Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Der Schulklopfer

Der Grabstein mit dem Hammer Obwohl ein eher unscheinbarer Grabstein, kann er kaum übersehen werden. Nahe dem Friedhofseingang des jüdischen Friedhofes Kobersdorf befindet sich der Grabstein des Michael (Leser) Bauer,…

Der Grabstein mit dem Hammer

Obwohl ein eher unscheinbarer Grabstein, kann er kaum übersehen werden. Nahe dem Friedhofseingang des jüdischen Friedhofes Kobersdorf befindet sich der Grabstein des Michael (Leser) Bauer, der am 04. März 1898 verstorben ist. Er war der Schulklopfer der jüdischen Gemeinde und er wurde mit seinem Hammer begraben. Auch auf dem Grabstein findet sich das Symbol des Hammers, in diesem Fall also wohl ein sogenanntes Berufssymbol. Berufssymbole kommen immer wieder vor und weisen, wie der Name sagt, auf den Beruf der oder des Verstorbenen hin. Der Hammer als Berufssymbol für den Schulklopfer ist mir aber noch nie auf einem jüdischen Grabstein begegnet außer eben hier in Kobersdorf auf dem Grabstein von Michael Bauer.

Grabstein Michael (Leser) Bauer, 12. Adar 658 = Sonntag, 06. März 1898

Grabstein Michael (Leser) Bauer, 12. Adar 658 = Sonntag, 06. März 1898


Sogar in der Literatur fand dieser bemerkenswerte Grabstein seinen Niederschlag:

In dieser Gemeinde ist ‒ an und für sich vielleicht gar nicht so bedeutend, aber doch ein charakteristisches Zeichen für den allgemeinen Niedergang ‒ mit dem letzten Schulklopfer, einem armen Halbnarren, vor etlichen Jahren auch der Hammer, der zum Schulklopfen diente, begraben worden…

Leopold Moses, Spaziergänge. Studien und Skizzen zur Geschichte der Juden in Österreich, hrsg. v. Patricia Steines, Wien 1994, S. 196-200.


Über das Schulklopfen in den ehemaligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes[1]

Ein alter Brauch in den westungarischen jüdischen Gemeinden und daher auch in den Sieben-Gemeinden war das „Schulklopfen“ שוהל־קאָפּפן. Der Gemeindediener ging in der Judengasse von Haus zu Haus, um die Bewohner an den Gottesdienst in der Synagoge zu erinnern.

Mit „Schul“ ist die Synagoge gemeint, die im Mittelalter lateinisch „schola“ (deutsch: Schule) genannt wurde. Zurück geht dieser Ausdruck auf den babylonischen Talmud, Traktat Schabbat 11a, wo die Synagoge als Schulraum bezeichnet wird: הַחַזָּן רוֹאֶה הֵיכָן תִּינוֹקוֹת קוֹרְאִין „der Aufseher darf den Schulkindern beim Lesen zusehen“. Der Ausdruck „Judenschule“ (lateinisch „schola judaeorum“) wird wahrscheinlich das erste Mal im Fridericianum, der Judenordnung von Herzog Friedrich II. erwähnt. Am Judenplatz 9 (damals „Schulhof“) in Wien war eines der beiden wichtigen Gebäude der Judenstadt die Judenschule, die schon 1204 als „Schola Judeorum“ urkundlich erwähnt wird.[2]
Jiddisch ist „schul“ bzw. in einigen Dialekten „schil“ in Verwendung.

Dieses „Schulklopfen“ fungierte, so erzählte Professor Meir Ayali, als innergemeindliches Signalsystem: Drei Schläge riefen die Gemeindemitglieder, morgens wie abends, zum Gebet; außerdem informierte das „Schulklopfen“ über Todesfälle in der Gemeinde: War ein Toter zu beklagen, dann wurden nicht die üblichen drei, sondern nur zwei Schläge ausgeführt.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ KNOCK, KNOCK, KNOCK ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben.

Meir Ayali in seinen Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt. Er wurde 1913 als Meir Eugen Hirschler in Eisenstadt geboren (und zwar in den Räumen des heutigen jüdischen Museums) und starb 2001 in Israel.

Das Schulklopfen forderte aber nicht nur zum Synagogengottesdienst auf, sondern hatte auch bei anderen Gelegenheiten eine bestimmte Funktion im Gemeindeleben: Sobald „in Schul“ geklopft wurde, musste im Zimmer einer Wöchnerin ein Licht angezündet sein, das erst am nächsten Morgen gelöscht werden durfte.

Und am „Schulklopfen“ orientierte man sich auch, wenn die Geburt so erfolgt war, dass bezüglich des Beschneidungstages Zweifel entstanden. Diesen Fall gab es öfter (siehe etwa auch den Geburtstag des berühmten Rabbiners Akiba Eger). Da die Beschneidung immer exakt am 8. Tag nach der Geburt erfolgen muss, gab es bei Geburten in den Abendstunden immer wieder Zweifel über den genauen Zeitpunkt der Geburt, also ob diese noch am alten oder schon am neuen jüdischen Tag erfolgt ist. Dementsprechend war dann ‒ nach bürgerlichem Datum gerechnet ‒ die Beschneidung eben am 8. oder eben am (scheinbar) 9. Tag nach der Geburt.

