Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Claudia Chaya-Bathya

Der Reichsrats-Rabbiner

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat (nach langer Zeit) soeben Zuwachs bekommen – Claudia/Chaya-Bathya, mit ihrem…

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat (nach langer Zeit) soeben Zuwachs bekommen – Claudia/Chaya-Bathya, mit ihrem sachkundigen und dabei gut lesbaren Artikel über den Mattersdorfer Rabbiner und späteren Reichsratsabgeordneten Simon Sofer/Schreiber, sei Dank!

Der 1820/21 in Pressburg/Bratislava als Sohn des Chatam Sofer geborene Simon wurde 1842 und damit gerade 22-jährig zum Rabbiner von Mattersdorf berufen, ab 1861 wirkte er als Rabbiner von Krakau.


Im August 1852 kam Dr. Marcus Lehmann, der nachmalige Rabbiner (…) von Mainz, (…) in Mattersdorf an. Über sein Zusammentreffen mit R. Simon schreibt er:

… Diese wenigen Stunden sind mir unvergesslich geblieben. Oberrabiner Schreiber, einer der schönsten Männer, die ich gesehen habe – er zählte damals 32 Jahre – überschüttete mich förmlich mit wundervollen Erklärungen schwieriger Talmud-, Midrasch- und Bibelstellen, darunter Vieles von seinem großen Vater, dem Oberrabbiner von Pressburg, Rabbi Moscheh Sopher (Schreiber).

Im Jahr 1879 schließlich wird Simon Abgeordneter im Reichsrat zu Wien:
Als sich im Lande die Nachricht verbreitete, daß der Krakauer Rabbiner zum Abgeordneten gewählt worden sei und nach Wien ins Parlament des Kaisers fahren werde, da tanzten die Juden auf der Straße. Die Feste, die damals selbst im kleinsten jüdischen Dorf gefeiert wurden, sollen tagelang gedauert haben.

R. Simon muss im Reichsrat einen recht kuriosen Eindruck gemacht haben, wie er da so auf der äußersten Rechten mitten unter den Polen saß: ein recht korpulenter Mann in einem langen Kaftan aus schwarzer, schimmernder Seide, das Haupt bedeckt mit einer hohen Samtkappe, mit wallendem graumeliertem Vollbart und den langen Schläfenlocken (Pe’ot oder jidd. Pejes) der Ostjuden. (…)

Im Reichsrat, dem damals auch der Antisemitenführer Georg von Schönerer angehörte, zirkulierte ein Witz, der nebenbei auch seine politische Spitze hatte: Beim Namensaufruf kam stets – trotz des Alphabets – Schreiber vor Schönerer. So hieß es einmal auch: “Herr Abgeordneter Schreiber” – “Hier!” – “Herr Abgeordneter Schönerer” – “Fehlt!” – “Kunststück, es ist kaner ‘schönerer’ nach dem Schreiber …”

All dies und vieles mehr, etwa: wieso R. Simon Sofer silberne Löffel verschenkte oder warum selbst der Kaiser sich vor ihm bückte, lesen Sie im Artikel “R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר)”.

PS: Und noch ein sehr schöner Eisenstadt-/Burgenland-Bezug: Nachdem R. Simon Sofer gestorben war, wurde an seiner Stelle für den Wahlkreis Kolomea-Buczacz-Sniatyn der in Dukla (Galizien) gebürtige Floridsdorfer Rabbiner Josef Samuel Bloch in den Reichsrat gewählt. Bloch ist vor allem bekannt durch seinen Aufsehen erregenden Prozess gegen den Verfechter der Ritualmordlüge, Prof. August Rohling.

Weniger bekannt hingegen ist, dass Bloch in Eisenstadt an der Jeschiva von R. Esriel Hildesheimer studiert hatte. Und dort ist er hochkantig hinausgeflogen, nachdem er sich einen üblen Scherz mit zwei seiner Studienkollegen erlaubt hatte. Hildesheimer hat ihm das noch jahrelang nachgetragen. Lesen Sie über den Vorfall im 1. Teil seiner Autobiografie!

