Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: buchkunst

Bild der Woche – Abraham und die 3 Engel

Zum Pesachfest 5771 – I Pesach naht – und was läge da näher, als einen Blick in unsere Handschriften- und Faksimilesammlung zu werfen, in der sich u.a. gar eindrucksvolle Pesach-Haggadot…

Zum Pesachfest 5771 – I

Pesach naht – und was läge da näher, als einen Blick in unsere Handschriften- und Faksimilesammlung zu werfen, in der sich u.a. gar eindrucksvolle Pesach-Haggadot finden.

Unsere Miniserie zu Pesach beginnen wir heute aber mit dem umfangreichsten und aufwendigsten aller hebräischen Manuskripte, dem sogenannten “Rothschild Miscellany“. Das beeindruckende Manuskript bezeichnet Prof. Israel Ta-Shema im Begleitband zur Faksimileausgabe sogar als eigene “Bibliothek”.

Das 948 Seiten dicke Faksimile ist in feinkörniges Marokko-Ziegenleder eingebunden und beinhaltet 70 religiöse und säkulare Werke, die in 37 Kapiteln zusammengefasst werden. Auf 816 illustrierten Seiten beschreiben mit Gold und Silber minutiös verzierte Miniaturen beinahe jeden Brauch des jüdischen Lebens in allen Einzelheiten. Unter den säkularen Werken finden sich naturwissenschaftliche und philosophische Abhandlungen, unter den religiösen auch die Pesach-Haggada.

Das ausgesprochen elegante und prächtig gestaltete Rothschild Miscellany wurde 1479 in Italien von Moses ben Jekutiel Hakohen in Auftrag gegeben und ausgeführt und befindet sich heute im Israel Museum in Jerusalem. Mehr über die geheimnisvolle Geschichte des Miscellany sowie eine Inhaltsangabe und Bildbeispiele finden Sie auf der Website der “Facsimile Editions“.

Abraham und die 3 Engel zu Mamre, Rothschild Miscellany

Auf dem Bild sehen wir das Motiv, wie Abraham die drei Engel in Mamre bewirtet. Es handelt sich dabei um die Illustration zu einer Hymne in der Pesach-Haggada, die im Anschluss an die häusliche Pesach-/Sederfeier, und zwar am 2. Pesachabend, gelesen wird! (Rothschild Miscellany, folio 119, Tafel 47)
Bitte klicken Sie auf das Foto, um es zu vergrößern. Wir zeigen hier nur einen Ausschnitt des Bildes, um die Ladezeit der Seite in Grenzen zu halten

Den biblischen Text finden wir im 1. Buch Mose (Genesis) 18,1-15. Der erste Vers erzählt, dass Gott dem Abraham erschienen sei; gleich darauf, in Vers 2ff, ist die Rede von 3 Männern bzw. Engeln, die erscheinen und denen Abraham vom Eingang des Zeltes her entgegenläuft, sich vor ihnen niederwirft und ihnen schließlich ein Mahl bereitet, das die 3 Männer auch einnehmen. Es werden also in den wenigen Bibelversen zwei verschiedene Traditionsschichten miteinander verbunden: einmal kündet Gott selbst dem Abraham und seiner Sara die Geburt eines Sohnes an, nach der anderen waren es die drei Männer bzw. Engel.

Diesem Motiv, das auch in der frühchristlichen Kunst belegt ist, wollen wir uns einmal in einem eigenen Beitrag ausführlicher widmen, vor allem natürlich im Blickwinkel der rabbinischen Literatur. Hier sei nur festgestellt, dass der Wechsel von Gott und den drei Männern im biblischen Text im rabbinischen Kommentar zur Gleichsetzung von Gott mit den drei Engeln führte.

Warum aber finden wir dieses Motiv illustriert in der Pesach-Haggada?