Auch aus Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, haben wir einen Bericht über den Schulklopfer:

Schalom Österreicher (1771-1839) erbte 77 Gulden Schulden von seinem Halbbruder Mose Löb Neufeld (ca. 1769-1809). Die 77 Gulden waren jedoch eine enorme und nicht zu bewältigende Belastung für den Hausierer mit einer Frau und mindestens sechs Kindern. Daher schlug Schalom, um seine Schulden abzubauen, der Chevra Kadischa vor, dass er bereit sei als Schames (Synagogendiener) zu fungieren, ein Amt, das auch die Pflichten des Schulklopfers umfasste.

So weckte Schalom die Juden von Mattersdorf jeden Morgen, indem er dreimal mit einem Holzhammer an jede Tür klopfte, um die Menschen in der Synagoge zum Gebet zu rufen. Wenn jemand in der Nacht gestorben war, klopfte er zweimal statt dreimal. Auch Hochzeiten und Beerdigungen kündigte der Schulklopfer Schalom Österreicher an. Als seine Schulden drei Jahre später abbezahlt waren, verlangte Schalom, dass die Chevra Kadischa diese Tatsache auch in ihrem Protokollbuch entsprechend bestätigten.
Schalom starb mit 67 Jahren am 6. Juli 1839 in Wien, laut Sterbeurkunde drei Tage vor seinem 68. Geburtstag. Begraben wurde Schalom Österreicher in Mattersdorf.

Hammer des Schulklopfers in Mattersdorf/Mattersburg, heute in Israel

Hammer des Schulklopfers in Mattersdorf/Mattersburg, heute in Israel



Aus Mattersburg stammt auch dieser Hammer, der über fünf Generationen für das Schulklopfen in der jüdischen Gemeinde verwendet wurde. Angeblich musste in den Jahren vor 1938 einmal der Stiel des Hammers erneuert werden, der Kopf blieb jedoch der alte. 1938 konnte ein Gemeindemitglied den Hammer auf der Flucht vor den Nazis retten. Heute befindet er sich in Tel Aviv.[3]

Am Schabbat und grundsätzlich auch an den Feiertagen trat das „Schulrufen“ an die Stelle des „Schulklopfens“, d.h. der Synagogendiener klopfte nicht mehr an jedes Haus, sondern ließ vor der Synagoge den Ruf „In Schul!“ hören. Auch in den letzten Jahren vor 1938 rief der Gemeindediener nur mehr vor der Synagoge „In Schul“.



[1] Es sei angemerkt, dass das Schulklopfen in anderen jüdischen Gemeinden und vor allem auch in anderen Zeiten etwas anders praktiziert wurde. So wurde etwa im nahen Wiener Neustadt seit dem Mittelalter viermal geklopft. Der 1460 in Wiener Neustadt verstorbene Gelehrte und Talmudist Israel Isserlein legte den Rhythmus KNOCK ‒ Pause ‒ KNOCK KNOCK ‒ Pause ‒ KNOCK fest, weil das erste hebräische Wort אבא des biblischen Verses Exodus 20,24 אָב֥וֹא אֵלֶ֖יךָ וּבֵרַכְתִּֽיךָ „ich werde zu dir kommen und dich segnen“ die Zahlenwerte 1, 2 und 1 hat.
Siehe dazu auch den Eintrag „Schulklopfer“ in der Wikipedia.
Weiters siehe auch den Eintrag „Schulklopfer“ in der JewishEncyclopedia. [Zurück zum Text (1)]

[2] Siehe Eintrag Judenplatz“ im Wien Geschichte Wiki. [Zurück zum Text (2)]

[3] Vielen herzlichen Dank an Carole Vogel für die Zurverfügungstellung der Geschichte aus Mattersdorf sowie aller Daten rund um Schalom Österreicher und seine Familie. Auf die genauen Familienverhältnisse und warum Schalom die Schulden erbte, wurde aber oben nicht explizit eingegangen. [Zurück zum Text (3)]


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Sieben Jahre wie zehn Jahre…

Zwei kleine Grabsteine am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Grabsteine von Kindern: Aron Goldstein, gestorben mit 3 Jahren am 27. Februar 1874 und sein Bruder Isak Goldstein, gestorben mit 7…

Zwei kleine Grabsteine am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt. Grabsteine von Kindern: Aron Goldstein, gestorben mit 3 Jahren am 27. Februar 1874 und sein Bruder Isak Goldstein, gestorben mit 7 Jahren am 2. April 1874.

Bei Isak Goldstein kennen wir nur den Grabstein, nicht aber das Grab des Kindes. Denn sein Grabstein wurde 1945 offensichtlich als Panzersperre gegen die Rote Armee verwendet, danach aber wieder auf den Friedhof zurückgebracht. Allerdings eben nicht auf seinen ursprünglichen Platz, sondern an die südliche Mauer des Friedhofes gelehnt.

Der Vater der beiden war Sekretär in der jüdischen Gemeinde, beide hebräische Inschriften sind zwar kurz, aber sehr schön und, besonders im Hinblick darauf, dass es um Inschriften für kleine Kinder geht, weise und aufwändig konzipiert.

So lesen wir etwa bei Isak in der ersten und zweiten Zeile:

Seufzen und Stöhnen,
Wehklagen und Weinen, eine zweite Trauer

was klar auf seinen ein Monat vor ihm verstorbenen kleinen Bruder Aron hinweist.