PPS: Rabbi Simon Schreiber findet sich als ehemaliger Abgeordneter auch auf der Website des österreichischen Parlaments – (Update 23. 09. 2010) auch auf der neuen Parlaments-Website genannt. Wir freuen uns, zu diesem Parlaments-Eintrag dank Claudias Artikel eine ausführliche Biographie Simons ergänzen zu können bzw. hiermit unsere “two cents” zum anstehenden vollzogenen Relaunch der Parlaments-Website beizutragen…


Den gesamten Beitrag können Sie in unserem Artikelbereich lesen: R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר).


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Einer, der nicht Rabbiner sein wollte

Rev (Herr) Aron Singer (אהרן זינגר) (Rabbinatsverweser) Vorbemerkung: Wenn wir unsere Grabsteine des jüdischen Friedhofs Mattersburg bearbeiten und online stellen, gibt es manchmal ein ganz besonders schönes Erlebnis: wenn nämlich…

Rev (Herr) Aron Singer (אהרן זינגר) (Rabbinatsverweser)

Vorbemerkung: Wenn wir unsere Grabsteine des jüdischen Friedhofs Mattersburg bearbeiten und online stellen, gibt es manchmal ein ganz besonders schönes Erlebnis: wenn nämlich die “Routinearbeit” jäh unterbrochen wird, weil ein Gesicht zum Stein und zur Inschrift auftaucht. So wie in diesem Fall: 2 Tage, nachdem der Grabstein von Aron Singer online war, schickte uns Chaya-Bathya folgenden Artikel über den 1868 Verstorbenen.


Geboren um 1806 als Sohn armer Eltern aus Szentgrod (Zalaszentgrót, Ungarn). Seine Eltern waren R. Jizchak und Jentl, die Tochter des Lackenbacher Rabbiners R. Salman Lipschitz, die beide schon früh starben. Der 10jährige Waisenknabe Aron kam nach Mattersdorf zu seinem Onkel mütterlicherseits, dem Dajjan R. Elieser Lipschitz, unter dessen Leitung er sich dem Talmudstudium widmete. Der Familientradition zufolge soll er auch ein Semester lang beim Chatam Sofer (R. Moses Sofer-Schreiber) gelernt haben.

Auf Wunsch dieses Onkels verehelichte sich Aron mit Selda Deutsch, eine Tochter des R. Mendel Deutsch (ein Bruder von R. Josef Zwi Deutsch in Mattersdorf). Als ältestes männliches Familienmitglied hatte er aber auch für seine Geschwister zu sorgen. Hierzu heißt es im Vorwort zu seinem Werk “Tif’eret Aharon”:

Als R. Arons Schwester ins heiratsfähige Alter kam, war er selbst erst 17 Jahre alt. Man redete ihm zu, er solle nach Pressburg zum Chatam Sofer (R. Moses Sofer) fahren und von ihm eine rabbinische Autorisation erhalten. Damit könne er eine schöne Summe Geldes verdienen, und zwar aus dem Legat einer Frau in Kanischa (Nagykanizsa). Er könne so die Hochzeit seiner Schwester bezahlen. R. Aron wollte aber nichts davon hören. Da mischte sich der berühmte Gelehrte R. Elieser (Müller) Dresnitz, einer der angesehensten Schüler des Chatam Sofer und Dajjan in Mattersburg, ein und befahl R. Aron, sich nach Pressburg aufzumachen. Außerdem übergab er ihm einen Brief an den Chatam Sofer. Da mußte R. Aron notgedrungen einwilligen, fuhr nach Pressburg und erhielt das Zeugnis. Dieses verfehlte seinen Eindruck auf die Verwalter des erwähnten Legats nicht, und R. Aron erhielt eine Summe, mit der er seine Schwester verheiraten konnte.

Zitiert bei Kinstlicher, siehe unten Literatur, S. 41

Der Chatam Sofer soll R. Aron ein überaus lobendes Zeugnis ausgestellt haben (s. Toldot Sofrim, S. 105-106).

