Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Kategorie: Leben und Glaube

Il Giardino dell’Eternità di Trieste

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Der jüdische Friedhof von Triest

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Triest! Was verbindet sich nicht alles mit diesem Namen!

Alexander Roda-Roda

Die jüdische Gemeinde von Triest zählt heute etwa 500 Mitglieder, von der großen und langen Geschichte der jüdischen Gemeinde der Stadt – vor 1938 lebten etwa 6000 Juden in Triest – erzählt der jüdische Friedhof in Via della Pace mit seinen etwa 12.000 Grabsteinen auf 3 Hektar Fläche. Nachdem der alte jüdische Friedhof aus dem Jahr 1446 für die jüdische Gemeinde zu klein geworden war – in der Zeit seiner größten räumlichen Ausdehnung hatte er die Hänge des San Giusto-Hügels erreicht – und aufgelöst werden musste, fand das erste Begräbnis am neuen Friedhof am 2. Juni 1843 statt.

Memorial mit den 687 Namen der im Holocaust ermordeten Triestiner Juden

Shoa-Memorial

Dass Triest über 500 Jahre lang habsburgisch-österreichisch war, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Unzählige deutschsprachige Grabinschriften, Herkunftsorte wie Prag, Pressburg, Lemberg, Iasi (Rumänien), Warschau, Skalat (Polen/Westukraine), Surany (Südslowakei), Gloggnitz, Eisenstadt, Hohenems oder Wien, Familiennamen wie Lackenbacher und Familienstammbäume, die tief in die Geschichte der Juden unserer Region weisen, legen ein beredtes Zeugnis ab.

Eisenstadt, Hohenems und Wien…

Am 1. August 1800 heiratete Giustina, geborene Romanin, „Wolf Gerstel di Eisenstado„, geboren 1774. Er war Trödler und ist nicht in Triest begraben. Das Grab seiner Ehefrau befindet sich aber am jüdischen Friedhof Triest und hat – wenig überraschend – eine hebräische Grabinschrift.
Aus Hohenems kommen etwa August Brunner (der Grabstein ermöglicht uns die Daten in den genealogischen Datenbanken zu korrigieren) und Hannchen Brunner, in Wien wurden 1866 Ugo Ascoli und 1869 Siegfried Neuhauser, „Sohn einer achtbar würdigen Bürgerfamilie aus Wien“ geboren.

Große Namen und spannende Familiengeschichten

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest

Blick in den jüdischen Friedhof von Triest, Ende März 2016



Die Familien Morpurgo und Parente, Gründer und Vorstände der Generali Versicherung, sind in einem Sacellum, in der Form ähnlich einem griechischen Tempel, beim Eingang in den Friedhof begraben. Dieser Bereich wurde vom Mailänder Architekt Carlo Macciacchini errichtet, der neben seinem bekanntesten Projekt, dem Monumentalfriedhof in Mailand, auch der Erbauer von San Spiridione, der Serbisch-Orthodoxen Kirche von Triest, war. Der österreichische Bankier Elio von Morpurgo, verheiratet mit Nina Parente, etwa gilt als Begründer der weltberühmten Bankiers-Familie.

Eines der auffälligsten Grabdenkmäler gehört Giuseppe Eppinger, dem Gründer der weltberühmten „Bomboniera“, die heute noch existiert und James Joyce berichtet über seinen Besuch am sehr schönen Grab von Ada Meissel, der Ehefrau seines Freundes, die mit 27 Jahren Selbstmord begangen hatte. Auch das Grab von Elio Schmitz, dem Bruder des Schriftstellers Italo Svevo, dessen bürgerlicher Name Ettore Schmitz war, und der über seinen Bruder auch einen Roman schrieb, findet sich am Friedhof. Genauso wie jenes von Fiorina Coen, deren Tochter Irene, die ebenfalls am Grabstein genannt ist, die Mutter des prominenten New Yorker Bürgermeisters (1934-45) Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia war, nach dem auch ein New Yorker Flughafen benannt ist.

