Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Günter Unger

Für die, die ohne Stimme sind

Herbstliches von Theodor Kramer Immer, wenn der Herbst deutlich um sich greift, greife ich gerne zu den Gedichten von Theodor Kramer, um mich einmal mehr in der Melancholie dieses bedeutenden…

Herbstliches von Theodor Kramer

Immer, wenn der Herbst deutlich um sich greift, greife ich gerne zu den Gedichten von Theodor Kramer, um mich einmal mehr in der Melancholie dieses bedeutenden Poeten zu wiegen, der am 1. Januar 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn als Sohn des jüdischen Gemeindearztes geboren wurde und ein Jahr nach seiner Rückkehr aus dem Exil in England, am 3. April 1958, in Wien verstorben ist. Carl Zuckmayer nannte ihn als stärksten Lyriker Österreichs seit Georg Trakl. Wie der frühverstorbene Salzburger war auch Kramer Frontsoldat im Ersten Weltkrieg. Nach der Okkupation Österreichs durch Hitler- Deutschland emigrierte er 1939 nach England, wo er die Staatsbürgerschaft erlangte und neben seiner unermüdlichen Produktion von Gedichten als Bibliothekar an einem College tätig war. An seiner späten Rückholung aus London war die streitbare Journalistin und Schriftstellerin Hilde Spiel wesentlich beteiligt.

Kramer schrieb von seinem 14. Lebensjahr an Gedichte. Tag für Tag. Mit 30 war er bereits eine kleine Berühmtheit. In seinen oft volksliedhaften Gedichten setzt er sich nicht nur mit der elenden sozialen Situation der Zwischenkriegszeit auseinander, sondern sucht zum Ausgleich auch immer die Natur. Gedichte auf Weinland und Stromland, Steinbruch und Schottergrube, Kräuter und Gras kamen dabei zustande. In der Zwischenkriegszeit erwandert sich Kramer vor allem die Gegenden des östlichen Niederösterreichs und des nördlichen Burgenlands und versucht, der einfachen und oft auch bitterarmen Landbevölkerung ein literarisches Denkmal zu setzen. Die Widmung seines gesamtes Werkes lautete: „Für die, die ohne Stimme sind“.

Weinlese

Kommt, geschnitten ist der Wein,
und es schäumt die Kelter;
lasst uns heute lustig sein,
morgen sind wir älter.
In der Kapsel surrt der Mohn,
aus den Malvenbroten
rinnt’s; beim kleinsten Hauch und Ton
klaffen leer die Schoten.
Spielt die Ziehharmonika
drum und singt nur lauter;
heute sind wir alle da,
waren nie vertrauter.
Schön am Saum der Herbststrauch steht,
Reif deckt früh den Anger;
die heut in die Stauden geht,
ist im Frühjahr schwanger.

Seine Eltern waren Juden, und so war auch er Jude, weithin sichtbar, von großer Statur und schweren Gliedern. Sein Gesicht war breit, die Nase kurz und eingesattelt, die Lippen wulstig. Sein runder schwarzer Kopf war hutbedeckt. Er hatte Augen wie Vogelkirschen, die im Schatten der breiten Krempe glitzerten. So sah er aus wie Moses Vogelhut, und jeder sah ihn, wenn er, mit scheuen Gebärden, auf schweren, schwankenden Sohlen dahinging.

Der ebenfalls schon verstorbene Lyriker Michael Guttenbrunner, dem ein großes Verdienst an der Wiederentdeckung Kramers nach dessen Rückkehr nach Österreich zukommt, hat ihn einmal „mit den Zeichen seiner Herkunft versehen“ so plastisch beschrieben. In einem Essay, den ich als Herausgeber der in Eisenstadt erschienenen Literaturzeitschrift „wortmühle“ 1979 zum ersten Mal veröffentlicht habe. „Kramers von Anfang an quälende Selbstschau“, führte Guttenbrunner in diesem Essay weiter aus, „ist mit einem naiven utopischen Weltblick gepaart, der an der Stelle des Olymps, der Altäre und Throne, die grüne burgenländische Wiese sieht, auf der die Gänsen weiden und ein freies Volk um den Maibaum tanzt“. Dazu passend ein bisher noch unveröffentliches Gedicht Theodor Kramers mit dem Titel

Mostnacht in Eisenstadt

Vom Herbstwind bin ich aufgewacht,
durchs Fenster schwebt ein Maulbeerblatt;
mit seinem Ruch erfüllt die Nacht
der schwere Most von Eisenstadt.
Die Rieden liegen tot, vom Tag
ist kaum zu sehn ein fahler Saum;
wo magst du sein, mit der ich lag
vor einem Jahr in diesem Raum.
Wo liegst du jetzt um diese Stund,
vor herbem Schimmel halt und heiß,
wer küsst jetzt deinen breiten Mund
und wohnt in deinem scharfen Schweiß ?
Wie sah die Nacht doch damals aus
noch immer so und anders nie;
schwarz drüben glomm das kleine Haus
wie heut und bebten mir die Knie‘.
Die Magd schob einen Krug mit Most
mir gestern abends noch herein;
mit dem komm ich zur Walnusskost
aus bis zum ersten Morgenschein.


