Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Christopher Meiller

Heilige Pyrotechnik – Schawuot meets Pfingsten

Die Festkalender von Judentum und Christentum bescheren uns an diesem Wochenende eine exakte terminliche Übereinstimmung – Pfingsten, das Fest der Geist-Sendung, trifft Schawuot, das „Wochen“-Fest, das an die Gabe der…

Die Festkalender von Judentum und Christentum bescheren uns an diesem Wochenende eine exakte terminliche Übereinstimmung – Pfingsten, das Fest der Geist-Sendung, trifft Schawuot, das „Wochen“-Fest, das an die Gabe der Tora an das Volk Israel erinnert. Die beiden Festzeiten haben freilich mehr gemein als nur ihren Termin, nämlich 7 Wochen nach Ostern bzw. Pesach; beiden Festen liegt je eine biblische Theophanie-Erzählung zugrunde – und beide Geschichten geizen nicht mit bombastischen erzählerischen Effekten.

In der für Schawuot maßgeblichen Erzählung zunächst lagert das Volk Israel, nach erfolgreichem Auszug aus der ägyptischen Sklaverei, am Sinai – es folgt, vom biblischen Erzähler drastisch ausgemalt, der Auftritt des Herrn:

Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig und der Hörnerschall wurde immer lauter. Mose redete und Gott antwortete im Donner. Der Herr war auf den Sinai, auf den Gipfel des Berges, herabgestiegen

2 Mose 19,18ff.

– und übermittelt dem Volk die 10 Gebote.

Damit Schwenk in Richtung Christentum. Von der nicht weniger eindrucksvollen Pfingst-Theophanie berichtet die neutestamentliche Apostelgeschichte: Die Apostel sind (nach der Himmelfahrt Jesu) versammelt, da

… kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

Apg 2,2ff.

Offenkundig findet sich in beiden Erzählungen, was der israelische Schriftsteller Meir Shalev spöttisch die „üblichen pyrotechnischen Effekte“ nennt, die die Auftritte des Herrn (den biblischen Berichten zufolge) zu begleiten pflegen (Shalev hat konkret übrigens ein weiteres, dabei ähnlich pompöses Erscheinen des Herrn im Blick, nämlich in den Schlussreden des Buches Hiob – siehe Meir Shalev: Der Sündenfall – ein Glücksfall? Alte Geschichten aus der Bibel neu erzählt. Zürich 1999. S. 203). In beiden Fällen eine feurige und lautstarke Angelegenheit also …

Ausführlich hat Schalom Ben-Chorin – dessen dreibändige „Heimkehr“-Reihe („Jesus, Paulus und Maria in jüdischer Sicht“), wiewohl einige Jahrzehnte alt, noch immer zum Lesenswertesten zählt, was die jüdisch-christliche Begegnung publizistisch hervorgebracht hat – genau diese „pyrotechnische“ Übereinstimmung (und weitere Analogien) zwischen Pfingst-Ereignis und dem Sinai-Geschehen herausgearbeitet,

…wo der Herr im Feuer auf den Offenbarungsberg herabfährt (2. Mose 19,18) und die Stimme Gottes aus dem Feuer zum Bundesvolke spricht (5. Mose 5,23f.). (…) Schon vor der Offenbarung am Sinai … spricht Gott aus dem Feuer zu Mose im brennenden Dornbusch. (…) Jahwe redet aus dem Feuer. Sprache und Zunge sind im Hebräischen dasselbe, Laschon. Deshalb erscheint hier der Geist, der Geist Gottes, … in der Form von feurigen Zungen und inspiriert damit die Zungen der Begeisterten, die in allen Sprachen reden. Damit wird wieder ein Schabuothmotiv aufgegriffen, denn nach der Haggada wurde die Thora in allen siebzig Sprachen der Völker verkündigt, zumindest ihr Herzstück, der Dekalog.

Schalom Ben-Chorin: Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht. 5. Aufl. München 1987. S. 122 (zum Pfingstereignis im Ganzen: S. 114-123)

In diesem Sinne wünschen wir „feurige“ Feiertage – Chag Schawuot sameach bzw. ein schönes Pfingstfest!

