Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Claudia Chaya-Bathya

Der Mattersdorfer Matriken-Krimi

Vor einigen Monaten mussten wir unser Projekt zum jüdischen Friedhof Mattersburg stoppen (wir berichteten). Kurzfristig ist nun leider eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung des Projekts, sprich ein neuerliches Ansuchen, geplatzt….

Vor einigen Monaten mussten wir unser Projekt zum jüdischen Friedhof Mattersburg stoppen (wir berichteten). Kurzfristig ist nun leider eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung des Projekts, sprich ein neuerliches Ansuchen, geplatzt. Da wir uns aber sowohl der Sache als auch unserer überaus engagierten und netten Community hier im Blog verpflichtet fühlen, werden wir ab heute das Projekt fortsetzen, wenn auch – wie angekündigt – deutlich langsamer und unregelmäßiger als geplant. Für mehr fehlen uns die Ressourcen.

Jedenfalls passend zum Neustart ein launiger Artikel unserer Korrespondentin aus Bnei-Brak, Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, über so manche – vielleicht unerwartete – Gefahren, die bei der Matrikenarbeit lauern ;)

Alles begann mit dem Scheitern einer Ehe

Der in Szill-Sárkány im Komitat Ödenburg (Sopron, Ungarn) lebende Kreisarzt Dr. Wilhelm Szauer hatte als Mediziner in Wien am 20. Februar 1876 in Wien-Ottakring mit einer gewissen Helene Goldmann eine Ehe geschlossen, die er im Jahre 1883 lösen wollte. Er wandte sich deshalb sowohl an das Wiener Landesgericht als auch an das Ödenburger Vizegespansamt wegen Ungültigkeitserklärung seiner Ehe. Dieses sein Ansuchen sollte ungeahnte Verwicklungen herbeiführen.

Am 30. August 1883 wies das Ödenburger Vizegespansamt sein Ansuchen mit der Begründung ab, die Eintragung der Hochzeit in die Matriken scheine regelwidrig. Anstatt in die Matriken des Hochzeitsortes war die Eheschließung nämlich in einen besonderen Anhang der Mattersdorfer Israelitische Trauungsmatriken eingetragen worden. Trotzdem hielt sich das Vizegespansamt weder zur Vernichtung des fraglichen Matriken-„Anhanges“ noch zur Ungültigkeitserklärung dieses Auszugs für berechtigt.
Der so quasi mit seiner ungeliebten Frau „steckengebliebene“ Szauer richtete daraufhin einen Rekurs an den ungarischen Kultusminister Treford. In dem daraufhin von dem letzteren verfassten Erlass heißt es u. a.:

… stehen wir einem Vorgange gegenüber, der – selbst bei den erfahrenen zahlreichen traurigen Wahrnehmungen hinsichtlich der ungeordneten israelitischen Glaubensverhältnisse – die kühnste Phantasie überragt. Ein Rabbinats-Assessor, namens Jakob Hirsch, der am 7. April 1861 Mattersdorf verließ und nach Wien übersiedelte, hat angeblich mit dem Mattersdorfer israelitischen Matrikelführer David Kohn ein Übereinkommen getroffen, laut welchem die von Hirsch in Wien vollzogenen Trauungen durch Kohn in die Mattersdorfer Matrikel eingetragen werden.

Israelit 31 (1885), S. 504

Hier sieht man, mit welchen Schwierigkeiten sich Historiker und Genealogen bei ihrer Arbeit herumschlagen müssen!

Wer sind die hier genannten Personen?

R. David Kohn (gest. 1888) war Vorsitzender des Rabbinatsgerichts von Mattersdorf und als Nachfolger von R. Ahron Singer von 1868 bis 1878 Rabbinatsverweser. In dieser Eigenschaft war er für die Führung der Geburts-, Sterbe- und Trauungsmatriken der dortigen Juden zuständig.

R. Jakob Hirsch (geb. 1815; gest. zwischen 1903 und 1906) stammte ebenfalls aus Mattersdorf und hatte dort vor seiner Übersiedlung als Rabbinats-Assessor, also Dajjan, fungiert. Er war ein Schwiegersohn des R. Gabriel Trebitsch. Seine Torastudien hatte er bei dem Mattersdorfer Dajjan R. Elieser Lipschitz und dann beim Chatam Sofer absolviert. Aus persönlichen Gründen – er fühlte sich in Mattersdorf von einem Teil der dortigen Juden verfolgt – verließ er die Gemeinde und ging nach Wien, oder genauer gesagt: nach Sechshaus (erst 1892 in Wien eingemeindet; damals Teil des 14. Bezirks, heute des 15.). Hier wurde er Rabbiner der orthodoxen Gemeinde „Emunas Awes“ (אמונת אבות, d. h. Glaube der Väter), die in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts einen eigenen Betraum unterhielt. Um 1873 erwarb diese Vereinigung in der Storchengasse 21 ein zweistöckiges Wohnhaus, in dem eine Knabenlehranstalt, eine Talmud-Tora-Schule sowie ein Jugend-, Frauen- und Unterstützungsverein untergebracht wurden. Die Gemeinde, die 1890 aufgrund des Israelitengesetzes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien angeschlossen wurde, errichtete dort später eine Synagoge, die sogenannte „Storchenschul“ [1]..

Vorwürfe, Ermittlungen und Anschuldigungen

Es stellte sich heraus, dass Hirsch in den Jahren 1862 – 1878 in Wien insgesamt 143 Trauungsakte vollzogen hat, welche samt und sonders in den erwähnten „Anhang“ eingetragen worden waren. Die Ehe von Dr. Wilhelm Szauer und Helene Goldmann war übrigens Nr. 139.

