Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

„Im Namen des deutschen Volkes“

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2017 Anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner stellen wir ein erschütterndes Zeitdokument vom September 1938 online (Quelle: privat). Der jüdische…

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2017

Anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner stellen wir ein erschütterndes Zeitdokument vom September 1938 online (Quelle: privat).
Der jüdische Kaufmann Leo Schloss konnte mit seiner Familie nach Südamerika fliehen, die Nachfahren leben heute in Chile.

Hofstattgasse 7, Wien XVIII

Hofstattgasse 7, Wien XVIII, Quelle: initiative-denkmalschutz.at


  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 1

    Seite 1

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 2

    Seite 2

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 3

    Seite 3

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 4

    Seite 4


Transkription

Im Namen des deutschen Volkes!

Das Amtsgericht Döbling hat durch den Bezirksrichter Dr. Lutz als Richter in der Rechtssache der

klagenden Partei: Hermine Hawlik, Private, Wien 18., Hofstattgasse 7,
wider die
beklagte Partei: Leo Schloß, Kaufmann, Wien 18., Hofstattgasse 7

wegen Aufkündigung zu Recht erkannt:

Die hg. Aufkündigung K 1464/38 wird für rechtswirksam erklärt und ist die beklagte Partei schuldig, die im Hause Wien 18., Hofstattgasse 7 gemietete Wohnung Nr. 9 zum Novembertermin (1938) der klagenden Partei bei Zwangsfolge geräumt zu übergeben. Ein Kostenausspruch entfällt.

Entscheidungsgründe:

Unter Hinweis darauf, dass der Beklagte Jude (Nichtarier) sei, erfolgte die gegenständliche Aufkündigung, gegen welche Einwendungen dahin erhoben wurden, dass die Wohnung dem Mietengesetz unterliege, Beklagter keinerlei Anstand gehabt oder gegeben hätte und das Zusammenwohnen niemandem verleidet worden sei. Im übrigen könne Beklagter sich eine andere Wohnung nicht verschaffen.

Die Klägerin verwies auf die Abhängigkeit einer Vermietung dieser Wohnung von der Erledigung dieses Rechtsstreites, während Beklagter zugab, Jude zu sein, sich derzeit mit der Auswanderung im allgemeinen befasst zu haben, welcher jedoch Formalitäten unbekannter Dauer entgegenstünden.

Das Gericht gelangte auf Grund nachstehender Erwägungen zur Stattgebung der Kündigung. Die Kündigungsgründe nach dem Mietengesetz sind nicht erschöpfend aufgezählt. Gemäß § 19, Abs. 1, MG. kann aus wichtigen Gründen der Mietvertrag gekündigt werden. In diesem Zusammenhang führt schon der Kommentar Swoboda zu dieser Gesetzesstelle aus, dass die Anerkennung eines besonderen Kündigungsgrundes dann erleichtert sei, wenn die Frage bejaht werden könne, dass die Zulässigkeit der Aufkündigung auch im öffentlichen Interesse gelegen sei (S. 208).
Dieses ist aus mehrfachen Gründen der Fall. Zunächst ist der dringende Wohnbedarf von Wohnungen für Volksgenossen gerichtsbekannt; das Gesetz ist nicht um seiner selbst willen da, sondern zur Sicherung der Volksgemeinschaft, der zu ihrem Schutze erforderlichen Lebensnotwendigkeiten des Volkes, welche in den Mittelpunkt des Rechtsdienstes gestellt werden. An der Spitze einer solchen Wertordnung steht über dem einzelnen Menschen das Volk und dessen Lebensnotwendigkeiten, insbesondere gegenständlich der Wohnbedarf und seine Befriedigung, welche eine der wichtigsten Voraussetzungen des gegenwärtigen und künftigen Gedeihens des Volkes bildet. Insolange Volksgenossen unter grosser Wohnungsnot leiden und hiedurch die Lebensgrundlage des Volkes wesentlich beeinträchtigt werden, muss der Kündigung wie vorliegend schon aus diesem Grunde ein wichtiges öffentliches Interesse zuerkannt werden (Sicherung und Neubildung deutschen Familienlebens).

