Thema: Kunst und Kultur

Bild der Woche – Jona

In wenigen Tagen, am 10. Tag nach Rosch haSchana, also am 10. Tischre, heuer Schabbat, der 08. Oktober, ist Jom Kippur (Versöhnungstag).

Meerwurf des Jona, Kennicot-Bibel, fol. 305r

Meerwurf des Jona, Kennicot-Bibel, fol. 305r

Am Versöhnungstag wird in der Synagoge das kleine Prophetenbuch Jona gelesen. Und zwar zum Mincha, das etwa in der Wiener Synagoge (Seitenstettengasse) um 18.10 Uhr gebetet wird.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Jona ben Amittai? Als das Wort Gottes an ihn ergeht, nach Ninive zu gehen, versucht Jona an die Goldküste von Tarschisch zu fliehen. Jona möchte sich dem Auftrag Gottes entziehen, versteckt sich auf einem Schiff, das aber bald in schwere Turbulenzen gerät, woraufhin sich Jona schlafend stellt. Die Matrosen entdecken den blinden Passagier und der Kapitän, der in Jona den Schuldigen für den Sturm vermutet, stellt den sich schlafend Stellenden zur Rede. Dann warfen sie Jona ins Meer und das Meer hörte auf zu toben. Jona selbst aber wurde gerettet, denn der Herr schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang und ihn nach 3 Tagen ans Land spie. Gott sprach ein zweites Mal zu Jona und diesmal ging dieser nach Ninive, wie es ihm befohlen war …

Eine ausgesprochen bemerkenswerte Interpretation der „Antwort des Jona“ an den Kapitän des Schiffes finden wir im gleichnamigen Buch von Schalom ben Chorin (Hamburg, 1966):

Und nun tun der Kapitän und seine Gefolgschaft genau das, was die Völker in der fast zweitausendjährigen Diaspora-Geschichte Israels immer wieder taten, sie fragten den Juden auf seine Existenz hin:

„Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volke bist du?“ (Jona 1,8).

Sie fragen ihn als den Fremden, den Ur-Frenden, und sie fragen ihn sofort nach ihrem eigenen Unglück. Er, der Gefragte, soll ihnen sagen, warum es ihnen so übel ergeht? Er, der Fremde, muss den Schüssel für das Unglück der Völker haben …

Und nun erwacht Jona zur Erkenntnis der eigenen Existenz und gibt jene umfassende Antwort, in der Wesen und Sendung Israels in ihrer Doppelheit formuliert ist:

„Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, welcher gemacht hat das Meer und das Trockene“ (Jona 1,9)

Diese Antwort ist die ganze Antwort des Judentums … [sie] zerfällt in zwei Teile, die aber ein unlösbares Ganzes bilden: in den nationalen und den religiösen Existenzbezug Israels.

Jona beginnt mit dem nationalen Bekenntnis: „Ivri Anochi“ – Ein Hebräer bin ich. Er tarnt sich nicht. Er stellt das eindeutige und klare Bekenntnis zur hebräischen Nation allem Credo voran … Aber damit erschöpft sich die Antwort nicht, sondern sie setzt sich fort, geht … über in das monotheistische Bekenntnis…

Das religiöse und nationale Element sind in der Antwort des Jona enthalten und machen so – in dieser unlösbaren Einheit – jüdisches Bekenntnis, jüdische Antwort an die fragende Welt aus.

Schalom ben Chorin, a.a.O., 13ff

Das Bild oben, „Der Meerwurf des Jona“, finden wir in der Kennicot-Bibel (Oxford, Bodleian Libr. Ms. Kennicot 1), einer 1476 in La Coruña geschriebenen sephardischen Bibel. Als Vorlage diente die Cervera-Bibel. Deren Schreiber, Samuel ben Abraham ibn Natan, berichtet, dass er sich ein Jahr lang in dem kleinen Ort Cervera aufgehalten habe, um dort sein gebrochenes Schienbein zu heilen, und dass er in dieser Zeit (18. Juli 1299 – 19. Mai 1300) die Bibel geschrieben habe. Beide Bibeln haben sowohl ein Kolophon des Schreibers als auch eines des Malers, was für jüdische Handschriften eine große Seltenheit ist. Sämtliche Buchstaben des Kolophons sind aus zoo-, anthropomorphen oder aus vegetabilen Bestandteilen zusammengesetzt, eine Eigentümlichkeit der sephardischen Buchmalerei, in der solche aus Tier- und Menschenprotomen gebildeten Buchstaben häufig für Initialwörter Verwendung fanden.

