Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Christopher Meiller

Zum 12. März

Eisenstadt, 1938 – Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren…

Eisenstadt, 1938 –

Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren die Auswirkungen, die Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelte. Das kam so plötzlich und überraschend, ein Schock, eine Enttäuschung, wie immer man das nennen will. (…) Wir sahen die deutschen Soldaten durch die Straßen in Eisenstadt marschieren und hatten ein Gefühl der Ungewissheit. Man wusste nicht, was jetzt passieren wird. Wir waren verängstigt, es machte uns Angst. (…) Als wir aus unserer Wohnung wegmussten, haben selbst unsere Nachbarn geweint, obwohl sie mit den Nazis sympathisierten. Sie sagten, sie hätten nie gedacht, dass es auch Leute wie uns treffen würde.

Aus den Erinnerungen des ehemaligen Eisenstädters Fred Poll (geb. 1921 als Alfred Politzer) (aus: G. Tschögl u.a. (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004. S. 157f.)

Synagoge in Güssing 1938

Die Synagoge in Güssing wurde von den Nationalsozialisten in eine Turn- und Festhalle umgewandelt und im Jahr 1953 abgerissen. An ihrer Stelle wurde das neue Rathaus in Güssing errichtet.


In wenigen Tagen, am 12. März, jährt sich zum 75. Mal der sogenannte “Anschluss” Österreichs an Nazi-Deutschland: Jener 12. März 1938, ein Schabbat wenige Tage vor dem Purim-Fest übrigens, markiert einen Einschnitt in der österreichisch-jüdischen Geschichte, dessen Größenordnung – gemessen an den unmittelbaren wie mittelbaren Folgen: Verhaftungen, Misshandlungen, Demütigungen, schließlich Vertreibung und Ermordung – offenkundig kaum überschätzt werden kann – und der von allem Anfang an Zentrum (Wien) und Peripherie (wie eben die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes) gleichermaßen betraf.

Was der Eisenstädter Fred Poll im obigen (exemplarisch zu nehmenden) Zitat mit knappen Worten beschreibt, ist nicht weniger als der Anfang vom Ende des burgenländischen Judentums, Initialzündung zur nachhaltigen Zerstörung einer Jahrhunderte währenden Tradition jüdischen Lebens – deren fatale „Geschwindigkeit“ tatsächlich atemraubend ist: Nicht viel mehr als ein halbes Jahr sollte es dauern, bis – im Oktober 1938 – sämtliche Kultusgemeinden des Burgenlandes aufgelöst waren (vgl. ausführlich P. F. N. Hörz: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen. [Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Bd. 26.] Wien 2005. hier S. 61f.) – erster Akt im Programm der nationalsozialistischen Vernichtung des österreichischen Judentums!

In diesen Tagen, vor 75 Jahren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel “Spätes Erinnern an die Sheva Kehillot“.


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Emigration und Flucht

Eine Doppel-Veranstaltung zur jüdischen Geschichte des Burgenlandes Das Österreichische Jüdische Museum eröffnet sein Jahresprogramm 2013 mit einer Doppel-Veranstaltung zum Thema Emigration und Flucht. Beiträge zur jüdischen Geschichte des Burgenlandes. In…

Eine Doppel-Veranstaltung zur jüdischen Geschichte des Burgenlandes

Das Österreichische Jüdische Museum eröffnet sein Jahresprogramm 2013 mit einer Doppel-Veranstaltung zum Thema

Emigration und Flucht.
Beiträge zur jüdischen Geschichte des Burgenlandes.

In Kooperation mit der Burgenländischen Forschungsgesellschaft.

Zwei Abende im Jänner zu ausgewählten Themen und Stationen burgenländisch-jüdischer Geschichte zwischen Gemeindeleben, Emigration und Vertreibung – mit Historikerinnen und Zeitzeugen/innen.

Wir laden Sie herzlich ein!

