Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Autor: Johannes Reiss

Kein Platz für die Pendeluhr

Über ein kleines, meist übersehenes, aber sehr wichtiges Detail in der Synagoge Synagogen im Burgenland: Ein historischer Miniexkurs Pendel- und Wanduhren, eine Ministatistik fürs Burgenland Die ehemaligen Synagogen des Burgenlandes…

Über ein kleines, meist übersehenes, aber sehr wichtiges Detail in der Synagoge


Synagogen im Burgenland: Ein historischer Miniexkurs

Auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes befanden sich vor 1938 dreizehn Synagogen[1], davon zwölf Gemeindesynagogen und die ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers in Eisenstadt.

Die Gemeindesynagogen wurden im 19. Jahrhundert erbaut (Ausnahme Oberwart 1904), in den meisten Fällen an der Stelle der alten und zu klein gewordenen Synagogen.

Heute existieren nur mehr

  1. die ehemalige Synagoge in Stadtschlaining, die als Ausstellungsraum genutzt wird,
  2. die jüngst renovierte ehemalige Synagoge in Kobersdorf, die für Symposien, Konzerte, Lesungen, Kulturvermittlung für Schüler:innen usw. zur Verfügung steht sowie
  3. die Privatsynagoge im Wertheimerhaus (seit 1972 Österreichisches Jüdisches Museum), die einzige „eingeweihte“ Synagoge (engl.: „living synagoguge“) im Burgenland und die älteste in ihrer ursprünglichen Funktion erhaltene Synagoge Österreichs.


Pendel- und Wanduhren, eine Ministatistik fürs Burgenland

  • In acht von dreizehn der ehemaligen Synagogen des Burgenlandes sehen wir auf historischen Fotos deutlich, dass sich an der Ostfront eine Uhr befand
  • Siebenmal rechts vom Toraschrein, einmal links vom Toraschrein (Schlaining)
  • Sechsmal eine Pendeluhr und zweimal eine Wanduhr (Schlaining und Güssing)
  • Alle Pendeluhren sind Historismus-Uhren, altdeutsche Pendeluhren, die gekauft wurden, nachdem die Synagoge erbaut worden war und eingerichtet wurde.


Die ehemaligen Synagogen des Burgenlandes mit Pendel- oder Wanduhr

Kobersdorf

Die kleine Rundfahrt zu den (ehemaligen) Synagogen des Burgenlandes beginnt ausnahmsweise mit Kobersdorf. Ich gestehe, dass mich die jüngst renovierte ehemalige Synagoge von Kobersdorf auf die Idee zu diesem kleinen Artikel brachte. Denn auf den Infoständen innerhalb des Zubaus zum Synagogengebäude befinden sich Informationsprospekte, auf denen sich das unten abgebildete historische Foto der Synagoge befindet. Auf diesem Foto ist eindeutig die Pendeluhr erkennbar, die sich rechts vom Toraschrein befand. Und ich würde mich wundern, wenn noch keine:r der vielen Besucher:innen gefragt hätte, warum auf dem historischen Foto eine Pendeluhr rechts vom Toraschrein zu sehen ist und in der renovierten ehemaligen Synagoge nicht. Oder auch, was die Pendeluhr eigentlich für einen Zweck hatte? Natürlich hätten mich die Antworten der geschätzten Synagogenführer:innen auch sehr interessiert ;-)


Eisenstadt

Sowohl in der Gemeindesynagoge als auch in der Privatsynagoge im Wertheimerhaus, in dem heute das Österreichische Jüdische Museum untergebracht ist, befand sich rechts vom Toraschrein eine Pendeluhr.



Thomas Petters erwähnt in seiner Diplomarbeit über die Gemeindesynagoge Eisenstadt auch die Uhr mit Verweis auf Naama G. Magnus, 89[2]:

In der Blickrichtung von der Bima gen Süden, befand sich rechts neben dem Toraschrein eine Pendeluhr, welche offenbar eine burgenländische Besonderheit in der Synagogeneinrichtung darstellte.

Thomas Petters, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Eisenstadt, 49[3].

Die Gemeindesynagoge wurde bereits im Juni 1938 von den Nazis innen verwüstet, 1951 an die Gewerkschaft verkauft und abgerissen. Seit 19. Oktober 2022 befindet sich am Standort der ehemaligen Synagoge eine neue Gedenktafel.

