Ein bemerkenswerter Fund

Dass der jüdische Friedhof Kobersdorf, zumindest auf mich, im Herbst eine besondere Faszination ausübt (siehe hier oder hier), ist kein Geheimnis. So war ich auch in den letzten beiden Wochen zweimal auf diesem Friedhof, beide Male herrschte regnerisches und nebeliges Wetter.

Jüdischer Friedhof Kobersdorf, 25. November 2019

Jüdischer Friedhof Kobersdorf, 25. November 2019



Vieles ist neu auf diesem Friedhof. Die Grabsteine wurden vom Efeu befreit, viele Inschriften sind nun besser lesbar. Es wurden in den letzten Jahren allerdings auch allein vom Friedhofsfond 445.000 Euro investiert (wir können, da laut Gesetz der Friedhofsfond, sprich die öffentliche Hand, nur die Hälfte bezahlt, also wohl von der doppelten Gesamtinvestitionssumme ausgehen). Gemacht wurden vor allem Gärtnerarbeiten, Baumpflegemaßnahmen, Steinmetzarbeiten und eine statische Sicherung der Grabsteine, wie es auf der Webseite des Fonds nachzulesen ist.

Was allerdings nach wie vor fehlt, ist eine Dokumentation, die nicht nur die Namen und Sterbedaten auf den Grabsteinen erfasst, sondern, so weit wie möglich, die gesamten Inschriften. Und die vor allem auch der Öffentlichkeit zugänglich ist. Denn die Inschriften werden durch die geleisteten Arbeiten im Grunde noch weniger geschützt als vorher (weil die „Efeudecke“ fehlt) und sind zunehmend schlechter zu lesen.
Es ist völlig unverständlich, dass das 2009 beschlossene und grundsätzlich lobenswerte Gesetz zur Erhaltung der jüdischen Friedhöfe keinen Cent für die so dringend notwendige Dokumentation vorsieht.

Alle Grabsteine haben nun ein kleines Blättchen mit einer Nummer aufgeschraubt, was darauf hindeutet, dass auch eine Vermessung des Friedhofes erfolgte und ein Plan mit den eingezeichneten Nummern existiert.


An der vorderen Friedhofsmauer sind Grabsteine und Grabsteinfragmente aufgeschichtet, die offensichtlich am Friedhof lagen und (noch) nicht aufgestellt werden konnten. Die meisten dieser Grabsteine bzw. Grabsteinfragmente tragen erfreulicherweise auch Nummern, sodass hoffentlich davon ausgegangen werden darf, dass der ursprüngliche Standort der Steine bekannt ist. Schade natürlich, dass die Grabsteine so geschlichtet sind, dass es praktisch unmöglich ist zu erkennen um welchen Grabstein es sich handelt bzw. eine Inschrift zu lesen.

Auf dem Bild rechts unten sehen wir, dass kleinere Grabsteinfragmente auf einem eigenen Platz zusammengetragen wurden. Und auf diesen Fragmenten gibt es leider keine Nummern.

Unter diesen Fragmenten ist aber vor allem eines ganz besonders bemerkenswert: Ein Grabsteinfragment eines Genisa-Grabes (siehe unten den Exkurs zu „Genisa“)!

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf


Bemerkenswert vor allem deshalb, weil wir in Österreich mit Ausnahme des auf dem Zentralfriedhof befindlichen 1987 errichteten Genisagrabes für in der Schoa geschändete Torarollen kein einziges Genisagrab kennen.

Und nun finden wir am jüdischen Friedhof von Kobersdorf ein Grabsteinfragment des einzigen Genisagrabes in Österreich vor 1945 und wissen nicht, wo am Friedhof sich das Grab ursprünglich befand!

Die hebräische Inschrift

Inschrift Genisagrab Kobesdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] 3. Z(wi)sch(en)f(eier)t(ag) von P(esach) 698 (= 20. April 1938), יום ג’ דחו“ה מ“פ תרצח
[2] als die Vertreibung [der Juden] an G(ottes) Wallfahrtsfest stattfand. לעת גלות ברגל ד’
[3] Hier sind verborgen פה נגנזו
[4] 13 Torarollen י“ג ספרע הברית
[5ff] […] […]


Anmerkungen

Zeile 2: Wörtlich: „Zur Zeit der Galut (Vertreibung) am Wallfahrtsfest G(ottes)“.

