Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Claudia Chaya-Bathya

Bild der Woche – Die berühmte Kette

Die Kette, die zur Absperrung des Eisenstädter Judenviertels am Schabbat und an jüdischen Feiertagen diente, ist wohl mittlerweile allseits bekannt. Sie diente zur Kreierung eines sogenannten „Eruv“ zum Tragen, d….

Die Kette, die zur Absperrung des Eisenstädter Judenviertels am Schabbat und an jüdischen Feiertagen diente, ist wohl mittlerweile allseits bekannt. Sie diente zur Kreierung eines sogenannten „Eruv“ zum Tragen, d. h. dazu, die Judengasse am Schabbat zu einem Gebiet zu machen, in dem ein Jude Gegenstände mit sich tragen darf. Diesen „Eruv“ beschreibt Esther Calvary in ihren Memoiren. Esther war eine in Eisenstadt geborene Tochter des damals (bis 1869) dort tätigen Rabbiners Esriel Hildesheimer, der später in Berlin die orthodoxe Separatgemeinde „Adass Jisroel“ und das orthodoxe Rabbinerseminar gründete (siehe auch unseren Artikel „Berühmtheiten in und aus Eisenstadt„).

Die Schabbat-Kette, ca. 1920

Die Schabbat-Kette am unteren Ende der Judengasse, ca. 1920
Links im Bild das Wertheimerhaus, damals die Weinhandlung „Leopold Wolf’s Söhne“, heute unser jüdisches Museum

Am Freitagabend wurden die Ketten und Eisengitter zugemacht, so daß für die Zeit von Anfang bis Ende von Schabbat kein Wagen durch die Gasse fahren konnte. Die eine Kette lag gerade gegenüber von der „Traube“, die andere vor der Einfahrt in die Stadt. Es waren dadurch zwei Gassen für Wagen gesperrt, denn die sogenannte Obere Gasse hatte an ihrem Ende eine Mauer, und da war auch der Eingang zum Beth Hakworaus [Friedhof], das natürlich auch von Mauern eingefaßt war.

Am Ende der Kette der unteren Gasse wohnten auch noch Leute. Da waren die großen Kellereien und Wohnhäuser von der bedeutenden Weinfirma Leopold Wolf’s Söhne. Wolf hatte von dem Fürsten Esterhazy einen großen Meierhof gekauft, worin früher die Milchwirtschaften gewesen. Dort haben die Wolfs Böttchereien und Kellereien erbaut. Sie zogen dann aber auch eine Mauer, die sich bis an das Beth Hakworaus hinzog, so daß man auch hier am Schabbat tragen durfte. In der Weinlese kamen die Bauern aus Rust und den kroatischen Dörfern mit ihren Maisch-Bottichen angefahren; sie kamen manchmal am Freitagabend, wenn man eben nach Schul [in die Synagoge] ging, und durften nicht mehr abladen, so daß Wagen an Wagen meilenweit auf der Landstraße stehen musste, bis nach Nacht [am Schabbat-Ausgang] die Ketten gelöst wurden und sie abladen durften.

Der Zaun am oberen Ende der Gasse, ca. 1920

Der Zaun am oberen Ende der Gasse, ca. 1920
Dass an dieser Stelle statt des Zauns einmal eine Kette war, können wir leider durch kein Bild belegen. Links im Bild das koschere Restaurant Hess, ehemals das Gasthaus „Traube“

Am Wochenfest braucht man zwar keinen „Eruv“, die Kette wurde jedoch vorgelegt, um die Durchfahrt zu verhindern und somit eine feierliche Atmosphäre zu schaffen. In diesem Zusammenhang erinnert sich Esther Calvary an die folgende Begebenheit:

Einmal am zweiten Tag Schwuauss [Schawuot, Wochenfest], als die Ketten vorlagen, kam plötzlich ein Junge von 15 bis 16 Jahren aus einem benachbarten Dorfe, wo seine Eltern als einzige Juden lebten, angefahren und bekam, als er die geschlossene Gasse sah, einen großen Schreck [denn er hatte den Festtag entweiht]. Der Vater [Hildesheimer] wurde gerufen und er gebot dem Knaben, der schrecklich heulte, ausspannen zu lassen und den Tag bis zum Abend im Gasthaus „Traube“ zu bleiben. Weinend erzählte er [der Junge] auch, daß seine Mutter zu waschen begonnen habe. Vater schickte gleich einen Boten an die Eltern, sie sollten den Laden schließen und aufhören zu waschen, es sei noch Jom Tow [Feiertag], sie hätten bloß falsch geaumert [falsch Omer gezählt].

