Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

Chanukka 5778

Mit einem besonders hübschen, jedenfalls aber dem kleinsten Objekt unserer Sammlung wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest Happy Chanukka – חג אורים שמח und außerdem unseren christlichen…

Chanukkaleuchter, Blei, Westungarn, ca. 1800

Chanukkaleuchter, Blei, Westungarn, ca. 1800


Mit einem besonders hübschen, jedenfalls aber dem kleinsten Objekt unserer Sammlung

wünschen wir allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest
Happy Chanukka – חג אורים שמח
und außerdem unseren christlichen Leserinnen und Lesern
ein frohes Weihnachtsfest und allen einen guten Start ins Neue Jahr!


Zwei sehr ähnliche, wunderschöne Chanukkaleuchter, nur deutlich jüngeren Datums, finden sich im Jewish Museum of New York:

Chanukkaleuchter Copyright Jewish Museum New York

Bild-Copyright: The Jewish Museum New York


Chanukkaleuchter Copyright Jewish Museum New York

Bild-Copyright: The Jewish Museum New York


Auf den Sesselchen finden sich die hebräischen Buchstaben נח, die Abkürzung für hebräisch „ner chanukka“ (Chanukkalicht). Auf unserer Chanukkia (s. Bild ganz oben) können Sie die beiden Buchstaben auf dem 4. Sesselchen von links erkennen.

Nota bene: Die Chanukkia, die bei uns im Museum zu sehen ist, besteht aus 7 Sesselchen und 1 Bänkchen, auf dem 2 Flammen Platz haben. Wir vermuten, dass der zweite Platz dieses Bänkchens für den „Schammasch“ reserviert ist, also jenes „Dienstlicht“, mit dem die anderen 8 Lichter entzündet werden und das auf beiden Chanukkaleuchtern in New York überraschenderweise fehlt.


Die Geschichte zu diesen beiden Chanukkaleuchtern wollen wir Ihnen als Lesetipp sehr empfehlen: Objects Tell Stories: A Hanukkah Lamp Made of Eight Small Chairs

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Ein Revoluzzer

Als ich vor einiger Zeit den Grabstein des Ignaz Fischer, gestorben am 15. Februar 1923, online stellte, erinnerte ich mich, dass ich mich schon vor 20 Jahren wunderte, warum der…

Als ich vor einiger Zeit den Grabstein des Ignaz Fischer, gestorben am 15. Februar 1923, online stellte, erinnerte ich mich, dass ich mich schon vor 20 Jahren wunderte, warum der Sohn des Rabbiners von Stuhlweißenburg (ung. Székesfehérvár) und Schwager des Eisenstädter Oberrabbiners eine auffällig kurze, fast lieblos-redundanzlose und ganz offensichtlich ohne jegliches Engagement geschriebene Grabinschrift hat und außerdem weit abseits seiner Verwandten, sozusagen im hintersten Eck des Friedhofes, begraben wurde?

Und auch diesmal wunderte ich mich wieder, fand aber zunächst keine Erklärung … bis jetzt: Denn in der „Burgenländischen Freiheit„, der Zeitung der Sozialdemokratischen Partei des Burgenlandes, die – nach Anlaufschwierigkeiten – erstmals am 19. November 1921 erschien, finden wir einen höchst aufschlussreichen Bericht (beachtenswert der nicht nur im vorliegenden Artikel zu findende höchst flapsig-aggressive Stil und die zur Schau getragene Ideologie – s. etwa die Überschrift in Klammern):

Eisenstadt-Unterberg (Juden als Christlich-Soziale)