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Koschere Kur – judenfreie Kur

Wenn es darum geht, politisch-gesellschaftliche Entwicklungen zu fassen zu bekommen, lohnt es bisweilen, neben den nackten Daten und Fakten, auch Beispiele aus der Alltagskultur, etwa: aus der Werbung, beizuziehen –…

Wenn es darum geht, politisch-gesellschaftliche Entwicklungen zu fassen zu bekommen, lohnt es bisweilen, neben den nackten Daten und Fakten, auch Beispiele aus der Alltagskultur, etwa: aus der Werbung, beizuziehen – wie das folgende, aus den 1930er Jahren:

Der burgenländische Kurort Bad Tatzmannsdorf, (bis) heute bekannt für Thermalwasser, Heilmoor etc., machte schon in den 30ern per Print-Inserat auf seine Vorzüge aufmerksam. Explizit umworben wurde dabei auch die (observante) jüdische Klientel, wie diese Anzeige in der „Jüdischen Wochenschrift Die Wahrheit“ aus 1935 belegt:

Werbeeinschaltung in 'Die Wahrheit' 1935

Aus: Jüdische Wochenschrift Die Wahrheit, Jg. 51, Nr. 26, 28.6.1935 (u.a.), S. 3 (im Volltext online auf bzw. entnommen aus compactmemory.de)

Potentiellen jüdischen Gästen werden dabei nicht nur diverse Bade-Freuden in Aussicht gestellt – auch für das religiöse Wohl scheint hinreichend gesorgt, immerhin hat das „Herz- und Frauenheilbad Tatzmannsdorf“, wie im Inserat eigens erwähnt, auch „zwei rituelle [sprich: koschere] Restaurants“ zu bieten.

Ähnliche Werbeeinschaltungen finden sich in der „Wahrheit“ noch im Sommer 1937.

12 Monate später, im Sommer 1938, hatte sich die Werbelinie merklich gewandelt – das folgende Tatzmannsdorf-Inserat stammt aus der Wochenzeitung „Grenzmark Burgenland“, herausgegeben von Burgenlands Nazi-Landeshauptmann Tobias Portschy.

Antijüdische Werbeeinschaltung 1938

„Juden werden nicht aufgenommen“ – aus: Grenzmark Burgenland, F. 23, 7.8.1938 (u.a.), S. 11

Entdeckt bzw. erstmals zusammengestellt wurden die beiden Anzeigen von Sabine Lichtenberger, in der Arbeit: „Es war meine Heimat, das Burgenland“. Geschichte und Kultur des burgenländischen Judentums mit besonderer Berücksichtigung der Jahre 1921-1938. Dipl. Wien 1996. S. 179-182.


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Oscar-‚Fußnote‘

Israels Oscar-Kandidat „Footnote“ – Trailer Noch wenige Stunden bis zum Beginn der Oscar-Verleihung 2012. Nominiert – als bester fremdsprachiger Film – ist auch in diesem Jahr eine israelische Produktion: die…

Israels Oscar-Kandidat „Footnote“ – Trailer


Noch wenige Stunden bis zum Beginn der Oscar-Verleihung 2012. Nominiert – als bester fremdsprachiger Film – ist auch in diesem Jahr eine israelische Produktion: die schon in Cannes ausgezeichnete Vater-Sohn-Tragikomödie „Footnote„.

Eher tragisch als komisch liest sich die bisherige israelische Oscar-Bilanz: Ganze 10 Mal waren israelische Filme für den Auslandsoscar nominiert, vier Nominierungen gab es allein seit 2007/8 (darunter z.B. Ari Folmans „Waltz with Bashir„), und kein einziges Mal wurde der kleine Gold-Mann gewonnen – auch ein Oscar-Rekord, wenn auch ein eher deprimierender…

Die österreichische Bilanz ist da schon deutlich erfreulicher (bzw. das österreichische Antreten effizienter) – auch wenn Karl Markovics‘ „Atmen“ heuer nicht zum Zug gekommen ist: drei Nominierte (zuletzt „Revanche“ im Jahr 2008/9), von denen einer es bekanntlich auch zum Preisträger gebracht hat, nämlich Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ (2007/8).