Leider findet man auch heute noch, selbst in der (halb)wissenschaftlichen Literatur, immer wieder die vollkommen falsche Darstellung, dass die Kette heute ein Symbol dafür sei, dass die „Mauern hinter dieser Kette den Juden jahrhundertelang zum Gefängnis geworden sind“! Dabei hatte die Schabbat-Kette nicht nur die obgenannte innerjüdische Bedeutung, sondern war auch ein Zeichen der politischen Autonomie, eine Autonomie, die sich die jüdische Gemeinde Eisenstadt als einzige jüdische Gemeinde bis 1938 erhalten konnte!



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Lag Ba-Omer

Am 33. Tag der Omer-Zählung, heuer heute am 22. Mai, wird in Israel ein Volksfest besonderer Art gefeiert: Lag Ba-Omer. An diesem Tag ist vor ca. 2000 Jahren Rabbi Schimon…

Am 33. Tag der Omer-Zählung, heuer heute am 22. Mai, wird in Israel ein Volksfest besonderer Art gefeiert: Lag Ba-Omer. An diesem Tag ist vor ca. 2000 Jahren Rabbi Schimon (Simon) Bar Jochai, ein Schüler des Tannaiten Rabbi Akiva und vehementer Gegner der Römer im großen Aufstand, in ein besseres Jenseits eingegangen. Im Heiligen Land wird dieses Ereignis schon mindestens seit dem 19. Jahrhundert mit dem Entzünden eines Feuers in Meron in Galiläa begangen.

Der hauptsächliche Festakt findet noch immer an diesem Ort, neben Rabbi Schimons Grabbau, statt. Der Moschaw Meron ist eine kleine landwirtschaftliche Siedlung, die vor allem von der Zimmervermietung an religiöse Sommerfrischler und auch vom Lag-Ba-Omer-Tourismus lebt.

Im Laufe der Jahre hat sich der Brauch des Feuerzündens im ganzen Land verbreitet und wahrhaft epidemische Ausmaße angenommen.

Schon längere Zeit vor dem Festtag sind die lieben Kleinen – hauptsächlich Buben natürlich – eifrig dabei, Äste, Bretter und dergleichen als Brennmaterial zu finden. Alles, was aus Holz und nicht niet- und nagelfest ist, ist dazu bestimmt, auf dem „Scheiterhaufen“ zu landen. Die Kinder formieren sich zur Materialsuche in Gruppen. Der „Wettkampf“ mit anderen Gruppen gehört da natürlich auch zu den Vorbereitungen.

Leider zählen in den Augen der Kinder auch die Holzplattformen von Gabelstaplern zum Brennmaterial. Diese Dinge werden dann oft mit eigens dazu „ausgeliehenen“ Supermarkt-Wägen zum Ort des Geschehens verbracht. Natürlich erlaubt die Tora einen solchen Diebstahl nicht. Aber vergeblich zetern Eltern und Rabbiner dagegen. Die Kinder bringen einen wahren FEUEReifer bei diesen Fest-Vorbereitungen zu Ehren des Rabbi Schimon Bar Jochai auf – einen Eifer, den sie zum Leidwesen ihrer Erzieher beim Lernen allzu oft vermissen lassen.

Und wenn dann überall die Feuer brennen, dann sind die Eltern damit beschäftigt, hinter ihrem Nachwuchs herzurennen, damit sie den Flammen nicht zu nahe kommen. Bei der hier üblichen Anzahl von Kindern pro Familie ist das gar nicht einfach.

