R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר)


Rabbiner von Mattersdorf 1842-1857

Geboren Ende 1820 bzw. Anfang 1821 als zweiter Sohn des R. Moses Sofer (Chatam Sofer) in Pressburg. Beschnitten am 14. Jänner 1821 (11. Schwat 5581) von seinem Vater. Sein älterer Bruder R. Abraham Samuel Benjamin (Wolf) wurde nach dem Tode des Chatam Sofer zum Rabbiner von Pressburg ernannt.

Der kleine Simon war ein begabtes, frühreifes Kind. Schon als Kleinkind nahm ihn sein Vater zu seinen öffentlichen Toravorträgen, die er an jedem Donnerstag abhielt, mit. Mit neun Jahren soll er bereits eigene Ideen entwickelt haben. Mit 13 Jahren, anlässlich seiner Bar Mitzwa-Feier, verlieh ihm sein Vater den Titel ›Chawer‹; er galt somit als Toragelehrter. Zu diesem Zeitpunkt studierte er bereits an der berühmten Jeschiwa seines Vaters. Seine Ideen und Erkenntnisse pflegte er zu Papier zu bringen, wobei er von seinem Vater angeleitet wurde.

Diese Hochbegabung und geistige Anstrengung scheint von dem jungen Mann ihren Preis gefordert zu haben. Obwohl seiner Veranlagung nach eigentlich eine Frohnatur, sei er als junger Mann von Depressionen befallen worden, berichtet uns sein Sohn im Vorwort zum Werk › Michtaw Sofer‹. R. Simon habe die Gesellschaft von anderen Menschen gemieden und häufig geweint. Sein Vater und Meister habe das jedoch bemerkt, ihn zu einem Gespräch unter vier Augen in sein Privatzimmer bestellt und ihm befohlen, ihm längere Zeit in die Augen zu schauen. Er habe sodann eine große Freude verspürt, die auch weiterhin angehalten habe.

Im Alter von 16 Jahren verehelichte sich R. Simon mit Miriam, der Tochter des angesehenen und gelehrten Kaufmanns R. Dow Ber Sternberg aus Nagykaroly (Carei Mare, Rumänien) und wohnte danach bei seinem Vater in Pressburg. Von seinem wohlhabenden Schwiegervater hatte er zahlreiche prächtige Hochzeitsgeschenke bekommen ‒ darunter silberne Becher und Löffel. Kam nun ein verarmter ehemaliger Mitschüler oder sonst ein Bedürftiger zu ihm, so veranlasste ihn sein gutmütiges Wesen, der jeweiligen Person ein oder zwei Löffel zu schenken. Das ging so lange, bis eines Tages seine Frau dahinterkam, dass der schöne Hochzeitsschatz verschwunden war. R. Simon beschwörte seine Frau: »Nur keine Verdächtigungen!« ‒ er kannte ja den ›Dieb‹! Der Chatam Sofer lächelte nur, als er die Klagen seiner Schwiegertochter hörte, und entschied, dass der Schlüssel zum Silberschrank in Hinkunft bei ihr zu verbleiben habe.

Auf Betreiben seines Vaters begann R. Simon nach seiner Verheiratung mit dem Studium der Kabbala, worin er durch einen Schüler seines Vaters, R. Nathan Wolf Lieber (später Dajjan in Pressburg), angeleitet wurde. Diesen Studien blieb er auch in späteren Jahren treu.

Im Jahre 1839, nach dem Tode seines Vaters, übersiedelte die kleine Familie ‒ dem Paar war mittlerweile sein erstes Kind geboren worden ‒ zu den Schwiegereltern nach Nagykaroly.

Im Jahre 1842, im Alter von nur 22 Jahren, wurde R. Simon zum Rabbiner der Mattersdorfer Gemeinde ernannt. Bereits sein Vater war Rabbiner in dieser Gemeinde gewesen, bevor er nach Pressburg kam. Sein besonderes Augenmerk richtete R. Simon auf die Lehrtätigkeit und die Vergrößerung der Jeschiwa sowie auf die Jugenderziehung. Darin ähnelte er seinem Vater, wie er überhaupt dem Chatam Sofer in jeder Beziehung nachzueifern suchte.

