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Fragment eines Grabsteins – Jakob, Sohn des Pinchas, zwischen 01. und 30. Tischre 289 = zwischen 24. September und 23. Oktober 1528 (nach gregorianischem Kalender, nach julianischem Kalender: zwischen 14. September und 13. Oktober 1528)

Es handelt sich um ein Fragment eines Grabsteins. Möglicherweise fehlen bei diesem Fragment auf keiner Seite textrelevante Teile. Oben könnte eventuell noch eine Einleitungsformel erwartet werden und auf der linken Seite fehlt, wenn überhaupt, nur sehr wenig. Hier zwei Fotos des Fragments, um eine möglichst gute Lesbarkeit zu ermöglichen.



Die Inschrift

Inschrift Fragment Jakob: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Er wurde eingesammelt in das Haus seiner Ewigkeit, der gute Mann, נאסף לבית עולמו האיש הטוב
[2] der Rechtschaffene, der den Himmel Ehrfürchtende, Jakob [Chajim?] והישר הירא שמים יעקב [חיים]
[3] S(ohn des) e(hrbaren) H(errn), des betagten und einsichtigen Mannes, des Frommen und den Himmel ברה זקן ונבון החסיד וירא
[4] Ehrfürchtenden, Pinchas, […] im Monat שמים פנחס […] בחדש
[5] Tisch(re) des Jahres 600 nach der seleukidischen Ära תשר[י] שנת תר\תד לשטרות


Anmerkungen

Zeile 2: Das Wort nach „Jakob“ kann ich nicht lesen, es könnte ein zweiter Name wie חיים „Chajim“ sein, allerdings fehlt dann m.E. das zweite י. Könnte es auch ein Segenswunsch sein?

Zeile 5: לשטרות „nach der seleukidischen Ära“. Diese Formel am Schluss der Inschrift ist außergewöhnlich und spannend. Siehe auch die anderen drei Grabsteinfragmente, die dasselbe Schlusswort in der Inschrift haben.

Zunächst zum Wort: Bezugnehmend auf Genesis 45,6 findet sich die Formulierung לשטרות im babylonischen Talmud, Traktat Avoda Sara 10a (ähnlich auch Rosch Haschana 2a u.a.), wo es vorher v.a. um die Frage des „Septenniums“ geht (Avoda Sara 9b), also um das Schabbatjahr: Wie man berechnet, in welchem Jahr des Septenniums man sich befindet und über das Problem mit vor- und nachdatierten Schuldscheinen = שטרות. Ferner heißt es in Avoda Sara 10a, dass das Regierungsjahr der israelitischen Könige mit dem Nisan, jenes der weltlichen Könige mit Tischre beginnt und dass daraus zu schließen ist, „dass wir nach der Ära der griechischen Herrschaft zählen„.

Wir finden auf diesem Grabsteinfragment leider nur das Schlusswort לשטרות „nach der seleukidischen Ära“, aber keinen genaueren Hinweis, der uns die Möglichkeit geben würde, den Grabstein zu datieren.

  • Wir kennen bzw. zumindest ich kenne keine Beispiele von Grabinschriften, auf denen ab Nisan (und nicht ab Tischre) datiert wurde.
  • Könnte לשטרות vielleicht schlicht auf die oben zitierte Talmudstelle Bezug nehmen im Sinne von „nach der Ära der griechischen Herrschaft“ und somit eben „nur“ die Datierung ab Tischre bestätigen?
  • Wir können eine Mehrfachdatierung, wie wir sie etwa auf den beiden byzantinischen Grabsteinen von Zoar am Toten Meer (483 unserer Zeitrechnung) finden, klar ausschließen (v.a. aufgrund des für diesen Zusammenhang recht vollständigen Textes auf diesem Fragment). Außerdem passen Text und Textstruktur der Inschriften von Zoar mit den hier vorliegenden Inschriften nicht zusammen. [1]
  • Die hier vorliegenden Texte (Wortwahl, Zitate, Struktur etc.) deuten auf 16. bis 19. Jahrhundert.
  • Die seleukidische Zählung war in Ägypten bis zum 16. Jahrhundert und in Spanien vor der Vertreibung 1492 üblich, siehe etwa Maimonides oder Abraham ibn Daud.
  • Die jemenitischen Juden waren/sind die einzigen Juden, die den seleukidischen Kalender bis in unsere Zeit herauf verwendet haben/verwenden.

Dieses Fragment ist das einzige Fragment, auf dem wir sehr wahrscheinlich eine Jahreszahl finden. Lesen wir, was sehr wahrscheinlich ist, תר, ist das nach der jüdischen Zeitrechnung das Jahr 600 (= 1840 und weil Tischre 1839!). Nun werden für die seleukidische Ära von der üblichen Zeitrechnung 311 Jahre abgezogen = Tischre 1528. Das Sterbedatum lag daher zwischen 24. September und 23. Oktober 1528 (im gregorianischen Kalender (!), im julianischen Kalender liegt das Sterbedatum zwischen 14. September und 13. Oktober 1528). [2]

Wie auch immer, am wahrscheinlichsten ist es wohl, dass das Fragment aus Jerusalem, wo jemenitische Juden bekanntlich über Generationen eine bedeutende Gemeinde waren, nach Wien ins jüdische Museum gebracht wurde.
Außerdem hatte Dr. Jakob Bronner, Gymnasialdirektor für Religion in der Wasagasse und seit 1916 als Nachfolger seines Bruders Maurice Kurator des jüdischen Museums, einen längeren Aufenthalt in Palästina, von wo er sehr wahrscheinlich Objekte wie die Grabsteine mitgenommen hat. 1925 lesen wir am 16. Juli in der Wiener Morgenzeitung:

Während der Dauer des zionistischen Kongresses (18. August bis 2. September) wird das Jüdische Museum täglich für den Besuch geöffnet sein. Die Sammlungen sind zum Teil neu aufgestellt worden und wurden nun durch zahlreiche Objekte zur zionistischen und palästinensischen Geschichte und Bewegung bedeutend vermehrt, sodass der Besuch überaus lohnend ist …


[1] Vielen Dank an Prof. Günter Stemberger, Institut für Judaistik der Universität Wien, für den Hinweis auf Zoar. [Zurück zum Text (1)]

[2] Vielen Dank an Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Wien, und besonders an William L. Gross, Tel Aviv, für die Hilfe bei der Berechnung des Sterbedatums nach der seleukidischen Ära. [Zurück zum Text (2)]



Johannes Reiss, im Oktober 2019