Thema: Kunst und Kultur

Buchtipp der Woche – Weder Ort, noch Stein

„Statt ein Gebet ein Gedicht hersagen“ – Elfriede Gerstl

statt oder als?
Unermüdlich Gebete
und Gedichte sagen
hersagen aufsagen
in mich rufen …

und Gedichte als Gebet
denn Gebete sind
Gedichte oder
können es sein
könnten es sein

vielleicht auch ohne
Trauer ohne Not die
aus mir ruft

und immer öfter
schweigt

damit Gebete
Gedichten gleichen

Dieses ist das erste Gedicht im neu erschienenen Lyrikband „Weder Ort, noch Stein“, von Nurit Schaller, den sie am vergangenen Mittwoch im Cafe Kafka in Wien erstpräsentierte. Ich durfte dabei die einführenden Worte sprechen (etwas gekürzt und überarbeitet hier widergegeben).

Die – oben zitierte – 2009 verstorbene österreichische, jüdische Schriftstellerin Elfriede Gerstl schreibt in ihrem Gedicht: „überraschungsgast“

das gedicht kommt
wie eine katze
[…]

Mein erster Gedanke, als ich Nurits Gedichte las, war, dass die Gedichte tatsächlich „kommen“ wie eine Katze, zumindest so wie ich es mir als nicht-Katzenkenner vorstelle, dass eine Katze kommen könnte …

Nurit legt in ihrem Erstlingswerk sehr viele Gedichte vor, die leise, fast still, kommen. Es sind viele Gedichte, es sind – vielleicht nur auf den ersten Blick – sehr unterschiedliche Gedichte, die Gedanken aus verschiedenen persönlichen und künstlerischen Entwicklungsstufen widerspiegeln. Und es sind beeindruckende Gedichte!

Gedichte, die Bilder schaffen, ja, sie sind Bilder, die man erst einmal auf sich wirken lassen muss, die zwingen, jedes einzelne Gedicht nochmals und immer und immer wieder zu lesen, Gedichte, die dann aber sehr rasch neue Bilder erzeugen und vieles auslösen und einem die eigenen Worte nehmen; es fehlen die Worte Nurits Gedichte zu beschreiben – und das ist auch gut so!

Ich baue
Mir
Kein Haus

Ich lebe
Draußen
Als Wild

Vor der
Stadt
Gibt’s nichts

Nurit liest aus ihrem Buch ...

Gedichte in ihrem sehr eigenen, unverwechselbaren Stil. Nurits Sprache ist eine sehr poetische, aber auch eine sehr präzise, eine extrem direkte Sprache, eine sehr schöne Sprache. Die Sprache der Gedichte ist aber vor allem Nurits eigene Sprache – eine Sprache, die aus im Grunde wenigen, aber sehr intensiven Wörtern und Worten besteht, und es ist eine Sprache, die nahezu ohne Sätze auskommt! Eine Sprache die naturgemäß anstrengend für den Zuhörer ist oder sein kann.

Eine Sprache ohne Zeit, zumindest ohne Zeit in unserem westlichen Verständnis, die Gedichte scheinen sich überhaupt jeglicher Zeitdimension zu entziehen, der Zeitenwechsel innerhalb der kleinsten Gedichteinheiten gleicht im grammatikalischen Sinn einem Aspektwechsel (auch im Hebräischen gibt es die eigentlichen Tempora nicht). Ähnlich wie in den Texten der hebräischen Bibel scheinen in Nurits Gedichten die alten Funktionen der hebräischen Konjugationen auf aspektualer Grundlage nachzuwirken.

Diesen in ihren Gedichten so sichere Umgang mit der hebräischen Welt und insbesondere mit der hebräischen Sprachenwelt („Ort“, hebr. מקום, mit Artikel (determiniert) המקום = „Gott“) fand ich gleichsam genial als auch faszinierend. Aber auch als wenig überraschend, den Nurit ist eine brilliante Linguistin, die ihr Handwerk beherrscht. (Ich darf anmerken, dass ich Nurit Schaller vor vielen Jahren kennenlernte, als sie als junge Studentin meine Bibelhebräischvorlesung am Institut für Orientalistik der Universität Wien besuchte.)

