Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Kunst und Kultur

Shoa-Denkmal in Eisenstadt – Einladung zum Diskurs

Background photo from the Yad Vashem Hall of Stars in the children’s memorial. (Taken from Wikimedia Commons) Ausgangssituation In Eisenstadt gibt es kein Holocaust-Denkmal. Immer wieder wird von verschiedenen Seiten…

Background photo from the Yad Vashem Hall of Stars in the children’s memorial. (Taken from Wikimedia Commons)

Ausgangssituation

In Eisenstadt gibt es kein Holocaust-Denkmal.

Immer wieder wird von verschiedenen Seiten (politische Parteien, die Kirchen (s.u. den Brief der Pfarrer), aber auch etwa die Burgenländische Forschungsgesellschaft usw.) ein Holocaust-Denkmal (!) für Eisenstadt gefordert.

Konkrete Vorschläge für ein solches Denkmal oder eine nähere Begründung für ein solches Denkmal, außer „dass es in Eisenstadt eben fehle“, sind zumindest mir nicht bekannt.

Dass die Forderungen nach einem Holocaust-Denkmal in der Landeshauptstadt Eisenstadt verstärkt in der letzten Zeit, besonders auch im Zusammenhang mit dem Ge-/Bedenkjahr 2018 gestellt wurden, ist natürlich kein Zufall. Zumal in den letzten Jahren mehrere Denk-/Mahnmale im Burgenland errichtet wurden.

Ein jüdisches Museum kann und will sich dieser Diskussion in seiner Stadt nicht entziehen, nicht zuletzt, weil ein jüdisches Museum immer auch Akteur institutionalisierten Erinnerns ist (s. dazu besonders unseren Blogartikel „Eigenarten des Erinnerns„).


Die Holocaust-Denkmäler im Burgenland ‒ Ein kurzer Überblick über die letzten Jahre

Deutschkreutz war 2012 „Vorreiter“ mit einem Denkmal in der Hauptstraße, im Oktober 2014 folgte die Einweihung einer Gedenktafel am jüdischen Friedhof in Deutschkreutz im Gedenken an die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter. Initiator war in beiden Fällen Misrachi Österreich (Wien) bzw. namentlich Michael Feyer.

Michael Feyer war es auch, der 2017 mit seinem Verein „Wir erinnern. Begegnung mit dem jüdischen Mattersburg“ das Holocaust-Denkmal in Mattersburg präsentierte. Ein Denkmal, das sehr prominent den Brunnenplatz dominiert und das alte Denkmal am Standort der ehemaligen Synagoge sozusagen ablöste. Zur Kritik an diesem Denkmal siehe meinen Kommentar unten.

Ebenfalls 2017 wurde das Mahnmal in Kobersdorf präsentiert, das vom früheren Bürgermeister der Gemeinde, Erwin Hausensteiner, initiiert worden war. Auf dem Denkmal befinden sich, im Unterschied zu den anderen Denkmälern, auch Namen von Opfern, Adressen usw. Zwischen Ermordeten und Vertriebenen wird aber nicht unterschieden, die Liste ist zudem unvollständig.

Sehr sensibel und überlegt ging man in Frauenkirchen vor, wo auf dem Platz der ehemaligen Synagoge der „Garten der Erinnerung“ errichtet und 2016 offiziell präsentiert wurde. Die Initiative erfolgte von Dr. Herbert Brettl und dem Verein „Initiative Erinnern Frauenkirchen„. Begleitet wurde/wird die Initiative von Vorträgen und Aktivitäten.



Gemeinsam all diesen erwähnten Denk- und Mahnmalen ist zunächst die Tatsache, dass es sich um Orte handelt, in denen bisher keine ausdrückliche und spezifische Erinnerungskultur stattfand, zumindest nicht mit deutlichem Bezug zu Orten oder Plätzen im Ort, die die Funktion eines Erinnerungsortes haben. Zwar gibt es in Kobersdorf, Deutschkreutz, Mattersburg und Frauenkirchen jüdische Friedhöfe, doch wurden diese in den Orten nie wirklich aktiv und permanent in die Erinnerungsarbeit eingebunden.

Das ist auch der entscheidende Unterschied zu Eisenstadt:

  • In Eisenstadt gibt es seit 1972 unser Österreichisches Jüdisches Museum, das älteste jüdische Museum in Europa seit 1945. Es wurde im Herz des ehemaligen jüdischen Viertels, im Palais des Hoffaktors und ungarischen Landesrabbiners Samson Wertheimer, ausdrücklich als Erinnerungs- und Gedenkort an die Sieben-Gemeinden allgemein und an die ehemalige jüdische Gemeinde Eisenstadt im Besonderen gegründet!

  • Im Museum findet sich neben der Synagoge, der einzigen „living synagogue“ des heutigen Burgenlandes, am Ende der Dauerausstellung ein Gedenkraum, der dem Gedenken an die Jüdinnen und Juden der Sieben-Gemeinden gewidmet ist.

  • Das jüdische Museum hat seinen Standort im ehemaligen jüdischen Viertel, am Rande dieses Viertels befinden sich die beiden jüdischen Friedhöfe, die seit jeher intensiv in die Museumsarbeit eingebunden werden und die einzigen jüdischen Friedhöfe in Österreich sind, die vollständig aufgearbeitet und umfassend dokumentiert sind! Jeder Friedhof hat immer primär auch Gedenkcharakter!

  • Sowohl nahezu alle Touristen als auch insbesondere die etwa 200 Schulgruppen aus ganz Österreich, die jährlich das jüdische Museum, die Synagoge, das jüdische Viertel und die beiden jüdischen Friedhöfe besuchen, tun dies als „aktiven Gedenkakt“ an die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Stadt und der Region.

  • Seit zumindest 1992 widmet das Museum sein Hauptaugenmerk der minutiösen und akribischen Aufarbeitung der Geschichte der Jüdinnen und Juden in den Sieben-Gemeinden, vornehmlich der Jüdinnen und Juden in Eisenstadt.

  • Sämtliche Aktivitäten dieser Aufarbeitung wurden von der Stadt Eisenstadt begleitet und gefördert (Printpublikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt 1995, Outdoor-Projekt „Ver(BE)gangen“ 2012 in der Stadt Eisenstadt, vollständige Dokumentation des älteren jüdischen Friedhofes 2015 und vollständige Dokumentation des jüngeren jüdischen Friedhofes 2017‒18 sowie alle im Zusammenhang mit diesen Dokumentationen stehenden Aktivitäten und Veranstaltungen!).


Wir bevorzugen als jüdisches Museum alternative (!) Formen eines Denkmals aus nachvollziehbaren sachlichen Gründen. Oder mit anderen Worten: Bevor über ein Holocaust-Denkmal nachgedacht wird, müssen wir die Namen und Geschichten der Menschen kennen, die selbst bzw. deren Kinder und Kindeskinder heute nicht mehr in Eisenstadt sind. Diesen ersten Schritt halten wir für eine Conditio sine qua non.

