Thema: Kunst und Kultur

Kopf der Woche – Jascha Heifetz

2011 ist ein Jahr der runden Musiker-Geburtstage: “Jewish Elvis” Neil Diamond feierte dieser Tage seinen 70er, Mr. Robert Zimmermann folgt (gleichfalls mit seinem 70er) im Mai.

40 Jahre vor Diamond und Dylan wiederum, genau am 2. Februar 1901, wurde ein Klassiker ganz anderer Art geboren: Jascha Heifetz, litauisch-amerikanische Geiger-Legende.

Heifetz, von seinen Biographen regelmäßig mit krönenden Superlativen aller Art belegt (“bestbezahlter”, “berühmtester” etc. Geiger seiner Zeit/aller Zeiten), begann seine Langzeit-Karriere als Wilnaer Geigen-Wunderkind: Zunächst vom Vater unterrichtet gab er als 7-jähriger sein Konzertdebüt; für das Jahr 1911 – Heifetz ist gerade zehn – ist ein Auftritt vor 25.000 hemmungslos begeisterten Zuhörern überliefert, deren Heifetz-Hysterie gar polizeiliches Einschreiten erforderlich gemacht haben soll (eigenartigerweise wird die Szene von einigen Quellen in Odessa, von anderen in St. Petersburg angesiedelt).

In dieselbe Zeit fallen Heifetz’ erste Platten-Aufnahmen. 1917 folgt die Emigration in die USA – und schließlich eine fast 7 Jahrzehnte währende Konzert-, Tournee- und Platten-Karriere …

Jascha Heifetz starb im Dezember 1987 in Los Angeles.

(vgl. zu Heifetz’ – teils recht widersprüchlich überlieferten – Biographie auch: H. Eggebrecht: Große Geiger. Kreisler, Heifetz, Oistrach, Muter, Hahn & Co. München: Piper 2000. S. 337-349, sowie Heifetz’ offizielle Website: jaschaheifetz.com)

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Superstars unter sich: Franz Liszt und Moritz Friedmann

Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© II

Nachdem Franz Liszt 1865 von Papst Pius IX. persönlich die niederen Weihen empfangen hatte und sich ab nun “Abbé” nennen ließ, verbrachte er die nächsten Monate abwechselnd in Rom und Budapest.

Anlässlich seines Aufenthalts in Budapest traf Franz Liszt auf den Oberkantor der nach Plänen von Ludwig Förster zwischen 1854 und 1859 erbauten großen Synagoge in Budapest, Moritz Friedmann.

Bildquelle: Günther Grünsteudel, Musik für die Synagoge, Universitätsbibliothek Augsburg

Korrespondenz, Pest, im September: Franz Liszt besuchte vor seiner Abreise nicht nur alle Institute, welche in irgend einer Beziehung zu der Kunst stehen, sondern auch alle irgendwie hervorragenden Sehenswürdigkeiten, so unter anderen, wie bereits gemeldet, auch den isr. Tempel, wo er über die Vorzüglichkeit der Orgel sich sehr lobend aussprach. Zu diesem Tempelbesuche Liszt’s haben wir noch Folgendes hinzuzufügen: Der Herr Oberkantor Friedmann zeigte ihm bei dieser Gelegenheit mehrere Kompositionen mit ungarischen und hebräischen Texten. Liszt äußerte den Wunsch, diese Gesänge zu hören, in Folge dessen Herr Friedmann später im Privatzirkel dem Herrn Abbé einigen Piecen in begeisternder Weise vortrug. Tief bewegt wendete sich Liszt an Herrn Friedmann mit den Worten: “Haben Sie besten Dank und empfangen Sie meine Versicherung, daß ich dies nicht nur als schönen Gesang, sondern noch als etwas Höheres anhörte.” Außerdem erhielt Herr Friedmann noch eine äußerst schmeichelhafte schriftliche Anerkennung von Liszt …

Ben Chananja 37 (13.9.1865), Sp. 645-646

Moritz Friedmann

Moritz Friedmann (geb. 7. März 1827 in Hraböcz/Hrabovec, Slowakei, gest. 29 August 1891 in Budapest) gestaltete schon als Kind den Synagogengottesdienst mit. Nach einigen Jahren wurde er als Hilfskantor nach Ödenburg (Sopron) berufen und schließlich 1857 als Oberkantor nach Budapest. Für seine Dienste wurde im der Professorentitel verliehen.