Aber bleiben wir bei Isak, in dessen Inschrift seine Klugheit schon in Zeile 5 angedeutet wird:

jung und doch weise, die Sünde meidend,

und weiter dann in Zeile 6 die vielleicht erklärungsbedürftige Altersangabe des verstorbenen Kindes:

Sieben Jahre wie zehn Jahre war er.

Eingedenk Zeile 5 wird man wohl am ehesten vermuten, dass Isak mit 7 Jahren schon so weise war wie ein 10jähriger war. Aber woher kommt diese Redewendung, diese Formulierung?

Bezug genommen wird hier auf die Parascha (Leseabschnitt in der Tora) „Chajje Sara“, „das Leben der Sara“, Genesis 23,1.

Zunächst der hebräische Bibeltext:

וַיִּהְיוּ֙ חַיֵּ֣י שָׂרָ֔ה מֵאָ֥ה שָׁנָ֛ה וְעֶשְׂרִ֥ים שָׁנָ֖ה וְשֶׁ֣בַע שָׁנִ֑ים שְׁנֵ֖י חַיֵּ֥י שָׂרָֽה׃.

Die meisten nichtjüdischen Übersetzungen lauten etwa:

Sara wurde hundertsiebenundzwanzig Jahre alt. So lange lebte Sara.

Lutherbibel 2017

Anders und ganz nahe am hebräischen Originaltext aber die Übersetzung von Buber-Rosenzweig:

Des Lebens Ssaras wurden hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, so die Jahre des Lebens Ssaras.

Tatsächlich steht im hebräischen Text hinter jeder Zahl der Altersangabe das Wort שָׁנָה „Jahr“, also hinter der Zahl 100, hinter der Zahl 20 und hinter der Zahl 7.

Der bedeutende jüdische Gelehrte Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, geb. 1040/41) greift in seiner Erklärung auf einen Midrasch (Schriftauslegung) zurück und zwar auf Bereschit Rabba (Genesis Rabba, entstanden wohl in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts n.d.Z.) 58,1a:

וַיִּהְיוּ חַיֵּי שָׂרָה מֵאָה שָׁנָה (בראשית כג, א), (תהלים לז, יח): יוֹדֵעַ ה‘ יְמֵי תְמִימִם וְנַחֲלָתָם לְעוֹלָם תִּהְיֶה, כְּשֵׁם שֶׁהֵן תְּמִימִים כָּךְ שְׁנוֹתָם תְּמִימִים, בַּת עֶשְׂרִים כְּבַת שֶׁבַע לְנוֹי, בַּת מֵאָה כְּבַת עֶשְׂרִים שָׁנָה לְחֵטְא. דָּבָר אַחֵר, יוֹדֵעַ ה‘ יְמֵי תְמִימִם, זוֹ שָׂרָה שֶׁהָיְתָה תְּמִימָה בְּמַעֲשֶׂיהָ…

Das Leben der Sara war 100 Jahre (Genesis 23,1), (Psalm 37,18) Der HERR kennt die Tage der Vollkommenen, ihr Erbe hat ewig Bestand. So wie sie vollkommen sind, so sind ihre Jahre vollkommen, Sara war 20 Jahre alt wie sieben Jahre in Bezug auf die Schönheit, 100 Jahre alt wie 20 Jahre alt in Bezug auf die Sünde. Eine andere Auslegung ist: Der HERR kennt die Tage der Vollkommenen, das ist Sara, die vollkommen war in ihren Handlungen…

Raschi dann ganz ähnlich, aber noch deutlicher, zur Stelle:

לְכָךְ נִכְתַּב שָׁנָה בְּכָל כְּלָל וּכְלָל, לוֹמַר לְךָ שֶׁכָּל אֶחָד נִדְרָשׁ לְעַצְמוֹ, בַּת ק‘ כְּבַת כ‘ לְחֵטְא, מַה בַּת כ‘ לֹא חָטְאָה, שֶׁהֲרֵי אֵינָהּ בַּת עֳנָשִׁין, אַף בַּת ק‘ בְּלֹא חֵטְא, וּבַת כ‘ כְּבַת ז‘ לְיֹפִי:

Es betrug das Leben Saras hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, darum steht das Wort Jahr שָׁנָה bei jeder einzelnen Zahl, um dir zu sagen, dass jedes für sich gedeutet werden soll; mit 100 Jahren war sie wie mit 20 Jahren rein von Sünden; wie sie mit 20 Jahren nicht gesündigt hatte, da sie bis dahin noch nicht verantwortlich gewesen, so war sie auch mit 100 Jahren ohne Sünde; und mit 20 Jahren war sie wie mit 7 Jahren an Schönheit (Bereschit Rabba 58,1).

Nicht im Midrasch, aber bei Raschi finden wir den bedeutenden Zusatz:

שני חיי שרה. כֻּלָּן שָׁוִין לְטוֹבָה:

Die Lebensjahre Saras, alle gleich an Güte.


