Markus (Mordechai) Jeiteles, 14. Adar II 635 (= Sonntag, 21. März 1875) / Alexander Sahlkind Jeiteles, 25. Schvat 593 (= Donnerstag, 14. Februar 1833)

Der Grabstein befindet sich am jüdischen Friedhof Temeschwar = Timișoara im westlichen Rumänien.

Alle Fotos: Dipl.-Kfm. Georg Gaugusch, Wien.

Grabstein Marcus (Mordechai) Jeiteles / Alexander (Sahlkind) Jeiteles, 14. Adar II 635 = Sonntag, 21. März 1875 / 25. Schvat 593 = Donnerstag, 14. Februar 1833nder (Sahlkind) Jeiteles

Grabstein Marcus (Mordechai) Jeiteles / Alexander (Sahlkind) Jeiteles, 14. Adar II 635 = Sonntag, 21. März 1875 / 25. Schvat 593 = Donnerstag, 14. Februar 1833



Grabstein Marcus (Mordechai) Jeiteles und Alexander (Sahlkind) Jeiteles, Detail Kopf

Grabstein Marcus (Mordechai) Jeiteles und Alexander (Sahlkind) Jeiteles, Detail Kopf



Die Grabinschrift

Kopf

Inschrift JeitelesMA: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Zeuge sei dieser Steinhaufen עד גל הזה
[2] über den darunter Weilenden. על השוכן תחתיו

Mittlerer großer Bogen

Inschrift JeitelesMAB: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Jeiteles ייטעלעס

Rechte Spalte

Inschrift JeitelesMAR: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] D(er ehrbare) H(err) Mordechai. כה מרדכי
[2] Die Tage seines Lebens waren ein- יהיו ימי חייו אחד
[3] undsiebzig Jahre. Er ging um zu leuchten ושבעים שנה הלך לאור
[4] im Licht des Lebens am Sonntag, 14. באור חהיים יום א יד
[5] Adar II 635 n(ach der kleinen Zeitrechnung). אדר שני ש’ תרלה ל
[6] Mordechai wusste alles, was ומרדכי ידע את כל אשר
[7] geschehen war. Er wirkte Wohltaten und führte sie aus. נעשה פעל צדקות ועשה
[8] Er war einer der Gemeinde- הוא הי’ אחד ממנה[ליה]
[9] [leiter]. Er war befasst mit den Anliegen der Gemeinschaft קהלה ועסק בצרכי צבור
[10] in Treue zur Zierde der Synagoge, באמונה לפאר בית הכנסת
[11] um die Bedürfnisse vieler zu regeln. ולתקן צרכי רבים
[12] Der Pfeil des Allmächtigen in den Augen der Mächtigen, וחצו ה’ בעיני השרים
[13] rettete er viele vor dem Schwert. והציל רבים מחרב
[14] Viel Gutes wurde getan הרבה טובות נעשים
[15] durch seine Hand. Seine Söhne und seine Töchter על ידו ובניו ובנותיו
[16] leitete er, dass sie getragen werden mögen durch die Hilfe הדריך להנשאם בעזר
[17] G(ottes) auf den Höhen des Erfolgs. ה על במתי הצלחה
[18] In seiner schweren Krankheit erduldete er ובחליו הקשה סבל
[19] Leiden in Liebe und wandte sich יסורין באהבה וחיל[ו…]
[20] seinem Gott zu in Treue. את אלהיו באמונה
[21] Er schied hin und ward eingesammelt zu seinem Volk. ויגוע ויאסף אל עמיו
[22] Sein Geist wird wohnen bei seinem Gott. הרוח ישוב אל אלהיו

Linke Spalte

Inschrift JeitelesMAL: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] D(er ehrbare) H(err) כה
[2] Alexander אלכסאנדר
[3] Sahlkind Jeiteles. זאהלקינד ייטעלעס
[4] E(r starb) u(nd wurde begraben) am 25. Schvat 693 n(ach der kleinen Zeitrechnung), נ”ו כה שבט תרצג ל
[5] (25) Jahre alt war er. ימי חייו היו
[6] Mehr als 70 Jahre (war Mordechai) יותר משבעים שנה
[7] ein getreuer Mann, der friedlich wandelte. איש אמונים הלך בדון
[8] Im Guten und Aufrechten wankte er nicht. טובים וישרים לא מט
[9] Er ging abends und morgens רגלו מלכת ערב ובוקר
[10] um in der S(ynagoge) der erste unter להיות ב”בה”כנ מעשרה
[11] den zehn zu sein, um auszuschütten seine Klage ראשונים לשפוך שיחו
[12] vor G(ott). Die Summe seiner Tage beendete er לפני ה” סך ימיו השלים
[13] mit seinem Werk und er erfreute sich an seiner Hände במלאכתו ונהנה מיגיע
[14] Arbeit. Seine Herzensgüte zeigte sich כפו ונדבת לבו הראה
[15] entsprechend seiner Fähigkeiten. Nun כפי יכולתו ועתה
[16] ist er hier eingehüllt ins Totenhemd, הנה הוא לוטה בשמלה
[17] und sein Geist stieg nach oben. ורוחו עלה למעלה

Mittig unter beiden Spalten

Inschrift JeitelesMALU: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] I(hre) S(eelen) m(ögen eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). ת”נ”צ”ב”ה”

Sockel

Inschrift JeitelesMALS: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] MARCUS JEITELES,
[2] den 14t[en] Weadar 5635.


