Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: eisenstadt

100 Jahre – und unerfüllte Hoffnungen

Ich hatte am Freitag, 22. Oktober 2021, die Ehre, die Festrede in der Festsitzung „100 Jahre Burgenland“ des Gemeinderates der Freistadt Eisenstadt halten zu dürfen. Die Fassung hier ist nur…

Ich hatte am Freitag, 22. Oktober 2021, die Ehre, die Festrede in der Festsitzung „100 Jahre Burgenland“ des Gemeinderates der Freistadt Eisenstadt halten zu dürfen. Die Fassung hier ist nur leicht überarbeitet und ergänzt (bes. mit Bildern, Fußnoten und Links):

Die 100 Jahre, die das Burgenland heuer feiert, spielen aus jüdischer Sicht so gut wie keine Rolle, zumindest keine, die es zu feiern gilt. Man darf aus jüdischer Perspektive im Burgenland vielleicht sogar von 1.800 Jahren sprechen, denken wir an das Ende der 1990er Jahre in Halbturn gefundene jüdische Amulett. Aus jüdischer Eisenstädter Perspektive dürfen wir immerhin von 750 Jahren Besiedlungsgeschichte sprechen. In Eisenstadt existierte jedenfalls nachweisbar im Mittelalter die einzige voll ausgebildete jüdische Gemeinde des Burgenlandes [1].

Was ist also in diesen letzten 100 Jahren passiert (und passt in die mir zur Verfügung gestellte Zeit):

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Unterbergstraße, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Unterbergstraße, um 1920



Vor 100 Jahren, genau im Jänner 1921, publizierte der gelehrte Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Bernhard Wachstein, ‒ er war aus Galizien nach Wien gekommen und ist am Zentralfriedhof Wien, Tor IV, also in der neuen jüdischen Abteilung, begraben ‒ sein bahnbrechendes Werk über den älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt [2]. Das Geleitwort zu diesem Buch schrieb der Eisenstädter Alexander Sandor Wolf: Ich zitiere nur einige wenige Sätze daraus:

Die stille kleine Stadt lag abgeschieden von der großen Welt, die Hauptverkehrswege führten abseits vorbei, die Kaiserstadt, nur eine Tagesreise entfernt, zog alles, was tatkräftig und regsam war, an sich, zurück blieben beschaulich lebende Menschen. …

Unversehrt blieb sie stehen, die Gemeinde, mit ihren Toren und Ketten, die Samstag geschlossen werden, und mit den offenen warmfühlenden Herzen der Bewohner, die in Leid und Freud zusammenstanden, ein Musterbeispiel jüdischer Zusammengehörigkeit, vorbildlich in ihren dem Kultus und der Nächstenliebe dienenden Einrichtungen.

Anmerkung: Im Umsturzjahr 1918 wurde die Vereinigung der Judengemeinde, die auch eine selbständige politische Gemeinde ist, mit den anderen vier Gemeinwesen Eisenstadts beschlossen, im weiteren Verlauf wurde der Beschluss nicht durchgeführt, so dass hoffentlich noch lange Jahre diese Selbständigkeit der Judengemeinde erhalten bleibt.

Alexander Sandor Wolf hat bei diesen Worten wohl an mehr als 17 Jahre, ganz offensichtlich weit über 1938, hinausgedacht. Er selbst war in diesem Jahr (1938) schon über Triest nach Haifa emigriert.

Jüdisches Viertel Eisenstadt, oberer Teil der Unterbergstraße, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, oberer Teil der Unterbergstraße, um 1920



Drei Jahre später, im Dezember 1924, war die jüdische Welt in Eisenstadt aber noch in Ordnung, glaubt man dem Bibliothekar und Archivar Leopold Moses, der in Mattersdorf geboren und 1943 in Auschwitz ermordet wurde:

Bei der nichtjüdischen Bevölkerung herrscht vielmehr Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. Dort wäre nicht denkbar, was ich neulich in der Thelemanngasse (Vereinsbethaus Gemilath Chesed, Anm. des Autors) in Wien sah, dass nämlich keine einzige Fensterscheibe an dem dort befindlichen jüdischen Bethause ganz ist, was wohl weniger der Gewalt der aus diesem Heiligtum dringenden Gebete als vielmehr gewissen äußeren Einwirkungen zuzuschreiben sein dürfte. Wenn im Monat Elul im Burgenlande der Schofar ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Monaten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.

Leopold Moses, Urlaubstage im Burgenland, 19. Dezember 1924

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Wertheimergasse, um 1920

Jüdisches Viertel Eisenstadt, Haus in der Wertheimergasse, um 1920



Aber schon sieben Jahre später, 1931, schlägt ein Autor, der sich Elchanan nennt, in der Jüdischen Presse ganz andere Töne an:

Eisenstadt. Ein Städtchen voller Merkwürdigkeiten und Paradoxa ‒ so könnte man vielleicht am besten die Landeshauptstadt am sonnigen, weinbestandenen Abhang des Leithagebirges charakterisieren… Das Groteskeste aber an diesem Städtchen der Paradoxa ist noch sein Judenstädtchen. …

