne Datum – mit der Beschreibung des Marktes in Nischni-Nowgorod.

Wer hat das Ghettokind an der Hand geführt, als sich ihm die Türen der vornehmsten Paläste öffneten? Nur sein Talent.

Kerpel hat sich in Wien ständig niedergelassen, verdiente schön und war nicht darauf angewiesen, sich in die Pensionsgesellschaft der Wiener Künstler einschreiben zu lassen. Er starb 1880, 61 Jahre alt. Kerpel ist seinen Landsleuten vollends unbekannt; meine Nachfragen in Eisenstadt waren bisher ohne Erfolg.
In Ödenburg befinden sich meines Wissens drei seiner Gemälde: Im Museum eine Landschaft: Forchtenstein in einer romantisch-düsteren Auffassung darstellend, mit Signatur und Jahreszahl 1861; dann zwei Familienbildnisse im Privatbesitz: ein männlicher Kopf, sehr ausdrucksvoll, und ein weiblicher, weniger bedeutend.
Kerpel verfertigte schöne Lithographien vom Badeorte Pystian, und zwar eine Folge mit acht Ansichten, Quartfolio, und eine mit zehn Ansichten, Kleinquartfolio. Beide Serien sind recht selten.

Zum Geburtsjahr, das nach Csatkai nicht sicher steht, wäre auf die Konskriptionsliste vom Jahre 1836 bei Markbreiter, Beiträge S. 82, Nr. 22 hinzuweisen, wo Leopold, der Sohn des Samuel Kerbel (lies Kerpel) 18 Jahre alt ist. Danach wäre er also 1818 geboren. Nach der Grabschrift auf dem Wiener Zentralfriedhof starb er am 16. April 1880 im 61. Lebensjahre. Sie lautet:

פ“א איש ישר הולך נכוחו כהר“ר איצק ליב קערפעל נ“ע מילידי אייזענשטאט יע“א אשר הלך לעולמו ביום עש“ק ה’ אייר תר“מ לפ“ק תנצב“ה

Hier ruht Herr Leopold Kerpel, akadem. Landschaftsmaler, gestorben am 16. April 1880 im 61. Lebensjahre. Er ließ nach 19jähriger Ehe eine Witwe in tiefer Herzenstrauer zurück.

Der edlen Kunst geweiht Dein Leben
War treu Dein Herz und ernst dein Streben.
Voll Biedersinn in Tat und Wort
Lebst Du in deinen Werken fort.“

Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 249f

Ergänzt sei noch die wörtliche Übersetzung der hebräischen Grabinschrift (des erwähnten Grabes am Zentralfriedhof):

H(ier liegt) g(eborgen) ein rechtschaffener Mann, in seiner Redlichkeit wandelnd, d(er) e(hrbare) H(err) Itzik Löb Kerpel, s(eine Ruhe) s(ei Wonne), aus Eisenstadt, G(ott möge) d(ie Stadt) a(ufbauen), gebürtig. Der in seine Welt ging am V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), 5. Ijjar 640 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). S(eine Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens).

Die von seiner Ehefrau aufgegebene Todesanzeige finden Sie auf geni.com.
Interessant dabei ist, dass im deutschen Teil der Grabinschrift „im 61. Lebensjahr“, auf der Todesanzeige aber „im 62. Lebensjahr“ steht.

In Wien fand im Jahr 1846 eine vielbeachtete Ausstellung von Kerpel statt, in der vor allem seine italienischen Landschaftsbilder gezeigt wurden.

Mit „Markbreiter“ oben ist gemeint:
Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt nach archivarischen Quellen, bearbeitet von Moritz Markbreiter, Wien 1908.

Angemerkt muss noch werden, dass das Landesmuseum Burgenland im Besitz von 13 Bildern des Malers Leopold Kerpel ist. Vielleicht können wir Kerpel mit einer Ausstellung bald auch hierorts bekannter machen …

Kunst und Kultur

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