Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Kunst und Kultur

Rauchen, Schabbes und eine Tabakdose

Rauchen und/im Judentum – das scheint ein reichlich abwegiges Thema zu sein. Mag sein, kulturgeschichtlich und halachisch (religionsgesetzlich) interessant ist die Sache allemal. Nicht von ungefähr hat es etwa die…

Rauchen und/im Judentum – das scheint ein reichlich abwegiges Thema zu sein. Mag sein, kulturgeschichtlich und halachisch (religionsgesetzlich) interessant ist die Sache allemal. Nicht von ungefähr hat es etwa die Frage nach der religionsgesetzlichen Behandlung des Rauchens zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht, und die Jewish Encyclopedia widmet dem Thema „Tobacco“ in seinen verschiedensten Facetten annähernd 4 Spalten.

Lernen kann man aus Letzterer etwa, dass es – angeblich – ein jüdischer Begleiter des Christoph Kolumbus, Luis de Terres (Torres), war, der den Tabakgebrauch allererst nach Europa importiert habe (vgl. JE, XII, S. 165) – ein legendärer jüdischer Urvater aller europäischen RaucherInnen quasi …
Außerdem, dass die Verbreitung des Tabakkonsums unter den europäischen Juden, naheliegenderweise, mit allerlei religionsgesetzlichen Diskussionen einherging – beispielsweise in der Frage, ob dem Inhalieren des Rauchs ein Segensspruch vorangehen solle, oder in Fragen der Erlaubtheit des Rauchens an Fest- und Fasttagen (vgl. JE, XII, S. 165f.). –

Ein besonders hübsches Beispiel für die Gängigkeit des Tabakkonsums auch in spezifisch jüdischem Setting findet sich bei Joseph Roth. Ein ostjüdisches Städtchen beschreibend kommt die Rede auf die dortigen Bethäuser und deren Besucher: Die Anwesenden, so beschreibt Roth die Szenerie,

… rauchen Zigaretten und schlechten Pfeifentabak im Bethaus. Sie benehmen sich wie in einem Kasino.

Der Tabakgenuss scheint mitunter also noch nicht einmal an den Türen der Bethäuser Halt gemacht zu haben! Roth versieht die Szene zudem mit einer bemerkenswerten, nämlich theologischen Deutung, indem dieses scheinbar wenig ehrfürchtige Betragen tendenziell als Indiz einer einzigartigen religiösen Intimität gewertet wird: Jene rauchenden und ganz und gar unverkrampften Beter seien eben

… bei Gott nicht seltene Gäste, sondern zu Hause. Sie statten ihm nicht einen Staatsbesuch ab, sondern versammeln sich täglich dreimal an seinen reichen, armen, heiligen Tischen. … Es gibt kein Volk, das dieses Verhältnis zu Gott hätte. Es ist ein altes Volk, und es kennt ihn schon lange!

Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft, München 2006, S. 26

Aber zurück zur (auch in der Gegenwart heiß diskutierten) Frage der Erlaubtheit. Unzulässig ist das Rauchen jedenfalls am Schabbat – kein Feuermachen (und auch nur sehr eingeschränkter Gebrauch von am Vortag entzündetem Feuer), entsprechend auch kein Rauchen! (vgl. Jüd. Lex., I, Sp. 445f. u.a.)
Dazu stimmt beispielsweise auch, dass BesucherInnen der Jerusalemer Westmauer –
ob jüdisch oder nicht – eigens darauf hingewiesen werden, dass hier am Schabbat, neben Fotografieren und Handy-Benutzung, auch das Rauchen „streng verboten“ sei.

In diese Zusammenhänge des Rauchens und Nicht-Rauchens passt nun auch das folgende museale Stück – eine Tabakdose aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die in der Dauerausstellung unseres Hauses zu sehen ist.

