Thema: Leben und Glaube

…und als die Zeit für die junge Taube herannahte…

…da flog sie hoch in den Himmel hinauf

Hypothese

Die hebräischen Grabinschriften führen insbesondere innerhalb der genealogischen Forschungen meist nur ein Schattendasein und bekommen nur selten den Stellenwert, den sie haben sollten.

Im Folgenden daher eine Art Plädoyer für die hohe Relevanz von hebräischen Grabinschriften für die genealogische Forschung:

Die Inschriften nehmen seit dem 12./13. Jahrhundert zunehmend auch nachbiblische, rabbinische Wendungen auf. …
Die entscheidende Veränderung zeigt sich in der freier gestalteten Eulogie. Sie markiert eine Wandlung in der Stellung des Verstorbenen, der nun in den Mittelpunkt gerückt wird. Sein Lob drückt sich jetzt nicht mehr nur in Attributen aus, sondern auch in der meist schematischen Darstellung seines Lebenswandels.
Der Gipfel der Entwicklung hin zum detailliert individualbiografisch Erzählten ist im 18. Jahrhundert erreicht und bleibt im 19. Jahrhundert weitgehend auf diesem Niveau. Wenn nun auch immer mehr Menschen längere Eulogien erhalten, bleiben doch viele Inschriften nach wie vor kurz und sagen nur das idealtypisch Wichtigste. Dahinter verbergen sich meist weniger inhaltliche oder stilistische Entscheidungen als wirtschaftliche Gründe.

Brocke u.a. (Hg.), Verborgene Pracht. Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona. Aschkenasische Grabmale, Dresden o.J., Einführung

Eine ausgezeichnete Einführung in die hebräische Grabinschrift findet sich auf der Website des Salomon-Ludwig-Steinheim-Instituts, eine kurze Zusammenfassung mit Schwerpunkt auf den hebräischen Abkürzungen in einer hebräischen Grabinschrift auch bei uns im Blog „Am jüdischen Friedhof III„.

Biografische / Genealogische Hinweise in der Eulogie

Detailliert individualbiografisch Erzähltes„: Damit sind wir unmittelbar im Spannungsfeld zwischen hebräischer Grabinschrift und Matrikeneinträgen in deutscher oder ungarischer Sprache.

So starb etwa Heinrich Austerlitz 1909 mit 74 Jahren, seine Ehefrau Katharina 1921 mit 80 Jahren. In den Geburtsmatriken waren keine Kinder zu finden. Konnten sie auch nicht, da ein genaues Lesen der langen hebräischen Grabinschrift klar macht, dass das Ehepaar in 50 Jahren ihrer gemeinsamen Ehe kinderlos blieb (und offensichtlich auch bleiben wollte), denn in Zeile 10 heißt es:

Er hatte keine Kinder; mehr wert als Söhne und Töchter war der gute Name, den er sich erworben hatte.

Salopp gesagt: Genealogen können sich auch jede Suche in den Matriken und anderen Quellen ersparen, wenn sie in einer ebenfalls langen hebräischen Grabinschrift die Zeilen 9 bis 11 berücksichtigen würden. Denn dann wird klar, dass Wilhelm (Benjamin Seev) Hirschenhauser, gest. 14. August 1910, keine eigenen Kinder hatte:

Er liebte seine Verwandten und die Angehörigen seiner Familie und war ihnen ein Helfer und Unterstützer in der Zeit, als sie ihre Töchter verheirateten.

Wenn etwa nicht allgemein „Kinder“, sondern explizit „Töchter“ oder „Söhne“ in der hebräischen Grabinschrift genannt werden, kann man sich auch aus genealogischer Sicht darauf verlassen. So hatten Samuel (Sanwel) Windholz und Betti (Bella) Windholz, geb. Kohlmann, drei Söhne, aber keine Töchter:

Auch deine Söhne hast du den Weg des Glaubens gelehrt.

Grabinschrift Samuel Windholz

Als eine gute und verlässliche Mutter bemühte sie sich, ihre Söhne zu leiten und sie zu erziehen an den [Quellen] des Glücks und auf den Wegen der Geradlinigkeit.

Grabinschrift Betti Windholz

Es ist aber nicht nur jener Teil der Grabinschrift, den wir Eulogie (Lob) nennen (s.o. Zitat), den wir für biografische Zuordnungen und genealogische Forschungen heranziehen müssen (!), sondern neben den Datumsangaben (s.u.) und Ortsangaben (נפטר במרחץ אישל „Er verstarb in Bad Ischl“) vor allem auch die hebräischen Namen (s.u.) sowie die mit diesen verbundenen Titel („der Rabbiner„, „der Toragelehrte„, „die Rabbinersfrau“ etc.), Statusbeschreibungen („der unverheiratete Mann„, „das Mädchen„, „die Witwe“ etc.), Segenswünsche (s.u.) und Altersangaben (s.u.).