Anmerkungen

Die Anordnung der hebräischen Grabinschrift ist merkwürdig, vor allem weil in der linken Spalte oben in den ersten 5 Zeilen ein zweiter Bestatteter erwähnt wird: Alexander Sahlkind Jeiteles, der mit 25 Jahren verstorben ist. Und nach diesen 5 Zeilen wieder die Inschrift für Mordechai fortgesetzt wird.

Vor allem aus 2 Gründen dürfen wir davon ausgehen, dass der Vorname Alexander nicht der zweite Vorname von Mordechai (Marcus) ist, sondern zu Sahlkind Jeiteles gehört:

  1. Die auch als Trennlinie zwischen den Spalten dienende Trennlinie trennt die Vornamen Mordechai und Alexander, umschließt aber den Nachnamen Jeiteles.
  2. Der ehrende Titel “der ehrbare Herr” wurde offenbar nachträglich (weil vergessen?) etwas schlampig oberhalb des Namens Alexander hinzugefügt. Wäre Alexander der zweite Vorname von Mordechai, müsste das כה “der ehrbare Herr” jedenfalls vor Sahlkind, und nicht vor Alexander stehen.

Interessant auch, dass es keine weiteren Attribute oder gar eine Eulogie zu Alexander Sahlkind Jeiteles gibt.

Kopf:

Zeile 1: Gen 31,52.

Rechte Spalte:

Zeile 3/4: Hiob 33,30.

Zeile 4/5: Die hebräischen Buchstaben für die Zahl “14” יד sind groß geschrieben, offenbar weil deutlich darauf hingewiesen werden soll, dass es sich um den ersten Tag von Purim handelt. Deshalb auch das Zitat aus Ester in Zeile 6 (das biblische Buch Ester wird zum Purimfest gelesen).

Zeile 6: Ester 4,1 ומרדכי ידע את כל אשר נעשה ו…. Siehe Anmerkung zu Zeile 4/5.

Zeile 12: Siehe Ijob 6,4 כי חצי שדי עמדי… “die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir”.

Zeile 20: Ligatur von א und ל in אלהיו.

Zeile 21: Vgl. Genesis 49,33 u.a. “(Jakob) verschied und wurde mit seinen Vorfahren vereint” (wörtl.: “…zu seinen Vorfahren eingesammelt”) …ויגוע ויאסף אל עמיו.

Zeile 22: Wörtl.: “Der Geist…”.

Linke Spalte:

Zeile 1: כה “Der ehrbare Herr” wirkt nachträglich schlampig eingefügt.

Zeile 2: Ligatur von א und ל in אלכסאנדר.

Zeile 3: Der hebräische Vorname “Sahlkind” mit “h” ist ungewöhnlich bzw. mir noch nicht untergekommen.

Zeile 4: In der hebräischen Inschrift lesen wir klar תרצג 693. Der 25. Schvat 693 wäre der 21. Februar 1933, was so gut wie nicht in Frage kommt. Es muss sich also um eine Verschreibung handeln und תקצג heißen, also 25. Schvat 593 = 14. Februar 1833.

Zeile 5: Wört.: “waren die Tage seines Lebens”. Bezieht sich auf das großgeschriebene Tagesdatum 25 in Zeile 4. Alexander Sahlkind Jeiteles starb mit 25 Jahren.

Zeile 6: Ab dieser Zeile setzt sich die Inschrift für Mordechai Jeiteles fort.

Zeile 9: Wörtl. etwa: “Sein Fuß wandelte abends und morgens”.

Zeile 10/11: Mit “der erste unter den zehn” ist natürlich der Minjan gemeint, also die zehn Männer, die notwendig sind, damit ein Gemeindegebet und ein Gottesdienst stattfinden können.

Zeile 11: S. Psalm 142,3: אשפך לפניו שיחי “Ich schütte vor ihm meine Klage aus”.

Zeile 13/14: S. Psalm 128,2 “Was deine Hände erwarben, kannst du genießen (wörtl.: ‘essen’); Heil dir, es wird dir gut gehen” יגיע כפיך כי תאכל אשריך וטוב לך. Babylonischer Talmud, Traktat Berachot 8a: “…Größer ist, wer von seiner Arbeit genießt, als der Gottesfürchtige…Heil dir in dieser Welt und wohl dir in der zukünftigen…” …גדול הנהנה מיגיעו יותור מירא שמים…אשריך בעולם הזה וטוב לך לעולם הבא…; s. auch Traktat Chullin 44b.

Zeile 16: Wörtl.: “Umwurf / Kleid”. Vgl. 1 Samuel 21,10: הנה היא לוטה בשמלה “(das Schwert) ist hier, eingehüllt in einen Mantel / ein Kleid”.


Biografische Notizen

Marcus (Mordechai) Jeiteles, geb. ca. 1804, gest. 14. Adar II 635 = Sonntag, 21. März 1875 mit 71 Jahren in Temeschwar (Timișoara, Westrumänien).

Bruder (sehr wahrscheinlich): Alexander (Sahlkind) Jeiteles, geb. ca. 1808, gest. 25. Schvat 593 = Donnerstag, 14. Februar 1833 mit 25 Jahren in Bonyhád (Ungarn). Zum Sterbedatum siehe oben Anmerkung zu “Linke Spalte, Zeile 4”.

Dass Alexander (Sahlkind) Jeiteles der Vater von Marcus (Mordechai) Jeiteles ist, schließe ich, wenn wir den Altersangaben in der hebräischen Grabinschrift vertrauen, aus!

Siehe auch den Beitrag von Randy Schönberg auf Facebook.

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