Für uns besonders interessant in seiner Biografie sind die Burgenland- und Wienbezüge. Denn Moritz Friedmann wirkte nicht nur einige Jahre in Deutschkreutz, sondern heiratete später auch die Tochter des Komponisten Carl Goldmark, Johanna:

… Nach langen Wanderungen in allen Gegenden Ungarns fand er endlich im Jahre 1844 bei dem Cantor zu Deutsch-Kreuz, Rubin Goldmark, dem Vater des aus dem 1848er Jahre bekannten Dr. Goldmark und des berühmten Componisten Karl Goldmark eine dauernde Anstellung. Er blieb daselbst durch 4 Jahre als Synagogensänger, zweiter Cantor und Lehrer. 1848 erhielt er in Oedenburg die Stelle des Cantors und Religionslehrers. Er behielt diese Aemter nicht lange, denn er schloß sich den Honved an und machte den Landsturm gegen Jelacic mit. Hierauf gieng er nach Wien, wo er 11/2 Jahre an der Seite Professor Sulzer’s als Tempelsänger fungirte. 1850 ward er Cantor, Lehrer und Secretär in Fünfhaus bei Wien. In diesem Jahre heirathete er Fräulein Johanna Goldmark, die Tochter des früher erwähnten Cantor Goldmark in Deutsch-Kreuz, die sich ihm bis an sein Lebensende als treue, aufopferungsvolle Gattin bewährte. Von den Kindern, die dieser Ehe entsprangen, leben noch eine Tochter und drei Söhne.

Im Jahre 1857 wurde Friedmann als Cantor für den neuen Tempel in der Leopoldstadt in Wien acceptirt, er trat dieses Amt jedoch nicht an, weil ihn die Pester isr. Religionsgemeinde am 23. Juni 1857 zum Obercantor ihres großen Tempels in der Tabakgasse ernannte und er dieser Ernennung den Vorzug gab.

Österreichislch-ungarische Cantoren-Zeitung (11.9.1891), S. 1 (Quelle: compactmemory.de)

Das Begräbnis von Moritz Friedmann löste eine wahre Massenhysterie aus, nicht unähnlich der Beerdigung eines Popstars in neueren Zeiten ;) – aber lesen Sie selbst:

… Das Leichenbegräbnis Friedmanns hat in einer den reichen Verdiensten des Verstorbenen angemessenen und würdigen Weise Montag den 31. August stattgefunden. Eine ungeheure Menge von Trauergästen und Zuschauern zeugte von der Popularität und Beliebtheit des Verstorbenen. Der isr. Cultustempel hatte Trauerschmuck angelegt, die Gascandelaber waren mit Flor verhüllt, die Thüren des Gotteshauses waren mit schwarzem Tuch drapirt und die Gitterthüren waren entfernt und durch schwarze Draperien ersetzt worden. Nach Hunderten und Hunderten zählte die Menge, welche schon um 8 Uhr Morgens die Tabakgasse occupirt hielt, Fenster und Gewölbethüren waren dicht besetzt und der Andrang war ein so vehementer, dass trotz versuchter Abwehr die Draperien förmlich in Stücke gerissen wurden. Die Polizei stellt, den Anordnungen des herbeigeeilten Stadthauptmannes und Polizeirathes … gehorchen, die Ordnung schließlich her und die Trauerceremonie konnte nun ihren Anfang nehmen …

Österreichislch-ungarische Cantoren-Zeitung (11.9.1891), S. 2 (Quelle: compactmemory.de)

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Franz Liszt und sein jüdischer Entdecker

Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© I

In wenigen Tagen, am 27. Jänner 2011, findet der feierliche Auftakt zu Lisztomania 2011© statt, das Burgenland feiert 2011 “‘seinen Superstar’, das Wunderkind, den Klaviervirtuosen, den Frauenschwarm, den Freigeist und Hexenmeister der Konzertsäle Europas”: Franz Liszt.