Einige Beispiele aus Inschriften vom älteren und jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt mögen dies illustrieren. Allein auf den beiden jüdischen Friedhöfen Eisenstadts gibt es hunderte Beispiele, die die hohe Relevanz der hebräischen Grabinschrift für genealogische Forschungen belegen, hier nur eine kleine Auswahl:

Der hebräische Name (Synagogalname) versus bürgerlichen Namen

Vorab eine Leseempfehlung: Sag mir, wie du heißt … (Jüdische Allgemeine)

In hebräischen Grabinschriften finden wir ausschließlich die hebräischen Namen, sowohl von Frauen als auch von Männern (also „Schwarzl“ und nicht „Charlotte“ und „Mordechai Zvi“ und nicht „Armin“ usw.). Bürgerliche Namen gibt es in Inschriften in Eisenstadt nur sehr vereinzelt und nur als Zusatz am jüngeren jüdischen Friedhof in deutscher oder ungarischer Sprache (siehe Bild links).

In der heute 2., ursprünglich 1. Reihe, der sogenannten „Rabbinerreihe“, wo die großen schöpferischen Gelehrten begraben sind, findet sich am jüngeren jüdischen Friedhof kein einziger nicht hebräischer Buchstabe!

Ein m.E. besonders schönes Beispiel für die Erwähnung eines hebräischen Namens zeigt die hebräische Grabinschrift der mit 27 Jahren früh verstorbenen Juliana (Jentel) Machlup, gest. 1838 und begraben am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt.
Der Vater von Juliana ist Jona Klaber, der ebenfalls am älteren jüdischen Friedhof begraben ist.
Das hebräische Wortspiel „junge Taube = Tochter des Jona“ (hebr. „jona“ = „Taube“) ist faszinierend, wobei der ganze Satz wohl als Euphemie für das Sterben interpretiert werden darf:

…und als die Zeit für die junge Taube (Tochter des Jona) herannahte, da flog sie hoch in den Himmel hinauf.

Oft wurde in Matrikeneinträgen, bes. in Geburtsmatriken, auch der hebräische Name eingetragen, der allerdings von vielen Genealogen leider ignoriert wird.

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858

Geburtsmatriken Eisenstadt 1858


Nota bene: Aus hebräischen Namen lässt sich nicht verlässlich auf bürgerliche Namen schließen (wie oft angenommen) und vice versa! Zwar häufen sich gewisse Regelmäßigkeiten wie hebräisch „Mordechai“ und bürgerlich „Max“ oder „Markus“, „Rösl“ und „Theresia“ usw., aber es gibt genügend Beispiele, die ein ganz anderes Bild zeichnen:
So ist etwa der hebräische Name von Alexander HessSaul„, der hebräische Name von Alexander PollakSüßkind“ und der hebräische Name von Alexander WärndorferSalomo Jehuda„. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Beim Lesen von Matrikeneinträgen darf daher nicht davon ausgegangen werden, dass der hebräische Name nichts anderes als eine Art Übersetzung des bürgerlichen Namens ist!

In Mattersdorf/-burg etwa waren Regina (Rebekka) Trebitsch-Kohn und Regina (Rachel) Trebitsch-Kohn Schwestern. Die bürgerlichen Namen waren quasi nur eine Formalität, jede genealogische Arbeit kann nur über die hebräischen Namen, die auch die im Familienverbund üblichen Rufnamen waren, zu einem seriösen Ergebnis führen.

Der hebräische Name kann aber häufig etwa auch in Verlassenschaftsakten, Sterbeeinträgen usw. das Zünglein an der Waage für eine eindeutige genealogische Zuordnung sein:

Sohn des Toragelehrten, des ehrenwerten Herrn, Herrn Mordechai Reitlinger, sein Andenken möge bewahrt werden…

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger

Bestellschein für den Grabstein von Moritz (Mose) Reitlinger, gest. 02. April 1846
Bild-©: Georg Gaugusch, Wien


Die Jahrzeittafeln – eine weitere Primärquelle

Die Matrikeneinträge ließen bei der Mutter von Regina Breyer viele Fragen offen, eine sichere genealogische Zuordnung war überhaupt erst möglich mit dem Einbeziehen der Jahrzeittafel: „Rachele, Tochter der Bella Chaja“ (Hess, jung gest. 28. Mai 1827, begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt).

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer

Jahrzeittafel Regina (Rachele) Breyer


Altersangaben

Üblicherweise finden wir nur sehr ungefähre Altersangaben wie ישישhochbetagt„, זקןalt“ oder שיבהGreisenalter„.
מרומם etwa bedeutet „erhaben„, wird aber fast ausschließlich nur bei Männern in höherem Alter verwendet. Häufig kommen alle Ausdrücke nebeneinander bzw. in einer Inschrift vor, siehe etwa Samuel Schneider, gest. 05. Mai 1928, Zeile 2 und 9.

Gelegentlich kommen in den hebräischen Grabinschriften der beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt aber auch genauere Altersangaben vor, wie etwa in der Inschrift von Samuel (Nataniel) Schönberger, gest. 04. Mai 1911:

Er verstarb in hohem Alter, nachdem er zu Kräften gekommen war (= nachdem er das 80. Lebensjahr erreicht hatte)

Vgl. Psalm 90,10 „(Unser Lebensalter beträgt 70 Jahre,) und wenn sie in Kräften sind, 80 Jahre…“ …ואם בגבורת שמונים שנה… und babylonischer Talmud, Traktat Avot V,25 „…80 Jahre alt zum hohen Alter…“ …בן שמונים לגבורה…

Samuel (Nataniel) Schönberger starb laut Sterbematriken mit 79 Jahren.