Große Dichtung über kleine Leute, „auf einer Orgel aus Staub mit schweren, fleischigen Händen gespielt“ (Guttenbrunner). Gesammelte Gedichte Kramers unter dem Titel „Orgel aus Staub“ sind 1983 im Carl Hanser Verlag erschienen. 2005 kam dann im Zsolnay- Verlag eine dreibändige Gedichtsammlung heraus, die Erwin Chvojka ediert hat.

2 Kommentare zu Für die, die ohne Stimme sind

Gidon Kremer

Gidon Kremer hat für das inzwischen 29. Kammermusikfest in Lockenhaus, das heuer vom 08. – 18. Juli in der mittelburgenländischen Marktgemeinde stattfindet, wieder die künstlerische Leitung übernommen. Im Vorjahr hatte…

Gidon Kremer hat für das inzwischen 29. Kammermusikfest in Lockenhaus, das heuer vom 08. – 18. Juli in der mittelburgenländischen Marktgemeinde stattfindet, wieder die künstlerische Leitung übernommen. Im Vorjahr hatte es Differenzen zwischen Kremer und den Organisatoren rund um den katholischen Ortspfarrer Josef Herowitsch gegeben, die jedoch inzwischen ausgeräumt wurden. Die von der New York Times als eines der bedeutendsten internationalen Musikfestivals gelobte Veranstaltung soll nun wieder zum ursprünglichen Charisma zurückgeführt werden.

Und dieses Charisma ist untrennbar mit Gidon (Markowitsch) Kremer verbunden, dem genialen deutsch – jüdischen Geiger und Musikinterpreten, der 1947 in der letttischen Hauptstadt Riga (Lettland war damals ein Teil der Sowjetunion) geboren wurde und in Moskau als Schüler David Oistrachs seinen speziellen Schliff erhielt.

Gidon Kremer in der Pfarrkirche von Lockenhaus

Nachdem Kremer 1978 die Sowjetunion verlassen hatte, begann seine fast beispiellose Weltkarriere. Drei Jahre später gründete er gemeinsam mit Pfarrer Josef Herowitsch das Kammermusikfest in Lockenhaus, dessen Konzerte im restaurierten großen Saal der mittelalterlichen Ritterburg, in der Pfarrkirche und zum Teil auch in der Hauptschule des Ortes stattfanden.

Ich selber war bei der Eröffnung des ersten Kammermusikfestes im Jahr 1981 als ORF-Kulturredakteur dabei und habe auch in den folgenden Jahren bis 2001 immer wieder über dieses kulturelle Ereignis besonderer Art im Radio und Fernsehen berichtet. In Lockenhaus haben Künstler aus aller Welt einen besonderen Geist und eine besondere Qualität entstehen lassen. Es wurde bisweilen übermütig, immer aber lustvoll musiziert. Musiker wie auch Publikum gaben sich weniger steif als das bei den internationalen Festivals üblicherweise der Fall ist. Proben wurden und werden noch immer zum Teil öffentlich abgehalten und bieten so manchen Besuchern eine zusätzliche Schule des Hörens. Die kommerziellen Interessen wurden bewusst im Hintergrund gehalten.

Die Bekanntgabe der detaillierten Programmierung der einzelnen Konzerte erfolgt immer erst 24 Stunden vor der Aufführung. Das Engagement Kremers richtet sich sowohl auf Erst-Klassisches jeder Provenienz, aber immer auch auf die Entdeckung und Durchsetzung noch unbekannter zeitgenössischer Komponisten wie auch Musiker, von denen viele so wie er aus der ehemaligen Sowjetunion kommen und ebenfalls jüdischer Herkunft sind.

Das heurige Festival steht unter dem Motto „Musik und Macht – Musik als Macht“ und wird wieder von zahlreichen prominenten wie auch noch ganz jungen Interpreten sowie von der von Kremer 1997 gegründeten Kremerata Baltica (einem bereits weltweit erfolgreichen Orchester aus jungen Musikern aus den drei baltischen Staaten) realisiert werden.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Gidon Kremer – Musik in höchster Vollendung:


Gidon Kremer spiel Kupkovič Suvenir
Das Stück des 1936 in der Slovakei geborenen Komponisten Ladislav Kupkovič ist Gidon Kremer gewidmet.
Am Klavier: Der aus Odessa stammende jüdische, russich-österreichische Pianist Oleg Maisenberg.


