Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Sieben Jahre wie zehn Jahre…

Zwei kleine Grabsteine am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Grabsteine von Kindern: Aron Goldstein, gestorben mit 3 Jahren am 27. Februar 1874 und sein Bruder Isak Goldstein, gestorben mit 7…

Zwei kleine Grabsteine am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Grabsteine von Kindern: Aron Goldstein, gestorben mit 3 Jahren am 27. Februar 1874 und sein Bruder Isak Goldstein, gestorben mit 7 Jahren am 2. April 1874.

Bei Isak Goldstein kennen wir nur den Grabstein, nicht aber das Grab des Kindes. Denn sein Grabstein wurde 1945 offensichtlich als Panzersperre gegen die Rote Armee verwendet, danach aber wieder auf den Friedhof zurückgebracht. Allerdings eben nicht auf seinen ursprünglichen Platz, sondern an die südliche Mauer des Friedhofes gelehnt.

Der Vater der beiden war Sekretär in der jüdischen Gemeinde, beide hebräische Inschriften sind zwar kurz, aber sehr schön und, besonders im Hinblick darauf, dass es um Inschriften für kleine Kinder geht, weise und aufwändig konzipiert.

So lesen wir etwa bei Isak in der ersten und zweiten Zeile:

Seufzen und Stöhnen,
Wehklagen und Weinen, eine zweite Trauer

was klar auf seinen ein Monat vor ihm verstorbenen kleinen Bruder Aron hinweist.

Aber bleiben wir bei Isak, in dessen Inschrift seine Klugheit schon in Zeile 5 angedeutet wird:

jung und doch weise, die Sünde meidend,

und weiter dann in Zeile 6 die vielleicht erklärungsbedürftige Altersangabe des verstorbenen Kindes:

Sieben Jahre wie zehn Jahre war er.

Eingedenk Zeile 5 wird man wohl am ehesten vermuten, dass Isak mit 7 Jahren schon so weise war wie ein 10jähriger war. Aber woher kommt diese Redewendung, diese Formulierung?

Bezug genommen wird hier auf die Parascha (Leseabschnitt in der Tora) „Chajje Sara“, „das Leben der Sara“, Genesis 23,1.

Zunächst der hebräische Bibeltext:

וַיִּהְיוּ֙ חַיֵּ֣י שָׂרָ֔ה מֵאָ֥ה שָׁנָ֛ה וְעֶשְׂרִ֥ים שָׁנָ֖ה וְשֶׁ֣בַע שָׁנִ֑ים שְׁנֵ֖י חַיֵּ֥י שָׂרָֽה׃.

Die meisten nichtjüdischen Übersetzungen lauten etwa:

Sara wurde hundertsiebenundzwanzig Jahre alt. So lange lebte Sara.

Lutherbibel 2017

Anders und ganz nahe am hebräischen Originaltext aber die Übersetzung von Buber-Rosenzweig:

Des Lebens Ssaras wurden hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, so die Jahre des Lebens Ssaras.

Tatsächlich steht im hebräischen Text hinter jeder Zahl der Altersangabe das Wort שָׁנָה „Jahr“, also hinter der Zahl 100, hinter der Zahl 20 und hinter der Zahl 7.

Der bedeutende jüdische Gelehrte Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, geb. 1040/41) greift in seiner Erklärung auf einen Midrasch (Schriftauslegung) zurück und zwar auf Bereschit Rabba (Genesis Rabba, entstanden wohl in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts n.d.Z.) 58,1a:

וַיִּהְיוּ חַיֵּי שָׂרָה מֵאָה שָׁנָה (בראשית כג, א), (תהלים לז, יח): יוֹדֵעַ ה‘ יְמֵי תְמִימִם וְנַחֲלָתָם לְעוֹלָם תִּהְיֶה, כְּשֵׁם שֶׁהֵן תְּמִימִים כָּךְ שְׁנוֹתָם תְּמִימִים, בַּת עֶשְׂרִים כְּבַת שֶׁבַע לְנוֹי, בַּת מֵאָה כְּבַת עֶשְׂרִים שָׁנָה לְחֵטְא. דָּבָר אַחֵר, יוֹדֵעַ ה‘ יְמֵי תְמִימִם, זוֹ שָׂרָה שֶׁהָיְתָה תְּמִימָה בְּמַעֲשֶׂיהָ…