Trefords Erlass fährt fort:

Inwiefern Jakob Hirsch und David Kohn mala fide vorgingen oder nicht und inwiefern bei den in diesen ‚Anhang‘ eingetragenen Ehen die sonst erforderlichen gesetzlichen Formen eingehalten wurden, weiß ich nicht. Thatsache jedoch ist, daß jede israelitische Gemeinde nur jene Fälle in ihre eigenen Matrikel einzutragen berechtigt ist, welche auf ihrem eigenen Territorium sich zutragen.

Ibid.

Der Minister kommt schließlich zur Schlussfolgerung, dass nicht in Mattersdorf geschlossene, aber dennoch in der dortigen Matrik eingetragenen Ehen als „nicht existirend, beziehungsweise cassirt zu betrachten“ sind. Die involvierten Personen könnten nicht zur Verantwortung gezogen werden, da Rabbinatsverweser David Kohn bereits verstorben sei, und R. Jakob Hirsch in Wien, also außerhalb Ungarns, wohne. Seit Kohns Tod habe, nach Jakob Hirschs Aussage vor dem Mattersdorfer Stuhlrichter am 21. September 1883, der Mattersdorfer Rabbiner Samuel Ehrenfeld (Rabbiner 1878–1883) alle Trauungen selbst durchgeführt. Der argwöhnisch gewordene Minister Trefort ordnete daraufhin eine Untersuchung an, mit der der Mattersdorfer Stuhlrichter Molnar betraut wurde.

Aus der Autobiographie R. Jakob Hirschs in seinem Werk „Mor Dror“ (1. Teil, S. 20) erfahren wir, dass auch die österreichischen Behörden in der Angelegenheit ermittelten. Hirsch wurde von der Polizei zu einem Verhör vorgeladen und nach eigener Aussage dort sehr höflich und zuvorkommend behandelt. Trotzdem wurde es dem Rabbiner mulmig zumute. Man legte ihm einen Brief der Wiener Kultusgemeinde vor, in dem ihm die unbefugte Vornahme von Trauungen vorgeworfen wird. Hirsch wies die Anschuldigung entschieden zurück und erklärte, als Mattersdorfer Dajjan sei er zu solchen Handlungen sehr wohl autorisiert; außerdem habe er alles fein säuberlich in die Mattersdorfer Matriken eintragen lassen. Die Behörden akzeptierten seinen Standpunkt und ließen ihn unbehelligt ziehen. In seinen Aufzeichnungen bezichtigt Hirsch die Wiener Kultusgemeinde, ihn verfolgt zu haben, weil er sie wegen ritueller Neuerungen bekämpfte.

Exkurs

Tatsächlich waren die Spannungen innerhalb der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde nicht mehr zu übersehen. Seit der Freizügigkeit 1848 waren Scharen von Juden aus Osteuropa nach Wien gekommen, vor allem aus Ungarn und der heutigen Slowakei. Diese Neueinwanderer waren zumeist streng orthodox, und zwar nach dem Preßburger Muster. Tatsächlich stammten zahlreiche Ankömmlinge aus dieser Stadt. In Wien fanden sie Glaubensbrüder von liberalerer Gesinnung vor, die bereits im Begriff waren, sich an die nichtjüdische Umwelt zu akkulturieren. Anfang der 1860er Jahre wurden diese Spannungen so stark, dass auch die berühmte Wiener Gemütlichkeit und die vorbildliche und harmonische Zusammenarbeit zwischen dem orthodoxen Rabbiner Lazar Horwitz und Prediger Isak Noah Mannheimer sie nicht mehr zu übertünchen vermochten. Schon im Jahre 1861 forderten die Wiener Orthodoxen Autonomie, drangen aber mit ihren Forderungen nicht durch.

Von da an begann sich die Orthodoxie abzusondern. Obwohl der Führer der sogenannten „Preßburger“, Rabbiner Salomon Spitzer (בנימין שלמה זלמן שפיצר), damals noch selbst dem Wiener Bet-Din (Rabbinatsgericht) angehörte – dessen Integrität also auch in den Augen der Allerfrömmsten garantiert war – vermied es die Trennungsorthodoxie nun nach Möglichkeit, die genannte Institution in Anspruch zu nehmen. Ihre Mitglieder heirateten daher außerhalb der damaligen Grenzen Wiens, z. B. in Sechshaus, dessen jüdische Gemeinde, wie wir bereits gesehen haben, damals noch nicht zur Wiener Kultusgemeinde gehörte.

Einen Höhepunkt erreichten die Zwistigkeiten mit dem Amtsantritt des liberal gesinnten Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Ignaz Kuranda. Im Jahre 1872 wollte der Vorstand der IKG in den beiden großen Tempeln gewisse Gebete abschaffen. Die Orthodoxen stiegen natürlich sofort auf die Barrikaden. In bester Wiener Manier einigten sich die Rabbiner und der Vorstand schließlich auf einen Kompromiss (diese Gebete sollten leise rezitiert werden), doch Rabbi Spitzer machte da nicht mit und trat aus dem Wiener Bet-Din (Rabbinatsgericht) aus. Er versuchte für seine Gesinnungsgenossen von den Behörden die Anerkennung als eigene Gemeinde zu erreichen. Trotz starkem Druck, einer Medienkampagne und der Unterstützung von zahlreichen ausländischen orthodoxen Rabbinern wurde diesem Ansuchen jedoch nicht stattgegeben. Vermutlich haben die Vorgänge in Ungarn um die Trennung der Gemeinden die Behörden abgeschreckt.

Jetzt, da die Wiener Orthodoxen das Beth Din der Kultusgemeinde nach dem Ausscheiden Spitzers einerseits nicht mehr anerkannten, anderseits aber rechtlich nicht befugt waren, selbst ein solches zu bilden, waren sie gänzlich auf andere, ihrer Meinung nach religiös zuverlässige Gemeinden angewiesen. In einer Zeitungsmeldung aus dem „Israelit“ 4 (1873), S. 56 ist z. B. die Rede von einem Vater, der sich mit der Bitte um einen Get (Scheidungsbrief) für seine Tochter an Rabbiner Spitzer gewandt hatte. Dieser verwies den Mann daraufhin an das Mattersdorfer Beth Din.

