Der „Importeur“ des Chassidismus nach Ungarn

Einer der bekanntesten und einflussreichsten Rabbiner in Ungarn war zweifelsohne Rabbi Mosche Teitelbaum, in jüdischen Kreisen besser bekannt unter der Bezeichung „Jismach Mosche“, nach dem gleichnamigen Buch, das er verfasste. Geboren wurde er im Jahre 1759 in Przemyśl (Polen). Sein erstes Rabbinat bekleidete er in Sieniawa (Polen), von den Juden ›Schinowa‹ genannt. 1809 kam er nach Sátoraljaújhely (kurz: Ujhely) und begründete hier eine Jeschiwa und eine chassidische Gemeinde. Damit gilt er als einer der Väter des ungarischen Chassidismus.

Rabbi Mosche war ein großer Torahgelehrter und Kabbalist. An talmudischer Gelehrsamkeit war er den bedeutendsten Rabbinern des Landes ebenbürtig. Selbst der berühmte Chatam Sofer [der Pressburger Rabbiner Moses Sofer] zollte ihm deswegen großen Respekt.

Der Charismatiker

Darüber hinaus war Rabbi Mosche eine charismatische Erscheinung. Das folgende Zitat beweist sein Talent als Prediger, seinen Sinn für dramatische Effekte und sein psychologisches Einfühlungsvermögen:

Die haggadischen [Aggada = der erzählerische Teil der Bibel] Vorträge … gewann ihm alle Herzen. Auch verschmähte er kein ihm zu Gebote stehendes Mittel, um den Effekt seiner Derascha’s [Predigten] zu erhöhen. So war die am Vorabende des Versöhnungstages zur Andacht versammelte Ujhelyer Gemeinde einst nicht wenig überrascht, als ihr predigender Rabbiner seinen Vortrag mit der Weisung unterbrach, alle anwesenden Knaben vor die heilige Lade [Toraschrein] zu führen. Die Weisung wurde zugleich vollzogen, und die Gemeinde harrte in lautloser Stille der Dinge, die da kommen werden. „Kinder“, so redete nun der Rabbi die ihn umstehenden Knaben an, „seid ihr entschlossen für unseren Glauben euer Leben hinzugeben, wenn der Heilige, gelobt sei Er, es von auch verlangt? – O, ich kenne euren Entschluss. Wolan, so rufet denn mit lauter Stimme: Ja, Rabbi, wir sind zu sterben bereit!“ – Die Kinder widerholten diesen Ruf. Die Gemeinde war tief erschüttert. Der Rabbi fuhr fort: „Herr der Welt! Die Thora nennt nur einen Isak, der sich zur Heiligung deines göttlichen Namens dem Tode weihen wollte. Siehe, hier ist eine ganze Schaar von Isaks versammelt! Blicke um ihretwillen gnädig auf uns herab!

Ben Chananja 4 (1859), S. 146

Der Wundertäter

Seinen größten Einfluss im Volk verdankte Rabbi Mosche Teitelbaum aber weder seinen intellektuellen noch seinen rhetorischen Fähigkeiten, sondern seine angeblichen Wundertaten, die von seinen Anhängern in alle Windrichtungen kolportiert wurden. So erfuhr sein Ruhm schließlich eine für die damalige Zeit immense Ausbreitung. Besonders populär waren die Talismane oder Amulette [קמיעות], die er verteilte. Hunderte von Kranken, Gebrechlichen und Hilfsbedürftigen aller Art suchten den vielgepriesenen Wundermann auf. Die meisten Kundschaften hatte Rabbi Mosche im nördlichen Ungarn; doch fehlte es auch nicht an Gästen aus anderen Gegenden des Landes. Die Anfrage war groß, ja hysterisch, und so hatte der gute Rabbi alle Hände voll zu tun um zu helfen.

Der Begehr nach kabbalistischen Rezepten wurde am Ende so groß, daß der Heilkünstler [Rabbi Mosche] zwei Schreiber halten musste.