Dazu müssen wir den entsprechenden Text der Hymne in der Haggada kennen (der Text befindet sich auch im Rothschild Miscellany auf derselben Seite gleich neben den Bildern, siehe größeres Bild):

So sprecht vom Opfer des Pesach!
Wunderbar zeigt Deine Kraft sich zu Pesach,
Zum ersten der Feste erhobst du das Pesach,
Abraham erschienst du mitternachts zu Pesach.
So sprecht vom Opfer des Pesach.
In der Tagesglut kamst an seine Tür Du zu Pesach,
Die Engel speise er mit Mazzot zu Pesach,
Und lief zu den Rindern, dem Opfer des Pesach,
So sprecht vom Opfer des Pesach.

PS: Unter dem Bild mit dem Motiv “Abraham und die drei Engel zu Mamre” befindet sich eine zweite Illustration, die die Zerstörung Sodoms zeigt.

In der Bibel folgt die Geschichte um das Gericht über Sodom gleich anschließend in Kapitel 19 und auch in der Pesach-Haggada heißt es, ebenfalls gleich anschließend, in der Hymne:

Das sündige Sodom verbrannte zu Pesach,
Der gerettete Lot buk Mazzot zu Pesach,
Ägyptens Land fegtest Du kahl zu Pesach,
So sprecht vom Opfer des Pesach.


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Bild der Woche – Der Bischof

Pesach-Haggada, Schreiber: Joseph ben David aus Leipnik (Mähren). Geschrieben und illustriert 1740 in Altona/Hamburg, 40 fols, 350 x 260. London, British Library, Sloane 3173, 7v. Vor einiger Zeit berichteten wir…

Pesach-Haggada, Schreiber: Joseph ben David aus Leipnik (Mähren). Geschrieben und illustriert 1740 in Altona/Hamburg, 40 fols, 350 x 260. London, British Library, Sloane 3173, 7v.


Vor einiger Zeit berichteten wir hier anlässlich der Eröffnung, dass im Stadtmuseum von Wiener Neustadt die Ausstellung “Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt” zu sehen ist.
In der Ausstellung zu sehen ist auch ein Bildnis des berühmten Bischofs Kollonitsch, das unwillkürlich einige Assoziationen in mir hervorrief:
Denn in einer Pesach-Haggada, die 1740 in Altona (Hamburg) von Joseph ben David aus Leipnik geschrieben und illustriert wurde, finden wir eine Darstellung, wie Abraham die Götzenstatuen seines Vaters Terach zerstört.

Das Bild ist eine Illustration zum Text “Anfangs waren unsere Vorväter Götzendiener …”. Im Vordergrund liegen zerbrochene Teile von zwei Götzenstatuen. Abraham ist gerade damit beschäftigt, eine dritte zu zerschlagen. Hinter einem Fluss, über den eine Brücke führt, sehen wir eine ummauerte Stadt und dahinter auf vier Bergen Götzenstatuen. Ganz links Poseidon mit seinem Dreizack, weiter rechts Zeus mit Waage und Donnerkeil (?) – und dazwischen eine Figur, die wie ein katholischer Bischof aussieht!

Ein katholischer Bischof in Hamburg, das protestantisch dominiert war und ist? Und was hat das Ganze mit Wiener Neustadt zu tun?
Nun, erwähnter Maler Joseph ben David kam aus Leipnik in Mähren und nach Mähren flohen viele Juden, nachdem sie 1670/71 von Leopold I. aus Wien vertrieben worden waren. Wir kennen viele Erklärungen für diese Vertreibung, ganz wesentlich aber waren sicher die aggressiven judenfeindlichen Reden von Bischof Leopold Karl von Kollonitsch, der 1670 Bischof von Wiener Neustadt geworden war.

Und so ist vielleicht wirklich mit der Darstellung des katholischen Bischofs als Götze, 70 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Wien, niemand anderer als Bischof Leopold Kollonitsch aus Wiener Neustadt gemeint (an ihn erinnert heute u.a. die den Bahnhof mit der Innenstadt verbindende Kollonitschgasse) …

Joseph ben David wurde übrigens der Begründer der jüdischen “Hamburger Malschule”. In Wien selbst lebten (nach 1670) wohlhabende “Hofjuden”, die meistens ein Stadtpalais bewohnten und oft für ihre Privatsynagogen illustrierte und illuminierte Handschriften bei den Schreibern/Miniaturisten in Mähren bestellten.