Wieder Mattersdorf!

Conclusio

Die eingangs erwähnten Eintragungen der von R. Jakob Hirsch durchgeführten Trauungen in die Mattersdorfer Matriken beweist, dass nicht nur in Ungarn, sondern auch in Österreich die religiösen Angelegenheiten der Juden nicht geregelt waren. Erst das sogenannte „Israelitengesetz“ aus dem Jahre 1890 stellte das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage. Und in Ungarn wurde 1885 eine Reform des jüdischen Matrikenwesens unternommen. Es hat den Anschein, dass die Gemeinde Mattersdorf einen nicht unbedeutenden Anteil daran hat.

Quellen

Der spezielle Fall:

  • Israelit 31 (1885), S. 503-505; 33 (1885), S. 547
  • Jakob Hirsch, „Mor Dror“, 1. Teil, S. 20
  • R. Jakob Hirsch: Kinstlicher, Der Chatam Sofer und seine Schüler (heb.), S. 218-222

[1] Tempelverein Storchengasse [Zurück zum Text (1)].:


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Superstars unter sich: Franz Liszt und Moritz Friedmann

Psalm 72, Komposition von Moritz Friedmann, 1879, zur silbernen Hochzeit von Kaiser Franz Josef und Kaiserin Elisabeth (Sissi) Bildquelle: Günther Grünsteudel, Musik für die Synagoge, Universitätsbibliothek Augsburg Unsere „two cents“…

Psalm 72, Komposition von Moritz Friedmann, 1879, zur silbernen Hochzeit von Kaiser Franz Josef und Kaiserin Elisabeth (Sissi)
Bildquelle: Günther Grünsteudel, Musik für die Synagoge, Universitätsbibliothek Augsburg


Unsere „two cents“ zu Lisztomania 2011© II

Nachdem Franz Liszt 1865 von Papst Pius IX. persönlich die niederen Weihen empfangen hatte und sich ab nun „Abbé“ nennen ließ, verbrachte er die nächsten Monate abwechselnd in Rom und Budapest.

Anlässlich seines Aufenthalts in Budapest traf Franz Liszt auf den Oberkantor der nach Plänen von Ludwig Förster zwischen 1854 und 1859 erbauten großen Synagoge in Budapest, Moritz Friedmann.

Korrespondenz, Pest, im September: Franz Liszt besuchte vor seiner Abreise nicht nur alle Institute, welche in irgend einer Beziehung zu der Kunst stehen, sondern auch alle irgendwie hervorragenden Sehenswürdigkeiten, so unter anderen, wie bereits gemeldet, auch den isr. Tempel, wo er über die Vorzüglichkeit der Orgel sich sehr lobend aussprach. Zu diesem Tempelbesuche Liszt’s haben wir noch Folgendes hinzuzufügen: Der Herr Oberkantor Friedmann zeigte ihm bei dieser Gelegenheit mehrere Kompositionen mit ungarischen und hebräischen Texten. Liszt äußerte den Wunsch, diese Gesänge zu hören, in Folge dessen Herr Friedmann später im Privatzirkel dem Herrn Abbé einigen Piecen in begeisternder Weise vortrug. Tief bewegt wendete sich Liszt an Herrn Friedmann mit den Worten: „Haben Sie besten Dank und empfangen Sie meine Versicherung, daß ich dies nicht nur als schönen Gesang, sondern noch als etwas Höheres anhörte.“ Außerdem erhielt Herr Friedmann noch eine äußerst schmeichelhafte schriftliche Anerkennung von Liszt …

Ben Chananja 37 (13.9.1865), Sp. 645-646

Moritz Friedmann

Moritz Friedmann (geb. 7. März 1827 in Hraböcz/Hrabovec, Slowakei, gest. 29 August 1891 in Budapest) gestaltete schon als Kind den Synagogengottesdienst mit. Nach einigen Jahren wurde er als Hilfskantor nach Ödenburg (Sopron) berufen und schließlich 1857 als Oberkantor nach Budapest. Für seine Dienste wurde im der Professorentitel verliehen.

Für uns besonders interessant in seiner Biografie sind die Burgenland- und Wienbezüge. Denn Moritz Friedmann wirkte nicht nur einige Jahre in Deutschkreutz, sondern heiratete später auch die Tochter des Komponisten Carl Goldmark, Johanna:

… Nach langen Wanderungen in allen Gegenden Ungarns fand er endlich im Jahre 1844 bei dem Cantor zu Deutsch-Kreuz, Rubin Goldmark, dem Vater des aus dem 1848er Jahre bekannten Dr. Goldmark und des berühmten Componisten Karl Goldmark eine dauernde Anstellung. Er blieb daselbst durch 4 Jahre als Synagogensänger, zweiter Cantor und Lehrer. 1848 erhielt er in Oedenburg die Stelle des Cantors und Religionslehrers. Er behielt diese Aemter nicht lange, denn er schloß sich den Honved an und machte den Landsturm gegen Jelacic mit. Hierauf gieng er nach Wien, wo er 11/2 Jahre an der Seite Professor Sulzer’s als Tempelsänger fungirte. 1850 ward er Cantor, Lehrer und Secretär in Fünfhaus bei Wien. In diesem Jahre heirathete er Fräulein Johanna Goldmark, die Tochter des früher erwähnten Cantor Goldmark in Deutsch-Kreuz, die sich ihm bis an sein Lebensende als treue, aufopferungsvolle Gattin bewährte. Von den Kindern, die dieser Ehe entsprangen, leben noch eine Tochter und drei Söhne.