Immerhin ist das Judenstädtchen von Eisenstadt wohl der einzige Ort in Mitteleuropa, dessen Schabbatruhe so konsequent durchgesetzt und auch straßenpolizeilich derart geschützt ist, dass nicht einmal ein Wagen die Möglichkeit hat, das holperige und spitze Pflaster der zwei Hauptgassen aus seiner beschaulichen Ruhe zu bringen. Schon diese unbedingte und vollständige Schabbatruhe, die auch im Osten Europas in größeren und frömmeren Judengemeinden kaum erreicht werden dürfte, macht Eisenstadt mit seiner von Schabbateingang bis Schabbatausgang geschlossenen Kette zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges, und auch sonst könnte man sich diesen Ort mit der herrlichen Luft der zum Greifen nahen Wälder sehr wohl als gern gesuchte Sommerfrische für jüdische Großstädter vorstellen. Aber die Bewohner der jüdischen Gassen Eisenstadts wären zufrieden, wenn ihr Viertel weniger den Charakter eines Raritätenkabinetts hätte und nicht auch mitten in der Woche fast dieselbe beschauliche Ruhe in ihrem Bezirk herrschte, die nahezu ebenso wenig durch Wagengerassel gestört wird wie am Schabbat. Der Verkehr weicht der Judenstadt nicht mehr, wie es früher der Fall und von den Juden beabsichtigt war, bloß am Schabbat, sondern auch an den Wochentagen in weitem Bogen aus. In stiller Resignation stehen die wenigen Übriggebliebenen in der Judengasse vor ihren altertümlichen Gewölben und sehen zu, wie das, was für Eisenstadt den großen Weltverkehr bedeutet, wenn es auch noch so wenig ist, außen an ihrem Städtchen vorübergeht.

Wenn man sich für den Ausblick in die Zukunft noch ein wenig Optimismus bewahrt hat, wird man vielleicht sogar hoffen dürfen, dass infolge der Arbeit des neuen Raw gerade die Entwicklung Eisenstadts zur Hauptstadt auch dem jüdischen Eisenstadt doch auch ein wenig zugutekommen wird. Vorläufig geht zwar der große Verkehr an der Judenstadt vorüber und diese selbst schläft und seufzt. Aber wenn man es sich des Abends nicht verdrießen lässt, die steile Treppe neben der Synagoge zum Schiurzimmer[3] hinanzusteigen, in dem ein paar alte Männer über Talmudfolianten gebeugt sitzen, dann eröffnet sich einem gerade aus diesem, dem ernsten Studium der Tora geweihten Raum ein schöner Ausblick auf die vorüberführende Hauptverkehrsstraße mit ihren schönen neuen Gebäuden und weiter darüber hinaus in das weite Land. Vielleicht wird ernstes Streben nach Tora unserm Volke nicht nur hier zeigen, wie es nicht mehr seiner Ideale wegen aus dem freien Wettbewerb der Völker ausgeschaltet, sondern gerade durch diese Ideale den ihm gebührenden Anteil zugeteilt erhalten wird, und so wird es wohl auch der heiligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt beschieden sein, wenn sie wieder den steilen Weg der Tora erklimmt, neue Auswege und Ausblicke zu gewinnen in eine schönere Zukunft.

Elchanan, in: Jüdische Presse 17, 21. 8. 1931

Straßentransparent in Hornstein (nahe Eisenstadt), 1938

Straßentransparent in Hornstein (nahe Eisenstadt), 1938



Diese schönere Zukunft sollte es nie geben. Denn wiederum sieben Jahre später, 1938 war es in den burgenländischen jüdischen Gemeinden, auch in Eisenstadt, zu einem sehr schnellen Aus gekommen, schneller und konsequenter als im übrigen Österreich. Ende Oktober 1938 meldet, wie wir wissen, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, dass es im Burgenland keine Juden mehr gibt.

Die letzte jüdische Geburt in Eisenstadt vor 1938 war Gertrude Weiß am 5. August 1938, geboren im Spital der Barmherzigen Brüder, als Tochter vom Schuhmachermeister Hugo Weiß, 36 Jahre alt, und der Rosa Farkas, 38 Jahre alt. Siehe v.a. die erste Frau von Hugo Weiß, Josefine Weiß, gest. 1928 und begraben am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt und ihren tragischen Tod.

Die letzte jüdische Hochzeit war zwei Monate vorher, am 13. Juni 1938 zwischen Hugo Soltesz und Charlotte Geiger. Ihre Schwester Ilona heiratete Dr. Alfons Barb, den späteren jüdischen Direktor des Landesmuseums Burgenland. Sein Bruder, Dr. Zoltan Soltesz, der 1934 im Gemeindewald von Kleinhöflein Selbstmord durch Vergiften verübte, ist sowie seine Schwester Helene am jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt begraben.

Der letzte, der 1938 gestorben ist, war Samuel Gellis, ein arbeitsloser Schuhmachergeselle. Er beging Suizid, er hat sich erhängt, am 11. Juni 1938 um Mitternacht, mit 54 Jahren. Seine Schwester und sein Schwager sind in der Schoa ermordet worden. Beide Eltern, beide Großeltern, beide Urgroßeltern und beide Ururgroßeltern (begraben sind sie alle auf dem älteren und jüngeren jüdischen Friedhof von Eisenstadt), also 5 Generationen lebten und arbeiteten 220 Jahre sicher und zufrieden in Eisenstadt ‒ bis 1938 [4].

Nach 1945 kamen wenige Juden zurück ins Burgenland, die meisten zogen bald wieder weg, hier blieben etwa ein Dutzend Juden, in Eisenstadt waren es zwei Familien, die die Jahrzehnte nach 45 hier lebten: die Familie Schiller und die Familie Trebitsch.

1972 wurde unser Österreichisches Jüdisches Museum als erstes jüdisches Museum in Österreich und als viertes in Europa nach 1945 gegründet. Im kommenden Jahr feiern wir unser 50jähriges Jubiläum.

Das Programm hat seit 1945 andere Vorzeichen: Schrieb, erklärte und „dolmetschte“ der eingangs erwähnte Dr. Bernhard Wachstein selbstverständlich und ausschließlich für jüdisches Publikum, sind unsere heutigen Adressaten vorwiegend Nichtjuden.