In unserer Gemeinde ereignete sich vergangene Woche ein äußerst interessanter Todesfall. Es starb der Oberbuchhalter der Firma Leopold Wolf und Söhne, Ignaz Fischer, der in seinem Testament den Wunsch äußerte, in das nächstgelegene Krematorium zwecks Verbrennung seiner Leiche überführt zu werden. Vorher wünschte er noch, dass sein Herz durchbohrt werde. Es kamen von Wien die streng orthodoxen Verwandten des Verstorbenen, die mit Hilfe einiger Mitglieder des Eisenstädter Chevra-Kadisha Vereines, um mit dem durch den Verstorbenen ernannten Testamentsvollstrecker Dr. Halasz und allen möglichen Mitteln die zur Leichenverbrennung und zum Durchbohren des Herzens getroffenen Verfügungen zu vereiteln. Wir sind überzeugt davon, dass diese Herren die übrigen testamentarischen Willensäußerungen des Verstorbenen nicht antasten werden, da diese die Verteilung seines Vermögens unter den Verwandten bestimmen. Hier wird sicher der letzte heilige Wunsch berücksichtigt werden. Wo es sich um die eigene Tasche handelt, dort wird sicher nicht gesagt werden, dass das Testament ungültig ist, weil es durch Zeugen nicht gezeichnet wurde! Die Leiche wurde natürlich begraben, als Hohn auf die Demokratie, denn wir glauben, wenn man nicht einmal über den eigenen Körper verfügen kann, so hört sich eben jede Demokratie auf. Der Verstorbene war in seinem ganzen Leben ein überzeugter Freidenker und wollte durch die oben erwähnten Wünsche seinen Angehörigen zeigen, dass seine durch sein ganzes Leben so oft bekundete Überzeugung keine leere Rede war.

BF, 2. März 1923, 3. Jahrgang, Seite 3

Vielen Dank an meine Mitarbeiterin Sonja Apfler, die das Fundstück entdeckte!

PS: Mit dem Oberbuchhalter der Firma „Weinhandlung Leopold Wolf’s Söhne“ eröffnen wir eine kleine Artikelserie über die Familie Wolf, in Kürze lesen Sie hier mehr über die „Söhne“ von Leopold Wolf …

PPS: Assoziationen des von mir für diesen Artikel gewählten Titels „Ein Revoluzzer“ mit Erich Mühsam und der BF sind selbstverständlich nicht beabsichtigt!


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פה ק“ק א“ש – Hier in der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt

Der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt Links zum Projekt Zur Überblicksseite des Projekts „Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt„ Zur Datenbank – Die Grabsteine Archiv Personenregister in alphabetischer Reihenfolge Das Projekt –…

Der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt

Links zum Projekt

Das Projekt – Entstehen und Ziel

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt



Nach dem großen Projekt im Jahr 2015, den älteren jüdischen Friedhof vollständig aufzuarbeiten, soll nun der jüngere jüdische Friedhof in Eisenstadt ebenfalls digital editiert werden.

Die Schändung des Friedhofes 1992

Im Herbst 1992 erfuhr der jüngere Friedhof traurige Berühmtheit, als 88 (!) Steine geschändet und mit Naziparolen beschmiert wurden. Die Tatsache, dass die mit so viel Liebe und oft so großer Weisheit geschriebenen Inschriften durch diese grässlichen, primitiven und menschenverachtenden Parolen „überschrieben/übermalt“ wurden, führte damals zu meiner Entscheidung, alle Inschriften auszulesen, zu übersetzen sowie zu kommentieren und die Texte damit für die Nachwelt nachhaltig zu sichern.
1995 erschien die vollständige Aufarbeitung dieses Friedhofs in Buchform.

Der Täter wurde 1996 ausgeforscht, konnte sich seiner Verhaftung aber zunächst durch Flucht nach Südafrika entziehen. Am 15. Juni 2004 wurde er wegen NS-Wiederbetätigung zu einer (nicht rechtskräftigen) Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Siehe Bericht „Haftstrafe für Schändung des jüdischen Friedhofs Eisenstadt“ des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands“.

Die digitale Edition ist – nach 20 Jahren – nun einerseits der Zeit geschuldet, ist aber andererseits auch eine erweiterte und (teils notwendig gewordene) verbesserte und ergänzte Publikation über den jüngeren jüdischen Friedhof in Eisenstadt.

Schließlich sollen – wie schon am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt – alle Grabsteine auch physisch mit der seit der Printpublikation existierenden Standortnummer sowie mit QR-Code versehen werden. Dies ermöglicht, jede/n Begrabene/n sicher zu finden.