Im Jahre 1857 wurde Friedmann als Cantor für den neuen Tempel in der Leopoldstadt in Wien acceptirt, er trat dieses Amt jedoch nicht an, weil ihn die Pester isr. Religionsgemeinde am 23. Juni 1857 zum Obercantor ihres großen Tempels in der Tabakgasse ernannte und er dieser Ernennung den Vorzug gab.

Österreichislch-ungarische Cantoren-Zeitung (11.9.1891), S. 1 (Quelle: compactmemory.de)

Das Begräbnis von Moritz Friedmann löste eine wahre Massenhysterie aus, nicht unähnlich der Beerdigung eines Popstars in neueren Zeiten ;) – aber lesen Sie selbst:

… Das Leichenbegräbnis Friedmanns hat in einer den reichen Verdiensten des Verstorbenen angemessenen und würdigen Weise Montag den 31. August stattgefunden. Eine ungeheure Menge von Trauergästen und Zuschauern zeugte von der Popularität und Beliebtheit des Verstorbenen. Der isr. Cultustempel hatte Trauerschmuck angelegt, die Gascandelaber waren mit Flor verhüllt, die Thüren des Gotteshauses waren mit schwarzem Tuch drapirt und die Gitterthüren waren entfernt und durch schwarze Draperien ersetzt worden. Nach Hunderten und Hunderten zählte die Menge, welche schon um 8 Uhr Morgens die Tabakgasse occupirt hielt, Fenster und Gewölbethüren waren dicht besetzt und der Andrang war ein so vehementer, dass trotz versuchter Abwehr die Draperien förmlich in Stücke gerissen wurden. Die Polizei stellt, den Anordnungen des herbeigeeilten Stadthauptmannes und Polizeirathes … gehorchen, die Ordnung schließlich her und die Trauerceremonie konnte nun ihren Anfang nehmen …

Österreichislch-ungarische Cantoren-Zeitung (11.9.1891), S. 2 (Quelle: compactmemory.de)



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Der ‚Ritualmordprozess von Tisza Eszlar‘ und der ‚Kaufmann von Venedig‘

Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die „Judensau“ als auch…

Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die „Judensau“ als auch zu Shakespears „Kaufmann von Venedig“, der vor 2 Tagen nachts vom ORF gesendet und von meinem Kollegen Christopher in einem Tweet kommentiert wurde.
Der Ritualmordprozess von Tisza Eszlar (1882/83) gilt als klassisches Beispiel für den religiös motivierten Antisemitismus der neueren Zeit. Der Freispruch der jüdischen Angeklagten führte zu massiven antijüdischen Agitationen und begründete den modernen politischen Antisemitismus in Ungarn. Auslöser war das spurlose Verschwinden des vierzehnjährigen christlichen Bauernmädchens Eszter Solymosi am 01. April 1882.

Die folgende Predigt (wir bringen einen Ausschnitt) wurde von Rabbiner Emanuel (Menachem) Grünwald, Ödenburg [Sopron], zum Schabbat Hagadol 1883 gehalten. Der Schabbat Hagadol („großer Schabbat“) ist der Schabbat vor dem Pesachfest und fiel im Jahr 1883 auf den 14. Nisan, der auch gleichzeitig Erev Pesach war (21. April). Die Predigt ist in Deutsch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, die untenstehende Fassung von Claudia gibt den Ausschnitt wortgetreu wieder.

Die Predigt (Ausschnitt)

Erlebnisse haben wir in unserer kultivierten Zeit erlebt [gemeint ist die Blutbeschuldigung von Tisza Eszlar 1882], von denen wir zwar keine Ahnung mehr hatten, denn selbst in unserer Zeit wird uns zum Vorwurfe gemacht, von den Judenfeinden, dass wir Blut zu unseren Zeremonien brauchen. Uns, denen selbst das Blut des Tieres verboten ist, werden solche lügenhaften Erdichtungen zum Vorwurfe gemacht! Dies erinnert mich an einen berühmten, hochberühmten Dichter [Shakespeare], der vor mehreren Jahrhunderten gelebt [hat]. Unter dessen Dichtungen findet sich auch eine [Kaufmann von Venedig], deren Held ein Jude ist:
Ein jüdischer Kaufmann, der seinem Schuldner für ein Pfund Gold, das er ihm geborgt, und das dieser aber später nicht zurückzahlen kann, ein Pfund Blut abzapfen will. Ein Pfund Blut für ein Pfund Gold!

Und diese Dichtung ward nicht geschrieben, etwa bloß für den gelehrten Leser in seiner einsamen Stube. Nein, sie ward geschrieben fürs Volk, für die große Menge. Ein Jude fordert von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus dessen Herzen für ein Pfund Gold! Wie? Ein Jude, dem selbst das Blut des Tieres heilig ist, verlangt für sein Gold Menschenblut? Wie gehörte nicht eine hirnverbrannte Phantasie dazu, um solch eine Dichtung zu schaffen?! Doch nein, es war eben keine Dichtung, sondern Wahrheit, geschichtliche Tatsache, die ganz in der Wirklichkeit vor Jahrhunderten in einer Stadt sich zugetragen hat. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass im wirklichen Vorgange der Jude nicht der Gläubiger, sondern der Schuldner [war]. Der Jude war es, der in seiner tiefen Not und Bedrängnis einem harten, bösen Mann für ein Pfund Gold ein Pfund seines Herzblutes verschreiben musste. Derartige Lügen werden erdichtet, um Zwiespalt und Zwietracht zwischen der einen und anderen Konfession [zu säen].

Hat sich aber unser Zeitalter gebessert seitdem? Unsere Zeit hat gezeigt, dass der alte eingefleischte Judenhass noch immer nicht aufgehört hat, um Verdächtigungen, böse Anklage zu erheben.

