Der Grabstein mit dem Hammer

Obwohl ein eher unscheinbarer Grabstein, kann er kaum übersehen werden. Nahe dem Friedhofseingang des jüdischen Friedhofes Kobersdorf befindet sich der Grabstein des Michael (Leser) Bauer, der am 04. März 1898 verstorben ist. Er war der Schulklopfer der jüdischen Gemeinde und er wurde mit seinem Hammer begraben. Auch auf dem Grabstein findet sich das Symbol des Hammers, in diesem Fall also wohl ein sogenanntes Berufssymbol. Berufssymbole kommen immer wieder vor und weisen, wie der Name sagt, auf den Beruf der oder des Verstorbenen hin. Der Hammer als Berufssymbol für den Schulklopfer ist mir aber noch nie auf einem jüdischen Grabstein begegnet außer eben hier in Kobersdorf auf dem Grabstein von Michael Bauer.

Grabstein Michael (Leser) Bauer, 12. Adar 658 = Sonntag, 06. März 1898

Grabstein Michael (Leser) Bauer, 12. Adar 658 = Sonntag, 06. März 1898


Sogar in der Literatur fand dieser bemerkenswerte Grabstein seinen Niederschlag:

In dieser Gemeinde ist ‒ an und für sich vielleicht gar nicht so bedeutend, aber doch ein charakteristisches Zeichen für den allgemeinen Niedergang ‒ mit dem letzten Schulklopfer, einem armen Halbnarren, vor etlichen Jahren auch der Hammer, der zum Schulklopfen diente, begraben worden…

Leopold Moses, Spaziergänge. Studien und Skizzen zur Geschichte der Juden in Österreich, hrsg. v. Patricia Steines, Wien 1994, S. 196-200.


Über das Schulklopfen in den ehemaligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes[1]

Ein alter Brauch in den westungarischen jüdischen Gemeinden und daher auch in den Sieben-Gemeinden war das „Schulklopfen“ שוהל־קאָפּפן. Der Gemeindediener ging in der Judengasse von Haus zu Haus, um die Bewohner an den Gottesdienst in der Synagoge zu erinnern.

Mit „Schul“ ist die Synagoge gemeint, die im Mittelalter lateinisch „schola“ (deutsch: Schule) genannt wurde. Zurück geht dieser Ausdruck auf den babylonischen Talmud, Traktat Schabbat 11a, wo die Synagoge als Schulraum bezeichnet wird: הַחַזָּן רוֹאֶה הֵיכָן תִּינוֹקוֹת קוֹרְאִין „der Aufseher darf den Schulkindern beim Lesen zusehen“. Der Ausdruck „Judenschule“ (lateinisch „schola judaeorum“) wird wahrscheinlich das erste Mal im Fridericianum, der Judenordnung von Herzog Friedrich II. erwähnt. Am Judenplatz 9 (damals „Schulhof“) in Wien war eines der beiden wichtigen Gebäude der Judenstadt die Judenschule, die schon 1204 als „Schola Judeorum“ urkundlich erwähnt wird.[2]
Jiddisch ist „schul“ bzw. in einigen Dialekten „schil“ in Verwendung.

Dieses „Schulklopfen“ fungierte, so erzählte Professor Meir Ayali, als innergemeindliches Signalsystem: Drei Schläge riefen die Gemeindemitglieder, morgens wie abends, zum Gebet; außerdem informierte das „Schulklopfen“ über Todesfälle in der Gemeinde: War ein Toter zu beklagen, dann wurden nicht die üblichen drei, sondern nur zwei Schläge ausgeführt.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ KNOCK, KNOCK, KNOCK ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben.

Meir Ayali in seinen Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt. Er wurde 1913 als Meir Eugen Hirschler in Eisenstadt geboren (und zwar in den Räumen des heutigen jüdischen Museums) und starb 2001 in Israel.

Das Schulklopfen forderte aber nicht nur zum Synagogengottesdienst auf, sondern hatte auch bei anderen Gelegenheiten eine bestimmte Funktion im Gemeindeleben: Sobald „in Schul“ geklopft wurde, musste im Zimmer einer Wöchnerin ein Licht angezündet sein, das erst am nächsten Morgen gelöscht werden durfte.

