Thema: Leben und Glaube
Der Golfkrieg 1991
Aus meinen Memoiren
Vor 21 Jahren begann hier der wohl eigenartigste Krieg in der Geschichte des Staates Israel: der Golfkrieg. Dieser, im Westen Zweiter Golfkrieg genannt, bezeichnet den Krieg im Nahen Osten, der 1990 mit dem Einmarsch des Iraks in Kuwait begann und 1991 durch eine von den USA geführte Koalition beendet wurde. Am 24. Dezember 1990 drohte der irakische Präsident Saddam Hussein, dass Israel das erste Ziel eines Angriffs sein werde, sollten die Koalitionsstreitkäfte angreifen. Soweit ich mich erinnern kann, wurde hier in Israel damit gerechnet, dass er Raketen mit Giftgas hierher schießen könne. Saddam Hussein spielte hier ganz sicher absichtlich psychologisch mit dem jüdischen Trauma vom Giftgas. Seine Drohungen wurden ernst genommen; schließlich hatte er in der Vergangenheit schon Giftgas eingesetzt: gegen den Iran und gegen die Kurden.
Die USA stationierten daraufhin Patriot-Raketen (gegen Raketenangriffe) in Israel und anderen gefährdeten verbündeten Ländern.
Kriegsvorbereitungen in Israel
Angesichts dieser Drohungen musste die israelische Regierung entscheiden, wie sie sich verhalten sollte. Es wurde heftig über einen Vergeltungsschlag auf etwaige Angriffe diskutiert. Die Charedim (Ultra-Orthodoxe) waren eindeutig dagegen.
Die Gojim machen lassen und sich nur ja nicht einmischen, so wie es heißt ‘Gott wird für euch kämpfen, und ihr sollt stillsitzen’
Exodus 14,14,
verlautete es aus Kreisen von charedischen Rabbinern, darunter von dem auch politisch einflussreichen Raw Schach aus Bnei-Brak. Die Regierung schloss sich dieser Linie an, vor allem auch, weil die Amerikaner Israel sehr darum gebeten hatten, nur ja nichts zu unternehmen: eine Reaktion Israels hätte nur die ohnehin sehr fragile Koalition der USA mit Ägypten und Saudi-Arabien zunichte gemacht.
Armee und Verteidigungsministerium arbeiteten inzwischen an Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung, die ja diesmal den militärischen Schlag abkriegen würde. Es gab nicht genug Bunker für die gesamte Bevölkerung, und schon gar keine, die gegen chemische und biologische Angriffe ausgerüstet waren. Auch gab es damals noch keine betonverstärkten Sicherheits-Zimmer in Wohnungen, wie sie heute gebaut werden (und zwar als Folge des Golfkrieges).
Es wurde daher Folgendes beschlossen:
Als persönliches Verteidigungsmittel erhält jeder israelische Bürger, und auch jeder Tourist, vom Staat eine Gasmaske. Asthmakranke und kleine Kinder erhalten zusätzlich eine batteriebetriebene Luftpumpe dazu, damit sie genug Luft bekommen.
Mit der Maske erhält außerdem jeder eine Atropin-Spritze. Atropin ist ein Gegengift gegen Nervengas.

Weiters soll jeder Haushalt ein Zimmer bereitstellen, das im Notfall abgedichtet werden kann. Es soll so wenige Fenster und Türen wie möglich haben. Etwaige Scheiben sind mit dicken Plastikfolien als Splitterschutz zu bekleben. Die Spalten aller Zimmeröffnungen müssen, nachdem sich im Falle eines Angriffs alle Anwesenden in das Zimmer begeben haben, mittels eines breiten Klebebandes (manchmal wird übrigens ein solches bis heute als “Kriegs-Klebeband” bezeichnet) abgedichtet werden – damit kein Giftgas eindringen kann. Aus demselben Grund ist die untere Türspalte mit einem in Chlorbleiche getränkten Tuch abzudichten. (Ein schönes G’rucherl war das!)
Die Verteilung von Masken mit batteriebetriebenen Luftpumpen, von denen es anfangs nur eine beschränkte Anzahl gab, verursachte kuriose Debatten, wie es sie wohl nur in Israel geben kann: Politiker der orthodoxen Partei “Agudat Israel” ereiferten sich darüber, dass Bartträger keine Gasmasken mit Luftpumpe bekämen, so wie Asthmatiker. Dies sei ein Schlag gegen das torahtreue Judentum, denn religiöse Juden dürften sich ja unter keinen Umständen den Bart abscheren. Dadurch sei ihr Leben bedroht. Einige Rabbiner erklärten zwar, dass die Kahlrasur im Falle von Lebensgefahr nicht nur erlaubt, sondern sogar religiöse Pflicht sei, wie der Oberrabbiner von Ra’anana, Raw Jitzchak Perez, der mit eigenem Beispiel voranging und sich bartlos der Öffentlichkeit präsentierte, doch in weiten Kreisen der Orthodoxen blieb eine solche Haltung extrem unpopulär. Für meinen Mann Schmuel ergab sich ein derartiges Problem nicht, da er als chronisch Asthma-Kranker eine Luftpumpe erhielt. Aber auch die glücklicherweise gesunden Charedim mussten ihr Leben nicht wegen des Barttragens opfern, denn der Staat verschaffte schließlich auch ihnen Pumpen.
Der Krieg beginnt
Am 1. Sch’wat (17. Jänner 1991), dem Tag vor dem Jahrzeittag meines seligen Schwiegervaters, den ich nie kennengelernt habe, begann der Luftangriff der amerikanischen Luftwaffe auf den Irak. Schmuel war in einem Dilemma: das Grab des Vaters auf dem Friedhof in Cholon aufsuchen oder nicht? Die Entscheidung wurde ihm dann schließlich durch den Verlauf der Dinge abgenommen.
Ich habe immer noch die triumphierenden Worte von Ezer Weizmann in den Ohren, damals Knesset-Abgeordneter und seinerzeit der Errichter der israelischen Luftwaffe, dem dieser massive Luftschlag offenbar gewaltig imponierte: “Den Irakern werden die Hände zittern, ehe sie wagen, uns anzugreifen!” Nun, die Hände der Iraker werden wohl gezittert haben, aber das hielt sie nicht davon ab, einen Tag später ihre Drohungen wahr zu machen.
