Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

100 Jahre – und unerfüllte Hoffnungen

Ich hatte am Freitag, 22. Oktober 2021, die Ehre, die Festrede in der Festsitzung „100 Jahre Burgenland“ des Gemeinderates der Freistadt Eisenstadt halten zu dürfen. Die Fassung hier ist nur…

Ich hatte am Freitag, 22. Oktober 2021, die Ehre, die Festrede in der Festsitzung „100 Jahre Burgenland“ des Gemeinderates der Freistadt Eisenstadt halten zu dürfen. Die Fassung hier ist nur leicht überarbeitet und ergänzt (bes. mit Bildern, Fußnoten und Links):

Die 100 Jahre, die das Burgenland heuer feiert, spielen aus jüdischer Sicht so gut wie keine Rolle, zumindest keine, die es zu feiern gilt. Man darf aus jüdischer Perspektive im Burgenland vielleicht sogar von 1.800 Jahren sprechen, denken wir an das Ende der 1990er Jahre in Halbturn gefundene jüdische Amulett. Aus jüdischer Eisenstädter Perspektive dürfen wir immerhin von 750 Jahren Besiedlungsgeschichte sprechen. In Eisenstadt existierte jedenfalls nachweisbar im Mittelalter die einzige voll ausgebildete jüdische Gemeinde des Burgenlandes [1].

Was ist also in diesen letzten 100 Jahren passiert (und passt in die mir zur Verfügung gestellte Zeit):

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Unterbergstraße, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Unterbergstraße, um 1920



Vor 100 Jahren, genau im Jänner 1921, publizierte der gelehrte Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, ‒ er war aus Galizien nach Wien gekommen und ist am Zentralfriedhof Wien, Tor IV, also in der neuen jüdischen Abteilung, begraben ‒ sein bahnbrechendes Werk über den älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt [2]. Das Geleitwort zu diesem Buch schrieb der Eisenstädter Alexander Sandor Wolf: Ich zitiere nur einige wenige Sätze daraus:

Die stille kleine Stadt lag abgeschieden von der großen Welt, die Hauptverkehrswege führten abseits vorbei, die Kaiserstadt, nur eine Tagesreise entfernt, zog alles, was tatkräftig und regsam war, an sich, zurück blieben beschaulich lebende Menschen. …

Unversehrt blieb sie stehen, die Gemeinde, mit ihren Toren und Ketten, die Samstag geschlossen werden, und mit den offenen warmfühlenden Herzen der Bewohner, die in Leid und Freud zusammenstanden, ein Musterbeispiel jüdischer Zusammengehörigkeit, vorbildlich in ihren dem Kultus und der Nächstenliebe dienenden Einrichtungen.

Anmerkung: Im Umsturzjahr 1918 wurde die Vereinigung der Judengemeinde, die auch eine selbständige politische Gemeinde ist, mit den anderen vier Gemeinwesen Eisenstadts beschlossen, im weiteren Verlauf wurde der Beschluss nicht durchgeführt, so dass hoffentlich noch lange Jahre diese Selbständigkeit der Judengemeinde erhalten bleibt.

Alexander Sandor Wolf hat bei diesen Worten wohl an mehr als 17 Jahre, ganz offensichtlich weit über 1938, hinausgedacht. Er selbst war in diesem Jahr (1938) schon über Triest nach Haifa emigriert.

Jüdisches Viertel Eisenstadt, oberer Teil der Unterbergstraße, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, oberer Teil der Unterbergstraße, um 1920



Drei Jahre später, im Dezember 1924, war die jüdische Welt in Eisenstadt aber noch in Ordnung, glaubt man dem Bibliothekar und Archivar Leopold Moses, der in Mattersdorf geboren und 1943 in Auschwitz ermordet wurde:

Bei der nichtjüdischen Bevölkerung herrscht vielmehr Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. Dort wäre nicht denkbar, was ich neulich in der Thelemanngasse (Vereinsbethaus Gemilath Chesed, Anm. des Autors) in Wien sah, dass nämlich keine einzige Fensterscheibe an dem dort befindlichen jüdischen Bethause ganz ist, was wohl weniger der Gewalt der aus diesem Heiligtum dringenden Gebete als vielmehr gewissen äußeren Einwirkungen zuzuschreiben sein dürfte. Wenn im Monat Elul im Burgenlande der Schofar ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Monaten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.

Leopold Moses, Urlaubstage im Burgenland, 19. Dezember 1924

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Wertheimergasse, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Wertheimergasse, um 1920



Aber schon sieben Jahre später, 1931, schlägt ein Autor, der sich Elchanan nennt, in der Jüdischen Presse ganz andere Töne an:

Eisenstadt. Ein Städtchen voller Merkwürdigkeiten und Paradoxa ‒ so könnte man vielleicht am besten die Landeshauptstadt am sonnigen, weinbestandenen Abhang des Leithagebirges charakterisieren… Das Groteskeste aber an diesem Städtchen der Paradoxa ist noch sein Judenstädtchen. …

Immerhin ist das Judenstädtchen von Eisenstadt wohl der einzige Ort in Mitteleuropa, dessen Schabbatruhe so konsequent durchgesetzt und auch straßenpolizeilich derart geschützt ist, dass nicht einmal ein Wagen die Möglichkeit hat, das holperige und spitze Pflaster der zwei Hauptgassen aus seiner beschaulichen Ruhe zu bringen. Schon diese unbedingte und vollständige Schabbatruhe, die auch im Osten Europas in größeren und frömmeren Judengemeinden kaum erreicht werden dürfte, macht Eisenstadt mit seiner von Schabbateingang bis Schabbatausgang geschlossenen Kette zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges, und auch sonst könnte man sich diesen Ort mit der herrlichen Luft der zum Greifen nahen Wälder sehr wohl als gern gesuchte Sommerfrische für jüdische Großstädter vorstellen. Aber die Bewohner der jüdischen Gassen Eisenstadts wären zufrieden, wenn ihr Viertel weniger den Charakter eines Raritätenkabinetts hätte und nicht auch mitten in der Woche fast dieselbe beschauliche Ruhe in ihrem Bezirk herrschte, die nahezu ebenso wenig durch Wagengerassel gestört wird wie am Schabbat. Der Verkehr weicht der Judenstadt nicht mehr, wie es früher der Fall und von den Juden beabsichtigt war, bloß am Schabbat, sondern auch an den Wochentagen in weitem Bogen aus. In stiller Resignation stehen die wenigen Übriggebliebenen in der Judengasse vor ihren altertümlichen Gewölben und sehen zu, wie das, was für Eisenstadt den großen Weltverkehr bedeutet, wenn es auch noch so wenig ist, außen an ihrem Städtchen vorübergeht.

Wenn man sich für den Ausblick in die Zukunft noch ein wenig Optimismus bewahrt hat, wird man vielleicht sogar hoffen dürfen, dass infolge der Arbeit des neuen Raw gerade die Entwicklung Eisenstadts zur Hauptstadt auch dem jüdischen Eisenstadt doch auch ein wenig zugutekommen wird. Vorläufig geht zwar der große Verkehr an der Judenstadt vorüber und diese selbst schläft und seufzt. Aber wenn man es sich des Abends nicht verdrießen lässt, die steile Treppe neben der Synagoge zum Schiurzimmer[3] hinanzusteigen, in dem ein paar alte Männer über Talmudfolianten gebeugt sitzen, dann eröffnet sich einem gerade aus diesem, dem ernsten Studium der Tora geweihten Raum ein schöner Ausblick auf die vorüberführende Hauptverkehrsstraße mit ihren schönen neuen Gebäuden und weiter darüber hinaus in das weite Land. Vielleicht wird ernstes Streben nach Tora unserm Volke nicht nur hier zeigen, wie es nicht mehr seiner Ideale wegen aus dem freien Wettbewerb der Völker ausgeschaltet, sondern gerade durch diese Ideale den ihm gebührenden Anteil zugeteilt erhalten wird, und so wird es wohl auch der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt beschieden sein, wenn sie wieder den steilen Weg der Tora erklimmt, neue Auswege und Ausblicke zu gewinnen in eine schönere Zukunft.

Elchanan, in: Jüdische Presse 17, 21. 8. 1931

Straßentransparent in Hornstein (nahe Eisenstadt), 1938

Straßentransparent in Hornstein (nahe Eisenstadt), 1938



Diese schönere Zukunft sollte es nie geben. Denn wiederum sieben Jahre später, 1938 war es in den burgenländischen jüdischen Gemeinden, auch in Eisenstadt, zu einem sehr schnellen Aus gekommen, schneller und konsequenter als im übrigen Österreich. Ende Oktober 1938 meldet, wie wir wissen, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, dass es im Burgenland keine Juden mehr gibt.