Zum Verfasser der Predigt

Rabbiner Emanuel (Menachem b. Pinchas) Grünwald wurde ca. 1844 in Cece (Ungarn) geboren. Unter seinen Lehrern finden sich die Rabbiner Arje Lichter (Cece), Abraham Karpeles (Görböpincehely), Joel Ungar und Elieser Sussmann Sofer (Paks) sowie Samuel Wolf Schreiber (Abraham Benjamin Schmuel Sofer) in Preßburg, der Sohn und Nachfolger des Chatam Sofer. R. Menachem war der Schwiegersohn des Dajjan R. David Neumann in Preßburg. Nach seiner Hochzeit wohnte er bei seinem Schwiegervater, wurde dort selbst Dajjan und schließlich Rabbiner in Ödenburg (Sopron). In zweiter Ehe war er mit einer Tochter von R. Jizchak Kramer, Rabbiner in Neuhäusel (Nove Zamky, Slovakei) und Wien, verheiratet. Seine drei Söhne (Jehuda, Schmuel und Jehoschua) waren ebenfalls Rabbiner, desgleichen sein Schwiegersohn R. Katriel Blum aus Nagykaroly (Carei Mare, Rumänien). R. Menachem starb am 25. Tischri 5690 (September/Oktober 1929).
Kinstlicher, משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר‘ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‚זכרון‘, תשס“ה, S. 516.

Ein weiterer Sohn von R. Menachem Gruenwald war übrigens Malkiel Gruenwald (1882-1968), der zur Zeit der Affäre von Tisza Eszlar geboren wurde und später gegen Kastner gekämpft hat.

Ein paar Monate nach der erwähnten Predigt berichtet die „Jüdische Presse (Berlin)“ 5 (1884), S. 46 in einer Korrespondenz vom 25. Jänner über antisemitische Vorfälle in Ödenburg. Unter anderem wurden die Fenster des Rabbiners und jene der beiden Synagogen zertrümmert.


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Geht, bewegt euch!

Predigt zum Schabbat Schuwa 1938 Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5771. שנה טובה וחתימה טובה…

Predigt zum Schabbat Schuwa 1938

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5771.

שנה טובה וחתימה טובה

Vorbemerkung

Die folgende Predigt zum Schabbat Schuwa, dem Sabbat zwischen Neujahrsfest und Versöhnungstag (heuer am 03. Tischre/11. September), wurde im Jahre 1938 von Rabbiner Michael Duschinsky aus Rákospalota gehalten. Es handelt sich um eine für Westungarn und die Slowakei typische Synagogenpredigt, die in der Muttersprache der älteren Juden – Deutsch – gehalten ist. (Von Rabbiner Duschinsky gibt es aber auch Predigten in ungarischer Sprache.)
(Gedruckt in: Haim Genizi et al. (Hrsg.), Duschinszky Mihály rákospalotai főrabbi válogazott beszédei, Budapest 2005, ung. Teil S. 153-160.)

Wie sich der Leser selbst überzeugen kann, ist die Predigt in puncto Inhalt und geistigen Niveaus nicht besonders anspruchsvoll. Zu ihrem Verständnis ist eine besondere jüdische bzw. talmudische Gelehrsamkeit nicht vonnöten. Sie war ganz auf die Gemeindemitglieder zugeschnitten, die zumeist Kaufleute mit Volks- und Hauptschulbildung waren.

Wie alle Predigten basiert auch die vorliegende auf einem Bibelvers, der dann mittels Midraschim (jüdische Bibeldeutungen) mit dem jeweiligen Grundthema in Verbindung gebracht wird – in unserem Fall mit der „teschuwa“, d. h. Buße oder Umkehr. Bemerkenswert ist das Desinteresse an der Religion, das den Gemeindemitgliedern unterstellt wird. Der sogenannte „Indifferentismus“ in religiösen Belangen war also nicht nur auf die Christen beschränkt, sondern hatte auch in weiten jüdischen Kreisen um sich gegriffen, sogar in den konservativeren Gemeinden in den mittel- und osteuropäischen Ländern.

Der größtenteils deutsche Text war ursprünglich in hebräischen Buchstaben in deutscher Sprache geschrieben. (Schriftprobe – nicht der vorliegende Text -, s. Bild.) Wir haben hier alles Deutsche in lateinische Buchstaben transkribiert, die hebräischen Wörter und Zitate hingegen in hebräischen Buchstaben belassen. So kann sich der Leser ein Bild von dem seinerzeit in Ungarn üblichen Predigtstil machen. Nach dem hebräischen Ausdruck bzw. Zitat folgt in Klammern eine deutsche Übersetzung (von der Bearbeiterin), falls der Verfasser eine solche nicht selbst schon gebracht hat, was er zumeist tat, denn auch sein jüdisches Publikum verstand größtenteils Hebräisch nicht.

Die Predigt

וילך משה וידבר את הדברים האלה אל כל ישראל – Und משה (Moses) ging und redete all diese Worte zu ganz Israel. (Deuteronomium 31,1) אין וילך אלא לשון תוכחה שנאמר: לכו חזו מפעלות ה‘ אשר שם שמות בארץ – Das Wort וילך (und es ging) ist nichts anderes als ein Ausdruck der Zurechtweisung, denn es heißt: Geht, schauet die Werke השם יתברך (Gottes, gelobt sei er), der Verwüstung setzte auf die Erde. (Midrasch Tanchuma, Abschnitt Wajelech, Nr. 1)

