Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Mattersburg war ein kleiner Ort …

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war…

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war alles.

Josef Weiszberger, 1917 in Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, geboren, später in Richtung Tel Aviv emigriert (nachzulesen in der von Alfred Lang u.a. herausgegebenen Interviewsammlung „Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen“, Wien 2004)

Das Ende des jüdischen Mattersburg, vielgerühmt ob der Frömmigkeit seiner Bewohner, kam mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938, die Mattersburger Juden vertauschten ihren frommen „Alltag“ zwangsweise mit Gefangenschaft oder Emigration.

Mit dem Ende der Geschichte des burgenländischen Mattersburg beginnt die Geschichte eines jüdischen Exil-Mattersburg – Neugründung inklusive! Die Errichtung dieses „neuen“ jüdischen Mattersburg – nun fern des Wulkatals – ist eines der großen Kuriosa in der Geschichte der burgenländischen „Siebengemeinden“: Samuel Ehrenfeld, letzter Mattersburger Gemeinderabbiner, gründete zunächst im New Yorker Exil eine Mattersdorf-Gemeinde, später folgte der Aufbau eines Kirjat Mattersdorf (קריה Kirja = hebr. „Stadt“, „Vorort“) in Jerusalem.
(Kompakt nachzulesen ist die Geschichte von Mattersburg/Mattersdorf in den Texten der VHS-Ausstellung „Zerstörte Jüdische Gemeinden im Burgenland“.)

  • Ortschild in Hebräisch, Arabisch und Englisch 'Mattersdorf', Auto und Radfahrer
  • Schabbattor in Kirjat Mattersdorf
  • Gittertor und Wegweiser zum religiösen Zentrum von Kirjat Mattersdorf


Von dieser Fortsetzung des burgendländisch-jüdischen Lebens können sich Israel-Besucher, bis heute, selbst ein Bild machen – wenige hundert Meter nördlich von Jerusalems reger Jaffa Road beginnt mit Kirjat Mattersdorf eine touristen-, nicht aber burgenlandfreie Zone …


Übrigens: Eine Spur des Namenswechsels Mattersdorf/Mattersburg findet sich auch in unserem aktuellen Bild der Woche, eine Ansicht der Namen der burgenländischen Gemeinden in Yad Vashems „Tal der Gemeinden“:
In lateinischen Buchstaben lesen wir „Mattersburg„, im Hebräischen „Mattersdorf„. Die Gestalter wählten in der lateinischen Variante das ab 1924 offizielle Mattersburg, im Hebräischen das ursprüngliche und innerjüdisch weiterhin gebräuchliche Mattersdorf (ähnlich liegt der Fall bei Deutschkreutz/Zelem).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel zu Geschichte und Gegenwart von Mattersburg/Mattersdorf sowie zum diesjährigen Österreich-Besuch des Mattersdorfer Oberrabbiners …


Keine Kommentare zu Mattersburg war ein kleiner Ort …

Bild der Woche – Yad Vashem

Im „Tal der Gemeinden“, Teil der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, finden sich die Namen tausender zerstörter jüdischer Gemeinden in Stein geschrieben. Die Namen der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlands…

Im „Tal der Gemeinden“, Teil der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, finden sich die Namen tausender zerstörter jüdischer Gemeinden in Stein geschrieben.

Burgenländische Gemeinden in Yad Vashem

Die Namen der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlands sind in geographischer Ordnung (von Norden nach Süden) gereiht.


Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


6 Kommentare zu Bild der Woche – Yad Vashem

Fred Astaire – garantiert kein Burgenländer

Fred Astaire ein Burgenländer. Zu schön, um wahr zu sein. Und daher natürlich auch nicht wahr. Auch wenn manche nach wie vor nachplappern bzw. nachschreiben, was nie richtig gewesen ist,…