Auch bei Abrahams Tod in Genesis 25,7 lesen wir:

וְאֵ֗לֶּה יְמֵ֛י שְׁנֵֽי־חַיֵּ֥י אַבְרָהָ֖ם אֲשֶׁר־חָ֑י מְאַ֥ת שָׁנָ֛ה וְשִׁבְעִ֥ים שָׁנָ֖ה וְחָמֵ֥שׁ שָׁנִֽים׃

Also auch hier nach jeder Zahl das Wort שָׁנָה „Jahr“. Und auch hier finden wir eine ähnliche Auslegung in Bereschit Rabba 62,1 und einen sehr ähnlichen Kommentar von Raschi:

מאת שנה ושבעים שנה וחמש שנים. בֶּן ק‘ כְּבֶן ע‘ וּבֶן ע‘ כְּבֶן ה‘ בְּלֹא חֵטְא:

Hundert Jahre und siebzig Jahre und fünf Jahre, mit 100 Jahren wie mit 70 und mit 70 wie mit 5 ohne Sünde.


Keine Frage: der Autor der hebräischen Grabinschrift von Isak Goldstein, vermutlich sein Vater, kannte den Midrasch und die Erklärung Raschis zu Genesis 23,1.


Und wenn Sie das nächste Mal jemandem zum Geburtstag „Bis 120“ (übrigens das Alter, in dem Mose am Berg Nebo verstarb) wünschen, wissen Sie jetzt, dass es eigentlich heißen müsste „Bis hundert wie zwanzig!“ ;-)


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Als 200 jüdische Familien in Kobersdorf obdachlos wurden…

Die letzten Jahre des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts waren für Kobersdorf, insbesondere auch für die jüdische Gemeinde des Ortes, Jahre heftigster Katastrophen. Auf die Ende 1894 wütende Diphterie folgte…

Die letzten Jahre des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts waren für Kobersdorf, insbesondere auch für die jüdische Gemeinde des Ortes, Jahre heftigster Katastrophen.
Auf die Ende 1894 wütende Diphterie folgte im Frühsommer 1895 die nächste Katastrophe: Anhaltende Regengüsse und ein diesem folgendes Hochwasser ungeheuren Ausmaßes zerstörten am Donnerstag, 6. Juni nicht nur das gesamte jüdische Viertel, sondern forderten allein in Kobersdorf 19 Todesopfer, darunter 4 jüdische. Diese wurden am jüdischen Friedhof in Kobersdorf begraben:

Moritz (Meir) Maier, seine Ehefrau Rosalia (Sara Chaja) Maier, geb. Riegler und deren Tochter Josephine (Perl) Maier im einzigen und daher auffälligen Dreifachgrab sowie der vierjährige Sigmund (Simon) Riegler einige Meter vor ihnen.


Der letzte Satz in der hebräischen Grabinschrift von Moritz (Meir) Maier (oben am Dreifachgrabstein der rechte) „Erst nach 4 Monaten fand er seine Ruhe“ gab mir lange Zeit Rätsel auf (ich habe den Grabstein das erste Mal am 28. Oktober 2014 fotografiert, in den folgenden Jahren immer und immer wieder).
Bis ich vor wenigen Wochen im Sterbebuch Kobersdorf den Eintrag fand, dass Moritz Maier erst am 16. Oktober 1895, vier Monate nach seinem Tod am 6. Juni, gefunden und identifiziert wurde.

Die zeitgenössische Presse zur Katastrophe:

Oedenburg, 7. Juni: Der in einer von hohen Bergen umschlossenen Mulde gelegene Luftkurort Kobersdorf wurde gestern von einer schweren Katastrophe heimgesucht. In Folge andauernder Regengüsse stürzten Nachmittags plötzlich von den umliegenden Bergen ungeheure Wassermassen mit solcher Heftigkeit zu Thal, dass die Bewohner des Ortes sich nicht mehr zu retten vermochten: Die Fluthen drangen mit elementarer Gewalt in die Häuser, Alles vernichtend, was ihnen in den Weg kam. Die massive Brücke konnte den anstürmenden Wassermassen nicht Stand halten. Der größte Theil des Ortes steht unter Wasser. Da der Postverkehr abgeschnitten ist und eine telegraphische Verbindung nicht besteht, ist man ohne genaue Berichte über die Tragweite der Katastrophe. Die Zahl der Vermißten wird gegenwärtig mit 12 angegeben. Der Postkutscher der gestern von Lakenbach nach Kobersdorf abging, ist bisher nicht zurückgekehrt…

Das Vaterland, 8. Juni 1895, 6


Am 8. Juni meldete die Neue Freie Presse, dass in Kobersdorf schon 21 Leichen gefunden wurden. Orkanartige Stürme und Überschwemmungen werden mittlerweile auch aus Südfrankreich, Algerien und Italien gemeldet.
Ebenfalls für den 8. Juni meldet das Neue Wiener Journal vom 9. Juni 1895, dass in Kobersdorf fortwährend Häuser einstürzen.
Die eiserne Cassa im Sparcassagebäude wurde umgeworfen. 1000 fl. Baargeld wurde weggeschwemmt. Derzeit, so die Zeitung, gibt es in Kobersdorf und den umliegenden Orten 42 Tote, es wird aber mit mehr als 70 Katastrophenopfern gerechnet. Aus Ödenburg sind heute die ersten Brotlieferungen gestartet.