Die Veranstaltungen im Detail

Teil 1: Lackenbach & Bad Sauerbrunn

Vortrag von Anna K. Liesch (Universität Basel):
“Familie Neufeld aus Lackenbach – eine Familie zieht in den Westen”

Zeitzeugengespräch mit Marion Fischer (Innsbruck),
Zeitzeugin mit familiären Wurzeln in Bad Sauerbrunn

Moderation: Walter Reiss (ORF Burgenland)

Wann: Dienstag, 15. Jänner 2013, 18.30 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Die Historikerin Anna K. Liesch beschäftigt sich in ihrem Referat mit dem Familiennachlass der Familie Neufeld aus Lackenbach. Die wirtschaftlichen Verhältnisse in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg ließen einen Teil dieser burgenländischen Familie in die Schweiz emigrieren. Die Versuche, andere Familienmitglieder vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus in die Schweiz zu bringen, gelangen nur teilweise. Zentrum des familiären Netzwerkes war Luzern. Hier lebte Adèle, die Viertälteste der Familie Neufeld (1879–1941), die die burgenländischen Traditionen, eine strenge Orthodoxie verbunden mit einem religiösen Zionismus, das “burgenländische Jiddisch” und den Zusammenhalt der Verwandtschaft hochhielt. Eine Familiengeschichte, in der sich die Geschichte der Emigration vieler jüdischer Familien in Europa widerspiegelt.

Marion Fischer musste 1938 als Kind mit ihrer Familie aus Bad Sauerbrunn flüchten. Ihre frühen Erinnerungen an italienische Lager und die Flucht 1944 in die Schweiz zeugen von den schwierigen Anfangsjahren für jüdische Flüchtlinge nach dem Ende des Nationalsozialismus in Europa.

(aus dem Programmtext der Burgenländischen Forschungsgesellschaft)

  • Synagoge Lackenbach, ca. 1920

    Synagoge Lackenbach, ca. 1920

  • Marion Fischer

    Marion Fischer


Teil 2: Oberwart (Felsőőr) & Kőszeg

Vortrag und Buchpräsentation von Ursula Mindler (Andrássy Universität Budapest):
“Grenz-Setzungen im Zusammenleben. Jüdische Geschichte in Oberwart/Felsőőr”

Zeitzeugengespräch mit Hans Deutsch (1924 – 2004; Kőszeg/Buenos Aires) Unveröffentlichtes Video-Interview 2001

Moderation: Gert Tschögl (Burgenländische Forschungsgesellschaft)

Wann: Dienstag, 22. Jänner 2013, 18.30 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Mit der Publikation “Grenz-Setzungen im Zusammenleben” hat Ursula Mindler am Beispiel Oberwart/Felsőőr eine umfassende Studie zur regionalen Zeitgeschichte des jüdischen Burgenlandes vorgelegt. In ihrem Vortrag mit Buchpräsentation wird auch der Frage nachgegangen, ob die Erinnerung der Bevölkerung des Burgenlandes an das „gute Zusammenleben“ vor 1938 auch eine objektive historische Entsprechung hat oder nicht.

Im Jahre 2001 interviewte die Burgenländische Forschungsgesellschaft Hans Deutsch aus Kőszeg. In einem kurzen Video mit Auszügen aus diesem Interview erzählt er vom Antisemitismus dieser Zeit ebenso wie von der Hilfsbereitschaft von Teilen der Bevölkerung im Raum Oberwart, als er als Häftling auf einem der ungarischen Todesmärsche von Ungarn in das Konzentrationslager Gunskirchen getrieben wurde.

(aus dem Programmtext der Burgenländischen Forschungsgesellschaft)

  • Vertriebene SüdburgenländerInnen in Buenos Aires

    Vertriebene SüdburgenländerInnen
    in Buenos Aires
    (ca. 1940/50)
    Foto: BFG-Archiv

  • Hans Deutsch

    Hans Deutsch
    Foto: BFG-Archiv


Wir freuen uns auf Ihren Besuch!


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Zug des Lebens

“Zug des Lebens” – ein Kino-Abend im Österreichischen Jüdischen Museum Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Filmvorführung Eine Kooperation mit dem Projekt “Eisenstädter Wanderkino – Kino an ungewöhnlichen…

“Zug des Lebens” – ein Kino-Abend im Österreichischen Jüdischen Museum

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Filmvorführung

Flyer 'Zug des Lebens' - Eisenstädter Wanderkino

Eine Kooperation mit dem Projekt “Eisenstädter Wanderkino – Kino an ungewöhnlichen Orten“.

Wann: 13. November 2012, 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr)
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Eintritt: EURO 7
Ticket-Reservierung unter Tel.: 0650 341 0876 (Eisenstädter Wanderkino) oder per Mail:
wanderkinoeisenstadt@gmail.com oder bei uns im Museum: Kontakt.