In der Nacht auf den 2. Sch’wat (18. Jänner) war stürmisches Wetter; über Tel-Aviv und Umgebung tobte ein Gewitter. Da ertönten plötzlich die Sirenen. Auf und ab, auf und ab. Dann krachte es, in einiger Entfernung zwar, aber doch deutlich vernehmbar. Aus dem Radio tönte die Stimme des nachmals legendären Sprechers der israelischen Streitkräfte, Nachman Schai:
Ist es eine Rakete oder ist es Donner? Inzwischen gehen Sie bitte ins ‘abgedichtete’ Zimmer und legen die Gasmasken an, bis die Sache geklärt ist. Bleiben Sie ruhig und trinken Sie Wasser!
Inzwischen klatschten schwere Regentropfen aufs Dach.
Ich war mir absolut sicher, dass das kein Donner war. So hört sich kein Donner an! Wir eilten also mit den Kindern ins “abgedichtete” Schlafzimmer. Mein Herz begann zu rasen; Kurzatmigkeit, Schwindelgefühl und Schweißausbrüche folgten. Das war eine Giftgasrakete, das sind die Anzeichen einer Nervengasvergiftung!!! Oder etwa doch nicht? Vielleicht doch nur ein Adrenalinschub mit all den bekannten Begleiterscheinungen? “Man muss prüfen, ob die Pupillen verengt sind!”, schoss es mir durch den Kopf. Aber halt, vielleicht sind sie das bei Aufregung auch? Während mir das alles durch den Kopf schoss, legte ich mir die Gasmaske an und zurrte sie fest. Dazu musste ich natürlich die Brille ablegen, ohne die ich, als stark kurzsichtige Person, nicht viel sehe, und ganz sicher keine verengten Pupillen von Mann und Kindern.
Die Autorin mit aufgesetzter Gasmaske neben dem “Zelt” fürs Baby. Die grauen Flächen sind die Filter und an der runden Öffnung auf der Vorderseite war innen ein Plastikärmel mit Handschuh befestigt, damit man das Baby versorgen kann.
Bild: Die beiden ältesten Töchter der Autorin. Die Große, Tamar, hat hier eine Gasmaske auf, auf der der Filter aber noch nicht aufgeschraubt ist. Auch sie hätte, wie ihre jüngere Schwester, eine Kapuze bekommen sollen. Allerdings gab es damals nicht genug von diesen und so mussten auch 5jährigen it einer Gasmaske für Kinder vorlieb nehmen.
Gemäß den Anweisungen sollte jeder, der dazu imstande war, zuerst selbst die Maske anlegen und dann erst den Kindern oder Hilflosen. Nachdem ich mir das Ding also aufgesetzt hatte (kurzer Test: alles dicht? Jawohl!), schob ich unseren damals 4 Monate alten Sohn Motti (= Mordechai, so benannt nach meinem oben erwähnten Schwiegervater) in sein Zelt, legte dann der bald 5-jährigen Tami ihre Gasmaske an und schließlich der 2 ½-jährigen Dina ihre speziell für Kinder konstruierte Kapuze mit batteriebetriebener Luftzufuhr. Beispiel für so eine Kapuze. Fertig.
Da fiel mein Blick auf Schmuel. Der saß gerade im Bett und zog sich umständlich die Socken an.
“Was tust du denn?!”, rief ich entsetzt aus. “Warum setzt Du dir nicht die Gasmaske auf?!” Er warf mir einen konfusen Blick zu und murmelte etwas wie: “Ich habe gehört, dass das Gas auch durch die Ohren in den Körper eindringen kann.” Diese Antwort – das muss ich gestehen – hat mich sogar in dieser Situation äußerst belustigt und die unerträgliche Spannung etwas gelöst. Was haben wir alle noch später darüber gelacht! Dann hat auch Schmuel schließlich seine Maske aufgesetzt.
Wir hatten inzwischen auch die Eingangstür zum Schlafzimmer mit Plastikplanen und breiten Klebebändern zugeklebt. Dina fragte interessiert, warum wir denn die “Tür in ein Plastiksackerl stecken”, und phantasierte etwas über einen “Gas-Schnuller”. Damit meinte sie wohl die Gasmasken. Ich hatte ihr nämlich erzählt, dass sich innen in der Maske ein Trinkrohr befinde, so etwas “wie ein Schnuller”. Sie selbst trug, wie bereits erwähnt, eine Gas-Kapuze. Ihren heißgeliebten Schnuller hatte sie darunter in ihrem Mund. Als er ihr einmal herausgefallen ist, war es eine ziemliche Prozedur, das Ding durch die Plastikschicht hindurch wieder in ihr Mäulchen zu bugsieren.
Inzwischen hatte sich herausgestellt (wie ich ohnehin schon von Anfang an vermutet hatte), dass der Krach, den wir gehört hatten, tatsächlich von einer Scud-Rakete stammte – und zwar von einer konventionellen.
Ein paar Leute hatten sich in Panik die Atropin-Spritzen injiziert und wurden daraufhin im Spital behandelt. Da die Giftmenge aber nur gering war und sowieso nur als Erste Hilfe gedacht war, so ist dadurch niemandem etwas Ernstes passiert.
Raketenangriff!
Weitere Raketen folgten im Laufe der kommenden Tage (insgesamt wurden 40 Scuds auf Israel abgefeuert). Abwechselnd tönte es dann: “Nachasch Zefa” (= Vipernschlange; Code zum Betätigen der Sirenen)
oder “Scharaw kawed” (= schwerer Chamsin; Zeichen dafür, dass die Gefahr vorbei ist) aus dem jetzt immer laufenden Radio.
Keine einzige Scud enthielt Giftgas, doch fuhren wir, gemäß den Anweisungen des Verteidigungsministeriums, mit dem Aufsetzen der Gasmasken und dem Abdichten der Räume weiterhin fort. Die nächste Rakete könnte ja doch Giftgas enthalten!
Nachman Schai wurde zum “Beruhiger der Nation” und provozierte mit seinem mantra-artigen Ratschlag “Wasser trinken!” viel Spott und Parodien.
In den ersten Tagen des Krieges kam es bei Raketenalarm beinahe zum Zusammenbruch des Stromnetzes, weil man im ganzen Land fast gleichzeitig den Strom in nicht benützten Zimmern abschaltete. Die Elektrizitäts-Gesellschaft bat die Bevölkerung inständig, doch die Lichter brennen zu lassen.
Eine andere Begleiterscheinung der Angriffe waren Plünderungen von Wohnungen. Wegen der Anweisung, die Türen im Alarmfall unverschlossen zu lassen (für die Rettungskräfte), hatten kriminelle Zeitgenossen leichtes Spiel und bedienten sich schamlos am Besitz anderer, während die Hauseigentümer zitternd im “abgedichteten” Zimmer hockten.