Insbesondere die Aufarbeitung des jüngeren jüdischen Friedhofes hat im sogenannten Ge-/Bedenkjahr 2018 gezeigt, dass ‒ trotz intensiver Arbeit ‒ noch zu viele Fragen offen sind: Wir wissen nicht, was mit den Kindern und Kindeskindern von über 500 in Eisenstadt verstorbenen bzw. in den Sterbebüchern verzeichneten Jüdinnen und Juden geschehen ist, wir kennen viele Schicksale nicht von den im Jänner 1938 in Eisenstadt ansässigen 446 Jüdinnen und Juden.
Siehe besonders unseren Blogbeitrag: Gedenkjahr 2018ff.

Konkret bedeutet dies:

Bevor die Geschichte der Juden bzw. die jüdische Geschichte nicht so aufgearbeitet ist, dass die wichtigsten Fragen um das Schicksal der Jüdinnen und Juden dieser Stadt beantwortet werden können, macht ein „herkömmliches“ Denkmal wenig Sinn, schon alleine, weil es einer permanenten Überarbeitung dieses Denkmals bedürfte (zumindest wenn konkrete Zahlen und Namen auf dem Denkmal vermerkt sind, was wir aber ‒ in welcher Form auch immer ‒ für sinnvoll halten).

Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob die oben zitierte Form der Denk- und Mahnmale (mit Ausnahme Frauenkirchen!) nicht längst überholt sind und ausgedient hat. Ich zitiere Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des jüdischen Museums Berlin, der schon im Jahr 2000 (!) deutlich macht, dass

es heute längst nicht mehr reicht, „ETWAS“ zu tun, sondern dass es heute um das „WIE“ etwas geschieht, geht! Sonst droht die gesamte Arbeit zur Alibihandlung zu werden. Die althergebrachten Erinnerungsformen haben weitgehend ausgedient, sie führen heute zu Irritationen und zu Widerspruch. Eine Reduktion der Gedenk- und Erinnerungsarbeit auf das „WAS“ wird einen Gedenk-Aktionismus zur Folge haben, der noch häufig reflexartig beklatscht wird, wird aber auf jeden Fall zur Folge haben, dass die Erinnerung für viele unverständlich ist und spaltet! Sie ist nicht mehr harmonisch, die Nachfahren der Täter verstehen sie nicht, und die Nachfahren der Opfer ebenso nicht. Erinnern darf die Vergangenheit nicht bloß mumifizieren, sondern muss sie lebendig und aktuell erhalten…

W. Michael Blumenthal, Streit um die Erinnerung. Über den schwierigen Weg zu einer Ethik des Gedenkens: Der Holocaust und die Öffentlichkeit, in: Art Projects | Synagoge Stommeln | Kuntprojekte, Ostfildern-Ruit, 2000, 21ff

Wie vermeiden wir es also, dass die heimische Bevölkerung sich nach zwei Wochen am örtlichen Denk-/Mahnmal sattgesehen hat, die Touristen wenig mit dem Denkmal anfangen können und Nachfahren von Opfern im Denkmal nur einen oberflächlichen Umgang mit der sie persönlich betreffenden Geschichte ihrer Vorfahren sehen? Sind doch die meisten dieser „herkömmlichen“ Denk- und Mahnmale beliebig austauschbar, können in irgendeinem Ort aufgestellt werden, in dem einst Jüdinnen und Juden lebten, maximal der aufgedruckte Ortsname müsste ausgetauscht werden. Und selbstverständlich führt es auch zu Irritationen, wenn sich ein Denkmal nicht klar dem Verdacht einer Alibihandlung entziehen kann: entstanden nur, um „etwas“ zu tun, im schlimmsten Fall als gedenkaktionistische Form und/oder, um politisches Kleingeld zu wechseln.

Vergleichbar mit Eisenstadt ist Hohenems in Vorarlberg, wo es auch ein jüdisches Museum gibt, das sich im ehemaligen jüdischen Viertel befindet, wo es auch einen jüdischen Friedhof gibt und wo sehr viele „kleine“ Einzelheiten an die Geschichte der Hohenemser Jüdinnen und Juden erinnern (Gebäude- und Straßennamen, Stolpersteine und vor allem die permanente und lebendige Erinnerungsarbeit des Museums). Und wo es auch kein „herkömmliches“ Denk- oder Mahnmal gibt, ein solches auch derzeit gar nicht überlegt oder gefordert wird.

Es gibt also derzeit keinen Grund für Schnellschüsse, ein Denk-/Mahnmal, wie es von verschiedensten Seiten gefordert wird, umzusetzen.

Eher im Gegenteil: Es muss vor allem um eine permanente, lebendige Erinnerungsarbeit gehen, fernab von politischem Kleingeld und herkömmlichen, längst ausgedienten Erinnerungsformen, unabhängig von offiziellen Ge- und Bedenkjahren, frei vom Verdacht einer Alibiaktion.


Eine Art Conclusio sowie Ideen und Denkansätze für die Zukunft

  • Es gilt primär, die vielen offenen Fragen zu klären. Das ist ein Arbeitsprozess, der noch einige Jahre dauern, den das jüdische Museum aber mit Leidenschaft und höchster Akribie machen wird. Damit soll ein permanentes und lebendiges Erinnern gewährleistet werden. Der gesamte Arbeitsprozess wird immer wieder die Unterstützung und Einbindung der Stadt Eisenstadt benötigen (vom Matrikenamt bis hin zu finanziellen Förderungen usw.).

  • Einer der nächsten Schritte ist sicher, die schon länger mit der Stadt Eisenstadt geplante Tafel (mit Plan und Erklärungen) am jüngeren jüdischen Friedhof anzubringen (analog der Tafel am älteren jüdischen Friedhof). Auf der Tafel sollen auch die offenen Fragen angesprochen werden.

  • Begleitend zu dieser Arbeit des Museums sollte auch überlegt werden, die „Ergebnisse“ in Form von „Steinen der Erinnerung“ in der Stadt sichtbar zu machen. Auch dies wäre ein Zeichen einer permanenten, kontinuierlichen und lebendigen Gedenk- und Erinnerungsarbeit.

  • Da aber selbstverständlich auch der Vertriebenen gedacht werden soll, wäre zu überlegen, ob an einzelnen Häusern und Plätzen, oder eventuell auch mit einer zentralen Gedenktafel, in Zukunft Tafeln mit den Namen, Berufen usw. der dort früher wohnhaften Jüdinnen und Juden angebracht werden könnten. Es müssen in jedem Fall klare, richtige und nachvollziehbare Antworten gegeben werden können auf die Frage, warum es heute keine Jüdinnen und Juden in Eisenstadt gibt und was mit ihnen geschehen ist.

  • Es gibt auch schon vorbildliche Projekte, die höchsten Respekt verdienen: Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kurzwiese in Eisenstadt entwickelten im Ge-/Bedenkjahr 2018 „Das wandernde Mahnmal – ein Projekt gegen das Vergessen„. Lebendige, persönliche und konkrete Auseinandersetzung mit der Geschichte der jüdischen Schülerinnen und Schüler, mit dem Holocaust. Der ORF-Bericht beginnt mit dem Satz „In Eisenstadt gibt es bis heute keine Gedenkstätte für Opfer der Schoah“. Gibt mir, besonders im konkreten Kontext, zu denken. Hätten Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler trotzdem dieses schöne Projekt entwickelt, wenn es ein solches Denkmal gäbe in Eisenstadt? „Müssen“ sich Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler in Frauenkirchen, Kobersdorf, Deutschkreutz und Mattersburg nicht so intensiv mit der Geschichte jüdischer Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen, weil es schon ein Denkmal im Ort gibt?