Für den israelischen Beitrag dagegen sind auch in diesem Jahr die Aussichten wenig erbaulich, zumindest wenn man den Buchmachern vertrauen möchte: Die nämlich sehen, wie ein kurzer Online-Rundblick zeigt, eher den iranischen Beitrag und Berlinale-Gewinner „A Separation“ in der Favoritenrolle.

Wir würden meinen: Keine sonderlich gute argumentative Ausgangslage für jene, die glauben, dass „die Juden Hollywood beherrschen“… ;)
Apropos Juden, Hollywood, Österreich: Bei der Oscar-Verleihung 2010 konnte sich Moderator Steve Martin, mit Blick ausgerechnet auf den (oscar-prämierten) „Jew Hunter“ aus „Inglourious Basterds“ Christoph Waltz, folgenden Gag dann doch nicht verkneifen…

Well, Christoph…

Nun denn – für alle, die eine Fernseh-Nachtschicht nicht scheuen: Die Übertragung der Oscar-Verleihung 2012 (inkl. Rahmenprogramm) beginnt um 1.35 Uhr auf ORF 1 bzw. 1.05 Uhr auf ProSieben.

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Verzettelt in Jerusalem

Es ist ein Ritual, an dem sich Israel-Reisende verschiedenster Couleur (Prominenz, von Barack Obama bis Benedikt XVI., inklusive) erfreuen: das Schreiben von Gebets-Notizen (jidd. Kwittel), die anschließend in den Ritzen…

Es ist ein Ritual, an dem sich Israel-Reisende verschiedenster Couleur (Prominenz, von Barack Obama bis Benedikt XVI., inklusive) erfreuen: das Schreiben von Gebets-Notizen (jidd. Kwittel), die anschließend in den Ritzen der Jerusalemer Westmauer (hebr. HaKotel HaMa’arawi; eher problematisch ist das deutsche „Klagemauer“) deponiert werden.

Wer möchte, kann selber ein „Kvittelchen“ in die Ritzen der Klagemauer stecken,

schlägt etwa der Israel-Baedeker Jerusalem-Besuchern vor (dagegen – das ist wohl warnend an die Adresse christlicher PilgerInnen gesagt – sei etwa das „Anzünden von Kerzen eher unpassend“ …;)).
Im Hintergrund steht dabei, grob gesprochen, die (in der jüdischen Traditionsliteratur gut belegte) Idee der vorzüglichen Heiligkeit des Ortes, von dem die Gegenwart Gottes auch nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels nicht gewichen sei.

(Zur Heiligkeit und den Ritualen rund um die Westmauer vgl. ausführlich R. Mordechai Ha’cohen: Sanctity, Law and Customs. In: Meir Ben-Dov u.a.: The Western Wall (HaKotel). Jerusalem 1987. S. 79-97; außerdem Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007. bes. S. 154ff., 168ff.)

  • Die Jerusalemer Westmauer ...
    Die Jerusalemer Westmauer ..
  • ...samt Kwittelach
    …samt Kwittelach


Das Kwittel-Ritual scheint nun so reizvoll zu sein, dass auch christliche PilgerInnen es für sich bzw. ihre heiligen Stätten adaptiert haben. Geschätzte 500 Meter Luftlinie von der Westmauer entfernt nämlich, in der Grabeskirche, werden ebenfalls eifrig Zettel beschrieben, gefaltet und in Ritzen gesteckt – analoge Frömmigkeitspraxis, andere Religion.
Hier, wo Christinnen und Christen Hinrichtungsstätte und Grab des Jesus von Nazareth verehren, haben also ebenfalls die Gebetszettelchen Einzug gehalten – und werden in die Ritzen der Grabkapelle geschoben; deren Altersschwäche bzw. die entsprechenden baulichen Auflösungserscheinungen machen’s möglich…