Noch vor seiner Ankunft in der Gemeinde hatte er sich schriftlich bei der Mattersdorfer Gemeinde über die Möglichkeit zur Unterhaltung einer größeren Jeschiwa erkundigt. Als er dann schließlich in Mattersdorf ankam, ließ er alle seine Forderungen bezüglich der Jeschiwa in seinem Bestellungsschreiben festlegen. In § 10 steht:

Um der Forderung unseres Rabbiners nach der Unterhaltung der Jeschiwa-Studenten nachzukommen, verpflichten wir uns, zwölf Jünglinge zu verpflegen. Sie sollen ihre tägliche Mahlzeit sowie ihr Sabbathmahl erhalten. Falls es mehr Burschen werden sollten, dann möge sich der Rabbiner aus diesen nach seinem Gutdünken zwölf auswählen.

Die Unterrichtsmethode war jener an der Pressburger Jeschiwa identisch.

Es wird R. Simon nachgerühmt, dass er sich auch mit dem kleinsten Kind vorzüglich zu verständigen wusste. Hier ist auch zu erwähnen, dass er den Sohn des früh verstorbenen Dajjans R. Joel Fellner, R. Schimon Chajim, später Dajjan in Deutschkreutz und Rabbiner in Beled (Ungarn), wie einen eigenen Sohn aufzog.

Im August 1852 kam Dr. Marcus (מאיר) Lehmann, der nachmalige Rabbiner der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft von Mainz, nach einem Besuch seines Lehrers Rabbiner Dr. Esriel (עזריאל) Hildesheimer (damals noch in Eisenstadt, später in Berlin) in Mattersdorf an. Über sein Zusammentreffen mit R. Simon schreibt er:

Abends 8 Uhr kam ich daselbst an und suchte sofort den dortigen Oberrabbiner Simon Schreiber auf. Sowohl er wie seine Frau Gemahlin empfingen mich auf’s Freundlichste und ließen mich nicht fort, bis die Uhr die Mitternachtsstunde verkündete. Diese wenigen Stunden sind mir unvergesslich geblieben. Oberrabiner Schreiber, einer der schönsten Männer, die ich gesehen habe – er zählte damals 32 Jahre – überschüttete mich förmlich mit wundervollen Erklärungen schwieriger Talmud-, Midrasch- und Bibelstellen, darunter Vieles von seinem großen Vater, dem Oberrabbiner von Pressburg, Rabbi Moscheh Sopher (Schreiber).

Israelit 27/28 (1885), Belletristische Beilage, S. 461.

Lehmann berichtet dann über den Ernst, mit dem R. Simon für die Erhaltung der jüdischen Lehre in Mattersdorf wirkte. In der einigen hundert Familien zählenden orthodoxen Gemeinde hatte eine Gemeindemitglied eine auswärtige Frau geheiratet, die – entgegen der jüdischen Sitte – nach der Hochzeit ihr Haar nicht bedeckte. Als R. Simon dies vernahm, bestellte er die Vorsteher der Gemeinde zu sich und machte ihnen klar, er werde sein Amt niederlegen, falls dieser Übertretung kein Ende gesetzt werde. Die Vorsteher, die den Rabbiner unbedingt behalten wollten, bemühten sich die junge Frau zum Bedecken des Haares zu überzeugen. Da diese sich jedoch starrsinnig weigerte, veranlassten sie das Ehepaar, seinen Wohnsitz in einen anderen Ort zu verlegen.

Nach einigen Quellen soll R. Simon im Jahre 1857 zum Rabbiner von Papa (Ungarn) gewählt worden sein. Er war aber in dieser Stadt nie tätig. [Von 1854 bis 1859 war der Rabbiner von Papa übrigens R. Samuel Sommer, der Vater des in Mattersdorf beerdigten Pinchas Sommer.]