  • Selbstverständlich „verschließt“ sich unser Museum einem Holocaust-Denkmal nicht a priori. So wäre für uns grundsätzlich vorstellbar, dass eine Idee für ein wirklich überlegtes, sensibel gemachtes, künstlerisch hochwertiges und nicht beliebig „austauschbares“ Denkmal einen Denkprozess für eine Gestaltung in Gang setzen könnte (vorausgesetzt, es stimmen die o.g. Parameter. Will heißen, dass es beim „Wording“ beginnt „Shoa-Denkmal“ und nicht „Holocaust-Denkmal“, dass dieses Denkmal der vertriebenen und ermordeten Juden Eisenstadts gedenkt, aber eben nicht ein Denkmal für Juden, Sinti, Roma, dass wir seriöse Zahlen und Namen haben…).
    Die lebendige und permanente Gedenk- und Erinnerungsarbeit kann aber ohnehin kein Denkmal ersetzen.


6 Kommentare zu Shoa-Denkmal in Eisenstadt – Einladung zum Diskurs

Akiba Eger – Der Geburtstag

Erstpräsentation: Der Torawimpel für Rabbi Akiba Eger ‒ 01. Marcheschwan 522 = 29. Oktober 1761 Rabbi Akiba Eger der Jüngere gehört zu den größten, bedeutendsten und wohl auch bekanntesten Gelehrten…

Erstpräsentation: Der Torawimpel für Rabbi Akiba Eger ‒ 01. Marcheschwan 522 = 29. Oktober 1761

Rabbi Akiba Eger der Jüngere gehört zu den größten, bedeutendsten und wohl auch bekanntesten Gelehrten der jüdischen Geschichte: 1791 Rabbiner in Märkisch-Friedland und, nachdem er einen Ruf nach Eisenstadt abgelehnt hatte, ab 14. September 1815 Oberlandesrabbiner in Posen, gest. ebendort am 13. Tischre 5598 = 12. Oktober 1837 (der Jahrzeittag von Rabbi Akiba Eger ist heuer in wenigen Tagen, am 22. September 2018).
Den Vornamen Akiba gab ihm seine Mutter im Gedenken an ihren mit 37 Jahren 1758 verstorbenen Vater Rabbi Akiba Eger der Ältere, Rabbiner von Pressburg. Den Nachnamen Eger nahm Akiba der Jüngere aus Respekt vor seinem Großvater an, unterschrieb aber nur auf offiziellen Dokumenten mit „Jakob Mose Eger“ (Jakob als Anagramm von Akiba). Sonst ein Leben lang mit „Akiba Güns aus Eisenstadt“.

Rabbi Akiba Eger in Posen

Rabbi Akiba Eger in Posen



רבינו עקיבא איגר ז“ל בהיותו בן ע“ד שנים ברחוב עיר פוזן בלוית שני דייני העיר הרב ר’ יעקב קאלווארי ור’ משה לאנדסבערג ז“ל
„Unser Rabbiner Akiba Eger, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden), im Alter von 74 Jahren auf den Straßen der Stadt Posen in Begleitung zweier Richter der Stadt: der Rabbiner, H(err) Jakob Kalwari und H(err) Mose Landsberg, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden)“ [1].


Akiba Eger wurde am 01. Marcheschwan 5522 = Donnerstag, 29. Oktober 1761 in Eisenstadt (oder Pressburg?, s.u. sowohl zu Ort als auch Datum Die Beschneidung) als erstgeborener Sohn des Mose Güns-Schlesinger und der Gütel, Tochter von Akiba Eger dem Älteren, geboren und wir freuen uns sehr, das erste Mal mit dem Torawimpel für Akiba Eger den Beweis vorlegen zu können, dass der 01. Marcheschwan 5522 = 29. Oktober 1761 das korrekte Geburtsdatum ist!

Denn um sein genaues Geburtsdatum entspann sich in den vergangenen 180 Jahren eine rege Diskussion, die bis heute andauert. So finden wir, mit einer einzigen Ausnahme, auf praktisch allen Websites, die über Rabbi Akiba Eger schreiben (von Wikipedia [2] bis zu jüdischen Fachwebsites [3] und genealogischen Portalen [4]), das falsche Geburtsdatum, nämlich den 11. Marcheschwan 522 = 08. November 1761. Das gleiche Bild liefern übrigens die einschlägigen Printpublikationen (z.B. jüdische Lexika, Biografien [5] etc.).

Einzig, was Online-Ressourcen betrifft, die hebräischsprachige Wikipedia-Site gibt als Geburtstag korrekt den 01. Marcheschwan 5522 = 29. Oktober 1761 an. Und beruft sich dabei (in Fußnote 3) auf die hebräischsprachige Publikation von Saul Blum „גדולי ישראל. חיי הגאון רבנו רבי עקיבא איגר“ („Das Leben des überragenden Gelehrten, unseres Rabbiners, Rabbi Akiba Eger“), Warschau 1938 (Nachdruck in Israel 1967), Seite 7, Fußnote 1, publiziert anlässlich des 100. Todestages von Akiba Eger [6].

In derselben Fußnote auf der hebräischsprachigen Wikipedia-Site heißt es, dass Saul Blum den früheren Biografien widerspricht, die als Geburtsdatum den 14. Marcheschwan = 08. November 1761 angeben. Es müsste hier wohl 11. Marcheschwan = 08. November 1761 heißen (der 14. Marcheschwan wäre der 11. November)!

Saul Blum erwähnt in seiner Publikation den in Eisenstadt befindlichen Torawimpel von Akiba Eger und zitiert die Inschrift des Wimpels, allerdings ohne einen Fotobeweis zu bringen.

Dieser Beweis sei hier nachgereicht! Der Torawimpel für Akiba Eger wird hier erstmals ausführlich vorgestellt und in einigen Monaten in der Dauerausstellung unseres Museums präsentiert.

Ein Torawimpel ist ein Tuch (meist die Windel, in der der Knabe beschnitten wurde), das um die Torarolle gewickelt und um den 3. Geburtstag des Sohnes der Synagoge übergeben wird.

Entscheidend ist, dass dem Geburtsdatum auf jedem Torawimpel immer das größte Vertrauen entgegengebracht werden darf, weil der Torawimpel von der Mutter, die natürlich das Geburtsdatum jeweils am besten weiß, hergestellt wird!


Der Torawimpel ‒ die Gesamtansicht


Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Dauerleihgabe des Landesmuseums Burgenland, Inv.-Nr. 3859, ursprüngliche Nummer 10213, sehr wahrscheinlich ein Objekt aus der Sammlung Sandor Wolf.
Material: Beiges Leinengewebe, bestickt; Futterstoff: beiges Gewebe (Leinen?), in Streifen gemustert, aus 3 Teilen zusammengenäht, handgenäht.
Länge: 324cm, Höhe: 22cm


הילד עקיבא בן הר“ר משה גינז שנולד במז“ט יום ה“ ר“ח מרחשון תקכ“ב לפ“ק ד’ יזכה לגדל אותו לתורה, לחופה ולמעשים טובים

Der Knabe Akiba, Sohn unseres Meisters, des Herrn Mose Güns, der geboren wurde unter einem guten Sternzeichen am Donnerstag, dem Neumondtag des Marcheschwan 522 (= 29. Oktober 1761) nach der kleinen Zeitrechnung. Gott möge ihn heranwachsen lassen zu einem Toragelehrten, zu einem (guten) Ehemann und, dass er gute Taten vollbringe.