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Bild der Woche – Turmbau zu Babel

Wer kennt sie nicht, die berühmten Darstellungen des Turmbaus zu Babel, z.B. jene von Peter Brueghel? Interessant ist die rabbinische Interpretation des Themas “Turmbau zu Babel”, wie wir sie etwa…

Wer kennt sie nicht, die berühmten Darstellungen des Turmbaus zu Babel, z.B. jene von Peter Brueghel?

Interessant ist die rabbinische Interpretation des Themas “Turmbau zu Babel”, wie wir sie etwa in der aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammenden spanischen Pesach-Haggada, der “Goldenen Haggada”, finden (London, British Library, Add 27210, fol. 3r):

Die Illustration ist unterschrieben mit “Generation der Sprachenverwirrung”.
Rund um den babylonischen Turm geht es ziemlich blutrünstig zu: Außer einem Mann, der im Begriff ist, mit Hilfe eines Flaschenzugs einen Eimer in die Höhe zu ziehen, sind alle anderen Personen nicht mit dem Turmbau beschäftigt, sondern nur damit, einander umzubringen:
Dem Baumeister (links im Bild) werden Steine auf den Kopf geworfen, er selbst hält einen Stein, bereit zum Wurf, in der Hand, andere bekämpfen einander mit Messern … Dieser Streit aller gegen alle ist das entscheidende Element der rabbinischen Deutung der Bibelstelle in 1 Mose 11,7:

Auf, steigen wir hinab, und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.

Wenn nämlich das hebräische Wort נבלה “navla” (“wir wollen verwirren”) anders vokalisiert wird, erhalten wir das Wort “nevela” (“Leiche/Leichnam”).
So heißt es auch etwa im Midrasch Genesis Rabba p 38,10:

Es sagte Rabbi Abba bar Kahana: ‘Aufgrund ihrer Sprache will ich sie zu Leichen machen.’ Einer sagte zu seinem Nächsten ‘Bring mir eine Axt, er aber brachte ihm eine Schaufel.’ Da schlug er ihn und verletzte ihn am Gehirn. Das ist, was geschrieben steht: ‘Aufgrund ihrer Sprache will ich sie zu Leichen machen.’



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Bild der Woche – Jagdszene

In der vergangenen Woche erhielten wir eine sehr nette Anfrage vom Autor einer Dalmatiner-Chronik, dem im Zuge seiner Recherchen Darstellungen von Jagdszenen (mit Dalmatinern) in jüdischen Handschriften aufgefallen sind. Das…

In der vergangenen Woche erhielten wir eine sehr nette Anfrage vom Autor einer Dalmatiner-Chronik, dem im Zuge seiner Recherchen Darstellungen von Jagdszenen (mit Dalmatinern) in jüdischen Handschriften aufgefallen sind.

Das aus dem 14. Jahrhundert stammende Blatt (fol. 29v) aus einer spanischen Pesach-Haggada (John Rylands Universitätsbibliothek in Manchester) zeigt am unteren Bildrand einen Hasenjäger, dessen schwarz-weiß gefleckter Hund einen Hasen jagt. Der gefleckte Hund symbolisiert die Inquisition, die einen Juden (Hasen) verfolgt. Repräsentanten der Inquisition waren die Dominikaner, deren Ordenskleid schwarz-weiß ist.

Jagdszene in der John Rylands Haggada

Die Jagdszenen sind ein Symbol für die Verfolgung der Juden, die Hunde und Jäger daher das Symbol für die christliche Kirche. Da solche Jagdszenen auch in der christlichen Kunst ohne ideologische Hintergründe verbreitet waren, konnten auf diese Weise antijüdische Haltungen zum Ausdruck gebracht werden.


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