Skandal in Triest: als Margarete Arnstein 1907 im Alter von 12 Jahren verstorben war, fertigte der italienische Architekt Giovanni Marin einen Sarg mit einer von Blumen bedeckten figürlichen Darstellung von Margarete, was natürlich dem biblischen Bilderverbot widersprach (Exodus 20,4).

  • Aufbahrungshalle am Friedhof

    Aufbahrungshalle am Friedhof

  • Gräber der frühen Rabbiner, 18. Jh., vom alten jüdischen Friedhof

    Gräber früher Rabbiner, 18. Jh.

  • Abgebrochene Säulen: Gräber von Kindern bzw. jungen Menschen

    Kindergräber


Hochinteressante Details in den hebräischen Grabinschriften

Schabbatai Elia Levi kam aus Korfu, ist in Triest begraben und das Sterbedatum in seiner hebräischen Grabinschrift wird dargestellt durch den Satz „Im Jahr, in dem Sewastopol belagert wurde“. Mit dem Tod Rachel Grassitis 1849 versank auch „ihre große Kraft“, ebenfalls dargestellt im Sterbedatum. Sehr spannend auch die doch zu unserer Region verschiedenen Einleitungsformeln wie „Hier liegt“ פה שוכב oder „Dies (sei) die Ruhestätte“ מ“ק, was ich in Österreich bisher nur auf Grabinschriften in der sefardischen Abteilung am Zentralfriedhof in Wien sah.

Mein Dank gehört der Genealogin Traude Triebel, die beim Lesen und der Indizierung der Inschriften half und viele Fotos beisteuerte sowie ganz besonders auch Livio Vasieri aus Triest, der – ehrenamtlich und mit großer Leidenschaft – seit Jahren unermüdlich an der Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Triest arbeitet.

Über den jüdischen Friedhof Triest gibt es die schöne DVD „Hidden Treasure“ (Italienisch mit englischen Untertiteln) sowie die Broschüre Il Giardino dell’Eternità (Italienisch), beides bei der jüdischen Gemeinde Triest erhältlich. Schließlich sei noch das sehr schöne Carlo e Vera Wagner Museum in Triest empfohlen.

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Der älteste jüdische Grabstein des Burgenlandes

Fast auf den Tag genau, nach 8 Monaten und pünktlich zu Rosch ha-Schana 5776, konnten wir den ersten Teil, nämlich die digitale Edition, unseres großen Friedhofsprojekts „Hier liegt geborgen …“…

Fast auf den Tag genau, nach 8 Monaten und pünktlich zu Rosch ha-Schana 5776, konnten wir den ersten Teil, nämlich die digitale Edition, unseres großen Friedhofsprojekts

„Hier liegt geborgen …“

Digitale und physische Dokumentation der 1.082 Grabsteine des älteren jüdischen Friedhofs in Eisenstadt.

fertigstellen.

Nun arbeiten wir mit Hochdruck am zweiten Teil, der das Projekt zu einem besondern und österreich- bzw. europaweit (weltweit?) einzigartigen macht, nämlich die zusätzliche komplette physische Dokumentation des Friedhofes!

Wir dürfen es schon verraten: Jeder der 1.082 Grabsteine erhält ein witterungsbeständiges Plättchen, auf dem zur schnellen Orientierung der Standort des Grabsteines zu finden ist (z.B. G-19) sowie einen QR-Code, der auf die spezifische URL des Grabsteines führt. Dort finden Sie dann neben Foto und zeilengerechter Abschrift der Inschrift auch biografische Notizen und Links zu den ebenfalls am älteren Friedhof begrabenen nächsten Angehörigen.

Präsentiert wird das Projekt am Sonntag, 8. November um 11 Uhr. Wir laden dazu noch extra ein, please save the date!