  • Die Grabkapelle im Inneren der Grabeskirche ...
    Die Grabkapelle im Inneren der Grabeskirche …
    Wikipedia
  • ...mit den einschlägigen Zettelchen
    …mit den einschlägigen Zettelchen


Ob hier nun tatsächlich eine Art interreligiöser Ritual-Import vorliegt (oder eher eine althergebrachte Analogie in der religiösen Praxis)? Man weiß es nicht. Freund Baedeker jedenfalls kennt/empfiehlt ein derartiges Ritual (noch?) nicht… ;)

Was wir aber jedenfalls wissen: Wer jetzt Lust bekommen hat, selbst eine Nachricht an der Westmauer zu hinterlassen, muss nicht auf den nächsten Israel-Besuch warten – Twitter sei Dank lassen sich Gebete auch online an die Westmauer adressieren, die dann in ausgedruckter Form ebendort deponiert werden; mehr Infos bei „Tweet your prayers„.

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Mit Joseph Roth ins jüdische Burgenland

Vorbemerkung Im August 1919 erschien in der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“ eine Reihe von Reise-Reportagen – Titel: „Reise durchs Heanzenland„, verfasst von „unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter„, Joseph Roth….

Vorbemerkung

Im August 1919 erschien in der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“ eine Reihe von Reise-Reportagen – Titel: „Reise durchs Heanzenland„, verfasst von „unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter„, Joseph Roth.

Der damals noch am Beginn seiner publizistischen Laufbahn stehende Roth (geboren 1894 im heute ukrainischen Brody) hatte im Frühjahr 1919 beim eben erst gegründeten (und im April 1920 auch schon wieder eingestellten) „Neuen Tag“ angeheuert (vgl. W. von Sternburg: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln 2009. S. 194-207).

Seine Reise durch (Deutsch-)Westungarn (eben das „Heanzenland„) bzw. das heutige burgenländisch-ungarische Grenzland, die er zu pointierten (und, wie von Sternburg richtig anmerkt: nicht vorurteilsfreien) Texten verarbeitet, führt Roth durch einen politisch gebeutelten Landstrich (dessen Status sich letztlich erst 1921, mit der Entstehung des Burgenlands, klären wird): nach Neudörfl und (Bad) Sauerbrunn, Nagycenk/Zinkendorf und Sopron/Ödenburg

(Roth:

Ich würde ein großes Tor errichten als Eingangspforte und mit riesigen, weithin sichtbaren Lettern darüber schreiben: Nomen est omen! Denn nie sah ich eine Stadt, zu der der Name besser passte…) –

und schließlich nach Deutschkreutz, wo der Autor es zunächst mit einer Kostprobe burgenländischer Volkskultur zu tun bekommt, um am Ende in einer „Filiale der Leopoldstadt“, der Deutschkreutzer jüdischen Gemeinde, zu landen…

Im Folgenden Roths Beschreibung dieser letzten Station seiner „Reise durchs Heanzenland“ und der Geschichte der westungarisch-/burgenländisch-jüdischen „Siebengemeinden„. Die Textfassung folgt (mit minimalen Anpassungen) der Veröffentlichung im „Neuen Tag“.

Wir wünschen viel Lese-Vergnügen!

Zeitungsausschnitt 'Reise durchs Heanzenland' - aus: 'Neuer Tag'

Reise durchs Heanzenland.
Von unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter.

(…)

Deutsch-Kreuz.

In Deutsch-Kreuz war Tanz- und Polterabend.
Die weiten Gehöfte leer und nur die Alten waren zu Hause geblieben. Von Zeit zu Zeit kamen ein Kind oder ein Großvater des Weges daher und erzählten, dass „Marie-Tre’s“ ein Sacktuch wünsche.
In Deutsch-Kreuz ist die Institution der Parkettböden nicht bekannt.
Man tanzt vielmehr im Hofe und eine Ziehharmonika liefert die nötige greuliche Musik.
Die Mädchen, alle weiß gekleidet und mit schwarzen Kopftüchern, stehen in dichten drei Reihen hinter einander im Hofe, die Burschen stehen auf der anderen Seite, aber eher in Gruppen, viel zwangloser und freier. Manche sitzen drin in der Schenke und tun einen anständigen Zug. Auf einmal geht der Spektakel los:
Aus der missgestimmten Ziehharmonika flattert ein tiefer Ton auf, wie ein schwerer, plumper Vogel versucht er, eine Weile in der Luft zu bleiben und fällt dann schwer und plumpsend zu Boden.