Nurit hat mittlerweile ihr Studium, ihre Studien, beendet, ihre Ausdrucksform ist über weite Strecken die Kunst, die Malerei, die Texte, die Photographie … eine Kreative, und zwar im allerbesten Sinn des Wortes, und immer auf der Basis bzw. mit dem Hintergrund einer Wissenden!

Mehr noch: Ihre Gedichte spiegeln dieses Wissen sehr deutlich wider und doch – sie sind viel mehr als nur in Gedichte gepresstes Wissen, es ist Lyrik auf sehr hohem Niveau, die durchaus eben ohne die von Nurit intendierten Assoziationen an- und auskommt, anspricht, vereinnahmt und begeistert! Ganz sicher werden jene, die die intendierten Assoziationen erkennen, in den Gedichten nochmals andere Bilder entdecken und eigene Bilder dazu kreieren. Denn an Assoziationen, oder besser „Assoziationsräumen“, ist Nurits Gedichtband reich; völlig unaufdringlich und nahezu nebenbei, jedenfalls fast durchgehend so gut wie geräuschlos bedient sie sowohl die Klaviatur der griechisch-römischen (Platons „Nachtmahl“ wird zum „Abendmahl“ …), der europäischen als insbesondere auch der jüdischen, und näherhin der biblischen sowie rabbinischen und jüdisch-mystischen Geisteswelt, Kulturgeschichte und Philosophie, mitunter in einem einzigen kurzen Gedicht!

Nurit signiert ihre Bücher ...

Es wäre noch vieles zu den Gedichten sagen, die im Kant’schen Sinne aus sich heraus schön sind, erst fühlte ich mich wortlos und dann entstanden Bilder, Gedanken, eigene Assoziationsräume, ich blieb an einzelnen Wörtern hängen wie an dem so schönen Wort „Ohnehin“ – ein ganzes Gedicht ist dem Wort gewidmet …

das gedicht kommt
wie eine katze

schreibt Elfriede Gerstl

Nurits Gedichte kommen wie eine Katze …

Selbstverständlich begegnen wir auch ihrer eigenen Katze, sie setzt sich mit Erich Kästner auseinander und schreibt über Schmerz, Trauer und die Einsamkeit; und Nurit schreibt auch über „Gott, der mich NICHT führt, aber mir zusieht“, denn „seine Augen sind nicht blind …“ wie es in einem Gedicht heißt:

G’ttes Augen
Sind nicht
Blind

Nur wir

Sind taub
Für sein
Wort

Ich wünsche dem faszinierenden Lyrikband „Weder Ort, noch Stein“ von Herzen viele LeserInnen!

Nurit Schaller, Weder Ort, noch Stein, Horn 2011, Verlag Berger, ISBN: 978-3-85028-533-9

Nurit Schaller, geboren am 07. Juli 1975 in Wien, studierte u.a. Kulturanthropologie in Amsterdam, Jüdische Studien und Semitistik in Heidelberg. Ist Linguistin (Bibelhebräisch und Aramäisch), Herausgeberin der Kunstzeitschrift ‚diletto – the paper on art & cultures‘ und Künstlerin. Lebt, schreibt, malt und werkt in Wien.
Mehr über die Autorin: nuritschaller.org und diletto.org

Kunst und Kultur, Tipp der Woche

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Bild der Woche – Jona

In wenigen Tagen, am 10. Tag nach Rosch haSchana, also am 10. Tischre, heuer Schabbat, der 08. Oktober, ist Jom Kippur (Versöhnungstag).

Meerwurf des Jona, Kennicot-Bibel, fol. 305r

Meerwurf des Jona, Kennicot-Bibel, fol. 305r

Am Versöhnungstag wird in der Synagoge das kleine Prophetenbuch Jona gelesen. Und zwar zum Mincha, das etwa in der Wiener Synagoge (Seitenstettengasse) um 18.10 Uhr gebetet wird.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Jona ben Amittai? Als das Wort Gottes an ihn ergeht, nach Ninive zu gehen, versucht Jona an die Goldküste von Tarschisch zu fliehen. Jona möchte sich dem Auftrag Gottes entziehen, versteckt sich auf einem Schiff, das aber bald in schwere Turbulenzen gerät, woraufhin sich Jona schlafend stellt. Die Matrosen entdecken den blinden Passagier und der Kapitän, der in Jona den Schuldigen für den Sturm vermutet, stellt den sich schlafend Stellenden zur Rede. Dann warfen sie Jona ins Meer und das Meer hörte auf zu toben. Jona selbst aber wurde gerettet, denn der Herr schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang und ihn nach 3 Tagen ans Land spie. Gott sprach ein zweites Mal zu Jona und diesmal ging dieser nach Ninive, wie es ihm befohlen war …