Oberhalb des Textes:

מזל עקרב
Sternzeichen des Skorpions

Unterhalb des Textes:

עז כנמר וקל כנשר רץ כצבי וגבור כארי
Fest wie der Leopard und leicht wie der Adler, rasch wie der Hirsch und stark wie der Löwe


Eine Analyse der Inschrift(en)

Die einzelnen Abschnitte sind möglichst so fotografiert, dass jeweils vom nächsten Abschnitt schon bzw. vom vorhergehenden Abschnitt noch zumindest ein Buchstabe/ein Zeichen zu sehen ist, um den Zusammenhang besser nachvollziehen zu können.

Bild 1:

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 1

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 1



הילד עקיבא „Das Kind Akiba“ bzw. in unserem Fall eher „Der Knabe Akiba„,

Anmerkung: ילד bedeutet sowohl „Kind“ als auch „Sohn/Knabe“.

Bild 2:

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 2

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 2


בן ה’ר’ר משה גינזSohn d(es) H(errn), u(nseres Meisters) Mose Güns„,

Anmerkung: ה’ר’ר ist die Abkürzung für הרב רבי „der Herr, der Herr…“ oder für הרב רבינו „der Herr, unser Meister“.

Bild 3:

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 3

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 3


שנולד במ’ז’ט „der geboren wurde u(nter einem) g(uten) S(ternzeichen)“

Anmerkung: במ’ז’ט ist die Abkürzung für במזל טוב.

Bild 4:

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 4

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 4


יום ה“ ר’ח מרחשון „am Donnerstag, N(eumond)t(ag) des Marcheschwan“

Anmerkungen: יום ה“ „Tag 5 = Donnerstag“; ר’ח ist die Abkürzung für ראש חודש „der erste Monatstag im jüdischen Kalender“ bzw. eben „Neumondtag“.
Monate, denen ein Monat mit 29 Tagen vorangeht, haben 1 Neumondtag (das ist dann natürlich immer der 1. Tag des neuen Monats), Monate, denen ein Monat mit 30 Tagen vorangeht, haben 2 Neumondtage, und zwar ist der 1. Neumondtag der 30. Tag des Vormonats und der 2. Neumondtag der 1. Monatstag im neuen Monat.
Der Monat Cheschwan oder auch Marcheschwan folgt dem Monat Tischre, der immer 30 Tage hat. Folglich gibt es 2 Neumondtage Marcheschwan.
Nun wird bei Datumsangaben, in denen der 30. des Vormonats oder der 1. des Folgemonats mit ראש חודש angegeben wird (etwa in hebräischen Grabinschriften), gewöhnlich ראש חודש א oder ראש חודש ב geschrieben, also „1. Neumondtag“ oder „2. Neumondtag“.
Das ist aber bei unserem Wimpel nicht der Fall, es steht „nur“ ראש חודש „Neumondtag“. Allerdings wird in der Wimpelinschrift die Frage, ob 1. oder 2. Neumondtag, klar beantwortet, indem der Wochentag angegeben wird, nämlich „Donnerstag“. Und der Donnerstag in der ersten Woche des Marcheschwan im Jahr 5522 war der 2. Neumondtag und damit der 1. Marcheschwan.

Bild 5:

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 5

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 5


ת’ק’כ’ב ל\ק ד’ יזכה „522 n(ach der kleinen) Z(eitrechnung)“. G(ott) möge“

Anmerkungen: Der Zahlenwert der Buchstaben תקכב ist 522, der Zusatz „nach der kleinen Zeitrechnung“ (bedeutet, dass die Jahreszahl ohne 5.000 angegeben wird, also 522 statt 5522) wird üblicherweise hebräisch abgekürzt mit לפ“ק, Abkürzung für לפרט קטן „nach der kleinen Zählung“, und eben manchmal sozusagen noch einmal verkürzt und etwa mit einer Ligatur der drei hebräischen Buchstaben angezeigt. Ein Beispiel dafür finden wir etwa in der Grabinschrift von Wilhelm Wolf, der am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben ist (in der Wimpelinschrift sind in der Ligatur allerdings nur die beiden Buchstaben ל und ק zu erkennen):



Das jüdische Jahr (5)522 ist 1761/1762. Da das jüdische Jahr am 01. Tischre (September/Oktober) beginnt und der folgende Monat der Marcheschwan ist (und daher noch in den Herbst fällt), ist das Geburtsdatum 01. Marcheschwan 522 der 29. Oktober 1761 (bzw. selbstverständlich der 28. Oktober ab Sonnenuntergang, s. u. Die Beschneidung).

Das Wort für „Gott“ wird (traditionell) abgekürzt und oben in der Transkription von mir mit einem ד’ wiedergegeben. Ich folge hier auch Saul Blum (a.a.O.), der genauso transkribiert.
In der Wimpelinschrift finden wir den Gottesnamen als abbreviertes Tetragramm dargestellt, wofür ich kein Graphem zur Verfügung habe, um es darzustellen. Die beiden י י haben jeweils den Zahlenwert 10, also zusammen 20, und das liegende (!) Waw hat den Zahlenwert 6, zusammen also 26. Das ausgeschriebene Tetragramm יהוה hat ebenfalls den Zahlenwert 26 (10 + 5 + 6 + 5).

Bild 6:

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 6

Torawimpel Rabbi Akiba Eger, 01. Marcheschwan 522, Bild 6


לגד’ אות’ לתור’ ולחו’ ולמ’ט „ihn heranwachsen lassen zu einem Toragelehrten, zu einem (guten) Ehemann und, dass er g(ute) T(aten) vollbringe.“

Anmerkungen: Alle sechs Wörter in diesem Abschnitt auf Bild 6 sind abgekürzt. Sinn hinter diesen Abkürzungen kann ich keinen erkennen, außer vielleicht, dass sie ermöglichen sollen, dass sich der geplante Text auf dem Wimpel ausgeht.
לגד’ statt לגדל („heranwachsen lasse“), אות’ statt אותו („ihn“), לתו’ statt לתורה (wörtlich: „zur Tora“) und לחו’ statt לחופה (wörtlich: „zur Trauung“ bzw. „zum Traubaldachin“).
Die gestickten Apostrophe kann ich hier nicht darstellen, daher werden sie durch das übliche ersetzt.

Die drei Wünsche, dass das Kind zu einem Toragelehrten und zu einem guten Ehemann heranwachsen sowie viele gute Taten/Werke vollbringen möge, sind die Standardwünsche auf praktisch allen Torawimpeln.
Auch auf diesem Wimpel für Akiba Eger finden wir zu den Wünschen entsprechende Illustrationen unter dem Text:

  • einen Mann, der eine Torarolle trägt
  • einen Traubaldachin (Chuppa), unter dem eine Hochzeit stattfindet.

Der Wunsch, „gute Taten / Werke zu vollbringen“, hat mit beiden Bedeutungen von Mitzwa zu tun, also einerseits Mitzwa als Gebot Gottes, gute Taten zu vollbringen, wofür der Mensch von Gott auch belohnt wird, und andererseits Mitzwa als Gesamtheit der religiös verbindlichen Ge- und Verbote, an die sich der Mensch halten soll.