Selbstverständlich haben wir das Projekt nicht nur mit dem Grabstein des berühmtesten Rabbiners des Burgenlandes und auch eines der brühmtesten in Österreich, Rabbi Meir Eisenstadt, begonnen, sondern wollen das Projekt auch mit einem „Paukenschlag“ beenden: Mit dem ältesten jüdischen Grabstein des Burgenlandes – jenem von Hirz Kamen, gestorben 1679:

    Großformat: Grabstein Naftali Hirz ben Abraham ha-Levi Kamen (Coma), 23. Tammus 439


Der erste Name, der uns von der wiederentstandenen Gemeinde Kunde gibt, ist auch der eines ihrer vornehmsten Gründer. Hirz Kamen wurde in Frankfurt a.M. als der Sohn des dortselbst 1652 als Vorsteher verstorbenen Abraham Kamen geboren. Er zählte sich … zu den Nachkommen des Gelehrten und Synagogendichters Akiba Frankfurter, der ebenso durch seine schriftstellerischen Hervorbringungen wie durch seine schöpferische Tätigkeit auf charitativem Gebiete einen Namen erworben hatte. In den sechiziger Jahren des 17. Jahrhunderts treffen wir Hirz Kamen in Wien an, wo er im Rabbinats-Kollegium des … bekannten Gelehrten Gerson Aschkenasi als Beisitzer wirkte. Seine rabbinische Tätigkeit fand jedoch durch die über die Wiener Judenschaft im Jahre 1670 hereingebrochene Katastrophe ein jähes Ende. Im Unglücksjahre fiel ihm … auch die Aufgabe zu, an allen Schritten zur Abwendung der Katastrophe tätigen Anteil zu nehmen. Als die Wiener Judengemeinde nach allen Richtungen zerstob, ging Kamen mit einem Teile der Exulanten nach Nikolsburg in der Hoffnung, von dort aus die Wiederkehr nach Wien zu erwirken. Auch in Nikolsburg sehen wir ihn unter den Vertretern der aus Wien Vertriebenen.

Fünf Jahre lang dauerte das Hoffen und Bangen. Schon glaubten sie sich am Ziele, das alte Gemeindewesen, wenn auch in verkleinertem Maße und unter drückenden Bedingungen aufrichten zu könnten. Der Kompromiss zur Wiedereinlassung der Juden nach Wien wurde von den Führern, unter denen unser Hirz an zweiter Stelle erscheint, am 13. März 1675 in Nikolsburg unterschrieben, aber der Erfolg blieb auch diesmal aus und die Verhandlungen verliefen resultatlos. Nun blieb den Wienern nichts anderes über, als entweder die Fürst Dietrichsteinsche Untertanenschaft anzustreben oder eine neue Heimat ausfindig zu machen. Ein Teil blieb denn auch in Nikolsburg oder in den angrenzenden mährischen Gemeinden, ein anderer Teil, der aus ideellen oder wirtschaftlichen Gründen in das Nikolsburger Gemeindewesen sich nicht einfinden konnte, begründete die neue Gemeinde in Eisenstadt, deren alte wohl von demselben Schicksal wie die von Wien 1670 betroffen wurde. Dass Kamen in dem wahrscheinlich winzigen Gemeinwesen eine passende berufliche Stellung gefunden habe, ist nicht anzunehmen. Sowohl in seiner eigenen Grabschrift wie in denen seiner Kinder wird er als einstiges Mitglied des Wiener Rabbinats bezeichnet. Man begreift, dass diese gewesene Würde noch immer für den Träger und das Geschlecht mehr Glanz hatte als ein selbständiges Rabbinat in der kleinen Landgemeinde. Aber immerhin würde diese Tätigkeit eine Erwähnung gefunden haben, zumal in der nachfolgenden Zeit, wo Männer von Namen in der indes angewachsenen Gemeinde das Rabbinat bekleideten. Damit soll jedoch nicht behauptet werden, dass neben dem angesehenen und gelehrten Manne ein anderer die geistliche Führung hatte. Das Gemeindewesen war eben in seinen Anfängen, so dass die Rabbinatsagenden von einem Mitgliede der Gemeinde im Ehrenamte versehen werden konnten. Nur eine kurze Spanne Zeit war es Hirz Kamen vergönnt, an der Ausgestaltung der neuen Heimat zu wirken. Sein Geschlecht glühte jedoch bis in die neuere Zeit in Eisenstadt fort.

Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 1f (leicht gekürzt)

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Isak Hirsch Weiss – Meine Erinnerungen

Einer der größten jüdischen Wissenschaftler im Wien des 19. Jahrhunderts war Isak Hirsch Weiss. Einige Jahre verbrachte er auch in Eisenstadt, ein gutes Zeugnis stellt er der hiesigen Jeschiwa allerdings…

Einer der größten jüdischen Wissenschaftler im Wien des 19. Jahrhunderts war Isak Hirsch Weiss. Einige Jahre verbrachte er auch in Eisenstadt, ein gutes Zeugnis stellt er der hiesigen Jeschiwa allerdings nicht aus …

Am 13. Februar 1815 in Groß-Meseritsch (an der böhmischen Grenze) in Mähren geboren, begann die Erziehung von Weiss wie üblich im Cheder, wo er die Bibel nach der Mendelssohn’schen Übersetzung sowie Mischna und später Talmud und Grammatik lernte. Zuhause brachte man ihm weltliches Wissen bei.

Im Jahr 1830, also mit 15 Jahren, übersiedelte Weiss nach Ungarn, genauer nach Eisenstadt, wo er die Jeschiwa besuchte. Sein Lehrer war ein Landsmann von ihm, Rabbi Isaak Mosche Perles, dessen Söhne Abraham und Zvi Hirsch am älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben sind. (Zu Rabbiner Perles selbst siehe die Anmerkung bei seinem Sohn Zvi.)

Im Jahre 1830 kam ich, ein 15jähriger Knabe, nach Eisenstadt. Mein Lehrer nahm mich mit besonderer Freundlichkeit auf und behandelte mich auch fernerhin mit herzlichem Wohlwollen. Hierzu trug der Umstand wesentlich bei, dass er meinen Onkel sehr schätzte [Es handelt sich um Michl Weiss, bei dem der Neffe in Eisenstadt wohnte und dessen Grab wir im Zuge unseres großen Friedhofsprojekts finden konnten].

Wer einen Begriff von der Wesensart der damaligen ungarischen Jeschiwot hat, dem brauche ich nicht näher auseinanderzusetzen, dass sich mir in Eisenstadt ein ganz neuer Anblick darbot. Die Anzahl der Zöglinge war recht groß und die meisten stammten aus Ungarn. … Viele von den Bachurim waren gewandte Pilpulisten und bekundeten großen Scharfsinn in der halachischen Diskussion, aber nur wenige besaßen außerhalb des Bereichs der Gemara irgendwelche literarischen oder wissenschaftlichen Kenntnisse, und diese wenigen stammten aus Mähren oder Böhmen. Unter den ungarischen Bachurim fand ich hingegen keinen einzigen, der die ganze Bibel durchgenommen hatte, und der etwas von der hebräischen Grammatik verstand, geschweige denn, dass einer von ihnen profanes Wissen besessen oder auch nur Neigung gezeigt hätte, sich solches Wissen anzueignen. Über diesen Anblick war ich entsetzt. Schon zur Zeit meines Studiums in der Jeschiwa meines ersten Lehrers hatten die Studiengefährten mir Angst gemacht, ich würde mich aller außertalmudischen Studien enthalten müssen, falls ich eine ungarische Jeschiwa besuchen wollte. Sie erzählten mir, in Ungarn gelte die Beschäftigung mit weltlichen Studien als eine Sünde, und die dortigen Rabbiner hielten ihre Schüler von jeglicher Lektüre deutscher Bücher ab, ja selbst die hebräische Grammatik und das nichttalmudische hebräische Schrifttum seien dort als ‚profane Wissenschaft‘ streng verpönt.