Zitiert aus dem Text der Einladung

Was uns 2009, im Haydn-Jahr, nicht vergönnt war (weil es einfach keine Anknüpfungspunkte gab), dürfen wir jetzt nachholen und sozusagen auch von “jüdischer Seite” aus einen kleinen Beitrag zu “Lisztomania 2011©” leisten.

Geplant sind vorerst 3 kurze Blogbeiträge, die sich mit Franz Liszt aus der Sicht jüdischer Quellen beschäftigen und wir beginnen heute – immerhin (!) – mit der Entdeckung des Wunderkindes:

Auf seiner Reise durch die Sieben-Gemeinden, die sieben heiligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes, folgte für den Journalisten, Schriftsteller und Zionisten Otto Abeles

nach den Stunden in der atembeklemmenden dumpfen Enge von Deutschkreutz (Zelem) [...] ein heller Tag im freundlichen Lackenbach.

(Anmerkung: Lackenbach liegt knappe 6km neben Raiding, wo Franz Liszt am 22. Oktober 1811 geboren wurde).

Draußen, am guten Ort, der neben den uralten kleinen Steinen auch schon Nobelgerüste à la Döblinger Friedhof, aufweist, liegt der Sohn des Maharam Asch Eisenstadt, Rabbi Benjamin Asch, der das Rabbinat von Lakenbach und Kobersdorf innehatte und hier geliebt, geehrt war, wie sein größerer Eisenstädter Vater. Ihm folgte durch drei Rabbinergenerationen die Ullmannsche Dynastie. Den hundertsten Todestag des Stammvaters, der den Beinamen Charew (der Scharfsinnige) führte, und eine Leuchte in Israel war, hat man zu Lakenbach im Vorjahre gefeiert. Reb Scholem Charew soll auch körperlich ein Riese gewesen sein und einst einen Bären erwürgt haben. Sein Urenkel erzählt mir von seinen berühmten Ahnen, während er im Gewölbe die Kundschaft bedient.

Ein interessantes Ledergeschäft! Oberhalb der Warenstapel laufen Bücherbretter rings um die Wand. Es sind keine Geschäftsbücher, sondern ererbte Bibliotheksbestände. Das Gespräch mit dem Träger eines berühmten Namens erweist, dass nicht viele jüdische Kaufleute der Großstadt über so viel Bildung, Kultur und geistiges Interesse verfügen, wie dieser Lakenbacher, der jetzt für 20 Groschen Holznägel zuwiegt und sie in die selbstgedrehte Tüte schüttet.

“Hier oben”, erzählt er während des Tütendrehens und weist auf das Stockwerk über seinem Gewölbe, “hier in diesem Hause wohnte Ruben Hirschler, der im Leben Franz Liszts eine bedeutsame Rolle spielte. Der alte Hirschler, ein wohlhabender und kunstliebender Mann, ließ – damals bei Juden eine Ungeheuerlichkeit – seine Töchter bereits das Klavierspielen erlernen. Mit Liszts Vater, welcher Verwaltungsbeamter Esterhazys auf dem Nachbargute Raiding war, stand er in Geschäftsverbindung. Als Vater Liszt mit dem kleinen Franz einst hier zu Besuch weilte, erkannte der alte Hirschler die Begabung des Knaben, schenkte ihm das Klavier und kümmerte sich um seine Ausbildung.”

So hat ein Lakenbacher Jude dem großen Franz Liszt die Laufbahn des weltberühmten Pianisten und Tondichters eröffnet.

Abeles O., Das freundliche Lakenbach, in: Wiener Morgenzeitung vom 16. Februar 1927, S. 4.

Den fast identischen Bericht von Otto Abeles über Lackenbach finden wir auch in “Die neue Welt, Nr. 45, S. 7, Jg. 2/1928″. Beide Berichte online einzusehen in compactmemory.de.