Nicht alle folgten übrigens den Anweisungen: nicht wenige Wagemutige steckten nicht nur den Kopf aus dem Fenster (“Raketen schauen”), sondern stiegen sogar aufs Dach, um besser sehen zu können. Einige haben das Schauspiel, das sich ihnen darbot, sogar fotografiert oder gefilmt:
Mich hätten keine zehn Pferde aufs Dach gebracht. Allerdings kam es mir auch absolut lächerlich und absurd vor, sich gegen Raketen mit Plastikplanen zu schützen …
Die Spannung blieb immer bestehen. Obwohl die ersten paar Raketen alle konventioneller Art waren, war man sich nie sicher, ob das Gas nicht doch noch kommen würde. Gegen die Kurden hatte Saddam ja auch Giftgas eingesetzt – da wird er es gerade gegen Israel unterlassen?
Während der ganzen Kriegstage wurde im Rundfunk kein Wetterbericht gesendet. Man wolle dem Feind keine Informationen über die regionale Wetterlage bieten, hieß es als Begründung. Als ob die israelischen Medien die einzige Informationsquelle dazu wären. Naja.
Die Medien-Berichte über während der Attacken vor Freude tanzende Araber in Israel und den “Gebieten” (“Ja Saddam, ja chabib, udrub udrub Tel-Aviv” = O Saddam, o Lieber, schlage, schlage Tel-Aviv) versetzten die jüdische Öffentlichkeit in Rage, ja sogar ausgesprochen links Stehende.
Wie in jedem Krieg, so machten auch hier zahlreiche Erzählungen über diverse “Kriegswunder” die Runde, ganz besonders natürlich in religiösen Kreisen.
Gestörte Schabbat-Ruhe
Freitag Nachmittag, kurz vor Schabbat-Eingang. (An das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern.) Die Sirene, die normalerweise den Beginn des Ruhetages anzeigt, ertönte an diesem Tag nicht. Der Sirenenklang könnte die Menschen in unnötige Panik versetzten. Ich drehte unser Transistorradio auf und stellte die sogenannte “Stille Welle” ein, einen mit Billigung der maßgeblichen Rabbiner eingerichteten besonderen Sendekanal für religiöse Juden am Schabbat. Wie der Name besagt, herrschte auf dieser Frequenz Funkstille, nur im Alarmfall wurden die notwendigen Warnungen und Durchsagen gesendet.
Schmuel zog seinen Schabbat-Kaftan an und setzte den Hut auf. “Schmuel, du wirst doch wohl nicht in die Synagoge gehen?”, meinte ich besorgt. – “Doch, ich gehe. Es passiert eh nichts.” Und draußen war er. Die Gasmaske nahm er nicht mit. Er trägt nämlich am Schabbat auf der Straße nicht, obwohl es hier einen “Eruw” gibt. (Die halachische Erklärung dafür verstehe ich auch nicht so recht, bitte einen Rabbiner fragen…)
Da saß ich nun mit den drei kleinen “G’schrapperln”. “Hoffentlich bleibt alles ruhig”, dachte ich etwas nervös und blickte auf die Straße. Es blieb nicht. Plötzlich begannen die Sirenen zu heulen. Oh nein!!! Schnell packte ich die Kinder, verbarrikadierte mich mit ihnen im “Kriegszimmer” und absolvierte die übliche Gasmasken- und Abdichtungsprozedur, die irgendwie etwas Beruhigendes an sich hatte, weil man sich der Illusion hingeben kann, “etwas zu tun”. Danach sagte ich Tehillim (Psalmen).
Mitten im Geheul war ein Rumsen zu vernehmen – aber weniger deutlich als in der ersten Kriegsnacht. Auch die “Stille Welle” war mittlerweile zum Leben erwacht, es kamen die üblichen Durchsagen.
Dann waren in einiger Entfernung Sirenen von Einsatzfahrzeugen zu hören, wieder und wieder. Die blieben dann in einiger Entfernung stehen (soweit man das durch bloßes Hören abschätzen kann). Durchsagen aus Lautsprechern schallten durch die dunkle Nacht. Wo ist Schmuel?!
Sodann wurde die Durchsage gesendet, es handle sich wieder um eine konventionelle Scud. Wo genau sie gefallen war, sagte man aber natürlich nicht. Wieder sah ich aus dem Fenster. Ein Igel lief auf der leeren Straße herum. Wo bleibt denn nur mein Mann? Nun, der kam dann auch endlich heim. Ja, auch er hatte die Explosion gehört, anscheinend stärker als ich hier. Er muss also näher dran gewesen sein.
Wie wir später hörten, war die Rakete in Ramat-Gan, unmittelbar an der Grenze zu Bnei-Brak, gefallen und hatte ein Wohnhaus in Schutt und Asche gelegt. Die religiöse Familie, die dort wohnt, war zum Glück nicht zu Hause gewesen. Es hieß, die Leute wollten ursprünglich den Schabbat zu Hause verbringen und hätten auch alle notwendigen Vorbereitungen getroffen. Da hätte plötzlich die Frau darauf gedrängt, zu ihren Eltern nach Bnei-Brak zu gehen, und der Mann hätte sich seufzend gefügt. Nachher muss er sich an Gottes Anweisung an den Erzvater Abraham erinnert haben:
Höre auf alles, was deine Frau sagt!
Genesis 21,12
Obwohl unser Haus vom Ort des Geschehens nur einige hundert Meter entfernt ist, habe ich die Explosion hier nur relativ schwach gehört, weil zwischen dem betroffenen Haus und unserem ein Hügel liegt. Es war allen klar, was die Iraker eigentlich treffen wollten: eine militärische Einrichtung unweit von hier, in Ramat-Gan. Es gab auch noch weitere Versuche, diese zu treffen, weshalb die Stadt Ramat-Gan auch noch einige weitere Raketen abgekriegt hat.
In der näheren Umgebung der Explosion waren alle Fensterscheiben zu Bruch gegangen, so auch im Haus einer Cousine meiner Schwiegermutter, Piri. Die alte Dame hat einen leichten Schock erlitten, ist aber ansonsten unversehrt geblieben. Den Schaden hat der Staat bezahlt, weil er durch eine feindliche Handlung verursacht worden war.
Galgenhumor und ein alt-neuer Hit
Wie unter Juden nicht anders möglich, begannen auch bald verschiedene Witze zu kursieren. [Beispiele?] Im Radio tauchten im Laufe des Krieges neue Lieder auf, darunter auch zahlreiche Spottlieder auf Saddam Hussein. Das bekannteste davon war “Ja Saddam, ja metumtam”, das den folgenden Refrain hatte (leider habe ich keine Aufnahme davon bzw. einen Link dazu):
Ja Saddam teze mischam
Adon Saddam ja metumtam
Teze mischam teze mischam
Se lo Iran-Amerikan teze mischam
Bum bum bum – Bush!Übersetzung:
Oh Saddam geh raus von dort
Herr Saddam, oh Depp
Geh raus von dort, geh raus von dort
Das ist nicht Iran-American, geh raus von dort
In religiös-jüdischen Kreisen erschienen Cartoons, in denen Saddam mit dem bösen Haman verglichen wurde.