Die letzte jüdische Geburt in Eisenstadt vor 1938 war Gertrude Weiß am 5. August 1938, geboren im Spital der Barmherzigen Brüder, als Tochter vom Schuhmachermeister Hugo Weiß, 36 Jahre alt, und der Rosa Farkas, 38 Jahre alt. Siehe v.a. die erste Frau von Hugo Weiß, Josefine Weiß, gest. 1928 und begraben am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt und ihren tragischen Tod.

Die letzte jüdische Hochzeit war zwei Monate vorher, am 13. Juni 1938 zwischen Hugo Soltesz und Charlotte Geiger. Ihre Schwester Ilona heiratete Dr. Alfons Barb, den späteren jüdischen Direktor des Landesmuseums Burgenland. Sein Bruder, Dr. Zoltan Soltesz, der 1934 im Gemeindewald von Kleinhöflein Selbstmord durch Vergiften verübte, ist sowie seine Schwester Helene am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben.

Der letzte, der 1938 gestorben ist, war Samuel Gellis, ein arbeitsloser Schuhmachergeselle. Er beging Suizid, er hat sich erhängt, am 11. Juni 1938 um Mitternacht, mit 54 Jahren. Seine Schwester und sein Schwager sind in der Schoa ermordet worden. Beide Eltern, beide Großeltern, beide Urgroßeltern und beide Ururgroßeltern (begraben sind sie alle auf dem älteren und jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt), also 5 Generationen lebten und arbeiteten 220 Jahre sicher und zufrieden in Eisenstadt ‒ bis 1938 [4].

Nach 1945 kamen wenige Juden zurück ins Burgenland, die meisten zogen bald wieder weg, hier blieben etwa ein Dutzend Juden, in Eisenstadt waren es zwei Familien, die die Jahrzehnte nach 45 hier lebten: die Familie Schiller und die Familie Trebitsch.

1972 wurde unser Österreichisches Jüdisches Museum als erstes jüdisches Museum in Österreich und als viertes in Europa nach 1945 gegründet. Im kommenden Jahr feiern wir unser 50jähriges Jubiläum.

Das Programm hat seit 1945 andere Vorzeichen: Schrieb, erklärte und „dolmetschte“ der eingangs erwähnte Dr. Bernhard Wachstein selbstverständlich und ausschließlich für jüdisches Publikum, sind unsere heutigen Adressaten vorwiegend Nichtjuden.

Das gilt nicht nur für uns als Museum, das gilt selbstverständlich, mutas mutandis, für alle zeitgeschichtlichen Initiativen, Gedenktafeln, Veranstaltungsinitiativen usw.

Das gilt für die tausenden hebräischen Grabinschriften auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes genauso wie für ‒ ich darf sie so bezeichnen ‒ Jahrhundertfunde wie den Genisagrabstein in Kobersdorf oder den Torawimpel des 1761 in Eisenstadt geborenen bedeutenden Rabbiners Akiba Eger.

Es ist viel gemacht worden im Burgenland, besonders viel wohl in Eisenstadt seit 1945. Und es muss noch viel gemacht werden, im Burgenland und hier in Eisenstadt in den nächsten 100 Jahren.

Wir können niemals die Leere, die das Fehlen jener Menschen, die unter uns über Jahrhunderte lebten, ausgelöst hat, füllen. Aber wir können und müssen, was immer wir tun, den Vertriebenen und Ermordeten ihre Namen, ihre Geschichte, ihre Geschichten, und damit ihnen ihre Würde zurückgeben.



[1] Harald Prickler, Beiträge zur Geschichte der burgenländischen Judensiedlungen, in: Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Heft 92, 1993, 68. [Zurück zum Text (1)]

[2] Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922. Die Publikation datiert aus dem Jahr 1922, das Geleitwort von Sandor Wolf ist aber mit Jänner 1921 datiert! [Zurück zum Text (2)]

[3] „Schiur“, Hebräisch, bedeutet „Unterricht“. Das Schiurzimmer ist also jener Raum, in die Rabbiner ihren Schülern Unterricht gaben, siehe unseren Artikel „Meine Kindheit in der Judengasse von Eisenstadt„. [Zurück zum Text (3)]

[4] Zur Familie Gellis siehe besonders unseren Artikel „Rosch haSchana 5779„. [Zurück zum Text (4)]


Keine Kommentare zu 100 Jahre – und unerfüllte Hoffnungen

Tag des Friedhofs 2021

Gestern und heute ist der #TagDesFriedhofs. In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe (in unmittelbarer Umgebung unseres jüdischen Museums) sowie ein Mausoleum. Beide Friedhöfe können besucht werden, den Schlüssel erhalten…

Gestern und heute ist der #TagDesFriedhofs.

In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe (in unmittelbarer Umgebung unseres jüdischen Museums) sowie ein Mausoleum. Beide Friedhöfe können besucht werden, den Schlüssel erhalten Sie sowohl in unserem Museum als auch beim Portier des Krankenhauses (gleich neben den Friedhöfen). Das Wolf-Mausoleum befindet sich einige Meter oberhalb des Gymnasiums Wolfgarten und ist mit dem Auto in wenigen Minuten, zu Fuß in etwa 20 Minuten (vom Museum aus) erreichbar.

Der ältere jüdische Friedhof darf wohl als einer der bedeutendsten jüdischen Friedhöfe in Europa bezeichnet werden. Über 1.100 Grabsteine, der älteste aus dem Jahr 1679, ausschließlich hebräische Grabinschriften. Auf dem Friedhof befinden sich u.a. die Gräber von MaHaRaM A“SCH, Rabbi Meir Eisenstadt, gest. 1744, dem ersten offiziellen Rabbiner der jüdischen Gemeinde Eisenstadt, sowie die Gräber der Eltern des berühmten Rabbi Akiba Eger (der heute, am 13. Tischre, seinen Jahrzeittag hat!): Mose Güns-Schlesinger und Gütel, Tochter von Akiba Eger dem Älteren… Schon 1922 wurde dieser Friedhof vollständig dokumentiert, seit 2015 ist jeder Grabstein mit Foto und Inschrift auch online, jeder Grabstein hat einen QR-Code mit Namen und Sterbedatum, wodurch alle BesucherInnen die Möglichkeit haben, ein bestimmtes Grab auch tatsächlich zu finden.

Nur wenige Meter entfernt liegt der jüngere jüdische Friedhof, der von 1875 an belegt wurde. Die etwa 300 Grabsteine haben ebenfalls fast ausschließlich hebräische Grabinschriften. 1992 wurde der Friedhof geschändet, der Täter im Herbst 1995 gefasst. Auch dieser Friedhof wurde von uns schon 1995 dokumentiert, seit 2017 ist jeder Grabstein mit Foto, Grabinschrift, Übersetzung, Anmerkungen und biografischen Ergänzungen online und vor Ort ebenfalls mit QR-Code versehen.

Das Mausoleum der Familie Wolf am Fuß des Leithagebirges im ehemaligen Obst-und Gemüsegarten der Familie Wolf beherbergt eine Gedenktafel sowie die Urnen von 12 Nachkommen von Leopold Wolf und seiner Frau Ottilie Laschober. Ottilie war katholisch, alle Kinder erhielten die Religion ihres Vaters, traten aber im Laufe ihres Lebens aus dem Judentum aus. Die Kinder, Schwiegerkinder und Enkeln von Leopold und Ottilie Wolf wurden aus der ganzen Welt zu ihrer Mutter nach Eisenstadt gebracht (bis 2001!).


Danke an die Kolleginnen/Kollegen vom Jüdischen Museum Frankfurt / Museum Judengasse https://www.facebook.com/juedischesmuseumffm fürs Erinnern an den #TagdesFriedhofs.


Keine Kommentare zu Tag des Friedhofs 2021

Rosch haSchana 5782

Morgen ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5782. שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה! Unsere Wünsche sind…

Morgen ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5782.

שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה!