Das Leben der Sara war 100 Jahre (Genesis 23,1), (Psalm 37,18) Der HERR kennt die Tage der Vollkommenen, ihr Erbe hat ewig Bestand. So wie sie vollkommen sind, so sind ihre Jahre vollkommen, Sara war 20 Jahre alt wie sieben Jahre in Bezug auf die Schönheit, 100 Jahre alt wie 20 Jahre alt in Bezug auf die Sünde. Eine andere Auslegung ist: Der HERR kennt die Tage der Vollkommenen, das ist Sara, die vollkommen war in ihren Handlungen…

Raschi dann ganz ähnlich, aber noch deutlicher, zur Stelle:

לְכָךְ נִכְתַּב שָׁנָה בְּכָל כְּלָל וּכְלָל, לוֹמַר לְךָ שֶׁכָּל אֶחָד נִדְרָשׁ לְעַצְמוֹ, בַּת ק‘ כְּבַת כ‘ לְחֵטְא, מַה בַּת כ‘ לֹא חָטְאָה, שֶׁהֲרֵי אֵינָהּ בַּת עֳנָשִׁין, אַף בַּת ק‘ בְּלֹא חֵטְא, וּבַת כ‘ כְּבַת ז‘ לְיֹפִי:

Es betrug das Leben Saras hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, darum steht das Wort Jahr שָׁנָה bei jeder einzelnen Zahl, um dir zu sagen, dass jedes für sich gedeutet werden soll; mit 100 Jahren war sie wie mit 20 Jahren rein von Sünden; wie sie mit 20 Jahren nicht gesündigt hatte, da sie bis dahin noch nicht verantwortlich gewesen, so war sie auch mit 100 Jahren ohne Sünde; und mit 20 Jahren war sie wie mit 7 Jahren an Schönheit (Bereschit Rabba 58,1).

Nicht im Midrasch, aber bei Raschi finden wir den bedeutenden Zusatz:

שני חיי שרה. כֻּלָּן שָׁוִין לְטוֹבָה:

Die Lebensjahre Saras, alle gleich an Güte.


Auch bei Abrahams Tod in Genesis 25,7 lesen wir:

וְאֵ֗לֶּה יְמֵ֛י שְׁנֵֽי־חַיֵּ֥י אַבְרָהָ֖ם אֲשֶׁר־חָ֑י מְאַ֥ת שָׁנָ֛ה וְשִׁבְעִ֥ים שָׁנָ֖ה וְחָמֵ֥שׁ שָׁנִֽים׃

Also auch hier nach jeder Zahl das Wort שָׁנָה „Jahr“. Und auch hier finden wir eine ähnliche Auslegung in Bereschit Rabba 62,1 und einen sehr ähnlichen Kommentar von Raschi:

מאת שנה ושבעים שנה וחמש שנים. בֶּן ק‘ כְּבֶן ע‘ וּבֶן ע‘ כְּבֶן ה‘ בְּלֹא חֵטְא:

Hundert Jahre und siebzig Jahre und fünf Jahre, mit 100 Jahren wie mit 70 und mit 70 wie mit 5 ohne Sünde.


Keine Frage: der Autor der hebräischen Grabinschrift von Isak Goldstein, vermutlich sein Vater, kannte den Midrasch und die Erklärung Raschis zu Genesis 23,1.