Sieht man von dieser materiellen Seite jedoch ab, so muss auf Grund nachstehender grundsätzlicher Erwägungen die Wichtigkeit der vorliegenden Kündigung anerkannt werden: nach dem nationalsozialistischen Umsturz strebt die Staatsführung eine reinliche und durchgreifende Scheidung zwischen Volksgenossen deutschen oder artverwandten Blutes einerseits und den Angehörigen jüdischen Blutes andererseits an. Dass ein Jude nicht Volksgenosse sein kann, vielmehr aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen ist, liegt in der Natur der Sache begründet und ist im Reichsbürgergesetz vom 15. 9. 1935 verankert, welches nunmehr auch auf das Land Österreich Anwendung zu finden hat. In einer Reihe besonderer gesetzlicher Bestimmungen wird dahin Sorge getragen, dass die Angehörigen des jüdischen Volkes von jenen des deutschen Volkes abgesondert werden, indem das jüdische Volk in seine eigenen Lebensbezirke verwiesen und ihm die bisherigen Möglichkeiten enger und engster Beziehungen und Verbindungen mit dem deutschen Volke genommen werden. Es soll in alle Zukunft das jüdische Gastvolk in politisch kultureller und biologischer Beziehung vom deutschen Volk getrennt und geschieden werden. Der Grundsatz, dass zwischen Juden und Deutschen keine wie immer geartete Gemeinschaft, und zwar weder eine Volksgemeinschaft noch Haus- oder Gastgemeinschaft bestehen dürfe, ist im politischen wie sonstigen Leben des deutschen Volkes führend geworden, weshalb dem einzelnen Hauseigentümer in Beobachtung dieser Grundsätze ein weiteres Belassen eines jüdischen Mieters nicht zugemutet werden kann, wenn, wie hinzu kommt, die Wohnung für Angehörige deutschen oder artverwandten Blutes dringlich benötigt wird. Hierin liegt nicht der Kündigungsgrund des § 19/2,Pkt. 3, MG., sondern ein solcher eigener Art, erwachsen aus der öffentlich geforderten Trennung der bisher vermengten Volksangehörigen in allen Belangen des Lebens.

Dieser Umstand kommt jedoch einem wichtigen Grunde im Sinne des § 19/1 MG. gleich, weshalb wie oben zu entscheiden war.
Da Kosten nicht verzeichnet wurden, entfiel ein Ausspruch darüber.

Amtsgericht Döbling, Abt. 4
Wien, am 9.9. 1938.


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… dann bist du von Einsamkeit umsponnen …

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe … Berühmte Gelehrte…

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe …

Berühmte Gelehrte sind hier begraben, darunter Rabbi David Alt, genannt Eibnitz, gestorben 1850, seine Ehefrau Chana, gestorben 1877 und sein Sohn Elieser, gestorben 1895.

  • Grabstein Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

    Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

  • Grabstein Chana Alt

    Grabstein Chana Alt (Eibnitz)

  • Grabstein Elieser Alt

    Elieser Alt (Eibnitz)


Lobenswert jedenfalls, dass der Weg sowohl zur Synagoge als auch zum jüdischen Friedhof in Kobersdorf mehrfach deutlich und klar bezeichnet ist, lobenswert auch, dass erkennbar ist, dass schon viele Arbeiten am Friedhof stattgefunden haben, wenngleich noch viel zu tun bleibt.

Ganz im Gegenteil dazu möchte ich fast von Schock sprechen beim Anblick der Synagoge in Kobersdorf. Die Geschichte ist bekannt: die Kultusgemeinde klagte den Eigentümer des Vereines, dem die Synagoge seit Jahren gehört, verlor den Prozess, die Synagoge verkommt immer mehr zur Ruine. Einfach nur traurig.
Genau gegenüber, nur durch eine schmale Straße getrennt, das schön renovierte Schloss Kobersdorf, in dem jährlich die Kobersdorfer Schlossspiele stattfinden. Tausende BesucherInnen des kleinen Ortes sind seit Jahren mit einer erschütternden Polarität konfrontiert, viele stellen Fragen, die Antworten bleiben unbefriedigend, die öffentliche Hand – so der Verdacht – hat nun offizielle Gründe wegzuschauen.?

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Schloss Kobersdorf

    Schloss Kobersdorf


Lackenbach, nur wenige Kilometer entfernt: der größte jüdische Friedhof im Burgenland mit 1770 Grabsteinen, mit wenigen Ausnahmen alle mit hebräischen Grabinschriften, Kalksandsteine, die verwittern und täglich schwerer, zum Teil gar nicht mehr lesbar sind.

Auch hier finden grundsätzlich lobenswerte Arbeiten (Mähen, Katalogisierung …) am Friedhof statt, aber auch hier bleibt noch viel zu tun (Zuordnungen, Auslesen der hebräischen Inschriften, Übersetzungen …).

