Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Leah Hacker, geboren 1. August 1895, ermordet in der Schoa

Schloss Kobersdorf und ehemalige Synagoge liegen räumlich betrachtet ganz nah beieinander, genau gegenüber. Und nur wenige Meter entfernt, mehr oder weniger zwischen Schloss und ehemaliger Synagoge, befindet sich das Schoa-Denkmal…

Schloss Kobersdorf und ehemalige Synagoge liegen räumlich betrachtet ganz nah beieinander, genau gegenüber. Und nur wenige Meter entfernt, mehr oder weniger zwischen Schloss und ehemaliger Synagoge, befindet sich das Schoa-Denkmal für die jüdischen Opfer aus Kobersdorf.

Der Name Leah Hacker findet sich auf diesem Denkmal nicht. Wahrscheinlich, weil Lea Hacker, der wir mit diesem Artikel gedenken, zwar am 1. August 1895, also morgen vor 127 Jahren, in Kobersdorf geboren ist, aber am 20. März 1934 den Kaufmann Friedrich Mimeles in Wien Alsergrund heiratete und 1938 schon länger in Wien gelebt hat, zuerst in der Rotenturmgasse 7, dann in der Scheuchgasse und zum Zeitpunkt ihrer Deportation in der Seegasse 23,21.

Die Großeltern von Leah Mimeles, geb. Hacker, sind beide am jüdischen Friedhof von Kobersdorf begraben: Lázár (Elieser) Grünwald, der sogar eine Stiftung für die jüdische Gemeinde eingerichtet hatte, gest. 10. Jänner 1900, und Rosalia (Süssl) Grünwald, geb. Bauer, gest. 24. Mai 1902.
Die Eltern von Leah, Max Hacker (im Trauungsbuch „Haker“) und Kati Grünwald heirateten am 25. Dezember 1878.

Eintrag Hochzeitsbuch Kobersdorf, Kati Grünwald und Max Haker, 25. Dezember 1878

Eintrag Hochzeitsbuch Kobersdorf, Kati Grünwald und Max Haker, 25. Dezember 1878




Leah Mimeles, geb. Hacker, wird am 12. Mai 1942 mit dem Transport 20 von Wien nach Polen deportiert und ermordet, siehe Eintrag in Yad Vashem.

Ihr sieben Jahre jüngerer Ehemann Friedrich Mimeles, geboren am 15. Februar 1902 in Radautz (Rumänien), wurde schon drei Jahre vorher, am 20. Oktober 1939 nach Polen deportiert und ebenfalls ermordet, siehe Eintrag in Yad Vashem.
Ermordet wurde auch der Vater des Ehemanns, Jakob Mimeles 1940, siehe Eintrag in Yad Vashem.

Im Schloss wird heuer der Klassiker „Der Bockerer“ gespielt. Eigentlich sollte gestern der letzte Spieltag sein, aber aufgrund eines Aufführungsausfalls wurde um ein paar Tage verlängert.

Auf der Website dazu lesen wir:

…Und er kommt, auch wenn’s brenzlig wird, zum Glück damit durch. Langsam begreift er das wahre Ausmaß des Wahnsinns. Für ihn geht die Geschichte noch einmal gut aus…

Website Schosspiele Kobersdorf, Produktion 2022, Der Bockerer

Es ist eine ausgesprochen gute Idee des Landes Burgenland, den Besucherinnen und Besuchern der Schlossspiele vor der Aufführung die Möglichkeit zu geben, die neu renovierte ehemalige Synagoge, die heute in erster Linie ein Gedenkort ist, zu besuchen. Viele nützen dieses Angebot auch.

Vielleicht denken einige beim Besuch dieses religiösen Zentrums der ehemaligen jüdischen Gemeinde Kobersdorf an jene vielen Jüdinnen und Juden, die in Kobersdorf geboren sind und die selbst so wie ihre Mütter und Väter, ihre Großmütter und Großväter hier gebetet haben. Die aber 1938, unmittelbar nach dem sogenannten Anschluss im März, aus Kobersdorf oder irgendeinem anderen Ort, in dem sie mittlerweile lebten, deportiert und in der Schoa ermordet wurden.

So wie wir heute Abend und morgen der Leah Hacker gedenken, die am 1. August 1895 als Tochter des Michael Hacker und der Kathi Grünwald in Kobersdorf geboren wurde und die mit 47 Jahren in der Schoa ermordet wurde.


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Gelehrte, Rabbiner und ein Geizhals

Krakau: Im jüdischen Viertel Kazimierz Die Einladung zu einem Vortrag führte mich vergangene Woche nach Krakau. Besondere Faszination auf mich hat der alte jüdische Friedhof, besser bekannt als REMU- oder…

Krakau: Im jüdischen Viertel Kazimierz

Die Einladung zu einem Vortrag führte mich vergangene Woche nach Krakau.

Besondere Faszination auf mich hat der alte jüdische Friedhof, besser bekannt als REMU- oder REMA-Friedhof, der 1552 angelegt wurde und auf dem sich Grabsteine befinden, die zu den ältesten Polens gehören. Allerdings muss deutlich angemerkt werden, dass der Friedhof heute zu einem überwiegenden Teil eher ein Lapidarium als ein Friedhof im engeren Sinn des Wortes ist, da sehr viele Grabsteine nicht auf ihrem ursprünglichen Platz stehen.