Im Radio war auch besonders oft die alte Schnulze “Sugar Bush I love you so” zu hören, zu Ehren des damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush senior. Bis zu diesem Zeitpunkt war derselbe hierzulande als Israel wenig gewogen empfunden worden. Nun änderte sich die Einschätzung schlagartig: Bush wurde als Schützer Israels gepriesen und das obengenannte Lied zur Lobeshymne für ihn umfunktioniert.
Alltag in abnormalen Zeiten
In Bnei-Brak wurden, wie bereits erwähnt, in diesem Zeitraum die sonst üblichen Sirenen zur Verkündung des Eingangs des Schabbat nicht betätigt, damit die Leute nur ja nicht unnötig in Panik gerieten. Aus demselben Grund unterblieb nach den ersten paar Alarmen die Betätigung des gleichbleibenden Sirenentons zur Entwarnung.
Manche Leute, vornehmlich Frauen, waren so hysterisch, dass sie nicht einmal piepende Armbanduhren, pfeifende Kinderspielzeuge und alles, was sich nur im Entferntesten wie eine Sirene anhörte, hören wollten. Selbst das Geräusch eines fahrenden Autobusses in gewisser Entfernung erweckte unangenehme Assoziationen.
Andere Leute waren da mutiger (oder dümmer?). Viele unterließen das Anlegen von Gasmasken: einige besonders Religiöse aus Gottvertrauen; einige, weil sie überzeugt waren, dass sie im Ernstfall eh nichts nutzen.
Mit fortschreitendem Krieg – das muss ich hier festhalten – wurde meine Reizschwelle offenbar immer höher. Zum Schluss wachte ich in der Nacht von den Sirenen gar nicht mehr auf und legte auch keine Gasmaske mehr an. Irgendwie stumpft man ab und wird gleichgültig, und das ist in gewisser Beziehung ja auch gut so.
Mit Ausbruch des Krieges blieben alle Erziehungseinrichtungen – Schulen und Kindergärten – zunächst einmal geschlossen. Dann wurde verfügt, dass der Betrieb wieder aufzunehmen sei, nur müsse jedes Kind seine Gasmaske mitbringen (und überhaupt sollte jedermann, der aus dem Haus ging, seine Maske überallhin mitnehmen). Und um den Kindern im Notfall beim Anlegen der Gasmasken zu helfen – was ja bei zwei Kindergärtnerinnen nicht schnell genug geht –, mussten 1 – 2 Mütter als Freiwillige im Kindergarten anwesend sein. Einige Male erfüllte ich selbst diese Aufgabe, weil ich ja damals noch nicht arbeiten ging. Ich begleitete also Tamar, die stolz ihre mit buntem Papier beklebte Schachtel mit der Gasmaske trug; Dina, die damals noch nicht in den Kindergarten ging, kam auch mit (mit ihrer Kapuze), und natürlich auch Motti, dessen Zelt ich ebenfalls mitschleppte. Alle Schachteln mit den Masken der Kinder kamen in eine eigens dafür eingerichtete Ecke, und der gewohnte Kindergarten-Alltag nahm seinen Lauf. Tagsüber hatte es ja bisher keine Angriffe gegeben.
Ein Heidenschreck!
An einem Freitag holte ich Tamar aus dem Kindergarten ab. Dina und Motti waren bei Schmuel zu Hause geblieben. Ich selbst hatte meine Maske nicht dabei. Zusammen mit Tamar ging ich dann Schoschi, eine ältere Dame und Verwandte meiner Schwiegermutter, besuchen. Das Wetter war nicht besonders, es sah aus, als wolle es regnen.
Wir machten es uns auf dem Sofa gemütlich und begannen, wie gewohnt, über dieses und jenes zu plaudern. Da blitzte und krachte es plötzlich so heftig, dass die hölzernen Rollläden beinahe zerbarsten. Im selben Moment begann eine Sirene zu jaulen, mitten hinein in die jäh entstandene Totenstille. Du liebe Güte, war das ein Schreck! Sofort nestelte ich an Tamars Gasmaske herum und setzte sie ihr auf. Was wird jetzt mit mir, was wird aus Schoschi, die überhaupt keine Maske hat? Aber da hieß es im Radio schon: “Es handelt sich um einen Blitzschlag, das ist kein Raketenangriff”. Ich wiederhole: “Das ist kein Raketenangriff!”
Nachher bin ich mit noch leicht zitternden Knien mit meiner kleinen Tochter nach Hause geschlichen.
Das Purimwunder
Und dann war dieser eigenartige Krieg plötzlich zu Ende, passenderweise genau zu Purim. Ich erinnere mich noch an Leute, die jetzt spaßeshalber, quasi als Purim-Verkleidung, mit aufgesetzten Gasmasken herumzogen und lachten. Manche hatten die Masken bemalt oder mit Micky-Maus-Ohren und anderen Accessoires verziert.
Nach israelischen Angaben betrugen die Verluste unter der Bevölkerung insgesamt 74 Zivilisten. Davon starben zwei Personen direkt, vier indirekt durch Erstickung aufgrund von Gasmasken und die Restlichen durch Herzinfarkte.
Jetzt zählen wir das Jahr 2012 und wieder wehen im Nahen Osten Kriegswinde. Man hat hier auch wieder Gasmasken an die Bevölkerung verteilt. Ich habe sie inzwischen in der Rumpelkammer verstaut und hoffe stark, dass sie auch in Hinkunft dort verbleiben. Amen!
Schlagwörter: israel, politik | Kommentare (2)
Bild der Woche – Chanukka und ein abgeschlagener Kopf
Was Judit und Holofernes mit Chanukka zu tun haben
Übermorgen, am Dienstag, dem 20. Dezember, ist der 24./25. Kislew und damit Erev Chanukka. Es ist wohl hinlänglich bekannt, dass das achttägige Chanukkafest an die Wiedereinweihung des Altars im Jerusalemer Tempel durch Judas Makkabäus 164 v.d.Z. erinnert, nachdem der seleukidische (hellenistisch-griechische) König Antiochus Epiphanes vier Jahre zuvor den Tempel entweiht hatte. So lesen wir im ersten Buch der Makkabäer 4,52-59, das sich übrigens – und das mag erstaunen – wie auch das zweite Buch der Makkabäer nicht in der hebräischen Bibel befindet!