Und wenn Sie das nächste Mal jemandem zum Geburtstag „Bis 120“ (übrigens das Alter, in dem Mose am Berg Nebo verstarb) wünschen, wissen Sie jetzt, dass es eigentlich heißen müsste „Bis hundert wie zwanzig!“ ;-)


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Hacker Betti, geb. Mandl – 10. Jänner 1936

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf Betti (Blümele) Hacker, geb. Mandl, 15. Tevet 696 (= Freitag, 10. Jänner 1936) Die Grabinschrift Inschrift Betti Hacker: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung [1] H(ier ist) g(eborgen)…

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf

Betti (Blümele) Hacker, geb. Mandl, 15. Tevet 696 (= Freitag, 10. Jänner 1936)

Grabstein Betti (Blümele) Hacker, geb. Mandl, 15. Tevet 696 = Freitag, 10. Jänner 1936

Grabstein Betti (Blümele) Hacker, geb. Mandl, 15. Tevet 696 = Freitag, 10. Jänner 1936



Die Grabinschrift

Inschrift Betti Hacker: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) פ“ט
[2] eine tugendhafte und angesehene Frau, אשה כשרה וחשובה
[3] Frau מרת
[4] Blümele, בלימלה
[5] Ehefrau d(es ehrbaren) H(errn) Salomo Hacker, a(uf ihm sei der) F(riede). אשת כה שלמה האקער עה
[6] I(hre Seele) g(ing hinweg) am 15. Tevet 696 n(ach der kleinen Zeitrechnung). י’נ’ ט’ו’ טבת תרצו ל“
[7] Mit ihrem ganzen Herzen und ihrer ganzen Seele erfüllte sie den Willen ihres Ehemanns. בבל לבבה ונפשה עשתה רצון בעלה
[8] Nie in ihrem Leben tat sie Unrecht. לא עשתה עולה כל ימי חייה
[9] Ihre Hände waren verlässlich, bis ihre Sonne sank. ידיה היו אמונה עד בא שמשה
[10] Sie trachtete sehr danach auf dem rechten Weg zu gehen. מאד חשקה לילך בדרך הישר
[11] Das Herz ihres Ehemanns und ihrer Kinder vertraute ihr. לב בעלה בטח בה ובניה
[12] G(ott) möge ihr (ihr Tun) vergelten und sie reich belohnen. ה ישלם לה ותהי משכרתה שלימה
[13] I(hre Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens). תנצבה


Anmerkungen

Zeile 9: S. Exodus 17,12: וַיְהִ֥י יָדָ֛יו אֱמוּנָ֖ה עַד־בֹּ֥א הַשָּֽׁמֶשׁ׃ (über Mose) „…sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging“.

Zeile 11: Der mittlere Buchstabe im dritten Wort ist stark verderbt bzw. falsch, es muss בטח sein.

Zeile 12: Rut 2,12: Boas zu Rut: יְשַׁלֵּ֥ם יְהוָ֖ה פָּעֳלֵ֑ךְ וּתְהִ֨י מַשְׂכֻּרְתֵּ֜ךְ שְׁלֵמָ֗ה… „(Der HERR, der Gott Israels)… möge dir dein Tun vergelten und dich reich belohnen“.


Biografische Notizen

Betti (Blümele) Hacker, geb. Mandl ca. 1856, Witwe, wohnhaft Kobersdorf, Neugasse 42, gest. 15. Tevet 696 = Freitag, 10. Jänner 1936 um 5 Uhr am Morgen mit 80 Jahren an Lungenentzündung in Kobersdorf, begraben am selben Tag am jüdischen Friedhof Kobersdorf

Eintrag Sterbebuch Kobersdorf, Betti Hacker, 10. Jänner 1936

Eintrag Sterbebuch Kobersdorf, Betti Hacker, 10. Jänner 1936


Vater: Josef Mandl
Mutter: unbekannt

Ehemann: Alexander (Salomon) Hacker


Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf


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Glaser Sara Jentl, geb. Hacker – 14. Jänner 1918

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf Sara Jentl Glaser, geb. Hacker, 01. Schvat 678 (= Montag, 14. Jänner 1918) Die Grabinschrift Inschrift Sara Glaser: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung [1] H(ier liegt) b(egraben)…