Fred Astaire ein Burgenländer. Zu schön, um wahr zu sein. Und daher natürlich auch nicht wahr. Auch wenn manche nach wie vor nachplappern bzw. nachschreiben, was nie richtig gewesen ist, bloß von einem ambitionierten und durchaus beherzten Mythomanen burgenländischer Provenienz vor mehr als 25 Jahren in die (auch damals schon bescheiden unbescheidene) burgenländische Welt gesetzt wurde und sich dort gehörig bzw. ungehörig verbreitet hat. Ich darf das so und auch ein wenig respektlos schreiben und behaupten, denn ich war Augen- und Ohrenzeuge jenes kleinen Ereignisses in den frühen 70er Jahren, das dieser Legendenbildung vom großen Hollywoodstar und Traumtänzer aus dem Burgenland zugrunde liegt: der erste Besuch Wilhelm Schneiders (des letzten Bürgermeisters der mehrheitlich von Juden bevölkerten Gemeinde Eisenstadt-Unterberg in den Jahren 1934-1938) in Eisenstadt. Nach dem späten Ende seiner Emigrationszeit in New York, zum Zeitpunkt seiner österreichischen Neuansiedlung in Baden bei Wien.

Bis 1938 war Wilhelm Schneider jüdischer Textilhändler in Eisenstadt, verheiratet mit Elisabeth Löffler, einer jüdischen Müllerstochter aus Antau im Bezirk Mattersburg. Im Ersten Weltkrieg trug er den Rock zweier Habsburgischer Kaiser und rüstete 1918 im Range eines Oberleutnants der Infanterie ab. Einer seiner Regimentskameraden war Dipl. Ing. Hans Sylvester, ein Bauernsohn und Landespolitiker vom Heideboden, der 1934 von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (mit dem er schon davor als Amtsdirektor der Burgenländischen Bauernkammer zusammengearbeitet hatte) zum Landeshauptmann für das Burgenland bestellt wurde. Dessen Karriere hatte Einfluss auf die Wilhelm Schneiders. Sylvester (auch Landesleiter der ›Vaterländischen Front‹ im Burgenland) ›machte‹ den eher bürgerlichen und davor politisch enthaltsamen Textilhändler zum neuen Bürgermeister der autonomen (weitgehend mit der jüdischen Kultusgemeinde identischen) Kommune Eisenstadt-Unterberg.

Zurück (oder auch: vorwärts) ins Jahr 1974 und zu einem Treffen zwischen Wilhelm Schneider, seiner Frau Elisabeth, dem Historiker und Judaisten Dr. Nikolaus Vielmetti, meiner Wenigkeit (damals wie heute Kulturredakteur im ORF) und Franz Probst, dem Kulturredakteur der sozialistischen Wochenzeitung BF. Wilhelm Schneider erzählte dabei unter anderem, dass er in New York als Hilfsarbeiter in einer Wäscherei (›Laundry‹) beginnen musste und diese Zeit für ihn sehr bitter gewesen sei. In seiner Not kam ihm die Idee, dem damals schon berühmten und vermögenden Fred Astaire einen Brief nach Hollywood zu schreiben und darin um finanzielle Unterstützung zu bitten. Gedacht und auch getan mit der wohlformulierten Begründung, dass er, Wilhelm Schneider ein jetzt notleidender Verwandter sei. Wilhelm Schneider im Originalton eines von mir geführten Interviews für eine Fernsehdokumentation mit dem Titel ›Judengräber im Burgenland‹ (1974 gedreht, gestaltet und gesendet):

Die Schwester seines (also Astaires) Vaters war meine Großmutter und stammte aus Austerlitz in Mähren.

Übrigens. Ein anderer berühmt gewordener Austerlitz, nämlich Fritz Austerlitz, war Chefredakteur der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung in der Zwischenkriegszeit und Verfasser jenes Leitartikels nach dem Urteil im ›Schattendorfer Prozess‹, der am 15. Juli 1927 die Massen auf die Straßen Wiens gebracht hat und nicht zuletzt zum zündenden Funken für den Brand des Justizpalastes geworden ist.