Eine ausgesprochen bemerkenswerte Interpretation der „Antwort des Jona“ an den Kapitän des Schiffes finden wir im gleichnamigen Buch von Schalom ben Chorin (Hamburg, 1966):

Und nun tun der Kapitän und seine Gefolgschaft genau das, was die Völker in der fast zweitausendjährigen Diaspora-Geschichte Israels immer wieder taten, sie fragten den Juden auf seine Existenz hin:

„Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volke bist du?“ (Jona 1,8).

Sie fragen ihn als den Fremden, den Ur-Frenden, und sie fragen ihn sofort nach ihrem eigenen Unglück. Er, der Gefragte, soll ihnen sagen, warum es ihnen so übel ergeht? Er, der Fremde, muss den Schüssel für das Unglück der Völker haben …

Und nun erwacht Jona zur Erkenntnis der eigenen Existenz und gibt jene umfassende Antwort, in der Wesen und Sendung Israels in ihrer Doppelheit formuliert ist:

„Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, welcher gemacht hat das Meer und das Trockene“ (Jona 1,9)

Diese Antwort ist die ganze Antwort des Judentums … [sie] zerfällt in zwei Teile, die aber ein unlösbares Ganzes bilden: in den nationalen und den religiösen Existenzbezug Israels.

Jona beginnt mit dem nationalen Bekenntnis: „Ivri Anochi“ – Ein Hebräer bin ich. Er tarnt sich nicht. Er stellt das eindeutige und klare Bekenntnis zur hebräischen Nation allem Credo voran … Aber damit erschöpft sich die Antwort nicht, sondern sie setzt sich fort, geht … über in das monotheistische Bekenntnis…

Das religiöse und nationale Element sind in der Antwort des Jona enthalten und machen so – in dieser unlösbaren Einheit – jüdisches Bekenntnis, jüdische Antwort an die fragende Welt aus.

Schalom ben Chorin, a.a.O., 13ff

Das Bild oben, „Der Meerwurf des Jona“, finden wir in der Kennicot-Bibel (Oxford, Bodleian Libr. Ms. Kennicot 1), einer 1476 in La Coruña geschriebenen sephardischen Bibel. Als Vorlage diente die Cervera-Bibel. Deren Schreiber, Samuel ben Abraham ibn Natan, berichtet, dass er sich ein Jahr lang in dem kleinen Ort Cervera aufgehalten habe, um dort sein gebrochenes Schienbein zu heilen, und dass er in dieser Zeit (18. Juli 1299 – 19. Mai 1300) die Bibel geschrieben habe. Beide Bibeln haben sowohl ein Kolophon des Schreibers als auch eines des Malers, was für jüdische Handschriften eine große Seltenheit ist. Sämtliche Buchstaben des Kolophons sind aus zoo-, anthropomorphen oder aus vegetabilen Bestandteilen zusammengesetzt, eine Eigentümlichkeit der sephardischen Buchmalerei, in der solche aus Tier- und Menschenprotomen gebildeten Buchstaben häufig für Initialwörter Verwendung fanden.

Das Kolophon des Malers (fol. 447r) befindet sich genau wie in der Cervera-Bibel auf dem letzten Blatt der Handschrift und wiederholt auch wörtlich den dortigen Text:

Ich, Joseph, ibn Chajim, illustrierte dieses Buch und vollendete es.

Auch der „Meerwurf des Jona“ ist in der Kennicot-Bibel (fol. 305r) aus der Cervera-Bibel übernommen (dort fol. 304r).

