Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Christopher Meiller

Von Trondheim bis Athen: jüdische Museen bereisen

Heute, passend zum Beginn der sommerlichen Urlaubs- bzw. Reisesaison, ein kurzer Blick auf die jüdischen Museen Europas – quasi als „appetizer“ für museumsaffine Urlaubsreisende. Die diesbezügliche Auswahl ist jedenfalls ganz…

Heute, passend zum Beginn der sommerlichen Urlaubs- bzw. Reisesaison, ein kurzer Blick auf die jüdischen Museen Europas – quasi als „appetizer“ für museumsaffine Urlaubsreisende.
Die diesbezügliche Auswahl ist jedenfalls ganz ordentlich: Die Association of European Jewish Museums etwa (der freilich keineswegs alle jüdischen Museen Europas angehören) verzeichnet immerhin mehr als vierzig Museen als ordentliche Mitglieder; eine von den Museumskollegen in München besorgte Zusammenstellung jüdischer Museen in Europa bringt es gar auf stolze 84 Einträge, zwar nicht von A bis Z, aber immerhin von B wie Belgien bis W wie Weißrussland – darunter neben den „Platzhirschen“ wie dem Jüdischen Museum Berlin auch versteckte Kleinodien wie die Museen in Dublin oder Dubrovnik. Jüdische Museen also an allen Ecken und Enden Europas, vom hohen Norden (Trondheim) bis weit in den Süden (Toledo oder Athen), vom äußersten Westen (Tomar/Portugal) bis an den östlichen Rand (Istanbul oder Rhodos), und quasi in allen Farben und Formen: mit regionalem, nationalem oder verschiedenen historischen Schwerpunkten, in traditionsreichen Gebäuden oder aufwendigen Neubauten, mit oder ohne angeschlossene Synagoge usf.

Collage jüdischer Museen

Kleine Jüdische-Museen-in-Europa-Collage – von links oben nach rechts unten: Berlin, Istanbul, Rom, Venedig, Budapest, Dubrovnik (Fotos: privat – danke auch an Laulo B.; außer Istanbul und Rom: Wiki/Public Domain)

Spitzenreiter in Sachen jüdischer Museen, und zwar weltweit, ist übrigens – Deutschland, zumindest dann, wenn man die Anzahl jüdischer Museen im Verhältnis zur Einwohnerzahl betrachtet; so rechnet Michael Wuliger in seinem „koscheren Knigge“ augenzwinkernd vor, es gebe in Deutschland nicht weniger als 32 jüdische Museen:

Pro Kopf der Bevölkerung sind das mehr als sonstwo auf der Welt. Selbst die USA mit 300 Millionen Menschen, davon sechs Millionen Juden, bringen es nur auf schlappe 51 jüdische Museen.

Der koschere Knigge. Trittsicher durch die deutsch-jüdischen Fettnäpfchen. Frankfurt a.M. 2009. S. 75f.

Treiben wir die Zahlenspielerei noch ein bisschen weiter, so kommt nach Wuligers Rechnung in Deutschland also, grob gesprochen, 1 jüdisches Museum auf 2,5 Millionen Einwohner; Österreich wiederum kann da beinahe mithalten: 3 jüdische Museen – nämlich in Wien, Hohenems und Eisenstadt – bei gut 8 Millionen Einwohnern, ergibt ein Verhältnis von 1 (Museum) zu ca. 2,7 Millionen (Einwohnern). Gar kein übler Wert also, im internationalen Jüdische-Museen-gemessen-an-der-Einwohnerzahl-Ranking … ;)
Eine gute Nachricht ist das jedenfalls auch für museumsaffine Urlaubsreisende. Nehmen wir außerdem noch Italien mit seinen insgesamt 13 jüdischen Museen hinzu, so finden wir in den drei beliebtesten Urlaubsländern der Österreicher – eben Deutschland, Italien und Österreich – insgesamt 48 jüdische Museen! Kein Mangel also an musealem Urlaubsprogramm …