Leider verbrennen die Kinder nicht nur Holz oder Papier. Der Anblick der züngelnden Flammen macht zahlreiche Menschen anscheinend zu Pyromanen. Da wird dann alles in das Feuer geworfen, was nur so herumliegt. Leider auch Plastik. Und besonders attraktiv für schlimme Buben sind natürlich Spraydosen. Die explodieren nämlich so schön!

Früher, als es hier noch zahlreiche freie Plätze zwischen den Häusern gab, war die Stadt (Bnei-Brak) voller Feuer. Inzwischen ist fast alles verbaut, und so hat sich die Anzahl der „Scheiterhaufen“ zwangsläufig drastisch vermindert.

Aber auch heute ist es ratsam, vor Lag Ba-Omer die Wäsche von der Leine zu nehmen, damit sie nicht geräuchert wird. Das G’rucherl bringt man dann nur mehr schwer weg. Und jedes Mal vor dem Fest bete ich, dass das Wetter klar ist und der Wind weht. Ich erinnere mich mit Schrecken an einen bestimmten Lag-Ba-Omer-Tag, an dem Inversionswetterlage herrschte. Der Brandgeruch lastete schwer auf der Stadt und verursachte mir Kopfweh. Noch ein, zwei Tage später hat er sich kaum verzogen. Wie haben das die Asthmatiker nur aushalten können?

Es heißt, die Kinder würden um die Feuer tanzen und singen. In dem Vierteljahrhundert, in dem ich hier lebe, habe ich das aber selten gesehen. Das geschieht nur bei den offiziellen Feiern, an denen Rabbiner teilnehmen. Die Kinder grillen lieber Kartoffeln und Würstel, und so wird der Akt der Verbrennung von einem rein spirituellen auch zu einem irdisch-kulinarischen. Und so sitzt dann die junge Generation schließlich einträchtig zusammen und verzehrt halb rohe, halb verkohlte Erdäpfel. Zu dem Zeitpunkt sind die Kinder schon von oben bis unten mit einer dicken Schweiß- und Rußschicht bedeckt und riechen, als seien sie selbst gegrillt worden. Die Mütter werden bei ihrem Heimkommen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und den Nachwuchs gleich in die Badewanne stecken.

Wenn dann, spät in der Nacht, die Feuer erloschen sind und die sich im Dauereinsatz befindenden Feuerwehrleute auch die letzten glimmenden Kohlen ausmachen, dann sprechen die Eltern aus dankbarem Herzen ein Gebet, dass alles – Gott und Rabbi Schimon sei Dank! – gut verlaufen ist.

Hier das diesjährige Anzünden des Feuers in Meron durch den Bojaner Rebben. Dem jeweiligen Bojaner Rebbs, Nachkommen des Rabbi Israel von Ruzhin aus Sadagora, ist dieses Privileg vorbehalten!


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Bild der Woche – Wenn die Obstbäume blühen …

Blühender Grapefruit-Baum. Schade, dass der wunderbare Duft nicht übertragbar ist ;) Fotografiert zu Pesach 2010 im Yarkon-Park (Tel Aviv) … wird im Monat Nisan der „Birkat Ha-ilanot“, der „Segensspruch über…

Blühender Grapefruit-Baum. Schade, dass der wunderbare Duft nicht übertragbar ist ;)
Fotografiert zu Pesach 2010 im Yarkon-Park (Tel Aviv)


… wird im Monat Nisan der „Birkat Ha-ilanot“, der „Segensspruch über blühende Obstbäume“ gesprochen.

ברוך אתה ה‘, אלקינו מלך העולם, שלא חיסר בעולמו (דבר) כלום, וברא בו בריות טובות ואילנות טובות (טובים) ונאות , (כדי) להנות בהן בני אדם

Gelobt seist du, Gott, König der Welt, der es in seiner Welt an nichts fehlen lässt, und der darin gute Geschöpfe und gute Bäume geschaffen hat, um den Menschen dadurch Genuss zu verschaffen

Der Segen wird immer im Monat Nisan über mindestens 2 Obstbäume gesprochen.
Hier rezitiert den Segensspruch (auf einen blühenden Orangenbaum) der angesehene und einflussreiche Jerusalemer Rabbiner Josef Schalom Eljaschiw, der vor kurzem seinen 101. Geburtstag gefeiert hat.