Unsere Wünsche sind natürlich ganz ernst gemeint, das nostalgische Motiv dagegen weniger. ;-)

Postkarte mit Kaiser Franz Josef I. und hebräischem sowie ungarischem Text

Postkarte mit Kaiser Franz Josef I. und hebräischem sowie ungarischem Text



Zu viele Fehler im Text der Postkarte machen sie ungeeignet sowohl zum Hebräisch- als auch zum Ungarischlernen. ;-) Meines Erachtens sind die Fehler v.a. der Tatsache geschuldet, dass es sich bei der vorliegenden Karte um eine handschriftlich erstellte Kopie handelt (?).
Ein sehr grober „Übersetzungsversuch“ des hebräischen Textes:

Der DU den Königen Sieg gibst und Herrschaft den Fürsten, Königreiche der Herrschaft auf alle Ewigkeit. Der erlöst David, seinen Knecht, vom verderblichen Schwert (s. Psalm 144,10). Der einen Weg gibt im Meer und einen Pfad in mächtigen Wassern (Jesaja 43,16).
ER möge ihn segnen, behüten, bewachen, ihm helfen, ihn erheben, ihn groß machen und ihm Ansehen verschaffen (s. 1 Chronik 143,2), unsern Herrn, König Franz Joseph I., sein Name möge verherrlicht werden.

Unter dem ungarischen Text:

Ihr möget in ein gutes Jahr eingeschrieben werden.

Der ungarische Text ist noch fehlerhafter als der hebräische und will ausdrücken, dass Friedenswünsche für das kommende neue Jahr gesendet werden.


Besten Dank an Herrn Meir Deutsch, Israel, für die Postkarte!


4 Kommentare zu Rosch haSchana 5782

Im fernen wirren Ungarn

Diese Woche hatten wir einen ganz besonderen Besuch: Ruth Ellen Gruber, die Koordinatorin von Jewish-Heritage Europe kam nach Eisenstadt.

Diese Woche hatten wir einen ganz besonderen Besuch: Ruth Ellen Gruber, die Koordinatorin von Jewish-Heritage Europe kam nach Eisenstadt.

Am Donnerstag fuhren wir über den jüdischen Friedhof Wiener Neustadt sowie den älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt und unser jüdisches Museum nach Köszeg (deutsch: Güns) in Ungarn, wo die Synagoge derzeit aufwändig renoviert wird. Da sie daher auch nicht betreten werden darf, haben wir leider nur wenige Fotos. 2022 ist die Fertigstellung geplant, man darf gespannt sein!

Aber der Reihe nach: In Wiener Neustadt waren es vor allem die am jüdischen Friedhof sehr schön präsentierten mittelalterlichen Grabsteine, die Mrs. Gruber faszinierten. Besonders erfreulich finde ich auch die Initiative der Stadt Wiener Neustadt, dass jeder dieser Grabsteine nun auch ein Täfelchen mit der Übersetzung und einen QR-Code zu meiner vollständigen Bearbeitung hat. Auch am jüdischen Friedhof in Eisenstadt konnte Mrs. Gruber unsere QR-Codes das erste Mal sehen und „testen“.

Gebaut wurde die Synagoge von Köszeg aus Mitteln einer Stiftung von Philipp Baron Schey von Koromla (geb. 20. September 1797 in Köszeg, gestorben am 29. Siwan 5641 = 26. Juni 1881 in Baden bei Wien). Philipp Schey wurde als erster ungarischer Jude geadelt und ist auf dem jüdischen Friedhof in Lackenbach begraben.

Der Film Synagogue for Sale“ von Zsuzsanna Geller-Varga zeigt die Synagoge im Jahr 2007.

Unter den Gesetzestafeln auf der Vorderseite der Synagoge erinnert auch eine Inschrift an Philipp Schey. Die jüdische Jahreszahl 5620 ist umgerechnet das Jahr 1859/60. Dieses Jahr wurde bisher immer als Gründungsjahr angenommen, jedoch ergaben neuere Forschungen, dass bereits 1856, also noch vor der Nobilitierung von Philipp Schey, mit dem Bau der Synagoge begonnen wurde.

Daher stoppten wir auf der Rückfahrt trotz einsetzenden Regens natürlich noch auf dem jüdischen Friedhof von Lackenbach. Wenn auch das Mausoleum von Baron Philipp Schey der Hauptgrund war, darf der größte jüdische Friedhof des Burgenlandes mit 1770 Gräbern nicht verlassen werden, ohne zumindest noch die Gräber von zwei der bedeutenden Rabbiner Lackenbachs zu besuchen:

Rabbi Salman Salomon Lipschütz, gestorben 1808 in Lackenbach. Seine Gegner beschrieben ihn 1765, als er vom Grafen zum Nachfolger seines Vaters als Rabbiner in Neuwied (Rheinland-Pfalz, Deutschland) ernannt wurde, als einen „äußerst aufgeblasenen und zanksüchtigen Mann„, der soeben seiner Frau im Kindbett den Scheidebrief gereicht und sie vertrieben habe. Auch wurde er als geheimer Sabbatianer bezeichnet und es wurde ihm sogar die Befähigung zum Rabbiner abgesprochen. Wie auch immer, gegen Ende seines Lebens war er Rabbiner in Lackenbach, sein Sohn Israel Lipschtüz (1782-1826) wurde Rabbiner im benachbarten Deutschkreutz, seine Tochter Jentl war die Mutter des Mattersdorfer Rabbinatsverwesers Rev Aron Singer.

Rabbi Schalom Salomon Ullmann, genannt „Rabbi Schalom, der Scharfsinnige“, geb. 27. Februar 1755 in Fürth, gest. 06. März 1825 in Lackenbach, Sohn des Gemeindevorstehers Israel-Isserle Ullmann aus Fürth. 1799 wurde Ullmann Rabbiner in Nagyatád, Ungarn, kurz darauf Nachfolger von David Deutsch als Rabbiner in Frauenkirchen. Ab 1809 war er Rabbiner in Lackenbach, wo er als „Chassid“ galt.

Siehe „Das Biographische Handbuch der Rabbiner“.

Die Tafel auf der Rückseite des Grabsteines gibt es erst wenige Monate.

Beide Gräber, besonders aber jenes von Rabbi Ullmann, sind alljährlich das Ziel vieler orthodoxer Pilger.


Ich bedanke mich sehr herzlich (u.a.) bei Frau Eszter Sterk von der jüdischen Gemeinde Szombathely und bei Frau Dr. Edit Szántóné Balász und Herrn Attila Pók vom Institute of Advanced Studies Köszeg für ihre so freundliche Hilfe bei der Organisation und vor Ort in Köszeg.



Der Beitragstitel ist ein Zitat aus einem Brief von Rabbiner Dr. Asriel Hildesheimer, der diese Worte benützte, als er einem Freund in Düsseldorf von seiner Berufung als Rabbiner nach Eisenstadt berichtete.


Keine Kommentare zu Im fernen wirren Ungarn

Mose empfing die Tora …

… am Sinai und übergab sie Josua, Josua (übergab sie) den Ältesten, die Ältesten (übergaben sie) den Propheten, und die Propheten (übergaben sie) den Männern der großen Versammlung. משה קבל…

… am Sinai und übergab sie Josua, Josua (übergab sie) den Ältesten, die Ältesten (übergaben sie) den Propheten, und die Propheten (übergaben sie) den Männern der großen Versammlung.
משה קבל תורה מסיני, ומסרה ליהושע, ויהושע לזקנים, וזקנים לנביאים, ונביאים מסרוה לאנשי כנסת הגדולה.

Mit diesem Satz beginnt der wohl bekannteste Traktat der Mischna: die „Sprüche der Väter“ (hebr.: פרקי אבות „Pirke Avot“) oder einfach „Avot“, „Väter“.

Machsor, Parma, Biblioteca Palatina, Ms. Parma 2895, S. 271

Machsor, Parma, Biblioteca Palatina, Ms. Parma 2895, Mitte 15. Jahrhundert, Illustration des Wortes ‚Mose‘



Das Fest Schawu’ot hat viele Namen, darunter auch חג מתן תורה „Fest der Toragebung“, der Tag, an dem Gott dem Volk Israel die Tora gegeben hat, der Tag, an dem Israel die 10 Gebote erhielt.
Die Illustration des Wortes „Mose“, also des 1. Wortes der Sprüche der Väter am Titelblatt in dem Machsor aus Ulm/Udine aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, zeigt eine schöne Möglichkeit, das Motiv der Gesetzgebung ikonografisch zu verwerten.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!


Kleiner Exkurs zum Traktat „Sprüche der Väter“:

Der Traktat „Pirke Avot“ (wörtlich „Abschnitte, Kapitel/Sprüche der Väter“) enthält die Traditionskette von Mose bis zum Ende der tannaitischen Zeit, also die vier Generationen der rabbinischen Gelehrten von Hillel und seinem Gegenspieler Schammai bis Jehuda ha-Nasi („Rabbi“), gest. um 217, weiters vor allem die ethischen Grundsätze sowie moralische Betrachtungen vieler bedeutender Rabbinen.