Angesichts dieser Fülle und Vielfalt jüdischer Museen in Europa geben wir jedenfalls die Losung aus: Wo immer Ihr Urlaub Sie auch hinführt, ein jüdisches Museum ist – fast – immer in Ihrer Nähe, schauen Sie also einfach mal vorbei … und falls Sie in Österreich urlauben, gerne natürlich auch hier bei uns! ;)

Online verabschieden wir uns mit diesem Eintrag in eine kleine Sommer-/Urlaubspause, melden uns aber noch während der Ferien zurück, dann übrigens mit einem neuen musealen Feature für Schatzsucher und Rätsellöser …


9 Kommentare zu Von Trondheim bis Athen: jüdische Museen bereisen

Rauchen, Schabbes und eine Tabakdose

Rauchen und/im Judentum – das scheint ein reichlich abwegiges Thema zu sein. Mag sein, kulturgeschichtlich und halachisch (religionsgesetzlich) interessant ist die Sache allemal. Nicht von ungefähr hat es etwa die…

Rauchen und/im Judentum – das scheint ein reichlich abwegiges Thema zu sein. Mag sein, kulturgeschichtlich und halachisch (religionsgesetzlich) interessant ist die Sache allemal. Nicht von ungefähr hat es etwa die Frage nach der religionsgesetzlichen Behandlung des Rauchens zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht, und die Jewish Encyclopedia widmet dem Thema „Tobacco“ in seinen verschiedensten Facetten annähernd 4 Spalten.

Lernen kann man aus Letzterer etwa, dass es – angeblich – ein jüdischer Begleiter des Christoph Kolumbus, Luis de Terres (Torres), war, der den Tabakgebrauch allererst nach Europa importiert habe (vgl. JE, XII, S. 165) – ein legendärer jüdischer Urvater aller europäischen RaucherInnen quasi …
Außerdem, dass die Verbreitung des Tabakkonsums unter den europäischen Juden, naheliegenderweise, mit allerlei religionsgesetzlichen Diskussionen einherging – beispielsweise in der Frage, ob dem Inhalieren des Rauchs ein Segensspruch vorangehen solle, oder in Fragen der Erlaubtheit des Rauchens an Fest- und Fasttagen (vgl. JE, XII, S. 165f.). –

Ein besonders hübsches Beispiel für die Gängigkeit des Tabakkonsums auch in spezifisch jüdischem Setting findet sich bei Joseph Roth. Ein ostjüdisches Städtchen beschreibend kommt die Rede auf die dortigen Bethäuser und deren Besucher: Die Anwesenden, so beschreibt Roth die Szenerie,

… rauchen Zigaretten und schlechten Pfeifentabak im Bethaus. Sie benehmen sich wie in einem Kasino.

Der Tabakgenuss scheint mitunter also noch nicht einmal an den Türen der Bethäuser Halt gemacht zu haben! Roth versieht die Szene zudem mit einer bemerkenswerten, nämlich theologischen Deutung, indem dieses scheinbar wenig ehrfürchtige Betragen tendenziell als Indiz einer einzigartigen religiösen Intimität gewertet wird: Jene rauchenden und ganz und gar unverkrampften Beter seien eben

… bei Gott nicht seltene Gäste, sondern zu Hause. Sie statten ihm nicht einen Staatsbesuch ab, sondern versammeln sich täglich dreimal an seinen reichen, armen, heiligen Tischen. … Es gibt kein Volk, das dieses Verhältnis zu Gott hätte. Es ist ein altes Volk, und es kennt ihn schon lange!

Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft, München 2006, S. 26

Aber zurück zur (auch in der Gegenwart heiß diskutierten) Frage der Erlaubtheit. Unzulässig ist das Rauchen jedenfalls am Schabbat – kein Feuermachen (und auch nur sehr eingeschränkter Gebrauch von am Vortag entzündetem Feuer), entsprechend auch kein Rauchen! (vgl. Jüd. Lex., I, Sp. 445f. u.a.)
Dazu stimmt beispielsweise auch, dass BesucherInnen der Jerusalemer Westmauer –
ob jüdisch oder nicht – eigens darauf hingewiesen werden, dass hier am Schabbat, neben Fotografieren und Handy-Benutzung, auch das Rauchen „streng verboten“ sei.

In diese Zusammenhänge des Rauchens und Nicht-Rauchens passt nun auch das folgende museale Stück – eine Tabakdose aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die in der Dauerausstellung unseres Hauses zu sehen ist.

Tabakdose aus Silber, Ungarn 1839

Tabakdose aus Silber, Ungarn 1839, Jüd. Museum Wien, Slg. Max Berger, IN 504

Die Aufschrift indiziert augenscheinlich eine Benutzung am Schabbat – ל שבת קודש, für den heiligen Schabbat.
Eine Tabakdose, ausgerechnet für den rauch-freien Schabbat? Die Deutung liegt nahe, dass die Dose näherhin der Aufbewahrung von Schnupftabak diente – der nämlich galt gemeinhin als auch am Schabbat erlaubt (vgl. JE, XII, S. 166) und taugte entsprechend gerade als schabbat-kompatibler Rauch-Ersatz

Zum Thema „Schnupftabak und Schabbat“ siehe auch das berühmte Bild „Die/Eine Prise Schnupftabak“ (oder hier, in einer alternativen Fassung, noch größer) von Marc Chagall! Eine kurze Bildbeschreibung der Kunsthalle Düsseldorf siehe hier und eine ausführlichere Beschreibung, warum das Bild den Rabbiner (?) am Schabbat zeigt, finden wir u.a. im Sammelband „Das verfemte Meisterwerk„:

… Der Mann hat seine Lektüre für einen Augenblick unterbrochen, um eine Prise Tabak zu schnupfen. Darin könnte ein Hinweis auf den Zeitpunkt des Geschehens liegen: Raucher benutzen am Schabbat, an dem keinerlei Arbeit verrichtet werden darf, gern Schnupftabak, weil das Entzünden von Feuer verboten ist. Noch ein weiteres Indiz spricht für den Feiertag: Auf dem Tisch liegt kein Schreibgerät. Auch das Schreiben ist – im Gegensatz zum Lesen – am Schabbat nicht gestattet …

Schlussbemerkung in eigener Sache: Die Literaturbasis zum Thema Schnupftabak / Schabbat etc. ist (trotzdem die Kolleginnen/Kollegen des Jüdischen Museums Franken dem „Schnupftabak“ vor einigen Jahren sogar eine eigene Ausstellung gewidmet haben) einigermaßen schmal – einschlägige Hinweise von diesbezüglich bewanderten Blog-Leserinnen/-lesern werden entsprechend dankbar entgegengenommen!

Für hilfreiche Anmerkungen zum Thema danken wir Dr. Felicitas Heimann-Jelinek!


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Gedenk-Fundstück

Wie soll das Schoa-Gedenken im öffentlichen Raum gestaltet werden – nüchtern-deskriptiv oder ästhetisch inszeniert? kollektiv oder personalisiert? dauerhaft oder provisorisch? Ein rundum bemerkenswerter Beitrag aus dem Umfeld dieser Fundamentalfrage öffentlicher…

Wie soll das Schoa-Gedenken im öffentlichen Raum gestaltet werden – nüchtern-deskriptiv oder ästhetisch inszeniert? kollektiv oder personalisiert? dauerhaft oder provisorisch?

Ein rundum bemerkenswerter Beitrag aus dem Umfeld dieser Fundamentalfrage öffentlicher „Erinnerungskultur“ erreicht uns diese Woche in Form eines Fotos von Freundin Iris H. – תודה רבה = besten Dank dafür! Per Zufall entdeckt und aufgenommen vor dem Haus Kellinggasse 8 in Wien 15, vergangene Woche:

Gehsteig in der Wiener Kellinggasse

Gehsteig in der Wiener Kellinggasse (bitte vergrößern!)