Im Traktat Schabbat 21b des babylonischen Talmud werden die acht Tage mit einer Legende begründet, dass nämlich das wenige vorhandene Öl nicht ausreichte, um die Flammen des Leuchters acht Tage zu nähren, und nur ein einziges Krüglein Öl tatsächlich den Leuchter acht Tage lang speisen konnte, bis wieder neues “koscheres” (rituell taugliches) Öl zur Verfügung stand:
Ein großes Wunder geschah dort!
Judit mit dem abgeschlagenen Kopf des Holofernes. Illustration zu Chanukka im Birkat ha-mazon von Meschullam Simmel, Wien 1751.
Das Büchlein ist übrigens gerade mal 8.4cm x 10.4cm groß und in unserer Dauerausstellung zu besichtigen!
Wir befassen uns heute ein wenig mit den “Birkat-ha-mazon”-Büchlein, einer Sammlung von – vor allem ab dem 18. Jahrhundert – meist eher textknappen Segenssprüchen zu den verschiedensten Situationen des Alltags samt den dazugehörigen Illustrationen, die in keinem jüdischen Haushalt fehlen durften. Der älteste und nur in einem einzigen Exemplar erhaltene Druck eines solchen Büchleins wurde im Jahr 1514 in Prag herausgebracht. Einheitlich in allen Handschriften finden wir am Beginn die Segenssprüche zu den beiden Freudenfesten Purim und Chanukka, wobei insbesondere eine Bildrezension zu Chanukka nicht ganz leicht zu überblicken ist. Denn in vielen Birkat-ha-mazon-Handschriften und -Drucken ist der Chanukkatext nicht nur mit einem Leuchter illustriert, den der in zeitgenössische Tracht gekleidete Hausherr entzündet, sondern es findet sich noch zusätzlich die Darstellung von Judit, die dem schlafenden Feldherrn Holofernes den Kopf abschneidet und diesen in einen von ihrer Dienerin bereitgestellten Sack gibt.
Die Geschichte von Judit und Holofernes lesen wir übrigens im Buch Judit, das sich – wiederum erstaunlich – so wie die beiden Makkabäerbücher ebenfalls nicht in der hebräischen Bibel findet:
Dann ging sie zum Bettpfosten am Kopf des Holofernes und nahm von dort sein Schwert herab. Sie ging ganz nahe zu seinem Lager hin, ergriff sein Haar und sagte: Mach mich stark, Herr, du Gott Israels, am heutigen Tag! Und sie schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab. Dann wälzte sie seinen Rumpf von dem Lager und riss das Mückennetz von den Tragstangen herunter. Kurz danach ging sie hinaus und übergab den Kopf des Holofernes ihrer Dienerin, die ihn in einen Sack steckte …
Judit, 13, 6-10
Ein Chanukka-Pijjut, also eine religiöse Dichtung zum Fest, erklärt die Verbindung der Judith-Holofernesgeschichte mit jener von Chanukka:
Demnach verbot König Antiochus Epiphanes nicht nur die Ausübung der jüdischen Religion, sondern bestimmte als weitere judenfeindliche Maßnahme, dass dem Oberkommandanten das “ius primae noctis” zustehe. Als dieses aber bei der Tochter des Hohepriesters Jochanan zur Anwendung kommen sollte, töteten ihre Brüder mit Judas Makkabäus an der Spitze den feindlichen Feldherrn. Daraufhin zog Holofernes aus Rache gegen Jerusalem und wurde dort von der tapferen Judit getötet.
Daher findet man diese Darstellung vor allem in jenen Birkat-ha-mazon-Handschriften, die für weibliche Besitzer bestimmt waren, um auf die tapferen Frauen Israels hinzuweisen …
Bleibt noch anzumerken, dass der Chanukkabrauch, gesalzene Käsegerichte zu essen, auf dieses Ereignis zurückgeht: Angeblich setzte Judit dem Holofernes gesalzenen Käse vor und nachdem dieser seinen großen Durst mit vielen Bechern Wein gelöscht hatte und betrunken eingeschlafen war, konnte sie ihm den Kopf abschlagen.
Aber nicht mit dem Klassiker “Maos Zur“, einem Pijjut aus dem 13. Jahrhundert, sondern mit einem sehr modernen rockigen Adam Sandler wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest – Happy Chanukka – חג אורים שמח
und außerdem unseren christlichen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die beiden ausgezeichneten Beiträge zu Chanukka, in denen Sie mehr über Geschichte und Bräuche des Festes erfahren: “Nicht durch Macht und nicht durch Stärke …” von Hartmut Bomhoff sowie “Chanukka – ein Fest des Kulturtransfers” von Martha Keil.
Schlagwörter: buchkunst, chanukka | Kommentare (3)
Verzettelt in Jerusalem
Es ist ein Ritual, an dem sich Israel-Reisende verschiedenster Couleur (Prominenz, von Barack Obama bis Benedikt XVI., inklusive) erfreuen: das Schreiben von Gebets-Notizen (jidd. Kwittel), die anschließend in den Ritzen der Jerusalemer Westmauer (hebr. HaKotel HaMa’arawi; eher problematisch ist das deutsche “Klagemauer”) deponiert werden.
Wer möchte, kann selber ein “Kvittelchen” in die Ritzen der Klagemauer stecken,
schlägt etwa der Israel-Baedeker Jerusalem-Besuchern vor (dagegen – das ist wohl warnend an die Adresse christlicher PilgerInnen gesagt – sei etwa das “Anzünden von Kerzen eher unpassend” …;)).
Im Hintergrund steht dabei, grob gesprochen, die (in der jüdischen Traditionsliteratur gut belegte) Idee der vorzüglichen Heiligkeit des Ortes, von dem die Gegenwart Gottes auch nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels nicht gewichen sei.
(Zur Heiligkeit und den Ritualen rund um die Westmauer vgl. ausführlich R. Mordechai Ha’cohen: Sanctity, Law and Customs. In: Meir Ben-Dov u.a.: The Western Wall (HaKotel). Jerusalem 1987. S. 79-97; außerdem Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007. bes. S. 154ff., 168ff.)
Das Kwittel-Ritual scheint nun so reizvoll zu sein, dass auch christliche PilgerInnen es für sich bzw. ihre heiligen Stätten adaptiert haben. Geschätzte 500 Meter Luftlinie von der Westmauer entfernt nämlich, in der Grabeskirche, werden ebenfalls eifrig Zettel beschrieben, gefaltet und in Ritzen gesteckt – analoge Frömmigkeitspraxis, andere Religion.
