Wir freuen uns sehr, dass wir auch im Veranstaltungsprogramm der neu renovierten ehemaligen Synagoge von Kobersdorf dabei sind.

Veranstaltungsübersicht


Kobersdorf war der Kurort der ehemaligen Sieben-Gemeinden, der berühmten sieben heiligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Die Kobersdorfer Juden wurden auch die „Einzeiligen“ genannt, weil sie vor allem auf der „Straßenseite“ der Synagoge wohnten (Schlossgasse), während sich gegenüber, also auf der anderen Straßenseite, das Schloss Kobersdorf befand.

Fährt man im Jahr 2022 nach Kobersdorf, in einen Ort, in dem es, wie in allen anderen ehemaligen jüdischen Gemeinden, heute keine jüdische Gemeinde mehr gibt, scheint mir, als spüre man in dem sehr beschaulich wirkenden Ort noch immer die jüdische Geschichte. Vor allem am kurzen Fußweg zwischen Synagoge und jüdischem Friedhof.

Beide (heute) Erinnerungsorte in Kobersdorf lassen vor allem bei einem gemeinsamen Besuch die Geschichte der Juden begreifen:

Die ehemalige Synagoge, wurde am 11. April 1860 unter Rabbiner Abraham Shag Zwebner eingeweiht. Rabbiner Zwebner verließ 13 Jahre später Kobersdorf in Richtung Jerusalem, seine Frau Leni, geb. Spitz, war schon 1863 gestorben und ist am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben. Unmittelbar neben den großen Gelehrten und Rabbinern der Familie Alt.

1895, als auch 4 jüdische Todesopfer in der schrecklichen Hochwasserkatastrophe von Kobesdorf zu beklagen waren, wurde auch die Synagoge innen total vernichtet, berichtet die zeitgenössische Presse:

Der Tempel ist innen total vernichtet, blos die vier Wände stehen. Der weitbekannte Rabbi Lazar Alt flüchtete auf einen Sparherd und rettete dadurch sein Leben.

Ödenburger Zeitung, 8. Juni 1895, zitiert nach Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.O, o.J., 75

Neuerlich und endgültig zerstört wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten 1938. Nach einer sehr wechselvollen Geschichte in den Jahrzehnten nach 1945 wurde die Synagoge 2019 vom Land Burgenland gekauft und mit den Renovierungsarbeiten begonnen. Am 26. April 2022 wurde die ehemalige Synagoge ‒ prächtig renoviert ‒ offiziell eröffnet.

Jüdischer Waldfriedhof Kobersdorf

Etwa 10 Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt liegt der jüdische Friedhof Kobersdorf, wohl einer der beeindruckendsten und „schönsten“ jüdischen Friedhöfe in Österreich. Ein Waldfriedhof mit heute etwa 650 Grabsteinen, die so wie alle jüdischen Friedhöfe im Burgenland, ausschließlich hebräische Grabinschriften haben.
Alle Grabsteine erzählen Geschichten:

Detail Grabstein Michael Bauer, 06. März 1898

Detail Grabstein Michael Bauer, 06. März 1898


Nahe dem Eingang befindet sich der Grabstein des Schulklopfers von Kobersdorf, ein armer Halbnarr, der die Aufgabe hatte, die Gemeindemitglieder durch Klopfen mit seinem Hammer zum Gemeindegottesdienst in die Synagoge zu holen. Auf seinem Grabstein befindet sich ‒ wahrscheinlich weltweit einzigartig ‒ ein Berufssymbol seiner Aufgabe, ein Hammer.

Nur wenige Meter vom Grabstein des Schulklopfers entfernt finden wir die 4 jüdischen Todesopfer der Hochwasserkatastrophe vom 06. Juni 1895. Moritz Meier, einer der Todesopfer, wurde erst vier Monate nach der Katastrophe, am 16. Oktober 1895 gefunden. In seiner hebräischen Grabinschrift lesen wir in der letzten Zeile:

Inschrift Zeile7: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[Zeile 7] Erst nach 4 Monaten fand er Ruhe. רק אחר ד“ חדשים מצא מנוחה

Grabsteine der Familie Alt

Ganz oben, in der nordwestlichen Ecke des Friedhofes befindet sich eine Formation von Grabsteinen, die den Eindruck erweckt, als hätte sich die Familie Alt, über Generationen Gelehrte und Rabbiner, hier zum Gruppenfoto eingefunden, um 160 Jahre jüdische Geschichte von Kobersdorf zu erzählen.

Und ganz unten, rechts vom Eingang in den Friedhof, finden sich mehrere „Haufen“ mit aufgeschichteten Grabsteinen und Grabsteinfragmenten, darunter ein über Jahrzehnte unbeachtetes und leider heute nicht mehr lokalisierbares Grabsteinfragment des einzigen historischen Genisagrabes Österreichs.

Dieses kleine Grabsteinfragment erzählt die so traurige und tragische Geschichte des letzten Rabbiners von Kobersdorf, Simon Goldberger, und seiner Familie, seiner Frau Paula und seiner drei minderjährigen Kinder Lazar, Hermann und Isidor, die alle in Auschwitz ermordet wurden.