Rabbiner in Krakau

1858 kamen Boten der großen und berühmten Gemeinde Krakau und trugen R. Simon den schon lange Zeit verwaisten Rabbinerssitz in ihrer Stadt an. Dieser weigerte sich zunächst. Zu groß erschien ihm die Verantwortung. Erst die Zurede des berühmten ›Zanser Rebben‹ R. Chaim Halberstamm (aus dem galizischen Neu-Sandec = Nowy Sacz, Polen) veranlasste ihn zur Annahme. Am Donnerstag, den 14. März 1861 traf R. Simon an seiner neuen Wirkungsstätte ein:

An der Eisenbahnstation Schubin (Szubin, Polen), einige Stunden von Krakau, wurde derselbe bereits vom Cultusvorstande und einigen hundert Gemeindemitgliedern empfangen. Am Bahnhofe in Krakau war die gesammte Gemeinde, mehr als 10.000 Personen, anwesend, und auch Deputationen der übrigen Confessionen. Jung und Alt begrüßte mit lautem Jubelrufe den hochverehrten Oberrabbiner und der Zudrang zu seiner Person war so groß, daß Militär und Polizei Spalier bilden musste, um ihn und seinem Gefolge die Erreichung der großen Synagoge zu ermöglichen; nichts destoweniger währte der Zug volle drei Stunden. In der Synagoge hielt Herr S. sofort die geistvolle Antrittsrede, durch die der allgemeine Enthusiasmus nicht wenig gesteigert wurde. – Abends war die Judenstadt illuminiert.

Israelit 13/14 (1861), S. 165.

Abgeordneter im österreichischen Reichsrat

1879 wurde R. Simon Sofer im ostgalizischen Wahlkreis Kolomea-Buczacz-Sniatyn in den Reichsrat gewählt (siehe auch den Eintrag auf der Website des Parlaments). Er war ein Kompromisskandidat der nationalpolnischen Partei, da diese ihren ursprünglichen Kandidaten nicht hatte durchbringen können. R. Simon hatte den Polen seine Unterstützung versprechen müssen. Der überaus einflussreiche ›Belser Rebbe‹, einer der wichtigsten chassidischen Führer, hatte sich tatkräftig für die Kandidatur eingesetzt. Als sich im Lande die Nachricht verbreitete, daß der Krakauer Rabbiner zum Abgeordneten gewählt worden sei und nach Wien ins Parlament des Kaisers fahren werde, da tanzten die Juden auf der Straße. Die Feste, die damals selbst im kleinsten jüdischen Dorf gefeiert wurden, sollen tagelang gedauert haben.

R. Simon muss im Reichsrat einen recht kuriosen Eindruck gemacht haben, wie er da so auf der äußersten Rechten mitten unter den Polen saß: ein recht korpulenter Mann in einem langen Kaftan aus schwarzer, schimmernder Seide, das Haupt bedeckt mit einer hohen Samtkappe, mit wallendem graumeliertem Vollbart und den langen Schläfenlocken (Pe’ot oder jidd. Pejes) der Ostjuden.

R. Simon Schreiber

R. Simon Schreiber, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Simon_Schreiber.jpg



Höchst ungewöhnlich war auch sein Auftreten. Im Parlament erschien er gewöhnlich in Begleitung einer Schar junger Leute, welche bis zum Schluss der Sitzung auf der Galerie oder in der Vorhalle des Hauses auf den Meister wartete und ihn dann wieder nach Haus geleitete. Wenn die Sitzung lange dauerte, so dass die Zeit für das Mincha-Gebet (Nachmittagsgebet) kam, verließ der Rabbiner seinen Sitz und begab sich in ein kleines Nebenzimmer des Parlamentsgebäudes, wohin auch die Jünger-Schar eilte. Es wurde also das Minchagebet mit Minjan (die für das Gebet mindest erforderlichen zehn Männer) verrichtet. Sodann nahm R. Simon wieder seinen Sitz im Parlament ein, um bei der Abstimmung zugegen sein zu können.