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf

Sara Jentl Glaser, geb. Hacker, 01. Schvat 678 (= Montag, 14. Jänner 1918)

Grabstein Sara Jentl Glaser, geb. Hacker, 01. Schvat 678 = 14. Jänner 1918

Grabstein Sara Jentl Glaser, geb. Hacker, 01. Schvat 678 = 14. Jänner 1918



Die Grabinschrift

Inschrift Sara Glaser: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ
[2] die angesehene Frau, האישה החשובה
[3] die tüchtige Frau, die Krone ihres Mannes אשת חיל עטרת בעלה
[4] und die Zierde ihrer Kinder, Frau ותפארת בניה מרת
[5] Sara Jentl שרה יענטל
[6] Glaser, גלאזער
[7] Tochter des CHAVER Mordechai Zvi Hacker בת החבר מרדכי צבי האקער
[8] und der Tolza. הנולדה מהאישה טולצא
[9] I(hre Seele) g(ing hinweg) am Montag, N(eumond)t(ag) Schvat 5678 י“נ ביום ב ר“ח שבט ה“תרע“ח
[10] n(ach der) k(leinen) Z(eitrecchnung). לפ“ק
[11] I(hre Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens). תנצבה


Anmerkungen

Zeile 3: Sprüche 12,4 אשת חיל עטרת בעלה.

Zeile 4: Vgl. Sprüche 17,6 „…der Ruhm der Kinder sind ihre Väter“ …ותפארת בנים אבותם.

Zeile 7: Der CHAVER ist ein verliehener Ehrentitel. Die Taxe für die Verleihung betrug zum Beispiel 1803 in Eisenstadt 9 fl. für einen Höchstbesteuerten, für einen der mittleren Kategorie 4 fl. 30 kr., für einen der niedrigen Kategorie nur 2 fl. Der Graduierte wurde am Schabbat nach der Verleihung zur Tora aufgerufen. Verliehen wurde der CHAVER-Grad von der Gemeinde, der Rabbiner musste jedoch seine Zustimmung geben.

Zeile 8: Wörtlich: „Die geboren wurde von der Frau Tolza“.

Zeile 10: Der Datumszusatz „nach der kleinen Zeitrechnung“ ist hier unnötig und falsch, weil in Zeile 9 das Jahr in der „großen“ Zeitrechnung, also mit dem Tausender (5.000) angegeben wird. Mehr Informationen über das hebräische Sterbedatum finden Sie im Artikel „Hilfe! Ich kann nicht Hebräisch, aber ich brauche hebräische Quellen für meine genealogischen Forschungen„.


Biografische Notizen

Sara Jentl Glaser, geb. Hacker, gest. Neumondtag Schvat = 01. Schvat 678 = Montag, 14. Jänner 1918. Leider nicht eingetragen im Sterbebuch Kobersdorf (auch nicht im Sterbebuch Wien).

Interessant, dass in der hebräischen Grabinschrift zwar Kinder (Zeile 4) erwähnt werden, aber kein Ehemann.


Vater: Mordechai Zvi Hacker
Mutter: Tolza (Hacker)


Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf


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Tachauer Isak – 22. April 1925

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf Isak Tachauer, 28. Nisan 685 (= Mittwoch, 22. April 1925) Die Grabinschrift Inschrift Isak Tachauer: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung [1] H(ier ist) b(egraben) ein himmelsfürchtiger Mann,…

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf

Isak Tachauer, 28. Nisan 685 (= Mittwoch, 22. April 1925)