Vgl. Ursula und Kurt Schubert, Jüdische Buchkunst, I, Graz 1983, 83f

Yom Kippur: Overboard (Jonah’s Song)

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Bild der Woche, Kunst und Kultur, Leben und Glaube

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Lange Nacht der Museen 2011 – Nachlese

Auch heuer nahm unser Museum wieder an der Langen Nacht der Museen teil und gleich vorweg:

Es war eine tolle Nacht und wir bedanken uns sehr herzlich bei allen 577 Besucherinnen/Besuchern aus Eisenstadt und Umgebung, dem Südburgenland, Wien und München ganz herzlich, dass sie – zum Teil sehr lange – die Nacht in unserem Haus verbracht haben!

Gleich am Beginn angenehm überrascht waren wir, als der Medienraum, in dem der Hebräisch-/Jiddisch-Blitzkurs geplant war, schon vor Beginn zu klein geworden war und wir in einen größeren Raum übersiedeln mussten. Die übliche Routine einer Langen Nacht der Museen, nämlich von einer Veranstaltung zur nächsten zu laufen, kam bei uns sozusagen vorübergehend zum Stillstand, denn etwa 50 wirklich sehr Interessierte hielten eine volle Stunde aus und lernten tatsächlich alle hebräischen Buchstaben und einen jiddischen Text zu lesen ;-)

Roman Grinberg, Hannes Laszakovits, Sasha Danilov, Wolfgang Dorer

Kurz danach das Konzert der „Vienna’s most swinging-jamming-fun-having-klezmer band“ unter der grandiosen Leitung von Roman Grinberg, die ein sensationelles Konzert bot. Viele BesucherInnen, die eben beim Kurs waren, blieben nun auch beim Konzert, um das Gelernte sozusagen in der Praxis zu hören. Nur unser Auditorium war leider für ca. 150 BesucherInnen viel zu klein.

Worte können dieser faszinierenden Stunde aber ohnehin nicht gerecht werden, genießen Sie unseren kurzen Zusammenschnitt:

„POPULAR KLEZMER TUNES AND YIDDISH SONGS“
mit
Roman Grinberg – Hannes Laszakovits – Sasha Danilov – Wolfgang Dorer


Später in de Nacht durfte Kollege Christopher etwa 30 BesucherInnen noch durch die Synagoge und das mittlerweile stockdunkle jüdische Viertel führen. Schwerpunktthema war der Schabbat, was natürlich zum Zeitpunkt kurz nach Schabbatende ganz besonders gut passte.
Nochmals: Danke an alle BesucherInnen, ganz besonders an die vielen, die bei Kurs, Konzert und Führung dabei waren! :-)


Und wie immer: Nach der „Langen Nacht der Museen“ ist vor der „Langen Nacht der Museen“!
Die Überlegungen begannen schon jetzt, denn auch für 2012 versprechen wir, weniger neuen BesucherInnenrekorden nachzujagen, sondern uns zu bemühen, auch nächstes Jahr ein attraktives und zu unserem Haus passendes Programm zu bieten.

Und weil wir grad beim Versprechen sind, obwohl das hier kein Fotoblog ist: Da unsere Fotos leider wieder einmal so gar nicht der Stimmung in dieser Langen Nacht entsprechen … daran arbeiten wir in Zukunft auch intensiver! ;-)

Tipp: Siehe auch die kurze Nachlese auf ORF-Burgenland sowie den Beitrag in der ZIB am 02. Oktober um 11 Uhr :-)

Burgenland, In eigener Sache, Kunst und Kultur, Veranstaltungen

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Bild und Tipp der Woche – HAUS-BERG-VERBOT

Das Ende des Sommers und damit meist auch der Urlaubszeit naht … daher hier noch ein „Bild und ein Tipp der Woche“ aus meinem heurigen Urlaub in Kärnten:
Über eine sehr erfreuliche Initiative / Aktion am Dobratsch, dem Hausberg der Villacher!