Das Kolophon des Malers (fol. 447r) befindet sich genau wie in der Cervera-Bibel auf dem letzten Blatt der Handschrift und wiederholt auch wörtlich den dortigen Text:

Ich, Joseph, ibn Chajim, illustrierte dieses Buch und vollendete es.

Auch der „Meerwurf des Jona“ ist in der Kennicot-Bibel (fol. 305r) aus der Cervera-Bibel übernommen (dort fol. 304r).

Vgl. Ursula und Kurt Schubert, Jüdische Buchkunst, I, Graz 1983, 83f

Yom Kippur: Overboard (Jonah’s Song)

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Lange Nacht der Museen 2011 – Nachlese

Auch heuer nahm unser Museum wieder an der Langen Nacht der Museen teil und gleich vorweg:

Es war eine tolle Nacht und wir bedanken uns sehr herzlich bei allen 577 Besucherinnen/Besuchern aus Eisenstadt und Umgebung, dem Südburgenland, Wien und München ganz herzlich, dass sie – zum Teil sehr lange – die Nacht in unserem Haus verbracht haben!

Gleich am Beginn angenehm überrascht waren wir, als der Medienraum, in dem der Hebräisch-/Jiddisch-Blitzkurs geplant war, schon vor Beginn zu klein geworden war und wir in einen größeren Raum übersiedeln mussten. Die übliche Routine einer Langen Nacht der Museen, nämlich von einer Veranstaltung zur nächsten zu laufen, kam bei uns sozusagen vorübergehend zum Stillstand, denn etwa 50 wirklich sehr Interessierte hielten eine volle Stunde aus und lernten tatsächlich alle hebräischen Buchstaben und einen jiddischen Text zu lesen ;-)

Roman Grinberg, Hannes Laszakovits, Sasha Danilov, Wolfgang Dorer

Kurz danach das Konzert der „Vienna’s most swinging-jamming-fun-having-klezmer band“ unter der grandiosen Leitung von Roman Grinberg, die ein sensationelles Konzert bot. Viele BesucherInnen, die eben beim Kurs waren, blieben nun auch beim Konzert, um das Gelernte sozusagen in der Praxis zu hören. Nur unser Auditorium war leider für ca. 150 BesucherInnen viel zu klein.

Worte können dieser faszinierenden Stunde aber ohnehin nicht gerecht werden, genießen Sie unseren kurzen Zusammenschnitt:

„POPULAR KLEZMER TUNES AND YIDDISH SONGS“
mit
Roman Grinberg – Hannes Laszakovits – Sasha Danilov – Wolfgang Dorer


Später in de Nacht durfte Kollege Christopher etwa 30 BesucherInnen noch durch die Synagoge und das mittlerweile stockdunkle jüdische Viertel führen. Schwerpunktthema war der Schabbat, was natürlich zum Zeitpunkt kurz nach Schabbatende ganz besonders gut passte.
Nochmals: Danke an alle BesucherInnen, ganz besonders an die vielen, die bei Kurs, Konzert und Führung dabei waren! :-)


Und wie immer: Nach der „Langen Nacht der Museen“ ist vor der „Langen Nacht der Museen“!
Die Überlegungen begannen schon jetzt, denn auch für 2012 versprechen wir, weniger neuen BesucherInnenrekorden nachzujagen, sondern uns zu bemühen, auch nächstes Jahr ein attraktives und zu unserem Haus passendes Programm zu bieten.

Und weil wir grad beim Versprechen sind, obwohl das hier kein Fotoblog ist: Da unsere Fotos leider wieder einmal so gar nicht der Stimmung in dieser Langen Nacht entsprechen … daran arbeiten wir in Zukunft auch intensiver! ;-)

Tipp: Siehe auch die kurze Nachlese auf ORF-Burgenland sowie den Beitrag in der ZIB am 02. Oktober um 11 Uhr :-)

Burgenland, In eigener Sache, Kunst und Kultur, Veranstaltungen

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Bild und Tipp der Woche – HAUS-BERG-VERBOT

Das Ende des Sommers und damit meist auch der Urlaubszeit naht … daher hier noch ein „Bild und ein Tipp der Woche“ aus meinem heurigen Urlaub in Kärnten:
Über eine sehr erfreuliche Initiative / Aktion am Dobratsch, dem Hausberg der Villacher!