Interessant ist auch, dass Ruben Hirschlers Neffe Josef Hirschler (Sohn von Rubens Bruder Aaron) in Eisenstadt einige Jahre vorher, 1813, höchst unangenehm aufgefallen ist, als er nämlich als Besitzer des Wertheimerhauses versuchte, sämtlichen Parteien zu kündigen und das Bethaus auflassen wollte! Auch Josef Hirschler begegnen wir später als führende Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde Lackenbach.
Bernhard Wachstein, Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden, Wien 1926, S. 302

Die “Entdeckung” Liszts durch den jüdischen Kaufmann Ruben Hirschler beschreibt auch der britisch-kanadische Musikwissenschaftler Alan Walker auf fast rührige Weise.
Franz Liszt besuchte am Tag seines 7. Geburtstags mit seinem Vater den jüdischen Kaufmann Ruben Hirschler in Lackenbach, wo er zu Tränen gerührt war, als er Fanni, die Tochter Hirschlers, am Klavier spielen hörte. Hirschler schenkte dem Knaben daraufhin das Klavier und die beiden Familien verband eine lange Freundschaft … aber lesen Sie selbst die Stelle im Original:

As a special treat for his seventh birthday, On October 22, 1818, the small boy was allowed to travel with his father to Lackenbach, where Adam had some business with a wealthy merchant called Ruben Hirschler. The daughter of this merchant, Fanni, had just been given a piano, recently arrived from Vienna. Adam requested the girl to play something for his young son, who, he explained, also loved music. When the lad heard the playing he could say nothing, his eyes filled with tears, and he threw himself weeping into the arms of his father. This scene so moved the elderly merchant that he gave the piano to the boy. It was a wonderful birthday gift. Hirschler’s gesture created a warm friendship between the two families. The Liszts often used to drive over from Raiding to Lackenbach (about half an hour’s journey) and spend their Sunday afternoons in the Hirschler household. [Budapesti Bazar, Pesti Hölgy-Divatlap, no. 22, Nov. 15, 1873. Koch (KLV, p. 18), who also reports this anecdote, wrongly calls the Hirschler family “Rehmann”/ The Hirschlers, in fact, were rich Jews who later fell upon hard times. By 1865 they had been reduced to selling shoes from an old stall in the Vienna market. Fanni herself married into poverty, but she followed Liszt’s subsequent career with interest.

Alan Walker, Franz Liszt: The virtuoso years, 1811-1847, 1983, S. 60

Vielen Dank für den Hinweis auf Walker an unsere Gastautorin Claudia Chaya-Bathya Markovits-Krempke, der Autorin unserer nächsten beiden Lisztbeiträge!

Bleibt schlussendlich noch anzumerken, dass wir in unserem dritten Beitrag über Franz Liszt noch einmal auf diese Entdeckungsgeschichte zurückkommen werden, wenn Franz Liszt sich nämlich in späteren Jahren gegen die Vorwürfe antisemisch zu sein zu Wehr setzen wird …

Weblinks:

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Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik

Erinnerung an den jüdischen Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller

In seinem zeitgeschichtlichen Beitrag über die drei überragenden geistigen Führer der österreichischen Sozialdemokratie in der 122 -jährigen Geschichte dieser politischen Partei – Viktor Adler, Otto Bauer und Bruno Kreisky, übrigens drei Juden aus gutbürgerlich-altösterreichischem Hause – hat Hans Werner Scheidl in der Tageszeitung DIE PRESSE vom 8. Jänner 2011 (Printausgabe) auch den 1902 in Ödenburg im Königreich Ungarn geborenen Richard Berczeller zu Wort kommen lassen. Mit dessen Ausspruch über Otto Bauer (“Aus unseren jungen Jahren ist er nicht wegzudenken”), diesen “revolutionären Illusionisten der Zwischenkriegszeit”. Für mich ein willkommener Anlass, an einen bedeutenden Mann zu erinnern,

Richard Berczeller, am 3. Jänner 1994 im Alter von 92 Jahren in New York verstorben, war ein begnadeter Überlebens- wie auch Lebenskünstler und eine Symbolfigur für die 1938 aus dem Burgenland vertriebenen Juden, den Umständen gemäß neben seiner ärztlichen und schriftstellerischen Tätigkeit aber nur ein “Zaungast der Politik” (so der Titel eines gemeinsamen Buches mit Norbert Leser), aber das mit einer kaum überbietbaren Leidenschaft.