Die Wertheimersynagoge wurde zwischen 1694 und 1716 erbaut und im Zuge der Umbauarbeiten am Wertheimerhaus für das Österreichische Jüdische Museum 1979 renoviert. Ob die Pendeluhr damals noch vorhanden war, ist leider nicht bekannt. Ich wüsste allerding keinen Grund, warum sie nach 1945 nicht mehr vorhanden gewesen sein soll, da die Wertheimersynagoge während des Krieges keinerlei Zerstörung erfahren hatte. Sehr schade, dass die Pendeluhr heute fehlt. Jedenfalls kennen wir die Pendeluhr nur mehr von diesem historischen Foto:


Mattersburg

Die Pendeluhr befand sich ebenfalls rechts vom Toraschrein und wird von Veronika Schmid in ihrer Diplomarbeit über die ehemalige Synagoge zwar modelliert, aber interessanterweise bei der Bildbeschriftung nicht erwähnt[4]. In den virtuellen Rekonstruktionen ist die Pendeluhr deutlich zu erkennen[5].

Der reich geschmückte Toraschrein hatte seinen Platz an der Ostwand des Gebäudes, daneben hing eine Pendeluhr.

Magnus N., a.a.O., 125

Die Gemeindesynagoge von Mattersburg wurde im September 1940 gesprengt. Seit 5. November 2017 erinnert ein Denkmal am Standort der ehemaligen Synagoge an die Synagoge und die jüdische Geschichte des Ortes.


Deutschkreutz

In der Synagoge von Deutschkreutz befand sich die Pendeluhr ebenfalls rechts vom Toraschrein und wird in der Literatur[6], wenn auch sehr kurz, erwähnt.

Die Gemeindesynagoge wurde am 16. Februar 1941 gesprengt, seit 2012 erinnert zumindest eine Gedenktafel im Zentrum des Ortes an die jüdische Gemeinde.


Lackenbach

Die Pendeluhr rechts vom Toraschrein in der ehemaligen Synagoge von Lackenbach wird in der Literatur erwähnt, wenn auch nur mit einer Abbildung in der Diplomarbeit von Benjaim Gaugelhofer[7] (ohne in der Beschreibung darauf einzugehen), als auch von Naama G. Magnus:

Rechts vom Toraschrein hing die obligatorische Pendeluhr.

Magnus, a.a.O., 201

Die Gemeindesynagoge von Lackenbach wurde 1941 oder 1942 gesprengt. Heute erinnert eine kleine, unscheinbare Gedenktafel an die Synagoge.


Bleiben noch die beiden ehemals batthyanischen jüdischen Gemeinden im Südburgenland, in denen sich nachweislich eine Uhr, und zwar eine Wanduhr, jedenfalls keine Pendeluhr befunden hat, Schlaining und Güssing.

Schlaining

In der ehemaligen Synagoge von Schlaining befand sich eine Wanduhr links vom Toraschrein, heute ist in der ehemaligen Synagoge eine Ausstellung zu sehen.


Güssing

Auch in der ehemaligen Synagoge von Güssing befand sich eine Wanduhr, allerdings nicht so wie in Schlaining links, sondern rechts vom Toraschrein. Die Synagoge war 1938/39 in eine Turn- und Festhalle umgebaut und 1953 abgetragen worden. An ihrer Stelle steht heute das Rathaus der Stadt Güssing.

In der Reichskristallnacht (9./10. November 1938) warfen SA- und HJ-Mitglieder alle beweglichen Gegenstände auf den Platz vor dem Tempel und verbrannten sie. Darunter befanden sich Matrikelbücher, Thorarollen, Möbel, vielerlei Dekorationen, Luster, der siebenarmige Leuchter und eine wertvolle Uhr mit römischen Ziffern. Zweimal versuchte man auch den Tempel in Brand zu setzen, doch das Feuer erlosch jedesmal von allein …

Textliche Beschreibung der Synagoge aus der Privatsammlung des Herrn Karl Gober aus Güssing, undatiert, zitiert nach Bezcak Matthäus, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Güssing[8]

Angemerkt werden muss, dass wir von den übrigen ehemaligen Synagogen (Oberwart, Rechnitz, Frauenkirchen, Kittsee und Gattendorf) keine historischen Fotos mit einer Uhr oder Pendeluhr kennen. Dieser Umstand schließt aber selbstverständlich nicht aus, dass sich nicht auch in der einen oder anderen dieser ehemaligen Synagogen eine Uhr oder Pendeluhr befunden haben könnte.