Der Status Quo – eine Katastrophe

Gleich vorweg: Es ist erschütternd, in welch traurigem und beschämenden Zustand sich der jüngere jüdische Friedhof heute befindet, v.a. gemessen am Zustand zwischen 1992 und 1995, als unsere o.g. Publikation über diesen Friedhof entstand (bei fast jedem Grabstein wird auch ein Foto, das zwischen 1993 und 1995 entstand, publiziert).

Die wohl berechtigte Frage lautet: Wie es ist es möglich, dass Grabsteine 120 Jahre und mehr in gutem, teils sehr gutem Zustand überlebten, die Inschriften gut lesbar erhalten blieben und in knapp 20 Jahren der Verfall eklatant ist: Auffällig viele Grabsteine sind in dieser kurzen Zeit zerbrochen, aus der Erde gerissen/gehoben, in die Erde (fast) versunken, umgefallen, erodiert, mit Moos und/oder Flechten völlig überwachsen, die Inschriften durch die Vegetation oder Erosion nicht mehr sichtbar und nicht mehr lesbar…

Der Grabstein von Samu (Jehuda Samuel) Mayer, gestorben am 12. Mai 1888, ist eines der erschütterndsten Beispiele, wie sich der Zustand eines Grabsteins in den vergangenen 20 Jahren änderte:

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 1993

  • Grabstein Mayer Jehuda Samuel - 12. Mai 1888

    Foto 2016


Mit anderen Worten: Es wäre heute nicht mehr möglich, viele der Grabsteine aufgrund ihrer Inschriften korrekt zuzuordnen wie es vor knapp 20 Jahren noch – zumindest weitgehend – gelang. Ohne die o.g. Printpublikation wäre diese digitale Edition wesentlich bruchstückhafter. Sind es wirklich nur aggressive Umwelteinflüsse? Wir vermuten, dass bei diversen Um- und -Bauarbeiten rund um den Friedhof nicht immer die nötige Sorgfalt und der nötige Respekt vor der Würde der Toten waltete. Ausdrücklich ausnehmen von jeglichem Verdacht der Sorglosigkeit möchten wir die Pflegearbeiten der Stadtgemeinde Eisenstadt, die mit uns immer in bestem Einvernehmen akkordiert sind.
Es ist uns nicht nur ein Rätsel, sondern wir finden es mehr als verantwortungslos, dass etwa Grabsteine, die vom Sockel abgebrochen sind, ganz offenbar mit technischen Hilfsmitteln mehrfach übereinander geschlichtet werden, wodurch insbesondere die Inschriften extrem leiden, abgesehen davon, dass sie in diesem Zustand gar nicht zu sehen sind (s. u. bes. Bild 3).

Die Statistik spricht eine leider sehr deutliche Sprache: Von 283 Grabsteinen, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts allesamt standen und deren Inschriften fast durchwegs sehr gut oder leidlich gut lesbar waren,

  • liegen heute (Stand Winter 2016/2017) 44 Grabsteine am Boden und sind zum Teil tief in die Erde eingesunken
  • 14 Grabsteine sind zerbrochen und
  • weitere 15 Grabsteine liegen zerbrochen (oft in mehrere Teile) am Boden, zu einem guten Teil auch nicht an ihrem angestammten Platz, sondern irgendwo am Friedhof (meist entlang der Mauer oder in einer Ecke des Friedhofes)
  • Zerbrochener Grabstein Moritz Bondi
  • Zerbrochener Grabstein Benjamin Deutsch
  • Grabsteine Benjamin Deutsch, Anna Szemere und Moritz Fraenkl und Aron Fuerst - wer hat diese Grabsteine - jeder mehrere 100kg schwer - übereinander gelegt?
  • Grabstein Abgebrochene und liegende Grabsteine Amalia Flaschner und Mose Ehrlich
  • Liegende Grabsteine Karoline und Alexander Hess
  • An der Mauer liegende Grabsteine
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine
  • Zerbrochener Grabstein Anna Szemere
  • Liegende ab- und zerbrochene Grabsteine



Selbstverständlich versuchen wir in den nächsten Monaten alle Teile der zerbrochenen Grabsteine zusammenzuführen und sie an ihren ursprünglichen Standort zu bringen.