Avot hat 5 Kapitel, erst in späterer Zeit kam das Kapitel 6 dazu, die Lobrede auf das Gesetz (קנין תורה „Kinjan Tora“, „Erwerb der Tora“), das aber nicht zur Mischna gehört. Kapitel 6 sollte den sechsten der Schabbatnachmittage zwischen Pesach und Schawu’ot, an denen traditionell Avot gelesen wird, ausfüllen.

Möglicherweise bildete der spät in die Mischna aufgenommene Traktat Avot einst den Abschluss der Mischna, da die heute als 4. Ordnung geführte Ordnung „Nezikin“ (Beschädigungen), in der Avot an 9. Stelle zu finden ist, damals am Ende des Werkes stand.

Mit den im eingangs zitierten ersten Satz von Avot genannten „Ältesten“ sind die Führer Israels, die Josua überlebten, gemeint, siehe Richter 2,7: „Und das Volk diente dem Herrn, solange Josua lebte und solange die Ältesten am Leben waren, die Josua überlebten…“.

Die ebenfalls genannten „Propheten“ umfassen auch Männer wie die Richter oder Samuel. In der hebräischen Bibel gehören die Bücher Josua, Richter, 1 und 2 Samuel, 1 und 2 Könige zu den Prophetenbüchern als die sogenannten früheren Propheten, während die Propheten nach dem christlichen Sprachgebrauch (also Jesaja, Jeremia, Ezechiel und die 12 „kleinen“ Propheten) die sogenannten späteren Propheten sind.

Die „Männer der großen Versammlung“ oder „Männer der Großen Synagoge“ sind eine historische Fiktion und verbinden die Führer Israels von Esra und Nehemia, also das Führungsgremium Israels in der Perserzeit bis in die Zeit Alexanders des Großen (323 v.d.Z.). Sie verbinden also die Zeit der Propheten mit der Bewegung der Pharisäer (deren erster Vertreter um 300 v.d. Z. Simon der Gerechte war, der laut rabbinischer Tradition, z.B. Leviticus Rabba 13,5, auf Alexander den Großen traf).

Die „Sprüche der Väter“ sind der einzige nichtgesetzliche Traktat der Mischna, er ist also rein haggadisch.
Das Wort „Haggada“ kommt von hebräischen להגיד „lehaggid“, „erzählen“, „sagen“, die Haggada umfasst die nichtgesetzliche Bibelauslegung genauso wie erbauliche Erzählungen, profanes Wissen, Anekdoten, Sagen, Märchen, Fabeln usw. Haggada ist in der rabbinischen Tradition alles, was nicht Halacha ist (Halacha kommt von הלך „halach“, „gehen“ und bezeichnet die Regeln für den Lebensweg, im weitesten Sinn das religiöse Gesetz).

Sowohl im palästinischen als auch im babylonischen Talmud fehlt der Traktat Avot. Es gibt also keine Gemara. „Gemara“, von גמר „gmar“, im babylonischen Aramäisch „vollenden“, auch „lernen“, meint die Vervollständigung der Mischna durch die Auslegung der rabbinischen Gelehrten. Mischna und Gemara zusammen ergeben den Talmud.


Die „Sprüche der Väter“ in Hebräisch und deutscher Übersetzung finden Sie auf talmud.de.

Zum Durchblättern und Hören: Sayings of the Jewish fathers: comprising Pirqe Aboth in Hebrew and English, with notes and excursuses, Cambridge 1897.

Keine Kommentare zu Mose empfing die Tora …

Jüdische Speisegesetze

Über den traditionsgeschichtlichen Hintergrund der Kaschrut Begriffsdefinitionen und Grundsätzliches Abgrenzung von ›rein ‒ unrein‹, ›koscher‹ und ›Kaschrut‹ »Ist das koscher?« »Das scheint mir nicht ganz koscher zu sein!« (Zitat Volksmund)…

Über den traditionsgeschichtlichen Hintergrund der Kaschrut

Begriffsdefinitionen und Grundsätzliches

Abgrenzung von ›rein ‒ unrein‹, ›koscher‹ und ›Kaschrut‹

»Ist das koscher?« »Das scheint mir nicht ganz koscher zu sein!« (Zitat Volksmund) ‒ Wer hat diese Sätze nicht schon des Öfteren im Alltag gehört? Was heißt das Wort ›koscher‹ aber wirklich? Die Verwendung in unserer Alltagssprache ist von der ursprünglichen Bedeutung des Wortes gar nicht so weit entfernt. Im Hebräischen bedeutet das Wort kascher (כשר) ›tauglich‹, ›rituell erlaubt‹, ›rein‹, ›gemäß der Vorschrift‹ (vor allem auf Speisen bezogen), aber auch ›wertvoll‹, ›ehrenhaft‹ (auf Personen bezogen). Das Wort bezeichnet zudem rituelle Gegenstände, die gemäß den jüdischen Geboten hergestellt wurden und für den Ritus verwendbar sind. Dieser Bereich soll hier aber komplett ausgeklammert werden, wenngleich er für eine Gesamtdarstellung der Koscher-Problematik ungemein wichtig wäre.

Unter dem Begriff Kaschrut (כשרות hebräisch; ›Tauglichkeit‹, ›rituelle Eignung‹) versteht man die Gesamtheit jüdischer Speisegesetze. Im Unterschied dazu wird das Wort tahor (טהור hebräisch; ›rein‹, ›lauter‹, ›kultisch rein‹) für das Tier selbst verwendet und seltener mit Speisen und Getränken in Verbindung gebracht.
Die beiden Begriffe sind somit nicht austauschbar. Es kann z.B. eine Speise koscher zubereitet werden und dennoch verunreinigt sein, oder umgekehrt, ein Tier kann rein sein, aber unkoscher zubereitet werden.

Koschere Küche bezeichnet keinen eigenen Kochstil wie etwa die chinesische oder italienische Küche. So können z.B. chinesische Speisen durchaus koscher und traditionelle jüdische Speisen unkoscher angerichtet werden. Bei der Entwicklung der Speisegesetze sieht man besonders gut, wie sehr Religion den Alltag durchdringt und scheinbar Profanes wie Essen und Trinken religiöse Dimensionen erhält. Am besten sichtbar wird dies beim Schabbat- und Pessachmahl, bei denen das Essen zu einem religiösen Akt und der Tisch zum Altar Gottes wird. Hier wird ein gewöhnlicher biologischer Vorgang in die Dimension des Heiligen erhoben.

Rothschild Miscellany, Norditalien 1450 -1480, Herstellung der ungesäuerten Brote

Rothschild Miscellany, Norditalien 1450 -1480, Herstellung der ungesäuerten Brote



Grundsätzlich ist festzuhalten, dass viele Religionen die Art der Ernährung ihrer Gläubigen beeinflussen. Faktum aber ist, und dies wird völlig wertfrei vermerkt, dass keine dieser Religionen eine solche Fülle an Speisevorschriften hervorgebracht und die Essensgewohnheiten ihrer Gläubigen an so viele Bedingungen geknüpft hat wie das Judentum.

Die Sicht der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 587 v.d.Z. sowie des darauf folgenden Exils in Babylon (bis 539 v. d. Z.) als göttliches Gericht hatte die Besinnung auf vor allem drei entscheidende biblische Grundgebote zur Folge:

  1. Die Einhaltung des siebenten Tages als vollkommener Ruhetag (Schabbat)
  2. die Beschneidung
  3. die Speisegesetze

sollten nicht nur Israel in Brauchtum und Lebensweise von seiner jeweiligen Umgebung unterscheiden, sondern vor allem zum Garanten für Israels eigene Existenz werden.

Mit der Einhaltung dieser Gebote war auch der Rahmen geschaffen, der dem späteren Judentum die Möglichkeit gab, seinen Erwählungsauftrag zu erfüllen und sein Überdauern in der Geschichte zu erleichtern. Zahlreiche Bräuche ‒ darunter z. B. das Verbot des Schweinefleisches ‒ hatten in Verfolgungszeiten eine Bekenntnisfunktion erhalten und dienten seither zusammen mit dem übrigen Brauchtum der Selbstabgrenzung, um so wirkungsvoller gegenüber dem Sog der Umweltreligionen und Umweltkulturen: In vielen Bereichen verboten sie den sozialen Kontakt mit den Nichtjuden entweder ganz oder schränkten ihn doch zumindest ein.