Zeile 3: Schreibfehler: Es muss natürlich נגנזו und nicht נגנזר heißen.

Zeile 4: Wörtlich: „Bücher des Bundes“. [1]

Der 20. April 1938

Solange wir nicht den unteren Teil des Grabsteins gefunden haben, wissen wir leider nicht, ob überhaupt und wenn ja, wie der Text weitergeht. Das wäre allerdings nicht nur grundsätzlich, sondern vor allem aufgrund des Datums hochinteressant:

Nach einem Amtsvermerk der Bezirkshauptmannschaft Oberpullendorf wurde Rabbiner Simon Goldberger über Veranlassung des Nazibürgermeisters von Kobersdorf Thrackl, ohne höheren Auftrag am 20. April 1938 mit einem Lastwagen gewaltsam aus Kobersdorf weggebracht. … Rabbi Goldberger sollte bei Neckenmarkt über die grüne Grenze nach Ungarn deportiert werden. Anlässlich seiner Überstellung über die Grenze wurde er vom Zollwachbeamten Werner M. und dem Förster Anton K., beide aus Neckenmarkt, schwer misshandelt und 3m von der Grenze auf ungarischem Staatsgebiet liegen gelassen. R. Simon Goldberger lag dort vom 20. April mittags bis 21. April nachmittags, bis er von ungarischer Seite aus nach Ödenburg gebracht wurde. [2]

Einen detaillierten Bericht über Rabbiner Simon Goldbergers Schicksal an der ungarischen Grenze finden Sie in unserem Blogartikel: Rabbiner Simon Goldberger.

Rabbiner Simon Goldberger wurde in Auschwitz ermordet. Seine Frau Paula (Perl) wurde ebenfalls in Auschwitz ermordet. Auch alle drei Kinder, Lazar Goldberger, geb. 20. Mai 1935, Hermann Goldberger, geb. 08. Dezember 1936 und Isidor, geb. 25. März 1938, wurden in der Schoa ermordet.

An diesem 20. April 1938 wurden die 13 Torarollen am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben. Vorausgeschickt sei: Die Jüdinnen und Juden von Kobersdorf wurden schneller ausgewiesen und verfolgt als die Jüdinnen und Juden der anderen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Schon Ende Mai 1938, also knapp zwei Monate nach dem sogenannten Anschluss im März 1938, gab es in Kobersdorf keine Juden mehr.

Was nun zur Vergrabung der Torarollen an diesem 20. April 1938, mitten in den Pesachtagen, führte, können wir nur vermuten und es bleiben Fragen:

  • Hat Rabbiner Goldberger vor seinem Martyrium am Ende noch selber veranlasst die Torarollen zu vergraben oder brach in der Gemeinde (verständlicherweise) Panik aus und man entschloss sich zu diesem Schritt? In jedem Fall war wohl Eile geboten, worauf vielleicht auch der Gravurfehler in Zeile 3 (s.o.) hinweisen könnte.
  • Handelt es sich um nicht mehr rituell taugliche Torarollen, die schon (länger) in Genisa-Räumen in der Synagoge aufbewahrt waren und nun, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen, begraben wurden oder handelte es gar um noch verwendete Torarollen, die man so vor den Nazis schützen wollte? (Z.B., weil man davon ausging, dass sie sobald sie den Nazis in die Hände fallen, was nur eine Frage der Zeit war, ohnehin geschändet werden)
  • Eine Frage an die Verantwortlichen: Warum trägt dieses bedeutende und in Österreich einzigartige Grabsteinfragment keine Nummer wie fast alle anderen Grabsteine, mit der es, zumindest sehr wahrscheinlich, möglich gewesen wäre, den ursprünglichen Standort zu kennen?


Kleiner Exkurs: Genisa

Das Wort „Genisa“ oder auch „Geniza“ ist eigentlich ein persisches Fremdwort und bedeutet „Schatzkammer“. In Mischna Schabbat 9 lesen wir: מֶקֶק סְפָרִים וּמֶקֶק מִטְפְּחוֹתֵיהֶם, כָּל שֶׁהוּא, שֶׁמַּצְנִיעִין אוֹתָן לְגָנְזָן „angenagte / abgenutzte Stücke von Schriftrollen oder ihren Einbänden, wie auch immer, werden aufbewahrt um sie zu verbergen„.