Im Reichsrat stimmte der Krakauer Rabbiner stets mit den Polen, ergriff aber kein einziges Mal das Wort. Auch an den Beratungen des ›Polenklubs‹ nahm er nicht teil, weil er der polnischen Sprache nicht mächtig war. Seine Gegner schmähten in als einen weltfremden Mann, seine Anhänger betonten jedoch die Wichtigkeit der Anwesenheit des Rabbiners im Reichsrat für die Juden: judenfeindliche Anträge würden von den Polen nicht zur Abstimmung zugelassen, weil sie fürchteten, R. Simon werde dann nicht mehr für sie stimmen.

Im Reichsrat, dem damals auch der Antisemitenführer Georg von Schönerer angehörte, zirkulierte ein Witz, der nebenbei auch seine politische Spitze hatte: Beim Namensaufruf kam stets ‒ trotz des Alphabets ‒ Schreiber vor Schönerer. So hieß es einmal auch:

Herr Abgeordneter Schreiber« ‒ »Hier!« ‒ »Herr Abgeordneter Schönerer« ‒ »Fehlt!« ‒ »Kunststück, es ist kaner ›schönerer‹ nach dem Schreiber…


Vor dem Kaiser

Im Jahre 1876 hatte R. Simon seine erste Audienz beim Kaiser. Über den Verlauf lesen wir im ›Israelit‹:

Nachdem vom Oberrabb. der übliche Segen gesprochen wurde, sagte Se. Majestät: ›Es freut mich, eine solche ehrwürdige Person in meiner Burg zu empfangen‹. Der Herr Oberrabbiner, der an einem Herzübel leidet, war sehr ergriffen und bewegt, da diese Audienz seine erste war. In diesem Zustand der Aufregung entfiel ihm das Majestätsgesuch aus den Händen. Der Kaiser bückte sich sofort, nahm das Gesuch und übergab es dem Herrn Oberrabbiner mit der Bemerkung: “Sie haben etwas fallen lassen”, eine kaiserliche Herablassung, die wohl im Leben selten vorkommt. Als nun der Herr Oberrabbiner schließlich seine ehrfurchtsvolle Bitte wegen der Begnadigung des Kreisrabbiners Halberstamm wiederholte, erwiederte Se. Majestät: ›Reisen Sie ruig nach Hause und erwarten Sie das Beste.‹

Israelit 14/15 (1876), S. 333f.

In einem Brief an einen seiner Söhne schrieb R. Simon später:

Als ich vor dem Kaiser stand, war meine Furcht vor ihm so groß, daß ich es nicht verspürte, als das Papier meiner Hand entglitt. Und dabei war ich doch nur vor dem König. Wie groß müßte erst unsere Furcht vor dem König der Könige [= Gott] sein…

Am 3. September 1880 stand R. Simon beim Empfang des Kaisers in Krakau an der Spitze der jüdischen Delegation. Diesmal war er offensichtlich schon abgebrühter und weniger nervös:

An der Spitze derselben [der versammelten jüdischen Bewohner] standen die Vorsteher der Gemeinde und unser berühmter Oberrabbiner, der Reichsratsabgeordnete Herr Simon Schreiber נ“י, in polnisch-jüdischer Nationaltracht, mit Zobelmützen auf ihren Häuptern, die heiligen, reichverzierten Thorarollen in ihren Armen haltend. Am Nachmittage hatten der Oberrabbiner und die Vorsteher das Glück, in feierlicher Audienz vom Kaiser empfangen zu werden. Der Oberrabbiner erbat die Erlaubniß, sein Haupt bedecken zu dürfen, um den üblichen Segensspruch in hebräischer Sprache sprechen zu können. Se. Maj. gewährte diese Erlaubniß auf’s Gnädigste, worauf der Rabbiner und die Vorsteher ihre Häupter bedeckten und mit lauter Stimme den hebräischen Segenesspruch aussprachen. Hierauf brachte der Rabbiner dem geliebten Monarchen die Wünsche seiner Gemeinde in deutscher Sprache dar, indem er sprach: ›Es ist unser tägliches Gebet, daß der allgütige Gott Eurer Majestät Gesundheit und langes Leben verleihen möge, damit sämmtliche Völker Österreichs noch eine lange Reihe von Jahren das Glück haben mögen, unter Euer Majestät glorreicher Regierung sich des Friedens und des Wohlwollens zu erfreuen‹. … Zu dem Oberrabbiner sagte der Kaiser: ›Sie sind Rabbiner in Krakau; Sie sind auch Mitglied des Reichsrates und stimmen mit den Conservativen.‹