Die Abschirmung gegenüber der andersgläubigen ‒ nach damaliger (antiker und mittelalterlicher) Auffassung ›ungläubigen‹ ‒ Umwelt war selbstverständliches Anliegen aller Religionsgemeinschaften, also auch des Islam und des Christentums. Was das Judentum davon unterscheidet, ist nicht nur der Umfang des Brauchtums, sondern auch dessen Motivierung, die mit der theologischen Wertung der Tora als Weltgesetz und somit als einzig richtiger Lebensordnung zusammenhängt.

Schon bei den Propheten wird auf das Einhalten bestimmter Speisegesetze Bezug genommen. So betont Ezechiel etwa, nie Fleisch von verendeten Tieren oder von Tieren, die gerissen wurden, gegessen zu haben, da dieses zu einem Zustand der Unreinheit führe (Ezechiel, Kapitel 4, Vers 14).

Judith weigerte sich, am Mahl des Holofernes teilzunehmen und unreine Speisen zu essen. Sie bevorzugte ihren eigenen mitgebrachten Vorrat.

Die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung gegenüber Nichtjuden war ein weiterer Grund für die Wichtigkeit der Einhaltung von Speisegesetzen. Da zur Zeit des zweiten Tempels bereits ein großer Teil der Juden unter einer nichtjüdischen Mehrheit beziehungsweise unter nichtjüdischer Herrschaft lebte, bekamen die Speisegesetze einen identitätsstiftenden Charakter. Nicht selten wurde das Essen von unreinen Speisen als ›Foltermethode‹ gegen Juden angewandt. Das Übertreten der Speisegesetze wurde mit dem Abfall vom Judentum gleichgesetzt, was zur Folge hatte, dass viele Juden den Tod einem Leben in Unreinheit vorzogen.

Im Laufe der Geschichte hat man versucht, verschiedene Erklärungen für die Speisegesetze zu finden. So werden sie in der Bibel zwar nicht erklärt, aber in Zusammenhang mit der Heiligkeit Gottes und seines Volkes gebracht. Die Speisegesetze werden also in einen sakralen Bereich gehoben und mit einer spirituellen Dimension versehen. Spätere Erklärungen und Interpretationen der Speisegesetze betonen ihren moralischen Aspekt. So stillen die Speisegesetze z.B. das menschliche Bedürfnis nach Gewalt und sind dazu da, den Menschen mit dem Geist der Gerechtigkeit zu versorgen bzw. ihm gewisse moralische Normen zu geben. Die rabbinische Literatur liefert keine rationalen Argumente für die Speisegesetze. Dort heißt es vielmehr:

Lass den Mann nicht sagen, ›ich esse kein Schweinefleisch‹. Er sollte vielmehr sagen, ›ich esse es gerne, aber ich darf es nicht essen, denn die Tora verbietet es mir.‹

Sifra 11:22

Der große jüdische Religionsphilosoph Maimonides (1135-1204) sah in den Speisegesetzen einen Weg unsere Lust zu meistern. Die Lust am Essen soll nicht als Zweck der menschlichen Existenz betrachtet werden. Zudem haben alle Speisen, die die Tora verbietet, eine schlechte und schädliche Wirkung auf unseren Körper.
In der jüdischen Mystik wurde das Nichteinhalten von Speisegesetzen mit schrecklichen Auswirkungen auf die menschliche Seele verbunden. Es trübe das Herz und hemme die edlen Eigenschaften im Menschen.

In der Neuzeit kam man von den diversen medizinischen Erklärungen ab. So betont etwa Isaak Abarbanel (1437-1508), dass es genügend Menschen gibt, die Schweinefleisch essen und dennoch gesund und wohlauf sind, andererseits wurden viele gefährliche Tiere und Pflanzen in der Tora nicht unter den verbotenen Speisen erwähnt. Die Offenbarung der Speisegesetze hatte somit nicht die Heilung des Körpers, sondern die der Seele zum Ziel.

Die im 19. Jahrhundert aufkommende Reformbewegung sah in den Speisegesetzen – mit einigen wenigen Einschränkungen – einen Überrest, der mit den Gesetzen der priesterlichen Reinheit und des Opfers verbunden war. Da die heutigen Lebensbedingungen ganz anders sind, haben sie weder religiöse Bedeutung noch einen ethischen Charakter. Konservative und orthodoxe Bewegungen des 19. Jahrhunderts betrachteten die Speisegesetze selbstverständlich als nach wie vor bindend. Alle Vorschriften verlangen vom Gläubigen Opfer und Selbstdisziplin. Sie trennen bis heute den Juden von seiner nichtjüdischen Umgebung und sind Kennzeichen seines Selbstverständnisses als Angehöriger des heiligen (erwählten) Volkes.

Ausgehend von teilweise uralten Tabuvorstellungen und Bräuchen findet sich in Bibel und rabbinischer Literatur eine fortschreitende Differenzierung der Begriffe ›rein‹ und ›unrein‹. Rituelle Reinheit entspricht im Wesentlichen der kultischen Auffassung von ›Heiligkeit‹, die in erster Linie einen mit der Gottheit verbundenen Bereich kennzeichnet. ›Reinheit‹ ist daher grundsätzlich Freisein von etwas Tabuisiertem, das von Materiellem (Schmutz, Sperma) bis zum Kultisch-Moralischem (Götzendienst, Sünde) reicht. Als ›unrein‹ galt also grundsätzlich alles, was ›fremd‹ war, sofern es im Verdacht stand, mit einem fremden Kult oder mit rituell verbotenen Substanzen oder Praktiken verbunden zu sein. Unreinheit wird durch Berührung (Nahrungsaufnahme) übertragen.

Gefecht zwischen Behemot und Leviathan, Leipziger-Machsor, 14./15. Jahrhundert

Gefecht zwischen Behemot und Leviathan, Leipziger-Machsor, 14./15. Jahrhundert

»Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen« (3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 3)
»… alle Tiere mit Flossen und Schuppen, die im Wasser … leben, dürft ihr essen« (3. Buch Mose, Kapitel 11, Vers 9)
Das Original des Leipziger Machsor befindet sich in der Universitätsbibliothek von Leipzig.


Für unseren Zusammenhang wichtig ist die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Dabei kann das Kriterium der Opferfähigkeit angelegt werden sowie das der Essbarkeit der Tiere. Nur reine Tiere können koscher sein:

  • Säugetiere: Rein sind Wiederkäuer mit vollständig gespaltenen Klauen (Paarhufer) (Leviticus, Kapitel 11, Vers 3). Verboten sind daher z. B. Schwein, Kamel und Hase, ferner alle Fleischfresser
  • Grundsätzlich als rein gelten die meisten Vögel, zu den 24 unreinen Vögeln gehören u. a. Greifvögel, aber auch Strauß und Storch. Laut Talmud (Traktat Chullin 3,6) haben reine Vögel eine Hinterzehe, einen Kropf und einen doppelhäutigen Muskelmagen. Eier unreiner Vögel sind verboten, ebenso befruchtete Eier überhaupt
  • Fische: Nur Wassertiere mit Flosse(n) und Schuppen sind rein. Verboten sind daher Hai und Aal sowie alle Meeresfrüchte
  • Insekten: Leviticus, Kapitel 11, Vers 21f nennt vier Arten von erlaubten Heuschrecken. Sie werden aber selten gegessen, u.a. weil sie schwer zu identifizieren sind. Obwohl die Biene unrein ist, ist Honig erlaubt, da er als ›umgewandelter Blütenstaub‹ gilt (Traktat Bechorot 7b)

Gleichsam als Überblick ‒ und mehr kann es hier nicht sein ‒ kann festgestellt werden, dass verbotene Tiere in zwei Kategorien eingeteilt werden können, nämlich in solche aufgrund biblischer Verbote und in solche aufgrund rabbinischer Verbote.

  • Biblische Verbote:
    • primäre Verbote wie nicht koschere Tiere, Aas, Insekten etc.
    • verbotene Kombinationen wie Fleisch und Milchiges oder kilajim, also verschiedene Arten, die zusammen gewachsen sind (z. B.: Getreide und Gemüse ‒ man darf also nicht etwa irgendein Gemüse in der Nähe eines Weinstocks anbauen etc.)
  • Rabbinische Verbote:
    • jene mit biblischer Basis wie etwa die rabbinischen Erweiterungen (sjag letora = Zaun um die Tora) des Verbotes, Milchiges und Fleischiges zu mischen
    • jene ohne biblische Basis, wie Essen, das von Nichtjuden gekocht und gebacken oder Wein, der von Nichtjuden produziert wurde etc.

