Thema: Leben und Glaube
Bibelstunde mit Bob Dylan
In einem anderen Leben wäre er vielleicht Talmudist geworden, bemerkt Bob Dylan in einem Interview aus 1971 (mit A. J. Weberman. In: Cott, J. (Ed.): Dylan on Dylan. The Essential Interviews. London 2007. S. 167).
Dylan, als Robert Zimmerman und Kind jüdischer Eltern geboren, später spektakulär seine Hinwendung zum Christentum zelebrierend und zuletzt bei Chabad anzutreffen, außerdem (meiner bescheidenen Meinung nach) ein musikalisches Genie ohnegleichen, veröffentlicht dieser Tage ein neues Studioalbum – genauer und verblüffenderweise: ein Weihnachtsalbum mit dem rührseligen Titel “Christmas in the Heart” (und das übrigens für einen guten Zweck).
Und tatsächlich: Ganz spurlos bleibt Dylans Anlage zum religiösen Gelehrten auch in seiner musikalischen Karriere nicht. Religiöse Motive im Allgemeinen und biblische Anspielungen im Besonderen durchziehen jedenfalls Dylans Schaffen seit jeher – mit kämpferischem Grundton z.B. in “When The Ship Comes In” (1963), wenn den Feinden (“foes“) ein biblisches Schicksal angekündigt wird: “And like Pharaoh’s tribe, They’ll be drownded in the tide, And like Goliath, they’ll be conquered.” Oder verspielt in “Talkin’ World War III Blues” (1963): “Well, I spied a girl and before she could leave, [I said] ‘Let’s go and play Adam and Eve.’”
Nicht zu leugnen ist, dass Dylan gleichfalls schon in frühen Jahren (und damit lang vor seiner “Bekehrung” zum Christentum in den 70er Jahren) auch auf christliche/neutestamentliche Motive zurückgreift – so beispielsweise, wenn den “Masters of War” (1963) bescheinigt wird: “… even Jesus would never forgive what you do“.
Noch reizvoller ist Dylans Rekurs auf biblische Motive, wenn diese nicht lediglich zitiert, sondern kreativ umgearbeitet und fortgeschrieben werden. Klassisch ist diesbezüglich Dylans Verlegung der Erzählung der “Bindung Isaaks” vom Berg im “Land Morija” (in 1. Mose 22) auf den “Highway 61″, der obendrein ein aberwitziger Dialog vorangestellt wird (im Stück “Highway 61 Revisited” aus 1965):
Oh God said to Abraham, ‘Kill me a son’
Abe says, ‘Man, you must be puttin’ me on’
God say, ‘No.’ Abe say, ‘What?’
God say, ‘You can do what you want Abe, but
The next time you see me comin’ you better run’
Well Abe says, ‘Where do you want this killin’ done?’
God says, ‘Out on Highway 61.’
Die Umarbeitung eines neutestamentlichen Textes geschieht z.B. im Stück “Sweetheart Like You” (1983): “They say in your father’s house, there’s many mansions…“, ist offenkundig eine leicht variierte Wiedergabe des Jesus-Wortes: “Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen” (Johannes 14,2) – Dylan aber bringt einen Zusatz an, der die naheliegende religiöse Perspektive unerwartet (ins Komische?) kippen lässt: “…each one of them got a fireproof floor.” (Übrigens: Auf dem selben Album “Infidels” findet sich auch Dylans großartig pathetische Israel-Hymne “Neighborhood Bully” – “Every empire that’s enslaved him is gone, Egypt and Rome, even the great Babylon. He’s made a garden of paradise in the desert sand…“.)