Segenswünsche

„Wie das Amen im Gebet“ folgt hinter dem Namen eines Verstorbenen / einer Verstorbenen der Segenswunsch „auf ihm/ihr sei Friede„, „seine Ruhe möge im Garten Eden sein“ oder „sein Andenken möge bewahrt werden„, bei besonders Gelehrten „das Andenken des Gerechten möge bewahrt werden“ o.ä.
Nicht ganz so regelmäßig und verlässlich ist der Segenswunsch bei noch lebenden Verwandten: „sein Licht möge leuchten“ (z.B. Hendel Hess) o.ä.

Eine scheinbar kleine Unachtsamkeit beim Lesen des Segenswunsches in Zeile 12 der hebräischen Grabinschrift von Sprinze Chaja, gest. 1879, führte 20 Jahre lang zu fatalen Folgen in der genealogischen Zuordnung von Sprinze Chaja (und das, obwohl die hebräische Inschrift bereits 1995 von mir publiziert wurde):

Zeile 10: Es versammelten sich bei ihr am Tag ihres Begräbnisses die Söhne
Zeile 11: ihres ersten Ehemanns, des Vorsitzenden und Leiters der Gemeinde,
Zeile 12: H(errn) Abraham Löb Reitlinger, a(uf ihm sei) F(riede)

  • Durch den Segenswunsch „auf ihm sei Friede“ wird unmissverständlich klar, dass der genannte Ehemann Abraham Löb Reitlinger beim Ableben von Franziska (Sprinze Chaja), 1879, nicht mehr am Leben ist, demzufolge nicht 1907 gestorben sein kann, wie lange angenommen wurde. Tatsächlich starb er am 14. September 1826 in Wien.
  • Durch korrektes Berücksichtigen des Segenswunsches in Verbindung mit Zeile 11 der Inschrift wird klar, dass Sprinze Chaja jedenfalls ein zweites Mal geheiratet haben muss (weil sonst „erster Ehemann“ keinen Sinn macht). Dieser zweite Ehemann dürfte weiters (Vermutung nur aufgrund des Textbefundes der drei Zeilen der Inschrift) 1879 nicht mehr am Leben sein, da er sonst höchstwahrscheinlich genannt worden wäre. Tatsächlich wird Franziska Reitlinger/Sabl in der Konskriptionsliste von 1836 bereits als Witwe geführt, der (vermutliche) zweite Ehemann, NN Sabl, war also zum Zeitpunkt ihres Ablebens auch schon mindestens 43 Jahre lang tot.
  • Weiters ist die Angabe „die Söhne ihres ersten Ehemanns…“ (wörtlich: „ihre Söhne…„) in der hebräischen Grabinschrift korrekt, da zum Zeitpunkt des Todes von Sprinze Chaja ihre einzige Tochter bereits verstorben war und nur die vier Söhne gemeint sein können.

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger

Ausschnitt Grabinschrift Sprinze Chaja Reitlinger
rot umrandet Zeile 12 und der Segenswunsch


Das Sterbedatum

Das Sterbedatum, ggf. auch das Geburtsdatum, wird in hebräischen Inschriften ausschließlich nach dem jüdischen Kalender angegeben. Dabei sind v.a. zwei Besonderheiten zu beachten:

  1. Die Monate Tischre, Cheschwan, Kislew und Tevet liegen immer schon im neuen jüdischen Jahr (bei Tevet meist ein Datum Dezember oder Jänner des Folgejahres). Rosalia (Süssl) Figdor starb am 12. Oktober 1905, nach jüdischem Datum aber schon am 13. Tischre 666.
  2. Der jüdische Tag beginnt immer am Abend bei Sonnenuntergang. Leopold (Jehuda, genannt Löb) Machlup starb am 13. Mai 1914 um 23 Uhr, nach dem jüdischen Kalender aber schon am 18. Ijjar.

Der Kaufmann Moses Elias Gelles starb laut hebräischer Grabinschrift, die auch heute noch klar zu lesen ist (s.u. Bild), am 08. Ijjar 625, umgerechnet Donnerstag, 04. Mai 1865 in Bruck an der Leitha und ist am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben. In der hebräischen Inschrift ist auch der Wochentag (5. Tag = Donnerstag) angegeben.

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles

Ausschnitt Grabinschrift Moses Elias Gelles


In den Sterbematriken findet sich allerdings das Sterbedatum 04. Juni 1865 (also Datumsdifferenz von 1 Monat!). Der Sterbeeintrag wurde offensichtlich nachgetragen und trägt die „laufende Nummer“ 11a.

Was die Sache prima vista schwieriger macht, ist, dass sich in den Sterbematriken das Sterbedatum auch auf Hebräisch findet, und zwar wie folgt:

א בהעלתך: „am 1. Tag (Sonntag) der (Woche der) Parascha / des Toraabschnitts ‚Wenn du die Lampen anzündest‘ (Numeri 8,1)“, und das ist im Jahr 625 / 1865 Sonntag, der 10. Siwan = 04. Juni! Dies bedeutet, dass das hebräische Datum eindeutig das bürgerliche Sterbedatum des Sterbeeintrags heranzieht und quasi zwar korrekt rückrechnet, dennoch aber letztlich das falsche Datum liefert. Erwartungsgemäß wird nicht das Datum der hebräischen Grabinschrift genommen, da der Matrikeneintrag bereits im Juni 1865 erfolgte, der Grabstein mit der Grabinschrift aber sehr wahrscheinlich erst am 1. Jahrzeittag, also am 04. Mai 1866, gesetzt wurde.