Fred Astaire mit seiner Schwester Adele (1919), Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Astaire

Fred Astaire mit seiner Schwester Adele (1919), Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Astaire



Astaire (1899 in Omaha geboren) hat den Bettelbrief Wilhelm Schneiders möglicherweise nie erhalten, jedenfalls darauf nie geantwortet oder reagiert, wie mir noch in den 80er Jahren Wilhelm Schneiders Witwe Elisabeth bei einer Einladung zum Tee in ihre Wohnung in Baden bei Wien auf meine insistierende Frage mitgeteilt hat. Wilhelm Schneider musste sich aus eigener Kraft über die schlimmste Zeit in New York hinweg retten. Seine manchmal etwas verworrene und verwirrende Erzählung im beschriebenen Rahmen, in der legendär gewordenen Redaktionsstube des Franz Probst, hingegen trieb üppige Blüten. Zunächst aktuell in der BF noch so ähnlich, wie hier wiedergegeben, wurde die Nähe Fred Astaires zu Eisenstadt jedoch immer größer, je öfter Franz Probst auf diese Episode zurückgriff und sie in seinen verschiedenen Kolumnen und Kommentaren zu Gedenktagen über ›große und bedeutende Burgenländer‹ aufwärmte. Am Ende seines Lebens glaubte es Franz Probst wahrscheinlich schon selber, dass die Gene des begnadeten amerikanischen Entertainers in dem an die verträumte Esterházysche Residenz anschließenden Ghetto entwickelt wurden. Ist ja auch zu schön, diese Vorstellung, um sie nicht wahr machen zu wollen. Und bestehenden Plänen, in einem restaurierten Gebäude dieses ehemaligen Ghettos ein Nobelrestaurant zu etablieren und es ›Zum fidelen Fred Astaire‹ zu benennen, wäre dann ja auch hinterfotzig und besserwisserisch die historische Grundlage entzogen worden.

PS.: In Hugo Golds Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes (1970 in Tel Aviv erschienen) wird der französische Linkspolitiker Léon Blum von seiner Abstammung her mit dem Burgenland (respektive mit Lackenbach, einer der sieben jüdischen Gemeinden im Bereich der Esterházyschen Grundherrschaft) in Verbindung gebracht. Aber außer der in diesem Buch in zwei Zeilen formulierten Behauptung, dass Léon Blum zu den ›hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten aus dem Burgenland‹ gehört, habe ich bisher keine weitere Quelle gefunden, die diese Feststellung bestätigt bzw. glaubwürdig erscheinen lässt. Alle mir bekannten Publikationen wissen bloß von Blums Geburt 1872 in Paris und nennen familiäre Wurzeln in Elsaß-Lothringen.

Bemerkenswert und für eine weitere genealogische Untersuchung interessanter ist für mich hingegen die von James Joyce beschriebene Herkunft seiner Romanfigur Leopold Bloom (alias Virág) im Ulysses. Der große irische Schriftsteller lässt seinen Helden aus dem westungarischen Szombathely abstammen und erst nach Stationen in Wien und Triest nach Dublin gelangen. Wenn man weiß, wie sehr und wie oft sich Romanciers durchaus an authentische Tatsachen halten, ist die Vorstellung, dass der Heilige Martin und einer der prominentesten Protagonisten der Weltliteratur im 20. Jahrhundert aus dem selben Nest kommen, schon reizvoll.

Quelle:
Günter Unger, Fred Astaire ‒ Garantiert kein Burgenländer!, in: Forscher ‒ Gestalter ‒ Vermittler. Festschrift Gerald Schlag, hrsg. von Wolfgang Gürtler und Gerhard Winkler, (WAB) Band 105, Eisenstadt 2001, 443-444.


Keine Kommentare zu Fred Astaire – garantiert kein Burgenländer

Bild der Woche – Spendenbüchse

Gleich neben dem Eingang in die Männerabteilung der Wertheimersynagoge im Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich eine Spendenbüchse und darüber vier hebräische Buchstaben mit „Schwalben“: Die vier hebräischen Buchstaben werden als…

Gleich neben dem Eingang in die Männerabteilung der Wertheimersynagoge im Österreichischen Jüdischen Museum befindet sich eine Spendenbüchse und darüber vier hebräische Buchstaben mit „Schwalben“:

Spendenbüchse mit vier hebräischen Buchstaben

Die vier hebräischen Buchstaben werden als Akrostychon (jeder Buchstabe ist der erste Buchstabe eines Wortes) gelesen:

מַתָּן בַּסֵּתֶר יִכְפֶּה אָ֑ף

Ein Geschenk im Geheimen verdrängt den Zorn Gottes
Sprüche 21,14



Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


Keine Kommentare zu Bild der Woche – Spendenbüchse

Koschere Melange

Update 14. Jänner 2018: Das Bild oben zeigt einen Screenshot des Blogdesigns vom Start (18. August 2009) bis zum Relaunch am 14. Jänner 2018 Das Österreichische Jüdische Museum bloggt seit…

Update 14. Jänner 2018: Das Bild oben zeigt einen Screenshot des Blogdesigns vom Start (18. August 2009) bis zum Relaunch am 14. Jänner 2018


Das Österreichische Jüdische Museum bloggt seit heute unter dem Titel „Koschere Melange“.
Wir heißen Sie mit diesem ersten Blogbeitrag herzlich willkommen.

Aus Marketinggründen, insbesondere auch aus Gründen der besseren Zitierbarkeit und des transparenteren Auftritts entschieden wir uns dafür unserem Blog einen eigenen Titel zu geben.

„Koschere Melange“ als Blogtitel war schnell gefunden und schien uns aus mehreren Gründen
passend:
Mit „Melange“ im engeren Sinn soll ganz bewusst ein Austriacum, die bekannte Wiener Kaffeespezialität, assoziiert werden. Mit „Melange“ im weiteren Sinn sollen die Bloginhalte angedeutet werden, nämlich eine möglichst bunte Mischung an Beiträgen aus dem Museumsalltag.

Dass diese Mischung behauptet koscher zu sein, scheint auf den ersten Blick ein (zu) hoher Anspruch. Doch ist es einerseits wohl eine Frage der Glaubwürdigkeit. Denn wie sollte ein jüdisches Museum, das sich wie das unsere der so spezifischen und bedeutenden jüdischen Geschichte der Region verpflichtet fühlt, etwas anderes servieren als eine koschere Melange ;-) ?
Andererseits wollen wir das Wort „koscher“ hier selbstverständlich nicht nur im engeren religiösen Kontext verstehen, sondern so wie wir es in unserer Alltagssprache verwenden.

Bleibt noch die Frage, ob es eine koschere Melange überhaupt gibt? Ja es gibt sie, wenn die Bestimmungen eingehalten werden. So ist etwa Milch streng genommen nur dann koscher, wenn die Milch von reinen Tieren stammt (Kuh, Schaf oder Ziege) und ihre Gewinnung vom Melken bis zur Flaschenbefüllung durch legitimierte jüdische Aufsichtspersonen überwacht wurde. Ist es unmöglich koschere Milch zu erhalten, wird meist auch die handelsübliche Milch erlaubt. Milch von nicht reinen Tieren (Kamel- oder Stutenmilch) ist hingegen streng verboten.
Schwieriger ist es beim Milchpulver, da auch dieses natürlich – etwa wie bei der Schokoladenproduktion – koscher sein muss.
Auf der Koscherliste der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (Link derzeit leider inaktiv! Update 28. Dezember 2020) vom 07. November 2006 etwa wird die Hauspackung Wiener Melange von Möwenpick als koscher und damit als erlaubt ausgewiesen.

Wir hoffen, dass Sie unser Angebot des Blogs annehmen, laden Sie herzlich ein sich aktiv daran zu beteiligen und freuen uns sehr auf Ihre Anregungen, Kritiken und Antworten in den Kommentaren.

Auf der Seite „Über das Blog“ finden Sie mehr Informationen zu „Wer?“, „Wie?“ und „Warum?“.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir den Besuch des kleinen Kaffeehauses von Ruth Winkler in der Hollandstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo Sie Wiens einzige (echte) koschere Melange genießen können …


1 Kommentar zu Koschere Melange

Finde:

Generic selectors
Nur exakte Ergebnisse
Suche im Titel
Suche im Inhalt
rl_gallery
Filter nach Kategorien
Abbazia / Opatija
Cheder
Ebenfurth
Fiume / Rijeka
Friedhof Eisenstadt (älterer)
Friedhof Eisenstadt (jüngerer)
Friedhof Kobersdorf
Friedhof Mattersburg
Friedhof Triest
Friedhof Währing
Genealogie
Karmacs
Kunst und Kultur
Leben und Glaube
Mitbringsel / Souvenirs
Podcasts
Salischtschyky / Zalishchyky
Veranstaltungen
nach oben