R. Aron wohnte zeitlebens in Mattersdorf. Sein Leben war einfach, ohne Wechsel, wie das vieler Erdengrößen, die sich mit ungeteilter Energie einem bestimmten Berufe hingeben. Selbst die äußerst bedrängten Verhältnisse seiner Familie vermochten ihn nicht vom Torastudium abzuhalten.

R. Arons Gelehrsamkeit und Fleiß machten auf die Umgebung schon früh Eindruck. Alsbald scharten sich Jünger um ihn, die an seinen reichen Kenntnissen ihren Wissensdurst befriedigten. Sie fanden an ihm nicht nur einen Lehrer, sondern auch einen liebevollen Freund und Ratgeber. Von seinen insgesamt etwa 40 Schülern wurde er hoch verehrt. Unter ihnen finden wir: R. Benjamin Seew Wolf Breuer, Rabbiner in Tab (in Ungarn, Anm.); R. David Friedmann, Rabbiner in Deutschkreutz; R. Jehuda Löb Lemberger-Lwow, Rabbiner in Rozsnyo (Roznava, Slowakei); R. Jizchak Schmuel Schön-Jaffe (Neffe R. Arons) in Mattersdorf; R. Akiva Kornitzer; Vorsitzender des Rabbinatsgerichts in Krakau und R. Schlomo (Alexander, Sandor) Fischer, Rabbiner in Karlsburg (Alba Iulia, Rumänien).

Brief an R. Esriel Hildesheimer, dem Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts in Berlin

Bis 1860 lebte R. Aron als Privatmann. Durch die Übertragung des Amts eines Dajjans auf ihn nach dem Abgang seines Vorgängers R. Simon (שמעון) Sofer wurden seine finanziellen Verhältnisse insofern besser, als er ein kleines festes Einkommen bezog, das ihn jedoch auch nicht vor Mangel schützte. Die offizielle Annahme des Rabbinats verweigerte er, doch wurde zu seinen Lebzeiten kein Rabbiner gewählt. Er wird daher offiziell unter dem Titel “Rabbinatsverweser” (d. h. Verwalter des Rabbinats) geführt, obschon er sämtliche Funktionen eines Rabbiners erfüllte.

Hoch gelobt werden auch R. Arons menschliche Eigenschaften. Seine Bescheidenheit, sein liebevolles Wesen, sein nie ermüdender Eifer, Gutes zu stiften, machten ihn allseits beliebt. Trotz seiner eigenen Bedürftigkeit verließ kein Armer ungetröstet seine Schwelle.

R. Aron verstarb plötzlich am 28. Oktober 1868 (12. Cheschwan 5629) nach Teilnahme an einem Festmahl (סעודת מצווה) in Neudörfl bei Mattersdorf, das er noch “mit freudiger Begeisterung” mitgefeiert hatte.

An seinem Begräbnis nahmen zahlreiche Menschen teil. Der “Israelit” schildert dies mit folgenden Worten:

Es war eine Szene von wahrhaft erschütterndem Eindrucke, als der ארון (Sarg) aus dem Hause getragen wurde. Es musste alle ein tiefes Schmerzgefühl durchzucken bei dem Anblicke des geliebten Toten; dies bewies das plötzlich wie aus einem Munde ertönende herzzerreißende Wehklagen von Jung und Alt, von Frauen und Mädchen, von Juden und Christen, denn auch letztere hatten der Charaktergröße des Verstorbenen ihre Verehrung nicht versagen können.

Der Dajjan von Mattersdorf sowie die Rabbiner von Deutschkreutz, von Lackenbach und R. Elieser von Ödenburg hielten Trauerreden.

R. Arons schriftliche Aufzeichnungen wurden 1958 in Jerusalem unter dem Titel “Tif’eret Aharon” veröffentlicht.

R. Aron hatte 7 Kinder, darunter R. Jizchak Elieser S. in Mödling. Unter seinen Schwiegersöhnen sind: der Mattersdorfer Dajjan R. Josef Pressburger (der Mann seiner Tochter Beila Krassel); sein oben erwähnter Neffe R. Jizchak Schmuel Jaffe-Schön und R. Chaim Kohn in Papa (der Mann seiner Tochter Jentel; ihr Grabstein in “Mattersdorf Familiess. unter “Kohn”).