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Rabbi Mosche Teitelbaum – der chassidische Wunderrabbi

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat erfreulicherweise wieder Zuwachs bekommen – dank unserer Korrespondentin aus Bnei-Brak,…

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat erfreulicherweise wieder Zuwachs bekommen – dank unserer Korrespondentin aus Bnei-Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya mit ihrem Beitrag über den „Importeur“ des Chassidismus nach Ungarn …

Viele unserer LeserInnen erinnern sich wohl noch gut an die von der mittlerweile leider ehemaligen Chefkuratorin Dr.in Felicitas Heimann-Jelinek kuratierten Eröffnungsausstellung des Jüdischen Museums Wien im Jahr 1993 ‚Hier hat Teitelbaum gewohnt. Ein Gang durch das jüdische Wien in Zeit und Raum‘.
Im Text zur Ausstellung hieß es: „Im Wiener Adressbuch von 1938 waren unter diesem Namen [Teitelbaum] sechzehn Adressen angeführt, im aktuellen Wiener Telefonbuch 1993/94 ist der Name Teitelbaum nicht zu finden …“

Unser Artikel widmet sich nun dem ersten, vor allem dem ersten berühmten Träger dieses Namens, der zwar nicht in Wien wohnte, der aber, 1759 geboren, einer der bekanntesten und einflussreichsten Rabbiner in Ungarn war: Rabbiner Mosche Teitelbaum aus Ujhely. Der zweite berühmte Teitelbaum hieß übrigens auch Mosche und verstarb im Alter von 91 Jahren als Satmar Rebbe am 24. April 2006. Bilder von seinem Begräbnis finden Sie hier.

Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely: ein großer Toragelehrter, ein Kabbalist, gelobt von niemand geringerem als dem berühmten Chatam Sofer, eine charismatische Erscheinung und ein Wundertäter.
Sogar der Freiheitskämpfer und Nationalheld Ungarns, Lajos Kossuth, der Führer der ungarischen 1848er Revolution, zollte ihm nicht nur höchste Anerkennung, sondern war, obwohl selbst Christ, überzeugt davon, seinen späteren Aufstieg und seine Errettung nach dem Scheitern des ungarischen Freiheitskampfes dem Segen von Rabbi Mosche zu verdanken!

Selbstverständlich reichen die Verbindungen auch ins Gebiet des heutigen Burgenlands. Denn Markus (Mordechai) Horovitz (1844-1910), gebürtiger Ungar und nachmaliger Rabbiner der jüdischen Hauptgemeinde von Frankfurt am Main, hat an der Jeschiva von Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer in Eisenstadt studiert und ist diesem auch 1869 nach Berlin gefolgt.
Obwohl selbst erst nach Teitelbaums Tod zur Welt gekommen, schildert Horovitz die Eindrücke von Menschen, die Rabbi Mosche noch gekannt haben:

Der Rabbi selbst ist eine hagere, schlanke Gestalt, von sanftem, einnehmenden Wesen; auf seinem kleinen Gesichte sind die deutlichen Spuren innerer, unsäglicher Qual, tiefen, unsäglichen Schmerz von einem frommen, verklärten Blicke in einen Zug von resignierender, erhabener Hingebung gemildert. Jetzt steht er in den Talis [Gebetsmantel] gehüllt, dessen oberer Teil mit schimmernden, silberdurchwirkten Fäden bedeckt ist und so, vom hellen Flammenmeere der vielen, nach heiligen Zahlen berechneten Lämplein in blendendes Gefunkel versetzt, dem blassen, sanften Gesichte des Rabbi einen Ausdruck himmlischen Wesens verleiht.

Den gesamten Beitrag können Sie in unserem Artikelbereich lesen: Rabbi Mosche Teitelbaum aus Ujhely. Der ›Importeur‹ des Chassidismus nach Ungarn.

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