Vom 8. Juni stammen auch mehrere konkrete Pressemeldungen über die Katastrophe in der jüdischen Gemeinde von Kobersdorf:

Freitag Nachmittags ist das Haus und das darin befindliche Geschäft des Leopold Hacker (Schlossgasse 9, heute Nr. 19) zusammengefallen. Sehr großen Schaden erlitten die Kaufleute Gerstl, Leopold und Philipp Hacker, Böhm und Zollschan.
Das Wassser ging so hoch, daß es in dem Gewölbe des Krämers Zollschan (Schlossgasse 31, heute Nr. 5) bis an die Decke reichte. Das ganze Warenlager ist ruiniert, Zollschan an den Bettelstab gebracht.
Der Tempel ist innen total vernichtet, blos die vier Wände stehen. Der weitbekannte Rabbi Lazar Alt flüchtete auf einen Sparherd und rettete dadurch sein Leben.
Der Brauhauspächter in Kobersdorf Mayer Hacker hat sich ganz besondere Verdienste um die Verunglückten erworben; der Genannte bewirthete dieselben, welche zu ihm geflüchtet waren und leistete ihnen nach jeder Richtung Beistand.
Der größte Verlust von Menschen, Thieren und Gütern ist in der Judengasse konstatiert worden. 200 jüdische Familien sind von allem entblößt und obdachlos…

Ödenburger Zeitung, 8. Juni 1895, zitiert nach Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.O, o.J., 75


Die Neue Freie Presse bestätigt am 10. Juni 1895:

…Das Elend ist dort ein furchtbares. In Peterfa (Oberpetersdorf) stehen kaum einige Häuser mehr, die Kobersdorfer Judengassse ist bereits vernichtet, ungefähr 200 Juden sind obdachlos. Die Zahl der Todten beträgt 33. Samstag und Sonntag war ihr Begräbnis. Die zweijährige Stephanie Kubesch aus Wien weilte bei ihrer Großmutter zur Luftcur in Kobersdorf und fand dort den Wellentod. Zwei Kobersdorfer fehlen noch.

Neue Freie Presse, 10. Juni 1895, 7


In der Gemeindechronik Kobersdorf lesen wir, dass (in Kobersdorf) 19 Menschenleben zu beklagen waren und an die 30 Häuser zerstört wurden. Und dass noch heute jährlich am 6. Juni in den christlichen Kirchen Gottesdienste im Gedenken an den „Wassertag“ und an die schreckliche Katastrophe abgehalten werden.

In diesem Sinne dürfen die Aufarbeitung der Grabinschriften sowie dieser Beitrag den vier jüdischen Todesopfern der Katastrophe endlich ihre Namen zurückgeben und als Gedenkbeiträge verstanden werden.


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100 Jahre – und unerfüllte Hoffnungen

Ich hatte am Freitag, 22. Oktober 2021, die Ehre, die Festrede in der Festsitzung „100 Jahre Burgenland“ des Gemeinderates der Freistadt Eisenstadt halten zu dürfen. Die Fassung hier ist nur…

Ich hatte am Freitag, 22. Oktober 2021, die Ehre, die Festrede in der Festsitzung „100 Jahre Burgenland“ des Gemeinderates der Freistadt Eisenstadt halten zu dürfen. Die Fassung hier ist nur leicht überarbeitet und ergänzt (bes. mit Bildern, Fußnoten und Links):

Die 100 Jahre, die das Burgenland heuer feiert, spielen aus jüdischer Sicht so gut wie keine Rolle, zumindest keine, die es zu feiern gilt. Man darf aus jüdischer Perspektive im Burgenland vielleicht sogar von 1.800 Jahren sprechen, denken wir an das Ende der 1990er Jahre in Halbturn gefundene jüdische Amulett. Aus jüdischer Eisenstädter Perspektive dürfen wir immerhin von 750 Jahren Besiedlungsgeschichte sprechen. In Eisenstadt existierte jedenfalls nachweisbar im Mittelalter die einzige voll ausgebildete jüdische Gemeinde des Burgenlandes [1].

Was ist also in diesen letzten 100 Jahren passiert (und passt in die mir zur Verfügung gestellte Zeit):

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Unterbergstraße, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Unterbergstraße, um 1920



Vor 100 Jahren, genau im Jänner 1921, publizierte der gelehrte Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, ‒ er war aus Galizien nach Wien gekommen und ist am Zentralfriedhof Wien, Tor IV, also in der neuen jüdischen Abteilung, begraben ‒ sein bahnbrechendes Werk über den älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt [2]. Das Geleitwort zu diesem Buch schrieb der Eisenstädter Alexander Sandor Wolf: Ich zitiere nur einige wenige Sätze daraus:

Die stille kleine Stadt lag abgeschieden von der großen Welt, die Hauptverkehrswege führten abseits vorbei, die Kaiserstadt, nur eine Tagesreise entfernt, zog alles, was tatkräftig und regsam war, an sich, zurück blieben beschaulich lebende Menschen. …

Unversehrt blieb sie stehen, die Gemeinde, mit ihren Toren und Ketten, die Samstag geschlossen werden, und mit den offenen warmfühlenden Herzen der Bewohner, die in Leid und Freud zusammenstanden, ein Musterbeispiel jüdischer Zusammengehörigkeit, vorbildlich in ihren dem Kultus und der Nächstenliebe dienenden Einrichtungen.