Gedenktafel am Dobratsch Gipfelhaus

Gedenktafel am Dobratsch Gipfelhaus (ehem. Ludwig-Walter-Haus), 2.143m

Ein paar kurze Notizen zu den Hintergründen:

Bei der am 11. Feber 1920 abgehaltenen Jahresversammlung beschloss die Sektion Villach mit 53 gegen 6 Stimmen die Einführung des Arierparagrafen in ihre Satzungen, der Nichtariern die Mitgliedschaft verweigerte. 1921 kam der Arierparagraf auch bei der Wiener Sektion Austria zur Anwendung, woraufhin die jüdischen Mitglieder austraten und die Sektion Donauland gründeten.

Schon seit dem Sommer 1921 waren zahlreiche österreichische Alpenvereinshütten mit Plakaten ausgestattet worden, die darauf hinwiesen, dass die Mitglieder der Sektion Donauland von der Begünstigung der Hüttengebühr ausgeschlossen waren. Obwohl vom Hauptausschuss wegen der antisemitischen Plakate schon verwarnt, antwortete die Sektion Villach,

dass sie mit Bewilligung des Hauptausschusses den Arierparagraphen aufgenommen hat und daher auch berechtigt ist, die Verwaltung der Sektion und den Betrieb ihrer Hütten nach deutsch-völkischen Richtlinien zu führen. Zu diesen Richtlinien gehört selbstverständlich auch der Antisemitismus…

Die sozialdemokratische Zeitung der Arbeiterbewegung (1890 – 1934) „Arbeiterwille“ berichtete im September 1922 ausführlich über das von der Sektion Villach erlassene „Judenverbot“:

Die Ortsgruppe Villach des Deutschösterreichischen Alpenverereins hat vor längerer Zeit das Schutzhaus am Dobratsch als Eigentum erworben. Seit einiger Zeit prangen auf diesem Schutzhaus die Worte: ‚Juden ist der Eintritt in dieses Haus verboten!‘ Diese Aufschrift ist natürlich mit dem Zeichen des Hakenkreuzes versehen. Wie wir hören, wurde diese Aufschrift über Beschluss der Ortsgruppe Villach an dem Schutzhause angebracht. Außerdem soll die gleiche Ortsgruppe beschlossen haben, daß der Prachtvertrag, der mit dem Pächter des Schutzhauses abgeschlossen wurde, in dem Moment erlischt, wo der Pächter einem Juden den Eintritt in das Schutzhaus gestattet. Es ist bezeichnend, daß eine ganze Organisation einigen närrischen Schandkerlen auf den Leim geht und einen solchen Beschluss fasst. Das kann nur eine Organisation tun, die entweder von Kindern, von Trotteln oder von gewissenlosen Lumpen geleitet wird.

Bild: „Der judenreine Alpenverein“, Karikatur von Paul Humploletz, in: „Der Götz von Berlichingen“, Wien 1924 (OeAV-Archiv Innsbruck), Quelle: Folder, s.u.

Im Jahr 1923 fasste die Sektion Villach in der „Judenfrage“ den Beschluss, die bisherige Aufschrift „Juden und Mitglieder der Sektion Donauland sind auf dieser Hütte nicht erwünscht“, in „Juden ist der Eintritt verboten“ umzuwandeln, woraufhin die Sektion vom Hauptausschuss erneut aufgefordert wurde, die Verbotstafel für Juden von den Hütten zu entfernen.
Ein Jahr später teilte die Sektion Villach dem Hauptausschuss lediglich mit, dass die Plakate künftig lauten würden:

Der Zutritt von Juden ist nicht erwünscht

Texte weitgehend zitiert aus dem Folder „Haus-Berg-Verbot. Kunstaktion am Dobratsch zur Erinnerung an die Vertreibung der Juden vom Villacher Hausberg“

Die Kunstaktion zur Erinnerung des „Judenverbots“ am Villacher Hausberg fand am 11. Juni 2011 statt. Dieses „Bild der Woche“ ist auch ein „Tipp der Woche“, denn die Ausstellung „Judenhütte“ am 10er Nock am Dobratsch können Sie noch bis zum 15. September besichtigen.
Mehr Informationen sowie viele Bilder von der Kunstaktion und der Ausstellung auf der Website des Universitätskulturzentrums UNIKUM!
Hier auch der ORF-Beitrag zur Aktion am 11. Juni.