Israelit 39 (1880), S. 941-943.

Kampf gegen Reformen im Judentum

Ähnlich wie in den Nachbarländern Deutschland und Ungarn war im 19. Jahrhundert auch in Galizien ein heftiger Streit in Bezug auf jüdisch-religiöse Angelegenheiten entbrannt. 1808 hatte sich unter fortschrittlich gesinnten Juden der Verein ›Schomer Israel‹ gebildet, der eine Reformierung in der Verwaltung der größeren Gemeinden im Lande anstrebte. Die Vorschläge und Ideen riefen unter den Orthodoxen Widerstand hervor, da dadurch an altüberkommenen Bräuchen und Gepflogenheiten gerüttelt wurde. Im Juni 1878 berief der ›Schomer Israel‹ zwecks Beratungen zur Verwirklichung seiner Zeile einen galizisch-jüdischen Gemeindetag nach Lemberg (Lviv, Ukraine) ein. Einen solchen Plan empfanden die chassidischen und alt-orthodoxen Rabbiner als einen Stoß ins Herz. Es begann sich Widerstand zu formieren. An der Spitze der Orthodoxen stand der Krakauer Rabbiner R. Simon Sofer.

R. Simon zählte zu den Gründern der Vereinigung gesetzestreuer Juden ›Machsike Hadas‹ (מחזיקי הדת), die sich u.a. die Einflussnahme des orthodoxen Judentums auf die Politik sowie die Entsendung orthodoxer Persönlichkeiten in den Reichsrat zum Ziel gesetzt hatte R. Simon gab unter dem gleichen Namen auch eine hebräische Wochenschrift heraus, die sich bis 1914 hielt. [Einige Nummern finden sich bei HewbrewBooks online] Im Jahre 1878 war die von ihm geführte Bewegung bereits derart angewachsen, dass in Lemberg eine große Konferenz der gesetztreuen galizischen Juden gegen alle Reformbestrebungen abgehalten werden konnte. Neben Chassidim und Mitnagdim (nichtchassidische Orthodoxe), chassidischen Rebbes und Gelehrten beteiligten sich daran auch Abgesandte aus orthodoxen Gemeinden in Österreich, insbesondere aus Böhmen und Mähren. Rabbi Simon selbst führte den Vorsitz.

Es ist kein Wunder, dass der rührige Krakauer Rabbiner sich alsbald den Zorn der ›Forschrittspartei‹ zuzog. Im Jahre 1880 schreibt die Berliner ›Jüdische Presse‹, ein orthodoxes Blatt, der Lemberger ›Israelit‹ befleißige sich »einer Hetzerei gegen den Oberrabbiner Schreiber von Krakau, welche einen sehr unangenehmen Eindruck macht.«

Zur Stärkung der konservativen Kräfte nahm R. Simon Verbindung mit chassidischen Rabbinern auf. 1881 nahm er an einer vom Kultusministerium einberufenen vertraulichen Enquete österreichischer Juden zur Vorberatung eines die Rechtsverhältnisse der jüdischen Konfession regelnden Gesetzes teil. Als Reichsratsabgeordneter wollte er einen Antrag auf Trennung der Orthodoxen von der Gesamtjudenheit des Landes stellen (ähnlich wie Ungarn und Deutschland), doch wurde ein solcher nicht zugelassen.

