Es passiert nur hin und wieder, dass ich auf einem jüdischen Friedhof mit fast 10.000 Grabsteinen beim ersten Fotografieren einen Grabstein mit hebräischer Inschrift fotografiere (mein Fokus lag ausschließlich auf halbwegs lesbaren hebräischen Inschriften), den man als „lucky shot“ bezeichnen darf…

So der Grabstein von Emanuel Mendel (Menachem) Birnbaum, der am 31. Mai 1875 verstarb und am jüdischen Friedhof Währing begraben ist.

Die hebräische Inschrift hat einen deutschen Zusatz, in dem wir unter anderem lesen:

Tief betrauert
von seiner Gattin und seinem Sohne

Eine sehr simple biografisch verwertbare Angabe: dass Menachems Ehefrau bei seinem Ableben noch am Leben war und dass er nur einen Sohn hatte, keine weiteren Kinder.

Selbstverständlich wollten wir wissen, wer die Ehefrau und wer der Sohn war, vor allem weil über Menachem / Emanuel Mendel Birnbaum so gut wie nichts bekannt ist. Wir begannen zu suchen und wurden, zumindest beim Sohn, schnell fündig:

Denn der in der Grabinschrift des Vaters nicht namentlich erwähnte Sohn ist niemand Geringerer als der Publizist und Aktivst

Dr. jur. Nathan (Nachum) Birnbaum, geb. am 16. Mai 1864 in Wien (Mutter: Maria Seelenfreund, Tochter des Rabbi Schlomo Samuel Seelenfreund, aus „Kaschau in Ungarn“ (Košice in der Ostslowakei), zuständig nach Wien, geb. 24. Dezember 1836, gest. 16. März 1896 in Wien).

Mit 26 Jahren heiratet Nathan Birnbaum am 03. August 1890 in der sefardischen Gemeinde Wien die 21-jährige Rosa Korngut aus Krakau.

Interessant ist, dass beide Ehepartner sowohl Deutsch als auch Hebräisch unterschreiben. Nathan unterschreibt mit נחום בירנבוים „Nachum Birnbaum“ auf Hebräisch (Nachum ist auch der Name seines Großvaters).

Dr. Nathan Birnbaum starb am 2. April 1937 in Scheveningen (NL).

Nathan Birnbaum, der vor allem unter dem Pseudonym Mathias Acher wirkte, war

eine der geistreichsten und schillerndsten modernen jüdischen Persönlichkeiten, dessen Spur fast völlig aus dem jüdischen Bewußtsein verloren ging…

spektrum.de

Nathan Birnbaum, einer der Vereinsgründer der Kadima (das hebräische Wort „kadima“ bedeutet „vorwärts“, „nach Osten“), veröffentlichte 1893 seine Programmschrift „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande, als Mittel zur Lösung der Judenfrage. Ein Appell an die Guten und Edlen aller Nationen“ (zum Download). Obwohl die Schrift einige Parallelen zu Herzls „Judenstaat“ aufweist, ist Birnbaum, der als Vertreter des kulturellen Zionismus gilt, im Gegensatz zu Herzl auf Palästina als nationales Zentrum festgelegt.

Nathan Birnbaum, der sowohl die Begriffe „Zionismus“ als auch „Ostjudentum“ geprägt hatte, war für kurze Zeit Wegbegleiter Theodor Herzls und erster Generalsekretär der Zionistischen Organisation. Er wandte sich allerdings sehr bald vom Zionismus ab und engagierte sich vor allem für das Ostjudentum, die chassidische Kultur und die jiddische Sprache. 1908 initiierte er die erste bedeutende Weltkonferenz für die jiddische Sprache in Czernovitz, bei der er sich vor allem für die Anerkennung des Jiddischen als Einheits- und Weltsprache des Judentums einsetzte. 1919 gehörte Nathan Birnbaum zu den Neugründern der Agudat Israel, der ultra-religiösen Bewegung der Orthodoxie, und wurde ihr erster Generalsekretär.

Hillel Zeitlin und Nathan Birnbaum, YIVO

Hillel Zeitlin und Nathan Birnbaum, Copyright: https://yivoencyclopedia.org/article.aspx/Birnbaum_Nathan



Das Bild zeigt Dr. Nathan Birnbaum (rechts) und Hillel Zeitlin. Zeitlin, 1871/72 in Korma, Gouvernement Mogiljow, Russisches Kaiserreich, geboren, war hebräischer und jiddischer Schriftsteller. Im Alter von 71 Jahren wurde er 1942 sowie seine beinahe gesamte Familie (nur Sohn Aaron überlebte) im Warschauer Ghetto ermordet (Schoa-Opfer), in den Händen den Zohar, eingehüllt in Tallit und mit angelegten Gebetsriemen.

Das Ehepaar Dr. Nathan Birnbaum und Rosa Korngut hatte 3 Söhne:

Dr. Salomon Ascher Birnbaum, geb. 24. Dezember 1891 in Wien,
Sprachwissenschaftler für hebräische und jiddische Sprache, gest. 28. Dezember 1889 in New York

Menachem Birnbaum, geb. 13. März 1893 in Wien, jüdischer Buchkünstler, Porträtzeichner und Buchillustrator, wie seine Ehefrau Ernestine / Tina (Esther), geb. Helfmann und seine beiden Kinder Rafael Zvi und Chana ermordet 1945 in Auschwitz (Schoa-Opfer)

Uriel Birnbaum, geb. 13. November 1894 in Wien, Maler und Schriftsteller, gest. 09. Dezember 1956 in Amersfoort (NL). Zu den Glanzpunkten seines Werkes zählt der sogenannte Moses-Zyklus, dessen Originalbilder leider verschollen sind. Im Auditorium unseres Museums sind aber alle 50 Bilder des Zyklus reproduziert ausgestellt:


Quellen:

Dethloff Klaus, Theodor Herzl oder Der Moses des Fin de siècle, Wien 1986, 60.

Birnbaum Nathan, yivoencylopedia

Juden als Erfinder und Entdecker (hagalil.com)

Metzler Lexikon jüdischer Philosophen: Nathan Birnbaum

Siehe auch die teils umfangreichen Literaturverweise auf den zitierten Websites!