Das gilt nicht nur für uns als Museum, das gilt selbstverständlich, mutas mutandis, für alle zeitgeschichtlichen Initiativen, Gedenktafeln, Veranstaltungsinitiativen usw.

Das gilt für die tausenden hebräischen Grabinschriften auf den jüdischen Friedhöfen des Burgenlandes genauso wie für ‒ ich darf sie so bezeichnen ‒ Jahrhundertfunde wie den Genisagrabstein in Kobersdorf oder den Torawimpel des 1761 in Eisenstadt geborenen bedeutenden Rabbiners Akiba Eger.

Es ist viel gemacht worden im Burgenland, besonders viel wohl in Eisenstadt seit 1945. Und es muss noch viel gemacht werden, im Burgenland und hier in Eisenstadt in den nächsten 100 Jahren.

Wir können niemals die Leere, die das Fehlen jener Menschen, die unter uns über Jahrhunderte lebten, ausgelöst hat, füllen. Aber wir können und müssen, was immer wir tun, den Vertriebenen und Ermordeten ihre Namen, ihre Geschichte, ihre Geschichten, und damit ihnen ihre Würde zurückgeben.



[1] Harald Prickler, Beiträge zur Geschichte der burgenländischen Judensiedlungen, in: Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Heft 92, 1993, 68. [Zurück zum Text (1)]

[2] Wachstein B., Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922. Die Publikation datiert aus dem Jahr 1922, das Geleitwort von Sandor Wolf ist aber mit Jänner 1921 datiert! [Zurück zum Text (2)]

[3] „Schiur“, Hebräisch, bedeutet „Unterricht“. Das Schiurzimmer ist also jener Raum, in die Rabbiner ihren Schülern Unterricht gaben, siehe unseren Artikel „Meine Kindheit in der Judengasse von Eisenstadt„. [Zurück zum Text (3)]

[4] Zur Familie Gellis siehe besonders unseren Artikel „Rosch haSchana 5779„. [Zurück zum Text (4)]


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Im fernen wirren Ungarn

Diese Woche hatten wir einen ganz besonderen Besuch: Ruth Ellen Gruber, die Koordinatorin von Jewish-Heritage Europe kam nach Eisenstadt.

Diese Woche hatten wir einen ganz besonderen Besuch: Ruth Ellen Gruber, die Koordinatorin von Jewish-Heritage Europe kam nach Eisenstadt.

Am Donnerstag fuhren wir über den jüdischen Friedhof Wiener Neustadt sowie den älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt und unser jüdisches Museum nach Köszeg (deutsch: Güns) in Ungarn, wo die Synagoge derzeit aufwändig renoviert wird. Da sie daher auch nicht betreten werden darf, haben wir leider nur wenige Fotos. 2022 ist die Fertigstellung geplant, man darf gespannt sein!

Aber der Reihe nach: In Wiener Neustadt waren es vor allem die am jüdischen Friedhof sehr schön präsentierten mittelalterlichen Grabsteine, die Mrs. Gruber faszinierten. Besonders erfreulich finde ich auch die Initiative der Stadt Wiener Neustadt, dass jeder dieser Grabsteine nun auch ein Täfelchen mit der Übersetzung und einen QR-Code zu meiner vollständigen Bearbeitung hat. Auch am jüdischen Friedhof in Eisenstadt konnte Mrs. Gruber unsere QR-Codes das erste Mal sehen und „testen“.

Gebaut wurde die Synagoge von Köszeg aus Mitteln einer Stiftung von Philipp Baron Schey von Koromla (geb. 20. September 1797 in Köszeg, gestorben am 29. Siwan 5641 = 26. Juni 1881 in Baden bei Wien). Philipp Schey wurde als erster ungarischer Jude geadelt und ist auf dem jüdischen Friedhof in Lackenbach begraben.

Der Film Synagogue for Sale“ von Zsuzsanna Geller-Varga zeigt die Synagoge im Jahr 2007.

Unter den Gesetzestafeln auf der Vorderseite der Synagoge erinnert auch eine Inschrift an Philipp Schey. Die jüdische Jahreszahl 5620 ist umgerechnet das Jahr 1859/60. Dieses Jahr wurde bisher immer als Gründungsjahr angenommen, jedoch ergaben neuere Forschungen, dass bereits 1856, also noch vor der Nobilitierung von Philipp Schey, mit dem Bau der Synagoge begonnen wurde.

Daher stoppten wir auf der Rückfahrt trotz einsetzenden Regens natürlich noch auf dem jüdischen Friedhof von Lackenbach. Wenn auch das Mausoleum von Baron Philipp Schey der Hauptgrund war, darf der größte jüdische Friedhof des Burgenlandes mit 1770 Gräbern nicht verlassen werden, ohne zumindest noch die Gräber von zwei der bedeutenden Rabbiner Lackenbachs zu besuchen:

Rabbi Salman Salomon Lipschütz, gestorben 1808 in Lackenbach. Seine Gegner beschrieben ihn 1765, als er vom Grafen zum Nachfolger seines Vaters als Rabbiner in Neuwied (Rheinland-Pfalz, Deutschland) ernannt wurde, als einen „äußerst aufgeblasenen und zanksüchtigen Mann„, der soeben seiner Frau im Kindbett den Scheidebrief gereicht und sie vertrieben habe. Auch wurde er als geheimer Sabbatianer bezeichnet und es wurde ihm sogar die Befähigung zum Rabbiner abgesprochen. Wie auch immer, gegen Ende seines Lebens war er Rabbiner in Lackenbach, sein Sohn Israel Lipschtüz (1782-1826) wurde Rabbiner im benachbarten Deutschkreutz, seine Tochter Jentl war die Mutter des Mattersdorfer Rabbinatsverwesers Rev Aron Singer.

