Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Christopher Meiller

Purim seinerzeit

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch, so…

Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch,

so spricht Königin Ester in der biblischen Erzählung zu König Artaxerxes (Ester 7,3), damit er das Unheil abwende, das den Juden seines Reiches droht. Ausgerechnet der besondere Favorit des Königs nämlich, Haman mit Namen, hatte einen mörderischen Plan gefasst: Haman „wollte … alle Juden im Reich des Artaxerxes vernichten“ (3,6). Doch glücklicherweise findet Esters Bitte Gehör: Der König höchstselbst schreitet ein – er lässt den „verbrecherische[n] Haman“ hängen (7,6.9f.), seine finsteren Pläne werden vereitelt. Den bedrohten Juden wird so in der Tat „das Leben geschenkt“ – und genau diese Errettung ist Anlass und Hintergrund des Purimfestes, das am kommenden Wochenende gefeiert wird.

Purim hat in der Vergangenheit wie in der Gegenwart zahllose folkloristische Ausschmückungen erfahren. Ein besonders hübsches historisches Beispiel für diese Purim-Folklore zeigen diese Filmaufnahmen von Purim-Festivitäten im Israel (damals noch Mandatsgebiet) der 20er- bzw. 30er-Jahre …

Die im Video zu sehenden Purim-Feiern in Tel Aviv – hebräisch „Adloyada“, auf Deutsch wörtlich in etwa: „bis man nicht mehr weiß“, in Anspielung auf ein Talmud-Wort, das dazu auffordert, an Purim reichlich dem Alkohol zuzusprechen – reichen bis in die Frühzeit der jungen Stadt zurück (vgl. die ausführliche Darstellung in der englischen Wikipedia: Adloyada) und gelten als die größte Massen-Veranstaltung der jüdischen Bevölkerung in der Mandatszeit – traut man den Zeitungsberichten, so zogen die Tel Aviver Purim-Feierlichkeiten zu ihrer Hoch-Zeit, Mitte der 30er-Jahre, bis zu 250 000 Besucher an, das ist mehr als das Doppelte der damaligen Einwohnerzahl (vgl. Hizky Shoham: „A huge national assemblage“: Tel Aviv as a pilgrimage site in Purim celebrations (1920-1935), in: Journal of Israeli History, Vol. 28, No. 1, March 2009, 1-20, hier 1 und 4f.).

Unschwer lassen sich in den obigen Aufnahmen Entsprechungen zu typischen Faschings- bzw. Karnevals-Bräuchen entdecken: die aufwendig drapierten Wagen etwa oder die Wahl einer Königin Ester (im Video ab 1:25). Die Filmaufnahmen haben aber auch eine interessante zeitgeschichtliche Pointe, nämlich in der Bezugnahme der Purim-Feiern auf den Nationalsozialismus: So etwa greift die Purim-Parade nationalsozialistische Symbole, namentlich das Hakenkreuz, auf und baut sie persiflierend in die Purim-Folklore ein (im Video ab 3:50, kurz auch schon bei 2:29)!

Ein ähnlich gelagertes Motiv war hier im Blog übrigens schon einmal Thema, nämlich die Assoziation von Haman und Hitler – siehe das bemerkenswerte Purim-Foto des „Haman Hitler“ aus Landsberg 1946 im Beitrag „Hamanpuppe„.

Der Ruhm des Purim-Spektakels in Tel Aviv jedenfalls verbreitete sich auch in der deutschsprachigen Diaspora – die in Berlin erscheinende „Jüdische Rundschau“ widmet beispielsweise den Purim-Feiern 1935 u.a. eine ganzseitige Reportage:

Drei Tage pulsierenden Lebens, farbigster Bewegtheit krönten Vorbereitungen von Wochen und Monaten. … Tel-Awiw dürfte noch niemals eine so große Zahl von Gästen beherbergt haben. Man schätzt die Besucherziffer auf 250 000. … Bezeichnend für den ungeheuren Zustrom ist die Tatsache, dass die Autobusgesellschaft ‚Egged‘ von Jerusalem nach Tel-Awiw einen Drei-Minuten-Verkehr eingerichtet hatte und sämtliche Wagen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. … Die Zentren der Stadt waren festlich illuminiert, die Schaufenster standen im Zeichen des Purim … Das Straßenbild war belebt von buntesten Kostümen. … Auf den Hauptplätzen tanzten Gruppen junger Menschen die Horra bis zur Ekstase.

Jüdische Rundschau, 2. April 1935, S. 3, online auf compactmemory.de

Mit dieser kleinen Rückblende wünschen wir allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!


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Chanukka im Großformat

Noch leuchtet sie nicht, die große Chanukkia, also der chanukka-typische 8- bzw. 9-armige Leuchter, in der Wiener Innenstadt, am Anfang der Kärntner Straße. Das wird sich schon in wenigen Stunden…

Noch leuchtet sie nicht, die große Chanukkia, also der chanukka-typische 8- bzw. 9-armige Leuchter, in der Wiener Innenstadt, am Anfang der Kärntner Straße.