Berczeller für mich entdeckt habe ich bereits 1965, eher zufällig, als sein wohl interessantestes autobiographisches Buch mit dem Titel “Die sieben Leben des Doktor B.” (Originaltitel : “Displaced Doctor“, The Odyssee Press, New York), aus dem Amerikanischen übersetzt von Kurt Wagenseil, im Paul List Verlag (München) erschienen ist. Das Buch fiel mir im Schaufenster einer Buchhandlung in Köln auf, weil auf einem daneben angebrachten Info-Text zu lesen war, dass sein Autor aus Ödenburg stammt.

Richard Berczeller und Mida Huber im Garten der Heimatdichterin in Landsee/Burgenland, August 1970; Bild: Klara Köttner-Benigni

Ich kaufte daraufhin sofort ein Exemplar und verschlang gierig die zu einem Teil in Mattersburg (dem Städtchen, in dem ich damals zu Hause war) spielende Erzählung. Ein Jahr darauf, 1966, schenkte ich das Buch meinem Freund, dem aus Wiesen bei Mattersburg stammenden Internisten Dr. Heinz Tragl, zu seinem 30. Geburtstag. Univ.-Prof. Tragl, bis 2003 ärztlicher Leiter des SMZ- Ost in Wien, wie auch ich wurden Jahre später über unsere Freundschaft mit dem damaligen Bundeskanzler Dr. Fred Sinowatz auch persönlich mit Richard Berczeller gut bekannt, der in den 1970er- und 1980er- Jahren wiederholt neben Wien, wo seine Frau Maria geb. Unger geboren wurde, auch das Burgenland besucht hat.

Zurück zu den “Sieben Leben des Doktor B”. Richard Berczeller schildert darin seine Zeit als revolutionärer Gymnasiast in Ödenburg/Sopron, die Flucht seiner Familie nach dem Ende des Bela Kun- Regimes in Ungarn ins neue österreichische Bundesland Burgenland, wo sein Vater sich in Sauerbrunn, dem damaligen Sitz der Landesregierung, niedergelassen und als Funktionär der Sozialdemokratischen Partei rasch Karriere gemacht hat, Leiter der neuen Burgenländischen Landeskrankenkasse und Vizepräsident der Burgenländischen Arbeiterkammer wurde. Sohn Richard studierte in Wien Medizin und nach seinen Jahren als Turnusarzt am AKH ließ er sich 1930 als praktischer Arzt in Mattersburg nieder, hatte Patienten aus der jüdischen Gemeinde des Ortes, aber auch zahlreiche Christen, einfache Leute und prominente, wie den legendären und mächtigen christlichsozialen Politiker und Landesrat Michael Koch.

Nach der Machtergreifung der Nazis auch in Österreich gelang Berczeller mit Hilfe von Marie Bounaparte (einer französischen Adeligen und Schülerin Siegmund Freuds) die Flucht nach Frankreich. Nach Monaten als Kolonialarzt an der afrikanischen Elfenbeinküste und Bordellarzt in Paris landete Berczeller mit Ehefrau und Sohn Peter 1940 in New York, wo er bis zu seinem Tod lebte, (nach zusätzlicher medizinischer Ausbildung in den USA) Jahrzehnte als Internist ordinierte und daneben in der angesehenen Zeitschrift “New Yorker” immer wieder autobiographische Erzählungen veröffentlichte.

Seine Freundschaft mit Fred Sinowatz, der nach Kreisky Vorsitzender der SPÖ war, trug Berczeller 1985 die Viktor Adler- Medaille ein, die höchste Auszeichnung, welche die Österreichische Sozialdemokratie zu vergeben hat. Aber auch das Land Burgenland und sogar die katholische Diözese Eisenstadt unter Bischof Stefan Laszlo geizten nicht mit respektablen Orden, die sich der umtriebige und auch im hohen Alter noch immer charmante jüdische Grandseigneur ohne religiöse Bindung stets selbst vor Ort abholte. Bei solchen Anlässen festigte sich auch ein burgenländischer Freundeskreis um Berczeller, dem u.a. der damalige Vorstand der Sozialabteilung der Landesregierung, Dr. Günther Engelbrecht, wie auch ich angehörten.