Nach der weitgehenden Zerstörung des Friedhofes in der Schoa sind nur wenige Grabsteine erhalten geblieben. Unter diesen war das Grabdenkmal von Rabbiner Moses Isserles (hebräisches Akronym: רמ“א REMA oder REMU, auch genannt der Maimonides Polens“), der Lag Ba-Omer 332 = 1. Mai 1572 starb und Vorfahre von Moses Mendelssohn und Felix Mendelssohn-Bartholdy war.
Als der erste Nazi ansetzte, seinen Grabstein zu zerstören, soll er wie vom Blitz getroffen, tot umgefallen sein. Danach verzichteten die Deutschen auf die Zerstörung, für viele Juden ein Beweis für die Wunderkraft des Rabbiners.
Das Grab von Rabbiner Moses Isserles, der vor allem durch sein umfangreiches Kommentarwerk berühmt wurde, ist das Ziel tausender orthodoxer Jüdinnen und Juden aus aller Welt.

Auf seinem Grabstein ist in der vierten Zeile von unten zu lesen:

ממשה עד משה לא קם כמשה בישראל
Von Moses (Maimonides) bis Moses (Isserles) war in Israel keiner wie Moses.

Neben Moses Isserles befinden sich die Grabsteine seiner 1617 verstorbenen Schwester Mirjam Bella Horowitz und seines Vaters Israel ben Josef, Kaufmann und Bankier, gest. 1568, dem Stifter der REMU-Synagoge, die sich gleich neben dem Friedhof befindet. Bei diesen beiden Grabsteinen ersetzen die senkrechten Vorderplatten die zerstörten originalen Grabdenkmäler.

Ganz hinten am Friedhof finden wir den Grabstein des großen Rabbiners und Gelehrten sowie Schüler des als Rabbi Löw bekannten Maharal von Prag, Gerschon Saul Jomtov Lipmann Heller, und gleich neben ihm, fast unscheinbar, das Grab von „Jossel, dem heiligen Geizhals“.

Jomtov Lipmann Heller kam 1625 als Rabbiner nach Wien, nachdem er zuvor schon Rabbinatsassessor in Prag und ab 1624 Rabbiner in Nikolsburg gewesen war. Nur zwei Jahre blieb er in Wien, 1627 findet man ihn schon wieder in Prag.

„Wiewohl die Gemeinde von Wien durch Ehrenbezeugungen und Geldspenden mich zu behalten suchte, trug mich mein Herz dennoch nach Prag“

schreibt Heller in seinen Erinnerungen (zitiert nach Brugger, Keil u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 290)

…dass es sich bei dem Wechsel nach Prag eindeutig um einen beruflichen Aufstieg handelte. Aber auch in dieser Position blieb er nicht lange… wurde er 1629 beim Kaiser wegen Bestechlichkeit und Verletzung der Religion durch seine Schriften denunziert, worauf er nach Wien gebracht wurde und dort 40 Tage inhaftiert war, bis die Wiener Judenschaft eine Kaution in Höhe von 10.000 Gulden für ihn erlegen konnte…
Unehrenhaft entlassen, war Heller nun an verschiedenen Rabbinaten tätig, bis er schließlich 1654 in Krakau starb.

Brugger, Keil u.a., Geschichte der Juden in Österreich, Wien 2006, 290)

Aber warum sind die beiden, der große Gelehrte und Rabbiner und der Geizhals nebeneinander begraben? Wir haben die Geschichte schon auf unserer Facebookseite kurz erzählt, sie sei aber hier noch einmal erwähnt, da es kaum deutschsprachige Quellen für sie gibt.

Jossel war im 17. Jahrhundert ein reicher Bürger des jüdischen Viertels von Krakau und ‒ so glaubten alle ‒ zu geizig, um Zedaka (Wohltätigkeit) zu üben. Als er starb, begruben sie ihn daher ganz hinten am jüdischen Friedhof, wo die Armen und Verstoßenen liegen. Aber unmittelbar nach seinem Tod brach Armut über das jüdische Viertel herein und die Menschen erkannten plötzlich, dass Jossel sie immer geheim mit Geld und Gütern versorgt hatte. Sie baten ihren Rabbiner um Hilfe. Dieser ließ am Grabstein von Jossel den Zusatz „HaZadik“ (der Gerechte) eingravieren. Der Rabbiner soll Jomtov Lipmann Heller gewesen sein, der verfügte, nach seinem Tod 1654 neben Jossel begraben zu werden.

Literaturnobelpreissträger Isaac Bashevis Singer setzte Rabbiner Jomtov Lipmann Heller in seinem Erstlingswerk „Satan in Goraj“ (1934) in der Gestalt des Rabbi Benisch Aschkenasi ein literarisches Denkmal (übrigens: die Ehefrau von Rabbiner Heller war Rachel, Tochter des Aaron Moses Aschkenasi). Nach dem großen Pogrom durch die Kosaken und Tataren (siehe Chmelnzkyj-Aufstand) warteten und hofften die Bürger Gorajs auf das baldige Erscheinen des Messisas, der in Gestalt des Schabbtai Zvi, geboren 1626 in Smyrna (heutige Türkei) erscheinen sollte. Der böse und dämonische Gedalja treibt die Menschen von Goraj zu immer wüsteren Handlungen, ein Mädchen stirbt schließlich, Rabbi Benisch hatte Goraj zu diesem Zeitpunkt längst in Richtung Lublin verlassen.