Hier, wo Christinnen und Christen Hinrichtungsstätte und Grab des Jesus von Nazareth verehren, haben also ebenfalls die Gebetszettelchen Einzug gehalten – und werden in die Ritzen der Grabkapelle geschoben; deren Altersschwäche bzw. die entsprechenden baulichen Auflösungserscheinungen machen’s möglich…
Ob hier nun tatsächlich eine Art interreligiöser Ritual-Import vorliegt (oder eher eine althergebrachte Analogie in der religiösen Praxis)? Man weiß es nicht. Freund Baedeker jedenfalls kennt/empfiehlt ein derartiges Ritual (noch?) nicht… ;)
Was wir aber jedenfalls wissen: Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst eine Nachricht an der Westmauer zu hinterlassen, muss nicht auf den nächsten Israel-Besuch warten – Twitter sei Dank lassen sich Gebete auch online an die Westmauer adressieren, die dann in ausgedruckter Form ebendort deponiert werden; mehr Infos bei “Tweet your prayers“.
Schlagwörter: israel, jerusalem, jüdisch-christlich | Kommentare (3)
Bild der Woche – Genisa-Grab am Zentralfriedhof Wien
Tor IV (eigentlich “Tor V”) des Wiener Zentralfriedhofs: Die mehr als 250.000m2 große Fläche wurde 1911 erworben, nachdem die jüdische Abteilung am 1. Tor zu klein geworden war, und mehrfach erweitert. Am 4. April 1917 offiziell eröffnet,
spiegelt [dieser Friedhof] die Zeitgeschichte anschaulich wider: Grabreihen Exhumierter vom Währinger Israelitischen Friedhof, Urnengräber, die die Asche KZ-Ermordeter bergen [...] ein Denkmal für die kurz vor der Befreiung Ermordeten der Förstergasse, Massengräber ungarischer Juden, Grabstellen unbekannter sowjetischer jüdischer Soldaten
Steines P., Hunderttausend Steine, Grabstellen großer Österreicher jüdischer Konfession auf dem Wiener Zentralfriedhof Tor I und IV, Wien 1993, 266
Unter den mehr als 60.000 Bestatteten finden wir viele prominente Namen wie den des Rabbiners und Politikers Josef Samuel Bloch, des vormaligen und ersten Oberrabbiners von Wien nach 1945, Akiva Eisenberg, des Operettenkomponisten Leo Fall, des legendären Fußballtrainers Hugo Meisl (dessen Nachlass nun doch, übrigens seit vorgestern (!), eine neue Bleibe finden konnte) oder des Bibliothekars der Israelitischen Kultusgemeinde, Bernhard Wachstein (dem wir die Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt verdanken) …
Ein besonderes Grab finden wir aber auch gleich links neben dem Eingang bzw. links von der Zeremonienhalle. Hier wurden nämlich am 14. Juni 1987 in der sogenannten Reichskristallnacht 1938 entweihte Torarollen und Gebetbücher beigesetzt.
Das Genisa-Grab am Zentralfriedhof, Tor IV, gleich links neben dem Eingang und der Zeremonienhalle
Das Grab ist ein sogenanntes Genisa-Grab. “Genisa” (oft “Geniza” geschrieben!) bedeutet wörtlich “Schatzkammer” und könnte als “liturgisches Archiv” bezeichnet werden. Als “Genisa” werden sowohl die Räume bezeichnet, in denen nicht mehr verwendbare liturgische Schriften abgelegt, als aber auch die Gräber, in denen diese bestattet werden. (Siehe etwa das Genisa-Grab am jüdischen Friedhof in Würzburg, das sich dort auch unmittelbar neben dem Friedhofseingang befindet).
Die hebräische Inschrift gibt erst einen Abschnitt aus den Klageliedern zum Tischa be-Av (Trauertag 9. Av) wieder (“Ich schreie in der Qual meines Herzens und ergehe mich in Klagen” …), danach folgt der Text, der auch auf Deutsch zu finden ist (im Hebräischen allerdings nicht “Kristallnacht”, sondern “Epoche der Shoa”):
Hier wurden am 17. Siwan 5747 (14. 6. 1987) Reste von Torahrollen begraben, die in der “Kristallnacht” des Jahres 1938 von Nazihorden entweiht, zerrissen und verbrannt wurden
Chewra Kadischa Wien, Juni 1987
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Eine Fahrt im Autobus 402 von Bnei-Brak nach Jerusalem
Claudia/Chaya-Bathya, unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, nimmt uns in ihrem heutigen Beitrag mit auf eine Busfahrt von Bnei Brak nach Jerusalem – und erklärt dabei Eigenheiten des israelischen Alltags, die so manchem Israel-Urlauber bekannt vorkommen bzw. für künftige Israel-Reisen wissenswert sein könnten.
Überdies hat ihr Beitrag einen aktuellen tagespolitischen Nebenaspekt: der Attentäter, der 1989 den im Beitrag angesprochenen Anschlag auf Bus Nr. 405 (Linie Tel Aviv–Jerusalem) verübte, ist nach israelischen Pressemeldungen einer jener palästinensischen Häftlinge, die im Austausch gegen den entführten Soldaten Gilad Schalit freigekommen sind (siehe die Liste der freigelassenen Gefangenen auf Wikpedia).
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Im Folgenden möchte ich meine Eindrücke von meiner Reise von Bnei-Brak nach Jerusalem am 29. Juni 2011 wiedergeben. An diesem Tag muss ich arbeitsbedingt nach Jerusalem fahren, und das freut mich sehr, denn ich liebe Autobusfahrten über alles. Etwa 70 km sind es von hier nach Jerusalem. Die Fahrt dauert ca. eineinhalb Stunden.
Ich steige beinahe an der ersten Haltestelle zu, die liegt fast vor unserem Haus. Zu diesem Zeitpunkt ist der Bus noch leer. Das wird sich aber sehr schnell ändern.
Die Autobusroute in der engen und überfüllten Stadt Bnei-Brak windet sich wie Darmschlingen. Die Fahrt in Bnei-Brak allein nimmt fast ein Drittel der gesamten Fahrzeit in Anspruch! (Über Bnei-Brak könnte man Romane schreiben, und wer weiß, ob ich das nicht noch einmal tun werde.) Wie wäre es denn mit der Errichtung einer zentralen Autobushaltestelle für Überlandfahrten, so wie es sie in allen anderen Städten gibt? Jaja, ich weiß: darüber wird hier schon lange Jahre geredet. Geschehen ist nichts. Und so ziemlich alle Stellen, wo man eine solche hätte errichten können, sind inzwischen verbaut.