Tabakdose aus Silber, Ungarn 1839

Tabakdose aus Silber, Ungarn 1839, Jüd. Museum Wien, Slg. Max Berger, IN 504

Die Aufschrift indiziert augenscheinlich eine Benutzung am Schabbat – ל שבת קודש, für den heiligen Schabbat.
Eine Tabakdose, ausgerechnet für den rauch-freien Schabbat? Die Deutung liegt nahe, dass die Dose näherhin der Aufbewahrung von Schnupftabak diente – der nämlich galt gemeinhin als auch am Schabbat erlaubt (vgl. JE, XII, S. 166) und taugte entsprechend gerade als schabbat-kompatibler Rauch-Ersatz

Zum Thema „Schnupftabak und Schabbat“ siehe auch das berühmte Bild „Die/Eine Prise Schnupftabak“ (oder hier, in einer alternativen Fassung, noch größer) von Marc Chagall! Eine kurze Bildbeschreibung der Kunsthalle Düsseldorf siehe hier und eine ausführlichere Beschreibung, warum das Bild den Rabbiner (?) am Schabbat zeigt, finden wir u.a. im Sammelband „Das verfemte Meisterwerk„:

… Der Mann hat seine Lektüre für einen Augenblick unterbrochen, um eine Prise Tabak zu schnupfen. Darin könnte ein Hinweis auf den Zeitpunkt des Geschehens liegen: Raucher benutzen am Schabbat, an dem keinerlei Arbeit verrichtet werden darf, gern Schnupftabak, weil das Entzünden von Feuer verboten ist. Noch ein weiteres Indiz spricht für den Feiertag: Auf dem Tisch liegt kein Schreibgerät. Auch das Schreiben ist – im Gegensatz zum Lesen – am Schabbat nicht gestattet …

Schlussbemerkung in eigener Sache: Die Literaturbasis zum Thema Schnupftabak / Schabbat etc. ist (trotzdem die Kolleginnen/Kollegen des Jüdischen Museums Franken dem „Schnupftabak“ vor einigen Jahren sogar eine eigene Ausstellung gewidmet haben) einigermaßen schmal – einschlägige Hinweise von diesbezüglich bewanderten Blog-Leserinnen/-lesern werden entsprechend dankbar entgegengenommen!

Für hilfreiche Anmerkungen zum Thema danken wir Dr. Felicitas Heimann-Jelinek!


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Schawu’ot 5773

Am kommenden Dienstag ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Schawu’ot („Wochenfest“) – „das Fest mit den vielen Namen„, wie es Rabbiner Joel Berger nennt. Allen voran ist es neben…

Am kommenden Dienstag ist Erev Schawu’ot, der Vorabend des Schawu’otfestes. Schawu’ot („Wochenfest“) – „das Fest mit den vielen Namen„, wie es Rabbiner Joel Berger nennt. Allen voran ist es neben dem „Fest der Erstlingsfrüchte“ das „Fest der Toragebung“ (זמן מתן תורתנו „sman matan toratenu“): Gott hat dem Volk Israel durch Mose die Tora gegeben. Von vielen wird dieser Tag auch als der Tag gesehen, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.

Eine wohl nicht so bekannte, aber höchst eindrucksvolle Darstellung der Gesetzgebung auf dem Sinai finden wir in der berühmten Amsterdamer Haggada, sowohl in der Erstausgabe von 1695 als auch in der Ausgabe von 1712.

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, fol 10v


Unter dem Bild finden sich 2 Zitate: 1) משה ידבר והאלהים יעננו בקול „… Mose redete und Gott antwortete im Donner“ (2. Buch Mose 19,19) und 2) ויאמרו כל אשר דבר יהוה נעשה ונשמע „…Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen“ (2. Buch Mose 24,7).

(Scan aus „Schubert U., Jüdische Buchkunst, 2. Teil, Graz 1992, Abb. 66“)

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Amsterdamer Haggada 1695, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Schon 1625 hatte Matthäus Merian d.Ä. seine „Icones Biblicae“ als Kupferstiche mit Versen und Reimen in 3 Sprachen herausgebracht. 1630 erschien in Straßburg die Lutherbibel, in der Merian die Kupferplatten erstmals zur Illustration einer Foliobibel verwendet und die Zahl der Bilder erweitert hatte. Das Zeitalter des Kupferstichs in der Bibelillustration hatte damit begonnen und die Holzschnitte abgelöst.