Rabbi Schalom Salomon Ullmann, genannt „Rabbi Schalom, der Scharfsinnige“, geb. 27. Februar 1755 in Fürth, gest. 06. März 1825 in Lackenbach, Sohn des Gemeindevorstehers Israel-Isserle Ullmann aus Fürth. 1799 wurde Ullmann Rabbiner in Nagyatád, Ungarn, kurz darauf Nachfolger von David Deutsch als Rabbiner in Frauenkirchen. Ab 1809 war er Rabbiner in Lackenbach, wo er als „Chassid“ galt.

Siehe „Das Biographische Handbuch der Rabbiner“.

Die Tafel auf der Rückseite des Grabsteines gibt es erst wenige Monate.

Beide Gräber, besonders aber jenes von Rabbi Ullmann, sind alljährlich das Ziel vieler orthodoxer Pilger.


Ich bedanke mich sehr herzlich (u.a.) bei Frau Eszter Sterk von der jüdischen Gemeinde Szombathely und bei Frau Dr. Edit Szántóné Balász und Herrn Attila Pók vom Institute of Advanced Studies Köszeg für ihre so freundliche Hilfe bei der Organisation und vor Ort in Köszeg.



Der Beitragstitel ist ein Zitat aus einem Brief von Rabbiner Dr. Asriel Hildesheimer, der diese Worte benützte, als er einem Freund in Düsseldorf von seiner Berufung als Rabbiner nach Eisenstadt berichtete.


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Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von…

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von Jehuda Hirschler und Esther Kohn im Wertheimerhaus in Eisenstadt, in dem sich heute das jüdische Museum befindet, geboren. Er starb am 01. Mai 2001 in Israel.
Ein berührender Artikel über seine Kindheit in einer ausgelöschten Welt.

Schabbatkette jüdisches Viertel Eisenstadt

Insgesamt standen 31 Häuser in der Judengasse, die sich wie ein umgekehrtes Dalet (ד = vierter Buchstabe im hebräischen Alphabet) erstreckte: beginnend bei den beiden Säulen mit der Kette im Osten bis zu den Häusern im Westen, die an das Spital der ›Barmherzigen Brüder‹ grenzten und von hier verlief sie in Richtung Norden bis zum Tor des alten Friedhofs. An der Südwestecke, beim Ausgang auf die ›Straße‹, befand sich ein Gittertor, das, ähnlich den dicken und schweren Eisenketten im Osten, auch an den Abenden vor Schabbattagen und Festen bis zum Ausgang des Schabbats bzw. des Festes für jeglichen Fahrzeugverkehr geschlossen wurde. Wie in früheren Jahren war in den Tagen meiner Kindheit und Jugend die autonome Gemeindestruktur der Gasse mit dem Namen Unterberg-Eisenstadt noch beibehalten und wir hatten einen eigenen Bürgermeister. Sogar als Kinder waren wir sehr stolz auf dieses Recht, das ein zusätzliches Flair auf den besonderen Charakter des Judenviertels und auf die Lebensatmosphäre in ihm ausübte.

31 Häuser: auf dem Tor eines jeden war eine kleine Tafel aus Holz oder Blech angebracht, auf die der Schames (Synagogendiener) zweimal am Tag dreimal schlug ‒ ta, ta, ta ‒ um bekannt zu geben, dass die Zeit des Morgen-, Mittag- oder Abendgebetes gekommen ist. Mit großer Pünktlichkeit, fünf Minuten vor dem Beginn des Gebetes in der Synagoge, schlug Herr Feldmann mit einem dicken Holzhammer auf das Tor Nr. 1, das Haus des Gabriel, das neben der Kette stand, und beendete binnen fünf Minuten die Runde beim Haus Nr. 31, das gegenüber (vom Haus Nr. 1), ebenfalls neben der Kette, war. In diesem Haus, Nr. 31, das heute ›Wertheimerhaus‹ genannt wird (mit Recht, denn es wurde von Rabbi Samson Wertheimer erbaut), und das im Besitz der Familie Wolf war, wohnten wir. Das Tor des Hauses ging auf die Judengasse, unsere Fenster schauten nach Osten; von ihnen blickten wir auf die Türme des Schlosses Esterházy, zum Hofgarten und auch auf die Abhänge des nahe gelegenen Waldes. Noch klingt in meinen Ohren das Zwitschern der Lerchen, das vom Park und vom Wald her den Morgen der Sommertage durchbrach, und ich erinnere mich an die sorglosen und glücklichen Tage meiner Kindheit in diesen Jahren, als auch die Erwachsenen nicht ahnen konnten, welche Vipern in Menschengestalt in viel späteren Jahren von allen Seiten hervorbrechen würden. Die Häuser der Gasse waren klein, die meisten von ihnen einstöckig, einfach und bescheiden; aber einige waren in ihrem Stil sehr pittoresk, und die Maler malten besonders gern das letzte Haus im oberen Teil der ›Oberen Gasse‹, links vom Tor des Friedhofes (an seiner Stelle befindet sich heute der Eingang zum Krankenhaus). Auf den Türstürzen einiger Häuser waren Krugformen ziseliert, um zu kennzeichnen, dass ihre Besitzer Leviten waren, die beim Gottesdienst die Handflächen der Priester wuschen, bevor diese auf das Podium stiegen, um das Volk zu segnen. Es scheint mir, dass Reliefs wie diese noch auf den Toren von zwei Häusern erhalten sind.

