Emanuel (Menachem, Mendel) Birnbaum, 26. Ijjar 635 (= Montag, 31. Mai 1875)



Die Grabinschrift

Inschrift Emanuel Birnbaum: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) b(egraben) פ“נ
[2] MORENU Menachem, Sohn des Nachum. Ein Mann, der dem Hungernden מוה מנחם בן נחום גבר לרעב
[3] von seinem Brot gab. Er übte Liebeswerke für sein Volk, er sorgte פרש מלחמו גמל חסד לעמו הציב
[4] für ein sicheres Zuhause seiner Familie, sein Herz war gegenüber Gott treu. גבול משפחתו לבו היה נאמן לה’
[5] Er starb ohne seine Tage ausgefüllt zu haben. S(eine Seele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ומת ולא נתמלאו ימיו תנצבה
[6] Er verstarb am Montag, dem 26. des Monats Ijjar נפטר ביום ב’ כ’ו’ לחדש אייר
[7] 635 n(ach der kleinen Zeitrechnung). תרלה לפק:
[8] Hier ruhet
[9] Herr
[10] Menachem
[11] Birnbaum
[12] gest am 31. Mai 1875
[13] im 45. Lebensjahre.
[14] Tief betrauert von seiner
[15] Gattin und seinem Sohne.
[16] F(riede). S(einer). A(sche).


Anmerkung

Zeile 2: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeile 3/4: Wörtlich: „Er setzte eine Grenze für seine Familie“. Das ist ein wörtliches Zitat von David Kimchi in seinem Kommentar zu Genesis 10,19 „יצב גבולות עמים למספר בני ישראל“ כלומר הציב גבולות משפחות הכנעני שיהיו נחלקים למספר בני ישראל…. Unter Hinweis auf Deuteronmium 6,11 und 32,8 geht es in seinem Kommentar zur Stelle um die Grenzsetzung des Landes für die Kanaaniter, denen die 12 Stämme Israels in genau diesem Land folgen sollten. In der Grabinschrift ist wohl gemeint, dass Emanuel Mendel Birnbaum ein sicheres Zuhause garantierte.


Biografische Notizen

Emanuel (Menachem, Mendel) Birnbaum, geb. ca. 1830, aus Ropczyce in Galizien (heute Polen), verheiratet, gest. 26. Ijjar 635 = Montag, 31. Mai 1875 um 5 Uhr Nachmittag mit 45 Jahren (Grabinschrift) bzw. 46 Jahren (Sterbebuch) an Schlagfluss in Wien Leopoldstadt, Herminengasse 8, begraben am jüdischen Friedhof Währing am 02. Juni um 4 Uhr Nachmittag am „Alten Platz, 12. Reihe.

Eintrag Sterbebuch Emanuel Mendel Birnbaum, 31. Mai 1875

Eintrag Sterbebuch Emanuel Mendel Birnbaum, 31. Mai 1875



Vater: Nachum Birnbaum

Ehefrau: Maria Seelenfreund (im Sterbebuch als „Biernbaum“ eingetragen), Tochter von Rabbi Schlomo Samuel Seelenfreund, Av Bet Din in Roznovice (Polen), und der Malka Lea Amalie Löw, geb. 24. Dezember 1836, Kaufmannswitwe aus „Kaschau in Ungarn“ (Košice in der Ostslowakei), nach Wien zuständig, gest. 16. März 1896 in Wien II, Wallensteinstraße 40, an Lungenentzündung, begraben am 18. März am Zentralfriedhof Tor 1.

Eintrag Sterbebuch Birnbaum Marie, 16. März 1896, Wien

Eintrag Sterbebuch Birnbaum Marie, 16. März 1896, Wien



Sohn: Dr. jur. Nathan (Nachum) Birnbaum, Publizist und Aktivist, geb. 16. Mai 1864 in Wien (Vater lt. Geburtsbuch aus Tarnów in Galizien, heute Polen! 54 km westlich von Ropcyce), wh. bei der Geburt: Wien, Lilienblumgasse Nr. 12, geh. 03. August 1890 Rosa Korngut aus Krakau, Tochter des Saeke (oder Salke) Korngut und der Scheindel Chana, geb. Gehorsam, wh. zur Zeit der Hochzeit: Wien 2, Schiffamtsgasse 4. Wohnort der Eltern von Nathan Birnbaum zur Zeit der Hochzeit: Wien 2, Große Schiffgasse Nr. 25. Nathan war bei der Hochzeit 26 Jahre, Rosa 21 Jahre alt.
Dr. Nathan Birnbaum starb am 2. April 1937 in Scheveningen (NL).
Interessant, dass beide Ehepartner sowohl Hebräisch als auch Deutsch unterschreiben: Nathan unterschreibt mit Nachum Birnbaum (Nachum ist auch der Name seines Großvaters, s.o.) auf Hebräisch.

Nathan Birnbaum, der vor allem unter dem Pseudonym Mathias Acher wirkte war

eine der geistreichsten und schillerndsten modernen jüdischen Persönlichkeiten, dessen Spur fast völlig aus dem jüdischen Bewußtsein verloren ging…

spektrum.de


Das Ehepaar Dr. Nathan Birnbaum und Rosa Korngut hatte 3 Söhne:

Dr. Salomon Ascher Birnbaum, geb. 24. Dezember 1891 in Wien,
Sprachwissenschaftler für hebräische und jiddische Sprache, gest. 28. Dezember 1889 in New York

Menachem Birnbaum, geb. 13. März 1893 in Wien, jüdischer Buchkünstler, Porträtzeichner und Buchillustrator, ermordet 1945 in Auschwitz (Schoa-Opfer)

Uriel Birnbaum, geb. 13. November 1894 in Wien, Maler und Schriftsteller, gest. 09. Dezember 1956 in Amersfoort (NL). Zu seinen Werken zählt u.a. der sogenannte Moses-Zyklus, dessen Originalbilder leider verschollen sind. Im Auditorium unseres Museums sind aber alle 50 Bilder des Zyklus reproduziert ausgestellt.


Siehe vor allem unseren Blogartikel „Tief betrauert von seiner Gattin und seinem Sohne…„.

Personenregister jüdischer Friedhof Währing