Anmerkung: Im Umsturzjahr 1918 wurde die Vereinigung der Judengemeinde, die auch eine selbständige politische Gemeinde ist, mit den anderen vier Gemeinwesen Eisenstadts beschlossen, im weiteren Verlauf wurde der Beschluss nicht durchgeführt, so dass hoffentlich noch lange Jahre diese Selbständigkeit der Judengemeinde erhalten bleibt.

Alexander Sandor Wolf hat bei diesen Worten wohl an mehr als 17 Jahre, ganz offensichtlich weit über 1938, hinausgedacht. Er selbst war in diesem Jahr (1938) schon über Triest nach Haifa emigriert.

Jüdisches Viertel Eisenstadt, oberer Teil der Unterbergstraße, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, oberer Teil der Unterbergstraße, um 1920



Drei Jahre später, im Dezember 1924, war die jüdische Welt in Eisenstadt aber noch in Ordnung, glaubt man dem Bibliothekar und Archivar Leopold Moses, der in Mattersdorf geboren und 1943 in Auschwitz ermordet wurde:

Bei der nichtjüdischen Bevölkerung herrscht vielmehr Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. Dort wäre nicht denkbar, was ich neulich in der Thelemanngasse (Vereinsbethaus Gemilath Chesed, Anm. des Autors) in Wien sah, dass nämlich keine einzige Fensterscheibe an dem dort befindlichen jüdischen Bethause ganz ist, was wohl weniger der Gewalt der aus diesem Heiligtum dringenden Gebete als vielmehr gewissen äußeren Einwirkungen zuzuschreiben sein dürfte. Wenn im Monat Elul im Burgenlande der Schofar ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Monaten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.

Leopold Moses, Urlaubstage im Burgenland, 19. Dezember 1924

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Wertheimergasse, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Wertheimergasse, um 1920



Aber schon sieben Jahre später, 1931, schlägt ein Autor, der sich Elchanan nennt, in der Jüdischen Presse ganz andere Töne an:

Eisenstadt. Ein Städtchen voller Merkwürdigkeiten und Paradoxa ‒ so könnte man vielleicht am besten die Landeshauptstadt am sonnigen, weinbestandenen Abhang des Leithagebirges charakterisieren… Das Groteskeste aber an diesem Städtchen der Paradoxa ist noch sein Judenstädtchen. …

Immerhin ist das Judenstädtchen von Eisenstadt wohl der einzige Ort in Mitteleuropa, dessen Schabbatruhe so konsequent durchgesetzt und auch straßenpolizeilich derart geschützt ist, dass nicht einmal ein Wagen die Möglichkeit hat, das holperige und spitze Pflaster der zwei Hauptgassen aus seiner beschaulichen Ruhe zu bringen. Schon diese unbedingte und vollständige Schabbatruhe, die auch im Osten Europas in größeren und frömmeren Judengemeinden kaum erreicht werden dürfte, macht Eisenstadt mit seiner von Schabbateingang bis Schabbatausgang geschlossenen Kette zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges, und auch sonst könnte man sich diesen Ort mit der herrlichen Luft der zum Greifen nahen Wälder sehr wohl als gern gesuchte Sommerfrische für jüdische Großstädter vorstellen. Aber die Bewohner der jüdischen Gassen Eisenstadts wären zufrieden, wenn ihr Viertel weniger den Charakter eines Raritätenkabinetts hätte und nicht auch mitten in der Woche fast dieselbe beschauliche Ruhe in ihrem Bezirk herrschte, die nahezu ebenso wenig durch Wagengerassel gestört wird wie am Schabbat. Der Verkehr weicht der Judenstadt nicht mehr, wie es früher der Fall und von den Juden beabsichtigt war, bloß am Schabbat, sondern auch an den Wochentagen in weitem Bogen aus. In stiller Resignation stehen die wenigen Übriggebliebenen in der Judengasse vor ihren altertümlichen Gewölben und sehen zu, wie das, was für Eisenstadt den großen Weltverkehr bedeutet, wenn es auch noch so wenig ist, außen an ihrem Städtchen vorübergeht.

Wenn man sich für den Ausblick in die Zukunft noch ein wenig Optimismus bewahrt hat, wird man vielleicht sogar hoffen dürfen, dass infolge der Arbeit des neuen Raw gerade die Entwicklung Eisenstadts zur Hauptstadt auch dem jüdischen Eisenstadt doch auch ein wenig zugutekommen wird. Vorläufig geht zwar der große Verkehr an der Judenstadt vorüber und diese selbst schläft und seufzt. Aber wenn man es sich des Abends nicht verdrießen lässt, die steile Treppe neben der Synagoge zum Schiurzimmer[3] hinanzusteigen, in dem ein paar alte Männer über Talmudfolianten gebeugt sitzen, dann eröffnet sich einem gerade aus diesem, dem ernsten Studium der Tora geweihten Raum ein schöner Ausblick auf die vorüberführende Hauptverkehrsstraße mit ihren schönen neuen Gebäuden und weiter darüber hinaus in das weite Land. Vielleicht wird ernstes Streben nach Tora unserm Volke nicht nur hier zeigen, wie es nicht mehr seiner Ideale wegen aus dem freien Wettbewerb der Völker ausgeschaltet, sondern gerade durch diese Ideale den ihm gebührenden Anteil zugeteilt erhalten wird, und so wird es wohl auch der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt beschieden sein, wenn sie wieder den steilen Weg der Tora erklimmt, neue Auswege und Ausblicke zu gewinnen in eine schönere Zukunft.