Speisen können durch die Flüssigkeiten Wasser, Tau, Wein, Milch, Öl, Blut und Honig unrein werden. Die Gründe für die Unreinheit mancher Tiere sind oft nicht mehr im Einzelnen nachzuvollziehen.

Die Speisegesetze (Speisevorschriften) als wesentlicher Bereich der Kaschrut

Besonders die Entwicklung der Speisegesetze, die den Bereich der Kaschrut dominieren zeigt, wie sehr Religion den Alltag durchdringt und scheinbar Profanes wie Essen und Trinken religiöse Dimensionen erhält.

Früchte und Gemüse sind in jedem Fall koscher, da sie in Bezug auf fleischig und milchig als neutral (parve) gelten und mit allen Nahrungsmittelarten zusammen genossen werden können: z. B.: Brot, Eier, Öl, Pflanzenfett, Obst und Gemüse.

Eine Grundregel ist die strikte Vermeidung jeden Genusses von Blut:

Jedermann aus dem Haus Israel oder jeder Fremde in eurer Mitte, der irgendwie Blut genießt, gegen einen solchen werde ich mein Angesicht wenden und ihn aus der Mitte seines Volkes ausmerzen …

3. Buch Mose, Kapitel 17, Vers 10

Dieses absolute Blutverbot bedingt die Schlachtmethode des Schächtens, also das Schlachten der Tiere mit einem einwandfrei schartenlos geschliffenen Messer.

Stempel, Osteuropa, um 1880, Gross Family Collection, Tel Aviv, 041.002.012

Stempel, Osteuropa, um 1880, Gross Family Collection, Tel Aviv, 041.002.012

Für das Pesachfest wird spezielles Geschirr und Essen genommen, das für diesen Feiertag koscher gemacht wurde. Dieser Stempel wurde zur Kennzeichnung der Objekte ‒ koscher für Milchiges ‒ während der Feiertage verwendet.
Hebräische Inschrift übersetzt:
»Milch(ig) für Pesach«
Die Buchstaben am Stempel sind selbstverständlich seiten- und spiegelverkehrt.
Länge: 4 cm, Durchmesser: 3 cm


Fleischig und milchig sind strikt voneinander zu trennen. Das heißt, Fleisch und Fleischprodukte dürfen weder zusammen mit Milch oder Milchprodukten aufbewahrt, noch zubereitet oder gegessen (zwei bis sechs Stunden Intervall!) werden. Zurückgeführt wird diese Vorschrift auf das dreimal in der Bibel genannte Verbot:

Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen!

Möglicherweise handelt es sich dabei ursprünglich um die Abwehr eines Fruchtbarkeitszaubers. Später wurde das Verbot jedoch immer allgemeiner ausgelegt, da mit Ausnahme der Selbstversorger niemand sicher sein konnte, woher Fleisch oder Milch kamen. Da das Verbot in der Bibel dreimal erwähnt ist, sind nicht nur Kochen, sondern eben auch Essen und jedes Mischen von Fleisch und Milch verboten. Praktisch bedeutet dies, dass für diese beiden Arten von Lebensmitteln völlig getrenntes Geschirr und Besteck verwendet werden muss.

Fisch gilt nicht als ›fleischig‹, wird aber traditionell nicht mit Fleisch zusammen gegessen.

Milch und Milchprodukte können nur von ›reinen‹ Tieren und ‒ streng genommen ‒ nur aus jüdischer Produktion als unzweifelhaft erlaubt betrachtet werden, weil die Gefahr besteht, dass Milch unreiner Tiere beigefügt oder ›unreine‹ Gefäße verwendet wurden.

Die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung gegenüber Nichtjuden sowie die Erhaltung der Kernaussagen des jeweiligen Gesetzes führten zur ständigen Ausweitung der einzelnen biblischen Ge- und Verbote (ein Zaun um die Tora):

Daniel war entschlossen, sich nicht mit den Speisen und dem Wein der königlichen Tafel unrein zu machen … Da ließ der Aufseher ihre Speisen und auch den Wein, den sie trinken sollten beiseite und gab ihnen Pflanzenkost.

Daniel, Kapitel 1, Vers 8 und Vers 16

Außerhalb der hebräischen Bibel finden sich vor allem in Büchern der griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, die für die nicht mehr der hebräischen Sprache mächtigen alexandrinischen Juden im 3. bzw. 2. Jahrhundert v. d. Z. angefertigt wurde, eindeutige Belege für dieses Bemühen: Während Ester im hebräischen Text noch die Lieblingsgemahlin des heidnischen Königs wird und mit ihm feiert, heißt es in der Septuaginta:

dass ich … das Bett eines Unbeschnittenen und Fremden verabscheue‹ und ›Deine Magd hat nicht am Tisch Hamans gegessen, ich habe keinem königlichen Gelage durch meine Anwesenheit Glanz verliehen und habe keinen Opferwein getrunken.

YEster, Kapitel 4, Vers 17

Alles in allem verhinderten diese Vorschriften de facto (in der Praxis) jede Teilnahme eines Juden an Mahlzeiten von Nichtjuden – ausgenommen bei Früchten und Gemüse. Denn bei strenger Beachtung der Regeln gilt ja schon das Geschirr als nicht koscher. Schon Tacitus kennzeichnet die Juden als ›separati epulis‹ – getrennt bei Mahlzeiten. Da das Essen im Judentum nicht als rein profaner, sondern als religiöser Akt gilt, war es natürlich oft schwer, zwischen profanem sozialen Kontakt und religiöser Vermischung zu unterscheiden. Aber auch diese Sorge war nicht nur eine Sorge des Judentums, man denke an die Verbote christlicher Synoden mit Juden Tischgemeinschaft zu pflegen.

Beurteilung der Klassifikation der reinen und unreinen bzw. der zum Essen erlaubten und nicht erlaubten Tiere
Es wäre sicher falsch, die oben vorgenommene Klassifikation nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu beurteilen oder einzelne Verbote mit hygienischen Argumenten zu begründen, dass etwa Schweinefleisch in heißem Klima nicht haltbar sei. Eher könnte man daran denken, dass z. B. das Schwein in vielen Kulten das bevorzugte Opfertier war. Da alles Schlachten in der Antike in den religiösen Bereich des Opferns gehörte, zog ein solches Verbot eine deutliche Trennlinie zu heidnischen Kulten.
Entscheidend ist: Wer in biblischer Tradition lebt, dem genügt ohnedies, dass es so in der Bibel steht; Begründungen zu suchen würde immer auch die Begründung von Ausnahmen ermöglichen.
Allerdings wird dies ‒ etwa im liberalen Judentum ‒ durchaus differenziert gesehen und man zieht für die Beurteilung der Kaschrut wissenschaftliche Methoden als Parameter heran.

Vogelkopf-Haggada, Süddeutschland, spätes 13. Jahrhundert, Herstellung der ungesäuerten Brote

Vogelkopf-Haggada, Süddeutschland, spätes 13. Jahrhundert, Herstellung der ungesäuerten Brote



Die Praxis

Reformjudentum und Kaschrut

Von reformiertem bzw. liberalem Judentum als Richtung des Judentums, der heute weltweit etwa 1.200.000 Juden angehören, sprechen wir seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Juden aus der Isolierung des Ghettos in die europäische Gesellschaft eintraten. Vor allem brauchte man eine Theologie, die gegenüber dem Christentum zeigen konnte, dass das Judentum in der modernen Welt überlebensfähig ist. Die ersten Reformgottesdienste wurden in norddeutschen Gemeinden gehalten. Während in Österreich die liberale jüdische Gemeinde (Or chadasch) mehr oder minder (noch) ein Schattendasein führt, finden wir im übrigen Europa starke liberale Gemeinden (z. B. Oldenburg). Naturgemäß konnte die Reformbewegung in den USA ihre größten Erfolge ernten, da ihr dort keine traditionelle orthodoxe Gemeinde im Wege stand, die zuerst ›bekämpft‹ werden musste. Als wichtigste Neuerung der Liberalen ist wohl das Ende der Trennung von Frauen und Männern im Gottesdienst zu nennen – Frauen können auch Rabbinerinnen werden ‒ oder das Weglassen von Ritualen, die als primitiv angesehen wurden, wie das Blasen des Schofarhorns.
(Nur am Rande sei bemerkt, dass diese Ablehnung der Kaschrut im liberalen Judentum von diesem (!) nicht als Versuch verstanden wurde, das Judentum zu assimilieren, sondern das Judentum auf der Basis eines utopischen Messianismus zur Vollendung zu führen.)