Grabstein Isak Tachauer, 28. Nisan 685? = 22. April 1925

Grabstein Isak Tachauer, 28. Nisan 685 = 22. April 1925



Die Grabinschrift

Inschrift Isak Tachauer: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) b(egraben) ein himmelsfürchtiger Mann, der überaus gepriesen war durch die Wohltätigkeit, פ“נ איש ריא שמים המהולל מאוד בצדקה
[2] die er geübt hat und durch die guten אשר עשה ובמעשיו
[3] Taten, הטובים
[4] d(er ehrbare) H(err) Isak Tachauer, a(uf ihm sei der) F(rieden), כ“ה יצחק טאכויער ע“ה
[5] Nachkomme des prachtvollen Mannes, בן להאי גברא המפואר
[6] des durch Lobpreisungen Berühmten, d(es ehrbaren) H(errn) בתשבחות המפורסם כ“ה
[7] Salomon Tachauer, a(uf ihm sei der) F(rieden). שלמה טאכויער ע“ה
[8] Er ließ das Leben (wie) alles Lebende am 28. Nisan 685. שבק חיים לכל חי ביום כ“ח ניסן תרפ“ה
[9] Isak stieg auf in die Höhe. יצחק למרום עלה
[10] Sorge und Bedrängnis (bedeutete) sein Hinwegscheiden für die ganze Familie, צרה ויגון פרידתו לכל המשפחה
[11] Beliebt war er oben und unten. חביב למעלה ומטה היה
[12] Eine Stimme ward zu Rama gehört. קול ברמה נשמע
[13] S(eine Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens). תנצבה


Anmerkungen

Zeile 8: Siehe Babylonischer Talmud, Traktat Berachot 61b לא שביק מר חיי לכל בריה „Der Meister lässt ja keinem Geschöpf das Leben“. Das ist die Antwort von Abajje auf Raba, der sagte „Wir zum Beispiel sind Mittelmäßige“. Gemeint ist, wenn Raba nur zu den Mittelmäßigen gehören sollte, gäbe es überhaupt keinen vollkommenen Gerechten.
Mit dieser euphemistischen Umschreibung für das Sterben wird Isak Tachauer als vollkommen Gerechter bezeichnet.

Zeile 12: Vgl. Jeremia 31,14/15 קול ברמה נשמע נהי בכי תמרורים „Man hört Klagegeschrei und bitteres Weinen in Rama“.

Zeile 9 und Zeilen 9-12: Akrostychon: Das erste Wort in Zeile 9 sowie die Anfangsbuchstaben der Zeilen 9-12 ergeben den hebräischen Vornamen des Verstorbenen (Isak).


Biografische Notizen

Isak Tachauer, gest. 28. Nisan 685 = Mittwoch, 22. April 1925. Leider keinen Eintrag im Sterbebuch Kobersdorf gefunden.

Vater: Salomon Tachauer

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf


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Riegler Karolina – 07. Juni 1899

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf Karolina (Levia) Riegler, 30. Siwan 659 (= 01. Neumondtag Tammus = Mittwoch Abend, 07. Juni 1899) Die Grabinschrift Inschrift Karolina Riegler: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung [1]…

Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf

Karolina (Levia) Riegler, 30. Siwan 659 (= 01. Neumondtag Tammus = Mittwoch Abend, 07. Juni 1899)

Grabstein Karolina (Levia) Riegler, 30. Siwan 659 = 01. Neumondtag Tammus = Mittwoch Abend, 07. Juni 1899

Grabstein Karolina (Levia) Riegler, 30. Siwan 659 = 01. Neumondtag Tammus = Mittwoch Abend, 07. Juni 1899



Die Grabinschrift

Inschrift Karolina Riegler: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) die unverheiratete Frau, teuer und angesehen, F(rau) פ“ט הבתולה יקרה וחשובה מ
[2] Levia, לביא
[3] Tochter d(es ehrbaren) H(errn) Mose Riegler. בת כ“ה משה ריגלער
[4] I(hre Seele) g(ing hinweg) am 1. N(eumond)t(ag) Tammus 659. ני א דרחו תמוז תרנט
[5] In die Höhe stieg sie auf um ihren Lohn zu empfangen למרום עלתה לקבל שכרה
[6] im Alter von 33 Jahren. בימי שלשה ושלשים שנה
[7] Ihre Tage vergingen auf dem Lager der Leiden. ימיה חלפו בערש היסורים
[8] Die Gebote G(ottes) erfüllte sie in Liebe. את מצות ה עשתה באהבה
[9] I(hre Seele) m(öge) e(ingebunden sein) i(m Bündel) d(es Lebens). תנצבה