Die Pendeluhr ‒ eine burgenländische Besonderheit?

Naama G. Magnus schreibt (s.o.), dass die Pendeluhr offenbar eine burgenländische Besonderheit in der Synagogeneinrichtung darstellte.

Selbst wenn die Betonung auf Pendeluhr (und nicht nur auf „Uhr“) liegt, darf angezweifelt werden, ob die Pendeluhr in den ehemaligen Synagogen des Burgenlandes wirklich eine Besonderheit waren.
Denn Pendeluhren finden wir auch in ehemaligen Synagogen anderer jüdischer Gemeinden, etwa in Diespeck (Landkreis Neustadt an der Aisch in Mittelfranken, Bayern) oder in der ehemaligen Synagoge von Niederwerrn (Kreis Schweinfurt, Unterfranken, Bayern).

Das jüdische Museum der Schweiz in Basel erhielt im April 2018 eine Synagogen-Pendeluhr, die im jüdischen Gemeindehaus in Gailingen am Hochrhein (Deutschland an der Grenze zur Schweiz) hing und die, 1820 hergestellt, die nationalsozialistische Zeit überlebt hatte. Siehe den Jahresbericht 2018 des Museums (S. 26).

Eine Wanduhr wiederum finden wir etwa in der berühmten Zori-Gilod-Synagoge in Lemberg (Lviv, Ukraine) (2. Bild von oben).

Und schließlich finden wir sogar eine Wanduhr im Arbeitszimmer von niemand Geringerem als dem berühmten Gaon von Wilna (1720-1797), der als Inbegriff des aschkenasischen Judentums litauischer Prägung gilt:

Commemorative Portrait of the Vilna Gaon. Lithograph, 1897. Photo courtesy of the William A. Rosenthall Collection, Addlestone Library, College of Charleston.

Commemorative Portrait of the Vilna Gaon. Lithograph, 1897. Photo courtesy of the William A. Rosenthall Collection, Addlestone Library, College of Charleston.


Wir finden also zwar gelegentlich in der Literatur die Erwähnung einer Pendeluhr oder einer Wanduhr in den ehemaligen Synagogen, offensichtlich hat sich aber niemand Gedanken gemacht, warum diese Uhren eigentlich angebracht wurden. Ich habe den Eindruck, dass die Uhr in der Synagoge vielfach nur als Schmuckstück, nur als Wanddekoration gesehen wird.

Und damit kommen wir zum letzten und wichtigsten Punkt:

Warum gab / gibt es Pendeluhren oder Wanduhren in Synagogen?

Es sind wohl vor allem drei Gründe anzuführen:

  1. Zur Überwachung der Gebetszeiten sowie zum korrekten Einhalten von Schabbatbeginn und -ende.
    Der Schabbat beginnt bekanntlich nicht mit dem Sonnenuntergang am Freitag Abend (Erev Schabbat), sondern mit dem Anzünden der Kerzen, also eine gewisse Zeit vor Sonnenuntergang. In Wien etwa werden die Kerzen zehn Minuten vor Sonnenuntergang gezündet, in anderen Gemeinden sind es 18 Minuten, 21 Minuten wie in Tel Aviv oder 40 Minuten wie in Jerusalem. Diese Zeit vor dem Sonnenuntergang wird als „Tosefet Schabbat“ („Zusatz zum Schabbat“) bezeichnet. Für mehr Informationen zum Schabbatbeginn siehe den Artikel „ Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums“ von Chajm Guski. Auch am Kalender für Gebetszeiten und Shabbat Beginn in Wien“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien fällt auf, dass 10 Minuten nach dem „Schabbatbeginn“ (sprich nach dem Kerzenanzünden) das Wort „Skie“ steht. Das bedeutet ‎שְׁקִיעַת הַחַמָּה (schkiat hachama) oder ‎שְׁקִיעַת הַשֶּׁמֶשׁ (shkiat haschemesch), also „Sonnenuntergang“. Damit soll es aber hier genug sein. Es sollte nur klar werden, wie wichtig der exakte Zeitpunkt des Schabbatbeginns ist, dessen korrekte Einhaltung die Pendeluhr oder Wanduhr in der Synagoge gewährleisten soll. Im Regelfall ist der korrekte Schabbatbeginn noch wichtiger als der Zeitpunkt des Schabbatendes (v.a. wegen des „Tosefet Schabbat“). Natürlich mit Ausnahme von Jom Kippur, denn an diesem ist wohl der Zeitpunkt des Jom Kippurendes nach dem fast 26stündigen Fasten zumindest genauso wichtig.