Geschichte und Grundsätzliches zum Friedhof

Nachdem 1875 der ältere jüdische Friedhof voll belegt war, wurde die Anschaffung eines neuen Areals für einen Friedhof notwendig. Der Kaufvertrag für das Gebiet des jüngeren jüdischen Friedhofes datiert vom 27. August 1875. Die erste Belegung dieses Friedhofes stammt vom 19. Oktober 1875. Am Friedhofstor befindet sich die Jahreszahl 1876.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Wachstein hatte für seine Bearbeitung des älteren jüdischen Friedhofes auf Quellen wie etwa das „Schwarze Buch“ der Gemeinde zurückgreifen können. Heute existieren weder das Schwarze Buch der Gemeinde noch ein Lageplan oder andere Informationen, die über ein ursprüngliches Aussehen des Friedhofes Auskunft geben könnten. Sicher lässt sich sagen, dass heute – im Gegensatz zum älteren jüdischen Friedhof – viele Grabsteine fehlen, die noch vor 1938 am Friedhof gewesen sein mussten. Feststellen lässt sich dies einerseits durch das Fehlen von Grabsteinen von Personen, die eindeutig in Eisenstadt begraben hätten werden müssen, weil wir beispielsweise durch die Matriken von ihrem Tod in Eisenstadt wissen sowie durch das Vorhandensein von Sockeln am Friedhof, die auf einstige Gräber hinweisen.

Mit Abschluss des Projekts werden wir auch eine Liste aller auf dem jüngeren jüdischen Friedhof Begrabenen publizieren, also auch jener Verstorbenen, deren Gräber heute nicht mehr existieren.

Jüngerer jüdischer Friedhof Eisenstadt


Links zum Projekt


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„Im Namen des deutschen Volkes“

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2017 Anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner stellen wir ein erschütterndes Zeitdokument vom September 1938 online (Quelle: privat). Der jüdische…

Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust 2017

Anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner stellen wir ein erschütterndes Zeitdokument vom September 1938 online (Quelle: privat).
Der jüdische Kaufmann Leo Schloss konnte mit seiner Familie nach Südamerika fliehen, die Nachfahren leben heute in Chile.

Hofstattgasse 7, Wien XVIII

Hofstattgasse 7, Wien XVIII, Quelle: initiative-denkmalschutz.at


  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 1

    Seite 1

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 2

    Seite 2

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 3

    Seite 3

  • Wohnungsaufkündigung 1938, Seite 4

    Seite 4


Transkription

Im Namen des deutschen Volkes!

Das Amtsgericht Döbling hat durch den Bezirksrichter Dr. Lutz als Richter in der Rechtssache der

klagenden Partei: Hermine Hawlik, Private, Wien 18., Hofstattgasse 7,
wider die
beklagte Partei: Leo Schloß, Kaufmann, Wien 18., Hofstattgasse 7

wegen Aufkündigung zu Recht erkannt:

Die hg. Aufkündigung K 1464/38 wird für rechtswirksam erklärt und ist die beklagte Partei schuldig, die im Hause Wien 18., Hofstattgasse 7 gemietete Wohnung Nr. 9 zum Novembertermin (1938) der klagenden Partei bei Zwangsfolge geräumt zu übergeben. Ein Kostenausspruch entfällt.

Entscheidungsgründe:

Unter Hinweis darauf, dass der Beklagte Jude (Nichtarier) sei, erfolgte die gegenständliche Aufkündigung, gegen welche Einwendungen dahin erhoben wurden, dass die Wohnung dem Mietengesetz unterliege, Beklagter keinerlei Anstand gehabt oder gegeben hätte und das Zusammenwohnen niemandem verleidet worden sei. Im übrigen könne Beklagter sich eine andere Wohnung nicht verschaffen.

Die Klägerin verwies auf die Abhängigkeit einer Vermietung dieser Wohnung von der Erledigung dieses Rechtsstreites, während Beklagter zugab, Jude zu sein, sich derzeit mit der Auswanderung im allgemeinen befasst zu haben, welcher jedoch Formalitäten unbekannter Dauer entgegenstünden.