Es war einmal in einem kleinen Schtetl, einem jüdischen Marktfleck’ im Osten Europas, im Jahre 5701 – oder 1941 nach dem neuen Kalender; es war Sommer, Sommer 1941 …

Filmemacher Radu Mihaileanu erzählt in “Zug des Lebens” (das obige Zitat aus der Eröffnungssequenz deutet es an) ein tragikomisches Märchen: Um der drohenden Deportation durch die Nazis zu entgehen, beschließt ein jüdisches Dorf, sich selbst zu deportieren – nur zum Schein, versteht sich. Ein kolossales Täuschungsmanöver nimmt seinen Lauf: Der Deportationszug? Ein Imitat. Ebenso wie der Nazi-Trupp, der den Transport begleiten soll. Ziel der riskanten Fahrt: Eretz Israel. Die (vielfach ausgezeichnete) Geschichte einer aberwitzigen Reise …

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!


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Jewish Sight-Running / Jewish Sight-Walking

Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft. … Sie laufen (!) und werden nicht müde … Jesaja 40,31 Sie laufen gerne? Besonders auch auf Trails, bergauf und bergab…

Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft. … Sie laufen (!) und werden nicht müde …

Jesaja 40,31

Sie laufen gerne? Besonders auch auf Trails, bergauf und bergab und auf Waldwegen? Sie interessieren sich für jüdische Geschichte und Kultur? Sie haben Lust, jüdische bzw. zeitgeschichtliche Stationen zu erlaufen, die weder im Rahmen eines Museumsbesuches noch eines Spaziergangs durch das ehemalige jüdische Viertel von Eisenstadt entdeckt werden können?

3 Paar Traillaufschuhe

Jewish Sight-Running: Bei diesem im Burgenland einzigartigen und vielleicht ungewöhnlichen musealen Angebot erzählt Ihnen der Direktor des jüdischen Museums in Eisenstadt Johannes Reiss “laufend” Wissenswertes und Unterhaltsames zu den einzelnen Stationen:

  • dem tief im Wald versteckten Mausoleum der Ottilie Laschober
  • der ebenso bekannten wie rätselhaft-mysteriösen alten Linde im Leithagebirge “beim Juden”
  • oder warum der berühmte Wolfgarten in Eisenstadt nichts mit Wölfen zu tun hat …

Termine und Anmeldung

Jeden Mittwoch (von Oktober bis April um 10h oder 14h; von Mai bis September um 8h oder 17.30h) oder So – Do zu jeder beliebigen Uhrzeit, wenn individuell vereinbart.
Bitte beachten Sie: Es ist in jedem Fall eine Voranmeldung mindestens 1 Tag vorher notwendig:
Telefon: 02682 – 651 45
E-Mail: sightrunning@ojm.at

Wir laufen bei (fast) jedem Wetter (natürlich nicht bei Hagel oder wenn heftige Gewitter drohen).

Gruppengröße

Maximal 10 LäuferInnen

Tempo

Gemäßigtes Lauftempo (“Wohlfühltempo”)
Alternativ können auch Sight-Walking-Touren gebucht werden (siehe unten).

Verantwortung

Sie haben das 18. Lebensjahr vollendet und bringen die körperliche Fitness für unsere Touren mit (ein Lauf bis ca. 120 Minuten auf unebenen Waldwegen, inklusive ca. 300 Höhenmetern, muss für Sie gesundheitlich unbedenklich sein).
Wir übernehmen keine Haftung für gesundheitliche Probleme der TeilnehmerInnen, die während oder infolge der Teilnahme an unseren Touren auftreten, es sei denn, diese Schäden sind durch vorsätzliches oder fahrlässiges Verhalten unsererseits verursacht worden.
Kurzum: Sie laufen auf eigene Verantwortung.