Diese Deutung des Midrasch eignet sich besonders für den heutigen שבת שובה (Schabbat Schuwa, Sabbat zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur), denn das ist ja derjenige שבת (Sabbat) im Jahre, welchen wir mehr als sonst zur תשובה (Umkehr) benützen sollen. Lauter als jeder andere Tag des Jahres ruft der שבת שובה (Schabbat Schuwa) uns zu: דרשו ה‘ בהמצאו – forschet nach Gott, wo er zu finden ist, קראהו בהיותו קרוב – ruft ihn, so er nahe ist (Jesaia 54,6). Und auf die Frage אימתי – wann ist dieser Zeitpunkt?, lautet mit Recht die Antwort: בעשרת ימי תשובה (in den Zehn Bußetagen). Der ראש השנה (Rosch Haschana, Neujahrsfest) hat uns durch seine Schofartöne aufgerüttelt; wir gehen dem יום הכיפורים (Jom Kippur, Versöhnungstag) entgegen, der uns die höchste Gnade השם יתברך (Gottes) bringen soll. Jeder jüdische Mensch fühlt sich in diesen Tagen näher seinem Gotte, ist sich dessen bewusst, dass er den Weg zu השם יתברך (Gott) finden kann. Doch wie das geschehen soll, wie wir zu השם יתברך (Gott) hinfinden können, das müssen wir lernen. Das ist nicht so leicht.

Wir lernen da die Klugheit des jüdischen Knaben verstehen, von dem der Midrasch איכה (Klagelieder) erzählt, dass er an einem Scheidewege auf der Straße nach ירושלים (Jerusalem) einem Wanderer die Auskunft gab: Der eine Weg ist ארוכה וקצרה – lang und kurz, der andere Weg ist קצרה וארוכה – kurz und lang. Der Fremde, der den Sinn der Worte nicht verstand, schlug den Weg ein, der als קצרה וארוכה (kurz und lang) bezeichnet wurde. Und siehe! Nach wenigen Minuten zeigte sich schon seinem Auge das Bild der herrlichen Gottesstadt. Doch als er hineingehen wollte, fand er überall Mauern, dichte Zäune und Hecken, nirgends einen offenen Eingang, so dass er zum Ausgangspunkt zurückkehren und den zweiten Weg einschlagen musste. Auf diesem musste er zwar einige Zeit gehen, kam aber dann gerade ans geöffnete Tor.

So ergeht es uns in diesen Tagen. Viele meinen, die Tage an und für sich sind es, die תשובה (Umkehr) bringen, die in die Nähe השם יתברך (Gottes) führen, ohne dass der Mensch etwas damit zu tun hätte. Und so kommt er nicht ans Ziel, er kennt sich nicht aus. Er will zu השם יתברך (Gott) und findet überall Zäune, Scheidewände, Hindernisse, die ihn hindern, dass er sein Ziel erreiche. „Nicht so“, ruft der נביא (Prophet): דרשו ה‘ – aufsuchen müsst ihr ihn [Gott], auch dann בהמצאו – wenn er zu finden ist. קראהו – rufen müsst ihr ihn, בהיותו קרוב – auch dann, wenn er nahe ist. (Jesaias 54,6) אימתי? בעשרת ימי תשובה (Wann? An den Zehn Bußetagen.) Auch an den תשובה (Umkehr, Buße)-Tagen müsst ihr השם יתברך (Gott) suchen, müsst ihr השם יתברך (Gott) rufen, denn nicht die Tage selbst sind es, die תשובה (Umkehr) mit sich bringen. Nicht Fasten, Beten und Kasteiung. Dieser Tage ist das einzige, was ihr zu tun habt: וילך משה וידבר את כל הדברים האלה אל כל ישראל (Und Moses ging und redete all diese Worte zu ganz Israel). משה (Moses) war nicht untätig. Das war אין וילך אלא לשון תוכחה (Das Wort וילך (und es ging) ist nichts anderes als ein Ausdruck der Zurechtweisung), die große Zurechtweisung, die er erteilte, die sichtbare Belehrung: לכו חזו מפעלות אלוקים – gehet hin, schauet (Gottes Werke), bemühet euch und schauet! Nicht wartet, bis es an euch herankommt, das Gotteswunder. לכו – geht, bewegt euch, ונשובה עד ה‘ (und wir werden zu Gott zurückkehren)!

Doch können wir zurückkehren, wenn wir nichts tun und nichts ändern? Wenn wir bleiben, wie wir waren und was wir waren, dann ist das keine תשובה (Umkehr). So wollen wir uns am heutigen שבת (Sabbat) über das Wesen der תשובה (Umkehr) Belehrung machen aus den Worten der הפטרה (Prophetenlesung): שובה ישראל עד ה‘ אלוקיך (Kehre zurück, Israel, zu deinem Gott; Hosea 14,2).

Schriftprobe Deutscher Text in hebräischen Buchstaben

שובה ישראל (Kehre zurück, Israel) – nach diesem Prophetenwort heißt der heutige שבת (Sabbat) – שבת שובה (Schabbat Schuwa). Warum? Ein Midrasch über das Wesen der תשובה (Umkehr) gibt uns Aufschluss darüber. Der Midrasch spricht von den ersten, die zur תשובה (Umkehr) Veranlassung hatten. Das waren die ersten Menschen, denn irren, sündigen ist menschlich – כי יצר לב האדם רע מנעוריו (Denn der Herzenstrieb des Menschen ist böse von Jugend an), aber im Irrtum, in der Sünde verharren, ist unmenschlich, ist tierisch. Das Tier tut, worauf es eingedrillt ist; es kann nicht anders. Aber der Mensch? Er muß תשובה (Umkehr) tun können. Adam hatte gesündigt und suchte den Weg der תשובה (Umkehr). Kain hatte noch schwerer gesündigt. Auch er suchte den Weg zu Gott. Wer fand ihn früher? Da erzählt der Midrasch: ק“ל שנה ישב אדם בתעניתו עד שנפגש בקין. כיון שיצא פגע בו אדם הראשון אמר לו מה נעשה בדינך אמר לו עשיתי תשובה ונתפשרתי כיון ששמע אדם הראשון כך התחיך טופח על פניו אמר לו כל כך היא כוחה של תשובה (130 Jahre brachte Adam mit Fasten zu, bis er mit Kain zusammentraf. Als er wegging, drang Adam in ihn und fragte ihn: ‚Was ist mit deinem Urteilsspruch geschehen?‘ Kain erwiderte: ‚Ich habe Umkehr geübt und mich ausgeglichen‘. Als Adam dies hörte, lächelte er und schlug sich aufs Gesicht. Er sagte zu ihm [Kain]: ‚So groß ist die Kraft der Umkehr!‘; (Midrasch Rabba zu Leviticus, Ausgabe Wilna, Abschnitt 10).