    Screenshot Website IKG Wien (www.ikg-wien.at)

    Screenshot Website IKG Wien (www.ikg-wien.at)


    Interessant ist jedenfalls, dass Uhren auch in Synagogen von Gemeinden waren, die einen Eruv, also eine Art Schabbatgrenze, hatten (wie Eisenstadt!). Denn innerhalb dieser Grenze werden die Schabbatregeln nicht im selben Maße angewendet. Für mehr Informationen zum Eruv siehe den Artikel Eruv“ von Chajm Guski.
    Heute, ganz am Rande angemerkt, gibt es im deutschsprachigen Raum nur in Wien einen Eruv, der, immerhin 25km lang, selbstverständlich vor jedem Schabbat und jedem Feiertag kontrolliert wird, erkennbar an der Ampel, die, wenn der Eruv in Funktion ist, auf grün schaltet. Siehe auch ein Interview zum Wiener Eruv auf der Website von SFR «Der Eruv hat ein enormes Aufleben des jüdischen Lebens bewirkt».

    Screenshot Ampel von https://www.eruv.at

    Screenshot Ampel von https://www.eruv.at




  2. Einerseits trugen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Menschen noch keine Armbanduhr und andererseits trugen/tragen am Schabbat manche keine Armbanduhr.
    Generell verboten am Schabbat sind elektrische Geräte, die Handhabung und Betätigung aller Geräte, die irgendwie mit Licht zu tun haben, bergen ebenfalls die Gefahr, gegen das Verbot, ein Feuer anzuzünden, zu verstoßen. Vielleicht waren manche in den ehemaligen heiligen jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes etwas sensibler in der Frage der Uhren, weil es von alters her intensive Diskussionen der Gelehrten zur Frage um die Verwendung von Uhren am Schabbat gab und weil es in diesem Zusammenhang auch eine Lehrmeinung von Rabbi Meir Eisenstadt (gest. 1744 und begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt) in seinem Responsenhauptwerk „Panim Me’irot“ („Leuchtendes Antlitz“) gab. Es geht dabei um das Ziehen der Ketten, was dem Aufziehen der Uhren entspricht. Die eigentliche Gelehrtendiskussion, hier nur sehr grob beschrieben, drehte sich um die Frage, ob das Ziehen dieser Ketten (um den Betrieb der Uhr zu beginnen) als das Herstellen oder Reparieren eines Gerätes angesehen wird oder ob dies nur als Art der Verwendung eines bereits vorhandenen Gerätes angesehen wird, eine Meinung, wie sie R. Meir Eisenstadt in Panim Me’irot II, 123 vertritt.


  3. Die Uhr in der Synagoge, egal ob Pendel- oder Wanduhr, erinnert alle, die die Synagoge besuchen, daran, sich der Zeit allgemein, besonders aber, sich auch ihrer eigenen Zeit stets bewusst zu sein.

    אָ֭דָם לַהֶ֣בֶל דָּמָ֑ה יָ֝מָ֗יו כְּצֵ֣ל עוֹבֵֽר׃
    Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.

    Psalm 144,4

    Rabbi David Kimchi (RaDaK, 1160-1235) fügt hinzu:

    כמו הבל שעובר במהרה בהתפשט השמש או פירושו כצל העוף העובר בעופפו:
    Der Schatten eines Baumes verschwindet, wenn die Sonne untergeht, aber der Schatten eines Vogels bewegt sich gleich dem Vogel im Flug.

    RaDaK zu Psalm 144,4, zitiert nach Rabbi Gershon Winkler, Walking Stick Foundation Cedar Glen, CA

    Das Thema „Zeit“ im Judentum füllte schon und würde weiter viele dicke Bücher füllen. Selbstverständlich wird die Antwort je nach der religiösen Position innerhalb des Judentums ausfallen. Sie reicht von der Zeit als Einsteins vierte Dimension bis hin zur religiösen Tradition, dass die Zeit auch eine heilige Dimension hat (s.o. die Uhr im Arbeitszimmer des Gaon von Wilna).