Mit Kreide wurde ebendort – vielleicht im Rahmen eines Schulprojekts? oder von aufmerksamen Bewohnern/innen? oder …? – folgende Aufschrift angebracht:

Lieber Herr Otto Blumenfeld,
wir haben Ihren Namen auf einer
Liste der ermordeten Juden/innen
gefunden. Hier haben Sie zuletzt gelebt.
Wir haben Sie nicht vergessen!

Ein Gedenk-Format, das wohl nur bis zum nächsten Regenguss hält – und doch (oder vielleicht gerade deshalb?): so verblüffend wie beeindruckend!

Ein Blick in die Opfer-Datenbank der Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem bestätigt übrigens: Otto Blumenfeld, Jahrgang 1911, war während des Krieges an besagter Adresse gemeldet – er wurde im Oktober 1939 nach Nisko/Polen deportiert und hat die Schoa nicht überlebt.


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Zum 12. März

Eisenstadt, 1938 – Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren…

Eisenstadt, 1938 –

Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren die Auswirkungen, die Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelte. Das kam so plötzlich und überraschend, ein Schock, eine Enttäuschung, wie immer man das nennen will. (…) Wir sahen die deutschen Soldaten durch die Straßen in Eisenstadt marschieren und hatten ein Gefühl der Ungewissheit. Man wusste nicht, was jetzt passieren wird. Wir waren verängstigt, es machte uns Angst. (…) Als wir aus unserer Wohnung wegmussten, haben selbst unsere Nachbarn geweint, obwohl sie mit den Nazis sympathisierten. Sie sagten, sie hätten nie gedacht, dass es auch Leute wie uns treffen würde.

Aus den Erinnerungen des ehemaligen Eisenstädters Fred Poll (geb. 1921 als Alfred Politzer) (aus: G. Tschögl u.a. (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004. S. 157f.)

Synagoge in Güssing 1938

Die Synagoge in Güssing wurde von den Nationalsozialisten in eine Turn- und Festhalle umgewandelt und im Jahr 1953 abgerissen. An ihrer Stelle wurde das neue Rathaus in Güssing errichtet.


In wenigen Tagen, am 12. März, jährt sich zum 75. Mal der sogenannte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland: Jener 12. März 1938, ein Schabbat wenige Tage vor dem Purim-Fest übrigens, markiert einen Einschnitt in der österreichisch-jüdischen Geschichte, dessen Größenordnung – gemessen an den unmittelbaren wie mittelbaren Folgen: Verhaftungen, Misshandlungen, Demütigungen, schließlich Vertreibung und Ermordung – offenkundig kaum überschätzt werden kann – und der von allem Anfang an Zentrum (Wien) und Peripherie (wie eben die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes) gleichermaßen betraf.

Was der Eisenstädter Fred Poll im obigen (exemplarisch zu nehmenden) Zitat mit knappen Worten beschreibt, ist nicht weniger als der Anfang vom Ende des burgenländischen Judentums, Initialzündung zur nachhaltigen Zerstörung einer Jahrhunderte währenden Tradition jüdischen Lebens – deren fatale „Geschwindigkeit“ tatsächlich atemraubend ist: Nicht viel mehr als ein halbes Jahr sollte es dauern, bis – im Oktober 1938 – sämtliche Kultusgemeinden des Burgenlandes aufgelöst waren (vgl. ausführlich P. F. N. Hörz: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen. [Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Bd. 26.] Wien 2005. hier S. 61f.) – erster Akt im Programm der nationalsozialistischen Vernichtung des österreichischen Judentums!

In diesen Tagen, vor 75 Jahren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel „Spätes Erinnern an die Sheva Kehillot„.


3 Kommentare zu Zum 12. März

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