Eine weitere Versammlung der ›Machsike Hadas‹ wurde auf den 15. Februar 1882 nach Lemberg einberufen, auf der etwa 200 Rabbiner und chassidische Rebbes sowie an die 800 Gemeindevertreter aus Galizien und der Bukowina erschienen. R. Simon legte einen Statutenentwurf für die Gemeinden vor, der nicht von allen gutgeheißen wurde. Nach tumultösen Verhandlungen wurde von den orthodoxen Rabbinern ein Sendschreiben mit Vorschriften bezüglich von jüdischen Gemeinde- und Abgeordnetenwahlen erlassen. Das erklärte Ziel war es, das jüdische Gemeindeleben gemäß den Vorschriften des rabbinischen Gesetzeskodex ›Schulchan Aruch‹ zu gestalten. Die liberal gesinnten Juden wandten sich an die galizische Oberstaatsanwaltschaft mit der Klage, das erwähnte Sendschreiben verhindere die freie Ausübung staatsbürgerlicher Rechte. Außerdem hätten die Rabbiner mit der Verhängung des rabbinischen Bannes (חרם) gedroht, eine Maßnahme, die im Habsburgerreich schon seit langem gesetzlich verboten war. Der Lemberger Staatsanwalt erhielt daraufhin im März 1883 die Anweisung, eine Vorerhebung und eventuell später eine strafgerichtliche Untersuchung wegen Erpressung gegen R. Simon einzuleiten. Die Ermittlungen wurden später eingestellt.

Der Fall erregte in Österreich und Deutschland seinerzeit großes Aufsehen. Ein angeblicher ›Hirtenbrief‹ R. Simons tauchte auf, der auch in der ›Neuen Freien Presse‹ vom 23. März 1883 abgedruckt ist. Dementis folgten: Des Rabbiners Söhne behaupteten, ihr Vater habe niemals einen solchen Bann ausgesprochen; die Behauptung beruhe auf einem Missverständnis des hebräischen Blattes ›Machsike Hadas‹. Und der ›Hirtenbrief‹ sei eine plumpe Fälschung.


Tod

R. Simon verstarb plötzlich am 25. März 1883 (17. Adar II 5683). War ihm die Aufregung um seine Person zu viel geworden? Jedenfalls ist bekannt, dass er schon jahrelang an einer Herzkrankheit gelitten hatte. Besonders der gefälschte ›Hirtenbrief‹ soll ihn äußerst erregt haben. Einige Tage vor seinem Tode soll ihm sein Vater, der Chatam Sofer, im Traum erschienen sein und ihm sein baldiges Ableben verkündigt haben. Ein in mehreren Zeitungen veröffentlichtes Telegramm aus Krakau berichtet über die Todesumstände:

Rabbiner Schreiber fühlte sich seit gestern etwas unwohl. Heute Mittags sprach er noch mit mehreren Personen, welche ihn besucht hatten, über verschiedene Angelegenheiten; um 5 Uhr Nachmittags wurde er plötzlich ohnmächtig, und nach kurzer Agonie trat der Tod ein, wahrscheinlich in Folge eines Herzschlages.

Neue Freie Presse 6673 (27.3.1883), S. 2; Jüdische Presse (Berlin) 13 (1883), S. 141.

R. Simons Begräbnis gestaltete sich zu einer Massenveranstaltung. Sogleich nach des Rabbiners Ableben telegrafierte der Krakauer Kultusvorstand die traurige Nachricht an verschiedene Rabbiner. Der berühmte und hochangesehene Rabbiner von Przemysl (Peremyshl, Ukraine), R. Jizchak Schmelkes, traf daraufhin als prominentester Trauergast am Dienstag früh in Krakau ein.