Gedenktafel am Dobratsch Gipfelhaus

Gedenktafel am Dobratsch Gipfelhaus (ehem. Ludwig-Walter-Haus), 2.143m

Ein paar kurze Notizen zu den Hintergründen:

Bei der am 11. Feber 1920 abgehaltenen Jahresversammlung beschloss die Sektion Villach mit 53 gegen 6 Stimmen die Einführung des Arierparagrafen in ihre Satzungen, der Nichtariern die Mitgliedschaft verweigerte. 1921 kam der Arierparagraf auch bei der Wiener Sektion Austria zur Anwendung, woraufhin die jüdischen Mitglieder austraten und die Sektion Donauland gründeten.

Schon seit dem Sommer 1921 waren zahlreiche österreichische Alpenvereinshütten mit Plakaten ausgestattet worden, die darauf hinwiesen, dass die Mitglieder der Sektion Donauland von der Begünstigung der Hüttengebühr ausgeschlossen waren. Obwohl vom Hauptausschuss wegen der antisemitischen Plakate schon verwarnt, antwortete die Sektion Villach,

dass sie mit Bewilligung des Hauptausschusses den Arierparagraphen aufgenommen hat und daher auch berechtigt ist, die Verwaltung der Sektion und den Betrieb ihrer Hütten nach deutsch-völkischen Richtlinien zu führen. Zu diesen Richtlinien gehört selbstverständlich auch der Antisemitismus…

Die sozialdemokratische Zeitung der Arbeiterbewegung (1890 – 1934) „Arbeiterwille“ berichtete im September 1922 ausführlich über das von der Sektion Villach erlassene „Judenverbot“:

Die Ortsgruppe Villach des Deutschösterreichischen Alpenverereins hat vor längerer Zeit das Schutzhaus am Dobratsch als Eigentum erworben. Seit einiger Zeit prangen auf diesem Schutzhaus die Worte: ‚Juden ist der Eintritt in dieses Haus verboten!‘ Diese Aufschrift ist natürlich mit dem Zeichen des Hakenkreuzes versehen. Wie wir hören, wurde diese Aufschrift über Beschluss der Ortsgruppe Villach an dem Schutzhause angebracht. Außerdem soll die gleiche Ortsgruppe beschlossen haben, daß der Prachtvertrag, der mit dem Pächter des Schutzhauses abgeschlossen wurde, in dem Moment erlischt, wo der Pächter einem Juden den Eintritt in das Schutzhaus gestattet. Es ist bezeichnend, daß eine ganze Organisation einigen närrischen Schandkerlen auf den Leim geht und einen solchen Beschluss fasst. Das kann nur eine Organisation tun, die entweder von Kindern, von Trotteln oder von gewissenlosen Lumpen geleitet wird.

Bild: „Der judenreine Alpenverein“, Karikatur von Paul Humploletz, in: „Der Götz von Berlichingen“, Wien 1924 (OeAV-Archiv Innsbruck), Quelle: Folder, s.u.

Im Jahr 1923 fasste die Sektion Villach in der „Judenfrage“ den Beschluss, die bisherige Aufschrift „Juden und Mitglieder der Sektion Donauland sind auf dieser Hütte nicht erwünscht“, in „Juden ist der Eintritt verboten“ umzuwandeln, woraufhin die Sektion vom Hauptausschuss erneut aufgefordert wurde, die Verbotstafel für Juden von den Hütten zu entfernen.
Ein Jahr später teilte die Sektion Villach dem Hauptausschuss lediglich mit, dass die Plakate künftig lauten würden:

Der Zutritt von Juden ist nicht erwünscht

Texte weitgehend zitiert aus dem Folder „Haus-Berg-Verbot. Kunstaktion am Dobratsch zur Erinnerung an die Vertreibung der Juden vom Villacher Hausberg“

Die Kunstaktion zur Erinnerung des „Judenverbots“ am Villacher Hausberg fand am 11. Juni 2011 statt. Dieses „Bild der Woche“ ist auch ein „Tipp der Woche“, denn die Ausstellung „Judenhütte“ am 10er Nock am Dobratsch können Sie noch bis zum 15. September besichtigen.
Mehr Informationen sowie viele Bilder von der Kunstaktion und der Ausstellung auf der Website des Universitätskulturzentrums UNIKUM!
Hier auch der ORF-Beitrag zur Aktion am 11. Juni.