Weiss schildert danach sehr anschaulich, wie solche Jeschiwazöglinge, die sich gegen jegliches weltliche Wissen wandten, Kollegen, die anders dachten, mit Lügen beim Lehrer anschwärzten. Immer wieder, so Weiss, wurden über ihn Geschichten erfunden, bis es ihm reichte und er schon nach zwei Jahren einfach kurzerhand die Jeschiwa verließ und nach Nikolsburg ging. Weiss lässt diesbezüglich kein gutes Haar an den ungarischen Jeschiwot:

Es gab um jene Zeit fast keine Jeschiwa, in der diese Seuche nicht verbreitet war; überall wucherte das Angebertum unter den Bachurim.

Auch in Nikolsburg blieb Weiss nur zwei Jahre, verbrachte die folgenden Jahre im Haus seiner Eltern, bis er 1858 nach Wien kam und da eine Stelle als Korrektor in der berühmten Druckerei von Samarski und Ditmarsch erlangte. Nach drei Jahren wurde er als Rabbiner und Lehrer ans Bet- ha-Midrasch, das von Dr. Adolf (Ahron) Jellinek gegründet worden war, berufen, wo er bis zu seinem Lebensende als Lektor wirkte.

Zwischen 1871 und 1891 erschien sein fünfbändiges Hauptwerk „Dor dor we-dorschaw (Die einzelnen Zeitalter und ihre Wortführer)“, das eine systematische Literaturgeschichte der Halacha oder des mündlich überlieferten Toragesetzes von der biblischen Zeit bis nach der Vertreibung der Juden aus Spanien darstellt.

5 Bände Dor dor we-dorschaw

Deutsch wird „Dor dor we-dorschaw“ meist zitiert als „Zur Geschichte der jüdischen Tradition“, im Englischen „The History of the Jewish Tradition“. Es handelt sich dabei hauptsächlich um ein erzählendes, deskriptives Werk, nicht primär um eine kritische Arbeit. Weiss hielt etwa fest an der mosaischen Urheberschaft des Pentateuchs und damit eben an Avot 1,1: מֹשֶה קִבֵל תוֹרָה מִסִינָי (Moses empfing die Tora vom Sinai). Genau dieser Punkt war auch der Hauptkritikpunkt für viele Gelehrte, wie etwa Abraham Geiger, der das Werk Weiss‘ als zu traditionell und unkritisch bezeichnet. Und das, obwohl sich Geiger, der 1874 starb, nicht einmal auf Dor dor we-dorschaw beziehen konnte. Von orthodoxen Gruppen wiederum wurden die Ansichten von Weiss als ketzerisch verdammt.

Weiss – und dies gilt für sein gesamtes Oeuvre – ist ein Meister der Detailmalerei. Mit unzähligen Details liefert er uns ein Bild der Begründer der Wissenschaft des Judentums, seien dies die Gelehrten des Ostens wie Salomo Juda Rapoport, der spätere Oberrabbiner von Prag, Nachman Krochmal oder Isak Bär Levinsohn. Genauso ausführlich detailliert widmet er sich den Gründern der Wissenschaft des Judentums im Westen wie Leopold Zunz, Samuel David Luzzatto, dem Dozenten an der ersten wissenschaftlichen Rabbinerlehranstalt, dem Collegio Rabbinico in Padua, das 1829 gegründet wurde, Isak Samuel Reggio, der die Gründung dieses Rabbinerseminars anregte, Heinrich Graetz, dessen elfbändige „Geschichte der Juden von den Anfängen bis auf die Gegenwart“ das erste moderne umfassende jüdische Geschichtswerk des späten 19. Jahrhunderts ist, und dem schon genannten Abraham Geiger.

Weiss starb am 30. Mai 1905 im 91. Lebensjahr in Wien.