Aber bis heute: auch hier schockierend und wohl nicht nur für mich wirklich völlig unverständlich der Umgang mit der jüdischen Vergangenheit, mit der Gedenkkultur. Namentlich mit der Gedenktafel, die immerhin an die größte Synagoge des Burgenlandes erinnert (oder besser: erinnern soll), denn die Tafel ist in der ca. 50 Meter langen kleinen Gasse so gut wie nicht zu finden, der Platz für die Tafel sowie der Zustand dieser spotten jeder Beschreibung.
Auch hier viele Fragen: Ein Spiegelbild des Verantwortungsbewusstseins der öffentlichen Hand? Wo sind die Initiativen von Vereinen, Schulen, politischen Verantwortlichen? An den Finanzen kann es in diesem Fall ja wohl nicht liegen, dass seit vielen Jahren nichts passiert bzw. passieren will…

Gedenkkultur? Lackenbach

Gedenktafel – Gedenkkultur? in Lackenbach


PS: Die Überschrift stammt aus einem Gedicht der Literatin Mida Huber, die nahe Kobersdorf, am sehr idyllisch gelegenen Friedhof von Landsee, begraben ist.

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Il Giardino dell’Eternità di Trieste

Der jüdische Friedhof von Triest Links zum Projekt Zur Übersichtsseite des Projekts „Jüdischer Friedhof Triest„ Zur Datenbank – Die Grabsteine (work in progress) Personenregister Grabstellenregister Triest! Was verbindet sich nicht…

Der jüdische Friedhof von Triest

Links zum Projekt


Triest! Was verbindet sich nicht alles mit diesem Namen!

Alexander Roda-Roda

Die jüdische Gemeinde von Triest zählt heute etwa 500 Mitglieder, von der großen und langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt – vor 1938 lebten etwa 6000 Juden in Triest – erzählt der jüdische Friedhof in Via della Pace mit seinen etwa 12.000 Grabsteinen auf 3 Hektar Fläche. Nachdem der alte jüdische Friedhof aus dem Jahr 1446 für die jüdische Gemeinde zu klein geworden war – in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung hatte er die Hänge des San Giusto-Hügels erreicht – und aufgelöst werden musste, fand das erste Begräbnis am neuen Friedhof am 2. Juni 1843 statt.

Memorial mit den 687 Namen der im Holocaust ermordeten Triestiner Juden

Shoa-Memorial

Dass Triest über 500 Jahre lang habsburgisch-österreichisch war, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Unzählige deutschsprachige Grabinschriften, Herkunftsorte wie Prag, Pressburg, Lemberg, Iasi (Rumänien), Warschau, Skalat (Polen/Westukraine), Surany (Südslowakei), Gloggnitz, Eisenstadt, Hohenems oder Wien, Familiennamen wie Lackenbacher und Familienstammbäume, die tief in die Geschichte der Juden unserer Region weisen, legen ein beredtes Zeugnis ab.

Eisenstadt, Hohenems und Wien…

Am 1. August 1800 heiratete Giustina, geborene Romanin, „Wolf Gerstel di Eisenstado„, geboren 1774. Er war Trödler und ist nicht in Triest begraben. Das Grab seiner Ehefrau befindet sich aber am jüdischen Friedhof Triest und hat – wenig überraschend – eine hebräische Grabinschrift.
Aus Hohenems kommen etwa August Brunner (der Grabstein ermöglicht uns die Daten in den genealogischen Datenbanken zu korrigieren) und Hannchen Brunner, in Wien wurden 1866 Ugo Ascoli und 1869 Siegfried Neuhauser, „Sohn einer achtbar würdigen Bürgerfamilie aus Wien“ geboren.

Große Namen und spannende Familiengeschichten

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest, Ende März 2016



Die Familien Morpurgo und Parente, Gründer und Vorstände der Generali Versicherung, sind in einem Sacellum, in der Form ähnlich einem griechischen Tempel, beim Eingang in den Friedhof begraben. Dieser Bereich wurde vom Mailänder Architekt Carlo Macciacchini errichtet, der neben seinem bekanntesten Projekt, dem Monumentalfriedhof in Mailand, auch der Erbauer von San Spiridione, der Serbisch-Orthodoxen Kirche von Triest, war. Der österreichische Bankier Elio von Morpurgo, verheiratet mit Nina Parente, etwa gilt als Begründer der weltberühmten Bankiers-Familie.