Ben Chananja 4 (1859), S. 147

Wenn er Morgens um elf Uhr – bis dahin war er unzugänglich [war wohl mit Gebet und Torastudium beschäftigt] – in seinem Empfangszimmer erschien, war dasselbe in der Regel von Patienten und Klienten überfüllt. Ja, er pflegte sogar Jahrmärkte in Galizien zu beziehen, um seine Spezifika gegen gleich baare Bezahlung zu veräußern

Ben Chananja 4 (1859), S. 148

Zu seinen Klienten zählten beileibe nicht nur chassidische und kultur- und bildungsfeindliche Kreise:

Es gab einzelne Häuser, wo das Familienhaupt als gebildeter Weltmann glänzte, der Sohn auf die Jagd ging [die Jagd ist bei religiösen Juden verpönt], die Tochter mit dem ersten adeligen Fräulein des Ortes vierhändig Sonaten spielte, und wo die sorgsame Hausfrau den Lieblingen ihres Herzens dennoch Ujhelyer Talismane verschaffen zu müssen glaubte …

Ben Chananja 4 (1859), S. 147

Des guten Rabbis Dienste hatten natürlich ihren Preis. Für die Amulette und sonstigen Tätigkeiten liefen in Teitelbaums Hof große Summen Geldes ein. Die Armen wurden davon reichlich bedacht.

Amulett gegen Seuchen und Kinderkrankheiten, 1915

Amulett gegen Seuchen und Kinderkrankheiten, das nach einer Vorlage bzw. dem Text von Rabbi Mosche Teitelbaum in Pressburg 1915 gedruckt wurde, Quelle: Auktion 2011 (nicht mehr online)



Teitelbaum muss auf das Volk eine geradezu magnetische Anziehungskraft ausgeübt haben. Unter den Juden genoss er ungeheure Verehrung – und nicht nur unter diesen. Sogar Lajos Kossuth, der Führer der ungarischen 1848er Revolution, zollte ihm höchste Anerkennung; als Gymnasiast war er, ein Christ, auf Betreiben seiner Mutter von Rabbi Mosche einmal gesegnet worden, und diesem Segen rechnete er seinen späteren Aufstieg zum Führer der Ungarn und seine Errettung nach dem Scheitern des ungarischen Freiheitskampfes (1848/49) an. In seinen späteren Jahren kam Rabbi Mosches übergroße Sehnsucht nach der Erlösung dadurch zum Ausdruck, dass er seine Schabbat-Garderobe die ganze Woche über trug, weil er jeden Moment das Kommen des Messias erwartete.

Einen anschaulichen Bericht von dem Rebben und seinem chassidischen Hof bietet der nachmalige Rabbiner der jüdischen Hauptgemeinde von Frankfurt a. M., Markus (Mordechai) Horovitz (1844-1910), ein gebürtiger Ungar, in der Artikelserie „Von Liska nach Berlin“, die erstmals 1870 in der Berliner „Jüdischen Presse“ abgedruckt wurde. Horovitz war zwar erst drei Jahre nach Teitelbaums Tod zur Welt gekommen, doch scheint er die Eindrücke von Leuten widerzugeben, die Rabbi Mosche selbst noch gesehen hatten. Horovitz studierte übrigens an der Jeschiwa von Rabbiner Esriel Hildesheimer in Eisenstadt und folgte diesem 1869 nach Berlin.

Den Rebben selbst beschreibt Horovitz folgendermaßen:

Der Rabbi selbst ist eine hagere, schlanke Gestalt, von sanftem, einnehmenden Wesen; auf seinem kleinen Gesichte sind die deutlichen Spuren innerer, unsäglicher Qual, tiefen, unsäglichen Schmerz von einem frommen, verklärten Blicke in einen Zug von resignierender, erhabener Hingebung gemildert. Jetzt steht er in den Talis [Gebetsmantel] gehüllt, dessen oberer Teil mit schimmernden, silberdurchwirkten Fäden bedeckt ist und so, vom hellen Flammenmeere der vielen, nach heiligen Zahlen berechneten Lämplein in blendendes Gefunkel versetzt, dem blassen, sanften Gesichte des Rabbi einen Ausdruck himmlischen Wesens verleiht.

Zum Freitagabendgebet strömten die Juden von Ujhely und aus der Umgebung in Scharen zum bescheidenen Häuschen des Rebben. Das Beten machte auf den Beobachter einen gewaltigen Eindruck:

Mit aufwärts gekehrtem Blicke beginnt der Rabbi in leisem, sanften Tone das Gebet, dessen sich aber bald die kräftigeren Stimmen der Menge bemächtigen; der Sturm, der vielleicht früher in den Herzen war, bricht nun gewaltig hervor und peitscht die Tonwellen der betenden Menge zu einem wogenden, brausenden Meere. Und lässt sich bei den Ruhepunkten die sanfte, immer weinende Stimme des Rabbin vernehmen, dann hat sie dem früheren Sturm aufs Neue Nahrung gegeben. Es entsteht ein bald begeistertes, bald verzweifeltes, bald herzzerreißendes, bald wieder aufmunterndes Geschrei. Die wehmütigsten, in die Tiefen des Herzens eindringenden Melodien wechseln ab mit den heitersten hüpfenden Gesängen, die jammererfüllten Gebärden mit den lustigsten Sprüngen, der Ausdruck der Zerknirschung mit dem des Übermutes, der kummervolle Weltschmerz und die sorgenlose – Weltverachtung! – Das ist, lieber Freund, chassisch’ Gebet! […] Ja, im Gebete sind die Chassidim begeisterte Cherubim, feurige Seraphim [zwei verschiedene Kategorien von Engeln]; ihr Gebet ist kein kleinliches Bittgesuch mit einem menschlichen Armutszeugnisse versehen, sondern ein Gesang, wie der der Engelchöre. sie flehen und sehnen sich nicht nach Speise und Nahrung, nicht nach langem, vergnügten Leben, sondern nach Reinheit des Glaubens und der Gesinnung, nach Klarheit des geistigen Blickes. ‚O mache unser Herz rein, damit es dir in Wahrheit diene!‘ und ‚Erleuchte unsere Augen in deiner Lehre!‘ sind ihre Lieblingsgebete. Die Lobsänge, die den größten Teil des Gebetes ausmachen, nehmen sich, von ihnen gesungen, nicht, wie die ‚Philosophen‘ meinen, wie ‚Schmeichelei‘ aus, sondern wie der uneigennützige Gesang der Vögel. Sie singen, weil sie der unwiderstehliche Drang ihres gotterfüllten Herzens dazu treibt.

Dann wird des Rebben „Tisch“ [Zusammenkunft der Chassidim bei ihrem geistigen Führer] beschrieben:

Die Pforten des Himmels schlossen sich zu, die der ‚Klaus‘ hingegen auf, und in Massen strömten die Leute, den Rabbi mit begeisterten ‚Gut Schabbes‘-Rufen begrüßend, der Wohnung desselben zu. Vergebens funkelten die Sterne so schön, umsonst lächelte der Mond so sanft melancholisch, keiner beachtete sie. Der Himmel der Chassidim wölbte sich jetzt nämlich im Zimmer des Rabbi, wo die vielen Lichtlein die Sterne sind, die Chassidim die Engel, der Rabbi der Herrscher und der Tisch der ‚Altar‘, auf dem die Speisen als ‚Opfer‘ gelegt werden! Der Rabbi nimmt einen kleinen Teil der Speisen in Gnade und Wohlgefallen auf, des Überrestes aber bemächtigt sich das himmlische Feuer des Heißhungers. An der Tafel eröffnet die feierliche Einladung, die der Rabbi selbst an die Himmlischen richtet, sie mögen sich ebenfalls ‚mit zur Tafel setzen‘, den aus hundert Kehlen dringenden Gesang. Dieser besteht anfangs aus einer Melodie, die einst ein alter Rabbi den Engeln abgelauscht haben soll, dann aber auch in Tönen, die wohl ihren unverkennbaren Ursprung auf irdischem Boden haben, durch die himmlische Begeisterung aber dennoch eine heilige Weihe erfahren. Manche ‚Epikuräer‘ [auf Jiddisch „apikoiress“ = Ketzer] wollen freilich in dieser Begeisterung auch die Spuren des Tokayer und Liszkaer Rebensaftes erkennen. Doch werden solche leise Zweifel bald von geräuschvollem Wirbeltanze übertönt, der Alles in Bewegung setzt; der Eine dreht sich, der Andere springt, der Eine tanzt, der Andere schaukelt sich, und dies Alles so bunt durcheinander und in so gewaltigem Sturme und in so stürmischer Gewalt, in so fürchterlichem Toben und so schrecklichem Getöse, dass selbst ein nüchterner Zuschauer die Nüchternheit aufgibt, und zwar aus Furcht, die Erde könnte ihren Mund auftun und den Unhimmlischen, der sich von ihr nicht erheben kann, als ihre Beute verschlingen.