Saul Blum (a.a.O.) schreibt in seiner Transkription der Wimpelinschrift am Schluss, also nach den Wünschen, noch ein אמן „Amen“. In der Tat finden wir auf vielen Torawimpeln dieses „Amen“ oder auch אמן סלה „Amen Sela“ unmittelbar hinter den Wünschen (siehe Bild). Auf dem Wimpel für Akiba Eger ist aber definitiv kein „Amen“ gestickt!

'Amen Sela', Torawimpel 1692, Dauerausstellung im Österreichischen Jüdischen Museum, Eisenstadt

‚Amen Sela‘, Torawimpel 1692, Dauerausstellung im Österreichischen Jüdischen Museum, Eisenstadt


Bild 3 und 4 oberhalb des Haupttextes:

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מזל עקרב „Sternzeichen des Skorpions“


Bild 2 bis 4 unterhalb des Haupttextes:

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עז כנמר וקל כנשר רץ כצבי וגבור כארי „Fest wie der Leopard und leicht wie der Adler, rasch wie der Hirsch und stark wie der Löwe“.

Anmerkung: Sprüche der Väter 5,23 „Jehuda, Sohn Temas, sagt: Sei fest wie der Leopard, leicht wie der Adler, rasch wie der Hirsch und stark wie der Löwe, den Willen deines Vaters im Himmel zu verbringen“.

Auf Bild 2 finden wir als Illustration neben den Wünschen einen Leopard, auf Bild 3 Hirsch und Adler und auf Bild 4 einen Löwen.

Die Beschneidung

Akiba Eger wurde am 09. Marcheschwan 522 (= 06. November 1761) in Pressburg von Rabbi Wolf Benjamin Theben, einem der Leiter und Vorsteher der Pressburger Gemeinde, beschnitten:

Pinkas Beschneidungen Rabbi Benjamin Wolf Theben 1748-1803

Pinkas Beschneidungen Rabbi Benjamin Wolf Theben 1748-1803, Quelle: kedem-auctions



יום ו‘ עש“ק ט‘ מרחשון הייתי מוהל לבד אצל הילד עקיבא בן ש“ב התו‘ ר‘ משה גינז „Freitag, V(orabend des) h(eiligen) Sch(abbat), 09. Marcheschwan: Ich habe alleine die Beschneidung durchgeführt beim Knaben Akiba, dem Sohn des, s(ein Name) [sei] i(n Israel) [gerühmt], Tora(gelehrten), H(errn) Mose Güns“.

Anmerkungen:
עש“ק Abkürzung für ערב שבת קודש „Vorabend des heiligen Schabbat“.

„…alleine die Beschneidung durchgeführt…“: In vielen anderen Einträgen, etwa in jenen unmittelbar darüber und darunter, ist zu lesen, dass Rabbiner Theben die Beschneidung gemeinsam mit einem anderen Mohel durchführte.

ש“ב Abkürzung für שמו בישראל „Sein Name (sei) in Israel (gerühmt)“ [7]; s. Rut 4,14 .

Dieser Eintrag der Beschneidung bestätigt selbstverständlich auch das Geburtsdatum 01. Marcheschwan bzw., dass das Geburtsdatum 11. Marcheschwan, wie es mehrheitlich kolportiert wird (s.o.), auf keinen Fall stimmen kann!
Der Korrektheit halber sei noch erwähnt, dass Donnerstag (= 5. Tag) = 01. Marcheschwan = 2. Neumondtag (wie jeder jüdische Tag) am Mittwoch Abend begann, das Geburtsdatum daher auch der 28. Oktober spät abends sein könnte. Allerdings spricht doch besonders die Verschiebung der Beschneidung auf den 09. Marcheschwan mehr für ein Geburtsdatum am 29. Oktober abends (s.u.).

Dieser Beschneidungseintrag wirft zumindest zwei (neue) Fragen auf:

  1. Warum fand die Beschneidung von Akiba Eger am 09. und nicht am 08. Marcheschwan statt, wie es sein müsste, wenn er am 01. Marcheschwan geboren wurde?

    Zwei mögliche Erklärungen:
    -) Akiba Eger wurde in der Abenddämmerung vom 01. Marcheschwan zum 02. Marcheschwan (29. Oktober – 30. Oktober) geboren, weshalb als Beschneidungsdatum von Rabbiner Theben der 09. Marcheschwan festgelegt wurde. Es geht dabei, darum, dass bis Einbruch der Nacht zwar noch der 01. Marcheschwan als Geburtsdatum gilt, aber Rabbiner Theben sicherheitshalber/vorsichtshalber am 09. Marcheschwan die Beschneidung durchführen muss (also 1 Tag später). Das ist auch eine (noch heute) absolut übliche Vorgangsweise, da die Beschneidung am 7. Tag ungültig wäre. (So wird es hierzulande praktiziert, den Grund für die Entscheidung von Rabbiner Theben, die Beschneidung am 09. Marcheschwan zu machen, kennen wir nicht, es bleiben Vermutungen).
    Dass Akiba Eger tatsächlich am 02. Marcheschwan geboren ist, möchte ich ausschließen, weil dann am Wimpel nicht „Neumondtag Marcheschwan“ geschrieben stünde.

    -) Gesundheitliche Probleme des Knaben führten zu einer Verlegung der Beschneidung um einen Tag. Diese Möglichkeit muss zumindest erwähnt werden, da wir de facto nicht wissen, um wieviel Uhr Akiba Eger geboren wurde.


  2. Nur der Vollständigkeit sei noch erwähnt, dass der 08. Marcheschwan im Jahr 522 einer der תענית בה“ב-Tage war, der erste Donnerstag der sogenannten BaHaB(-Fasttage). Das sind jeweils drei Fasttage am Montag, Donnerstag und darauffolgenden Montag nach dem ersten Schabbat (das war der 03. Marcheschwan) nach dem Neumond, und zwar sowohl nach dem Pesach- als auch nach dem Sukkotfest.
    Allerdings darf an BaHaB eine Beschneidung durchgeführt werden (vorausgesetzt, es ist wirklich der 8. Tag, wie auch an Tisch’a be-Av oder Jom Kippur) und fällt daher als Grund für die Verschiebung der Beschneidung auf 09. Marcheschwan weg.


  3. Wurde Akiba Eger in Pressburg geboren und nicht in Eisenstadt, wie immer angenommen?
    Wenn wir bedenken, dass die Reise im Jahr 1761 vom Geburtsort Eisenstadt nach Pressburg für eine Familie mit einem neugeborenen Kind doch einigermaßen beschwerlich war, könnte der Beschneidungsort Pressburg schlicht deshalb gewählt worden sein, weil Akiba Eger auch in Pressburg ‒ und nicht in Eisenstadt ‒ geboren wurde?
    Dass Pressburg auch der Herkunftsort von Akiba Egers Mutter Gütel, Tochter des Pressburger Rabbiners Akiba Eger der Ältere, ist, scheint mir als Begründung für die Beschneidung des Sohnes doch zu weit hergeholt.
    Auch die hebräischsprachige Wikipedia-Site weist in Fußnote 4 auf das Problem mit dem Geburtsort hin.