Die letzten Bürger, die nach Goraj zurückkehrten, waren der alte und hochangesehene Rabbi Benisch Aschkenasi und Reb Eleasar Babad, früher der reichste Mann der Gemeinde und ihr Vorsteher…

Rabbi Benisch Aschkenasi war der Nachfolger vieler Generationen von Rabbis. Er, der Verfasser von Kommentaren und Responsen, Mitglied des Rates der Vier Provinzen, galt als einer der klügsten und gelehrtesten Männer seiner Zeit…

Gegenüber von REMU-Synagoge und Friedhof befindet sich eine umzäunte Grünfläche, auf der sich am südlichen Ende ein Denkmal für die 65.000 in der Schoa ermordeten Jüdinnen und Juden aus Krakau befindet. Der Zaun besteht aus aneinandergereihten Menorot (siebenarmigen Leuchtern), die bebaumte Grünfläche war einst der Vorgängerfriedhof des REMU-Friedhofes, bestand also bis 1552.

Diese Fläche bzw. dieser einstige Friedhof hängt mit einer Legende zusammen, die variantenreich erzählt wird und die örtliche Tradition, am Freitag keine Hochzeiten abzuhalten, erklärt:

Ein reicher Jude in Krakau beschloss seine Tochter mit einem geeigneten Kandidaten, also einem Ehemann aus einer ebenso reichen Familie aus einer anderen Stadt, zu vermählen. Die Hochzeitsfeier sollte in dem Haus vor der REMU-Synagoge stattfinden.

Die Trauung war zwar für Freitagmittag geplant, aber eben um diese Zeit war klar, dass die Familie des Bräutigams nicht rechtzeitig nach Krakau kommen würde. Es war bald auch klar, dass es nicht zu schaffen ist, die Feierlichkeiten vor Beginn des Schabbat abzuhalten.

Der Vater der Braut, ein sehr frommer Jude, wollte die Feier verschieben, doch die Eltern des Bräutigams wollten davon nichts wissen. Der Rabbiner, vom Brautvater um dringenden Rat gebeten, riet ihm, eine kurze Hochzeit abzuhalten und danach gleich in die Synagoge zu kommen und zu beten.

Die Feierlichkeiten begannen, die Gäste feierten ausgelassen, tanzten bei lauter Musik, aßen und tranken reichlich. Niemand bemerkte oder wollte bemerken, wie spät es wurde und dass die Zeit des Schabbats gekommen war. Sie hörten also nicht auf den Rat des Rabbiners und die Strafe folgte auch sogleich:

Plötzlich fing die Erde an zu beben und öffnete sich unter den Füßen der Hochzeitsgäste. Das Haus, in dem die Hochzeit stattfand, wurde von der Erde verschlungen, alle Hochzeitsgäste lebendig begraben. Niemand wagte es sie auszugraben, die Stelle wurde zugeschüttet und umzäunt.

Angeblich kann man bis heute in der Nähe der Synagoge das Gejammer und Geflüster der Hochzeitsgäste hören.

Siehe v.a. Skora Jaroslaw, Krakauer Legenden, o.O. 2018

Soweit die Legende. Ganz erfunden ist das alles nicht, es gab wirklich unter Rabbiner Moses Isserles eine Hochzeit im 16. Jahrhundert in Kazimierz. Da die Braut eine Waise war und die im Ehevertrag vereinbarte Mitgiftsumme nicht rechtzeitig eingetroffen ist, schob der Rabbiner den Schabbatgottesdienst zeitlich etwas nach hinten, bis die Summe eingetroffen war. Obwohl er dafür von vielen Gelehrten scharf kritisiert wurde, verteidigte er seine Haltung vehement und mit großer Gelehrsamkeit: Dass nämlich das Verbot, am Schabbat Hochzeiten abzuhalten, nicht unmittelbar aus der Tora abgeleitet wurde, sondern von den rabbinischen Gelehrten. Und dass diese doch mit diesem Gesetz sicher nicht einer armen Waisen schaden wollen.


Nicht weit vom alten jüdischen Friedhof liegt der sogenannte neue jüdische Friedhof, der aber hier nur kurz erwähnt werden soll. Um 1800 entstanden, befinden sich auf 4.5 Hektar etwa 10.000 Grabsteine. Einige Fotos sollen einen ersten, nur überblicksmäßigen Eindruck des Friedhofes vermitteln:


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Schawu’ot 5782

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot! חג שבועות שמח! Am 2. Tag von Schawuot wird traditionell das biblische Buch Rut gelesen. Dieses hat 4…

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Schawu’ot!

חג שבועות שמח!


Am 2. Tag von Schawuot wird traditionell das biblische Buch Rut gelesen. Dieses hat 4 Kapitel und 85 Verse. Rut ist eine der fünf Festrollen (Megillot, neben Ester, Hoheslied, Kohelet und Klagelieder).

Im 4. Kapitel, Vers 12, wird auch Tamar erwähnt:

Dein Haus gleiche dem Haus des Perez, den Tamar dem Juda geboren hat, durch die Nachkommenschaft, die der HERR dir aus dieser jungen Frau geben möge.

Tamar ist die Schwiegertochter von Juda, der sie unwissentlich geschwängert hatte. Die Geschichte kennen wir aus Genesis 38:
Juda, der vierte Sohn Jakobs, sah am Wegesrand Tamar, die er für eine Dirne hielt und wollte zu ihr kommen. Sie verlangte von ihm als Pfand für den von ihm versprochenen Ziegenbock seinen Siegelring, seine Schnur und den Stab in seiner Hand. Tamar wurde schwanger, was dem Juda gemeldet wurde. Dieser verfügte, dass sie wegen der begangenen Unzucht verbrannt werden sollte.