Am Leichenzuge, der um 3 Uhr Nachmittags begann, betheiligte sich die ganze hiesige israel. Einwohnerschaft, מנער ועד זקן (Jung und Alt), auch viele von den nahe gelegenen israel. Gemeinden, zu deren Ohren die erschütternde Botschaft gedrungen war. Die Straßen von der Wohnung des Rabbiners bis zum Friedhofe waren schon vor Beginn des Zuges so sehr von Menschen angefüllt, daß Alles dicht gedrängt stand. Auch der hiesige Bürgermeister Dr. Weigl begleitete den Zug, welcher vor der alten Synagoge hielt, wo der allgemein beliebte, verehrte Schwiegersohn des Verblichenen הרב ר“ עקיבא (R. Akiva) Kopeneer [sic!, muss heißen: Kornitzer] seinem Schwiegervater die Nachrede hielt. Redner vermochte kaum seiner Regung Herr zu werden, und konnte nur durch tiefes Schluchzen seinem Schmerze Luft machen, worin natürlich alle Begleitenden weinend einstimmten. Da bei der Familie Schreiber der Brauch vorherrscht, nur von eigenen Kindern Grabreden abhalten zu lassen, konnte der Przemysler Rabbiner erst, nachdem der Verblichene zur ewigen Ruhe gebracht, zum Worte kommen.

Israelit 28 (5.4.1883), S. 481-482.

Und im Reichsrat hielt der Präsident in der Sitzung vom 5. April 1883 R. Simon die folgende Nachrede:

Ich habe dem hohen Hause noch eine andere Trauerbotschaft zu verkünden. Während der Unterbrechung unserer Sitzungen ist unser College. Herr Abg. Simon Schreiber, Ober-Rabbiner in Krakau, einem Schlaganfalle erlegen. Wenn es dem Verstorbenen nicht gegünnt war, den Berathungen des hohen Hauses in dem Maße nachzukommen, wie er es sicherlich gewünscht hat, so ist es auf seine seit mehreren Jahren bereits beseutend untergraben gewesende Gesundheit zurückzuführen; sicher ist, daß der Verstorbene im Grunde seiner gesellschaftlichen und seiner Berufsstellung sich bei dem weitaus größeren Theile seiner Glaubensgenossen in Galizien eines sehr hohen Ansehens und eines sehr bedeutenden Einflusses erfreute. Selbstverständlich kann es auch nicht meine Aufgabe sein, und ich fühle auch nicht den Beruf unhd das Geschick dazu, sein Wirken in seiner Berufsstellung einer Kritik zu unterziehen. Doch der persönliche Verkehr mit ihm hat mir die gewissenhafte Überzeugung verschafft, daß nicht persönliche Motive, nicht selbstsüchtige Zwecke, sondern tiefinnerste religiöse Öberzeugung diesem seinem Wirken in seiner Berufsstellung zu Grunde lag und es ist dies ein Moment, welches auf Achtung Anspruch hat, und deßhalb begleite ich auch sein Hinscheiden mit inniger Betrübniß. Ich nehme an, daß auch das hohe Haus, indem es sich während dieser meiner Ansprache bereits erhoben hat, ihm ein ehrendes Andenken bewahren wird, und daß es zustimmen wird, daß diese Anerkennung des hohen Hauses im Protocolle der heutigen Sitzung verzeichnet werde.

Israelit 30 (12.4.1883), S. 506-507.


Werke

›Michtaw Sofer‹, 2 Bde., 1952-1955 (Responsen und Predigten)

Kinder

  • R. Akiva (Jakob; 1839 – 1902); Kaufmann in Papa (Ungarn)
  • Moses (1844; s. Grunwald, Nr. 16, S. 497)
  • Moses (st. 1845; s. Grunwald, Nr. 17, S. 497) (beide Kinder ›Moses‹ sind am jüdischen Friedhof von Mattersdorf begraben)
  • R. Israel David Simcha Bunem (Bernhard; 1846 – 1899), Realitätenbesitzer in Warschau
  • R. Joel (1847 – ?), Realitätenbesitzer in Kutna (Kutno, Polen)
  • R. Salomon Alexander (1856 – 1924), Inhaber eines Wechselhauses in Seret in der Bukowina (Siret, Rumänien)
  • R. Ascher (1851 – 1903) in Berdiczow (Berdycziw, Ukraine)
  • Schulamit (st. 1932), Gattin des R. Meir Ascher Roth in Hundsdorf (Huncovce, Slowakei)
  • Reisel (st. 1913), Gattin des R. Akiva Kornitzer in Krakau


