Die letzten Jahre des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts waren für Kobersdorf, insbesondere auch für die jüdische Gemeinde des Ortes, Jahre heftigster Katastrophen.
Auf die Ende 1894 wütende Diphterie folgte im Frühsommer 1895 die nächste Katastrophe: Anhaltende Regengüsse und ein diesem folgendes Hochwasser ungeheuren Ausmaßes zerstörten am Donnerstag, 6. Juni nicht nur das gesamte jüdische Viertel, sondern forderten allein in Kobersdorf 19 Todesopfer, darunter 4 jüdische. Diese wurden am jüdischen Friedhof in Kobersdorf begraben:

Moritz (Meir) Maier, seine Ehefrau Rosalia (Sara Chaja) Maier, geb. Riegler und deren Tochter Josephine (Perl) Maier im einzigen und daher auffälligen Dreifachgrab sowie der vierjährige Sigmund (Simon) Riegler einige Meter vor ihnen.


Der letzte Satz in der hebräischen Grabinschrift von Moritz (Meir) Maier (oben am Dreifachgrabstein der rechte) „Erst nach 4 Monaten fand er seine Ruhe“ gab mir lange Zeit Rätsel auf (ich habe den Grabstein das erste Mal am 28. Oktober 2014 fotografiert, in den folgenden Jahren immer und immer wieder).
Bis ich vor wenigen Wochen im Sterbebuch Kobersdorf den Eintrag fand, dass Moritz Maier erst am 16. Oktober 1895, vier Monate nach seinem Tod am 6. Juni, gefunden und identifiziert wurde.

Die zeitgenössische Presse zur Katastrophe:

Oedenburg, 7. Juni: Der in einer von hohen Bergen umschlossenen Mulde gelegene Luftkurort Kobersdorf wurde gestern von einer schweren Katastrophe heimgesucht. In Folge andauernder Regengüsse stürzten Nachmittags plötzlich von den umliegenden Bergen ungeheure Wassermassen mit solcher Heftigkeit zu Thal, dass die Bewohner des Ortes sich nicht mehr zu retten vermochten: Die Fluthen drangen mit elementarer Gewalt in die Häuser, Alles vernichtend, was ihnen in den Weg kam. Die massive Brücke konnte den anstürmenden Wassermassen nicht Stand halten. Der größte Theil des Ortes steht unter Wasser. Da der Postverkehr abgeschnitten ist und eine telegraphische Verbindung nicht besteht, ist man ohne genaue Berichte über die Tragweite der Katastrophe. Die Zahl der Vermißten wird gegenwärtig mit 12 angegeben. Der Postkutscher der gestern von Lakenbach nach Kobersdorf abging, ist bisher nicht zurückgekehrt…

Das Vaterland, 8. Juni 1895, 6


Am 8. Juni meldete die Neue Freie Presse, dass in Kobersdorf schon 21 Leichen gefunden wurden. Orkanartige Stürme und Überschwemmungen werden mittlerweile auch aus Südfrankreich, Algerien und Italien gemeldet.
Ebenfalls für den 8. Juni meldet das Neue Wiener Journal vom 9. Juni 1895, dass in Kobersdorf fortwährend Häuser einstürzen.
Die eiserne Cassa im Sparcassagebäude wurde umgeworfen. 1000 fl. Baargeld wurde weggeschwemmt. Derzeit, so die Zeitung, gibt es in Kobersdorf und den umliegenden Orten 42 Tote, es wird aber mit mehr als 70 Katastrophenopfern gerechnet. Aus Ödenburg sind heute die ersten Brotlieferungen gestartet.


Vom 8. Juni stammen auch mehrere konkrete Pressemeldungen über die Katastrophe in der jüdischen Gemeinde von Kobersdorf:

Freitag Nachmittags ist das Haus und das darin befindliche Geschäft des Leopold Hacker (Schlossgasse 9, heute Nr. 19) zusammengefallen. Sehr großen Schaden erlitten die Kaufleute Gerstl, Leopold und Philipp Hacker, Böhm und Zollschan.
Das Wassser ging so hoch, daß es in dem Gewölbe des Krämers Zollschan (Schlossgasse 31, heute Nr. 5) bis an die Decke reichte. Das ganze Warenlager ist ruiniert, Zollschan an den Bettelstab gebracht.
Der Tempel ist innen total vernichtet, blos die vier Wände stehen. Der weitbekannte Rabbi Lazar Alt flüchtete auf einen Sparherd und rettete dadurch sein Leben.
Der Brauhauspächter in Kobersdorf Mayer Hacker hat sich ganz besondere Verdienste um die Verunglückten erworben; der Genannte bewirthete dieselben, welche zu ihm geflüchtet waren und leistete ihnen nach jeder Richtung Beistand.
Der größte Verlust von Menschen, Thieren und Gütern ist in der Judengasse konstatiert worden. 200 jüdische Familien sind von allem entblößt und obdachlos…

Ödenburger Zeitung, 8. Juni 1895, zitiert nach Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.O, o.J., 75


Die Neue Freie Presse bestätigt am 10. Juni 1895:

…Das Elend ist dort ein furchtbares. In Peterfa (Oberpetersdorf) stehen kaum einige Häuser mehr, die Kobersdorfer Judengassse ist bereits vernichtet, ungefähr 200 Juden sind obdachlos. Die Zahl der Todten beträgt 33. Samstag und Sonntag war ihr Begräbnis. Die zweijährige Stephanie Kubesch aus Wien weilte bei ihrer Großmutter zur Luftcur in Kobersdorf und fand dort den Wellentod. Zwei Kobersdorfer fehlen noch.

Neue Freie Presse, 10. Juni 1895, 7


In der Gemeindechronik Kobersdorf lesen wir, dass (in Kobersdorf) 19 Menschenleben zu beklagen waren und an die 30 Häuser zerstört wurden. Und dass noch heute jährlich am 6. Juni in den christlichen Kirchen Gottesdienste im Gedenken an den „Wassertag“ und an die schreckliche Katastrophe abgehalten werden.

In diesem Sinne dürfen die Aufarbeitung der Grabinschriften sowie dieser Beitrag den vier jüdischen Todesopfern der Katastrophe endlich ihre Namen zurückgeben und als Gedenkbeiträge verstanden werden.