Zitiert wurde oben aus „Zichronotai“ (Meine Erinnerungen), dem autobiografischen Werk von Weiss, das zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1895 in Warschau erschien und im vollen Titel „Meine Erinnerungen – von meiner Kindheit bis ich 80 wurde“ lautet.


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Das Testament einer bedeutenden Frau

Frumet „Babe“ Wolf Die bedeutendste und prominenteste Familie des jüdischen Viertels von Eisenstadt in jüngerer Zeit – die „burgenländischen Rothschilds“, wie sie der Mattersburger Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller einmal…

Frumet „Babe“ Wolf

Die bedeutendste und prominenteste Familie des jüdischen Viertels von Eisenstadt in jüngerer Zeit – die „burgenländischen Rothschilds“, wie sie der Mattersburger Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller einmal nannte – war zweifellos die reiche Weinhändlerfamilie Wolf. Die jüdische Gemeinde hatte ihr u.a. eine Reihe von Wohltätigkeitsstiftungen und Institutionen – wie etwa einen Montessori-Kindergarten (außerhalb des jüdischen Viertels) – zu verdanken. Erwähnt muss vor allem Alexander (Sándor) Wolf werden, Weinhändler und mit seiner beachtlichen Sammlung Mitbegründer des heutigen Landesmuseums. Sándor Wolf war übrigens der Sohn von Ignaz Wolf, dem jüngsten Sohn von Leopold Wolf. Franziska (Frumet) „Babe“ Wolf ist daher die Urgroßmutter von Sándor Wolf.

Die Wurzeln der Familie reichen bis in die Wiener jüdische Gemeinde zurück. In Eisenstadt ist erst der ca. 1718 verstorbene Benjamin Wolf Austerlitz greifbar, der höchstwahrscheinlich als Wiener Exulant vor 1690 über Nikolsburg hierhergekommen war und somit zu den Gründervätern der wiederrichteten Gemeinde zählte. Sein Sohn, Salman ben Wolf Jeiteles ha-Levi Austerlitz, starb 1725 in Eisenstadt. Dessen Enkel, Chajjim Wolf ha-Levi Kittsee, verdankte den Beinamen „Kittsee“ seinem Vater Meir Kittsee, der offenbar eine Zeitlang in der jüdischen Gemeinde Kittsee wohnhaft war. Er nannte sich mit bürgerlichem Namen Joachim und übernahm den (ursprünglichen) Vornamen Wolf in seinen Namen, sodass er als Stammvater im engeren Sinn der Familie Wolf bezeichnet werden darf.
Joachim Wolf war bemüht, sich weltliche Bildung anzueignen, und nützte die Zeit der josephinischen Toleranz, um als Kaufmann weite Reisen zu unternehmen. 1790 schließlich gründete er in Eisenstadt eine Weinhandlung.

Besonders seine zweite Frau, Frumet Brilin, mit bürgerlichem Namen Franziska (Fanni), geboren ca. 1770 und in der Gemeinde schlicht „Babe Frumet“ genannt, war wohl eine der faszinierendsten Frauen in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt.
Endlich konnten wir im Zuge unseres großangelegten Friedhofsprojekts den Grabstein von Frumet Wolf und jene von zwei ihrer Söhne, Leopold und Asriel (Israel), finden.

Wachstein schreibt über sie:

„Es war wirklich eine außergewöhnliche Frau, diese Frumet oder Franziska Wolf, … außergewöhnlich durch die Herzensgüte … sowie durch die Tatkraft und den scharfen Verstand, die sie in hervorragendem Maße auszeichneten. Güte, Verstand und Energie vereinigen sich selten in einem und demselben Menschen, zumal bei einer Frau (sic!)….
Die Frau stand mitten im Erwerbsleben wie der Mann, ja oft noch mehr als der Mann, der zuweilen gelehrten oder jenseitigen Dingen nachhing …