Als zweite Beilage empfehlen wir das aktuelle Interview mit Gideon Kremer „Geiger Gidon Kremer kämpft gegen Kommerz“ auf ATV: Highlights – Das Kulturmagazin, Folge 11, 20. 06. 2010.


1 Kommentar zu Gidon Kremer

György Sebestyén

Am 6. Juni 2010 jährte sich zum 20. Mal der Todestag des ungarisch-österreichischen Schriftstellers und Journalisten György Sebestyén. Gyuri, wie ihn seine Freunde nannten, wurde 1930 in Budapest als Sohn…

Am 6. Juni 2010 jährte sich zum 20. Mal der Todestag des ungarisch-österreichischen Schriftstellers und Journalisten György Sebestyén. Gyuri, wie ihn seine Freunde nannten, wurde 1930 in Budapest als Sohn eines jüdischen Schneiders geboren, wuchs dort zweisprachig auf, war in seinen frühen Jahren leidenschaftlicher Kommunist, ja sogar bekennender Stalinist, ehe er sich noch vor dem Aufstand der Ungarn gegen die russisch- sowjetische Diktatur und deren Budapester Handlanger zum Regimekritiker mauserte und nach der Niederschlagung des Aufstandes durch den Panzerkommunismus des damaligen Ostblocks im Jahr 1956 nach Österreich flüchtete.

Seine Verehrung des ungarisch- jüdischen Lyrikers Miklos Radnoti, der 1944 auf einem „Gewaltmarsch“ von einem Arbeitslager der Nazis in Jugoslawien nach Deutschland in der Nähe von Györ mit einem Genickschuss liquidiert und in einem Massengrab verscharrt wurde, ging so weit, dass er zeit seines Lebens seine Handschrift der von Radnoti anpasste. Ein weiterer Säulenheiliger aus den Reihen der ungarischen Literaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war für ihn Gyula Krudy, den er einen „Liebling der Dämonen“ nannte und mit Marcel Proust verglich und dessen phantastischen Roman „Die rote Postkutsche“ er in seiner Übersetzung 1984 in der Eisenstädter Edition Roetzer veröffentlichte.

In Wien wurde Sebestyén ( der ungarische Name für Sebastian) rasch in den Kreis der aufstrebenden österreichischen Autorengeneration nach Heimito von Doderer, Alexander Lernet – Holenia und George Saiko (bestehend aus Herbert Eisenreich, Milo Dor, Reinhard Federmann, Peter von Tramin, Herbert Zand, Humbert Fink u.a.) aufgenommen, etablierte sich dann auch bei einigen Verlagen als blumiger Erzähler meist erotischer Geschichten und in renommierten Zeitungen wie der KRONE und der FURCHE als Edelfeuilletonist und Theaterkritiker.

Sebestyén veröffentlichte einige Romane, von denen wohl als wichtigster jener mit dem Titel „Die Werke der Einsamkeit“ anzusehen ist, in dem es um Tod, Eros und Macht geht, die den Ich- Erzähler auf der Suche nach seiner verlorenen Zeit beschäftigen. In der Eisenstädter Edition Roetzer gab Sebestyen 18 Jahre lang die Zeitschrift PANNONIA heraus, die er ein Organ für die kulturelle Zusammenarbeit in Mitteleuropa bezeichnete und in der er zahlreiche Autoren aus dem Ostblock, auch solche aus der Sowjetunion, aber auch den jüdischen Serben Ivan Ivanji (persönlicher Dolmetsch des jugoslawischen Staatspräsidenten Tito) zu Wort kommen ließ.

Sebestyén, seit 1963 österreichischer Staatsbürger, bekleidete in seinen letzten Lebensjahren auch die Funktion des Präsidenten des österreichischen PEN– Zentrums. Neben seinem Domizil in Wien besaß der umtriebige Publizist bis zu seinem frühen Tod auch ein Haus in der burgenländischen Gemeinde Hornstein.

Günter Unger, 1941 in Eisenstadt geboren, ist Historiker und Publizist. Er war mehr als 30 Jahre Kultur- Chef im ORF– Burgenland und hat unzählige Radio- und Fernsehsendungen gestaltet. Von 1978 bis 1996 gab er die Literaturzeitschrift WORTMÜHLE heraus. Selber hat er Gedichte, Hörspiele, Erzählungen, ein Theaterstück sowie Bücher über bildende Kunst geschrieben und veröffentlicht.

Wir freuen uns sehr, dass Dr. Günter Unger zukünftig Beiträge in unserem Blog beisteuern und insbesondere unseren etwas vernachlässigten Literaturbereich aufwerten wird! :)


7 Kommentare zu György Sebestyén

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