Elchanan, in: Jüdische Presse 17, 21. 8. 1931

Straßentransparent in Hornstein (nahe Eisenstadt), 1938

Straßentransparent in Hornstein (nahe Eisenstadt), 1938



Diese schönere Zukunft sollte es nie geben. Denn wiederum sieben Jahre später, 1938 war es in den burgenländischen jüdischen Gemeinden, auch in Eisenstadt, zu einem sehr schnellen Aus gekommen, schneller und konsequenter als im übrigen Österreich. Ende Oktober 1938 meldet, wie wir wissen, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, dass es im Burgenland keine Juden mehr gibt.

Die letzte jüdische Geburt in Eisenstadt vor 1938 war Gertrude Weiß am 5. August 1938, geboren im Spital der Barmherzigen Brüder, als Tochter vom Schuhmachermeister Hugo Weiß, 36 Jahre alt, und der Rosa Farkas, 38 Jahre alt. Siehe v.a. die erste Frau von Hugo Weiß, Josefine Weiß, gest. 1928 und begraben am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt und ihren tragischen Tod.

Die letzte jüdische Hochzeit war zwei Monate vorher, am 13. Juni 1938 zwischen Hugo Soltesz und Charlotte Geiger. Ihre Schwester Ilona heiratete Dr. Alfons Barb, den späteren jüdischen Direktor des Landesmuseums Burgenland. Sein Bruder, Dr. Zoltan Soltesz, der 1934 im Gemeindewald von Kleinhöflein Selbstmord durch Vergiften verübte, ist sowie seine Schwester Helene am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben.

Der letzte, der 1938 gestorben ist, war Samuel Gellis, ein arbeitsloser Schuhmachergeselle. Er beging Suizid, er hat sich erhängt, am 11. Juni 1938 um Mitternacht, mit 54 Jahren. Seine Schwester und sein Schwager sind in der Schoa ermordet worden. Beide Eltern, beide Großeltern, beide Urgroßeltern und beide Ururgroßeltern (begraben sind sie alle auf dem älteren und jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt), also 5 Generationen lebten und arbeiteten 220 Jahre sicher und zufrieden in Eisenstadt ‒ bis 1938 [4].

Nach 1945 kamen wenige Juden zurück ins Burgenland, die meisten zogen bald wieder weg, hier blieben etwa ein Dutzend Juden, in Eisenstadt waren es zwei Familien, die die Jahrzehnte nach 45 hier lebten: die Familie Schiller und die Familie Trebitsch.

1972 wurde unser Österreichisches Jüdisches Museum als erstes jüdisches Museum in Österreich und als viertes in Europa nach 1945 gegründet. Im kommenden Jahr feiern wir unser 50jähriges Jubiläum.

Das Programm hat seit 1945 andere Vorzeichen: Schrieb, erklärte und „dolmetschte“ der eingangs erwähnte Dr. Bernhard Wachstein selbstverständlich und ausschließlich für jüdisches Publikum, sind unsere heutigen Adressaten vorwiegend Nichtjuden.

Das gilt nicht nur für uns als Museum, das gilt selbstverständlich, mutas mutandis, für alle zeitgeschichtlichen Initiativen, Gedenktafeln, Veranstaltungsinitiativen usw.

Das gilt für die tausenden hebräischen Grabinschriften auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes genauso wie für ‒ ich darf sie so bezeichnen ‒ Jahrhundertfunde wie den Genisagrabstein in Kobersdorf oder den Torawimpel des 1761 in Eisenstadt geborenen bedeutenden Rabbiners Akiba Eger.

Es ist viel gemacht worden im Burgenland, besonders viel wohl in Eisenstadt seit 1945. Und es muss noch viel gemacht werden, im Burgenland und hier in Eisenstadt in den nächsten 100 Jahren.

Wir können niemals die Leere, die das Fehlen jener Menschen, die unter uns über Jahrhunderte lebten, ausgelöst hat, füllen. Aber wir können und müssen, was immer wir tun, den Vertriebenen und Ermordeten ihre Namen, ihre Geschichte, ihre Geschichten, und damit ihnen ihre Würde zurückgeben.



[1] Harald Prickler, Beiträge zur Geschichte der burgenländischen Judensiedlungen, in: Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Heft 92, 1993, 68. [Zurück zum Text (1)]

[2] Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922. Die Publikation datiert aus dem Jahr 1922, das Geleitwort von Sandor Wolf ist aber mit Jänner 1921 datiert! [Zurück zum Text (2)]

[3] „Schiur“, Hebräisch, bedeutet „Unterricht“. Das Schiurzimmer ist also jener Raum, in die Rabbiner ihren Schülern Unterricht gaben, siehe unseren Artikel „Meine Kindheit in der Judengasse von Eisenstadt„. [Zurück zum Text (3)]

[4] Zur Familie Gellis siehe besonders unseren Artikel „Rosch haSchana 5779„. [Zurück zum Text (4)]


Keine Kommentare zu 100 Jahre – und unerfüllte Hoffnungen

Tag des Friedhofs 2021

Gestern und heute ist der #TagDesFriedhofs. In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe (in unmittelbarer Umgebung unseres jüdischen Museums) sowie ein Mausoleum. Beide Friedhöfe können besucht werden, den Schlüssel erhalten…

Gestern und heute ist der #TagDesFriedhofs.