Die Heirat mit Chajjim Wolf, dessen zweite Frau sie war, geschah im Jahre 1786. Die Ehepakten sind vom Donnerstag, 2. Adar II 546 = 2. März 1786 datiert.“

Als Joachim Wolf, nach 37-jähriger Ehe, seinen Tod nahen fühlte, übergab er sein ganzes Vermögen seiner Frau. Diese überlebte ihren Mann um 26 Jahre und blieb nun Zeit ihres Lebens anerkanntes Familienoberhaupt. 19 Jahre vor ihrem Tod, im Jahr 1830, verfasste sie ihr viele Seiten umfassendes Testament, das hier in zwei kurzen Auszügen wiedergegeben werden darf:

Scan Faksimile Testament Franziska Wolf

Scan Faksimile Testament der Franziska (Frumet) Wolf, 1830.


Hier, meine lieben Kinder! habe ich meinen letzten Willen kundgegeben. Wenn nun manche von euch besser bedacht zu werden geglaubt, und manche wieder lieber gewünscht, dass ich gar kein Testament gemacht hätte; so finde ich dieses zwar sehr natürlich, allein, glaubet mir, so schwer, ja, so unmöglich es beinahe ist, in einem Testamente den Wünschen allen dabey Betheiligten ganz zu entsprechen, eben so ungerecht und unvernünftig ist es, da, wo Missverhältnisse obwalten, ohne Testament die seinigen zu verlassen, und solcher gestalt die Vertheilung seiner Verlassenschaft den bestehenden Gebräuchen oder Gesetzen zu überlassen, die doch keinen Unterschied machen, noch machen können.

Das Testament regelt dann in einzelnen Punkten alle finanziellen Angelegenheiten rund um Barvermögen, Haus und Besitz, die Synagogensitze, ihre Kleinodien, Wäsche und Kleidungsstücke, alle von ihren Töchtern oder Schwiegersöhnen ausgestellten Wechsel oder Obligationen und formuliert die Pflichten der Söhne wie, etwa dass diese „am Sterbetage ihres seligen Vaters 10 F., schreibe zehn Gulden in Silberzwanziger, zu gleichen Theilen … an den jedesmahligen Orts-Rabiner und an Arme und Nothleidende zu verteilen haben“ …

Das Testament schließt mit ausgesprochen schönen mahnenden Worten:

Zum Abschiede sollt ich euch, meine lieben Kinder, Lehren und Lebensregeln hinterlassen, da Ihr aber alle erwachsen seyd, so kann ich euch keine solchen geben, wie man sie unmündigen Kindern zu geben pflegt, ich werde mich daher auf einige zwar allgemeine, aber wichtige Lehren beschränken:
Vornehmlich vermahne ich euch zur Tugend und Gottesfurcht, ohne welche Ihr weder ganz glücklich auf Erden, noch jenseits Ruhe und Belohnung finden werdet. Seyd mit eurem Geschick, und mit dem, was Ihr habt, zufrieden und richtet Eure Bedürfnisse nach eurem Einkommen ein, seyd friedfertig gegen Jedermann und unter Euch selbst. Lasset ja verderblichen Familien-Zwist keinen Zugang zu euch finden. Seyd vielmehr einig und unterstützt euch gegenseitig mit Rath und That. Ihr müsst Euch näher und fester einander anschliessen. Ihr habt es nöthig und werdet es mehr als jemahls nöthig haben, wenn der für euch mehr als für mich, traurige Fall eintritt, dass eure Mutter aus eurer Mitte euch entrissen wird, und so – gleichsam der Mittelpunkt seinem Kreise entschwindet. – Lebet wohl und empfanget hiermit den Segen.

Eurer bis in den Todt treuen Mutter
S. S. Fani Wolff.
Eisenstadt, am 8-ten September 830.

Scan Faksimile Testament Franziska Wolf

Scan Faksimile Testament der Franziska (Frumet) Wolf, 1830.

Alle Zitate: Wachstein B., Die Grabinschriften …, a.a.O., 252ff


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