Etwa zur selben Zeit, nämlich 1626, gründete Menasse ben Israel in Amsterdam eine hebräische Druckerei und gab eigene, neue Schrifttypen in Auftrag. Das „Be’otiot Amsterdam“ (באותיות אמסטרדם „Mit den Buchstaben von Amsterdam“), von vielen (nicht-niederländischen) Schreibern auf die Titelseiten gesetzt, ist legendär, wenngleich oft unrichtig und nur verwendet, weil die Qualität der Amsterdamer Buchstaben so hervorragend war.

Bald entsprachen Holzschnittillustrationen nicht mehr den Wünschen der jüdischen Gemeinde von Amsterdam, im 17. Jahrhundert hatte der Kupferstich in den hebräischen bzw. judendeutschen Drucken bislang nur auf der Titelseite Verwendung gefunden.
Auch ein erst in den 80er-Jahren des 17. Jahrhunderts zum Judentum konvertierter christlicher Theologe (so die opinio communis) war von den neuen Kupferstichtechniken angetan und in Amsterdam als Kupferstecher tätig. Die bedeutendste Arbeit dieses Abraham bar Jakob sind die im Auftrag des Aluph Mose Wesel geschaffenen Kupferstichillustrationen für die 1695 in Amsterdam gedruckte sogenannte Amsterdamer Haggada.

Wohl dem Manne (M. Wesel), der die Weisheit gefunden und mich (Abraham bar Jakob) den Weg im heiligen Handwerk gewiesen hat … Früher, heißt es, wurden die Bilder in Holz geschnitten, was nicht so glanzvoll war, … Heute, da die Bilder in Kupfer gestochen sind, ist es wie der Vorzug des Lichtes gegenüber der Finsternis, ein Höchstmaß an Schönheit.

Als Vorlage für die Haggada-Illustrationen herangezogen – ob vom Auftraggeber angeregt oder vom Künstler, bleibt offen – wurden jedenfalls die bei christlichen Käufern sehr beliebten Kupferstiche des eingangs erwähnten Matthäus Merian d.Ä. Dass die Amsterdamer Haggada dadurch völlig um das rabbinische Legendengut gebracht wurde, liegt auf der Hand, die Kupferstiche von Matthäus Merian waren für die Illustrierung der Pesach-Haggada völlig ungeeignet. Weitere schwerwiegende Mängel und das Fehlen aller Ritusdarstellungen sowie traditioneller Textillustrationen in der Erstausgabe von 1695 führten jedenfalls zu heftigen Widerständen.
Die Neuauflage von 1712 sollte hier Abhilfe schaffen, beide Ausgaben der Amsterdamer Haggada wurden v.a. aufgrund der Neuordnung ihrer Bilder als auch der neuen Technik zur Vorlage für fast alle jüdischen Illustratoren des 18. Jahrhunderts.

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, fol 15v


Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail

Amsterdamer Haggada 1712, Gesetzgebung am Sinai, Detail


Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schavu’ot!

חג שבועות שמח!


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Ein Meister des Prager Deutsch

Prager Triptychon – von Johannes Urzidil. Beim Kramen in meiner Bibliothek ist mir dieser Tage wieder die dtv-Ausgabe dieses Romans in die Hände gefallen, den ich vor genau 50 Jahren…

Prager Triptychon – von Johannes Urzidil. Beim Kramen in meiner Bibliothek ist mir dieser Tage wieder die dtv-Ausgabe dieses Romans in die Hände gefallen, den ich vor genau 50 Jahren gelesen habe. Im April 1963 in Haus im Ennstal, wo ich mit zwei Freunden zum österlichen Schifahren einquartiert war. Ich habe Datum und Ort aus welchen Gründen damals auch immer im Inneren des Buches vermerkt.

Und zu dem kleinen Urlaub als Student an der Universität Wien im 8. Semester habe ich mir diese Lektüre mitgenommen, weil ich kurz davor in einem Kulturinstitut in der Annagasse im Ersten Wiener Gemeindebezirk Gast bei einer Lesung Urzidils gewesen bin, die mich sehr beeindruckt hat.