Eines der auffälligsten Grabdenkmäler gehört Giuseppe Eppinger, dem Gründer der weltberühmten „Bomboniera“, die heute noch existiert und James Joyce berichtet über seinen Besuch am sehr schönen Grab von Ada Meissel, der Ehefrau seines Freundes, die mit 27 Jahren Selbstmord begangen hatte. Auch das Grab von Elio Schmitz, dem Bruder des Schriftstellers Italo Svevo, dessen bürgerlicher Name Ettore Schmitz war, und der über seinen Bruder auch einen Roman schrieb, findet sich am Friedhof. Genauso wie jenes von Fiorina Coen, deren Tochter Irene, die ebenfalls am Grabstein genannt ist, die Mutter des prominenten New Yorker Bürgermeisters (1934-45) Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia war, nach dem auch ein New Yorker Flughafen benannt ist.

Skandal in Triest: als Margarete Arnstein 1907 im Alter von 12 Jahren verstorben war, fertigte der italienische Architekt Giovanni Marin einen Sarg mit einer von Blumen bedeckten figürlichen Darstellung von Margarete, was natürlich dem biblischen Bilderverbot widersprach (Exodus 20,4).

  • Aufbahrungshalle am Friedhof

    Aufbahrungshalle am Friedhof

  • Gräber der frühen Rabbiner, 18. Jh., vom alten jüdischen Friedhof

    Gräber früher Rabbiner, 18. Jh.

  • Abgebrochene Säulen: Gräber von Kindern bzw. jungen Menschen

    Kindergräber


Hochinteressante Details in den hebräischen Grabinschriften

Schabbatai Elia Levi kam aus Korfu, ist in Triest begraben und das Sterbedatum in seiner hebräischen Grabinschrift wird dargestellt durch den Satz „Im Jahr, in dem Sewastopol belagert wurde“. Mit dem Tod Rachel Grassitis 1849 versank auch „ihre große Kraft“, ebenfalls dargestellt im Sterbedatum. Sehr spannend auch die doch zu unserer Region verschiedenen Einleitungsformeln wie „Hier liegt“ פה שוכב oder „Dies (sei) die Ruhestätte“ מ“ק, was ich in Österreich bisher nur auf Grabinschriften in der sefardischen Abteilung am Zentralfriedhof in Wien sah.

Mein Dank gehört der Genealogin Traude Triebel, die beim Lesen und der Indizierung der Inschriften half und viele Fotos beisteuerte sowie ganz besonders auch Livio Vasieri aus Triest, der – ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft – seit Jahren unermüdlich an der Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Triest arbeitet.

Über den jüdischen Friedhof Triest gibt es die schöne DVD „Hidden Treasure“ (Italienisch mit englischen Untertiteln) sowie die Broschüre Il Giardino dell’Eternità (Italienisch), beides bei der jüdischen Gemeinde Triest erhältlich. Schließlich sei noch das sehr schöne Carlo e Vera Wagner Museum in Triest empfohlen.

Links zum Projekt


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Der älteste jüdische Grabstein des Burgenlandes

Fast auf den Tag genau, nach 8 Monaten und pünktlich zu Rosch ha-Schana 5776, konnten wir den ersten Teil, nämlich die digitale Edition, unseres großen Friedhofsprojekts „Hier liegt geborgen …“…

Fast auf den Tag genau, nach 8 Monaten und pünktlich zu Rosch ha-Schana 5776, konnten wir den ersten Teil, nämlich die digitale Edition, unseres großen Friedhofsprojekts

„Hier liegt geborgen …“

Digitale und physische Dokumentation der 1.082 Grabsteine des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt.

fertigstellen.

Nun arbeiten wir mit Hochdruck am zweiten Teil, der das Projekt zu einem besondern und österreich- bzw. europaweit (weltweit?) einzigartigen macht, nämlich die zusätzliche komplette physische Dokumentation des Friedhofes!

Wir dürfen es schon verraten: Jeder der 1.082 Grabsteine erhält ein witterungsbeständiges Plättchen, auf dem zur schnellen Orientierung der Standort des Grabsteines zu finden ist (z.B. G-19) sowie einen QR-Code, der auf die spezifische URL des Grabsteines führt. Dort finden Sie dann neben Foto und zeilengerechter Abschrift der Inschrift auch biografische Notizen und Links zu den ebenfalls am älteren Friedhof begrabenen nächsten Angehörigen.

Präsentiert wird das Projekt am Sonntag, 8. November um 11 Uhr. Wir laden dazu noch extra ein, please save the date!