Als man sie hinausführte, schickte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ ihm sagen: Von dem Mann, dem das gehört, bin ich schwanger. Auch ließ sie sagen: Sieh genau hin: Wem gehören der Siegelring, die Schnüre und dieser Stab?

Genesis 38,25

Juda erkannte sein Pfand und dass Tamar im Recht war, da Juda ihr einen Kindsvater, nämlich seinen jüngsten Sohn Schela, verweigert hatte. Tamar gebar die Zwillinge Perez und Serach.

Die jüdische Holzschnitt-Bilderbibel des Moses dal Castellazzo (1466-1526) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist einer der schönsten Beweise für die Existenz eines im 15. Jahrhundert vorhandenen rabbinisch-jüdischen Bibelbilderzyklus.
Moses dal Castellazzo, Sohn des Gelehrten Abraham Sachs, der im 15. Jahrhundert aus Deutschland nach Italien eingewandert war, wurde schon in jungen Jahren mit der religiösen jüdischen Traditionsliteratur vertraut gemacht. 1521 bat er den Dogen von Venedig um die Gewährung des Privilegs, eine von ihm geschaffene Holzschnittfolge zu den fünf Büchern Mose zehn Jahre lang allein im Raum von Venedig drucken und verkaufen zu dürfen. Das Original dieser Holzschnitt-Bilderbibel ist heute nicht mehr erhalten, das Druckverfahren, dessen sich Moses bediente, war völlig veraltet und eine billige Technik, um nicht wohlhabende Käuferschichten zu erreichen. Dabei wurden auch die Sprachen der Käufer berücksichtigt: Italienisch, Judendeutsch und vielleicht Spagnolisch.

Eine der beiden Bibelszenen im Werk des Moses dal Castellazzo, die ihre Vorlagen im 11. Jahrhundert haben, ist die Darstellung von der Verurteilung Tamars zum Tod auf dem Scheiterhaufen durch Juda:

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, Folio 34, Verurteilung Tamars zum Tod

Bilderbibel des Moses dal Castellazzo, Folio 34, Verurteilung Tamars zum Tod


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Inschriften in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf II

Schon am 20. Juli 2020 waren in der ehemaligen Synagoge von Kobersdorf bei den Renovierungsarbeiten zwei Inschriften zu erkennen, die hier im Blog transkribiert und übersetzt wurden. Beide Inschriften waren…

Schon am 20. Juli 2020 waren in der ehemaligen Synagoge von Kobersdorf bei den Renovierungsarbeiten zwei Inschriften zu erkennen, die hier im Blog transkribiert und übersetzt wurden. Beide Inschriften waren damals aber noch nicht gänzlich freigelegt, in den folgenden zwei Jahren wurden zudem noch weitere Inschriften entdeckt.

Daher sollen in einem zweiten Blogartikel alle vier freigelegten und vom Restaurator mittlerweile größtenteils lesbar gemachten Inschriften hier vorgestellt und erklärt werden:

Inschrift über der Nische für das Handwaschbecken im Vorraum



Die Inschrift

Inschrift Handwaschbecken II Synagoge Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Ich wasche meine Hände in Unschuld und umschreite deinen Altar, Herr. ארחץ בנקיון כפי ואסובבה את מזבחך ה’


Anmerkungen

Psalm 26,6 אֶרְחַ֣ץ בְּנִקָּיֹ֣ון כַּפָּ֑י וַאֲסֹבְבָ֖ה אֶת־מִזְבַּחֲךָ֣ יְהוָֽה׃.

Im masoretischen, also vokalisierten Text in der hebräischen Bibel ist das vierte Wort defektiv geschrieben וַאֲסֹבְבָ֖ה, in der Synagogeninschrift plene ואסובבה, wohl wegen der unvokalisierten Schreibung.

Das Tetragramm, also jene vier Buchstaben, die den Namen Gottes bezeichnen, ist in der Inschrift in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf mit einem ה (für יהוה) abgekürzt. Vgl. auch die Inschrift über der Tür zum Hauptraum unten.


Inschrift über der Tür zum Hauptraum



Die Inschrift

Inschrift Türe Synagoge Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Gesegnet sei, der da kommt, im Namen des HERRN! ברוך הבא בשם ה’


Anmerkungen

Psalm 118,26a בָּר֣וּךְ הַ֭בָּא בְּשֵׁ֣ם יְהוָ֑ה.

Das Tetragramm, also jene vier Buchstaben, die den Namen Gottes bezeichnen, ist in der Inschrift in der ehemaligen Synagoge Kobersdorf abgekürzt. Sehr wahrscheinlich mit einem ה (für יהוה), vgl. die Inschrift über dem Waschbecken oben.


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, rechts von der Tür zum Hauptraum


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, rechts neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf

Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, rechts neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf


Die Inschrift

Inschrift Spendenboxen rechts Synagoge Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Ein Geschenk im Geheimen besänftigt den Zorn. מתן בסתר יכפה אף


Anmerkungen

Sprüche 21,14a מַתָּ֣ן בַּ֭סֵּתֶר יִכְפֶּה־אָ֑ף.
Gemeint ist natürlich der Zorn Gottes.