Ein Jahr später finden wir im selben Pinkas den Beschneidungseintrag des Bruders von Akiba Eger, Samuel Schlesinger.
In den genealogischen Portalen wird als Geburtsjahr von Samuel 1755 angegeben [8]. Das ist nicht nur falsch, weil wir durch den Pinkas das Beschneidungsdatum und damit das Geburtsjahr kennen, sondern auch, weil Akiba Eger bekanntlich der erstgeborene Sohn war (der eben deshalb auch den Namen seines schon verstorbenen Großvaters „Akiba“ erhielt). Samuel Güns-Schlesinger ist 1762 geboren.

Zwei deutschsprachige Biografien

Gemälde Akiba Eger, aus der ehemaligen Wolf-Sammlung

Gemälde Akiba Eger, aus der ehemaligen Wolf-Sammlung


Ich beschränke mich hier auf zwei der ältesten deutschsprachigen Biografien, die allerdings zu den Klassikern zählen und wohl auch den Grundstein legten für die Tradition der falschen Geburtsdaten…

Saul Isaac Kämpf, Biographie des hochberühmten, hochseligen Herrn Akiba Eger, Oberrabbinen zu Posen, Verfassers einer Sammlung von Rechtsgutachten; nebst einem Trauergedicht auf sein Hinscheiden, Leszno 1838.

Dr. Isaac Kämpf, ein Schüler Rabbi Akiba Egers, publiziert seine Biografie („Gedruckt auf Kosten des Verfassers und zu haben bei Herrn Aaron Jacob Kaempf in Lissa ‒ Großherzogthum Posen ‒, und beim Verfasser in Salzuflen. 1838“) nur wenige Monate nach dem Tod Akiba Egers (12. Oktober 1837).

Kämpf stützt seine Biografie auf 3 Hauptquellen, die er im Vorwort auflistet:

  1. mein hochverehrter, für die talmudischen Wissenschaften allzufrüh verstorbener Lehrer und Gönner Rabbi Joel, Privatdozent zu Lissa, aus dessen zuweiligen Erzählungen ich die frühere Geschichte und die Individualität unseres Helden, dessen Schüler und Liebling er war, kennen lernte;

  2. der nächste Wirkungskreis des hohen Verblichenen, wo ich von Manchem selbst Zeuge war und auch aus dem Munde gut unterrichteter Personen viele Notizen sammelte;

  3. schriftliche Mittheilungen würdiger Männer, deren Namen zu nennen ihre Bescheidenheit mir verbietet…

Bildbeschriftung: תמונת הרב הגאון החסיד רבן של כל בני הגולה מרן רבינו עקיבא איגר ז“ל
„Bild des Rabbiners, des überragenden Gelehrten, des Frommen, des Meisters aller jener, die in der Diaspora sind, unseres Lehrers, unseres Rabbiners Akiba Eger, s(ein Andenken) m(öge bewahrt werden)“
.

Kämpfs eigentliche Biografie Akiba Egers beginnt mit dem Geburtsdatum 5512 = 1762 und Kämpf ergänzt in der Fußnote das hebräische Datum: י“ד מרחשון ת“ק י“ב לפ“ק14. Marcheschwan 512 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). Im Text selbst ist das bürgerliche Jahr 1762 durchgestrichen (weil offenbar Druckfehler) und auf 1752 korrigiert. Der 14. Marcheschwan 512 ist aber der 02. November 1751.
Also ist auch die ‒ von wem auch immer durchgeführte ‒ Korrektur des ohnehin falschen Geburtsdatums falsch.

Der Autor konzentriert sich auf die „Jugendgeschichte unseres Helden“ und stellt selbst keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit seiner Biografie. Viele der später diskutierten (und korrigierten) Daten haben ihren Ursprung aber offensichtlich in der Biografie Kämpfs (etwa Seite 5):

So sehen wir den jungen Gelehrten, nach damaliger Sitte, in einem Alter von achtzehn Jahren in den Ehestand treten.

Und ergänzt in der Fußnote hebräisch ein Zitat aus den Sprüchen der Väter 5,25: בן שמנה עשרה לחופה „… achtzehn Jahre alt zur Verheiratung…“.

Akiba Eger heiratete aber ‒ nach anderen Quellen ‒ im Sommer 1781 Glückl (Glückchen) Margulies (1762-1796), die Tochter des reichen Kaufmanns Itzig M. aus Leszno (Lissa) in Großpolen. Demnach wäre er also bereits im 20. Lebensjahr gewesen! In Leszno/Lissa hatte Akiba Eger eine Talmudschule eröffnet, aber jede rabbinische Anstellung abgelehnt.
Glückl starb am 12. Adar I 556 = 21. Februar 1796. Ende desselben Jahres ‒ nach anderen Quellen am 29. August 1796 ‒ heiratete Eger ein zweites Mal, und zwar seine Nichte Breindel, die ein Jahr vor ihm, 1836, starb.

Dass Kämpf auf Seite 42 von drei Ehefrauen spricht, verwundert schon aus zeitlicher Perspektive:

Er hinterließ 15 Kinder, die in ihm den zärtlichsten Vater beweinen. Seine letzte Gattin, die dritte Gefährtin seines Lebens, ging ihm … im Tode voran…

Auch die hebräischsprachige Wikipedia weiß von 15 Kindern, die Akiba Eger hinterließ, in den zitierten genealogischen Portalen [9] finden wir allerdings 21 Kinder. Die Differenz könnte aber auch dadurch entstehen, dass zur Zeit des Ablebens von Rabbi Akiba Eger einige der Kinder nicht mehr leben. Die Biografie auf der Website des Steinheim-Instituts präzisiert:

Er hatte von seiner ersten Frau vier und von seiner zweiten weitere dreizehn Kinder.

2 Kinder seien hier kurz erwähnt:
Akiba Egers Tochter Sara (Sarl) (1790-1832) war die zweite Frau des Pressburger Rabbiners Chatam Sofer (1762-1839). Akiba Egers Schwiegersohn war nur ein Jahr jünger als er selbst.
Egers Sohn aus erster Ehe, Salomon Eger (1786-1852), folgte seinem Vater als Oberrabbiner von Posen.

Insgesamt macht die Biografie Kämpfs in der Tat einen wenig wissenschaftlichen Eindruck, es ist eine beliebig zusammengestellte Auflistung von Ehrerbietungen und leider vielen zumindest fragwürdigen Daten.

Salomon Lewysohn, Vollständige Biographie des Ober-Landes-Rabbiners zu Posen, vormaligen Rabbiners zu Märkisch-Friedhland, Herrn Akiba Eger, ruhmvollen und unsterblichen Andenkens, Posen 1865.

Rabbi Akiba Eger

Lewysohns Biografie ist, wie er im Vorwort andeutet, im Grunde eine Neuauflage in Deutsch, Überarbeitung und Ergänzung/Vervollständigung der „Toledoth R. ‚Aqiva‘ ‚Egär, Erinnerungen von E.s Söhnen an ihren Vater, hrsg. Mosche Bleichrode, Berlin 1862; Nachdruck Warschau 1875; Lodz 1930, 30 S.; Jerusalem 1975; 1990„. Bleichrode, so Lewysohn, ist der Urgroßenkel von Rabbi Akiba Eger.