In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe (in unmittelbarer Umgebung unseres jüdischen Museums) sowie ein Mausoleum. Beide Friedhöfe können besucht werden, den Schlüssel erhalten Sie sowohl in unserem Museum als auch beim Portier des Krankenhauses (gleich neben den Friedhöfen). Das Wolf-Mausoleum befindet sich einige Meter oberhalb des Gymnasiums Wolfgarten und ist mit dem Auto in wenigen Minuten, zu Fuß in etwa 20 Minuten (vom Museum aus) erreichbar.

Der ältere jüdische Friedhof darf wohl als einer der bedeutendsten jüdischen Friedhöfe in Europa bezeichnet werden. Über 1.100 Grabsteine, der älteste aus dem Jahr 1679, ausschließlich hebräische Grabinschriften. Auf dem Friedhof befinden sich u.a. die Gräber von MaHaRaM A“SCH, Rabbi Meir Eisenstadt, gest. 1744, dem ersten offiziellen Rabbiner der jüdischen Gemeinde Eisenstadt, sowie die Gräber der Eltern des berühmten Rabbi Akiba Eger (der heute, am 13. Tischre, seinen Jahrzeittag hat!): Mose Güns-Schlesinger und Gütel, Tochter von Akiba Eger dem Älteren… Schon 1922 wurde dieser Friedhof vollständig dokumentiert, seit 2015 ist jeder Grabstein mit Foto und Inschrift auch online, jeder Grabstein hat einen QR-Code mit Namen und Sterbedatum, wodurch alle BesucherInnen die Möglichkeit haben, ein bestimmtes Grab auch tatsächlich zu finden.

Nur wenige Meter entfernt liegt der jüngere jüdische Friedhof, der von 1875 an belegt wurde. Die etwa 300 Grabsteine haben ebenfalls fast ausschließlich hebräische Grabinschriften. 1992 wurde der Friedhof geschändet, der Täter im Herbst 1995 gefasst. Auch dieser Friedhof wurde von uns schon 1995 dokumentiert, seit 2017 ist jeder Grabstein mit Foto, Grabinschrift, Übersetzung, Anmerkungen und biografischen Ergänzungen online und vor Ort ebenfalls mit QR-Code versehen.

Das Mausoleum der Familie Wolf am Fuß des Leithagebirges im ehemaligen Obst-und Gemüsegarten der Familie Wolf beherbergt eine Gedenktafel sowie die Urnen von 12 Nachkommen von Leopold Wolf und seiner Frau Ottilie Laschober. Ottilie war katholisch, alle Kinder erhielten die Religion ihres Vaters, traten aber im Laufe ihres Lebens aus dem Judentum aus. Die Kinder, Schwiegerkinder und Enkeln von Leopold und Ottilie Wolf wurden aus der ganzen Welt zu ihrer Mutter nach Eisenstadt gebracht (bis 2001!).


Danke an die Kolleginnen/Kollegen vom Jüdischen Museum Frankfurt / Museum Judengasse https://www.facebook.com/juedischesmuseumffm fürs Erinnern an den #TagdesFriedhofs.


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Rosch haSchana 5782

Morgen ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5782. שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה! Unsere Wünsche sind…

Morgen ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5782.

שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה!

Unsere Wünsche sind natürlich ganz ernst gemeint, das nostalgische Motiv dagegen weniger. ;-)

Postkarte mit Kaiser Franz Josef I. und hebräischem sowie ungarischem Text

Postkarte mit Kaiser Franz Josef I. und hebräischem sowie ungarischem Text



Zu viele Fehler im Text der Postkarte machen sie ungeeignet sowohl zum Hebräisch- als auch zum Ungarischlernen. ;-) Meines Erachtens sind die Fehler v.a. der Tatsache geschuldet, dass es sich bei der vorliegenden Karte um eine handschriftlich erstellte Kopie handelt (?).
Ein sehr grober „Übersetzungsversuch“ des hebräischen Textes:

Der DU den Königen Sieg gibst und Herrschaft den Fürsten, Königreiche der Herrschaft auf alle Ewigkeit. Der erlöst David, seinen Knecht, vom verderblichen Schwert (s. Psalm 144,10). Der einen Weg gibt im Meer und einen Pfad in mächtigen Wassern (Jesaja 43,16).
ER möge ihn segnen, behüten, bewachen, ihm helfen, ihn erheben, ihn groß machen und ihm Ansehen verschaffen (s. 1 Chronik 143,2), unsern Herrn, König Franz Joseph I., sein Name möge verherrlicht werden.

Unter dem ungarischen Text:

Ihr möget in ein gutes Jahr eingeschrieben werden.

Der ungarische Text ist noch fehlerhafter als der hebräische und will ausdrücken, dass Friedenswünsche für das kommende neue Jahr gesendet werden.


Besten Dank an Herrn Meir Deutsch, Israel, für die Postkarte!


4 Kommentare zu Rosch haSchana 5782

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