Die selbe Inschrift bzw. der selbe Vers als Inschrift befindet sich auch über der Spendenbox in der Synagoge im Wertheimerhaus (Österreichisches Jüdisches Museum), dort allerdings als Akrostychon: Es werden nur die jeweils ersten Buchstaben der Worte im Vers geschrieben. Siehe unseren Blogartikel.


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, links von der Tür zum Hauptraum


Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, links neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf

Inschrift über der Spendenbox im Vorraum, links neben der Tür zum Hauptraum der ehemaligen Synagoge Kobersdorf


Die Inschrift


Anmerkungen

Diese Inschrift wurde vom Restaurator noch nicht bearbeitet (Stand 15. Mai 2022). Sobald dies geschehen ist und ich ein aktuelles Foto habe, werde ich das Foto oben selbstverständlich sofort austauschen.

Zeile 1: Diese Zeile war 2020 noch nicht freigelegt. Obwohl nur zweieinhalb Buchstaben zu sehen sind, ist die Lesung praktisch sicher.

Zeile 2: Vor ארץ ישראל befindet sich noch ein Wort, ob dieses aus drei oder vier Buchstaben besteht, ist aber schwer zu sagen. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass der letzte Buchstabe dieses Wortes ein ת ist, was die Lesung קופת (4 Buchstaben) oder קפת (3 Buchstaben) nahelegt.
Siehe dazu vor allem die Kommentare von Meir Deutsch zum Blogartikel von 2020!

Die Gelder für „Erez Israel“, also das Heilige Land, werden Chalukka חלוקה „Verteilung“ genannt und waren für die armen Leute bestimmt, siehe etwa den Artikel in der Jewish Encyclopedia darüber.

Rabbiner Esriel Hildesheimer (1820-1899), der „deutsche Doktor“ (wie er genannt wurde), Rabbiner in Eisenstadt von 1851 bis 1869, sammelte alljährlich im ganzen Land Geld für die aus Östererich-Ungarn stammenden Jüdinnen und Juden in Palästina und arbeitete für sie Projekte aus, die sich als ausgesprochen nützlich erweisen sollten.

Zeile 1 und 2: Über drei Buchstaben befinden sich Punkte, die ziemlich sicher auf eine Jahreszahl hinweisen. Diese würden, bezieht man das ל (Zahlenwert 30) in die Jahreszahl mit ein, 434 ergeben, also umgerechnet 1674. War auch über dem ר (Zahlenwert 200) von ארץ oder von ישראל ein Punkt (der heute nicht mehr sichtbar ist), wären wir bei 634 und umgerechnet bei 1874. Möglich, dass damals die Spendenboxen eingebaut, jedenfalls aber beschriftet wurden.
Interpretieren wir das ל als Abbreviatur für לפ“ק „nach der kleinen Zeitrechnung“, sehen wir auf den beiden Buchstaben in der 1. Zeile heute nur noch den addierten Zahlenwert 404 (ת ist 400 und ד ist 4), also 1644. Dann fehlen allerdings noch (mindestens) 216, um auf 1860, das Gründungsjahr der Synagoge von Kobersdorf zu kommen. Alles weitere ist, fürchte ich, wenig zielführende Spekulation.
Die Punkte über den drei Buchstaben reichen jedenfalls nicht aus, um einigermaßen sichere Schlüsse über die Jahreszahl (und um eine solche handelt es sich höchst wahrscheinlich) zu ziehen.


Vielen lieben Dank für die Kommentare an Meir Deutsch und für das Korrekturlesen der letzten neu freigelegten Inschrift an Claudia Markovits Krempke, beide Israel!


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Jüdisches Museum meets Kobersdorf

Wir freuen uns sehr, dass wir auch im Veranstaltungsprogramm der neu renovierten ehemaligen Synagoge von Kobersdorf dabei sind. Veranstaltungsübersicht Führungen Synagoge für Schulgruppen: 3. Mai, 25. Mai, 15. Juni, 27….

Wir freuen uns sehr, dass wir auch im Veranstaltungsprogramm der neu renovierten ehemaligen Synagoge von Kobersdorf dabei sind.

Veranstaltungsübersicht


Kobersdorf war der Kurort der ehemaligen Sieben-Gemeinden, der berühmten sieben heiligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Die Kobersdorfer Juden wurden auch die „Einzeiligen“ genannt, weil sie vor allem auf der „Straßenseite“ der Synagoge wohnten (Schlossgasse), während sich gegenüber, also auf der anderen Straßenseite, das Schloss Kobersdorf befand.

Fährt man im Jahr 2022 nach Kobersdorf, in einen Ort, in dem es, wie in allen anderen ehemaligen jüdischen Gemeinden, heute keine jüdische Gemeinde mehr gibt, scheint mir, als spüre man in dem sehr beschaulich wirkenden Ort noch immer die jüdische Geschichte. Vor allem am kurzen Fußweg zwischen Synagoge und jüdischem Friedhof.

Beide (heute) Erinnerungsorte in Kobersdorf lassen vor allem bei einem gemeinsamen Besuch die Geschichte der Juden begreifen:

Die ehemalige Synagoge, wurde am 11. April 1860 unter Rabbiner Abraham Shag Zwebner eingeweiht. Rabbiner Zwebner verließ 13 Jahre später Kobersdorf in Richtung Jerusalem, seine Frau Leni, geb. Spitz, war schon 1863 gestorben und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben. Unmittelbar neben den großen Gelehrten und Rabbinern der Familie Alt.