Chanukkia in der Wiener Innenstadt 2013


Das wird sich schon in wenigen Stunden ändern, denn heute beginnt das Chanukkafest. Ab heute Abend also und 8 Tage lang werden, in Erinnerung an die einstige Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels, allabendlich die Chanukkalichter leuchten – im Großformat auch mitten in Wien …


Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein fröhliches Chanukkafest – Happy Chanukka – חג אורים שמח!


Besten Dank an Iris H., die sich für obiges Foto ins Wiener Schneegestöber gewagt und uns das Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.


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Tierisch morbide

Unlängst führte uns ein Ausflug auf den Wiener Tierfriedhof (nein, keine Fragen bitte …) – zurückgekommen sind wir mit folgendem Bild-Fundstück: Grabstein auf dem Wiener Tierfriedhof Ein Grab mit Davidstern…

Unlängst führte uns ein Ausflug auf den Wiener Tierfriedhof (nein, keine Fragen bitte …) – zurückgekommen sind wir mit folgendem Bild-Fundstück:

Grabstein auf dem Wiener Tierfriedhof; Aufschrift: DEBRA KATS und Davidstern

Grabstein auf dem Wiener Tierfriedhof


Ein Grab mit Davidstern – ein explizit jüdisches Haustier also? Und dann noch mit Doppelnamen?
Oder liegt hier vielleicht eine Übernahme aus dem Jiddischen vor (jiddisch kaz = Katze)? Eventuell könnte man die Schreibung mit s (statt z) dann außerdem als Versuch verstehen, eine Verwechslung mit dem gängigen Familiennamen Katz – kurz für כהן צדק, Kohen Zedek, „Priester der Gerechtigkeit“ – zu vermeiden: DEBRA KATS = Katze Debora?
Oder ist die Sache vielleicht doch eher ein morbider Scherz, angeregt gerade durch den Gleichklang von Katze und Katz?

Kurios, kurios …

Besten Dank an Mit-Ausflüglerin Laulo B., die ihre Kamera griffbereit hatte …

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Badatz!

Chajm Guski ist ein publizistisch Umtriebiger: Blogger auf „Chajms Sicht“ und Herausgeber der Info-Plattform talmud.de, Autor für die „Jüdische Allgemeine“ und gastweise auch für andere Medien, so auch hier im…

Chajm Guski ist ein publizistisch Umtriebiger: Blogger auf „Chajms Sicht“ und Herausgeber der Info-Plattform talmud.de, Autor für die „Jüdische Allgemeine“ und gastweise auch für andere Medien, so auch hier im Museumsblog. Und nun also auch noch Buchautor. „Badatz!“ heißt das unlängst erschienene Bändchen, das Arbeiten für die „Jüdische Allgemeine“ zusammenführt – und „viel zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag“ verheißt.

Versammelt sind darin gut 40 erzählerische Miniaturen, knappe pointierte und geschickt überzeichnete Glossen, angesiedelt irgendwo zwischen Synagoge und Alltagsirrsinn – etwa über die „Kunst der gepflegten Kiddusch-Tisch-Konversation“ (56) und die Synagogengemeinde als Heiratsmarkt, Tücken der Bar-Mizwa-Vorbereitung oder das Enervierende der immergleichen Jom-Kippur-Witzchen:

Es gibt kein Jahr, in dem nicht irgendjemand bei der Ankunft zum Nachmittagsgebet gefragt hätte: ‚Na, hat’s geschmeckt?‘ oder ‚Wisch dir mal die Sauce aus dem Gesicht‘. Schon bin ich kurz davor, mein Sündenkonto fürs kommende Jahr knietief in den Dispo zu zwingen (95).

Bemerkens- und lesenswert ist das schon darum, weil Bücher, die den deutsch-jüdischen Alltag der Gegenwart aus der Binnenperspektive in den Blick nehmen, im Ganzen dann doch eher rar sind; noch mehr aber, weil diese kleinen Erzählungen so ganz und gar unverkrampft, witzig und clever gebaut daherkommen – oder, wenn wir uns ein paar Vokabeln aus der professionellen Feuilletonsprache ausleihen dürfen: so sprachgeschickt wie pointensicher. Ungeschoren bleibt dabei kaum jemand, am allerwenigsten freilich der Ich-Erzähler selbst –

Irgendjemand hat mal behauptet, Juden seien reich. Muss man das irgendwo anmelden? (10)

In Summe, ein Buch – adressiert an jüdische und nicht-jüdische LeserInnen gleichermaßen –, zu dem wir gerne raten.

Einziger, kleiner Schönheitsfehler: Gerade weil „Badatz!“ explizit auch nicht-jüdische Leser ansprechen will, hätte dem Buch ein Glossar hebräischer Begriffe bzw. religiöser Termini technici gut angestanden. Das Wissen um religiöse Basisbegriffe mag man bei einschlägig Interessierten ja voraussetzen können – das um „Oneg Schabbat“ (126), „Al Chet“ (95) und andere speziellere Begriffe dann aber doch eher nicht. Nu, vielleicht in der zweiten Auflage …

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