Diese strikte Haltung vieler liberaler Kreise (z. B. der Pitsburgh-Plattform aus dem Jahr 1881) wurde im 20. Jahrhundert mehrmals auf liberalen Kongressen revidiert und aufgeweicht, sodass ‒ je nach Gemeinde und zuständigem Rabbiner ‒ die Kaschrut sehr oft auf den völligen Verzicht von Schweinefleisch reduziert ist, da, ‒ so die Begründung ‒ gerade das Schwein sehr oft als Instrument der Judenverfolgung eingesetzt worden war.

Insbesondere im progressiven (liberalen, reformierten) Judentum wurde Wissenschaft der Religion gegenüber als überlegen angesehen, die eigene Allwissenheit konkurrierte mit der göttlichen Intelligenz. Indem beispielsweise das Schwein praktisch ausschließlich wegen der Trichinengefahr und die Schalenfische wegen der Gefahr von Hepatitis und anderen Viruserkrankungen verboten wurden, schloss man, dass entsprechende hygienische Zubereitungen Schwein und Schalenfische koscher machen würden. Kaschrut-Gesetze konnten also in einem Zeitalter des wissenschaftlichen Verständnisses von Gesundheit und Krankheit ruhig als obsolet angesehen werden.

Koscher – Aufsichtsorgane

Generell lässt sich sagen, dass die Koscherproblematik in Bezug auf die Lebensmittel in den letzten Jahren für die Lebensmittelproduzenten aufgrund der Nachfrage von Konsumenten stark gestiegen ist. So wird beispielsweise in wissenschaftlichen Statistiken angegeben, dass in einem typischen Supermarkt im Nordosten der USA etwa 30% aller angebotenen Artikel koscher sind. Da der Koscher-Markt alleine in den USA derzeit (2002) einen Wert von ca. 150 Milliarden Dollar hat und 6 Millionen Menschen betrifft, von denen ca. 1.5 Millionen jüdisch sind, wurden koschere Lebensmittel im Journal AD WEEK als ›hottest‹ Produkte von 1989 bezeichnet.
Dass eine steigende Nachfrage und die damit Hand in Hand gehende höhere Produktion von koscheren Lebensmitteln selbstverständlich auch entsprechende Kontrollinstanzen erfordert, liegt auf der Hand. Neben der O-U (Orthodoxe Union) gibt es, um nur die allerwichtigsten zu nennen, noch die Organized Kaschrut Laboratories und die Kof K. Neben den offiziellen Kontrollinstanzen, die man auf den jeweiligen Etiketten findet, gibt es natürlich auch noch jede Menge einzelner Rabbiner, die ihren Stempel auf das Produkt und somit ihre Erlaubnis zum Vertrieb (Hechscher) geben.

Der Koscher-Konsument: ›Labeling‹ und Koscher-Statistik

Koschere Produkte

Koschere Produkte



Wie erkennt der Koscher-Konsument nun, dass es ein koscheres Produkt ist, das er erwirbt und in dessen ›Koscherheit‹ er auch entsprechend Vertrauen haben kann? Bis heute gibt es nämlich keine eindeutigen Richtlinien der Etikettengestaltung ‒ weltweit gesehen sind nicht einmal die Bezeichnungen eindeutig, ob etwas fleischig, milchig oder parve ist.

Obwohl manche regionale Instanzen ‒ wie ›The Kosher Enforcement Bureau of the New York State Department of Agriculture and Markets‹ ‒ dem Koscher-Konsumenten eine Art Garantie gibt, dass die als koscher ausgewiesenen Produkte auch tatsächlich koscher sind, ist dies noch keine Garantie dafür, dass das Produkt auch tatsächlich von einem Rabbiner überprüft wurde. So wäre es beispielsweise denkbar, dass Koscher-Etiketten entweder gefälscht oder einfach kopiert werden, das Produkt selbst aber nicht wirklich durch autorisierte Hände ging. Autorisiert heißt in jedem Fall, dass ein (zuständiger) Rabbiner die Kontrolle übernimmt und die ordnungsgemäße Koscher-Erzeugung durch seinen Stempel und ‒ das ist besonders wichtig ‒ durch ein Zeugnis bezeugt. Dabei ist es für den einzelnen Koscherkonsumenten nicht ganz unerheblich, von welchem Rabbiner diese Bestätigung kommt ‒ daher wird auf den Etiketten der meisten seriösen Produkte sehr wohl Name, Institution und Ort des Rabbiners angegeben. Dies nennt man die sogenannte Koscher-Statistik, die ‒ bedenkt man eben, dass die Frage des Koscherseins eine ausschließlich kultische Relevanz besitzt ‒ von entscheidender Bedeutung ist, da nur sie dem Konsumenten das letzte Vertrauen in das Produkt ‒ oder besser in die Koscherheit des Produktes ‒ geben kann.

Denn letztlich ist die Frage der Koscherheit eine Frage des Vertrauens. Der Konsument muss letzte Sicherheit darüber haben, dass das Produkt, das er erwirbt, koscher ist, ohne den geringsten Schatten des Zweifels. Weiterhin geht es ‒ wie wir gesehen haben ‒ nicht nur um das Produkt selbst, sondern ebenso um die Gefäße, in denen das Produkt hergestellt wurde. Bedenkt man die enorme Pluralität der jüdischen Gemeinden und die lokalen Gebräuche ‒ sowie das Fehlen einer ›unfehlbaren‹ obersten Instanz ‒ wird die Problematik verständlicher. Am Beispiel des Koscherweines darf ich dies ein wenig näher ausführen:

Als Minimalkonsens darf das Vorhandensein eines Koscher-Zeugnisses (hebräisch: Te’udat hechscher) gelten. Dieses wird von einem ordinierten Rabbiner oder einer befugten Behörde (wie etwa einem rabbinischen Gerichtshof) ausgestellt und garantiert somit die ständige Kontrolle (Supervision) der gesamten Produktion durch den Rabbiner selbst oder einen von der Behörde bestellten ›Koscher Aufseher‹ (hebräisch: Maschgiach).

Koscher-Wein ‒ ein Exkurs

Die hebräische Bibel schreibt den Beginn des Weinbaus Noach zu, der allerdings gleich mit den negativen Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums konfrontiert wird:

Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt in seinem Zelt.

1. Buch Mose, Kapitel 9, Verse 10-21

Die Rabbinen schließen aus Noachs Erlebnissen mit dem Wein, dass der Baum der Erkenntnis als Weinstock zu verstehen ist.

Rabbi Chisda sagte …: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Noach: Noach, du solltest durch Adam den Urmenschen gewarnt sein, denn (sein Verderben) wurde nur durch den Wein herbeigeführt. Dies stimmt überein mit dem, der sagt, der Baum, von dem Adam, der Urmensch, gegessen hatte, war ein Weinstock. Es wird nämlich gelehrt: Der Baum, von dem Adam, der Urmensch gegessen hatte, war, wie Rabbi Meir sagt, ein Weinstock, denn es gibt nichts, was über den Menschen so sehr Wehklage bringt wie der Wein.

Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 70a-70b

Da von Heiden produzierter Wein in der Antike für Trankopfer (Libation) verwendet und daher mit Götzendienst gleichgesetzt wurde, war er für Juden verboten (Babylonischer Talmud, Traktat Avoda sara 31a).

Dieses generelle Verbot des Libationsweines wurde von den Rabbinen auch auf den stam jenam, den gewöhnlichen, von Nichtjuden produzierten Wein ausgedehnt, da sie vor allem die Abgrenzung gegenüber Nichtjuden durch einen zu engen sozialen Kontakt mit letzteren gefährdet sahen:

… sprach sie (die Hure) zu ihm: ‚Du bist ja bereits wie ein Familienangehöriger; setze dich und suche dir etwas aus‘: Krüge mit ammonitischem Wein standen vor ihr, und da damals nichtjüdischer Wein noch nicht verboten war, sprach sie zu ihm: ‚Willst du vielleicht ein Glas Wein trinken?‘ Hatte er getrunken, so geriet er in Erregung und sprach zu ihr: ‚Gib dich mir hin.‘ Da zog sie ihre Gottheit aus dem Busen und sprach zu ihm: ‚Verehre diese‘. Er erwiderte ihr: ‚Ich bin ja Jude.‘ – ‚Was schadet dies … außerdem entlasse ich dich nicht eher, als bis du die Lehre deines Meisters Mose verleugnet hast.‘

Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 106a

Vor allem zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Wein als koscher gilt:

  1. Er darf nicht von einem Nichtjuden berührt werden oder worden sein
  2. Er darf ausschließlich koschere Zutaten enthalten

Sollte der Wein doch mit einem Heiden in Berührung gekommen sein, so gibt es 2 Möglichkeiten: der Wein ist ein jajin nesech (יין נסך, also ein Wein, der für heidnische Trankopfer verwendet wird) oder er ist ein stam jenam (סתם יינם). Genau genommen ist der jajin nesech nicht für das Trinken zum Vergnügen oder aus geschäftlichen Gründen erlaubt, während der stam jenam wohl für geschäftliche Gründe, nicht aber für das Vergnügen geeignet ist.