Der 1896 in Prag geborene, 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag ins Exil gegangene (über Italien nach England, 1941 dann in die USA/ New York) Schriftsteller las damals seine Erzählung „Der Tod und die Steuern“, in der er die Schwierigkeiten seiner ersten Jahre in Amerika thematisiert hat. Bravourös und durchaus auch humorvoll vorgetragen, trotz der leidvollen Erfahrungen in einer ihm noch völlig neuen und fremdartigen Umwelt.

Johannes Urzidil (Sohn eines deutschböhmischen Eisenbahningenieurs und einer tschechisch-jüdischen Mutter) emigrierte in die USA mit seiner Frau Gertrude Thieberger, die einer angesehenen Rabbinerfamilie Prags entstammte, und lebte bis wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1970 in New York. (Urzidils Schwager, Friedrich Thieberger, war übrigens der Hebräisch-Lehrer Franz Kafkas) Gestorben und begraben ist Johannes Urzidil allerdings in Rom, wo er sich gerade im Rahmen einer Vortrags- und Lesereise durch Europa befunden hat. In einem Nachruf würdigte ihn der prominente Wiener Kritiker Hans Weigel als

einen europäischen Österreicher, der das Land der Böhmen mit der Seele suchte. … Mit ihm ist das alte Prag in die höhere Wirklichkeit der unvergänglichen Legenden eingegangen.

Bis zur Besetzung Böhmens und Mährens durch Nazi-Deutschland war Urzidil das jüngste Mitglied des legendären Deutsch-Prager Dichterkreises. Er war mit Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel befreundet. 1924, im Alter von 28 Jahren, hielt Urzidil beim Begräbnis von Kafka eine Trauerrede.

Mit Prag und Böhmen beschäftigen sich auch die meisten seiner Erzählungen und Romane wie „Die verlorene Geliebte“, „Das Prager Triptychon“ oder „Da geht Kafka“. Von großer literarhistorischer Bedeutung ist Urzidils bis heute unerreichte Studie über „Goethe in Böhmen“.

Urzidil war 13 Jahre lang auch Mitglied der deutschen Prager Freimaurerloge „Harmonie“, die unter der Gerechtsame der Großloge „Lessing zu den drei Ringen“ arbeitete und die Urzidil selbst nach der Besetzung Prags durch die Nazis, unmittelbar vor seiner Emigration, auflösen musste. Davor bekleidete er verschiedene Ämter in dieser Loge, hielt zahlreiche Logenvorträge und war auch Redakteur der masonischen Zeitschrift „Die drei Ringe“.

Die Freimaurerei, so Johannes Urzidil in einem in den 1960er-Jahren erschienenen Text,

halte ich für ein lebenswichtiges Vehikel der allgemeinen Moral, sofern sie nicht vereinsmeierisch betrieben wird, ebenso wie ja auch die Religionen von mancherlei Orthodoxie freigehalten werden müssen, um richtig wirken zu können. Ich habe die Bibel beider Testamente bei den Arbeiten der Freimaurer niemals als bloßes Symbol betrachtet. Sie ist vielmehr die große innere Sicherung der königlichen Kunst und sollte nicht bloß daliegen, sondern von A bis Z die unerlässliche Pflichtlektüre jedes Freimaurers sein.

Urzidils Werke sind heute auch eine Begegnung mit dem legendären Prager Deutsch verflossener Zeiten, nach Ansicht des Literaturkritikers Peter Demetz, das reinste Deutsch vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

Urzidils Meisterschaft besteht nicht zuletzt darin, als gelehrtester aller Prager deutschen Schriftsteller zu erzählen und seine Gelehrsamkeit dabei höflich zu verbergen, um die Leute nicht zu stören, die ihn partout als Herz- und als provinziellen Heimatschriftsteller lesen wollten.