Das Gericht gelangte auf Grund nachstehender Erwägungen zur Stattgebung der Kündigung. Die Kündigungsgründe nach dem Mietengesetz sind nicht erschöpfend aufgezählt. Gemäß § 19, Abs. 1, MG. kann aus wichtigen Gründen der Mietvertrag gekündigt werden. In diesem Zusammenhang führt schon der Kommentar Swoboda zu dieser Gesetzesstelle aus, dass die Anerkennung eines besonderen Kündigungsgrundes dann erleichtert sei, wenn die Frage bejaht werden könne, dass die Zulässigkeit der Aufkündigung auch im öffentlichen Interesse gelegen sei (S. 208).
Dieses ist aus mehrfachen Gründen der Fall. Zunächst ist der dringende Wohnbedarf von Wohnungen für Volksgenossen gerichtsbekannt; das Gesetz ist nicht um seiner selbst willen da, sondern zur Sicherung der Volksgemeinschaft, der zu ihrem Schutze erforderlichen Lebensnotwendigkeiten des Volkes, welche in den Mittelpunkt des Rechtsdienstes gestellt werden. An der Spitze einer solchen Wertordnung steht über dem einzelnen Menschen das Volk und dessen Lebensnotwendigkeiten, insbesondere gegenständlich der Wohnbedarf und seine Befriedigung, welche eine der wichtigsten Voraussetzungen des gegenwärtigen und künftigen Gedeihens des Volkes bildet. Insolange Volksgenossen unter grosser Wohnungsnot leiden und hiedurch die Lebensgrundlage des Volkes wesentlich beeinträchtigt werden, muss der Kündigung wie vorliegend schon aus diesem Grunde ein wichtiges öffentliches Interesse zuerkannt werden (Sicherung und Neubildung deutschen Familienlebens).

Sieht man von dieser materiellen Seite jedoch ab, so muss auf Grund nachstehender grundsätzlicher Erwägungen die Wichtigkeit der vorliegenden Kündigung anerkannt werden: nach dem nationalsozialistischen Umsturz strebt die Staatsführung eine reinliche und durchgreifende Scheidung zwischen Volksgenossen deutschen oder artverwandten Blutes einerseits und den Angehörigen jüdischen Blutes andererseits an. Dass ein Jude nicht Volksgenosse sein kann, vielmehr aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen ist, liegt in der Natur der Sache begründet und ist im Reichsbürgergesetz vom 15. 9. 1935 verankert, welches nunmehr auch auf das Land Österreich Anwendung zu finden hat. In einer Reihe besonderer gesetzlicher Bestimmungen wird dahin Sorge getragen, dass die Angehörigen des jüdischen Volkes von jenen des deutschen Volkes abgesondert werden, indem das jüdische Volk in seine eigenen Lebensbezirke verwiesen und ihm die bisherigen Möglichkeiten enger und engster Beziehungen und Verbindungen mit dem deutschen Volke genommen werden. Es soll in alle Zukunft das jüdische Gastvolk in politisch kultureller und biologischer Beziehung vom deutschen Volk getrennt und geschieden werden. Der Grundsatz, dass zwischen Juden und Deutschen keine wie immer geartete Gemeinschaft, und zwar weder eine Volksgemeinschaft noch Haus- oder Gastgemeinschaft bestehen dürfe, ist im politischen wie sonstigen Leben des deutschen Volkes führend geworden, weshalb dem einzelnen Hauseigentümer in Beobachtung dieser Grundsätze ein weiteres Belassen eines jüdischen Mieters nicht zugemutet werden kann, wenn, wie hinzu kommt, die Wohnung für Angehörige deutschen oder artverwandten Blutes dringlich benötigt wird. Hierin liegt nicht der Kündigungsgrund des § 19/2,Pkt. 3, MG., sondern ein solcher eigener Art, erwachsen aus der öffentlich geforderten Trennung der bisher vermengten Volksangehörigen in allen Belangen des Lebens.

Dieser Umstand kommt jedoch einem wichtigen Grunde im Sinne des § 19/1 MG. gleich, weshalb wie oben zu entscheiden war.
Da Kosten nicht verzeichnet wurden, entfiel ein Ausspruch darüber.

Amtsgericht Döbling, Abt. 4
Wien, am 9.9. 1938.


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