Der Begriff תשובה (Umkehr) ist im Volksmund gleichbedeutend mit Fasten und Entsagung. Man glaubt, תשובה (Umkehr) tun besteht darin, dass man sich an die Brust schlägt, betet und fastet. Nun, wohl spricht die Tora von ועניתם את נפשותיכם בתשובה בחודש העשירי (Ihr sollt eure Seele kasteien mit Umkehr im zehnten Monat), aber unsere חכמים (Weisen) sagen: כל האוכל ושותה בתשיעי מעלה עליו הכתוב כאילו התענה תשיעי ועשירי (Jedem, der am 9. [Tischri; Vortag des Jom Kippur] isst und trinkt, rechnet es die Schrift an, als ob er am 9. und 10. [Tischri] gefastet hätte; Babylonischer Talmud, Joma, 81b) – wer am ערב יום כיפור (Vortag des Jom Kippur) isst, tut dasselbe, wie wenn er gefastet hätte. Essen heißt Kräfte sammeln. ערב יום כיפור (Vortag des Jom Kippur) isst man, um Kraft zu sammeln für die עבודה (Gottesdienst) des יום הכיפורים (Jom Kippur). Das ist so wertvoll wie das Fasten selbst. אדם הראשון (Adam) hatte geglaubt, er müsse תשובה (Umkehr) tun durch Fasten. Er hatte gesündigt, weil er gegessen hatte von der Frucht, die Gott verboten hatte; weil er seiner Lust gefolgt war gegen das Verbot השם יתברך (Gottes). Er wird es gutmachen, indem er auch das Erlaubte nicht isst, indem er immer fastet. Doch er fand keine Beruhigung. Denn wem nützte er durch sein Fasten? Die תשובה (Umkehr) selbst ist das nicht! Fasten kann nur eine Anregung, ein Ansporn sein zur תשובה (Umkehr). Die תעניתים (Fasttage) des R. Zadok haben das בית המקדש (Tempel) nicht retten können, weil sie nicht bewirken konnten, dass die Bewohner Jerusalems תשובה (Umkehr) tun.

Wir fasten an den עשרת ימי תשובה(Zehn Bußetagen), doch am שבת (Sabbat) fasten wir nicht, denn וקראת לשבת עונג (Du sollst den Sabbat Vergnügen nennen; Jesaia 58,13). Und das ist die wahre תשובה (Umkehr): sich freuen mit dem, was Gott befohlen hat. Diesen Weg hatte Kain gewählt. Er hatte geklagt: הן גרשתי אותי היום מעל פני האדמה ומפניך אסתר והייתי נע ונד בארץ והיה כל מוצאי יהרגני (Genesis 4,14) – Du hast mich heute vertrieben von dem Angesichte der Erde, und auch vor dir soll ich mich verbergen?! Was hast du davon? Ich habe meinen Bruder getötet – lebendig machen kann ich ihn nicht mehr. Aber wenn ich nun von jedermann geächtet und gemieden bin, dann kann ich es gewiss nicht sühnen. Lass mich unter den Menschen leben, ihnen helfen! Das war seine תשובה (Umkehr), wie es ישעי‘ (Jesaia) sagt: הכזה יהיה צום אבחרהו … הלכף כאגמון ראשו (Jesaia 65,5) – ist etwa das Fasten, das ich wähle, wenn du wie das Schilf schüttelst deinen Kopf? הלוא זה צום אבחרהו פתח חרצובות רשע התר אגודות מוטה (ibid. 58,6) – Das ist das Fasten, das ich erwähle, wenn dadurch gelöst werden die Bande der Bosheit und geöffnet die Bande der Tücke. ושלח רצוצים חפשים וכל מוטה תנתקו (ibid. 58,7) – wenn du frei machst die Gefesselten und jedes Band lösest. הלא פרס לרעב לחמך ועניים מרודים תביא בית (ibid. 85.8) – wenn du brichst dein Brot dem Hungernden, wenn du Bedrückte immer ins Haus führst.

Als אדם הראשון (Adam) Kain ruhig sah, fragte er ihn: מה נעשה בדינך (Was ist mit deinem Urteilsspruch geschehen?; Midrasch Rabba zu Genesis, Abschnitt 22). Mir hat mein Fasten keine Ruhe verschafft. Und du, Mörder deines Bruders, bist beruhigt? Wie hast du deine Ruhe wiedergefunden? Er [Kain] sagte: עשיתי תשובה ונתפשרתי (ibid.) – ich habe meinen Menschenhass aufgegeben, ich habe mich mit meinen Menschenbrüdern ausgeglichen. Das ist meine תשובה (Umkehr). כיוון ששמע כך אמר: כך גדול כוחה של תשובה. מיד פתח ואמר מזמור ליום השבת (Als er dies hörte, sagte er: ‚So groß ist die Kraft der Umkehr!‘ Sogleich begann er den Psalm für den Sabbat-Tag [= Psalm 92] zu sagen; ibid.). Dann ist doch der שבת (Sabbat), der Tag des Gottesvergnügens, der schönste Tag, die richtigste תשובה (Umkehr). לכו ונשובה (Lasset uns umkehren!; Hosea 6,1), nicht passiv jüdisch sein durch Untätigkeit. Aktiver Jude werden, jüdisch handeln – das ist die wahre תשובה (Umkehr)!