Es darf also so gut wie sicher davon ausgegangen werden, dass der Matrikenführer Mai mit Juni verwechselte und das Sterbedatum falsch eintrug (noch zumal es keinen Eintrag im Mai gibt).

Ein interessantes Beispiel, wo weder der (bürgerliche) Matrikeneintrag noch der hebräische Matrikeneintrag, sondern das hebräische Datum in der Grabinschrift der verlässlichste Datumslieferant ist.

Matriken Tod Moses E. Gelles

Matriken Tod Moses E. Gelles



Insbesondere bei verderbten und nachgetragenen Matrikeneinträgen ist es von enormem Vorteil, auch die hebräische Grabinschrift zur Verfügung zu haben bzw. diese eben entsprechend zu berücksichtigen.

Ein versöhnliches Schlusswort

So sehr ich die Nicht- oder Zu-wenig-Beachtung der hebräischen Grabinschriften und anderer hebräischer Quellen (wie Jahrzeittafeln, hebräische Einträge in den Matriken etc.) in der genealogischen Forschung bedauere!, es ist die schöne Sprache der oft mit so viel Weisheit und Liebe geschriebenen Inschriften, die mich nach wie vor am meisten fasziniert.

Die häufig in Sterbematriken vermerkte Todesursache spielt für Genealogen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle (Ausnahme: persönliches Interesse). Ebenso finden wir in hebräischen Grabinschriften nur selten einen Hinweis auf die Todesursache (Ausnahme: Märtyrer, Seuchenopfer usw.).

Hin und wieder findet sich aber eine besonders schöne Formulierung:

Elias (Abraham) Gabriel starb am 12. Adar I 638 (15. Februar 1878)

mit einem göttlichen Kuss im Alter von 71 Jahren…

Vgl. babylonischer Talmud, Traktat Moed Qatan 28a und Baba Batra 17a „…und Mirjam starb ebenfalls (d.h. wie Mose) mit einem (göttlichen) Kuss (d. h. ohne Qual und Schmerz)…“ …אף מרים נמי בנשיקה מתה… S. auch Berachot 8a „…die leichteste (Todesart) ist der Kuss(tod)…“ …ניחא שבכלן נשיקה…


Elias (Abraham) Gabriel starb einen leichten Tod und ist in der ursprünglichen Rabbinerreihe am jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt begraben.

Genealogie, Leben und Glaube

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Orthodoxie und Oktoberfest

Friederike Spitzer aus Eisenstadt heiratet das bayerische Urgestein Angelo Feuchtwanger

Am 15. Februar 1880 stirbt in Eisenstadt der Tuchhändler Ignatz Spitzer. Seine Ehefrau Kathi, eine Tochter von Leopold Wolf und Rosa Spitzer, stirbt 5 Jahre später. Die beiden haben 5 Töchter und 3 Söhne, alle in Eisenstadt geboren, nur 1 Tochter und 2 Söhne sterben auch in Eisenstadt.

In der hebräischen Grabinschrift von Ignatz Spitzer lesen wir u.a.:

…Er war die Krone seiner Söhne, die Pracht seiner Familie…

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch Ignatz und Kathi Spitzer nicht untätig waren, wenn es darum ging, die geeigneten Ehepartner für ihre Kinder zu finden. An erster Stelle stand sehr wahrscheinlich der religiöse Hintergrund des oder der Zukünftigen, diesbezüglich wollte man keine Risken eingehen: Schließlich wuchsen doch beide Elternteile in einer Zeit auf, als der „deutsche Doktor“ und Mitbegründer der Neo-Orthodoxie, Rabbiner Asriel Hildesheimer, von 1851 – 1869 Rabbiner in Eisenstadt, über seine Wirkungsstätte schreibt:

… hier ist noch echt jüdisches Leben – … wirkliche Achtung der Tora, angesehene Stellung des Rabbiners, Fortbestand der Jeschiva.

Wirtschaftliche Interessen spielten bei der „Heiratspolitik“ wohl eine wichtige, aber – zumindest im konkreten Fall der Familie Spitzer – vielleicht eher untergeordnete Rolle.

Vor allem die Ehe von Tochter Friederike, geb. 01. Jänner 1859 in Eisenstadt, ist höchst bemerkenswert:

Friederike heiratet am 19. März 1883 in Eisenstadt Angelo Feuchtwanger aus München (Rabbiner war Salomo Kutna!).

Angelo (Ascher) Feuchtwanger, Teilhaber der J.L. Feuchtwanger Bank in München, geb. 09. August 1854 in München, ist der Onkel 2. Grades des weltberühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger, Autor u.a. von „Jud Süß“, „Die Geschwister Oppenheim“ oder „Die Jüdin von Toledo“.