1895, als auch 4 jüdische Todesopfer in der schrecklichen Hochwasserkatastrophe von Kobersdorf zu beklagen waren, wurde auch die Synagoge innen total vernichtet, berichtet die zeitgenössische Presse:

Der Tempel ist innen total vernichtet, blos die vier Wände stehen. Der weitbekannte Rabbi Lazar Alt flüchtete auf einen Sparherd und rettete dadurch sein Leben.

Ödenburger Zeitung, 8. Juni 1895, zitiert nach Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.O, o.J., 75

Neuerlich und endgültig zerstört wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten 1938. Nach einer sehr wechselvollen Geschichte in den Jahrzehnten nach 1945 wurde die Synagoge 2019 vom Land Burgenland gekauft und mit den Renovierungsarbeiten begonnen. Am 26. April 2022 wurde die ehemalige Synagoge ‒ prächtig renoviert ‒ offiziell eröffnet.

Jüdischer Waldfriedhof Kobersdorf

Etwa 10 Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt liegt der jüdische Friedhof Kobersdorf, wohl einer der beeindruckendsten und „schönsten“ jüdischen Friedhöfe in Österreich. Ein Waldfriedhof mit heute etwa 650 Grabsteinen, die so wie alle jüdischen Friedhöfe im Burgenland, ausschließlich hebräische Grabinschriften haben.
Alle Grabsteine erzählen Geschichten:

Detail Grabstein Michael Bauer, 06. März 1898

Detail Grabstein Michael Bauer, 06. März 1898


Nahe dem Eingang befindet sich der Grabstein des Schulklopfers von Kobersdorf, ein armer Halbnarr, der die Aufgabe hatte, die Gemeindemitglieder durch Klopfen mit seinem Hammer zum Gemeindegottesdienst in die Synagoge zu holen. Auf seinem Grabstein befindet sich ‒ wahrscheinlich weltweit einzigartig ‒ ein Berufssymbol seiner Aufgabe, ein Hammer.

Nur wenige Meter vom Grabstein des Schulklopfers entfernt finden wir die 4 jüdischen Todesopfer der Hochwasserkatastrophe vom 06. Juni 1895. Moritz Meier, einer der Todesopfer, wurde erst vier Monate nach der Katastrophe, am 16. Oktober 1895 gefunden. In seiner hebräischen Grabinschrift lesen wir in der letzten Zeile:

Inschrift Zeile7: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[Zeile 7] Erst nach 4 Monaten fand er Ruhe. רק אחר ד“ חדשים מצא מנוחה

Grabsteine der Familie Alt

Ganz oben, in der nordwestlichen Ecke des Friedhofes befindet sich eine Formation von Grabsteinen, die den Eindruck erweckt, als hätte sich die Familie Alt, über Generationen Gelehrte und Rabbiner, hier zum Gruppenfoto eingefunden, um 160 Jahre jüdische Geschichte von Kobersdorf zu erzählen.

Und ganz unten, rechts vom Eingang in den Friedhof, finden sich mehrere „Haufen“ mit aufgeschichteten Grabsteinen und Grabsteinfragmenten, darunter ein über Jahrzehnte unbeachtetes und leider heute nicht mehr lokalisierbares Grabsteinfragment des einzigen historischen Genisagrabes Österreichs.

Dieses kleine Grabsteinfragment erzählt die so traurige und tragische Geschichte des letzten Rabbiners von Kobersdorf, Simon Goldberger, und seiner Familie, seiner Frau Paula und seiner drei minderjährigen Kinder Lazar, Hermann und Isidor, die alle in Auschwitz ermordet wurden.


Die Veranstaltungen des Österreichischen Jüdischen Museums


Führungen für Schulgruppen in der Synagoge

Die ehemalige Synagoge Kobersdorf – eintreten, erfahren, staunen: Grundlegendes über Synagoge, Gottesdienst und Tora und die jüdische Gemeinde Kobersdorf.

Termine: 3. Mai, 25. Mai, 15. Juni, 27. Juni, 22. Juli, 14. September, 29. September, 21. Oktober 2022 – Beginn jeweils um 09.30 Uhr
Dauer: 1 Stunde

Beitrag: € 2 (pro TeilnehmerIn)
Treffpunkt: Ehemalige Synagoge Kobersdorf, Schlossgasse, 7332 Kobersdorf

Bitte beachten Sie:

  • Anmeldung unbedingt jeweils bis 2 Tage vor der Veranstaltung erforderlich (telefonisch: +43 (0)2682 65145 oder per E-Mail: info@ojm.at).




Führungen am Waldfriedhof in Kobersdorf (auf Wunsch auch Besichtigung der Synagoge möglich)

Der jüdische Friedhof Kobersdorf ist wohl einer der beeindruckendsten und „schönsten“ jüdischen Friedhöfe in Österreich. Ein Waldfriedhof mit heute etwa 650 Grabsteinen, die so wie alle jüdischen Friedhöfe im Burgenland, ausschließlich hebräische Grabinschriften haben. Alle Grabsteine erzählen Geschichten: Solche mit Augenzwinkern wie über den armen Halbnarren, der Schulklopfer in Kobersdorf war. Geschichten über die großen Gelehrten der jüdischen Gemeinde, die wie zu einem Gruppenfoto am Friedhof aufeinander treffen. Und dramatische Geschichten wie über die vier jüdischen Todesopfer bei der schrecklichen Hochwasserkatastrophe 1895 oder ein Grabsteinfragment, das uns die Tragödie des letzten Rabbiners der Gemeinde vor Augen führt (siehe oben Einleitung).