Vom Verbot des mit Nichtjuden in Berührung gekommenen Weines ausgenommen ist der ›gekochte Wein‹ (יין מבושל hebräisch: jajin mevuschal). Damit ist ein Wein gemeint, der kurze Zeit so stark erhitzt wird, bis ›die Hand zuckt‹ (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 40b). Selbstverständlich führte eine solche Angabe immer wieder zu Diskussionen über die erforderliche Temperatur.

Während etwa die für ihre strenge Überwachung der Kaschrut-Gesetze bekannte ›Union of Orthodox Jewish Congregations of America (O-U)‹ die für das Erhitzen erforderliche Mindesttemperatur mit 168 °F (75,5 °C) ansetzt, verlangt der Lubavitscher Rebbe mindestens 190 °F (87,7 °C).

Wenn koscherer Wein gekocht worden ist, d. h., man hat ihn soweit erhitzt, dass durch das Erhitzen seine Menge geringer geworden ist, und dann hat ihn ein Nichtjude berührt, darf man ihn sogar trinken.

Kizzur Schulchan Aruch 274,3

Moderne Koscher-Weinfabrikanten, deren Weinproduktion unter der Aufsicht der O-U steht, bewerben ihre Mevuschal-Weine mit dem Hinweis darauf, dass dadurch ›entsprechend dem jüdischen Gesetz‹ Nichtjuden in Restaurants die Möglichkeit zum Öffnen der Flaschen gegeben wird.

Responsen moderner Rabbiner, die sich mit der Problematik des für Juden erlaubten, also koscheren Weines auseinandersetzen, betrachten oft die Gefahr, dass der Wein mit Nichtjuden in Berührung kommen könnte, durch die vollständige Automatisierung der Weinproduktion vom Zeitpunkt der Traubenlese bis hin zu den versiegelten Flaschen als obsolet.

Grundsätzlich darf man sagen, dass die Koscherkontrolle beim Wein schon deshalb besonders streng ist, da der Wein für liturgische Zwecke verwendet wird. Etwas grob, für unseren Rahmen aber ausreichend, geht es vor allem um folgende Regeln, die bei der Herstellung von Koscherwein einzuhalten sind:

  • An der Produktion des Weines dürfen nur Männer beteiligt sein, die den Schabbat halten.
  • Alle Geräte, die zur Weinerzeugung verwendet werden, müssen sauber und steril sein.
  • Substanzen, die bei der Produktion von Wein Verwendung finden, müssen als koscher akzeptiert sein und dürfen keine tierischen Stoffe enthalten.
  • Es darf kein Obst und Gemüse zwischen den Weinreben wachsen.
  • Die Frucht eines neuen Weinstockes darf erst vier Jahre nach der Einpflanzung verwendet werden.

In Israel müssen außerdem noch zusätzliche Auflagen erfüllt sein. Dazu gehört, dass die Zeremonie des Ma’aser verrichtet wird. Dies heißt, dass ein bestimmter Prozentsatz des produzierten Weines weggeleert wird als Symbol des Zehnts, der in biblischer Zeit an die Leviten und Kohanim abgegeben wurde. Weiterhin gilt es, die Schmitta (Schabbatjahr) einzuhalten:

Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.

Exodus, Kapitel 23, Verse 10-11

Diese Vorschrift ist am kostspieligsten einzuhalten. Sie wird manchmal dadurch umgangen, dass der Weinberg für das betreffende Jahr an einen Nichtgläubigen verkauft und im Jahr darauf wieder zurückgekauft wird, da die Reben in jedem Jahr sorgfältig gepflegt werden müssen, damit der Weinberg in gutem Zustand bleibt.
Meist wird der Zeitpunkt, ab dem die Herstellung des Weines unter jüdischer Aufsicht zu erfolgen hat, mit dem Zeitpunkt angegeben, ab dem aus den Trauben Saft wird.
Abgesehen davon ist die Bandbreite der Beurteilungskriterien, wann ein Wein als koscher zu gelten hat, naturgemäß sehr groß und hängt selbstverständlich nebst wirtschaftlichen Perspektiven weitgehend auch vom zuständigen Rabbiner bzw. der jeweiligen jüdischen Gemeinde (orthodox, konservativ, reformiert bzw. liberal etc.) ab.

Das Schächten – ein Exkurs

Wichtigste ›Basisarbeit‹, um koscheres Fleisch zu erhalten, ist wohl das ›Schächten‹ (hebräisch: Schechita). Schon oben wurde der Zusammenhang mit dem Verbot des Blutgenusses erwähnt. Das Schächten, das nach der Bibel (Deuteronomium, Kapitel 12, Vers 21) die einzig erlaubte Schlachtmethode für Tiere oder Vögel, die zum Verzehr erlaubt sind, darstellt, erfolgt durch einen Fachmann, den Schochet, mit einem vorher geprüften, scharfen, schartenfreien Messer. Der Schnitt durchtrennt in einem Zug Halsschlagader, Luft- und Speiseröhre. Bevor der Stempel für rituell geschlachtetes (koscheres) Fleisch aufgedrückt wird, müssen der Schnitt, die inneren Organe (v. a. die Lunge) und nochmals das Messer untersucht werden.

In praxi bedingt der ‒ in humanitärer Hinsicht ‒ problematische Aspekt des Schächtens einen gewissen Erklärungsbedarf. In ›Kaschrus‹ 1989 heißt es:

Observations of kosher calf slaughter in NY indicated that a skilled shochet could cause over 95% of the calves to collapse immediately like animals shot with a captive bolt (a so-called humane way of preparing animals for slaughter). 95% perfect effectiveness is similar in performance to stunning (another allegedly humane method) …‹

und weiter heißt es zur Frage, was gemacht wird, wenn das Schächten verboten ist:

… in western Europe and Canada, shackling and hoisting of fully conscious live animals for ritual slaughter is forbidden. Plants that conduct ritual slaughter in these countries are required to hold the animal in a restraining device while the throat is cut. Hoisting by the hind leg is not permitted until after the throat has been cut …

Barcelona Haggda, um 1340, Schächten des Lammes

Barcelona Haggda, um 1340, Schächten des Lammes

Fesseln und insbesondere das Hängen der Tiere zur Schächtung ist in Kanada, Australien, Neuseeland, England ‒ und übrigens auch in Israel ‒ verboten. In der Schweiz ist das Schächten generell verboten. In Amerika ist es nicht offiziell verboten, doch sind alle Schächter von den Koscher-Kontrollinstanzen definitiv angewiesen, vor dem Schächten einen sogenannten ›restraining pen‹, worunter ein schmaler Stall mit einer Öffnung vorne für den Kopf des Tieres zu verstehen ist, zu verwenden.

Ausführer der Schächtung ist der quasi beamtete Schochet, an den dieselben hohen ethischen Anforderungen gestellt werden wie an einen Rabbiner.

Der Schochet muss die Schächtung bewusst ausführen und darf dabei ausschließlich jene Apparate verwenden, die durch Menschenkraft angetrieben werden, also keine mechanisch-automatischen Apparate mit Wasser-, Wind- oder elektrischem Antrieb. Schächtet ein Schochet unqualifiziert, lastet die volle Verantwortung für das Töten des Tieres auf seinem Gewissen.


1 Kommentar zu Jüdische Speisegesetze

Finde:

Generic selectors
Nur exakte Ergebnisse
Suche im Titel
Suche im Inhalt
rl_gallery
Filter nach Kategorien
Abbazia / Opatija
Cheder
Ebenfurth
Fiume / Rijeka
Friedhof Eisenstadt (älterer)
Friedhof Eisenstadt (jüngerer)
Friedhof Kobersdorf
Friedhof Mattersburg
Friedhof Triest
Friedhof Währing
Genealogie
Karmacs
Kunst und Kultur
Leben und Glaube
Mitbringsel / Souvenirs
Podcasts
Salischtschyky / Zalishchyky
nach oben