An der Fassade des Hauses am Mattersburger Hauptplatz, in dem Berczeller bis 1938 als Arzt gewirkt hatte, wurde eine Gedenktafel angebracht. Eine Art Wiedergutmachung durch den damaligen Mattersburger SPÖ-Bürgermeister Mag. Eduard Sieber, weil dessen Amtsvorgänger Anton Wessely verhindert hatte, dass das neue Mattersburger Ärztezentrum nach Richard Berczeller benannt wurde.

Zu Berczellers 90. Geburtstag erschien eine von Joachim Riedl (der Korrespondent österreichischer Medien in New York gewesen war und dort den burgenländischen Emigranten und Präsidenten der American Friends of Austrian Labour kennen gelernt hatte), herausgegebene Festschrift mit dem Titel “Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!“. Das Herausgeberkomitee, bestehend aus Erhard Busek, Heinz Fischer, Thomas Klestil, Herbert Krejci, Peter Marboe, Fred Sinowatz, Franz Vranitzky und Helmut Zilk, konnte glänzender nicht sein.

Richard Berczeller und Günter Unger vor der Gedenktafel für die gefallenen jüdischen Soldaten des 1. Weltkrieges vor dem Österreichischen Jüdischen Museum, 1983

Bei der Präsentation des Buches im Österreichischen Jüdischen Museum in Eisenstadt am 23. April 1992 durch den damaligen Landeshauptmann Karl Stix unterstrich Paul Grosz, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, in einer Rede die hohe Wertschätzung des Jubilars innerhalb des österreichischen Judentums. ÖVP-Altbundeskanzler Josef Klaus veröffentlichte in der Festschrift seinen “Brief an einen alten Freund”. Richard Berczeller selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen an diesem Ereignis nicht teilnehmen.

Drei Wochen danach, am 13. Mai, erhielt ich seinen letzten Brief an mich aus New York, in dem er sich für meinen Fernsehbeitrag über dieses Ereignis bedankte und mir u.a. mitteilte, dass auch der ungarische Staatspräsident Arpad Göncz ihm zum 90er herzlich gratuliert habe. Und er schloss diesen Brief ein wenig wehmütig mit folgenden Zeilen:

Trotz meiner Erfolge in einem jahrzehntelangen Leben in der Fremde wäre ich viel lieber in meiner alten Heimat geblieben, auch wenn ich es dort nur zu einem inzwischen auch schon pensionierten Obermedizinalrat gebracht hätte.

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Bittere Melodie

Erinnerungen an den jüdischen Lyriker David Ignatz Neumann,
geb. am 25. Mai 1894 in der Freistadt Rust im Komitat Ödenburg des Königreichs Ungarn, gest. am 01. November 1992 in Tel Aviv im Staate Israel

Er gehört zu jenen Menschen, die mich in meinem bisherigen Leben besonders beeindruckt haben. Aus vielerlei Gründen, vor allem aber wegen seiner körperlichen Vitalität und geistigen Regsamkeit, die ihn beinahe hundert Jahre alt werden ließen.

Kennen gelernt habe ich David Ignatz Neumann 1987 über Vermittlung des deutschen Unternehmensberaters Hans Dieter Schell, der zum Freundeskreis Neumanns gehörte und im Burgenland einen Verlag für die Gedichte dieses Mannes suchte, die damals schon im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrt waren. Ich wies den Weg zur Edition Roetzer in Eisenstadt und aus dieser Empfehlung gingen dann in den folgenden Jahren vier Bände mit lyrischen Texten Neumanns hervor, teilweise versehen mit biographischen und analytischen Texten des deutschen Germanisten Manfred Seidler. Ihre Titel “Ein Leben- ein Werk”, “Bittere Melodie”, “Nichtigkeiten- Wichtigkeiten” und “Spätlese”. Dem von mir verfassten Vorwort zum Band “Bittere Melodie” bestehend aus einem Gedichtzyklus zur Geschichte Israels, gab ich den Titel “Ein Kämpfer für Zion”. Denn das war David Ignatz Neumann in jeder Phase seines Lebens.