Die Führungen macht Johannes Reiss, immer an einem Sonntag:

Termine: 15. Mai (10.30 Uhr), 12. Juni (10.30 Uhr), 10. Juli (18 Uhr), 17. Juli (18 Uhr), 24. Juli (18 Uhr), 31. Juli (18 Uhr), 21. August (10.30 Uhr), 11. September (10.30 Uhr) (29. August 2022: dieser Termin musste leider storniert werden), 23. Oktober (10.30 Uhr)
Dauer: ca. 60-90 Minuten

Beitrag: € 10 (pro TeilnehmerIn)
Männer bitte eine Kopfbedeckung mitnehmen.
Treffpunkt: Jüdischer Friedhof Kobersdorf, Waldgasse, rechte Seite, gleich nach dem Haus Nummer 42 (Google Maps Plus Code: H9WP+58 Kobersdorf), 7332 Kobersdorf.
Der jüdische Friedhof ist in Kobersdorf sehr gut beschildert und mit dem Auto ist die Zufahrt bis vor den Friedhof möglich.

Bitte beachten Sie:

  • Anmeldung unbedingt jeweils bis 2 Tage vor der Veranstaltung erforderlich, Führung findet ab mindestens 5 Personen statt (telefonisch: +43 (0)2682 65145 oder per E-Mail: info@ojm.at).




Außerdem möchten wir gerne zu zwei Vorträgen bzw. Workshops hinweisen, die im Rahmen des Programms der Burgenländischen Volkshochschulen stattfinden:

Vortrag Johannes Reiss:
Deutsch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Latein und Griechisch?
Über die Sprachvielfalt in den ehemaligen jüdischen Gemeinden.

Jüdinnen und Juden sprachen ein schöneres Deutsch als ihre nichtjüdische Umgebung, im jüdischen Zentralarchiv finden wir Dokumente auf Hebräisch und solche auf Deutsch, aber mit hebräischen Buchstaben geschrieben, auf allen jüdischen Friedhöfen gibt es nur hebräische Grabinschriften, auf der Jeschiwa, der jüdischen Hochschule, wurde Latein und Griechisch unterrichtet, und die Wissenschaft behauptet, dass im Burgenland neben Deutsch und Ungarisch auch Jiddisch gesprochen wurde…
Wir versuchen, die fast schon babylonische Sprachenverwirrung in den ehemaligen jüdischen Gemeinden der Region ein wenig zu entschlüsseln.

Termine:
02. Mai 2022 ehemalige Synagoge Kobersdorf, 18 Uhr
16. Mai 2022 Österreichisches Jüdisches Museum, 18 Uhr




Vortrag bzw. mehr Workshop, Johannes Reiss:
Hilfe, ich kann nicht Hebräisch…

… ich möchte aber gerne wissen, was in einer hebräischen Grabinschrift steht.
In ca. 1 Stunde lernen wir Namen und Sterbedatum auf hebräischen Grabinschriften zu identifizieren und zu lesen.

Termine:
13. Juni 2022 jüdischer Friedhof Kobersdorf, 15 Uhr
20. Mai 2022 Österreichisches Jüdisches Museum, 15 Uhr
(wir gehen natürlich dann gemeinsam zum älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt)


Alle Veranstaltungen in bzw. rund um die renovierte ehemalige Synagoge Kobersdorf siehe Website Land Burgenland!


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Familienfoto

Ganz oben rechts, in der nordwestlichen Ecke des jüdischen Friedhofes von Kobersdorf, finden wir eine Formation von Grabsteinen, die gleich auf den ersten Blick ins Auge fällt. Etwas abgehoben, abgesetzt…

Ganz oben rechts, in der nordwestlichen Ecke des jüdischen Friedhofes von Kobersdorf, finden wir eine Formation von Grabsteinen, die gleich auf den ersten Blick ins Auge fällt.
Etwas abgehoben, abgesetzt von den anderen Grabsteinen, befindet sich dort eine Gruppe von sehr schönen und mächtigen Grabsteinen, die zudem fast alle auffällig lange Grabinschriften haben.

von links: 1. Reihe: Josefa Alt, Johanna Alt, David Alt, Lazar Alt, 2. Reihe: Mose Alt, 3. Reihe: Ester Alt, Sigmund Alt

von links: 1. Reihe: Josefa Alt, Johanna Alt, David Alt, Lazar Alt, 2. Reihe: Mose Alt, 3. Reihe: Ester Alt, Sigmund Alt



Wissen wir, wem die Grabsteine gehören, mutet es an, als wäre diese Anreihung der Grabsteine in drei Reihen die Versammlung einer Großfamilie, die sich zum Gruppenfamilienfoto aufgestellt hat. Und die gleichzeitig über 160 Jahre jüdische Geschichte von Kobersdorf erzählt. Eine Geschichte, die aber noch viel weiter reicht: von der berühmten und von Rabbiner David Alt Eibnitz (geb. ca. 1775) geleiteten Jeschiva bis zum Gemischtwarengeschäft von Moses Alt, bis Auschwitz und bis ins Exil in Kanada und Israel.