Noch schwieriger wird die Identifikation und Interpretation biblischer/religiöser Themen, wo Dylans Anspielungen dezenter ausfallen oder ganz in den Subtext abwandern. Ein pikantes Beispiel in diese Richtung gibt Heinrich Detering (im von ihm herausgegebenen Band Bob Dylan. Lyrics. Stuttgart 2008. S. 144): “I’ve still got the scars that the sun didn’t heal“, singt Dylan in “Not Dark Yet” (1997); hören wir nun statt “sun” aber “son“, dann gewinne das Stück, so Detering, eine religionskritische Pointe. Genauer können wir sagen: eine christentumskritische Pointe – nämlich als kritische Replik auf jene christliche Heilungszusage, die im Neuen Testament etwa in 1 Petrus 2,24 formuliert ist: “Durch seine Wunden seid ihr geheilt”; eine Wendung, die in ihrem ursprünglichen Kontext (Jesaja 53,5) auf den “Gottesknecht” gemünzt ist, im Neuen Testament aber genau auf den bei Dylan (möglicherweise) angesprochenen (christlichen Gottes-)”Sohn” bezogen wird. Andere Interpreten weisen außerdem darauf hin, dass im selben Stück, nämlich in der Wendung: “I was born here and I’ll die here against my will“, eine Paraphrase aus dem Talmud vorliegt, genauer aus “Sprüche der Väter” (Pirke Avot) 4,29:
…שעל כרחך אתה נוצר, (ועל כרחך אתה נולד), ועל כרחך אתה חי, ועל כרחך אתה מת, ועל כרחך אתה עתיד לתן דין וחשבון לפני מלך מלכי המלכים הקדוש ברוך הוא:
… denn ungefragt wurdest du gebildet, ungefragt geboren, ungefragt lebst du, ungefragt stirbst du, und ungefragt musst du einst Rechenschaft und Rechnung geben vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gesegnet sei Er.
Für derlei exegetische Verrenkungen bietet nun Dylans neues Album “Christmas in the Heart” wenig Anlass: Dylan wird (eine texttreue Interpretation der Songs vorausgesetzt) etwa vom “heiligen Kind” unter Betlehems Sternenhimmel singen (in “O’ Little Town Of Bethlehem“) und gar von “Christus” als “Mensch gewordener Gottheit” (in “Hark The Herald Angels Sing“).
Damit ist allerdings nicht gesagt, dass wir Dylans Weihnachtsalbum als musikalisches Bekenntnis zum Christentum verstehen müssten – eventuell ist “Christmas in the Heart” eher Dylans Hommage an Amerikas ausladende Tradition des Weihnachtskitsches. (Schon das Albumcover, noch mehr aber die Auswahl der Songs und ihre betont klischeelastige Interpretation, von der man sich hier schon vorab ein erstes (Klang-)Bild machen kann, scheinen mir tatsächlich und recht unverkennbar Letzteres anzudeuten…)
Nachzutragen bleibt noch, inwiefern solche und ähnliche Themen auf den Museumsalltag durchschlagen: zum einen, sofern nicht wenigen Besuchern erfahrungsgemäß biblische Referenzen in der Populärkultur näher sind als die biblischen Texte selbst; zum anderen, sofern gar nicht selten Fragen zu “jüdischer Prominenz”, Dylan und Leonard Cohen inklusive, aufgeworfen werden.
Und – wie also hat’s nun Dylan mit der Religion?
Hier gilt das Prinzip, das Dylan schon in den 80ern als Antwort auf allzu aufdringliche Fragen zu seinen religiösen Überzeugungen formuliert hat:
…I’m not gonna just offer my opinion. I’m more about playing music, you know?
Interview mit Kurt Loder, im oben zitierten Interviewband, S. 289
In diesem Sinne: “Christmas in the Heart” erscheint am 9. Oktober …
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – neben dem Nachhören der besprochenen Songs (z.B. auf youtube.com) – ein einigermaßen kurioses “Hava Nagila” mit dylanscher Beteiligung.
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Bild der Woche – Sukka
Im ersten Stock des Museums befindet sich neben der Synagoge und der Bibliothek die ständige Ausstellung, die in einem Rundgang einen Einblick in die jüdischen Feste und Lebensabschnitte gibt.

Das Laubhüttenfest, das morgen Abend beginnt, ist aus dem Rundgang herausgenommen und wird mit der Laubhütte am Balkon repräsentiert.
So modern und wenig traditionell unsere Laubhütte auch sein mag, die wichtigsten Vorschriften sind nachvollziehbar: Sie hat 3 Wände, die nicht zu hoch und auch nicht zu niedrig sind, und der Blick auf die Sterne am Himmel ist frei …
Die Farben unserer Laubhütte sind die Farben des Herbstes, die ganz bewusst auch ein wenig an Chagall erinnern sollen.
חג שמח ומועדים לשמחה
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Rosch haSchana 5770 – Die Wertheimer’sche Schul
Die Synagoge des Wertheimerhauses (Österreichisches Jüdisches Museum) darf als Juwel des Hauses und des Museums bezeichnet werden.