Um sich einen guten Überblick über diese Werke zu verschaffen, ist der von Klaus Johann und Vera Schneider vor zwei Jahren herausgegebene Auswahlband „Johannes Urzidil – HinterNational“ zu empfehlen (Potsdamer Bibliothek, Deutsches Kulturforum – östliches Europa). Beigelegt ist diesem Lesebuch eine CD, auf der Mitschnitte vieler Lesungen Urzidils und seine wunderbare Vortragskunst zu genießen sind.

Buchcover 'Johannes Urzidil - HinterNational'

Buchcover „Johannes Urzidil – HinterNational“

Ich bin, wie ich hier sitze, … beinahe die letzte Reliquie Kafkas. … Kein Mensch unter den Tschechen – unter den rund 1 Million Tschechen, die in Prag lebten – hatte eine Ahnung, was für ein bedeutender Mann [mit dem Tode Kafkas] dahingegangen war. Selbst unter den Deutschen war es nicht viel anders. Ich erinnere mich, als wir nach der Bestattung Kafkas – Brod und ich – die Totenreden für ihn hielten …, dass wir beide auf die künftige Weltbedeutung Kafkas hinwiesen – was dem Publikum ein leichtes Lächeln abnötigte. Es wollte das niemand glauben. … Der Vater meiner Frau [traf] einmal, als die ‚Verwandlung‘ erschienen war, auf der Straße Kafka …, und, um ihm eine Freundlichkeit zu sagen, bemerkte [er]: ‚Ich habe soeben Ihr neues Buch gelesen.‘ Und da sagte nun Kafka: ‚Na, was sagen Sie, Herr Professor – was in unserm Haus für Sachen vorgehen!

Hier im O-Ton: Johannes Urzidil – in großartigem Vortragsstil! – über Kafka, dessen Werk und dessen Verhältnis zum Judentum:


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Das Wertheimerhaus

Beim Kinoabend vor einigen Tagen in unserem Haus, an dem der beeindruckende Film „Zug des Lebens“ gezeigt wurde, sprach Architekt Dr. Klaus-Jürgen Bauer – wie immer an den Abenden des…

Beim Kinoabend vor einigen Tagen in unserem Haus, an dem der beeindruckende Film „Zug des Lebens“ gezeigt wurde, sprach Architekt Dr. Klaus-Jürgen Bauer – wie immer an den Abenden des Wanderkinos – über den Ort, an dem der Kinoabend stattfindet. So an diesem Abend über unser Haus, das Wertheimerhaus … und überraschte selbst uns mit einer sensationell spannenden Aussage über die große Bedeutung unseres Hauses, aber lesen Sie selbst! Wir freuen uns, mit Klaus-Jürgen Bauer einen neuen ständigen Gastautor gewonnen zu haben.

Die Architektur des Schtetls in Film und Wirklichkeit

Der Film „Zug des Lebens“ von Radu Mihaileanu spielt zu einem großen Teil an einem sehr besonderen Ort, nämlich in einem jüdischen Schtetl. Wie das jiddische Wort lautmalerisch erklärt, ist ein Schtetl eine kleine Stadt, ein Stadtteil, in dem vor allem Juden leben, jedenfalls etwas anderes als eine schtot, also eine Stadt. Manès Sperber beschreibt das Lebensgefühl im Schtetl wie folgt:

Im Städtel gab es nicht eine Spur eines Minderwertigkeitsgefühls wegen der Zugehörigkeit zum Judentum und daher nicht die geringste Neigung, das eigene Wesen zu verhüllen oder wie die anderen zu werden.

Manès Sperber: Die Wasserträger Gottes

Wir kennen das Leben in den Schtetln vor allem aus Fotografien und aus der Literatur, kaum jedoch aus Filmen. Zu dem Zeitpunkt, als die Filmindustrie in der Lage war, aufwändigere Filmproduktionen auch außerhalb von Studios herzustellen, waren die vor allem osteuropäischen Schtetl leider schon unter der Dampfwalze der Vernichtung. Trotzdem gibt es ein paar polnische Spielfilme aus den späten dreißiger Jahren, wie z B. den Film Jiddl mitn Fidl aus dem Jahr 1936 von Joseph Green (Josef Grünberg), ein harmloser Heimatfilm mit viel Musik. Wir alle kennen das Remake dieses Filmes aus dem Jahr 1983, nämlich Barbra Streisands Yentl.