    תניא היה רבי מאיר אומר חייב אדם לברך מאה ברכות בכל יום
    Es sagte R. Meir: Der Mensch ist verpflichtet, täglich 100 Segenssprüche zu sagen.

    Babylonischer Talmud, Traktat Menachot 43b

    Diese Verpflichtung ermöglicht dem Menschen, viele heilige Momente bewusst zu erleben, die sonst nicht als heilig betrachtet werden würden, der Mensch hat dadurch sozusagen die Möglichkeit, permanent das Heilige im Alltäglichen zu finden. Schneur Salman (1745-1812), der Begründer der chassidischen Chabad-Lubawitsch-Bewegung sah schon die Zeit als wesentlichen Faktor für die jüdische Praxis, jede verpasste Gelegenheit zur Erfüllung einer Mizwa kann niemals wieder gut gemacht werden, für seinen Nachfolger Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902-1994) hat jeder Zeitpunkt unendliches Potenzial, unabhängig davon, was voher war oder in Zukunft passieren wird.

    אֲפִילּוּ אִי בַּר נָשׁ קַיָּים אֶלֶף שְׁנִין, הַהוּא יוֹמָא דְאִסְתַּלַּק מֵעַלְמָא, דָּמֵי לֵיהּ כְּאִילּוּ לָא אִתְקְיַּים בַּר יוֹמָא חַד:
    Wir könnten selbst 1.000 Jahre leben und es würde sich noch immer anfühlen, als hätten wir nur einen einzigen Tag gelebt.

    Zohar 1:223b


Die Pendeluhr schlägt heute im Burgenland nicht mehr.



Fußnoten

[1] Eisenstadt: Gemeindesynagoge und Wertheimersynagoge, Frauenkirchen, Gattendorf, Kittsee, Mattersburg, Kobersdorf, Lackenbach, Deutschkreutz, Schlaining, Oberwart, Rechnitz, Güssing. [Zurück zum Text (1)]

[2] Magnus Naama G., Auf verwehten Spuren ‒ Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1: Nord- und Mittelburgenland, Wien 2013 [Zurück zum Text (2)]

[3] Petters Thomas, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Eisenstadt, Wien 2016. [Zurück zum Text (3)]

[4] Schmid Veronika, Virtuelle Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Mattersburg (Nagymarton; Mattersdorf), Wien 2016, 97. [Zurück zum Text (4)]

[5] Schmid V., a.a.O., 116. [Zurück zum Text (5)]

[6] Literatur: Braimeier Bernhard, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge in Deutschkreutz, Wien 2015, 55; Magnus N. G., a.a.O., erwähnt die Uhr nicht. [Zurück zum Text (6)]

[7] Literatur: Gaugelhofer Benjamin, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge Lackenbach, Wien 2016, 94 [Zurück zum Text (7)]

[8] Literatur: Beczak Matthäus, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge in Güssing, Wien 2015, 13 [Zurück zum Text (8)]


Vielen Dank an Claudia Markovits-Krempke, Israel, Traude Triebel, Landesrabbiner Schlomo Hofmeister und Motti Hammer, Wien.

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Genisa-Fragment Kobersdorf „verschwunden“ ?!

Das historisch einzigartige Genisa-Grabsteinfragment ist vom jüdischen Friedhof Kobersdorf verschwunden. Niemand wurde vorab oder auch nach dem Abtransport des Fragments informiert. Es liegt in der Garage des ehemaligen Bürgermeisters von…

Das historisch einzigartige Genisa-Grabsteinfragment ist vom jüdischen Friedhof Kobersdorf verschwunden. Niemand wurde vorab oder auch nach dem Abtransport des Fragments informiert. Es liegt in der Garage des ehemaligen Bürgermeisters von Kobersdorf (so seine eigene Aussage am Telefon am 14. November um 14.26h mir gegenüber). Angeblich, weil das Fragment restauriert werden soll.

In jedem Fall stellt sich die Frage, warum dieses so bedeutende Fragment nicht in der ehemaligen Synagoge zwischengelagert wird und warum nicht entsprechende Gespräche vorher stattfanden.