Einige Zeilen weiter (Seite VI) versucht er den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen:

Gegenwärtige Schrift macht durchaus nicht Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, denn sie erscheint im schlichten Gewande der Popularität … sie hat den ausschließlichen Zweck, uns das weitumfassende Lebensbild, die Charakterzüge und das Wirken eines ausgezeichneten Mannes vor die Augen zu führen.

Lewysohn lässt an Kämpf kein gutes Wort und kritisiert ihn wegen seiner unvollständigen und lückenhaften Biografie Egers, tappt aber zu einem Großteil in dieselben Fehlerfallen ‒ so etwa gleich auf Seite 2 bezüglich des Geburtsdatums:

Die erwähnte Gittel (s.u. Mutter von Akiba Eger, Anm.d.Verf.) gebar drei Söhne, von denen der älteste den Namen Akiba erhielt. Es ist dies der hochwürdige, weltberühmte Rabbi Akiba Eger, genannt ‚Lehrer der Exulanten‘. ‒ Er erblickte im Jahre 1762 ‒ nach jüdischer Zeitrechnung am 11. Marcheschwan 5522 ‒ das Licht der Welt.

Und in der Fußnote 4 dazu erklärt er seine Quelle:

Nach Angabe des Herrn Dr. Kämpf am 14. Marcheschwan 5512, also eine Differenz um ein Jahrzehnt, doch dürfte den Angaben der beiden Söhne des R. Akiba die Authentizität zugesprochen werden.

Offensichtlich tut sich hier die Hauptquelle für die falsche Geburtstagsangabe auf: Die Söhne von Rabbi Akiba Eger haben den 11. Marcheschwan 522 in die Welt gesetzt.

Auf Seite 7 ist Lewysohn derselben Meinung wie Kämpf, dass Akiba Eger nämlich mit 18 Jahren geheiratet hätte (s.o.), und führt in Fußnote 10 dieselbe Begründung an:

R. Akiba Eger war bei seinem Eintritt in den Ehestand achtzehn Jahre alt; analog den Sprüchen der Väter 5,24.

Lewysohn kennt ‒ im Gegensatz zu Kämpf ‒ selbstverständlich nur zwei Ehefrauen Akiba Egers und äußert sich zu den Kindern sehr vorsichtig, ohne konkrete Zahlen zu nennen (Seite 46):

Aus der Ehe mit seiner zweiten Gattin ersprossen ihm mehrere Söhne und Töchter, von denen bei seinem Hinscheiden zwei Söhne und zwei Töchter noch unverheirathet waren. Sämtliche Söhne erreichten eine hohe Stufe von Gelehrsamkeit und weltlicher Bildung. Seine Töchter vermählte er mit gelehrten und frommen Männern, die in Polen, Rußland und anderen Ländern ihren Wohnsitz haben. ‒ Seine zweite Gattin eilte ihm anderthalb Jahre in das Reich des jenseitigen Lebens voran. Nach ihrem Tode ging er nicht mehr in ein anderweites Eheverhältniß ein. ‒


Die Familie Eger in Eisenstadt

Am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt finden wir die Gräber vieler Familienangehöriger von Rabbi Akiba Eger:

Vater: Mose ben Samuel Güns-Schlesinger, gest. 1790

Mutter: Gütel Güns-Schlesinger, Tochter Akiba Egers des Älteren, gest. 1811

Schwestern:
Reikel Güns-Schlesinger, gest. 1788
Sarl Weiler, gest. 1837

Bruder: Samuel Schlesinger, gest. 1835

Großmutter mütterlicherseits: Jütel Leidesdorfer, in der Grabinschrift als „Rabbinerin“ bezeichnet, gest. 1781

Großvater väterlicherseits: Samuel Margulies-Jafe-Schlesinger, gest. 1756

Großmutter väterlicherseits: Sarl Güns-Schlesinger, Tochter des Mose Broda, gest. 1757

Urgroßvater väterlicherseits: Israel Marx (Ascher Anschel ben Mordechai Jafe-Margulies) Schlesinger, gest. 1734

Weiters finden wir auf dem älteren jüdischen Friedhof noch zahlreiche Onkel, Tanten, Schwager und Schwägerin sowie Nichten und Neffen von Rabbi Akiba Eger, die auf den o.g. Blogseiten genannt und verlinkt sind.

The feature article by Gur Aryeh Herzig on Hamodia

Update 09. Dezember 2018:
Ein ganz besonders schönes Chanukkageschenk wurde uns in den USA beschert: Dieser Blogartikel erschien in Hamodia-USA, der meistverkauften Anglo-Jüdischen Zeitschrift in Nordamerika. Wir danken dem Autor Gur Aryeh Herzig sehr herzlich!


I hope you actually read my article completely. As you can see, it is much more than a translation of your blog. I added some of my personal observations on details of this wimple. Also, the biography of RAE is done with a special emphasis of interest to the our orthodox and haredi readership. In addition, the description of the minhag of the wimpel is provided to our readership, most of whom never heard of this minhag.

All this is based on your invaluable and historic discovery whose importance cannot be overstated.
Jewish history owes you a big thanks.

Gur Aryeh Herzig


[1] Das Bild auf der hebräischsprachigen Wikipedia-Site scheint mir dasselbe zu sein, allerdings steht dort die Jahresangabe 1837. Es muss aber 1835 oder 1836 (vor Ende Oktober) sein, wenn Rabbi Akiba Eger 74 Jahre alt war, wie wir in der hebräischen Beschriftung unseres Bildes lesen. Auch herrscht dort etwas Unsicherheit, ob es sich um Rabbiner Mose Landsberg handelt, es könnte auch Samuel Vogelsdorf sein. In der Fußnote auch Quellenangaben zum Bild. [Zurück zum Text (1)]

[2] Sowohl auf der englischsprachigen, deutschsprachigen als auch polnischsprachigen Wikipedia-Site wird das falsche Geburtsdatum 08. November 1761 angegeben. [Zurück zum Text (2)]

[3] Auf der Website von Chabad.org findet man kein Monats- und Tagesdatum, aber ein nicht ganz richtiges hebräisches Jahresdatum: 5521 (statt 5522). Ebenfalls das falsche Geburtsdatum zeigen aber auch Fach-Websites wie JewishEncyclopedia oder The Yivo Encyclopedia of Jews in Eastern Europe. [Zurück zum Text (3)]

[4] Etwa: Wikitree.com, geni.com (Geburtsdatum wurde sofort nach Erscheinen dieses Artikels korrigiert!) oder loebtree.com. [Zurück zum Text (4)]

[5] So etwa in „Julius Schöps, Neues Lexikon des Judentums, Gütersloh 1992“ oder auch in „Jüdisches Lexikon, 2. Auflage 1987, D-H„. Eine recht ausführliche Literaturliste findet sich auf der Website des Steinheim-Instituts. Noch umfangreicher die Bibliografie in der Publikation von Edward David Luft, The Jews of Posen Province in the Nineteenth Century. A Selective Source Book, Research Guide, and Supplement to The Naturalized Jews of the Grand Duchy of Posen in 1834 and 1835, Washington 2015, die allerdings nicht ausschließlich Akiba Eger betrifft. [Zurück zum Text (5)]