Kosten

8 Euro/LäuferIn (Eintritt ins Museum inkludiert)

Route

Jüdisches Museum – SynagogeSchabbatketteLandesmuseum (ohne Museumsbesuch) – Schlosspark – Wolfgarten – Mausoleum – “beim Juden” – jüngerer jüdischer Friedhof – älterer jüdischer Friedhof – jüdisches Viertel – jüdisches Museum

ca. 10 km, knapp 300 Höhenmeter (von 202 m bis 455 m), reine Laufzeit: ca. 70 Minuten, Gesamtzeit: ca. 90 Minuten

Höhenmeter in Bezug auf die Streckenlänge


GPX-Datei

KML-Datei (Google Earth ab Version 5.2)

Erweiterung der Route: Auf Wunsch kann die Route auch verlängert werden und führt uns dann nach der Station “beim Juden” noch auf die höchste Erhebung des Leithagebirges, den Sonnenberg (484m), der natürlich vor allem auch von zeithistorischem Interesse ist. Dort können Sie übrigens, wenn Sie keine Höhenangst haben, auf dem Aussichtsturm eine traumhafte Aussicht, im Osten bis zum Neusiedler See und Ungarn, im Norden bis Wien, genießen.

ca. 13.7 km, knapp 350 Höhenmeter (von 202 m bis 484 m), reine Laufzeit: ca. 90 Minuten, Gesamtzeit: ca. 120 Minuten

Erweiterte Strecke: Höhenmeter in Bezug auf die Streckenlänge

Was die Strecken (nicht) bieten

Ausgehend vom ehemaligen jüdischen Viertel laufen wir im Rahmen unserer Route zweimal ca. 25 Minuten nur durch den Wald, näherhin durch einen Eichenmischwald, in dem Trauben- und Zerreichen sowie Hainbuchen dominieren.

Wir haben einige Höhenmeter zu bewältigen, dafür laufen wir fast ausschließlich in herrlicher Luft und ohne Ampeln und Autoabgase ;-)

Wir laufen im weitläufigen Leithagebirge und nicht in einer Großstadt, in der üblicherweise Sight-Running-Touren angeboten werden, begegnen also nicht auf Schritt und Tritt Sehenswürdigkeiten (zumindest nicht jenen, die gewöhnlich so bezeichnet werden).

Es geht bei unseren Touren um die Verknüpfung von (regionaler) jüdischer Geschichte, Zeitgeschichte und tollem (sportlichem) Naturerlebnis.

Jewish Sight-Walking

Waldweg

Gerne bieten wir für Nordic Walker, Wanderbegeisterte etc. auch die Möglichkeit, die oben genannten Stationen etwas gemütlicher zu besuchen. Es gilt alles oben Gesagte, nur, dass die Route etwas länger dauert (ca. 2 Stunden). Insbesondere bei einer Sight-Walking-Tour kann auf Wunsch nicht beim jüdischen Museum, sondern auf dem Parkplatz Gloriette gestartet werden, wodurch sich die Gesamtlänge der Basisroute auf knapp 7 km reduziert (inklusive Mausoleum). Bitte kontaktieren Sie uns bei Interesse.

Auftakt (Kick-Off) zum Jewish Sight-Running:
26. Oktober 2012, 10.30h
Treffpunkt: Österreichisches jüdisches Museum
Wir laufen die Basisroute, ca. 10km, s.o.
Die Teilnahme an diesem Tag ist selbstverständlich gratis!

Anmeldung erforderlich: Telefon: 02682 – 651 45
E-Mail: sightrunning@ojm.at


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Urlaubstage im Burgenland

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung “Jüdische Presse” (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: “Urlaubstage im Burgenland” war die…

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland

Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung “Jüdische Presse” (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: “Urlaubstage im Burgenland” war die 5-teilige Serie überschrieben; als Berichterstatter respektive Reiseführer fungierte Leopold Moses, 1888 in Mödling geborener Journalist und Historiker.

Moses wählte für seine Urlaubsfahrt – in den Text eingestreute Verweise auf jüdische Feiertage machen deutlich, dass es sich dabei (anders als das Erscheinungsdatum vermuten lässt) um eine Sommerreise gehandelt haben muss – eine grobe Nord-Süd-Route: Nach einem ersten Halt in Mattersburg/-dorf führte der Weg, via Sopron/Ödenburg, in die mittelburgenländischen Gemeinden Deutschkreutz, Lackenbach und Kobersdorf – Moses besuchte damit immerhin vier der sogenannten “Sieben-Gemeinden”, jener Gruppe jüdischer Landgemeinden, die sich unter dem Schutz der Fürsten Esterházy auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands etablieren konnten (neben den bereits genannten zählten hierzu die Gemeinden Eisenstadt, Kittsee und Frauenkirchen).