Neben dem Wertheimerhaus stand das Strohhaus, in dem im Jahr 1761 Rabbi Akiba Eger geboren wurde, der durch seine Lehre die Diaspora Israels erleuchtete, und der auch, als er schon Rabbiner von Posen war, seine Responsen ›Akiba, Sohn des Rabbi Mose Güns aus Eisenstadt‹ unterzeichnet hatte. Die Grabsteine von Rabbi Mose Güns und seinen Familienangehörigen sind noch auf dem alten Friedhof erhalten, nicht weit vom Grab des berühmtesten der Rabbiner Eisenstadts, des MaHaRaM Asch, (Rabbi Meir Eisenstadt), dem Verfasser der Bücher ›Panim me’irot‹ (›Leuchtendes Antlitz‹). Wenn nicht neue Vandalen kommen, werden diese Gräber noch viele Generationen erhalten bleiben.

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum



Gegenüber diesem Haus stand die große Synagoge (zu unterscheiden von der ›Kleinen Schul‹, die Samson Wertheimer in seinem Haus gebaut hat; in ihr betete man zu meiner Zeit nur an hohen Feiertagen und an besonderen Festen. Sie wurde jetzt von neuem, dank der Anstrengungen von Prof. Kurt Schubert (04. März 1923 – 04. Februar 2007), wieder hergestellt). Mit der großen Synagoge waren das ›Gemeinde-Haus‹, die Rabbinerwohnung, das Badehaus und die Mikwe sowie das ›Schiurzimmer‹, in dem die großen Rabbiner von Eisenstadt ihren Schülern Unterricht gaben, verbunden. Hier errichtete der Rabbiner Asriel Hildesheimer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts seine berühmte Jeschiva (Rabbinatsschule), ehe er nach Berlin übersiedelte, wo er das bekannte Rabbinerseminar gründete. In meiner Kindheit kannte ich noch einen seiner letzten Schüler in Eisenstadt, Herrn Asriel Wolf, einen alten Junggesellen, den mein gottseliger Vater als einen wahren Toragelehrten überaus schätzte; in ihm vereinten sich Tora und Lebensweisheit. Zu ihm schickte mich mein Vater manchmal am Schabbat Vormittag ›zum Verhör‹.

Hier, in der Synagoge und ihrer Umgebung, war das Zentrum des Gemeindelebens. Hier versammelten sich die Gemeindemitglieder an Wochen-, Schabbat- und Feiertagen zum Gebet. An den hohen Feiertagen kamen sie und ihre Familienangehörigen, auch jene, die in anderen Teilen der Stadt wohnten, sowie Juden aus den umliegenden Dörfern. Als Kinder fühlten wir nur die Atmosphäre der Heiligkeit, die sich während dieser Zusammenkünfte ausbreitete; wir wussten nur wenig von den Sorgen, die die Herzen unserer Eltern und der übrigen Betenden erfüllten, ‒ Unterhalts-, Erziehungs- und Gesundheitssorgen. Hier kamen die meisten der Gemeindemitglieder zusammen: Händler, Handwerker, Beamte und Lehrer, Weinkellerarbeiter, Ärzte und Rechtsanwälte. Sobald sie in ihren Tallit (Gebetsmantel) gehüllt oder mit dem weißen ›Kittl‹ an den hohen Feiertagen bekleidet waren, konnte man an ihnen keinen Standesunterschied erkennen.

Die Feste verbreiteten eine besondere Atmosphäre in der Gasse. Ernst und mit Ehrfurcht im Herzen kamen die Leute zu Neujahr und am Versöhnungstag in die Synagoge, so wie es sich an Tagen gebührt, an denen der Mensch gefordert ist, sein Gewissen zu erforschen und er seinem Los im kommenden Jahr entgegenbangt. Aber schon in der Woche vor diesen Festen, an den kühlen Morgen des Monats September, vor dem Aufgehen der Morgenröte, gingen wir schweigend in die beleuchtete Synagoge und sagten die ›Slichot‹ (Bußgebete) als Vorbereitung auf die hohen Feiertage. Uns Kindern schien es, als wäre die ganze Welt jetzt in tiefen Ernst gehüllt. Aber gleich nach diesen Feiertagen kamen die Tage des Laubhüttenfestes und in allen Höfen wurden Laubhütten mit dem ›Skakh‹ (Laub, um die Laubhütte zu bedecken) aufgestellt; die Bedeckung bestand aus grünen, wohlduftenden Zweigen. Die Dekorationen an den Wänden gestalteten wir Kinder: vielfärbige Sterne, angefertigt aus glänzendem Buntpapier. Wir lernten diese Kunst in den Handarbeitsstunden in der jüdischen Volksschule, die hinter dem Hof des ›Strohhauses‹ stand. Die Herbstluft war bei diesem Fest schon getränkt vom Duft der Weintrauben und des Mostes, der aus allen Weinbergen und Weinkellern rundum aufstieg. Der letzte Tag des Sukkotfestes ‒ es ist der Tag von ›Simchat tora‹ (Freudenfest der Tora), an dem das Lesen der Toraabschnitte endet und von Neuem beginnt ‒ entschädigte uns für den tiefen Ernst an den Festen, die dem Sukkotfest vorausgegangen waren: Die Stimmung war fröhlich! Alle Kinder, auch die kleinen, die noch nicht das Alter der Gebote (der religiösen Pflichten, bei Buben mit 13 Jahren) erreicht hatten, wurden zur Tora aufgerufen, und, um die Freude zu vergrößern, wurden aus verschiedenen Fenstern Äpfel und Nüsse zu den Kindern bei ihrem Auszug aus der Synagoge geworfen.

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum



Ich kenne den Grund für diesen Brauch, den ich danach in keiner anderen Gemeinde gesehen habe, nicht. Vielleicht fielen hier zwei Motive zusammen: das eine, dass die Symbole dieser Früchte in den Midraschim (religiöse Auslegungsschriften) mit Israel verglichen werden, und das zweite ‒ ein Gedenken an das ›Erntefest; der Beiname für das Sukkotfest. Auf jeden Fall erfreuten uns alle diese Tage sehr, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen.