Diesem Ton folgt ein heller, junger, es klingt wie ein Hahnenschrei und auf dieses Zeichen stürzen die Burschen ohne Hüte und in Hemdärmeln aus der Schenke. Im Nu sind die Weiber vergriffen. Der Bursche hält das Mädchen nicht etwa an sich gepresst, sondern hat beide Arme um ihre Hüfte geschwungen. Der Oberarm bleibt hölzern, steif und fest, so dass das Mädchen in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern von seinem Körper entfernt bleibt.
Der Tanz ist vollkommen kunstlos und besteht aus monotonen Drehbewegungen. Man dreht sich so lange, als der Ziehharmonikamensch will, denn es gilt als Schimpf, früher aufhören zu müssen. Man dreht sich in dem engen Hofe, in dem es zum Ersticken heiß ist, bis man im eigenen Schweiße ertrinkt. Der Boden ist nass wie nach einem Platzregen.

Da ich ins Wirtshaus trete, singen die Leute grade ein heanzerisches französisches G’stanzel:

Von da Nah und von da Fean
Lod’ ma olli ein, an jedn gseg ma gean.
Ochzig Hella is Eintrittsgöld
Des wegn is a nit g’fölt.
Denn wou spült d’Neuhausa Musi
Dou is a Hetz, a G’schpusi.

Man entdeckt an mir Kragen und Krawatte, hält mich für einen kommunistischen Agitator und feindselige Stille tritt plötzlich ein. Der Wirt poltert los: I kenn‘ Ihna gar nicht!

„Das macht nichts! Sie sollen mich kennen lernen!“
„Was wollen’s denn?“
„Was zu essen und einen Wein! Und schlafen möcht ich hier!“
„Z‘ essen hob i selber nix und schlof’n könnens net. An Wein könnens hab’n, wenn Sö Blaugeld han.“
Ich han Blaugeld und trinke einen Wein. Weil ich mit einer Hundertkronennote zahle, kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache.
Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist.
Nun aber kannst du in Deutsch-Kreuz drei Stunden lang herumwandern und findest kein Quartier und kein Brot. Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich. Entweder bist du ein Spion der Szegediner, so hat man Angst. Oder du bist ein Agitator Kuns, so hasst man dich. Du kannst verhungern. Zumal, da sowohl der Herr Pfarrer als auch der Herr Notär irgendwo beim Tarock sitzen.

Plötzlich sehe ich die Große Mohrengasse auftauchen.

Hausierergesichter, typische Leopoldstadt. Eine Judengruppe. Sie reden hochdeutsch mit den Händen. Ihre Bewegungen halten die Mitte zwischen Bedächtigkeit und Leidenschaft. Sie reden Leitartikel über Bela Kun. Bleiche Pogromangst spukt um sie herum.

In Deutsch-Kreuz sind sie zu Hause. Da ich einen um Quartier bitte, lässt er mich durch einen rothaarigen, sommersprossigen Judenjungen nach dem Hause eines Glaubensgenossen führen. Ich bekomme Brot und Eier und ein Bett. Ich teile das Zimmer mit einer gelähmten Großmutter, dem Ehepaar und zwei hübschen, schwarzäugigen Töchtern.
Am Morgen erlege ich nicht weniger als fünfzig Kronen in Blaugeld und wandere weiter.
Aber über die Juden in Deutsch-Kreuz muss ich noch erzählen.

Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles.

Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopoldstadt.
Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Ghetto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes Leben.
In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt. Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkäppchen auf dem Haupte. Er sitzt an einem langen Tisch und um ihn herum seine Jünger. Judenburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu Zeit der grelle Schrei der Ziehharmonika vom Wirte drüben.