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Mit durchschnittlicher Reiseliteratur haben Moses’ Burgenland-Reportagen allerdings wenig gemein: Moses’ primäres Interesse gilt nicht etwa den (ohnehin raren) touristischen Sehenswürdigkeiten oder den Vergnügen der Sommerfrischler, sondern – passend zur orthodox-jüdischen Leserschaft der “Jüdischen Presse” – dem religiösen Gemeindeleben, das er in seinen Alltäglichkeiten und Spezialitäten dokumentiert – “Urlaubstage” der etwas anderen Art also …

Besonders angetan zeigt sich der Berichterstatter dabei von der lebendigen Frömmigkeit in den burgenländischen Gemeinden: von der Begeisterung etwa, die die religiösen Vollzüge begleitet; oder den frommen Geschäftsleuten der Gemeinde Mattersdorf (und ähnlich in Deutschkreutz), die inmitten ihres Tagewerks “jede freie Viertelstunde [benützen], um ein Stückchen zu ‘lernen'” – ja, selbst

… spät am Abend noch empfängt mich bei der Heimkehr von einem Spaziergange durch die Felder das Geräusch von Stimmen, das von den im Wirtshause beim Weinglas ausruhenden Bauern herrührt, und gleich daneben im gleichmäßigen Tonfall des Talmudstudiums die wehmütig und doch auch so zuversichtlich zugleich klingende Stimme Jakobs [Jakob meint hier keine konkrete Person, sondern ist als Bild für das “Volk Israel” zu nehmen]…

Jüdische Presse, 14.11.1924, 10. Jg., Nr. 46, S. 303ff.

So groß ist Moses’ Begeisterung für dieses jüdische Leben des Burgenlands, dass er zu reichlich schmeichelhaften Analogiebildungen – nämlich mit den Städten Palästinas – greift: Lackenbach

… möchte ich … das Rechoivoth unter den Schewa Kehilloth [hebräischer Name der oben angesprochenen burgenländischen “Sieben-Gemeinden”] nennen. Und dann wäre etwa, um im Bilde zu bleiben, Eisenstadt das Jerusalem, Mattersdorf das Zabueh, Zelem [hebräischer Name für Deutschkreutz] das Safed und Kobersdorf das Tiberias des Burgenlandes.

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 315.

Im Einzelnen freilich ist Moses durchgehend um realistische Beschreibungen des burgenländisch-jüdischen Lebens bemüht – entsprechend werden etwa auch allfällige religiöse Auflösungserscheinungen vermerkt, wie in der folgenden hübschen Anekdote zur Fußballbegeisterung in der jüdischen Gemeinde Lackenbach:

Am vergangenen Tischa b’Aw [Trauertag in Erinnerung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, an dem Vergnügen verschiedenster Art gemieden werden], da ein Fußballmatch der vereinigten jüdischen und deutschen Fußballspieler Lackenbachs gegen Ödenburger Gäste, das man aus Sporthöflichkeit nicht verschieben zu können meinte, stattfinden sollte, wusste sich der strengfromme und durch seine Schriften sehr bekannte Rabbiner R. Jehuda Kraus nicht anders zu helfen, als indem er den Fußball durch den Schammes [Synagogendiener] beschlagnahmen ließ. Freilich ahnte der gute Mann … nicht, dass die Jugend vorsichtig genug sein würde, noch einen zweiten Ball zu besitzen, mit dem auch das Spiel ausgetragen wurde …

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 316.

Moses’ Fazit ist dann aber doch ein positives, zumal wenn er – zum Abschluss der Serie – auf das Verhältnis der burgenländischen Juden zur nicht-jüdischen Bevölkerung zu sprechen kommt:

… seit Jahrhunderten sind die Juden dieser Gemeinden …, gleich der kaum viel früher eingewanderten grundehrlichen und braven deutschen Bauernbevölkerung, mit den Geschicken dieses schönen Ländchens verknüpft. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung des Burgenlandes herrscht … Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. (…) Wenn im Monat Elul [August/September] im Burgenlande der Schofar [Widderhorn, das u.a. im Elul geblasen wird] ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Zeiten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.
Die Juden des Burgenlandes haben aber auch immer eine gewisse Rolle im europäischen Judentum gespielt und auch jetzt … sind sie uns mehr als bloß ihrer numerischen Bedeutung entspricht.