Der Autobus füllt sich langsam. Der 402er ist übrigens ein sogenannter Mehadrin-Bus, d. h. hier sitzt man nach Geschlechtern getrennt: Männlein vorne, Weiblein hinten. Nicht alle, auch nicht alle orthodoxen Juden, sind von dieser Einrichtung erbaut. Das Schlimmste sind selbsternannte Ordnungshüter, die ein jegliches weibliches Wesen, selbst wenn es ihre Oma sein könnte, grob anfahren oder gar handgreiflich werden (wie absurd!), wenn dieses im Männerteil Platz genommen hat. Solche Vigilanten sind aber eine eher seltene Erscheinung, zumindest hier in Bnei-Brak. Frauen beklagen sich eher über die Sitzordnung selbst, weil ihnen das Schaukeln im hinteren Teil des Busses nicht wohl bekommt. Sie sagen aber nichts. Wer partout keinen Mehadrin-Bus will, kann von Bnei-Brak auch mit dem Autobus Nr. 400 nach Jerusalem fahren. Der ist “gemischt”.
Ich selber sitze sehr gerne hinten, weil es da am meisten hüpft und schaukelt. (In diesem Leben werde ich wohl nie erwachsen.) Außerdem sitze ich liebend gerne am Fenster und sauge die vorüberziehenden Bilder förmlich in mich auf. Wenn ich doch nur eine Kamera bei mir hätte!
Interessiert beobachte ich die umständlichen Reisevorbereitungen mancher männlichen Fahrgäste: Rock bzw. Kaftan ausziehen, fein säuberlich zusammenlegen und ins Gepäckfach unter der Decke des Busses schieben. Der Hut folgt. Der eine tut das rasch und entschlossen, der andere hingegen mit Bedacht. Hie und da wird noch ein Talmudfoliant aus irgendeiner Tasche gezogen, und dann macht man sich’s auf dem gepolsterten Sitz bequem. Fertig! Andere laben sich an mehr irdischen Genüssen. Raschelnde Papiersackerl mit Gebäck und Süßigkeiten, ein krachender Biss in einen saftigen Apfel.
Neben mir nimmt eine ältere Dame Platz. Das große Plastiksackerl, das sie schleppt, stellt sie zwischen ihre Beine. Drinnen sind, soweit erkennbar, zahlreiche weitere Sackerl. Meine Sitznachbarin ist recht kommunikativ, zeitweise für meinen Geschmack ZU kommunikativ. Sie redet Hebräisch durchmischt mit Jiddisch und einer weiteren Sprache, die ich nicht zu identifizieren vermag. Vielleicht eine kaukasische Sprache? Ab und zu zieht sie eine Eineinhalb-Liter-Cola-Flasche – gut eingehüllt in weiteres Plastiksackerl – aus dem großen Sackerl und nimmt einen Zug.
Bei der Ausfahrt aus der Stadt auf die “Geha”-Autobahn fährt der Bus auf einem holprigen Fahrweg mit wenig Asphalt, aber umso mehr Schlaglöchern (skandalös ist das!) an einem heruntergekommen, verwahrlosten Einfamilienhaus vorbei. Über dem Eingang hängt ein Schild: Hachnasat Orchim schel Awraham Awinu, also Gastfreundschaft des Erzvaters Abraham. Und dem guten Vorbild des Letzteren folgt auch der Hausherr: “Hier kann man kostenlos essen und trinken”, verheißt ein handbeschriebenes Pappschild an einem der Fenster. Ich hoffe nur, den Gästen kracht die Bruchbude nicht über dem Kopf zusammen.
Heute gibt es, wie sich herausstellt, im Bus auch ein “Unterhaltungsprogramm”: Eine ältere Dame teilt an die Frauen und Mädchen Heftchen zum Tehillim[Psalmen]-Sagen aus. Ich lehne dankend ab, weil ich es vorziehe, die schöne Aussicht zu genießen. Bei den Männern teilt ein Chassid Zettel aus – Daf Hajomi [das tägliche Blatt Talmud] vermute ich, genau weiß ich’s aber nicht, weil ich ja in der “Frauenabteilung” sitze.
Plötzlich ein durchdringendes Pfeifen und Knacken! Aus dem Bordlautsprecher ertönt eine Stimme. Der Sprecher – es ist der genannte Chassid – bedankt sich in jovialem Ton beim Fahrer für die Überlassung des Mikrophons und fängt an, einen rabbinischen Vortrag zu halten. Worüber genau, habe ich nicht mitgekriegt.
Die Dame neben mir raunzt und nörgelt in einer Tour vor sich hin. Sie möchte ihre Ruhe haben und ist von der akustischen “Zwangsbeglückung” alles andere als entzückt. Die anderen Fahrgäste scheinen teils dasselbe zu denken, reagieren aber nicht. Sie möchten wohl den Tora-Vortrag nicht stören. Die Frauen sind mit Tehillim-Sagen, mit Unterhaltung oder Handy-Gesprächen beschäftigt, einige Männer – so ich sie von meinem Platz aus sehen kann – ebenfalls. Auch der junge Jemenite, der wegen akuten Platzmangels auf den Stufen vor dem Ausgang Platz genommen hat, zieht offenbar sein Handy dem Talmud vor.
Der Vortragende schließt endlich mit einer längeren Serie von Berachot [Segenssprüchen], nicht ohne mindestens fünfmal den heutigen Rettungstag des “Kaliver Rebben schlite” [schlita = שליט"א ist eine hebräische Abkürzung mit der Bedeutung: er lebe lange und gute Jahre, Amen!] zu erwähnen. Der charakteristische Tonfall der Segenssprüche allein deutet den Zuhörern schon an, wann sie antworten sollen: Ooo-mejn! [Amen]
Der selbsternannte Entertainer, recte Schiur[Lektion]-Sager, übergibt nun das Mikrophon an einen Rosch Jeschiwe [Haupt einer Jeschiwa]. Der nuschelt halblaut etwas vor sich hin, von dem ich kein einziges Wort verstehe. Und ich bin nicht die Einzige.
Dann wird das Wort einem jüngeren Mann erteilt, der einen Sijum [Abschlußsseier] auf den ganzen Schass [Talmud] feiert, wie der Redner nicht vergisst zu betonen. Der Mann hat also den ganzen Talmud, gewöhnlich in 20 großen Folianten gedruckt, vollständig durchgelernt. Alle Achtung! Dieser Mann spricht laut und klar und fasst sich kurz.