Ich selbst war am Sonntag vor einer Woche anlässlich einer Führung am jüdischen Friedhof und war über das Fehlen des Fragments extrem geschockt.

Ich halte den schlampigen Umgang mit historisch einzigartigen Kulturgütern für ausgesprochen verantwortungslos. Eine Sanierung des Fragments halte ich überdies erst für angezeigt, wenn die untere Hälfte des Grabsteines gefunden wird.

Bis zur Klärung dieser sehr unangenehmen und ärgerlichen Sache bleiben daher alle Artikel zum jüdischen Kobersdorf, auch meine Erstpublikation des Genisafragments vom 30. November 2019 hier in der Koscheren Melange, offline.

Ich bitte um Verständnis.

Siehe auch meinen Facebookeintrag vom 17. November.

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf


Johannes Reiss, am 25. November 2022.

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Hanff Leopold – 18. Jänner 1857

Leopold (Jehuda Elias) Hanff, 25. Tevet 617 = (Mittwoch, 21. Jänner 1857) bzw. 18. Jänner 1857 laut deutschsprachiger Grabinschrift Der Grabstein befindet sich am jüdischen Friedhof Bozen/Bolzano in Südtirol. Die…

Leopold (Jehuda Elias) Hanff, 25. Tevet 617 = (Mittwoch, 21. Jänner 1857) bzw. 18. Jänner 1857 laut deutschsprachiger Grabinschrift

Der Grabstein befindet sich am jüdischen Friedhof Bozen/Bolzano in Südtirol.



Die hebräische Grabinschrift

Inschrift Leopold Hanff: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier liegt) b(egraben) פ“נ
[2] der unverheiratete Mann Jehuda Elias הב’ יהודא עלי’
[3] Hanff האנף
[4] aus Berlin. מבערלין
[5] Geboren a(m Vorabend) d(es) N(eumondtages) des Monats Av 579, נולד ע“רח אב תקע“ט
[6] gestorben in der Stadt Meran נפטר בעיר מעראן
[7] am 25. Tevet 617 n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). כה טבת תריז לפ“ק
[8] Noch in deiner Blüte wurdest du gepflückt, נקטפת עודך באבך
[9] deine Eltern trauern um dich. עליך האבל נפש הוריך
[10] Nach deinem Namen und nur nach dir allein ist unser Verlangen! לשמך ולובדך תאות נפשנו
[11] Eingraviert bist du in unser Herz alle Tage unseres Lebens. חרות אתה על לב כל ימי חיינו
[12] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה

Die deutsche Grabinschrift (Rückseite)

Inschrift Leopold Hanff R: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Hier ruht in Gott
[2] Leopold Hanff
[3] aus Berlin,
[4] geboren am 30. Juli 1829,
[5] gestorben in Meran am 18. Jänner
[6] 1857.
[7] In Jugendblüthe bist Du hingeschieden
[8] Stets unvergessen auch in heiligem Frieden.


Anmerkung

Zeile 8: Vgl. Ijob 8,12 עֹדֶ֣נּוּ בְ֭אִבּוֹ לֹ֣א יִקָּטֵ֑ף „In seiner Blüte noch nicht abgerissen…“.


Biografische Notizen

Leopold (Jehuda Elias) Hanff, geb. in Berlin oder zumindest aus Berlin, geboren laut hebräischer Grabinschrift am 29. Tammus (= Erev Rosch Chodesch Av), 22. Juli 1819 und laut deutscher Grabinschrift auf der Rückseite des Grabsteines am 30. Juli 1829 = 28. Tamus 589. Wir haben beim Geburtsdatum also eine Differenz von 10 Jahren. Gestorben in Meran laut hebräischer Grabinschrift am 25. Tevet 617 = Mittwoch, 21. Jänner 1857 und laut deutscher Grabinschrift am 18. Jänner 1852 = Sonntag, 22. Tevet 617. Beim Sterbedatum eine Differenz von 3 Tagen. Leopold Hanff wurde also nicht einmal 38 Jahre alt und war unverheiratet.



Beitragsbild: Totenhalle am jüdischen Friedhof in Bozen/Bolzano, 1933 nach einem Projekt des Architekten Erich Pattis errichtet. Mehr Informationen über den jüdischen Friedhof Bozen, siehe Marx Markus, 14. April 1804.


