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Fragment eines Grabsteins – NN – Frau, 1556/57?

Es handelt sich um ein Fragment eines Grabsteins. Zumindest oben und rechts fehlen erhebliche Teile, links dürfte wenig oder nichts fehlen.

Grabsteinfragment: NN - Frau

Grabsteinfragment: NN – Frau, 1556/57?



Die Inschrift

Inschrift Fragment Frau – NN: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] […] […]
[2] […] […ח…]
[3] […] […ע…ר…]
[4] [in ihre] Welt, Monat[…] […לעו]למה חדש[…]
[5] [..6]28? (= 1867/68) nach der seleukidischen [Ära] […תר]כח לשטר[ות]


Anmerkung

Zeile 5: לשטרות „nach der seleukidischen Ära“. Diese Formel am Schluss der Inschrift ist außergewöhnlich und spannend. Siehe auch die anderen drei Grabsteinfragmente, die dasselbe Schlusswort in der Inschrift haben.

Zunächst zum Wort: Bezugnehmend auf Genesis 45,6 findet sich die Formulierung לשטרות im babylonischen Talmud, Traktat Avoda Sara 10a (ähnlich auch Rosch Haschana 2a u.a.), wo es vorher v.a. um die Frage des „Septenniums“ geht (Avoda Sara 9b), also um das Schabbatjahr: Wie man berechnet, in welchem Jahr des Septenniums man sich befindet und über das Problem mit vor- und nachdatierten Schuldscheinen = שטרות. Ferner heißt es in Avoda Sara 10a, dass das Regierungsjahr der israelitischen Könige mit dem Nisan, jenes der weltlichen Könige mit Tischre beginnt und dass daraus zu schließen ist, „dass wir nach der Ära der griechischen Herrschaft zählen„.

Wir finden auf diesem Grabsteinfragment leider nur das Schlusswort לשטרות „nach der seleukidischen Ära“, aber keinen genaueren Hinweis, der uns die Möglichkeit geben würde, den Grabstein zu datieren.

  • Wir kennen bzw. zumindest ich kenne keine Beispiele von Grabinschriften, auf denen ab Nisan (und nicht ab Tischre) datiert wurde.
  • Könnte לשטרות vielleicht schlicht auf die oben zitierte Talmudstelle Bezug nehmen im Sinne von „nach der Ära der griechischen Herrschaft“ und somit eben „nur“ die Datierung ab Tischre bestätigen?
  • Wir können eine Mehrfachdatierung, wie wir sie etwa auf den beiden byzantinischen Grabsteinen von Zoar am Toten Meer (483 unserer Zeitrechnung) finden, klar ausschließen (v.a. aufgrund des für diesen Zusammenhang recht vollständigen Textes auf dem Fragment „Jakob, Sohn des Pinchas, 24. September-23. Oktober 1528″). Außerdem passen Text und Textstruktur der Inschriften von Zoar mit den hier vorliegenden Inschriften nicht zusammen. [1]
  • Die seleukidische Zählung war in Ägypten bis zum 16. Jahrhundert und in Spanien vor der Vertreibung 1492 üblich, siehe etwa Maimonides oder Abraham ibn Daud.
  • Die jemenitischen Juden waren/sind die einzigen Juden, die den seleukidischen Kalender bis in unsere Zeit herauf verwendet haben/verwenden.
  • Eine wirkliche Hilfe zur exakten Datierung des Grabsteins bietet das Schlusswort לשטרות „nach der seleukidischen Ära“ bei diesem Grabsteinfragment freilich leider nicht, zumal die Lesung und Interpretation der beiden erkennbaren Buchstaben vor dem Schlusswort Hypothese bleiben müssen.

Zur Datierung: Lesen wir in Zeile 5 tatsächlich [תר]כח, also 1867/68, müssen wir für die seleukidische Ära 311 von der üblichen Zeitrechnung abziehen und erhalten damit das Jahr 1556/57, siehe besonders das ziemlich eindeutig datierbare Fragment „Jakob, Sohn des Pinchas, 24. September bis 23. Oktober 1528″. [2]

Am wahrscheinlichsten ist es wohl, dass das Fragment aus Jerusalem, wo jemenitische Juden bekanntlich über Generationen eine bedeutende Gemeinde waren, nach Wien ins jüdische Museum gebracht wurde.
Außerdem hatte Dr. Jakob Bronner, Gymnasialdirektor für Religion in der Wasagasse und seit 1916 als Nachfolger seines Bruders Maurice Kurator des jüdischen Museums, einen längeren Aufenthalt in Palästina, von wo er sehr wahrscheinlich Objekte wie die Grabsteine mitgenommen hat. 1925 lesen wir am 16. Juli in der Wiener Morgenzeitung:

Während der Dauer des zionistischen Kongresses (18. August bis 2. September) wird das Jüdische Museum täglich für den Besuch geöffnet sein. Die Sammlungen sind zum Teil neu aufgestellt worden und wurden nun durch zahlreiche Objekte zur zionistischen und palästinensischen Geschichte und Bewegung bedeutend vermehrt, sodass der Besuch überaus lohnend ist …


[1] Vielen Dank an Prof. Günter Stemberger, Institut für Judaistik der Universität Wien, für den Hinweis auf Zoar. [Zurück zum Text (1) ]

[2] Vielen Dank an Dr. Felicitas Heimann-Jelinek, Wien, und besonders an William L. Gross, Tel Aviv, für die Hilfe bei der Berechnung des Sterbedatums nach der seleukidischen Ära. [Zurück zum Text (2)]



Johannes Reiss, im Oktober 2019