Dieser Tage war übrigens eine Dame von der Hebrew University in Jerusalem bei uns im Museum, die zuvor in Kärnten war und dort auch die Ausstellung am Dobratsch gesehen hat und mir davon erzählte, weil sie nämlich sehr überrascht, aber auch sehr beeindruckt war :-)

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Kopf der Woche – Bernard Herrmann

Rezept für die perfekte Mord-Szene: Man nehme

  • eine hübsche Blondine,
  • eine Dusche,
  • ein Messer
  • und …
    … Geigen!

Unter der Dusche mit Janet Leigh – und einem ungebetenen Gast … Duschszene aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960)

Billy Wilder 1986, Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=FCps-tOVzTE

Bild-©: YouTube

Der musikalische Schöpfer dieses klassischsten aller filmischen Schock-Momente ist Komponist Bernard Herrmann – der an dieser Stelle maximales Grauen mit minimalem musikalischem Mitteleinsatz erzielt:

Violins did it! People laugh when they learn it’s just violins … It’s just the strings doing something every violinist does all day long when he tunes up.

Bernard Herrmann, zit. nach Steven C. Smith: A Heart at Fire’s Center. The Life and Music of Bernard Herrmann. Berkeley u.a. 1991. S. 239.

Ironie am Rande: Hitchcock, so ist überliefert, wollte zunächst auf jegliche musikalische Unterlegung der Duschszene explizit verzichten –

please write nothing for the murder in the shower,

so wurde Herrmann instruiert,

[t]hat must be without music –,

ließ sich schließlich aber doch von Herrmanns Vorschlag überzeugen …
vgl. und zitiert nach Smith a.a.O. 237

Besagter Bernard Herrmann, Jahrgang 1911 und einer Familie russisch-jüdischer Einwanderer entstammend, war Hitchcocks Komponist ab „The Trouble with Harry“/“Immer Ärger mit Harry„, hatte sich freilich auch zuvor schon als (Film-)Komponist (u.a. für Orson Welles‘ „Citizen Kane„) und Dirigent einen Namen gemacht. Im Zuge seiner Kooperation mit Hitchcock zeichnete Herrmann verantwortlich für die Filmmusik von Klassikern wie „Vertigo“, „North by Northwest“/“Der unsichtbare Dritte“ und „The Man Who Knew Too Much“/“Der Mann, der zuviel wusste.“ In Letzterem hat Hitchcock „seinem“ Komponisten ein besonderes filmisches Denkmal gesetzt: Als nämlich Jimmy Stewart und Doris Day in die Royal Albert Hall stürmen, um das Attentat auf einen hochrangigen Politiker zu verhindern, dirigiert ebendort … Bernard Herrmann.

Die legendäre „Albert Hall“-Szene aus „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) – mit Bernard Herrmann am Dirigentenpult

Das Ende des Tandems „Hitch“-Herrmann kam 1966, als Herrmanns Komposition zu Hitchcocks „Torn Curtain“/“Der zerrissene Vorhang“ verworfen wurde – François Truffaut erläutert (in seinem brillanten Interviewband „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“) die Hintergründe:

Das Studio … mochte Herrmanns Partitur für Torn Curtain nicht, und obwohl sie schon aufgenommen war, brachte ‚man‘ Hitchcock dazu, sie nicht zu verwenden. Um 1966 waren in Hollywood … Partituren Mode, die sich als Platte verkaufen ließen, zu denen man in den Diskotheken sich die Glieder verrenken konnte, und das Spiel hatte Herrmann, Adept Richard Wagners und Igor Strawinskys, von vornherein verloren.

François Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? 4. Aufl. München 2007. S. 318f.

Gleichwohl blieb Herrmann – der den einzigen Oscar seiner Karriere verblüffenderweise nicht für eine Hitchcock-Komposition gewann, sondern für die Musik zum wenig bekannten Film „The Devil and Daniel Webster“ (1941) – dem Filmgeschäft auch nach dem Ende der Zusammenarbeit mit Hitchcock verbunden – und komponierte etwa zuletzt, unmittelbar vor seinem Tod 1975, die Musik zu Martin Scorseses „Taxi Driver“.