Literatur

  • (Kinstlicher) משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר’ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‘זכרון’, תשס”ה, S. 40-42.
  • Kommentar von Carole Vogel zu “Singer Aron”.
  • Zeitungsmeldungen: Beratung der Rabbiner der Sieben Gemeinden über Kultusangelegenheiten: Is 45 (1862), S. 186. Unterschreibt Protest gegen Horwitz und Mannheimer (Kompert-Prozeß): Is 8 (1864), S. 95-97. Ableben: Is 47 (1868), S. 873-874 [auch Biographie].


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Chassidische Geburtshilfe

Video: Gerer Rabbiner besucht Gur in Polen Nach der Geburt meiner zweiten Tochter im März 1988, noch im Spital, ist mir etwas recht Kurioses passiert: Als ich so durch die…

Video: Gerer Rabbiner besucht Gur in Polen


Nach der Geburt meiner zweiten Tochter im März 1988, noch im Spital, ist mir etwas recht Kurioses passiert:

Als ich so durch die Abteilung wanderte, weil mir fad war (ich fühlte mich gesund und munter und Rooming-in gab es noch nicht), traf ich in der Abteilung für High risk-Schwangerschaften eine schon nicht mehr junge orthodox-jüdische Frau von niedriger Statur, aber umso größerer Korpulenz. Diese Dame hatte bereits etliche Kinder, das jüngste davon schon 15 Jahre alt – und da war sie plötzlich noch einmal schwanger geworden! Die Schwangerschaft verlief aber nicht glatt: Übergewicht, überhöhte Blutzuckerwerte und hoher Blutdruck ließen eine Schwangerschaftsvergiftung befürchten. Noch dazu war der Geburtstermin bereits überschritten. Eine versuchte Einleitung der Geburt mittels Hormonen erbrachte nicht den gewünschten Erfolg. Ein paar schwache Wehen, und aus wars wieder. Klarer Fall: man wird einen Kaiserschnitt machen müssen.

Am nächsten Tag tritt dieselbe Dame an mich heran, diesmal im Wartezimmer, zusammen mit ihrem Mann, einem Gerer Chassid [1] . wie aus dem Bilderbuch: schwarzer, oben runder Hut, Kaftan, “Hosensocken” (d. h. die Hosenbeine in die Socken gestopft). Diesmal hat sie eine Bitte: der Gerer Rebbe [2] . hat ihr gesagt, eine fromme Frau solle ihr die Hände auf den Bauch legen und Psalm 19 rezitieren (ob ein- oder mehrmals, kann ich mich nicht mehr erinnern) – dann wird es mit der Geburt schon klappen und kein Kaiserschnitt nötig sein. Sie hat also mich für diese Aufgabe erkoren. Ausgerechnet. Na ja, versuchen wirs halt! Ich platziere also meine Hände auf ihrem Bauch und bitte ihren Mann, mir ein Gebetbuch mit dem erwähnten Psalm offenzuhalten. Diesen Psalm kenne ich zwar mehr oder weniger auswendig, aber ich verlasse mich bei einer so wichtigen Zeremonie lieber nicht auf mein Gedächtnis.

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.
Ein Tag sagt es dem andern, eine nacht tut es der anderen kund,
ohne Worte und Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme.
Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.
Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam;
sie frohlockt wie ein Held und läuft ihre Bahn.
Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende,
nichts kann sich vor iherer Glut verbergen.

Die Weisung des Herrn ist vollkommen, sie erquickt den Menschen.

Die Worte meines Mundes mögen dir gefallen, was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, Herr, mein Fels und mein Erlöser.

So, fertig! Das Gebetbuch wird zugeklappt, die Besuchszeit ist zu Ende, alle Frauen gehen in ihre Zimmer. Was aus meinem “Opfer” wird, weiß ich nicht, weil ich am Tag darauf vormittags schon aus dem Spital entlassen werde.