Selbstverständlich haben wir das Projekt nicht nur mit dem Grabstein des berühmtesten Rabbiners des Burgenlandes und auch eines der brühmtesten in Österreich, Rabbi Meir Eisenstadt, begonnen, sondern wollen das Projekt auch mit einem „Paukenschlag“ beenden: Mit dem ältesten jüdischen Grabstein des Burgenlandes – jenem von Hirz Kamen, gestorben 1679:

    Großformat: Grabstein Naftali Hirz ben Abraham ha-Levi Kamen (Coma), 23. Tammus 439


Der erste Name, der uns von der wiederentstandenen Gemeinde Kunde gibt, ist auch der eines ihrer vornehmsten Gründer. Hirz Kamen wurde in Frankfurt a.M. als der Sohn des dortselbst 1652 als Vorsteher verstorbenen Abraham Kamen geboren. Er zählte sich … zu den Nachkommen des Gelehrten und Synagogendichters Akiba Frankfurter, der ebenso durch seine schriftstellerischen Hervorbringungen wie durch seine schöpferische Tätigkeit auf charitativem Gebiete einen Namen erworben hatte. In den sechiziger Jahren des 17. Jahrhunderts treffen wir Hirz Kamen in Wien an, wo er im Rabbinats-Kollegium des … bekannten Gelehrten Gerson Aschkenasi als Beisitzer wirkte. Seine rabbinische Tätigkeit fand jedoch durch die über die Wiener Judenschaft im Jahre 1670 hereingebrochene Katastrophe ein jähes Ende. Im Unglücksjahre fiel ihm … auch die Aufgabe zu, an allen Schritten zur Abwendung der Katastrophe tätigen Anteil zu nehmen. Als die Wiener Judengemeinde nach allen Richtungen zerstob, ging Kamen mit einem Teile der Exulanten nach Nikolsburg in der Hoffnung, von dort aus die Wiederkehr nach Wien zu erwirken. Auch in Nikolsburg sehen wir ihn unter den Vertretern der aus Wien Vertriebenen.

Fünf Jahre lang dauerte das Hoffen und Bangen. Schon glaubten sie sich am Ziele, das alte Gemeindewesen, wenn auch in verkleinertem Maße und unter drückenden Bedingungen aufrichten zu könnten. Der Kompromiss zur Wiedereinlassung der Juden nach Wien wurde von den Führern, unter denen unser Hirz an zweiter Stelle erscheint, am 13. März 1675 in Nikolsburg unterschrieben, aber der Erfolg blieb auch diesmal aus und die Verhandlungen verliefen resultatlos. Nun blieb den Wienern nichts anderes über, als entweder die Fürst Dietrichsteinsche Untertanenschaft anzustreben oder eine neue Heimat ausfindig zu machen. Ein Teil blieb denn auch in Nikolsburg oder in den angrenzenden mährischen Gemeinden, ein anderer Teil, der aus ideellen oder wirtschaftlichen Gründen in das Nikolsburger Gemeindewesen sich nicht einfinden konnte, begründete die neue Gemeinde in Eisenstadt, deren alte wohl von demselben Schicksal wie die von Wien 1670 betroffen wurde. Dass Kamen in dem wahrscheinlich winzigen Gemeinwesen eine passende berufliche Stellung gefunden habe, ist nicht anzunehmen. Sowohl in seiner eigenen Grabschrift wie in denen seiner Kinder wird er als einstiges Mitglied des Wiener Rabbinats bezeichnet. Man begreift, dass diese gewesene Würde noch immer für den Träger und das Geschlecht mehr Glanz hatte als ein selbständiges Rabbinat in der kleinen Landgemeinde. Aber immerhin würde diese Tätigkeit eine Erwähnung gefunden haben, zumal in der nachfolgenden Zeit, wo Männer von Namen in der indes angewachsenen Gemeinde das Rabbinat bekleideten. Damit soll jedoch nicht behauptet werden, dass neben dem angesehenen und gelehrten Manne ein anderer die geistliche Führung hatte. Das Gemeindewesen war eben in seinen Anfängen, so dass die Rabbinatsagenden von einem Mitgliede der Gemeinde im Ehrenamte versehen werden konnten. Nur eine kurze Spanne Zeit war es Hirz Kamen vergönnt, an der Ausgestaltung der neuen Heimat zu wirken. Sein Geschlecht glühte jedoch bis in die neuere Zeit in Eisenstadt fort.

Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 1f (leicht gekürzt)

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