Dieses Grabsteinfragment befindet sich in der vergangene Woche, am 30. April 2022, eröffneten Ausstellung in der ehemaligen Synagoge Stadt Schlaining. Es dient dort als Illustrationsobjekt zum Thema „jüdischer Friedhof“ und hat keine „Objekt“beschriftung.

Dieses jüdische Grabsteinfragment ist aber ist keine Theaterrequisite, sondern ein Teil, und zwar der wesentliche, des Grabsteins einer jüdischen Frau, die in Schlaining verheiratet war, gelebt hat und gestoben ist und auch am jüdischen Friedhof von Schlaining begraben liegt (auch wenn wir nicht sicher wissen, wo dieser Friedhof war bzw. ist).

Es ist das Fragment des Grabsteins von Hani Mattersdorfer, die als Hani Pollak 1803 in Mattersdorf geboren ist, wo ihr Vater, ein gelehrter Mann, Steuerberater und Bürgermeister der jüdischen Gemeinde war. Geheiratet hat Hani auch einen Mattersdorfer Juden, den Heinrich Mattersdorfer, der später in Schlaining ein überaus einflussreicher Mann war. Aber auch Hani, die als „Krämers Gattin“ bezeichnet wird, war selbst eine angesehene, bedeutende Frau und muss wohlhabend gewesen sein. Heinrich Mattersdorfer starb 1872 in Schlaining an Nervenfieber, seine Frau Hani, deren Grabsteinfragment wir haben, starb schon drei Jahre früher, am 26. November 1869 an Brustkrebs.

Die Mitzwa, Kavod Hamet, ist die Achtung der Würde des Toten und dazu gehört es, das Grab eines Toten, einer Toten, zu kennen. Wenn wir auch das Grab dieser konkreten toten jüdischen Frau, Hani Mattersdorfer, leider nicht kennen: Es ist unsere ‒ nicht nur religiöse ‒ Pflicht, und das mindeste, was wir tun können, ihren Grabstein aus der Anonymität zu holen und ihr somit ihren Namen zurückzugeben.


Hani (Sara Chana) Mattersdorfer, geb. Pollak, 22. Kislew 630 (= Freitag, 26. November 1869)

Das Grabsteinfragment befindet sich in Stadtschlaining.

Grabsteinfragment Schlaining, Hani (Sara Chana) Mattersdorfer, geb. Pollak, 22. Kislew 630 = Freitag, 26. November 1869

Grabsteinfragment Schlaining, Hani (Sara Chana) Mattersdorfer, geb. Pollak, 22. Kislew 630 = Freitag, 26. November 1869



Die Inschrift

Inschrift Hani Mattersdorfer: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] […] die Wohltätige, Frau […] הצדקת מרת
[2] Sara [Chana]h שרה [חנ]ה
[3] [Tochter des MOREN]U Israel Pollak. [בת מו“]ה ישראל פאללאק
[4] […] a(us) M(atters)d(orf), Ehefrau [des Teuren], […] ממד אשת [היקר]
[5] [des Vornehme]n, [des Meisters] Meir Hersch, [הקצי]ן [הרב] מאיר הרש
[6] […] Jakab [M(atters)d(orfer)] […] […]ה יאקב [מט“ד] […]


Anmerkungen

Große Teile der Inschrift sind heute nur mehr mit großer Unsicherheit oder gar nicht mehr lesbar. Vielen Dank an Claudia Markovits Krempke, Israel, für das Gegenlesen. Carole Vogel, New Jersey, und Yitzchoq Stroh, Brooklyn, danke ich für die große Hilfe in der Biografie von Hani Mattersdorfer.
Gert Polster danke ich ebenfalls für die biografischen Hinweise (Judenkonskription 1848, s.u.).

Zeile 3: MORENU bedeutet wörtlich „u(nser) L(ehrer), H(err)“. Den MORENU-Titel erhielten nur besonders gelehrte Männer, Bernhard Wachstein bezeichnet ihn als „synagogaler Doktortitel“ (siehe Bernhard Wachstein, Die Inschriften des Alten Judenfriedhofes in Wien, 1. Teil 1540 (?)-1670, 2. Teil 1696-1783, Wien 1912, 2. Teil, S. 15).