Angelos Vater Jakob Löw Feuchtwanger (1821, Fürth – 1890, München), 1857 Bankgründer der J.L. Feuchtwanger Bank, ist der Bruder von Elkan Feuchtwanger (1823–1902), dem Großvater von Lion Feuchtwanger.

Elkan Feuchtwanger, Goldschmied, Seifensieder und Kaufmann, hatte in Haidhausen eine Margarinefabrik gegründet, die sein Sohn Sigmund Aaron Meir Feuchtwanger (1854–1916), der Vater von Lion, Ludwig und Martin Feuchtwanger, übernahm.

Am Bild links: Dr. Sigbert Feuchtwanger, Sohn von Friederike und Angelo Feuchtwanger, und seine Cousins 2. Grades Lion und Ludwig Feuchtwanger. Über Sigbert und die anderen Kinder von Friederike und Angelo s. Ignaz Spitzer (Vater).

  • Grabstein Sigmund Feuchtwanger und Johanna Feuchtwanger, geb. Bodenheimer

    Sigmund Feuchtwanger und Johanna
    Feuchtwanger, geb. Bodenheimer,
    Bild-©: Georg Gaugusch

  • Grabstein Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und Friederike Feuchtwanger

    Dr. Igo Feuchtwanger, Sohn von Angelo und
    Friederike Feuchtwanger,
    Bild-©: Georg Gaugusch


Angelo Feuchtwanger war eine beeindruckende Persönlichkeit, die Nachkommen beschreiben ihn als bayerisches Urgestein.

Gleichzeitig waren die bayerischen Traditionen in der Familie sehr lebendig, man sprach Münchner Mundart, liebte Berge und Bier und ging aufs Oktoberfest. Angelo Feuchtwanger, ein Onkel von Lion war als bayerisches Urgestein bekannt, der nach dem fast täglichen Synagogenbesuch meist im Hofbräuhaus einkehrte. Falls dies auf einen Sabbat fiel, ließ er eben anschreiben (denn der Umgang mit Geld ist am Sabbat nicht erlaubt) und bezahlte die Rechnung im Laufe der nächsten Woche. Sehr unverkrampft fiel auch der Umgang mit Nachbarskindern und Schulfreunden aus und wie alle anderen Münchner ging man gerne ins Museum und Theater oder fuhr in die Sommerfrische an den Starnberger See.

Prädikat lesenswert: Familie Feuchtwanger, BR, radioWissen

Königliches Hofbräuhaus – 1903

Königliches Hofbräuhaus – 1903, Bild-©: Wikipedia


Ich bin zuerst Jude, dann Bayer und dann Deutscher,

lautete Angelos Wahlspruch.

Lion Feuchtwanger gehörte zu den Ersten, die die kommende Tragödie erkannten, schon 1920 thematisierte er in seinem satirischen Text „Gespräche mit dem Ewigen Juden“ den Wahnsinn, der bald Realität werden sollte (Bücherverbrennungen).
In seinem 1930 erschienenen Schlüsselroman „Erfolg“ karikiert Feuchtwanger mit spitzer Feder das politische und kulturelle Leben im konservativen München, das bei ihm nicht gut wegkommt – er spricht

von einer zähen dumpfigen und geistig nicht gut gelüfteten Bevölkerung -,

und zeichnet in der Figur Rupert Kutzners ein deutlich erkennbares Porträt Hitlers.

Beim Oktoberfest wurde auch die Familie Angelo Feuchtwangers mit dem brutal-primitiven Antisemitismus konfrontiert. Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte sich die Lage für die Privatbank der Feuchtwangers zunehmend verschlechtert, 1935 hatte sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Feuchtwangers für sich und ihr Unternehmen in München keine Zukunft mehr sahen.

1936 emigrierte Angelo nach Palästina und auch in Tel Aviv besuchte er täglich die Synagoge, allerdings ohne anschließenden Gang ins Hofbräuhaus …

Angelo Feuchtwanger starb am 24. April 1939 in Tel Aviv, seine Frau Friederike, geb. Spitzer, war schon am 16. Oktober 1908 in München verstorben.

Fast allen Feuchtwangerfamilienmitgliedern der Münchner Linie gelang die Flucht, die meisten emigrierten nach Palästina. Es waren 854 Männer, Frauen und Kinder, 80 davon wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.

Kein Familienmitglied der großen Familie hat seinen Namen in Israel geändert, und das, obwohl der Name in Israel schwer auszusprechen und noch schwerer zu schreiben war.

Prädikat hörenswert: „Von der Synagoge ins Wirtshaus, BR, radioWissen

Neben den oben verlinkten Lese- und Hörtipps empfehlen wir als Lektüre: Heike Specht: Die Feuchtwangers. Familie, Tradition und jüdisches Selbstverständnis im deutsch-jüdischen Bürgertum des 19. und 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2006.


Burgenland, Genealogie, Leben und Glaube

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„Im Namen des deutschen Volkes“

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2017

Anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner stellen wir ein erschütterndes Zeitdokument vom September 1938 online (Quelle: privat).
Der jüdische Kaufmann Leo Schloss konnte mit seiner Familie nach Südamerika fliehen, die Nachfahren leben heute in Chile.