Bernard Herrmanns Geburtstag jährt sich am heutigen Mittwoch zum 100. Mal.

Kopf der Woche, Kunst und Kultur

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Unbekannte ‚Ikone‘

Eine Notiz zu Lea Goldberg

Frage:
Was ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Schriftsteller es (posthum) zu Ruhm und Ehre gebracht hat?

Antwort:
Sein/Ihr Porträt ziert a.) Briefmarken und/oder b.) Geldscheine

Für die israelische Schriftstellerin Lea Goldberg (1911-1970), die im Mai ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, gilt genau dies. Nicht nur findet sich ihr Porträt auf einer israelischen Briefmarke …

Briefmarke Lea Goldberg

Quelle

… – Goldberg soll ebenso auf dem neuen 100-Schekel-Schein verewigt werden (dabei rangiert sie wert-mäßig übrigens zwischen Nathan Alterman, der für den 200-Schekel-Schein vorgesehen ist, und Tchernichovsky auf dem neuen 50er …;) ).

Und tatsächlich: Goldberg, geboren in Königsberg und 1935 (nach ihrem Studium u.a. in Berlin und Bonn) nach Palästina/Israel emigriert,

ist eine neuhebräische Ikone…In Zeiten der Entwicklung und Verbreitung des Iwrit als Sprache der alltäglichen Kommunikation im vorstaatlichen Jischuw wie auch in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel hatte Lea Goldberg mit ihrem Werk großen Anteil an der Erneuerung des Hebräischen als Sprache der Literatur. Dies macht sie zu einer Literatin des Übergangs und des Übertritts – von Europa und seinen Zungen weg nach Palästina bzw. Israel hinein.

Dan Diner, im Vorwort zu: Yfaat Weiss: Lea Goldberg. Lehrjahre in Deutschland 1930-1933. [toldot. Bd. 9.] Göttingen 2010. S. 7.

Umso erstaunlicher, dass Lea Goldberg dem deutschsprachigen Publikum bis heute beinahe unbekannt ist (vgl. hierzu auch Weiss a.a.O. S. 9ff.); in deutscher Sprache sind (unseres Wissens) einzig Goldbergs „Briefe von einer imaginären Reise“ (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003) greifbar – ein Briefroman, im Original 1936/37 (in hebräischer Sprache) veröffentlicht, in dem Goldbergs Protagonistin Ruth sich auf eine fiktive Europa-Reise macht und in (eben: „imaginierten“) Briefen an ihren Geliebten Immanuel melancholische Selbst-, Reise- und Städtebilder zeichnet:

Im Nebenabteil saßen drei Männer. Ich trat hinaus in den Gang. Sie sprachen über Frauen –
… Es ist eigenartig, ich habe es einige Male bemerkt – Ihr, die Männer, wenn Ihr unter Euch seid, könnt dieses seltsame Bedürfnis nicht bezwingen, über Frauen zu sprechen – wie Antisemiten über Juden.
Doch das nur nebenbei. Viel wichtiger waren diese Schienen unter mir, die ich in der Nacht nicht sehen konnte. Es war nur merkwürdig klar: Wenn man das Herz eines Menschen aus seiner Brust schneidet, es an der Lokomotive festbindet und über die Schienen davonführt, wird dieses Herz, das inniglich an sein „Dort“ gebunden ist, sich doch überhaupt nicht von der Stelle bewegen. Wenn dem so ist, weshalb fährt dann der „ganze Mensch“, aus Fleisch und Blut, mit seinem törichten, ironischen Verstand und seinem schweren Herzen, das an das „Dort“ gebunden ist, an dem Du bist, überhaupt fort?

Lea Goldberg: Briefe von einer imaginären Reise. Aus dem Hebr. von L. Böhmer. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003. S. 38.

Doch war Goldberg auch Lyrikerin, Übersetzerin – und: Verfasserin von zahlreichen klassischen israelischen Kinderbüchern.
Wer letztere für sich entdecken möchte, hat ab Herbst endlich die Gelegenheit: Lea Goldbergs Kinderbuch „Zimmer frei im Haus der Tiere“ erscheint im Oktober 2011 in einer illustrierten deutschen Fassung (in der Übersetzung von Mirjam Pressler).

Wir danken Stamm-Leser und -Kommentator Meir Deutsch herzlich für den Hinweis auf Lea Goldbergs 100. Geburtstag!

Kunst und Kultur

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