Und am „Schulklopfen“ orientierte man sich auch, wenn die Geburt so erfolgt war, dass bezüglich des Beschneidungstages Zweifel entstanden. Diesen Fall gab es öfter (siehe etwa auch den Geburtstag des berühmten Rabbiners Akiba Eger). Da die Beschneidung immer exakt am 8. Tag nach der Geburt erfolgen muss, gab es bei Geburten in den Abendstunden immer wieder Zweifel über den genauen Zeitpunkt der Geburt, also ob diese noch am alten oder schon am neuen jüdischen Tag erfolgt ist. Dementsprechend war dann ‒ nach bürgerlichem Datum gerechnet ‒ die Beschneidung eben am 8. oder eben am (scheinbar) 9. Tag nach der Geburt.

Auch aus Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, haben wir einen Bericht über den Schulklopfer:

Schalom Österreicher (1771-1839) erbte 77 Gulden Schulden von seinem Halbbruder Mose Löb Neufeld (ca. 1769-1809). Die 77 Gulden waren jedoch eine enorme und nicht zu bewältigende Belastung für den Hausierer mit einer Frau und mindestens sechs Kindern. Daher schlug Schalom, um seine Schulden abzubauen, der Chevra Kadischa vor, dass er bereit sei als Schames (Synagogendiener) zu fungieren, ein Amt, das auch die Pflichten des Schulklopfers umfasste.

So weckte Schalom die Juden von Mattersdorf jeden Morgen, indem er dreimal mit einem Holzhammer an jede Tür klopfte, um die Menschen in der Synagoge zum Gebet zu rufen. Wenn jemand in der Nacht gestorben war, klopfte er zweimal statt dreimal. Auch Hochzeiten und Beerdigungen kündigte der Schulklopfer Schalom Österreicher an. Als seine Schulden drei Jahre später abbezahlt waren, verlangte Schalom, dass die Chevra Kadischa diese Tatsache auch in ihrem Protokollbuch entsprechend bestätigten.
Schalom starb mit 67 Jahren am 6. Juli 1839 in Wien, laut Sterbeurkunde drei Tage vor seinem 68. Geburtstag. Begraben wurde Schalom Österreicher in Mattersdorf.

Hammer des Schulklopfers in Mattersdorf/Mattersburg, heute in Israel

Hammer des Schulklopfers in Mattersdorf/Mattersburg, heute in Israel



Aus Mattersburg stammt auch dieser Hammer, der über fünf Generationen für das Schulklopfen in der jüdischen Gemeinde verwendet wurde. Angeblich musste in den Jahren vor 1938 einmal der Stiel des Hammers erneuert werden, der Kopf blieb jedoch der alte. 1938 konnte ein Gemeindemitglied den Hammer auf der Flucht vor den Nazis retten. Heute befindet er sich in Tel Aviv.[3]

Am Schabbat und grundsätzlich auch an den Feiertagen trat das „Schulrufen“ an die Stelle des „Schulklopfens“, d.h. der Synagogendiener klopfte nicht mehr an jedes Haus, sondern ließ vor der Synagoge den Ruf „In Schul!“ hören. Auch in den letzten Jahren vor 1938 rief der Gemeindediener nur mehr vor der Synagoge „In Schul“.



[1] Es sei angemerkt, dass das Schulklopfen in anderen jüdischen Gemeinden und vor allem auch in anderen Zeiten etwas anders praktiziert wurde. So wurde etwa im nahen Wiener Neustadt seit dem Mittelalter viermal geklopft. Der 1460 in Wiener Neustadt verstorbene Gelehrte und Talmudist Israel Isserlein legte den Rhythmus KNOCK ‒ Pause ‒ KNOCK KNOCK ‒ Pause ‒ KNOCK fest, weil das erste hebräische Wort אבא des biblischen Verses Exodus 20,24 אָב֥וֹא אֵלֶ֖יךָ וּבֵרַכְתִּֽיךָ „ich werde zu dir kommen und dich segnen“ die Zahlenwerte 1, 2 und 1 hat.
Siehe dazu auch den Eintrag „Schulklopfer“ in der Wikipedia.
Weiters siehe auch den Eintrag „Schulklopfer“ in der JewishEncyclopedia. [Zurück zum Text (1)]

[2] Siehe Eintrag Judenplatz“ im Wien Geschichte Wiki. [Zurück zum Text (2)]

[3] Vielen herzlichen Dank an Carole Vogel für die Zurverfügungstellung der Geschichte aus Mattersdorf sowie aller Daten rund um Schalom Österreicher und seine Familie. Auf die genauen Familienverhältnisse und warum Schalom die Schulden erbte, wurde aber oben nicht explizit eingegangen. [Zurück zum Text (3)]