Der mit Abstand bedeutendste Film aus dem Schtetl kommt allerdings aus Deutschland. Im Jahr 1920 drehte nämlich Paul Wegener in den Ufastudios in Berlin-Babelsberg den Film Golem, wie er in die Welt kam. Dieser Film wurde einer der international größten Erfolge des deutschen Stummfilms, er war monatelang in den Vereinigten Staaten und sogar in China zu sehen. Im Film geht es um die Abenteuer des berühmten Prager Rabbis Judah Löw. Der eigentliche Star dieses Filmes ist jedoch nicht der Rabbi, sondern die expressionistische Judenstadt, das Schtetl, das niemand geringerer als der berühmte Berliner Architekt Hans Poelzig entworfen hatte. Dieses Bild einer pittoresken, plastischen, überwucherten romantischen Stadt prägte das märchenhafte Bild deutscher Städte bis heute. Was Poelzig für den Film baute, war allerdings nicht das Abbild einer romantischen deutschen Stadt, sondern eben eines osteuropäischen, jüdischen Schtetls. Stimmt das auch? Glücklicherweise können wir das überprüfen. Wir befinden uns ja heute Abend innerhalb eines ehemaligen Schtetls, des Schtelts A“SCH (EisenStadt).

Das „Wunder“ vom Palais im Schtetl

Wertheimerhaus 2011

Dieses Schtetl mag früher wie andere Schtetl auch durch eine Überfülle an Menschen geprägt gewesen sein, durch Armut, durch mittellose Handwerker, Kleinhändler und Taglöhner. Auf das Haus, in dem wir heute Abend zu Gast sind, trifft das jedenfalls ganz und gar nicht zu. Es ist so groß und so prächtig, dass es an einem Ort wie diesem eigentlich nicht sein sollte. Wie kommt also das Palais ins Schtetl?

Der Erfinder dieses paradoxen Hauses – dessen Fassade ich übrigens ab dem Jahr 2003 renovieren durfte – war Samson Wertheimer, ein Wiener Hofjude und Gelehrter, ein Kreditgeber und Finanzberater des Kaiserhauses. Kurz vor dem Jahr 1700 wurde dieser Herr Wertheimer von der jüdischen Gemeinde Eisenstadt zum Ehrenrabbiner und vom Kaiser zum ungarischen Landesrabbiner ernannt, worauf sich der so Geehrte mit 61 Jahren – im Jahr 1719 – dieses Palais hier errichten ließ, das immerhin nach dem Schloss Esterházy der größte und bedeutendste Profanbau Eisenstadts ist!
Dieses Palais orientiert sich jedenfalls ganz und gar nicht an romantischer und expressionistischer Kleinstadtarchitektur, sondern an viel ferneren Ideen: hinter dem Palais Wertheimer in Eisenstadt steht das absolute Idealbild aller Architekturen jener Zeit, der Ur-Palast gewissermaßen, nämlich der Palazzo Farnese von Michelangelo in Rom. Ein ziemliches Statement, finde ich, inmitten der damals weitgehend erdgeschossigen, vielfach noch hölzernen Gebäude der Kleinstadt Eisenstadt. Hier wollte jemand definitiv nicht das eigene Wesen verhüllen, wie Sperber sagte, sondern ganz im Gegenteil: hier wollte jemand ein sehr, sehr deutliches Zeichen setzen. Die heutige lindgrüne und steingraue Fassung geht übrigens auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

Jetzt geht es für uns alle zurück, nämlich in das Schtetl des Jahres 1941. Einer der Wesenszüge der jüdischen Kultur ist ja das Wundersame: und so, wie im Jahr 1941 ein Zug ins Schtetl gelangte, so gelangte wohl auch im Jahr 1719 ein Palais in das Schtetl. Oder – um es mit Arik Brauer zu sagen -:

scho wieder so a Wunder


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