Mit „Genisa“ werden sowohl die Räume (meist in oder bei Synagogen) bezeichnet, in denen nicht mehr verwendbare liturgische Schriften, aber auch Gebetsriemen etc. aufbewahrt werden als auch die Gräber, in denen diese dann bestattet werden. Am Zentralfriedhof in Wien, Tor IV, etwa findet sich ein solcher Genisaraum. Im Wesentlichen geht es darum, den Gottesnamen in diesen Schriften und liturgischen Gegenständen vor Missbrauch zu schützen.
Die bedeutendste und bekannteste Genisa ist jene in der im 7. Jahrhundert erbauten Ben Esra Synagoge in Fustat, Kairo, die im 19. Jahrhundert entdeckt wurde und in der 300.000 jüdische Manuskripte bzw. Manuskriptfragmente, die einen Zeitraum vom 8. bis ins 19. Jahrhundert abdecken, gefunden wurden.

In Deutschland, vor allem in Süddeutschland, wurden einige solcher Genisaräume gefunden, meist aus dem 19. Jahrhundert, wenngleich diese Räume selbst so gut wie nie wirklich vorschriftsmäßig sind (also etwa ausschließlich zum Zwecke der Sammlung nicht mehr verwendeter Schriften angelegt usw.). So fand man etwa 2009 im Genisaraum der Synagoge von Bayreuth sogar ein jiddisches Blatt aus dem Homburger Eulenspiegeldruck von 1735.

Genisa-Gräber hingegen gibt es (zumindest im deutschsprachigen Raum) wenige, wohl auch, weil die Grabstellen häufig nicht bezeichnet wurden. Neben dem erwähnten Grab für in der Schoa geschändete Torarollen auf dem Zentralfriedhof Wien, IV. Tor, kennen wir in Deutschland etwa das Genisa-Grab am jüdischen Friedhof Würzburg oder die Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Altengronau im Main-Kinzig-Kreis und in Adelsheim-Sennfeld (Neckar-Odenwald-Kreis). [3]

Frowald Gil Hüttenmeister formuliert es wie folgt:

Man war wohl noch orthodox genug, um solche Schriften und Gegenstände nicht wegzuwerfen, aber nicht mehr orthodox genug, für sie einen eigenen Raum bereitzustellen oder sie, wie früher in Deutschland üblich, auf dem Friedhof zu begraben. [4]

Ohne die dramatischen Ereignisse rund um den 20. April 1938 dürfen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass man die Torarollen auch in Kobersdorf noch nicht begraben hätte.

Das Grabsteinfragment des Genisagrabes auf dem jüdischen Friedhof Kobersdorf ist in wissenschaftlicher Sicht ein außerordentlich bedeutender Fund.
Vor allem aber zeigt es auf dramatische Weise das Ende einer jahrhundertealten jüdischen Gemeinde aus einer rein innerjüdischen Perspektive.


Fußnoten

[1] ספר הברית „Bundesbuch“ bezeichnet eigentlich die älteste israelitische Rechtssammlung, das Wort selbst ist Exodus 24,7 entnommen: „Er [Mose] nahm das Buch des Bundes und verlas es vor dem Volk“. [Zurück zum Text (1)]

[2] Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.J., 172, und dort zitiert: Susanne Uslu-Pauer und Eva Holpfer: Vor dem Volksgericht. Verfahren gegen burgenländische NS-Täter 1945-1955. Burgenländische Forschungen, Band 96, 171, Eisenstadt 2008. [Zurück zum Text (2)]

[3] Frowald Gil Hüttenmeister, Die Genisot als Geschichtsquelle, in: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, Seite 207.
Ganz anders geht man etwa in Übersee mit der Thematik um: Ein ausgesprochen imposantes 1947 errichtetes Genisagrab, eigentlich „Genisa-Mausoleum“, finden wir auf dem jüdischen Friedhof von Santiago de Chile, in dem 14 bei einem Brand der Synagoge am 26./27. Oktober 1944 zerstörte Torarollen begraben sind.
[Zurück zum Text (3)]

[4] Frowald Gil Hüttenmeister, Die Genisot als Geschichtsquelle, in: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, Seite 207f. [Zurück zum Text (4)]