Literatur

  • ÖBL, Bd. 11, S. 198
  • Max Grunwald, ›Mattersdorf‹, Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1924/25, S. 437, 497
  • Kinstlicher, משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר‘ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‚זכרון‘, תשס“ה, S. 456-462
  • Shlomo Spitzer, ›Geschichte der Jeschivot im Burgenland‹, Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland, Ramat-Gan 1994, S. 50-51


Zeitungsmeldungen

  • Berufung nach Krakau: Israelit 5 (1860), S. 55-57; 9 (1861), S. 111; 13/14 (1861), S. 165-166
  • Verfrühte Berichte, er sei zum Leiter eines Rabbinerseminars ernannt worden: Israelit 43 (1861), S. 517
  • Erklärung gegen Eheschließungen durch religiös unzuverlässige Rabbiner: Israelit 22 (1870), S. 405-406
  • Die Gemeinde von Balassagyarmat will ihn zum Rabb. ernennen: Israelit 22 (1878), S. 531
  • Wahl zum Reichsratsabgeordneten: Neue Freie Presse 5335 Abendausgabe (4.7.1879), S. 2; ibid. 5356 (5.7.1879), S. 3; 5357 ibid. (6.7.1879), S. 3; ibid. 533 (8.7.1879), S. 3; Jüdische Presse (Berlin) 28 (1879), S. 313 [s. Anm.]; Israelit 29 (1879), S. 770
  • Hetze gegen ihn: Jüdische Presse (Berlin) 17 (1880), S. 193; 33 (1880), S. 374; 35 (1880), S. 398
  • Vor dem Kaiser in Krakau: Israelit 39 (1880), S. 941-943
  • Minjan im Reichstag: Israelit 52 (1880), S. 1270; Jüdische Presse (Berlin) 53 (1880), S. 618
  • Hechscher: Israelit 4 (1881), S. 90. Antrag auf Trennung: Jüdische Presse (Berlin) 14 (1881), S. 151
  • Wirksamkeit im Reichsrat: Jüdische Presse (Berlin) 44 (1881), S. 471, 479; 9 (1882), S. 88-89; 26 (1882), S. 185
  • Tod: Jüdische Presse (Berlin) 13 (1883), S. 141; 14, S. 149-151; Neue Freie Presse 6673 (27.3.1883), S. 1-2; Jeschurun (Hannover) 14 (April 1883), S. 214-215
  • Erhebungen der galizischen Staatsanwaltschaft: Neue Freie Presse 6673 (27.3.1883), S. 1, 3; Jüdische Presse (Berlin) 14 (1883), S. 151-152; 15, S. 169-170; 37 (1883). S. 437
  • Nachrufe: Jüdische Presse (Berlin) 23 (1883), S. 243, 245; 26 (1883), S. 286
  • Reminiszenzen: Israelit 27/28 (1885), Belletristische Beilage, S. 461-462; Menorah 11 (1925), S. 229-231


Schlussbemerkung

Die Gemeinde Mattersdorf wollte das Rabbinat bald nach R. Simon Sofers Abgang wieder besetzen. R. Esriel Hildesheimer, damals Rabbiner von Eisenstadt, suchte einen der ungarischen Sprache mächtigen Kandidaten, um durch denselben das Interesse der Neoorthodoxie beim Komitat vertreten zu lassen. (Ben Chananja 20 (1861), S. 180.) Alle Versuche, einen würdigen Nachfolger zu finden, blieben jedoch erfolglos, und so versah der Dajjan R. Aron Singer die Agenden eines Rabbiners bis zu seinem Tod im Jahre 1868.