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(Marx Markus) Mordechai bar Gerson – 14. April 1804

Markus (Mordechai bar Gerson), Sohn des Gerson (Marx), 03. Ijjar 664 = (Schabbat, 14. April 1804) Der Grabstein befindet sich am jüdischen Friedhof Bozen/Bolzano in Südtirol und ist der älteste…

Markus (Mordechai bar Gerson), Sohn des Gerson (Marx), 03. Ijjar 664 = (Schabbat, 14. April 1804)

Der Grabstein befindet sich am jüdischen Friedhof Bozen/Bolzano in Südtirol und ist der älteste jüdische Grabstein in Bozen, wo der erste jüdische Friedhof bereits im Jahr 1431 belegt ist. 1614 erwarb der Bozener Kaufmann Gerson zwei Gründstücke unterhalb der Haselburg, die sich am Gelände des heutigen Friedhofes in Oberau befinden. Mehr Informationen sowie einen Lageplan des Friedhofes finden Sie auf der Website der Stadt Bozen und mehr Bilder vom Friedhof, der 1933 errichteten Totenhalle sowie vom Denkmal am Friedhof finden Sie auf unserer Facebook-Site.


Mordechai bar Gerson (Marx Markus) - 03. Ijjar 564 = Schabbat, 14. April 1804

Mordechai bar Gerson (Marx Markus) – 03. Ijjar 564 = Schabbat, 14. April 1804



Die Grabinschrift

Inschrift Mordechai bar Gerson 1804: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] H(ier ist) g(eborgen) פ“ט
[2] ein alter Ma(nn), satt an Tagen. Seine Handlungen gescha(hen) אי’ זקן ושבע ימים כל מעשיהו הי’
[3] in Annehmlichkeit, Liebeswerke vollzog er an בנעימים גמילת חסד עשה עם
[4] Lebenden und Toten. Er sättigte die Hungernden, החיים והמתים משביע לרעבים
[5] die Fremden und die Nahen. D(er angesehene) M(ann), der Einflussreiche, e(hrbare) H(err) לרחוקים ולקרובים הר הק כה
[6] Mordechai, Sohn des Gerson. Er verstarb i(n gutem) N(amen) a(m heiligen) Sch(abbat), מרדכי בר גרשון נפטר בשט שק
[7] und wurde begraben am Tag 1 (= Sonntag), 4. Ijjar 564 n(ach der kleinen Zeitrechnung). ונקבר ביום א“ ד“ אייר תקס“ד ל“
[8] S(eine) S(eele) m(öge eingebunden sein) i(m Bund) d(es Lebens). תנצבה


Anmerkungen

Zeile 3: Genesis 35,29; Ijob 42,17 ושבע ימים; ähnlich 1 Chronik 23,1.

Zeile 4: Aus dem Segensspruch nach dem Essen, s. zB Shulchan Arukh, Orach Chayim 187:1 יש אומרים ברוך משביע לרעב.

Zeile 5: הההקכה in der Inschrift ohne Wortabstände geschrieben.


Biografische Notizen

Die Quelle für alle biografischen Angaben ist: hohenemsgenealogie.at. Dort auch die Literarturreferenz.

Markus (Mordechai bar Gerson), geb. in Hessen, Deutschland, Postmeister, Kaufmann, nach Bozen emigriert vor 1771, gest. 03. Ijjar 664 = Schabbat, 14. April 1804, begraben Tag 1, 04. Ijjar 664 = Sonntag, 15. April 1804 am jüdischen Friedhof Bozen, Via Maso della Pieve / Pfarrhofstraße 7.
Das Todesdatum wurde aufgrund der hebräischen Grabinschrift, die eindeutig ist, korrigiert (siehe oben Zeile 6 und 7). Bisher publiziert wurde der 15. April 1804, siehe Hohenems. Im Folder zu einer Ausstellung auf Schloss Runkelstein finden wir nur das Sterbejahr 1804, kein Monats- oder Tagesdatum.
Am Rande angemerkt sei noch, dass wir in der hebräischen Inschrift auch „Mordechai bar Gerson“ und nicht „Mordechai ben Gerson“ lesen (wenngleich es in der Übersetzung keinen Unterschied macht).