Hofstattgasse 7, Wien XVIII

Hofstattgasse 7, Wien XVIII, Quelle: initiative-denkmalschutz.at


  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 1

    Seite 1

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 2

    Seite 2

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 3

    Seite 3

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 4

    Seite 4


Transkription

Im Namen des deutschen Volkes!

Das Amtsgericht Döbling hat durch den Bezirksrichter Dr. Lutz als Richter in der Rechtssache der

klagenden Partei: Hermine Hawlik, Private, Wien 18., Hofstattgasse 7,
wider die
beklagte Partei: Leo Schloß, Kaufmann, Wien 18., Hofstattgasse 7

wegen Aufkündigung zu Recht erkannt:

Die hg. Aufkündigung K 1464/38 wird für rechtswirksam erklärt und ist die beklagte Partei schuldig, die im Hause Wien 18., Hofstattgasse 7 gemietete Wohnung Nr. 9 zum Novembertermin (1938) der klagenden Partei bei Zwangsfolge geräumt zu übergeben. Ein Kostenausspruch entfällt.

Entscheidungsgründe:

Unter Hinweis darauf, dass der Beklagte Jude (Nichtarier) sei, erfolgte die gegenständliche Aufkündigung, gegen welche Einwendungen dahin erhoben wurden, dass die Wohnung dem Mietengesetz unterliege, Beklagter keinerlei Anstand gehabt oder gegeben hätte und das Zusammenwohnen niemandem verleidet worden sei. Im übrigen könne Beklagter sich eine andere Wohnung nicht verschaffen.

Die Klägerin verwies auf die Abhängigkeit einer Vermietung dieser Wohnung von der Erledigung dieses Rechtsstreites, während Beklagter zugab, Jude zu sein, sich derzeit mit der Auswanderung im allgemeinen befasst zu haben, welcher jedoch Formalitäten unbekannter Dauer entgegenstünden.

Das Gericht gelangte auf Grund nachstehender Erwägungen zur Stattgebung der Kündigung. Die Kündigungsgründe nach dem Mietengesetz sind nicht erschöpfend aufgezählt. Gemäß § 19, Abs. 1, MG. kann aus wichtigen Gründen der Mietvertrag gekündigt werden. In diesem Zusammenhang führt schon der Kommentar Swoboda zu dieser Gesetzesstelle aus, dass die Anerkennung eines besonderen Kündigungsgrundes dann erleichtert sei, wenn die Frage bejaht werden könne, dass die Zulässigkeit der Aufkündigung auch im öffentlichen Interesse gelegen sei (S. 208).
Dieses ist aus mehrfachen Gründen der Fall. Zunächst ist der dringende Wohnbedarf von Wohnungen für Volksgenossen gerichtsbekannt; das Gesetz ist nicht um seiner selbst willen da, sondern zur Sicherung der Volksgemeinschaft, der zu ihrem Schutze erforderlichen Lebensnotwendigkeiten des Volkes, welche in den Mittelpunkt des Rechtsdienstes gestellt werden. An der Spitze einer solchen Wertordnung steht über dem einzelnen Menschen das Volk und dessen Lebensnotwendigkeiten, insbesondere gegenständlich der Wohnbedarf und seine Befriedigung, welche eine der wichtigsten Voraussetzungen des gegenwärtigen und künftigen Gedeihens des Volkes bildet. Insolange Volksgenossen unter grosser Wohnungsnot leiden und hiedurch die Lebensgrundlage des Volkes wesentlich beeinträchtigt werden, muss der Kündigung wie vorliegend schon aus diesem Grunde ein wichtiges öffentliches Interesse zuerkannt werden (Sicherung und Neubildung deutschen Familienlebens).

Sieht man von dieser materiellen Seite jedoch ab, so muss auf Grund nachstehender grundsätzlicher Erwägungen die Wichtigkeit der vorliegenden Kündigung anerkannt werden: nach dem nationalsozialistischen Umsturz strebt die Staatsführung eine reinliche und durchgreifende Scheidung zwischen Volksgenossen deutschen oder artverwandten Blutes einerseits und den Angehörigen jüdischen Blutes andererseits an. Dass ein Jude nicht Volksgenosse sein kann, vielmehr aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen ist, liegt in der Natur der Sache begründet und ist im Reichsbürgergesetz vom 15. 9. 1935 verankert, welches nunmehr auch auf das Land Österreich Anwendung zu finden hat. In einer Reihe besonderer gesetzlicher Bestimmungen wird dahin Sorge getragen, dass die Angehörigen des jüdischen Volkes von jenen des deutschen Volkes abgesondert werden, indem das jüdische Volk in seine eigenen Lebensbezirke verwiesen und ihm die bisherigen Möglichkeiten enger und engster Beziehungen und Verbindungen mit dem deutschen Volke genommen werden. Es soll in alle Zukunft das jüdische Gastvolk in politisch kultureller und biologischer Beziehung vom deutschen Volk getrennt und geschieden werden. Der Grundsatz, dass zwischen Juden und Deutschen keine wie immer geartete Gemeinschaft, und zwar weder eine Volksgemeinschaft noch Haus- oder Gastgemeinschaft bestehen dürfe, ist im politischen wie sonstigen Leben des deutschen Volkes führend geworden, weshalb dem einzelnen Hauseigentümer in Beobachtung dieser Grundsätze ein weiteres Belassen eines jüdischen Mieters nicht zugemutet werden kann, wenn, wie hinzu kommt, die Wohnung für Angehörige deutschen oder artverwandten Blutes dringlich benötigt wird. Hierin liegt nicht der Kündigungsgrund des § 19/2,Pkt. 3, MG., sondern ein solcher eigener Art, erwachsen aus der öffentlich geforderten Trennung der bisher vermengten Volksangehörigen in allen Belangen des Lebens.