Zeilen 4/5: Alternative Lesung (Claudia Markovits Krempke): „[…] a(us) M(atters)d(orf), die die (Zeile 5) [Ehefrau] des Herrn Meir Hersch war“ […] ממד אשר היתה (5) [אשת הקצי]ן [הרב] מאיר הרש.

Zeile 5: Das sehr unsicher zu lesende und daher ohnehin in eckigen Klammern stehende הרב „der Rabbiner“, eventuell „der Meister“, mag nicht so recht zum biografischen Eintrag „Krämers Gattin“ passen.


Biografische Notizen

Hani (Sara Chana) Mattersdorfer, geb. Pollak ca. 1803 in Mattersdorf, „Krämers Gattin“, gest. 22. Kislew 630 = Freitag, 26. November 1869 in Schlaining an Brustkrebs, begraben am jüdischen Friedhof in Schlaining

Eintrag Sterbebuch Schlaining, Hani Mattersdorfer, geb. Pollak, 22. Kislew 630 = Freitag, 26. November 1869

Eintrag Sterbebuch Schlaining, Hani Mattersdorfer, geb. Pollak, 22. Kislew 630 = Freitag, 26. November 1869



Der Eintrag im Chevra Kadischa Buch von Mattersdorf bezeichnet Chana als „Ketzina jekara“ הקצינה היקרה, also als teure Einflussreiche, als Frau eines „Katzin“, und als „Chaschuva“ החשובה, als „Bedeutende“, sprich, Hani Mattersdorfer muss eine wohlhabende, angesehene Frau gewesen sein. Weiters weist sie der Eintrag als Tochter des Rabbinischen MORENU Israel Mihály und seiner Frau Milka aus:

Vater: Mihaly (Israel) Pollak (er selbst verwendet gelegentlich den Namen Israel Mihaly), geb. ca. 1765, Steuerbeamter, Bürgermeister der jüdischen Gemeinde Mattersdorf von 1821-1823. Bis 1817 scheint Israel Pollak nicht in Mattersdorf auf. Um diese Zeit war er jedenfalls verheiratet und hatte Kinder, die bereits das Erwachsenenalter erreicht hatten. Möglicherweise stammte er aus Mihályi (Ungarn).

Meir Israel Pollak war gebildet und trug den MORENU-Titel (s.o. Anmerkung zu Zeile 3). Er starb am 26. Februar 1824. Das wissen wir von einem Eintrag im Chevra Kadischa-Buch Mattersdorf, in dem eine Spende seiner Tochter Glückel an die Chevra Kadischa erwähnt wird. In anderen Einträgen erfahren wir, dass seine Mutter Malka hieß und seine Frau Milka, aber als Mali Pollak im Sterbebuch Mattersdorf eingetragen ist:

Mutter: Milka = Mali Pollak, gestorben 11. März 1835 in Mattersdorf

Eintrag Sterbebuch Mattersdorf, Mali Pollak, 11. März 1835

Eintrag Sterbebuch Mattersdorf, Mali Pollak, 11. März 1835



Das Ehepaar Israel Mihály Pollak und Hani Pollak hatte 5 Kinder, darunter Glückel (s.o.) und unsere Hani (Sara Chana).

Ehemann (von Hani): Heinrich (Mayer/Meir Hersch/Hirsch) Mattersdorfer, geboren ca. 1802 in Mattersdorf, Sohn der Nucha, gestorben 27. Cheschvan 633 (= 28. November 1872) in Schlaining an Nervenfieber.

Eintrag Sterbebuch Schlaining, Heinrich Mattersdorfer, 28. November 1872

Eintrag Sterbebuch Schlaining, Heinrich Mattersdorfer, 28. November 1872



Sowohl den Namen seiner Mutter als auch seinen Geburtsort (und selbstverständlich den Jahrzeittag) erfahren wir im Chevra Kadischabuch von Schlaining. Mayer Mattersdorfer wird in diesem Eintrag im Chevra Kadischabuch als „Katzin“ קצין, also als Einflussreicher, bezeichnet:

In der Konskription von 1848 finden wir Hani Mattersdorfer mit ihrem Ehemann Hirschl und der Adoptivtochter Juli (ungarisch: „fogadott leánya“):

Konskription 1848 Schlaining

Konskription 1848 Schlaining


Siehe auch das zweite Grabsteinfragment von Schlaining: Leopoldine / Elenora (Lina, Lewia) Heinrich, geb. Kohn, gest. 30. Juli 1881.