Synagoge Deutschkreutz, um 1920

Synagoge in Deutschkreutz, um 1920

Ich will mit dem Rabbi über die Gemeinde sprechen. Er drückt mir die Hand und bittet mich um Verzeihung: er habe leider keine Zeit. Ich möchte zum Kultusvorsteher, Herrn Lipschütz, gehen.
Herr Lipschütz ist ein Mann um die Fünfziger. Ist auch schon in Budapest und, als er noch jung war, sogar in Wien gewesen und hat Manieren.
Er bittet mich in den „Salon“. Ein dunkelrot gehaltenes Zimmer, lauter Plüsch und Samt und verstaubte Nippessachen, Tintenfässer, Vögel, Hunde aus Bronze auf der Konsole. Der Stuhl, den er mir anbietet, ist leider durchgedrückt und ich rutsche in eine Versenkung, aus der ich mich mit vieler Mühe wieder hinausrette, um fortab am Stuhlrand sitzen zu bleiben.

Herr Lipschütz erzählt mir:
Vor vielen Jahren seien die Juden aus Oesterreich vertrieben worden und wären zum Fürsten Esterhazy gekommen. Dieser habe ihnen sieben Gemeinden, die sogenannten „Schweh-Khilles“, angewiesen. Es sind lauter deutsche Gemeinden. In einigen haben die Juden volle Autonomie und sogar eigene Bürgermeister. Die Juden sprechen ein reines, fehlerloses, etwas hartes Deutsch und vertragen sich ausgezeichnet mit der Bevölkerung. Die deutschen Bauern machen einen strengen Unterschied zwischen „Budapester“ und „unseren“ Juden.

Das Haus des Herrn Lipschütz ist einstöckig, mit einem großen Hof. Er ist der reichste Jude in der Gemeinde und sein Name ist weit und breit bekannt.
Der Kantor, der vor ungefähr 50 Jahren noch im Deutsch-Kreuzer Judentempel die Gebete sang, hieß Goldmark. Sein Sohn war der berühmte Komponist Carl Goldmark, der aus einem Deutsch-Kreuzer Judenjungen ein Mann von Weltruf ward.

Die Gemeinde zählt auch den ungarischen Romanschriftsteller und späteren Sektionschef Alexander Doczi rekte Dux mit Stolz zu ihren Söhnen.
Die Juden von Deutsch-Kreuz und den Schweh-Khilles beschäftigen sich nur mit ehrlichem Handel und werden von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt. Sie haben sich rein und unvermischt erhalten und aus ihren Gesichtern klagte das Jahrtausende alte Leid Ahasvers.
Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Weinen und Fasten. Die Deutsch-Kreuzer Juden fasten zweimal in der Woche und beten den halben Tag lang.
Der Tempeldiener kommt morgens und abends an jede Tür, klopft mit einem Hammer und ruft die Juden zum Gebet.
Ich besah mir den Hammer: er ist schon ganz klein, schwarz, fettig und „abgeklopft“. Er mag so alt sein, wie die Gemeinde.
Manchmal wächst ein Judenjunge heran, hat Begabung und Glück und wird ein Goldmark oder Doczi. Aber nur manchmal.
Die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind.
Das ist die Geschichte der Juden von Deutsch-Kreuz und der „Schweh-Khilles“.

Joseph Roth.
In: Der Neue Tag, 9. August 1919, S. 4f.


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir unsere Publikation „Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland„, in der Sie diese und andere Anekdoten, Erzählungen, Reiseberichte usw. aus den Sieben-Gemeinden finden.