[6] In jedem Fall höchst beachtenswert die Publikation von Edward David Luft, The Jews of Posen Province in the Nineteenth Century. A Selective Source Book, Research Guide, and Supplement to The Naturalized Jews of the Grand Duchy of Posen in 1834 and 1835, Washington 2015, wo sich eine äußerst umfangreiche und kommentierte Bibliografie, eben auch zu Rabbi Akiba Eger, findet. Wenn ich das richtig sehe, weist nur Rabbiner Dr. Siegbert Neufeld in MGWJ (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums), Vol. 68, 1924, S. 331 den 01. Marcheschwan = 29. Oktober als Geburtsdatum aus, alle anderen Biografien bleiben beim 11. Marcheschwan = 08. November!
Zwei Autoren weisen auch den 08. November 1761 = 11. Marcheschwan als Geburtstag aus, ergänzen aber, dass dieses Geburtsdatum das für den heutigen gregorianischen Kalender gültige Datum sei, und halten fest, dass es im damals in Gebrauch gewesenen julianischen Kalender der 01. Marcheschwan war (so Ernst Fraenkel, „Der Posener Raw: Zum 100. Todestage Rabbi Akiba Egers“, in: „Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preußen und Norddeutschland, Berlin: Preußischer Landesverband Jüdischer Gemeinden, Vol. 15, Nr. 10, 1. Oktober 1937, S. 1-2 und Rafal Witkowski, Rabin Akiva Eger, KMP (Kronika miasta Poznania), 2006, No. 3, pp. 44-50).
M.E. liegt dieser Theorie aber ein methodischer Fehler zugrunde: Selbst wenn der julianische Kalender herangezogen werden würde, was, wie ich meine, im Jahr 1761 trefflich diskutiert werden kann, würde sich jede Umrechnung zwischen julianischem und gregorianischem Kalender nur auf das bürgerliche Datum, also den 08. November, beziehen. Das hebräische Datum, der 01. Marcheschwan, steht aber hingegen fest und kann – wie auch immer – sowohl in den julianischen als auch in den gregorianischen Kalender umgerechnet werden.
Zur Verdeutlichung (JK = julianischer Kalender, GK = gregorianischer Kalender):
11. Marcheschwan 522 = 28. Oktober 1761 (JK), 08. November 1761 (GK)
01. Marcheschwan 522 = 18. Oktober 1761 (JK), 29. Oktober 1761 (GK).
[Zurück zum Text (6)]

[7] Für die Auflösung dieser Abkürzung bedanke ich mich herzlich bei Prof. Yaacov Shavit von der Universität Tel Aviv, der vor einigen Tagen unser Museum in Eisenstadt besuchte. [Zurück zum Text (7)]

[8] Etwa: Wikitree.com oder geni.com (Geburtsdatum wurde sofort nach Erscheinen dieses Artikels korrigiert!). [Zurück zum Text (8)]

[9] Etwa: Wikitree.com oder geni.com. [Zurück zum Text (9)]


1 Kommentar zu Akiba Eger – Der Geburtstag

Meir Eisenstadt und Alexander Aizenshtat – wir laden herzlich ein…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Gedenkfeier am Jahrzeittag von Rabbiner Meir Eisenstadt sowie zur Eröffnung der Ausstellung mit Bildern des jüdischen Künstlers Alexander Aizenshtat Wann: Sonntag, 10….

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur

Gedenkfeier am Jahrzeittag von Rabbiner Meir Eisenstadt

sowie zur Eröffnung der

Ausstellung mit Bildern des jüdischen Künstlers

Alexander Aizenshtat

Wann: Sonntag, 10. Juni 2018

Wo: Älterer jüdischer Friedhof in Eisenstadt und Österreichisches Jüdisches Museum

Programm:

16:00 UhrTreffpunkt am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt (Männer bitte Kopfbedeckung mitnehmen)
Reden der Ehrengäste, Enthüllung des renovierten Grabsteins und Kaddisch zum Gedenken an Rabbi Meir Eisenstadt

17:00 UhrTreffpunkt im jüdischen Museum mit Gebet in der Synagoge

18:00 UhrEröffnung der Ausstellung durch LAg. Bgm. Mag. Thomas Steiner, Bürgermeister der Freistadt Eisenstadt
Zur Ausstellung: Irina Alexandrowna Antonowa, Langzeitdirektorin und seit 2013 Präsidentin des Puschkin-Museums in Moskau

Anschließend kleines Buffet.

Alexander Aizenshtat

Dauer der Ausstellung: 11. Juni – 24. Juni 2018


Rabbi Meir Eisenstadt – MaHaRaM A“SCH

Rabbi Meir Eisenstadt gilt als einer der größten Gelehrten und Rabbiner seiner Zeit. Sein Vermächtnis erlangte enorme Popularität in der jüdischen Welt, seine Werke werden bis heute in religiösen Bildungseinrichtungen studiert.
Sein Grab auf dem älteren jüdischen Friedhof ist noch heute – vor allem in diesen Tagen, zu seiner „Jahrzeit“ – das Ziel von orthodoxen Juden aus aller Welt, die das Gedächtnis an diesen großen Lehrer aufrechterhalten.

Rabbi Meir hielt am Freitag, dem 3. Dezember 1717 seinen Einzug in Eisenstadt. Im Originaldokument lesen wir:

לזכרון יום ביאת הרב המאור הגדול אב“ד דקהלתינו לכאן יום ו“ ער“ח טבת שנת תע“ח לפ“ק
Zum Gedenken an den Tag, als der Rabbiner, die große Leuchte, der Vorsitzende des Gerichtshofes unserer Gemeinde hierher kam, am Freitag, Vorabend des (1.) Neumondtags Tevet, des Jahres 478 nach der kleinen Zeitrechnung.

Rabbi Meir kam also nach jüdischem Datum vor genau 300 Jahren (heuer haben wir das Jahr 778), am 5. Chanukkatag, nach Eisenstadt.
Er starb am Sonntag, dem 27. Siwan des Jahre 504 (= 07. Juni 1744), heuer fällt sein Jahrzeittag auf Sonntag, den 10. Juni!. Den Namen „seiner Stadt“ – Eisenstadt – erhielt er posthum.

In unserem Blog finden Sie sowohl einen ausführlichen Artikel über Rabbi Meir Eisenstadt als auch ein Foto seines (noch nicht renovierten) Grabsteins, Transkription und Übersetzung seiner hebräischen Grabinschrift sowie viele biografische Notizen (Kinder etc.).


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Die entgegengesetzte Richtung

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm…

Den Dolch der mörderischen Ablehnung verstand auch Alfred Polgar zu handhaben, dem es die klebrigen Anbiederungsversuche des Stammgastes Weiß angetan hatten. Als er eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm Weiß auf die Straße, gesellte sich devot an seine Seite und stellte ihm die scheinbar ausweglose Frage:

„In welche Richtung gehen Sie, Herr Polgar?“
er erhielt den prompten Bescheid:
In die entgegengesetzte.“

Torberg Friedrich, Gesammelte Werke, Band VIII. Die Tante Jolesch, München, 151988

In diesen Tagen, vor 85 Jahren, war für den „österreichischen Juden“ Alfred Polgar im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr. Anfang März 1933 floh er nach Prag. Am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher verbrannt.

1 Kommentar zu Die entgegengesetzte Richtung

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