Einige Zeit später habe ich dieselbe Frau wieder getroffen, am Schabbat auf der Rabbi Akiva-Straße, der Hauptstraße von Bnei-Brak. Mit ihrem kleinen Sohn im Kinderwagerl. Da habe ich dann erfahren, dass meine “Behandlung” seinerzeit tatsächlich geholfen hat. Kein Kaiserschnitt war nötig, alles ist gut gegangen. Gott und dem Gerer Rebben sei Dank!

[1] Anhänger der Gruppe der Gerer Chassidim, eine der größten chassidischen Gruppen überhaupt und die größte und politisch einflußreichste in Israel..Der Name “Ger”, auf hebräisch “Gur”, kommt vom Namen der polnischen Stadt Gora Kalwaria, 25 km von Warschau, von wo die Gruppe ursprünglich stammt.
[Zurück zum Text (1)].

[2] Der damalige Anführer der chassidischen Gruppe Rabbi Simcha Bunem Alter, gest. 1992.
[Zurück zum Text (2)].

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Die Pressburger Martinigänse

Am Martinstag (Martini), dem 11. November, pflegt(e) man in Österreich, insbesondere im Burgenland, die traditionelle “Martinigans” zu verspeisen. Am selben Tag überreichte eine Gesandtschaft der jüdischen Gemeinde in Pressburg (Bratislava)…

Am Martinstag (Martini), dem 11. November, pflegt(e) man in Österreich, insbesondere im Burgenland, die traditionelle “Martinigans” zu verspeisen. Am selben Tag überreichte eine Gesandtschaft der jüdischen Gemeinde in Pressburg (Bratislava) dem Kaiser gestopfte Gänse. Sie betrachtete dies als ein Privileg. Der Ursprung dieses Usus ist unbekannt, da das Archiv der Gemeinde 1809 durch das Bombardement der Franzosen vom 26. – 29. Juni in Schutt und Asche gelegt wurde. Verschiedene Traditionen datieren die Entstehung des Brauches in die Zeit Ferdinands I., Matthias’ I. oder Josephs II.

Über die Zeremonie selbst findet sich in der Berliner Jüdischen Presse 47 (1887), S. 187 die folgende Beschreibung:

Die Preßburger jüdische Gemeinde kauft durch ihren Vertrauensmann in der Regel 25 Gänse, die eine zeitlang fürsorglich einer Behandlung unterzogen werden, welche der des Professor Schweningers [dt. Arzt; führte ein Sanatorium zur Behandlung Fettsüchtiger] diametral gegenübersteht. Von diesen 25 werden die schönsten 10 Exemplare auserwählt, nach allen Regeln ritueller Kunst aus diesem irdischen Jammertale in ein besseres Jenseits befördert, sorgsam gerupft und mit Bändern in den kaiserlich österreichischen und ungarischen Landesfarben geschmückt. Dem jeweiligen Gemeindevorsteher und zwei Vertrauensmännern fällt die ehrenvolle Mission zu, dieselben dem Kaiser in besonderer Audienz zu überreichen. Zu diesem Behufe erhält die Deputation aus der kaiserlichen Schatzkammer eine große Silberplatte, auf der die Gänse platziert werden. Dem Kaiser wird mit vier, der Kaiserin, dem Kronprinzen, der Kronprinzessin mit je 2 Stück dieser Prachtexemplare aufgewartet.


Claudia (oder mit jüdischem Namen: Chaya-Bathya) Markovits Krempke, geboren 1964 in Wien, lebt seit 1985 in der orthodox-jüdisch geprägten Stadt Bnei-Brak in Israel. Sie ist verheiratet und hat 6 Kinder. Sie ist Forschungsassistentin am Rabbi Samson Raphael Hirsch-Lehrstuhl im Department of Jewish History an der Bar-Ilan Universität, Ramat-Gan, Israel.

Wir freuen uns sehr, dass Claudia (Chaya-Bathya) Markovits Krempke zukünftig Beiträge in unserem Blog beisteuern wird! :)



PS: Übrigens, falls Sie sich wundern, warum wir im Mai einen Beitrag über die Martinigans bringen … den Grund dafür hat uns Claudia selbst in ihrem Kommentar zum Grabstein von Jetel Schlinger geliefert! ;)


2 Kommentare zu Die Pressburger Martinigänse

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