Der Rabbi selbst bleibt jedoch diesem Getöse und ausgeartetem Toben fern; er sitzt in himmlischer Ruhe, wie Michael unter den heiligen Tieren, wie ein Engel unter leidenschaftlichen Menschen, wie ein Mensch unter wirklichen Chajoth [Tieren]! Er ist der befestigte Mittelpunkt, um den sich die ‚Ofanim [Kategorie von Engeln] in großem Getöse‘ unaufhörlich drehen und bewegen. Jetzt lächelt er sanft, macht eine leise Bewegung mit der Hand, und siehe! der Sturm hört auf, die wilden Töne ersticken; Alles wird ruhig und still, um auf die leisen Worte des Rabbi lauschen zu können. Der Schimmer der unzähligen Lichtlein, von den vielen Wandspiegeln verdoppelt, gießt alle seine Strahlen auf die blassen, verklärten Züge des bedeutungsvoll redenden Rabbi, der die Geheimnisse des Himmels offenbart, deren Dunkel vor seinem klaren, durchdringenden Blicke zurückweicht! Ja, der Weinberg Liszkas ist der Sinai, der Rabbi ist Moses, dem unter dem tobendem Sturme der Chassidim Geheimnisse offenbart werden, dass er sie verkünde der staunenden Menge!

Als Rabbi Mosche am 16. Juli (28. Tammus) 1841 das Zeitliche segnete, fand es sogar die mit der jüdischen Reform identifizierte ›Allgemeine Zeitung des Judentums‹ (37 (1841), S. 524-525) wert, darüber zu berichten. In einer Privatmitteilung aus St. Miklos [Liptovský Mikuláš in der Slovakei] vom 15. August heißt es:

Der Tod eines der hier zu Lande bekanntesten Rabbinen erregte nicht nur in Ungarn, sondern auch in den benachbarten Ländern außerordentliche Sensation. Besonders die Chassidim, die sich beinahe seit einem Jahrhunderte im Judenthume behaupten, beweinen in ihm den ausgezeichneten Mann, den Wunderthäter, und die leuchtende Fackel, die mit ihm erloschen. – Der Tod des Mosche Dattelbaum aus Ujhely, der am 28. des Monats Tamus in einem Alter von mehr als 80 Jahren erfolgte, der Tod dieses Mannes, der beinahe durch 5 Decennien eine extravagante Lehre mit großem Erfolg geprediget, ihr eine unzählige Menge Jünger erworben, ihre Fahne an vielen Orten aufgesteckt und mit Wort und That unablässlich sie allgemein zu machen gesucht hat, während er einem großen Theil der Juden und Galizien die heftigste Wunde geschlagen, einem andern, nicht minder zahlreichen, von einem bedeutsamen Hemmniß erlöst. – Der leichtgläubige Haufe sah in ihm den Mann, der die Gabe besitzt, das waltende Geschick nach seinem Willen zu lenken, auf übernatürliche Wesen einzuwirken und sie zu zwingen, auf seine Befehle zu horchen, und die Geheimnisse der Menschen zu offenbaren, während der Erleuchtete [d. h. Aufgeklärte] in ihm einen schlau berechnenden Betrüger erkannte. […]

Hier glaubte man, dass mit dem Tode des Ujhelyr (sic!) Rabbinen auch der Chassidismus untergegangen sei, aber wie wir aus ungetrübten Quellen vernommen, soll die Gemeinde zu Ujhely dem Sterbenden zugesichert haben, dessen Sohn, der bereits seit mehreren Jahren in Galizien sein Unwesen mit nicht geringem Erfolge betreibt, hin zu berufen. Was soll man hierzu sagen? Sollte dieses Gerücht der neuen Wahl nicht unbegründet sein, so steht eine Überhandnehmung des Chassidismus zu befürchten …

Die bangen Ahnungen des Schreibers sollten sich bewahrheiten. Im Jahre 1859 berichtet die Zeitschrift „Ben Chananja“ über die Begehung des Sterbetages:

An diesem Tage pflegen 600-700 Pilger aus Ungarn, Galizien und Russland hier [in Ujhely] versammelt zu sein, um am Grabe ihres verehrten Meisters ihre Gebete zu verrichten, und ihre Bitten und Wünsche schriftlich zu unterbreiten.

Ben Chananja 6 (1859), S. 292

Noch bis zur Shoah breitete sich der Chassidismus, oder zumindest gewisse Aspekte und Bräuche desselben, innerhalb des strenggläubigen ungarischen Judentums aus. Dieser Einfluss ist bis heute im orthodoxen Judentum stark fühlbar. Nachkommen von Rabbi Mosche Teitelbaum in männlicher Linie sind die Führer der chassidischen Gemeinden von Sighet und Satmar.

Quellen

  • Markus Horovitz, „Von Liska nach Berlin“, Teil 1, Jüdische Presse (Berlin) 5 (1870), S. 41-42.
  • Leopold Löw, „Zur Geschichte der Juden in Ungarn“, Ben Chananja 4 (1859), S. 145-157; 5, S. 193-206.
  • Ben Chananja 6 (1859), S. 292.
  • Allgemeine Zeitung des Judentums 37 (1841), S. 524-525.