Dieser Umstand kommt jedoch einem wichtigen Grunde im Sinne des § 19/1 MG. gleich, weshalb wie oben zu entscheiden war.
Da Kosten nicht verzeichnet wurden, entfiel ein Ausspruch darüber.

Amtsgericht Döbling, Abt. 4
Wien, am 9.9. 1938.

Leben und Glaube

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… dann bist du von Einsamkeit umsponnen …

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe …

Berühmte Gelehrte sind hier begraben, darunter Rabbi David Alt, genannt Eibnitz, gestorben 1850, seine Ehefrau Chana, gestorben 1877 und sein Sohn Elieser, gestorben 1895.

  • Grabstein Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

    Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

  • Grabstein Chana Alt

    Grabstein Chana Alt (Eibnitz)

  • Grabstein Elieser Alt

    Elieser Alt (Eibnitz)


Lobenswert jedenfalls, dass der Weg sowohl zur Synagoge als auch zum jüdischen Friedhof in Kobersdorf mehrfach deutlich und klar bezeichnet ist, lobenswert auch, dass erkennbar ist, dass schon viele Arbeiten am Friedhof stattgefunden haben, wenngleich noch viel zu tun bleibt.

Ganz im Gegenteil dazu möchte ich fast von Schock sprechen beim Anblick der Synagoge in Kobersdorf. Die Geschichte ist bekannt: die Kultusgemeinde klagte den Eigentümer des Vereines, dem die Synagoge seit Jahren gehört, verlor den Prozess, die Synagoge verkommt immer mehr zur Ruine. Einfach nur traurig.
Genau gegenüber, nur durch eine schmale Straße getrennt, das schön renovierte Schloss Kobersdorf, in dem jährlich die Kobersdorfer Schlossspiele stattfinden. Tausende BesucherInnen des kleinen Ortes sind seit Jahren mit einer erschütternden Polarität konfrontiert, viele stellen Fragen, die Antworten bleiben unbefriedigend, die öffentliche Hand – so der Verdacht – hat nun offizielle Gründe wegzuschauen.?

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Schloss Kobersdorf

    Schloss Kobersdorf


Lackenbach, nur wenige Kilometer entfernt: der größte jüdische Friedhof im Burgenland mit 1770 Grabsteinen, mit wenigen Ausnahmen alle mit hebräischen Grabinschriften, Kalksandsteine, die verwittern und täglich schwerer, zum Teil gar nicht mehr lesbar sind.

Auch hier finden grundsätzlich lobenswerte Arbeiten (Mähen, Katalogisierung …) am Friedhof statt, aber auch hier bleibt noch viel zu tun (Zuordnungen, Auslesen der hebräischen Inschriften, Übersetzungen …).

Aber bis heute: auch hier schockierend und wohl nicht nur für mich wirklich völlig unverständlich der Umgang mit der jüdischen Vergangenheit, mit der Gedenkkultur. Namentlich mit der Gedenktafel, die immerhin an die größte Synagoge des Burgenlandes erinnert (oder besser: erinnern soll), denn die Tafel ist in der ca. 50 Meter langen kleinen Gasse so gut wie nicht zu finden, der Platz für die Tafel sowie der Zustand dieser spotten jeder Beschreibung.
Auch hier viele Fragen: Ein Spiegelbild des Verantwortungsbewusstseins der öffentlichen Hand? Wo sind die Initiativen von Vereinen, Schulen, politischen Verantwortlichen? An den Finanzen kann es in diesem Fall ja wohl nicht liegen, dass seit vielen Jahren nichts passiert bzw. passieren will…

Gedenkkultur? Lackenbach

Gedenktafel – Gedenkkultur? in Lackenbach


PS: Die Überschrift stammt aus einem Gedicht der Literatin Mida Huber, die nahe Kobersdorf, am sehr idyllisch gelegenen Friedhof von Landsee, begraben ist.

Burgenland, Leben und Glaube

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Il Giardino dell’Eternità di Trieste

Der jüdische Friedhof von Triest

Links zum Projekt


Triest! Was verbindet sich nicht alles mit diesem Namen!

Alexander Roda-Roda

Die jüdische Gemeinde von Triest zählt heute etwa 500 Mitglieder, von der großen und langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt – vor 1938 lebten etwa 6000 Juden in Triest – erzählt der jüdische Friedhof in Via della Pace mit seinen etwa 12.000 Grabsteinen auf 3 Hektar Fläche. Nachdem der alte jüdische Friedhof aus dem Jahr 1446 für die jüdische Gemeinde zu klein geworden war – in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung hatte er die Hänge des San Giusto-Hügels erreicht – und aufgelöst werden musste, fand das erste Begräbnis am neuen Friedhof am 2. Juni 1843 statt.

