Josef (Chajim) Leitner, 25. Kislew 608 (= Freitag, 03. Dezember 1847)



Die Grabinschrift

Inschrift Josef Leitner: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Er stieg auf in die oberen Schatzkammern am V(orabend) d(es heiligen) Sch(abbat), dem 1. Tag von Chanukka (= 25. Kislew) 608 n(ach der kleinen Zeitrechnung). עלה לגנזי מרומים עש“ק א’ דחנוכה תרח ל
[2] H(ier ist) g(eborgen) פ“ט
[3] ein Mann unter Männern, gekrönt von Gesetzen, tugendhaft, גבר בגוברין מוכתר בנימוסין כשר
[4] aufrecht, verlässlich, unsere Meister ehrend, war er selbst ישר, ונאמן, מוקיר רבנן, איהו גופא
[5] erfasst von der Flamme unserer Meister. Ein Kundiger der Bibel, der Mischna und der Gema(ra), צורבא מרבנן, בעל מקרא משנה וגמר’
[6] ein Mann, der das Gerät des Schreibers an seiner Seite hatte, der große Gelehrte, ein Liebling קסת הסופר במתניו ספרא רבא, ונאה
[7] des Singens der Lieder Israels, die Zierde seiner Gemeinde לזמר זמירות ישראל תפארת קהלתו
[8] und sein guter Name sei zur Ehre und zum vollkommenen Ruhm. ושמו הטוב לתפארת ולתהלה המושלם
[9] MORENU Josef Chajim Leitner, מו“ה יוסף חיים לייטנר
[10] Sohn des ausgezeichneten Predigers H(errn) Joel Leipen בן להדרשן המפואר מ’ יואל לייפן
[11] a(us der) h(eiligen jüdischen) G(emeinde) Mattersdorf. מק“ק מאטטרסדארף
[12] Josef wird weiterleben, uns ist er verborgen. יוסף’ עוד חי וממנו נעלם
[13] Das Leben (=Chajm) ist uns entschwunden und er fuhr zur ewigen Ruhe. חיים’ לנו שבק ונסע למנוחת עולם
[14] Die gerade Straße war sein Weg alle Tage. מסלה ישרה דרך כל הימים
[15] Möge Gott seine Seele [ins ewige Leben] einbinden, und so wird er ewig leben. יואל ה’ ויצור נשמתו ויחי לעולמים.
[16] S(eine Seele) m(öge eingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens). ת’נ’צ’ב’ה’


Anmerkungen

Zeile 1: Midrasch suta zu Hohelied 1,4 גנזי מרום. Da hier die „oberen Schatzkammern“ als Wohnort für die Frommen Israels verstanden werden, wurde das Zitat wohl bewusst gewählt, um den Verstorbenen in die Reihe der Frommen zu stellen. Der hebräische Ausdruck, ein Beiname für den Garten Eden, lehnt sich an Ezechiel 27,24 an ובגנזי ברמים.

Zeile 3: Babylonischer Talmud, Traktat Brachot 31b גברא בוברין „ein Mann unter Männern“.

Siehe Babylonischer Talmud, Traktat Megilla 12b מרדכי מוכתר בנימוסו היה „Mordechai war mit seinem Gesetz gekrönt“ (also das jüdische Gesetz war für Mordechai eine Krone). Das Wort נימוס stammt, worauf schon Raschi hinweist, aus dem Griechischen und wurde ursprünglich oft mit dem griechischen ονομα „Namen, Benennung“ assoziiert. Gemeint ist „Gesetz“, „Sitte“ oder „Brauch“, modernhebräisch wird es mit „Benimm“ oder „Höflichkeit“ übersetzt.

Zeile 4: Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 23b דמוקיר רבנן „wer die Rabbanan (= unsere Meister) ehrt“.

Zeile 4/5: Siehe Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 23b (nur wenige Worte weiter, selber Kontext wie oben) הוא גופיה הוי צורבא מרבנן „er selbst ist von der Flamme unserer Meister erfasst“ (= er gehört selbst zu den Meistern).

Zeile 6: Ezechiel 9,3 קסת הספר במתניו „das Schreibzeug an seiner Seite“, wörtlich „an seinen Hüften“.

Babylonischer Talmud, Traktat Sota 13b ספרא רבא von Mose gesagt „ein großer Meister“. Siehe v.a. auch Esra 4,8.9, wo ספרא die Bedeutung von „Schreiber“ hat.

Zeile 6/7: Vgl. 2 Samuel 23,1 ונעים זמרות ישראל Davids letzte Worte: „…der Liebling der Lieder Israels“.

Zeile 8: Siehe Deuteronomium 23,19 לתהלה ולשם ולתפארת „zum Lob, zum Ruhm und zur Ehre“.

Zeile 9: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeilen 12-15: Der Inschriftenzusatz ist hier heute zum Großteil nicht mehr lesbar, es musste die Abschrift von Dr. Pinkas Heinrich herangezogen und dieser Abschrift vertraut werden.

Zeile 15: Danke an Claudia Markovits Krempke für die Übersetzungshilfe bei den ersten beiden Wörtern יואל ה’.

Biografische Notizen

Josef Chajim Leitner, reisender Kleinhändler aus Mattersdorf, verheiratet, geb. ca. 1787, gest. 25. Kislew 608 = Freitag, 03. Dezember 1847 Mittag? mit 60 Jahren in Stadt Wien Nr. 491 an Lungenödem, begraben am 05. Dezember am jüdischen Friedhof Währing, neuer Platz.

Eintrag Sterbebuch Wien, Josef Leitner, 25. Kislew 648 = 03. Dezember 1847

Eintrag Sterbebuch Wien, Josef Leitner, 25. Kislew 648 = 03. Dezember 1847



Vater: Joel Leipen / Leipner, gest. 17. Oktober 1816, begraben am jüdischen Friedhof Mattersburg
Mutter: Esterl Leipen, gest. 30. März 1832, begraben am jüdischen Friedhof Mattersburg

Der Grabstein der Ehefrau von Josef Chajim Leitner, Rosalia Serche, geb. Rehberger, war ursprünglich in der Mauer am jüdischen Friedhof Mattersburg (Foto von ca. 1988), ist dort aber (Stand 19. November 2019) leider nicht mehr zu finden. Ich habe dafür keine Erklärung.

Sohn: Albert (Ascher Josua) Falk Leitner, geb. 19. April 1833 in Wien, gest. 28. Jänner 1917, begraben am jüdischen Friedhof Mattersburg (leider haben wir kein Foto vom Grabstein).
Dessen 1. Ehefrau: Fani (Frumet) Schreiber, gest. 20. Juni 1896, begraben am jüdischen Friedhof Mattersburg.
Dessen 2. Ehefrau: Katalin (Mirjam Chaja) Brandweiner, gest. 22. August 1905, begraben am jüdischen Friedhof Mattersburg.

Enkelsohn: Josef Chajim Leitner, geb. 1855, gest. 18. April 1913 in Wien, begraben am jüdischen Friedhof Mattersburg


Personenregister jüdischer Friedhof Währing