Als Neumann 1894 als Sohn eines Weinsensals und Einkäufers für das große Eisenstädter jüdische Weinhandelshaus Wolf in der königlich- ungarischen Freistadt Rust das Licht der Welt erblickte, lebte der magyarische Chauvinismus in den deutschsprachigen Gebieten Westungarns gerade so richtig auf. Dieser Umstand, aber auch die von der Reblaus ausgelöste Wirtschaftskrise im Weingeschäft ließ die Familie Neumann mit ihren insgesamt 12 Kindern kurz nach der Jahrhundertwende aus Rust nach Wien ziehen, wo der kleine David Ignatz an der Hand seines Vaters am Begräbnis Theodor Herzls teilnahm und später dann den Beruf eines Messerschmieds erlernte, schon in der festen Absicht, nach Palästina auszuwandern. Im Ersten Weltkrieg diente David I. Neumann als Rechnungsunteroffizier im 76. (Ödenburger) Infanterieregiment der k.u. k. Armee. Sein Bruder Josef ist in diesem Krieg gefallen, was auf dem Ruster Kriegerdenkmal vor dem städtischen Rathaus heute noch nachzulesen ist.

Von 1927 an lebte David I. Neumann in Tel Aviv als Messer- und Verseschmied, denn die “Dichteritis” (wie er diese Obsession einmal scherzhaft bezeichnete) hatte ihn von Jugend an fest in ihren Klauen. Stilistisch sah er sich in der Tradition von Eduard Mörike und Heinrich Heine. Und er war ein echter Jecke. Beherrschte auch nach Jahrzehnten in Israel nicht Hebräisch. Die deutsche Sprache war seine eigentliche Heimat. Die Stoßrichtungen seines Fühlens und Denkens hat er einmal in den folgenden Verszeilen festgemacht:

Zweigeteilt ist meine Seele.
Österreich hat mich geprägt.
Doch der Traum von Zion wurde
in die Wiege mir gelegt.

Im Band “Bittere Melodie” konfrontiert uns Neumann mit jüdischem Empfinden und Denken, das nicht gerade von österreichischer Verbindlichkeit, Beiläufigkeit und Nonchalance gekennzeichnet ist. Härte und Unversöhnlichkeit gegenüber den Feinden der Juden paart sich bei ihm gelegentlich mit Ironie. Glatte Rhythmen und Reime wechseln aber immer wieder mit widerborstiger Beharrlichkeit im (für ihn) Grundsätzlichen.

David Ignatz Neumann im Alter von 93 Jahren in Basel am Rheinufer, im Hintergrund das Basler Münster, November 1987

Im Herbst 1987 besuchte ich mit einem Kamerateam David Ignatz Neumann in Basel, wo er sich nach den jüdischen Feiertagen im Oktober für die (in Tel Aviv klimatisch eher unwirtlichen) bevorstehenden Wintermonate in der Wohnung seiner (aus Königsberg stammenden) Altersfreundin Paula Friedländer einquartiert hatte und interviewte ihn für einen Beitrag im ORF- Fernsehen. Das verschaffte mir bei seiner Freundin zunächst ein gewisses Misstrauen, danach aber auch Respekt. Wenige Wochen später kam David I. Neumann nach Rust, der Stadt seiner Geburt, und nahm an einer Lesung seiner Gedichte im Seehof der Freistadt durch Karl Hofer teil. Bei dieser Gelegenheit wurde er von Bürgermeister Dipl. Ing. Heribert Artinger gebeten, sich in das Goldene Buch der Freistadt Rust einzutragen.

1994, also bereits nach seinem Tod, fand in Rust anlässlich des 100. Geburtstages von David I. Neumann eine Gedenkfeier statt, der auch Moshe Neumann, Sohn des verstorbenen Dichters, beiwohnte. Damals wurde auch das Gedicht des Jubilars “Als ich ein Kind war” vorgetragen.

Als ich ein Kind war, Kind mit blonden Haaren,
Durft ich an Wintertagen Schlitten fahren.

An Sommertagen atmete der See,
Schilfrohrumstanden, blank, in meiner Näh’.

Des Ufers Moorgeruch war mir vertraut,
Aus tiefer Stille sang ein Hummellaut.

Und ich war glücklich, unberührt vom Wissen,
Dass wir das Paradies verlassen müssen.

Burgenland, Kunst und Kultur

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