Sie befindet sich im ersten Stock in der Nordwestecke des Wertheimerhauses und ist über einen Balkon, der früher überdacht war, erreichbar. Zwei Türen führen in das Innere der knapp 70m2 großen Synagoge: die linke in die Frauen-, die rechte in die Männerabteilung. Die Frauenabteilung ist von der Männerabteilung durch eine Trennwand aus Holz mit diagonal eingesetzten gekreuzten Gitterstäben getrennt. Auf den ersten Blick fällt der Stilsynkretismus auf. Die Dekorationsmalerei an den Wänden mit gotisierenden Elementen und orientalischer Ornamentik stammt aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schlanke Säulen mit raffiniert gelegten Schatten sollen offensichtlich den Raum größer erscheinen lassen. Sowohl die Dekorationsmalerei der Decke als auch der in der Mitte der Synagoge hängende, große, reich verzierte und jetzt ölvergoldete zweistufige Metallluster mit 30 Flammen sowie die Wandleuchten an Nord- und Westwand werden in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts (2. Rokoko, um 1860) datiert. An der Ostwand der Synagoge befindet sich der Toraschrein im josefinischen Stil, also aus der Zeit zwischen 1780 und spätestens 1820. Rechts neben dem Stufenaufgang – bestehend aus 3 Stufen – befindet sich ein aufklappbares Lesepult. Vor der Mittelnische mit der Toraschreintür hängt ein Toravorhang aus blauem und rotem Samt, datiert 1851.
An der Ostwand der Synagoge befinden sich eine sieben Meter hohe Installation mit 755 Jahrzeittafeln sowie 6 Jahrzeitlichter. Letztere wurden in den Jahren nach 1945 von einigen Rückkehrern im Gedenken an ihre Familien in der jüdischen Gemeinde Eisenstadt angebracht und bis 2005 von Herrn Oskar Schiller, ז”ל, regelmäßig entzündet.
Siehe dazu auch unser “Bild der Woche – Jahrzeit”.
Bis 1840 hatte die Synagoge oder “Reb Simsons Schul”, wie sie früher genannt wurde, sogar ihren eigenen Rabbiner.
Selbstverständlich gab es auch eine Gemeindesynagoge, schräg gegenüber dem Wertheimerhaus. 1832 entschloss sich die jüdische Gemeinde, eine neue Synagoge zu errichten, über die wir in einem späteren Blogbeitrag berichten werden.
Dass beide Synagogen nicht zerstört wurden, dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass die burgenländischen Juden zu den ersten Juden in Österreich gehörten, die von den Ausweisungsbefehlen der Nazis betroffen waren. Die letzten Juden verließen Eisenstadt im Oktober 1938. Im November 1938, zum Zeitpunkt der sogenannten Reichskristallnacht, existierte in Eisenstadt (und im gesamten Burgenland) keine jüdische Gemeinde mehr, gegen die ein “negatives Zeichen” gesetzt werden “musste”.
In Eisenstadt gibt es heute keine jüdische Gemeinde mehr. Selbst zu den Hohen Feiertagen finden in der Synagoge – obwohl “living synagogue” – keine Gottesdienste statt.
Morgen ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5770.
שנה טובה וחתימה טובה
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir ein sehr schönes hebräisches Lied zum jüdischen Neujahr (wobei sich über die Auswahl der Bilder wohl trefflich streiten ließe). Auf die Idee dazu gebracht hat uns Daniel Dagan. Persönliche Anmerkung: Ich habe das Lied “Al kol ele” “על כל אלה” nie jemanden schöner singen gehört als Oberkantor Schmuel Barzilai (auf seiner CD “Live in Concert”). Transkription und Übersetzung des Liedtextes können Sie hier abrufen.
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Bild der Woche – Jahrzeit
Oskar Schiller, 1918 in Eisenstadt geboren, ist nach 1945 wieder nach Eisenstadt zurückgekommen. In der Shoa hat er seine Eltern und alle Geschwister verloren, er überlebte als einziger seiner Familie.

Während der Hohen Feiertage, meist vor Yom Kippur, besuchte Herr Schiller alljährlich die Synagoge, “seinen Tempel”, wie er immer sagte, um dort das Jahrzeitlicht für seine Familie anzuzünden.
נר זכרון
לנשמות הורי
ר’ בנימין בן
נתן הלוי
שיללער
ורעיתו ובנם
ובתם
In deutscher Übersetzung’:
Gedächtnislicht
für meine Eltern,
Herrn Benjamin, Sohn
des Natan HaLevi
Schiller,
und seine Gattin, ihre Söhne und Töchter
Herr Schiller, ז”ל, starb am 17. Februar 2005 – und mit ihm auch diese schöne Tradition.
Siehe dazu auch unseren Beitrag “Rosch haSchana 5770 – Die Werheimer’sche Schul”.