Biografische Notizen

Karolina (Levia) Riegler, geb. ca. 1864-66 in Kobersdorf (leider keinen Eintrag im Geburtsbuch gefunden), gest. 30. Siwan 659 = 01. Neumondtag Tammus = Mittwoch, 07. Juni 1899 Abend um 22 Uhr (22 Uhr war bereits der 30. Siwan und 1. Neumondtag Tammus) mit 33 Jahren (hebräische Grabinschrift) / 35 Jahren (Sterbeeintrag) an Skrofulose (ist die historische Bezeichnung einer Hauterkrankung. Am ehesten handelte es sich dabei um Fälle von Hauttuberkulose)

Eintrag Sterbebuch Kobersdorf, Karolina Riegler, 07. Juni 1899

Eintrag Sterbebuch Kobersdorf, Karolina Riegler, 07. Juni 1899


Vater (weiland): Mose Riegler
Mutter: Teresia Gerstl


Personenregister jüdischer Friedhof Kobersdorf


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Als 200 jüdische Familien in Kobersdorf obdachlos wurden…

Die letzten Jahre des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts waren für Kobersdorf, insbesondere auch für die jüdische Gemeinde des Ortes, Jahre heftigster Katastrophen. Auf die Ende 1894 wütende Diphterie folgte…

Die letzten Jahre des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts waren für Kobersdorf, insbesondere auch für die jüdische Gemeinde des Ortes, Jahre heftigster Katastrophen.
Auf die Ende 1894 wütende Diphterie folgte im Frühsommer 1895 die nächste Katastrophe: Anhaltende Regengüsse und ein diesem folgendes Hochwasser ungeheuren Ausmaßes zerstörten am Donnerstag, 6. Juni nicht nur das gesamte jüdische Viertel, sondern forderten allein in Kobersdorf 19 Todesopfer, darunter 4 jüdische. Diese wurden am jüdischen Friedhof in Kobersdorf begraben:

Moritz (Meir) Maier, seine Ehefrau Rosalia (Sara Chaja) Maier, geb. Riegler und deren Tochter Josephine (Perl) Maier im einzigen und daher auffälligen Dreifachgrab sowie der vierjährige Sigmund (Simon) Riegler einige Meter vor ihnen.


Der letzte Satz in der hebräischen Grabinschrift von Moritz (Meir) Maier (oben am Dreifachgrabstein der rechte) „Erst nach 4 Monaten fand er seine Ruhe“ gab mir lange Zeit Rätsel auf (ich habe den Grabstein das erste Mal am 28. Oktober 2014 fotografiert, in den folgenden Jahren immer und immer wieder).
Bis ich vor wenigen Wochen im Sterbebuch Kobersdorf den Eintrag fand, dass Moritz Maier erst am 16. Oktober 1895, vier Monate nach seinem Tod am 6. Juni, gefunden und identifiziert wurde.

Die zeitgenössische Presse zur Katastrophe:

Oedenburg, 7. Juni: Der in einer von hohen Bergen umschlossenen Mulde gelegene Luftkurort Kobersdorf wurde gestern von einer schweren Katastrophe heimgesucht. In Folge andauernder Regengüsse stürzten Nachmittags plötzlich von den umliegenden Bergen ungeheure Wassermassen mit solcher Heftigkeit zu Thal, dass die Bewohner des Ortes sich nicht mehr zu retten vermochten: Die Fluthen drangen mit elementarer Gewalt in die Häuser, Alles vernichtend, was ihnen in den Weg kam. Die massive Brücke konnte den anstürmenden Wassermassen nicht Stand halten. Der größte Theil des Ortes steht unter Wasser. Da der Postverkehr abgeschnitten ist und eine telegraphische Verbindung nicht besteht, ist man ohne genaue Berichte über die Tragweite der Katastrophe. Die Zahl der Vermißten wird gegenwärtig mit 12 angegeben. Der Postkutscher der gestern von Lakenbach nach Kobersdorf abging, ist bisher nicht zurückgekehrt…