Memorial mit den 687 Namen der im Holocaust ermordeten Triestiner Juden

Shoa-Memorial

Dass Triest über 500 Jahre lang habsburgisch-österreichisch war, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Unzählige deutschsprachige Grabinschriften, Herkunftsorte wie Prag, Pressburg, Lemberg, Iasi (Rumänien), Warschau, Skalat (Polen/Westukraine), Surany (Südslowakei), Gloggnitz, Eisenstadt, Hohenems oder Wien, Familiennamen wie Lackenbacher und Familienstammbäume, die tief in die Geschichte der Juden unserer Region weisen, legen ein beredtes Zeugnis ab.

Eisenstadt, Hohenems und Wien…

Am 1. August 1800 heiratete Giustina, geborene Romanin, „Wolf Gerstel di Eisenstado„, geboren 1774. Er war Trödler und ist nicht in Triest begraben. Das Grab seiner Ehefrau befindet sich aber am jüdischen Friedhof Triest und hat – wenig überraschend – eine hebräische Grabinschrift.
Aus Hohenems kommen etwa August Brunner (der Grabstein ermöglicht uns die Daten in den genealogischen Datenbanken zu korrigieren) und Hannchen Brunner, in Wien wurden 1866 Ugo Ascoli und 1869 Siegfried Neuhauser, „Sohn einer achtbar würdigen Bürgerfamilie aus Wien“ geboren.

Große Namen und spannende Familiengeschichten

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest, Ende März 2016



Die Familien Morpurgo und Parente, Gründer und Vorstände der Generali Versicherung, sind in einem Sacellum, in der Form ähnlich einem griechischen Tempel, beim Eingang in den Friedhof begraben. Dieser Bereich wurde vom Mailänder Architekt Carlo Macciacchini errichtet, der neben seinem bekanntesten Projekt, dem Monumentalfriedhof in Mailand, auch der Erbauer von San Spiridione, der Serbisch-Orthodoxen Kirche von Triest, war. Der österreichische Bankier Elio von Morpurgo, verheiratet mit Nina Parente, etwa gilt als Begründer der weltberühmten Bankiers-Familie.

Eines der auffälligsten Grabdenkmäler gehört Giuseppe Eppinger, dem Gründer der weltberühmten „Bomboniera“, die heute noch existiert und James Joyce berichtet über seinen Besuch am sehr schönen Grab von Ada Meissel, der Ehefrau seines Freundes, die mit 27 Jahren Selbstmord begangen hatte. Auch das Grab von Elio Schmitz, dem Bruder des Schriftstellers Italo Svevo, dessen bürgerlicher Name Ettore Schmitz war, und der über seinen Bruder auch einen Roman schrieb, findet sich am Friedhof. Genauso wie jenes von Fiorina Coen, deren Tochter Irene, die ebenfalls am Grabstein genannt ist, die Mutter des prominenten New Yorker Bürgermeisters (1934-45) Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia war, nach dem auch ein New Yorker Flughafen benannt ist.

Skandal in Triest: als Margarete Arnstein 1907 im Alter von 12 Jahren verstorben war, fertigte der italienische Architekt Giovanni Marin einen Sarg mit einer von Blumen bedeckten figürlichen Darstellung von Margarete, was natürlich dem biblischen Bilderverbot widersprach (Exodus 20,4).

  • Aufbahrungshalle am Friedhof

    Aufbahrungshalle am Friedhof

  • Gräber der frühen Rabbiner, 18. Jh., vom alten jüdischen Friedhof

    Gräber früher Rabbiner, 18. Jh.

  • Abgebrochene Säulen: Gräber von Kindern bzw. jungen Menschen

    Kindergräber


Hochinteressante Details in den hebräischen Grabinschriften

Schabbatai Elia Levi kam aus Korfu, ist in Triest begraben und das Sterbedatum in seiner hebräischen Grabinschrift wird dargestellt durch den Satz „Im Jahr, in dem Sewastopol belagert wurde“. Mit dem Tod Rachel Grassitis 1849 versank auch „ihre große Kraft“, ebenfalls dargestellt im Sterbedatum. Sehr spannend auch die doch zu unserer Region verschiedenen Einleitungsformeln wie „Hier liegt“ פה שוכב oder „Dies (sei) die Ruhestätte“ מ“ק, was ich in Österreich bisher nur auf Grabinschriften in der sefardischen Abteilung am Zentralfriedhof in Wien sah.

Mein Dank gehört der Genealogin Traude Triebel, die beim Lesen und der Indizierung der Inschriften half und viele Fotos beisteuerte sowie ganz besonders auch Livio Vasieri aus Triest, der – ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft – seit Jahren unermüdlich an der Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Triest arbeitet.

Über den jüdischen Friedhof Triest gibt es die schöne DVD „Hidden Treasure“ (Italienisch mit englischen Untertiteln) sowie die Broschüre Il Giardino dell’Eternità (Italienisch), beides bei der jüdischen Gemeinde Triest erhältlich. Schließlich sei noch das sehr schöne Carlo e Vera Wagner Museum in Triest empfohlen.

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