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Schlagwörter: eisenstadt, shoa, synagoge | Kommentare (1)
Dance me to your beauty with a burning violin
Am 26. August 1943 wurden aus Krimilew im südlichen Polen 400 Juden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Am selben Tag wird das Ghetto von Zawiercie bei Kattowitz liqudiert, die Juden ebenfalls ins Vernichtungslager von Auschwitz gebracht.
Mitte 1943 wurde auch auf Befehl der SS das Mädchenorchester im Frauenlager Auschwitz-Birkenau aufgebaut.
Geleitet wurde es von der berühmten österreichischen jüdischen Geigerin Alma Rose, der Nichte von Gustav Mahler.
Ein Männerorchester gab es in Auschwitz schon seit Jänner 1941. Die Musik wurde von den Nationalsozialisten befohlen, die Orchester, die es in fast allen Konzentrationslagern gab, mussten einerseits für gute Laune unter der SS sorgen und andererseits spielen, wenn neue Transporte ankamen.
Morgen, am 26. August gibt Leonhard Cohen in Wiesen, nur wenige Kilometer von Eisenstadt entfernt, sein Konzert.
Und er wird wohl unter anderem auch “Dance me to the end of Love” singen.
Seit ich (musikalisch) denken kann, liebe ich die Lieder von Leonhard Cohen, höre sie immer und immer wieder.
Ich bin kein Musikspezialist oder gar -kritiker, mir gefällt ganz einfach seine Musik und sie berührt mich, mir gefällt seine Lyrik, ich liebe das schwermütige Timbre seiner Stimme.
Leonhard Cohen zitiere ich seit vielen Jahren bei Führungen im Museum jedes Mal, wenn über das Wort “Kohen” (Plural ‘Kohanim’, Priester) gesprochen wird, als Beispiel dafür, dass man am Namen (Kohn, Kahn, Cohen, Katz – Kohen Zedek ‘gerechter Priester’ usw.) die priesterliche Tradition, in der der Namensträger steht, erkennen kann.
Und fast jedes Mal registriere ich, dass mein Beispiel bei vielen jungen Besucherinnen/Besuchern so gar nicht ankommt, weil sie Leonhard Cohen offensichtlich nicht (mehr) kennen …
Ich liebe die Lieder von Leonhard Cohen nicht wegen ihrer jüdischen und/oder zeitgeschichtlichen Interpretationen (ich mochte sie schon, als ich die Zusammenhänge noch gar nicht begriff), ich glaube aber, dass es faszinierend ist, diese Zusammenhänge zu kennen. Sie graben sich ins Gedächtnis ein und ich höre heute manche Lieder von Leonhard Cohen nicht weniger gern, aber anders.
In einem Interview erzählt Cohen die Entstehungsgeschichte seines Liedtextes “Dance me to the end of Love“, insbesondere der Textzeile “Dance me to your beauty with a burning violin“:
‘Dance me to the end of Love’ … it’s curious how songs begin because the origin of the song, every song, has a kind of grain or seed that somebody hands you or the world hands you and that’s why the process is so mysterious about writing a song. But that came from just hearing or reading or knowing that in the death camps, beside the crematoria, in certain of the death camps, a string quartet was pressed into performance while this horror was going on, those were the people whose fate was this horror also. And they would be playing classical music while their fellow prisoners were being killed and burnt. So, that music, ‘Dance me to your beauty with a burning violin,’ meaning the beauty there of being the consummation of life, the end of this existence and of the passionate element in that consummation. But, it is the same language that we use for surrender to the beloved, so that the song — it’s not important that anybody knows the genesis of it, because if the language comes from that passionate resource, it will be able to embrace all passionate activity.
Leider ist das YouTube-Video mit dem Interview nicht mehr aufrufbar (falls jemand einen Link dazu oder zum Interview kennt, würde ich mich sehr freuen), zitiert wurde hier aus en.wikipedia.org.
PS: Da die Hohen Feiertage, Rosch HaSchana (Neujahr) und Jom Kippur (Versöhnungstag), vor der Tür stehen, schon jetzt der Hinweis auf ein weiteres Lied von Leonhard Cohen “Who by fire?“.
Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Ihnen selbstverständlich vor allem den Besuch des Konzertes in Wiesen, das Anhören des besprochenen Liedes “Dance me to the end of Love“ sowie die Lektüre eines schon ein wenig älteren, aber sehr guten Artikels über Leonhard Cohen in der Süddeutschen Zeitung …
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