Wie wird man aktiver Jude? Der פרק (Ausspruch aus den „Sprüchen der Väter“) lehrt: הוי עז כנמר רץ כבצי וגבור כארי לעשות רצון אביך שבשמים (Sei kühn wie der Leopard, schnell wie der Hirsch und mutig wie der Löwe, um den Willen deines Vaters im Himmel zu tun; vgl. Mischna, Abot 5,10). Warum wählt er das Bild, Eigenschaften des wilden Tieres? Weil der Mensch, wenn es sich um seine Lust und seine Begierden handelt, diese Eigenschaften zeigt. Sehet, mit welchem Wagemut er die Luft durchkreuzt, mit welcher Kühnheit, mit welcher Kraftentfaltung! Was ist der Löwe, der Hirsch, der Leopard im Vergleiche zum Menschen? Doch sage ihnen einmal: Übe eine מצוה (Gebot)! Da ist er schwach, da kann er nicht entsagen! הוי עז כנמר וכו‘ לעשות רצון אביך שבשמים (Sei kühn wie der Leopard etc., um den Willen deines Vaters im Himmel zu tun; ibid.) – Gottes Willen auszuüben, nicht deinen Willen! Darin übe dich! Denn jede Leidenschaft, der du frönst, läßt dir einen Engel entstehen – קטיגור (Ankläger), der dich einst anklagen wird. Jede מצוה (Gebot), die du erfüllst, gebiert dir einen Engel – סניגור (Verteidiger), der dich schützt und verteidigt. Doch sind diese beiden nicht gleich. Bei den עבירות (Übertretungen, Sünden) bist du stark. So sind die Ankläger, die daraus entstehen, starke, mächtige Wesen. Zahlreich und entschlossen können sich die סניגורים (Verteidiger, Fürsprecher) mit ihnen messen! [Aber] ihr macht ja die מצות (Gebote) so zaghaft, so gleichgültig, so nachlässig!

Vergleicht nur einmal euer Benehmen im Gotteshause und im Unterhaltungslokale. Im Unterhaltungslokale muss Anstand, Form, Höflichkeit herrschen – im Gotteshause Nachlässigkeit, Lärm, Geräusch, Rücksichtslosigkeit. Man sagt: Wir sind Kinder Gottes. Doch duldet ein anständiger Vater die Unarten seines Kindes in seinem Hause? Im Erwerbe, da gilt der größte [Aufwand]; für die פרנסה (Broterwerb) ist man zu allem bereit. Für die מצות (Gebote) ist man gleichgültig. Wenn die Kinder in der Schule nicht gut lernen, ist man besorgt. Aber was sie an Tora lernen, ist zu viel! באין מליץ יושר מול מגיד פשע (aus dem Gebet für die Hohen Feiertage) – weil die Fürsprecher nicht im Verhältnisse stehen zu den Anklägern. תגיד ליעקב דבר חוק ומשפט (ibid.) – musst du mit Jakob (dem Volk Israel) hart und strenge verfahren.

לכו ונשובה (Hosea 6,1), rafft euch auf, gehet, seid tätig – das ist die richtige תשובה (Umkehr), die zu jüdischem Leben anspornt und anregt, dass es unter uns erblühe und uns sichere מחילה וסליחה (Vergebung und Verzeihung) [bringe].

Zum Verfasser

R. Michael (eigentlich: Jizchak Michael) Duschinsky erblickte 1871 in Námesztó (Námestovo, Slowakei) als Sohn des dortigen Gemeinderabbiners R. Dow Ber Duschinsky das Licht der Welt. Seine Mutter Rivka Chajale war die Schwester des orthodoxen Rabbiners von Budapest, R. Koppel Reich. Seine Torastudien absolvierte er in Pressburg (Bratislava) an der Jeschiwa von Rabbi Simcha Bunam Sofer („Schewet Sofer“), dem Enkel des Chatam Sofer. Darüber hinaus verfügte er aber auch über eine umfangreiche Allgemeinbildung. Neben seiner Muttersprache Deutsch beherrschte er auch Englisch, Französisch und Ungarisch, von den traditionellen Sprachen der Juden abgesehen. Seine Frau Lea war eine Tochter von Rabbi Eliahu Menachem Goitein von Hőgyész (Ungarn).

1898, im Alter von 27 Jahren, wurde R. Michael zum Rabbiner von Rákospalota gewählt, einem Vorort von Budapest, der heute in die ungarische Metropole eingemeindet ist. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldrabbiner der k. k. Armee, doch wurde er auf ausdrückliche Bitte seiner Gemeinde aus dem Armeedienst entlassen, da sie keine anderen Rabbiner hatte und auf ihr geistiges Oberhaupt nicht verzichten konnte. R. Michael verstand es, seine kleine Gemeinde aus den notorischen Streitereien zwischen Orthodoxen und Neologen (die ungarische Bezeichnung für religiöse Reformer) herauszuhalten. Offiziell war die Gemeinde orthodox, doch R. Michael war auch unter den weniger Religiösen hoch geachtet und fand mit sämtlichen Gemeindemitgliedern eine gemeinsame Sprache.

R. Michael starb am 10. Juli 1939 (23. Tammus 5699). Die Vernichtung des ungarischen Judentums im Jahre 1944 musste er nicht mehr miterleben. Nachkommen von ihm leben heute in Israel und anderen Ländern.

Wir machen eine kurze Blogpause über die hohen Feiertage und melden uns hier wieder am 19. September.


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