Diese wunderschöne Chanukkia (Chanukka-Leuchter) wurde mit vielen anderen Fundstücken Anfang 2018 in bislang unbekannten Kellerräumen Malzgasse 16 in 1020 Wien entdeckt.
Die Adresse war vor 1938 der Standort einer Talmud-Tora Schule, einer Synagoge sowie des 1895 gegründeten jüdischen Museums Wien.
Seit 1955 befindet sich an dieser Adresse die Talmud-Thora Volks- und Hauptschule Machsike Hadass, eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht.

Die Chanukkia ist Teil der Ausstellung „Nicht mehr verschüttet. Jüdisch-österreichische Geschichte in der Wiener Malzgasse“ im Haus der Geschichte, Wien (8. November 2019 -19. April 2020). Ebenfalls gefunden wurden u.a. 9 Grabsteinfragmente, deren Analyse Sie auch bei uns im Blog finden.

BesucherInnen der Ausstellung soll dieser Artikel die Möglichkeit geben, ausführlichere Informationen über das sehr schön gestaltete Datum, die den Rahmen einer Ausstellungsbeschriftung überschreiten würden, zu erhalten. (QR-Code bzw. URL dieses Artikels befinden sich in der Ausstellung beim Objekt).

Auf der Chanukkia befindet sich mittig ein Monogramm, das wir nicht entschlüsseln konnten. Wir hoffen daher auch, dass sich durch diesen Artikel vielleicht das Monogramm lösen lässt. Kommentare sind daher ausdrücklich erbeten und erwünscht.

Das Datum

Chanukkia aus Speckstein, 1891, Fundort: Malzgasse, Wien II, Foto: Klaus Pichler

Chanukkia aus Speckstein, 1891, Fundort: Malzgasse, Wien II, Foto: Klaus Pichler



Rechts oben: בשנת „Im Jahr(e)“.
Über dem Löwen: להדליק נר של חנוכה „zu entzünden das Licht von Chanukka“.

Diese Zeile ist ein Teil des ersten Satzes des Segens, der vor dem Entzünden der Chanukkalampe(n) gesprochen wird:

בָּרוּךְ אַתָּה יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ מֶלֶךְ הָעוֹלָם אֲשֶׁר קִדְּשָׁנוּ בְּמִצְוֹתָיו וְצִוָּנוּ לְהַדְלִיק נֵר (שֶׁל) חֲנֻכָּה.
„Gepriesen seist Du, G’tt, unser Herr, König der Welt, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns aufgetragen hat zu entzünden das Licht von Chanukka.“

Wir lesen von rechts nach links:
Über dem 3. (Dalet ד), 4. (Lamed ל), 5. (Jod י), 6. (Kof ק), 8. (Resch ר), 9. (Schin ש) und 11. (Chet ח) hebräischen Buchstaben befindet sich jeweils ein Punkt, über dem 2. Buchstaben (He ה) befinden sich 3 Punkte.

Jeder hebräische Buchstabe hat einen Zahlenwert und das jüdische Datum wird insbesondere im religiösen und kultischen Kontext praktisch ausschließlich mit hebräischen Buchstaben angegeben, deren einzelne Zahlenwerte zusammengezählt werden.

Hier die Zahlenwerte in der Reihenfolge der Buchstaben in der obigen Zeile:

He ה: 5
Dalet ד: 4
Lamed ל: 30
Jod י: 10
Kof ק: 100
Resch ר: 200
Schin ש: 300
Chet ח: 8

Da das He ה 3 Punkte hat, ist der Zahlenwert nicht 5, sondern muss als „Tausender“, also 5000, gelesen werden!

Die Zahlenwerte der Buchstaben mit einem Punkt haben die Summe 652. Das jüdische Jahr ist somit 5652.

Ein jüdisches Jahr wird meistens mit der sogenannten „kleinen Zeitrechnung“ angegeben, also ohne Tausender. Oft findet man dann nach dem Datum den Zusatz „nach der kleinen Zeitrechnung“ לפ“ק („lifrat katan“, wie etwa hier Zeile 12; vergleiche auch beim bürgerlichen Datum die Schreibung 19 statt 2019). Wird die „große Zeitrechnung“ angegeben, also mit dem Tausender, findet man gelegentlich danach den Zusatz „nach der großen Zeitrechnung“ לפ“ג („lifrat gadol“, wie etwa hier auf den Tallitecken).

Das jüdische Jahr wird auf unserer Chanukkia also mit der „großen Zeitrechnung“ angegeben: 5652. Das jüdische Jahr 5652 ist, auf den ersten Blick, das bürgerliche Jahr 1892 (jüdisches Jahr 5000 = bürgerliches Jahr 1240; 1240 + 652 = 1892).

Allerdings beginnt das jüdische Jahr bekanntlich immer am 1. Tischre, der in den September/Oktober fällt. Daher sind die Monate Tischre und die ihm folgenden Monate Cheschwan, Kislew und teilweise auch der Monat Tevet noch im „alten“ bürgerlichen Jahr, aber schon im „neuen“ jüdischen Jahr.

Chanukka beginnt immer am 25. Kislew, dauert 8 Tage und endet am 2. Tevet. Chanukka 5652 war, umgerechnet, von 26. November 1891 bis 2. Dezember 1891.

Unsere wunderschöne Chanukkia aus Speckstein muss also auf Ende 1891 datiert werden.