Und ich? Ich habe nur Augen für die wunderbare Aussicht. Das satte Frühlings-Grün hat einem überwiegend gelbbraunen Farbton Platz gemacht. Reife Ähren stehen auf den Äckern, andere Felder sind schon abgemäht. Nur ein paar Strohballen sind übriggeblieben. Auch grüne Flecken gibt es noch: irgendwelches Gemüse und sonstige Blattpflanzen. Die werden bewässert. Ab und zu kugeln “Bluzer” von Wassermelonen und Kürbissen kunterbunt herum. Die müssen aber noch ein bisschen wachsen. Auch Obstbaum-Plantagen gibt es. Die weißen Würfel, die hie und da in kleinen Gruppen an Feldrändern platziert sind, sind Bienenkolonien. Übrigens habe ich im Verlauf der Fahrt festgestellt, dass man vermehrt Wein anbaut. Man trägt also dafür Sorge, dass die hiesige Bevölkerung noch “geist”-reicher wird.
Immer wieder sieht man auch verstreute Ortschaften. Die bestehen aus Einfamilienhäusern, viele liegen in herrlich grünen Gartenlandschaften. In einer dieser Siedlungen sticht ein Gebäude durch Höhe und Baustil hervor: es handelt sich um “Seven Seventy”, eine genaue Replik des Hauptquartiers der Lubavitscher Chassidim in Crown Heights, New York. Wir sind also schon in Kfar Chabad. In diesem Dorf leben, wie der Name impliziert, ausschließlich Lubavitscher Chassidim. Der zweite Teil des Ortes – hierbei handelt es sich in erster Linie um das große religiöse Mädchengymnasium “Bejt Rivka” mit angeschlossenem Internat – liegt übrigens auf der anderen Seite der Autobahn.
Den “Ben Gurion”-Flughafen sehe ich von meiner Seite aus nicht. Ich sitze bei der Hinfahrt nämlich rechts, weil auf der linken am Vormittag die Sonne hereinscheint. Ich hasse es, wenn man die Rollos runterzieht, weil ich dann die Aussicht nicht mehr genießen kann. Andererseits will ich aber natürlich auch nicht in der Sonne braten. Auf der Rückfahrt werde ich jedoch, wenn ich wieder auf der rechten Seite sitze, die startenden, landenden und parkenden Flugzeuge bewundern können.
Etliche Reisende sprechen jetzt das Tefillat ha-derech, das Reisegebet. So auch ich.
Jetzt sind wir schon in Scha’ar Hagaj, oder auf Arabisch: Bab El-Wad, das “Tor des Tales”, 23 km von Jerusalem! Von hier an geht es so richtig aufwärts. Aleppo-Kiefern, Sträucher, Kreidefelsen, Karst. Uff, ich kriege verlegte Ohren! Das passiert mir hier immer.
Der Ort ist landschaftlich wunderschön, aber auch ideal für einen Hinterhalt: die Straße verläuft in einem tiefen Einschnitt zwischen links und rechts aufragenden Felsen, die heute bewaldet sind.
Im Unabhängigkeitskrieg 1948 fanden hier heftige Kämpfe zwischen der Arabischen Legion und israelischen Soldaten statt. Auf halbverwachsenen Pfaden kann man die in der Gegend verstreuten Grabsteine für die 119 gefallenen jüdischen Konvoi-Kämpfer erreichen.
Die Überreste der bei den Kämpfen ausgebrannten Panzerfahrzeuge, einst rostrot gestrichen und ebenfalls auf dem Gelände verstreut, sind jetzt khakifarben und an einem Platz konzentriert. Man hat auch einen Gedenkort eingerichtet. Schilder erzählen davon, was hier passiert ist.
Bei einer Ausfahrt in der Umgebung steht eine hohe Mobilfunk-Antenne, in die man Äste von Nadelbäumen gesteckt hat, um sie unauffälliger zu machen. Das ist aber nicht wirklich gelungen, der “Riesen-Besen” sieht vielmehr recht lächerlich aus.
Aus einer steil abfallenden Felswand vor der Har’el-Kreuzung wächst, halb hängend und eigenartig geformt, ein Feigenbaum. Verschwiegene Pfade führen ins Unterholz. Ach, wie hätte ich Lust, jetzt auszusteigen und zu wandern! Weit wandern, nur einfach so gehen. Irgendwohin, egal wohin.
Eine sehr schöne Aussicht gibt es bei dem arabischen Dorf Abu Gosch, bekannt vor allem für seine Restaurants, aber auch für musikalische Veranstaltungen. Jährlich zu Schawuot und Sukkot finden die “Abu Gosh Voice Festivals” statt, in der Auferstehungskirche sowie in der modernen Kirche “Notre Dame Arche D’Alliance” (Unsere Liebe Frau von der Bundeslade) finden zahlreiche weitere Konzerte statt.
Ganz in der Nähe liegt das Städtchen Kirjat Je’arim, umgangssprachlich “Tels-Stone” genannt. Es ist fast ausschließlich von orthodoxen Juden bewohnt und hat durch den Selbstmordanschlag auf den Autobus Nr. 405 (Tel Aviv–Jerusalem) traurige Berühmtheit erlangt. Am 6. Juli 1989 stürzte sich ein arabischer Fahrgast – ein Mitglied des “Islamischen Dschihad”, wie sich später herausstellte – auf den Busfahrer, bemächtigte sich des Lenkrads und steuerte den Bus in den Abgrund. 16 Fahrgäste starben, 27 (darunter der Attentäter) wurden verletzt. Seitdem ist in israelischen Überlandbussen vor dem Fahrersitz eine Barriere installiert. Von den zumeist orthodoxen Freiwilligen, die mithalfen, die Verletzten und Leichen zu bergen, wurde später die Organisation ZAKA zur Identifizierung von Unfallopfern gegründet.
Ein Kaddisch de-rabbanan [Gebet nach dem Torastudium] reißt mich aus meinen Gedanken. Die Tora-Lektionen sind beendet. Einige Männer erheben sich, setzen den Hut auf und antworten vorschriftsmäßig auf das Kaddisch-Gebet. Die meisten anderen entledigen sich sitzend ihrer Pflicht. So auch ich. Es ist hier absolut kein Platz zum Aufstehen.
Die Frau, die die Tehillim verteilt hat, sucht nun all ihre Heftchen wieder zusammen: “Entschuldigen Sie, haben Sie ihr Heft schon zurückgegeben?”
Und dann sind wir auch schon in Jerusalem. An der ersten Station steige ich aus. In etwa hundert Metern Entfernung ragt der Pfeiler der charakteristischen und weithin sichtbaren Hängebrücke in den Himmel, auf der gerade eine Garnitur der neuerrichteten Jerusalemer Straßenbahn eine Probefahrt unternimmt. (Anmerkung: Inzwischen hat sie den regulären Betrieb aufgenommen.)
Ach, es ist doch immer schön, in Jerusalem zu sein!
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