Chanukkaleuchter, Leihgabe Burgenländisches Landesmuseum

Danach kamen die kalten und verschneiten Tage des Winters und mittendrin das Chanukkafest. Mit dem Dunkelwerden wurden in allen Häusern auf den Fenstersimsen die winzigen Chanukkakerzen auf dem kleinen Leuchter entzündet, der das ganze Jahr im Kasten oder auf dem Regal darauf warte, seine Aufgabe während der acht Chanukkatage zu erfüllen. Danach setzten wir uns ‒ alle Familienangehörigen und manchmal mit eingeladenen Freunden ‒ zu Tisch zu den typischen Chanukkaspielen, in deren Mittelpunkt das Spiel mit dem Kreisel, das ›Trendel‹ (ursprünglich ›Drehdel‹) genannt wurde, stand. Manchmal zogen sich die Erwachsenen auf einen anderen Tisch zurück und spielten ein harmloses Kartenspiel; die Wette ging im Allgemeinen ‒ wie auch beim Spiel mit dem Kreisel ‒ um Nüsse! Das muss man wissen, denn in der Gemeinde Eisenstadt war das Kartenspiel das ganze Jahr hindurch ›verpönt‹ und ein schwerwiegender Bann wurde bereits in den Tagen des MaHaRaM Asch zu Beginn des 18. Jahrhunderts darauf gelegt. Er legte damals viele Verordnungen zur Verbesserung der Moral fest, wie etwa das Verbot für Frauen, Kleider in der neuen Mode des ›Kreolin‹ zu tragen. Das strengste unter allen Verboten war der Bann auf das Kartenspiel und auch in meiner Jugend achtete man im Judenviertel nicht weniger darauf als auf die Kaschrutgesetze (Gebote der rituellen Tauglichkeit, Speisegesetze). Wer aber dem Spieltrieb nachgab, fand für sich einen Ausweg und ging insgeheim mit seinen Freunden in das benachbarte Dorf Kleinhöflein, aus der Annahme heraus, dass der Bann dort nicht mehr gelte. Aber in den Verordnungen des MaHaRaM Asch war das Spiel in den Nächten des Chanukkafestes erlaubt. Man nützte diese Erlaubnis, wenn auch in sehr bescheidener Form! Weil es keinen Bann gibt, der, wenn er aufgehoben war, automatisch seine Gültigkeit wiedererlangt, sondern nur, wenn er von Neuem erklärt wird, verlängerte der Rabbiner (in Übereinstimmung mit dem Gemeindevorsteher) die Zeitdauer der Erlaubnis um einige Tage. Und ich erinnere mich, wie in den Tagen meiner Kindheit der Rabbiner oder der Vorbeter auf die Bima stieg und neben der Torarolle verkündete:

Das Spielen ist asur (verboten) ke-vime kedem (wie früher)!

Zitat Meir Ayali

Und wieder erlangte das puritanische Verbot seine Gültigkeit und der Ernst senkte sich auf die Judengasse bis zum Purimfest im Monat Adar (März/April). An diesem Fest feierten wir die Niederlage des Haman, dem Urvater aller Antisemiten auf der Welt, und niemand konnte damals ahnen, welcher diabolische, um vieles gefährlichere Haman schon darauf wartete, das jüdische Volk zu vernichten und es von der Wurzel her auszurotten; und die Vernichtungswelle sollte ausgerechnet von hier, den ›Siebengemeinden‹ im Burgenland, ihren Anfang nehmen. Fröhlich und freudig drängten wir uns am Purimfest mit den Masken auf unserem Gesicht und wir halfen auch unseren Eltern beim Verteilen der ›Purimgeschenke‹; dieser Brauch sollte die Freundschaft unter den Nachbarn vermehren, wie es uns im Buch Ester befohlen wurde. Mutter legte auf den Teller ein paar Früchte und ein paar Süßigkeiten, herrliche ›Linzerkipferl‹, gab alles in eine farbige Hülle und sagte:

Jetzt gehst du zu Berger. Sagst ›Küss die Hand und guten Purim. Mama schickt Schlachmones‹ und genauso in andere Häuser, die selbstverständlich dieses wichtige Gebot ebenfalls einhielten.

Zitat Meir Ayali

Koscher-Stempel für Pesach

Der Winter zog vorbei, der Schnee verschwand und das Frühlingsfest kam: es ist das Pesachfest, das Fest des Auszugs aus Ägypten, von der Sklaverei in die Freiheit, durchdrungen von Sehnsucht nach baldiger Erlösung und dem Glauben an das Kommen des Propheten Elias, dem Verkünder des Messias, bald in unseren Tagen. Jetzt kam auch die Zeit der großen Reinigung. Es genügte nicht das wöchentliche Scheuern des Fußbodens, das Reinigen und das gewöhnliche Waschen. Jetzt drehte man das ganze Haus um, reinigte, wusch und scheuerte bis auf die Grundfeste und die Hauptsache war, dass sich zum Pesachfest auch nicht ein Körnchen von Gesäuertem im Hause finde! Manchmal bekam man auch ein neues Gewand anlässlich des Festes. Aus der ganzen Gasse stieg der Lärm des Waschens und Scheuerns auf und der Geruch der Sauberkeit breitete sich in allen Häusern aus. Es kam die Sedernacht: nach dem Gebet in der Synagoge setzten sich die Familien zusammen, um das Fest mit dem Lesen der ›Haggada der Pesachnacht‹, der Geschichte des Auszugs aus Ägypten, zu feiern, wie es Brauch unserer Väter durch viele Jahrhunderte hindurch war. Alle Familienangehörigen sangen bis in die späten Nachtstunden die Lieder des Pesachfestes, des Festes unserer Freiheit; eines der Kinder öffnete die Tür weit als Zeichen des Gefühls der Freiheit und in Erwartung auf die Erscheinung des Propheten Elias, dessen Kommen sich verzögerte. Das Trinken der vier Becher in dieser Nacht, die die vier Ausdrücke der Erlösung symbolisierten, die beim Auszug aus Ägypten gesprochen wurden:

ich führte euch (hinaus aus Ägypten)« … »ich rettete euch« … »ich erlöste euch« … »ich nahm euch