Die Veranstaltungen des Österreichischen Jüdischen Museums


Führungen für Schulgruppen in der Synagoge

Die ehemalige Synagoge Kobersdorf – eintreten, erfahren, staunen: Grundlegendes über Synagoge, Gottesdienst und Tora und die jüdische Gemeinde Kobersdorf.

Termine: 3. Mai, 25. Mai, 15. Juni, 27. Juni, 22. Juli, 14. September, 29. September, 21. Oktober 2022 – Beginn jeweils um 09.30 Uhr
Dauer: 1 Stunde

Beitrag: € 2 (pro TeilnehmerIn)
Treffpunkt: Ehemalige Synagoge Kobersdorf, Schlossgasse, 7332 Kobersdorf

Bitte beachten Sie:

  • Anmeldung unbedingt jeweils bis 2 Tage vor der Veranstaltung erforderlich (telefonisch: +43 (0)2682 65145 oder per E-Mail: info@ojm.at).




Führungen am Waldfriedhof in Kobersdorf (auf Wunsch auch Besichtigung der Synagoge möglich)

Der jüdische Friedhof Kobersdorf ist wohl einer der beeindruckendsten und „schönsten“ jüdischen Friedhöfe in Österreich. Ein Waldfriedhof mit heute etwa 650 Grabsteinen, die so wie alle jüdischen Friedhöfe im Burgenland, ausschließlich hebräische Grabinschriften haben. Alle Grabsteine erzählen Geschichten: Solche mit Augenzwinkern wie über den armen Halbnarren, der Schulklopfer in Kobersdorf war. Geschichten über die großen Gelehrten der jüdischen Gemeinde, die wie zu einem Gruppenfoto am Friedhof aufeinander treffen. Und dramatische Geschichten wie über die vier jüdischen Todesopfer bei der schrecklichen Hochwasserkatastrophe 1895 oder ein Grabsteinfragment, das uns die Tragödie des letzten Rabbiners der Gemeinde vor Augen führt (siehe oben Einleitung).

Die Führungen macht Johannes Reiss, immer an einem Sonntag:

Termine: 15. Mai (10.30 Uhr), 12. Juni (10.30 Uhr), 10. Juli (18 Uhr), 17. Juli (18 Uhr), 24. Juli (18 Uhr), 31. Juli (18 Uhr), 21. August (10.30 Uhr), 11. September (10.30 Uhr), 23. Oktober (10.30 Uhr)
Dauer: ca. 60-90 Minuten

Beitrag: € 10 (pro TeilnehmerIn)
Treffpunkt: Jüdischer Friedhof Kobersdorf, Kirchengasse 23, 7332 Kobersdorf

Bitte beachten Sie:

  • Anmeldung unbedingt jeweils bis 2 Tage vor der Veranstaltung erforderlich, Führung findet ab mindestens 5 Personen statt (telefonisch: +43 (0)2682 65145 oder per E-Mail: info@ojm.at).




Außerdem möchten wir gerne zu zwei Vorträgen bzw. Workshops hinweisen, die im Rahmen des Programms der Burgenländischen Volkshochschulen stattfinden:

Vortrag Johannes Reiss:
Deutsch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Latein und Griechisch?
Über die Sprachvielfalt in den ehemaligen jüdischen Gemeinden.

Jüdinnen und Juden sprachen ein schöneres Deutsch als ihre nichtjüdische Umgebung, im jüdischen Zentralarchiv finden wir Dokumente auf Hebräisch und solche auf Deutsch, aber mit hebräischen Buchstaben geschrieben, auf allen jüdischen Friedhöfen gibt es nur hebräische Grabinschriften, auf der Jeschiwa, der jüdischen Hochschule, wurde Latein und Griechisch unterrichtet, und die Wissenschaft behauptet, dass im Burgenland neben Deutsch und Ungarisch auch Jiddisch gesprochen wurde…
Wir versuchen, die fast schon babylonische Sprachenverwirrung in den ehemaligen jüdischen Gemeinden der Region ein wenig zu entschlüsseln.

Termine:
02. Mai 2022 ehemalige Synagoge Kobersdorf, 18 Uhr
16. Mai 2022 Österreichisches Jüdisches Museum, 18 Uhr




Vortrag bzw. mehr Workshop, Johannes Reiss:
Hilfe, ich kann nicht Hebräisch…

… ich möchte aber gerne wissen, was in einer hebräischen Grabinschrift steht.
In ca. 1 Stunde lernen wir Namen und Sterbedatum auf hebräischen Grabinschriften zu identifizieren und zu lesen.

Termine:
13. Juni 2022 jüdischer Friedhof Kobersdorf, 15 Uhr
20. Mai 2022 Österreichisches Jüdisches Museum, 15 Uhr
(wir gehen natürlich dann gemeinsam zum älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt)


Alle Veranstaltungen in bzw. rund um die renovierte ehemalige Synagoge Kobersdorf siehe Website Land Burgenland!