Das Vaterland, 8. Juni 1895, 6


Am 8. Juni meldete die Neue Freie Presse, dass in Kobersdorf schon 21 Leichen gefunden wurden. Orkanartige Stürme und Überschwemmungen werden mittlerweile auch aus Südfrankreich, Algerien und Italien gemeldet.
Ebenfalls für den 8. Juni meldet das Neue Wiener Journal vom 9. Juni 1895, dass in Kobersdorf fortwährend Häuser einstürzen.
Die eiserne Cassa im Sparcassagebäude wurde umgeworfen. 1000 fl. Baargeld wurde weggeschwemmt. Derzeit, so die Zeitung, gibt es in Kobersdorf und den umliegenden Orten 42 Tote, es wird aber mit mehr als 70 Katastrophenopfern gerechnet. Aus Ödenburg sind heute die ersten Brotlieferungen gestartet.


Vom 8. Juni stammen auch mehrere konkrete Pressemeldungen über die Katastrophe in der jüdischen Gemeinde von Kobersdorf:

Freitag Nachmittags ist das Haus und das darin befindliche Geschäft des Leopold Hacker (Schlossgasse 9, heute Nr. 19) zusammengefallen. Sehr großen Schaden erlitten die Kaufleute Gerstl, Leopold und Philipp Hacker, Böhm und Zollschan.
Das Wassser ging so hoch, daß es in dem Gewölbe des Krämers Zollschan (Schlossgasse 31, heute Nr. 5) bis an die Decke reichte. Das ganze Warenlager ist ruiniert, Zollschan an den Bettelstab gebracht.
Der Tempel ist innen total vernichtet, blos die vier Wände stehen. Der weitbekannte Rabbi Lazar Alt flüchtete auf einen Sparherd und rettete dadurch sein Leben.
Der Brauhauspächter in Kobersdorf Mayer Hacker hat sich ganz besondere Verdienste um die Verunglückten erworben; der Genannte bewirthete dieselben, welche zu ihm geflüchtet waren und leistete ihnen nach jeder Richtung Beistand.
Der größte Verlust von Menschen, Thieren und Gütern ist in der Judengasse konstatiert worden. 200 jüdische Familien sind von allem entblößt und obdachlos…

Ödenburger Zeitung, 8. Juni 1895, zitiert nach Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.O, o.J., 75


Die Neue Freie Presse bestätigt am 10. Juni 1895:

…Das Elend ist dort ein furchtbares. In Peterfa (Oberpetersdorf) stehen kaum einige Häuser mehr, die Kobersdorfer Judengassse ist bereits vernichtet, ungefähr 200 Juden sind obdachlos. Die Zahl der Todten beträgt 33. Samstag und Sonntag war ihr Begräbnis. Die zweijährige Stephanie Kubesch aus Wien weilte bei ihrer Großmutter zur Luftcur in Kobersdorf und fand dort den Wellentod. Zwei Kobersdorfer fehlen noch.

Neue Freie Presse, 10. Juni 1895, 7


In der Gemeindechronik Kobersdorf lesen wir, dass (in Kobersdorf) 19 Menschenleben zu beklagen waren und an die 30 Häuser zerstört wurden. Und dass noch heute jährlich am 6. Juni in den christlichen Kirchen Gottesdienste im Gedenken an den „Wassertag“ und an die schreckliche Katastrophe abgehalten werden.

In diesem Sinne dürfen die Aufarbeitung der Grabinschriften sowie dieser Beitrag den vier jüdischen Todesopfern der Katastrophe endlich ihre Namen zurückgeben und als Gedenkbeiträge verstanden werden.


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