Vater: Gerson (Marx)

Ehefrau: Lube (killa) Einstein
, gest. 04. April 1804 in Bozen

4 Kinder: Gerson Marx, Rosa (Gerson), Henriette (Helene) Marx und Maria Anna Marx, siehe Hohenems.

Nota bene: Die unter „Biografische Notizen“ hier publizierten biografischen Daten wurden von den angegebenen Quellen ungeprüft übernommen, weil der Schwerpunkt dieses Beitrages auf der Transkription und Übersetzung der hebräischen Grabinschrift, und damit auch letztlich auf der Korrektur des Sterbedatums liegt, aber nicht auf den genealogischen Daten.


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Die Gedenktafel – NEU

Eine kleine Nachlese Schon 2010 kritisierten wir die „alte“ Gedenktafel an jenem Haus, an dessen Standort sich die Gemeindesynagoge von Eisenstadt befunden hatte. Gestern Abend enthüllten der Bürgermeister der Freistadt…

Eine kleine Nachlese

Schon 2010 kritisierten wir die „alte“ Gedenktafel an jenem Haus, an dessen Standort sich die Gemeindesynagoge von Eisenstadt befunden hatte.
Gestern Abend enthüllten der Bürgermeister der Freistadt Eisenstadt, Thomas Steiner und Seine Exzellenz, der Botschafter des Staates Israel, Mordechai Rodgold, eine neue, zeitgemäße Gedenktafel.

Neue, zetigemäße Gedenktafel an dem Gebäude, das heute am Standort der ehemaligen Gemeindesynagoge steht

Neue, zetigemäße Gedenktafel an dem Gebäude, das heute am Standort der ehemaligen Gemeindesynagoge steht


Nach der Enthüllung wurde der Innenraum der Gemeindesynagoge in Originalgröße auf das Gebäude projiziert.

Die eigentlich für nur einen Tag geplante Mikroausstellung „Die Schul‘. Eine Mikro-Ausstellung über die ehemalige Gemeindesynagoge Eisenstadt“ gefiel und wird daher noch bis 26. Oktober verlängert.
Und das Buffet, das die Freistadt Eisenstadt ausrichtete, war unglaublich gut!

Danke allen, die mitgewirkt und gekommen sind!



Projektion des Innenraums der ehemaligen Gemeindesynagoge in Originalgröße

Projektion des Innenraums der ehemaligen Gemeindesynagoge in Originalgröße




Alle Fotos bekamen wir von der Freistadt Eisenstadt, vielen Dank Peter Opitz!


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Mikro-Ausstellung und ein historischer Abend

In der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge von Eisenstadt befand sich eine Tafel zur Begrüßung. Wir haben die Tafel sehr sachte renovieren lassen und präsentieren sie heute erstmals in unserer Mikro-Ausstellung…

In der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge von Eisenstadt befand sich eine Tafel zur Begrüßung. Wir haben die Tafel sehr sachte renovieren lassen und präsentieren sie heute erstmals in unserer Mikro-Ausstellung „Die Schul‘. Eine Mikro-Ausstellung über die ehemalige Gemeindesynagoge Eisenstadt“.

Tafel in der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge in Eisenstadt, 1913

Tafel in der Vorhalle der ehemaligen Gemeindesynagoge in Eisenstadt, 1913 (Tafel: Leihgabe des Landesmuseums Burgenland)

זה השער לה’ צדיקים יבואו בו
נתחדש בשנת נפשי תער“ג עליך אלקים
לפ“ק

Das ist das Tor zum HERRN, die Gerechten ziehen hier ein (Psalm 118,20).
Erneuert im Jahr, als meine Seele nach dir, oh Gott lechzte (Psalm 42,2),
nach der kleinen Zeitrechnung (= 1913)

Die kleine charmante Ausstellung (danke meinen Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern Sonja Apfler, Monika Gruber und Christopher Meiller) können Sie nur heute sehen und zwar bis ca. 20 Uhr.

Denn am Abend wird eine neue Gedenktafel an jenem Gebäude enthüllt, das heute an der Stelle der ehemaligen Gemeindesynagoge steht. Außerdem wird ein historisches Foto der Gemeindesynagoge in Originalgröße auf dieses Gebäude projiziert.

Wir laden alle sehr herzlich ein, am Abend nach Eisenstadt in die Unterbergstraße zu kommen, siehe unseren Newsletter mit dem Programm des historischen Abends: Newsletter 12. Oktober 2022.


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