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Bild und Kopf der Woche – Ausmal-Ben-Gurion

Wie man jüngeren (und jüngsten) Museumsbesucherinnen und -besuchern Historie schmackhaft machen kann, ist eine ebenso wichtige wie knifflige Frage. Klassisch-charmant ist die diesbezügliche Strategie des „Ben-Gurion-Hauses“ in Tel Aviv: Dort…

Wie man jüngeren (und jüngsten) Museumsbesucherinnen und -besuchern Historie schmackhaft machen kann, ist eine ebenso wichtige wie knifflige Frage. Klassisch-charmant ist die diesbezügliche Strategie des „Ben-Gurion-Hauses“ in Tel Aviv: Dort nämlich lädt man die jüngsten Gäste ein, sich via Mal-Vorlage (buchstäblich) ihr eigenes Bild vom „Vater der Nation“ zu machen – Museumspädagogik 1.0 gewissermaßen…

Schachspielender Ben-Gurion zum Ausmalen

Ein schachspielender Ben-Gurion zum Ausmalen – gesehen im „Ben-Gurion-Haus“, Tel Aviv

David Ben-Gurion (1886-1973), als David Grün im polnischen Płońsk geboren, emigrierte 1906 nach Palästina; er war der erste Premierminister des Staates Israel, von der Staatsgründung 1948 bis 1953, und nochmals von 1955 bis 1963.

Weit anschaulicher als diese nackten biographischen Fakten ist allerdings die wunderbar plastische (und obendrein um politische Korrektheit völlig unbekümmerte) Beschreibung, die Amos Oz in seiner „Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Ben-Gurion gibt: Oz, damals gerade in seinen frühen 20ern, hatte sich 1961 auf eine publizistische Kontroverse mit dem Premierminister eingelassen – und wurde von Ben-Gurion prompt zum persönlichen Gespräch geladen…

Zwischen den Wänden dieses spartanischen Büros [gemeint ist das Büro Ben-Gurions in Tel Aviv; Anm.] ging mit schnellen kleinen Schritten, die Arme auf dem Rücken verschränkt, die Augen zu Boden gerichtet, den großen Kopf geneigt und energisch vorgeschoben, ein Mann auf und ab, der genau wie Ben Gurion aussah, aber auf keinen Fall Ben Gurion sein konnte: Jedes Kind im Land, schon im Kindergarten, wusste damals sogar im Schlaf, wie Ben Gurion aussah. Aber da es noch kein Fernsehen gab, meinte ich selbstverständlich, der Vater der Nation sei ein Riese, dessen Haupt in die Wolken rage. Und dieses Double nun war ein kleiner, untersetzter und rundlicher Mann, keine ein Meter sechzig groß (…), teils unbeugsamer Bergbauerngroßvater, teils uralter, energischer Zwerg (…). Er hatte eine silbrige Prophetenmähne, die wie ein Amphitheater seine Glatze umgab. Unterhalb der mächtigen Stirn ragten dicke, buschige weiße Brauen hervor, und darunter durchbohrten kleine blaugraue Augen mit messerscharfem Blick die Luft. Seine Nase war breit, dick und derb, eine vollkommen schamlose, geradezu pornographische Nase, wie die Nase der Juden auf antisemitischen Karikaturen. Dagegen waren die Lippen schmal wie eine Schnur (…). Die Gesichtshaut war rau und rot, als wäre da gar keine Haut mehr, sondern rohes Fleisch (…).
Die ersten Worte, die die Stille im Raum durchschnitten, erklangen in der durchdringenden blechernen Stimme, die wir damals alle fast täglich im Radio hörten. Sogar in unseren Träumen hörten wir sie. Der Allmächtige warf mir einen grimmigen Blick zu und sagte: ‚Nu! Warum setzen Sie sich nicht?! Setzen Sie sich doch!‘

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Frankfurt a.M. 2008. S. 686f.

Niemals, so schreibt Oz in der Rückschau auf jene Begegnung, habe ihn ein Mensch

so durch seine physische Präsenz und seine elektrisierende Willenskraft beeindruckt

wie damals Ben-Gurion (ebd. S. 692).

Ben-Gurions Haus in Tel Aviv („Beit Ben-Gurion“) ist heute der Öffentlichkeit zugänglich – und der Besuch schon aufgrund der erhaltenen Original-Ausstattung und Ben-Gurions beeindruckender Bibliothek (20.000 Bände!) in jedem Fall lohnenswert!

Wikipedia


David Ben-Gurions Geburtstag jährt sich am heutigen Sonntag, dem 16. Oktober, zum 125. Mal.


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