Die Familie Alt

In der Mitte der drei Reihen ‒ und allein in seiner Reihe ‒ der hervorstechende Grabstein des Mose Alt, der 1924 starb und im Sterbebuch als Kaufmann, im Hochzeitsbuch (noch) als Talmudist eingetragen ist. Der Grabstein von Mose Alt symbolisiert sozusagen auch mit seinem Standort in der 2. Reihe den Übergang von den Gelehrten- und Rabbinergenerationen seiner Eltern und Großeltern (1. Reihe) hin zu der mehr bürgerlichen und zunehmend assimilierteren Generation seiner Kinder- und Kindeskinder (3. Reihe).

Denn in der ersten Reihe unserer Formation, also in der Reihe vor Mose Alt, liegen sein Vater, Rabbiner Lázár (Abraham Elieser Se’ev / Wolf) Alt und seine Mutter Josefa / Pepi / Paulina (Feierl bzw. Peierl) Alt, geb. Neumann sowie sein Großvater, der große Rabbiner David Alt Eibnitz und seine Großmutter Johanna / Hani (Chana) Alt Eibnitz, geb. Kunitz.

In der dritten Reihe, also in der Reihe hinter Mose Alt, sind zwei seiner früh verstorbenen Kinder begraben: Esther Alt, starb 1928 mit 26 Jahren an Lungenentzündung, ihr Bruder Sigmund Alt starb 1936 mit 46 Jahren.
Deren Geschwister Max und Adele Alt hatten ihr Geschäft in der Schlossgasse, eine Filiale befand sich in der Hauptstraße von Kobersdorf. Ein weiterer Bruder, Gustav (Gedalja) Alt, geboren 1898 in Kobersdorf, floh 1939 nach Frankreich und kam 1940 in das Sammellager Drancy. 1942 wurde er nach Auschwitz deportiert und ermordet ( Schoa-Opfer).


Grabstein David Alt Eibnitz

Grabstein David Alt Eibnitz.

Der Großvater von Moses Alt, Rabbiner David Alt Eibnitz, war 43 Jahre lang, von 1807 bis zu seinem Tod im Jahr 1850 Rabbiner in Kobersdorf und damit der längst dienende Rabbiner der Gemeinde. Seine rabbinische Ausbildung genoss er immerhin bei einem der Größten aller Zeiten, bei Chatam Sofer, der von 1798 bis 1806 Rabbiner in Mattersdorf war.
Es heißt, dass dieser dem Rabbiner David Alt geraten hätte, immer einen jüdischen Kalender bei der Hand zu haben, in dem die Minhagim (Bräuche) angeführt werden. Und zwar deshalb, damit es nicht passieren kann, dass ein Gemeindemitglied mit simplem Gemüt den Rabbiner auf einen nicht so wichtigen Minhag aufmerksam macht, an den sich er (der Rabbiner) nicht gehalten hätte. Der Kalender hilft dem Rabbiner solche misslichen Situationen zu vermeiden.
Auch die wunderschöne und gelehrte Grabinschrift zeugt von der großen Bedeutung Rabbiner David Alts und der Wertschätzung, die die Gemeinde ihm entgegenbrachte.

Die Nachfolge von Rabbiner David Alt Eibnitz trat Rabbiner Abraham Shag Zwebner an.
Zwebner wurde am 17. April 1801 (04. Ijjar 561) in Hlohovec (deutsch: Freistadl) in der Slowakei geboren, studierte ebenfalls bei Rabbiner Chatam Sofer (1762-1839) in Pressburg, wo er auch die Smicha erhielt, also die formelle Einsetzung als Rabbiner. 1851 kam er als Rabbiner nach Kobersdorf. In seine Amtszeit fiel auch der Neubau der Synagoge von Kobersdorf im Jahr 1860. Mehr über Rabbiner Abraham Zwebner in unserem Blogartikel „Die ehemalige Synagoge in Kobersdorf„.
Seine Ehefrau Leni (Rebekka Lea), geb. Spitz, starb schon 1863 und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben und zwar ebenfalls in der Alt-Reihe, unmittelbar neben Josefa / Pepi / Paulina (Feierl bzw. Peierl) Alt, geb. Neumann (siehe das Bild ganz oben im Header), der Ehefrau des Nachfolgers und Sohnes von Rabbiner David Alt Eibniz, Lázár (Abraham Elieser Se’ev / Wolf) Alt.

Lazar Alt

Lázar Alt, der als Rabbiner eine ebenso große Bedeutung wie sein Vater erlangte, war bis zu seinem Tod am 07. April 1898 Rabbiner von Kobersdorf. Im Jahr 1895 hatte er die schreckliche Hochwasserkatastrophe miterlebt und konnte sein Leben nur durch die Flucht auf einen Sparherd (Küchenhexe) retten.

Die zeitgenössische ungarische Presse berichtet nach seinem Tod von

einer bis dahin selten wahrgenommenen Trauer, die die gesamte Gemeinde überschattete…

Die hinterlassenen Werke (Manuskripte) des Verstorbenen wurden auf seinen Sarg gelegt. Sie waren alles, was ihm geblieben war: Er hatte ein asketisches Leben geführt und von seinem bescheidenen Gehalt mehr an die Armen verteilt als für sich selbst behalten.

Egyenloseg, April 17, 1898


Vielen herzlichen Dank vor allem an Frau Naomi Atlani, Kanada, eine unmittelbare Nachfahrin der Familie Alt, für die Zurverfügungstellung von vielen Bildern und Familiendokumenten.


3 Kommentare zu Familienfoto

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