Dieser Tage war übrigens eine Dame von der Hebrew University in Jerusalem bei uns im Museum, die zuvor in Kärnten war und dort auch die Ausstellung am Dobratsch gesehen hat und mir davon erzählte, weil sie nämlich sehr überrascht, aber auch sehr beeindruckt war :-)

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Kopf der Woche – Bernard Herrmann

Rezept für die perfekte Mord-Szene: Man nehme

  • eine hübsche Blondine,
  • eine Dusche,
  • ein Messer
  • und …
    … Geigen!

Unter der Dusche mit Janet Leigh – und einem ungebetenen Gast … Duschszene aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960)

Billy Wilder 1986, Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=FCps-tOVzTE

Bild-©: YouTube

Der musikalische Schöpfer dieses klassischsten aller filmischen Schock-Momente ist Komponist Bernard Herrmann – der an dieser Stelle maximales Grauen mit minimalem musikalischem Mitteleinsatz erzielt:

Violins did it! People laugh when they learn it’s just violins … It’s just the strings doing something every violinist does all day long when he tunes up.

Bernard Herrmann, zit. nach Steven C. Smith: A Heart at Fire’s Center. The Life and Music of Bernard Herrmann. Berkeley u.a. 1991. S. 239.

Ironie am Rande: Hitchcock, so ist überliefert, wollte zunächst auf jegliche musikalische Unterlegung der Duschszene explizit verzichten –

please write nothing for the murder in the shower,

so wurde Herrmann instruiert,

[t]hat must be without music –,

ließ sich schließlich aber doch von Herrmanns Vorschlag überzeugen …
vgl. und zitiert nach Smith a.a.O. 237

Besagter Bernard Herrmann, Jahrgang 1911 und einer Familie russisch-jüdischer Einwanderer entstammend, war Hitchcocks Komponist ab „The Trouble with Harry“/“Immer Ärger mit Harry„, hatte sich freilich auch zuvor schon als (Film-)Komponist (u.a. für Orson Welles‘ „Citizen Kane„) und Dirigent einen Namen gemacht. Im Zuge seiner Kooperation mit Hitchcock zeichnete Herrmann verantwortlich für die Filmmusik von Klassikern wie „Vertigo“, „North by Northwest“/“Der unsichtbare Dritte“ und „The Man Who Knew Too Much“/“Der Mann, der zuviel wusste.“ In Letzterem hat Hitchcock „seinem“ Komponisten ein besonderes filmisches Denkmal gesetzt: Als nämlich Jimmy Stewart und Doris Day in die Royal Albert Hall stürmen, um das Attentat auf einen hochrangigen Politiker zu verhindern, dirigiert ebendort … Bernard Herrmann.

Die legendäre „Albert Hall“-Szene aus „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) – mit Bernard Herrmann am Dirigentenpult

Das Ende des Tandems „Hitch“-Herrmann kam 1966, als Herrmanns Komposition zu Hitchcocks „Torn Curtain“/“Der zerrissene Vorhang“ verworfen wurde – François Truffaut erläutert (in seinem brillanten Interviewband „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“) die Hintergründe:

Das Studio … mochte Herrmanns Partitur für Torn Curtain nicht, und obwohl sie schon aufgenommen war, brachte ‚man‘ Hitchcock dazu, sie nicht zu verwenden. Um 1966 waren in Hollywood … Partituren Mode, die sich als Platte verkaufen ließen, zu denen man in den Diskotheken sich die Glieder verrenken konnte, und das Spiel hatte Herrmann, Adept Richard Wagners und Igor Strawinskys, von vornherein verloren.

François Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? 4. Aufl. München 2007. S. 318f.

Gleichwohl blieb Herrmann – der den einzigen Oscar seiner Karriere verblüffenderweise nicht für eine Hitchcock-Komposition gewann, sondern für die Musik zum wenig bekannten Film „The Devil and Daniel Webster“ (1941) – dem Filmgeschäft auch nach dem Ende der Zusammenarbeit mit Hitchcock verbunden – und komponierte etwa zuletzt, unmittelbar vor seinem Tod 1975, die Musik zu Martin Scorseses „Taxi Driver“.

Bernard Herrmanns Geburtstag jährt sich am heutigen Mittwoch zum 100. Mal.

Kopf der Woche, Kunst und Kultur

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