Jüdische Presse, 19.12.1924, 10. Jg., Nr. 51/52, S. 328f.

Leopold Moses – das sei zum Ende hin erwähnt – war in späteren Jahren Archivar der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde; er wurde (lt. Informationen der Holocaust-Gedenkstätte/-Forschungsstelle Yad Vashem) im Dezember 1943 aus Wien nach Auschwitz deportiert und ebendort ums Leben gebracht.

Moses Reisereportagen aus dem Burgenland finden sich im Volltext online auf Compact Memory (die obigen Zitate wurden ebendort entnommen).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – was sonst: Urlaubstage im Burgenland, vielleicht sogar auf den Spuren der jüdischen Gemeinden … Alternativ – für diejenigen, deren Zeit knapper bemessen ist – ist auch ein sommerlicher Tagesausflug jedenfalls empfehlenswert … ;) Falls es Sie dabei – anders als Leopold Moses – auch nach Eisenstadt verschlagen sollte, würden wir uns natürlich über Ihren Besuch im Jüdischen Museum freuen bzw. laden Sie herzlich ein zur Begehung unserer aktuellen Outdoor-Ausstellung “Ver(BE)gangen”, die durch Geschichte und Gegenwart des jüdischen Eisenstadt führt.


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Ver(BE)gangen – Einladung zur Eröffnung

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Eröffnung der Outdoor-Ausstellung   Wann: Sonntag, 17. Juni 2012, 11.00 Uhr Wo: Österreichisches Jüdisches Museum , Unterbergstraße 6, 7000 Eisenstadt, bei Schönwetter…

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zur Eröffnung der Outdoor-Ausstellung

 

Wann: Sonntag, 17. Juni 2012, 11.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum ,
Unterbergstraße 6, 7000 Eisenstadt,
bei Schönwetter im Innehof des Museums

“Ver(BE)gangen” ist eine Outdoor-Ausstellung aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums des Österreichischen Jüdischen Museums: 11 Text- und Bildfolien, verteilt auf die Eisenstädter Innenstadt, markieren diverse Schauplätze jüdischen Lebens und führen durch Geschichte und Gegenwart des jüdischen Eisenstadt.

Dabei spannt “Ver(BE)gangen” einen Bogen von den mittelalterlichen Anfängen der jüdischen Gemeinde über deren Blütezeit bis zu den Vertreibungen des Jahres 1938 – und den sporadischen Neuanfängen ab 1945; über historische Fotos und Auszüge (v.a.) aus den Lebenserinnerungen jüdischer EisenstädterInnen will das Projekt eine Begegnung mit der vielseitigen jüdischen Vergangenheit Eisenstadts ermöglichen und führt zugleich – eine Begegnung als Begehung – zu charakteristischen Orten jüdischen Lebens, zu reiseführer-tauglichen Sehenswürdigkeiten ebenso wie zu den unspektakulären Einrichtungen jüdischen Alltags.

Programm:

Musikalische Begrüßung

  • Begrüßung – Johannes Reiss (Österreichisches Jüdisches Museums)
  • Einführendes zur Outdoor-Ausstellung “Ver(BE)gangen” – Christopher Meiller (Kurator, Österreichisches Jüdisches Museum)

Musikalisches Intermezzo

  • Reflexionen zur Erinnerungskultur – Mag. Raimund Fastenbauer (Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde und Präsident des Vereins “Österreichisches Jüdisches Museum”)
  • Eröffnung der Outdoor-Ausstellung durch LAbg. Mag. Thomas Steiner (Bürgermeister von Eisenstadt)

Im Anschluss: Buffet, mit musikalischer Begleitung

Musikalische Gestaltung: Klezmer-Musik vom Feinsten mit dem Klezmer-Duo Anna Melnik (Geige) und Igor Pilyavskiy (Akkordeon).

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Ver(BE)gangen. Eine Outdoor-Ausstellung des Österreichischen Jüdischen Museums.
Eisenstadt, 17. Juni – 26. Oktober 2012
Alle weiteren Infos zu “Ver(BE)gangen” ab 17. Juni auf: http://ojm.at/verbegangen/


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