2. Buch Mose 6,6-7

Und sogar das Trinken kleiner Mengen hatte seine Wirkung auf unsere Köpfe, die wir um Mitternacht bei einem kurzen Spaziergang bis zum Schlossplatz milderten. Aber obwohl wir im Zentrum der österreichischen Weinkultur wohnten, sah ich niemals einen Betrunkenen durch die Judengasse gehen, nicht einmal beim Purimfest.

So wurden in der Judengasse und in den Familien die übrigen Feste gefeiert, die in unseren jungen Herzen viele tiefe Erlebnisse auslösten. Natürlich herrscht in diesen Schilderungen eine übertriebene Idealisierung, die von Erinnerungen einer fernen Kindheit herrührt. Aber auch damals blieben vor uns die Gefahren nicht verborgen, die manchmal über den Köpfen unserer Eltern schwebten. Zur Zeit meiner Kindheit lebten unter uns noch alte Leute, die sich an die Blutbeschuldigung von ›Tisza Eszlar‹ erinnerten und in den Schaukästen der Nazis, die allenthalben aufzutauchen begannen, wurden giftige Andeutungen ‒ genommen aus dem ›Stürmer‹ ‒ gemacht. Da wir Kinder eine moralisch-puritanische Erziehung genossen hatten und es gemäß den strengen religiösen Gesetzen bezüglich der Kaschrut verboten war, Fleisch zu essen, bevor das Blut durch Einsalzen entfernt worden war, konnten wir nicht glauben, dass jemand von unseren Nachbarn, vor denen wir nichts zu verbergen hatten und mit denen wir in Partnerschaft und Frieden lebten und für die Entwicklung der Stadt arbeiteten, imstande war, diesen ›Unsinn‹ zu glauben.

Nicht in allen Bereichen der Religion ging das Leben in der Gemeinde in den Tagen meiner Jugend so vor sich wie in früheren Jahren. In der Judengasse, die am Schabbat an ihren beiden Ausgängen für den Fahrzeugverkehr abgesperrt wurde ‒ mit einer Eisenkette auf der einen, mit einem Gittertor auf der anderen Seite ‒ waren die Geschäfte selbstverständlich geschlossen. Aber im Zentrum der Stadt, in der ›Hauptgasse‹, waren schon einige Geschäfte von Juden am Schabbat geöffnet, aus der Befürchtung heraus, dass ihr Einkommen zu arg beeinträchtigt werde. Auch in ihren religiösen Einrichtungen war die Gemeinde Eisenstadt schon nicht mehr das, was sie in früheren Jahrhunderten war, als das Licht ihrer Lehre weithin erstrahlte. Die Sorge des gottseligen Vaters darüber war an seinen Seufzern ersichtlich, die manchmal aus seinem Mund schlüpften.

Aber die allgemeine Atmosphäre in der Gasse wurde in meiner Kindheit noch bewahrt. So funktionierten die Einrichtungen der Wohltätigkeit, der Unterstützung und der gegenseitigen Hilfe perfekt. In der Gasse gab es schon nicht mehr viele Reiche, außer der Familie Wolf, die hohe Abgaben an die Gemeindekasse und die Einrichtungen der Gemeinde leistete; doch auch an ihr war die Wirtschaftskrise erkennbar. Aber alle Gemeindemitglieder trugen das Joch dieser Einrichtungen und beteiligten sich überall, wo es nötig war, persönlich an der Hilfeleistung. Die ›Chevra kadischa‹ (›Heiliger Wohltätigkeitsverein‹), die offensichtlich dazu gegründet wurde, sich um die Toten und deren Begräbnis zu kümmern, ließ auch den Lebenden durch Beistand in der Stunde einer Krankheit oder einer anderen Bedrängnis Hilfe angedeihen.

In den Tagen meiner Kindheit gab es noch für alle Fälle (leere) Krankenzimmer in der ›Oberen Gasse‹. Aber es wurde mir erzählt, dass viele Jahre, bevor ich geboren wurde, die Cholera in Eisenstadt wütete und viele Kranke in diese Krankenzimmer gebracht wurden. Ich weiß nicht, wie weit die Geschichte authentisch war, die man im Zusammenhang damit über Herrn Adolf Gabriel, den Vorsteher der ›Chevra kadischa‹, erzählte. Ich kannte ihn in meiner Jugend, wie er wegen seiner schrecklichen Kurzsichtigkeit durch die Gasse taumelte. Auch als Greis noch war er ‒ natürlich ehrenamtlich ‒ seinen Aufgaben in der ›Chevra kadischa‹ treu ergeben. Über ihn erzählte man, dass er in den Tagen der Cholera nicht von den Betten der Kranken in dem kleinen ›Spital‹ wich, sie pflegte, ihnen zu essen gab und sich selbst darum kümmerte, dass jene, die verstarben, begraben wurden. Es war schwer zu glauben, welch körperliche, seelische und moralische Kräfte in diesem kleinen, mageren und bescheidenen Mann ruhten. Manchmal lachten wir über seine Kalkulation, als wir in sein Geschäft kamen, das fast leer war von Waren und Kunden, und ihn in der ›Neuen Freien Presse‹ lesen sahen, die wegen seiner Kurzsichtigkeit wirklich auf seinen Brillen lag, und die Zigarette in seinem Mund ein Loch in die Zeitung brannte. Über die Einrichtungen der Wohltätigkeit und der gegenseitigen Hilfe, so wie sie noch in den Tagen meiner Jugend aufrecht waren, wäre es wünschenswert, mehr Einzelheiten zu erzählen, die Zeugnis ablegen über ihren besonderen Charakter und über den Grundsatz der ›Mitzwa‹ (religiöse Pflicht; Gebot; gute Tat; Anmerkung des Übersetzers), auf den hin wir erzogen wurden. Das entscheidende Element der Wohltätigkeit war, dass sie in einer Form ausgeübt wird, die den Bedürftigen nicht beschämt. Es scheint mir, dass noch über der Wohltätigkeitskasse beim Eingang in die Synagoge von Rabbi Samson Wertheimer die Anfangsbuchstaben Mem, Bet, Jod, Alef eingraviert sind, (ein hebräisches Akrostychon; Anmerkung des Übersetzers) von Sprichwörter, Kapitel 21, Vers 14:

Ein Geschenk im Geheimen verdrängt den Zorn Gottes

Typisch dafür war die Wohltätigkeitskasse, die die Leute der ›Chevra kadischa‹ auf den Tisch im Haus von Trauernden stellten. Viele Münzen lagen schon darin, wenn sie unverschlossen zu den Trauernden gebracht wurde. Und selbstverständlich warf jeder, der kam, um sie in den sieben Tagen der Trauer zu trösten, ‒ durch einen Schlitz an der Oberseite ‒ heimlich etwas von seinem Geld in die Kasse ein; jeder so, wie er dazu imstande war. Die Absicht war, dass die Familie der Trauernden, die in den sieben Tagen ihrer Trauer verhindert war, ihrer Arbeit nachzugehen, am Abend ohne jede Überprüfung die ganze Summe, die für ihre Lebenshaltung notwendig war, aus der Kasse entnehmen konnte. Niemals überprüften die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ den Inhalt der Kasse und ich hätte mich nicht gewundert, wenn man in den Zwanziger Jahren am Boden der Kasse Münzen aus den Tagen des habsburgischen Kaiserreiches gefunden hätte.

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)



Ein Ereignis, dessen Sinn mir erst viele Jahre danach bekannt wurde, grub sich besonders in meinem Gedächtnis ein. An einem Abend besuchte uns Herr N., ein wohlhabender alter Mann, der ehrenvoll von seinen Ersparnissen lebte. Nie gehörte er zu dem engeren Freundeskreis meines Vaters und nie hatte er unser Haus besucht. Er bat, mit Vater ›unter vier Augen zu sprechen‹. Viele Jahre kannten wir nicht die Bedeutung dieser Geheimnistuerei. Erst Jahre, nachdem Herr N. kinderlos gestorben war, deckte mir Vater sein Geheimnis auf: als die Bank, auf der seine Ersparnisse lagen, Konkurs machte, blieb Herr N. in großer Armut zurück. Er wusste nicht, wovon er im kommenden Monat leben sollte und er war aus Schamgefühl nicht dazu imstande, sich an die Wohltätigkeitskasse zu wenden. Mit Hilfe eines geheimen Wohltätigkeitsfonds der Familie Wolf, für den Vater verantwortlich zeichnete, erreichte Vater eine festgesetzte monatliche Rente für Herrn N. bis zu seinem Lebensende, ohne dass jemand in der Gemeinde eine Veränderung in seiner sozialen Stellung wahrnehmen konnte.

Die Teilnahme an den Wohltätigkeitsfonds befreite niemanden vom persönlichen Handeln. Die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ und andere erfüllten selbstverständlich freiwillig ihre Aufgaben, die manchmal mit großer Mühe und erheblichem Zeitaufwand verbunden waren. Das Verrichten einer Mitzwe war mehr Verdienst als eine ernste Pflicht. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, trug mich mein gottseliger Vater als Neuling in der ›Chevra kadischa‹ ein. Er war verpflichtet, einige hundert Schilling Einschreibgebühr zu zahlen, und nachdem die Vorsteher der Chevra meine Aufnahme bestätigt hatten, wurde ich am Schabbat zur Tora und zum Lesen der Haftara (Text aus den Prophetenbüchern; Anmerkung des Übersetzers) aufgerufen. Was waren meine Rechte und Pflichten von nun an? Es waren nicht viele Wochen vergangen, als ich eine Nachricht empfing: der greise Herr Moritz Machlup ist sehr krank und da auch seine Tochter alt ist, kann sie ihn nicht pflegen. Ich musste die ganze kommende Nacht zur Unterstützung neben seinem Bett sitzen und ihm in allem helfen, wo er bedürftig war. Herr Machlup war früher ein Antiquitätenhändler, aber die Jahre der Wirtschaftskrise ließen auch ihn verarmen. Es lag in der Möglichkeit der ›Chevra kadischa‹, eine Frau anzustellen, die ihn pflegen würde, aber wo ist hier die persönliche Erfüllung der Mitzwa (›der guten Tat‹)? Nichts halfen die Proteste der gottseligen Mutter, dass man dem ›Kind‹ eine schwere Aufgabe wie diese auferlegte; ‒ meiner Reife und der Verantwortung, die mir auferlegt wurde, bewusst, ging ich zur armen Wohnung des Alten und pflegte ihn ein oder zwei Nächte.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ ta, ta, ta ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben

Zitat Meir Ayali

sagte Vater, denn dies war das Zeichen, dass ein Beter von nun an in der Synagoge fehlen wird.

Noch ein Bild aus den Tagen meiner frühen Kindheit steigt in meinem Gedächtnis auf. Ich war noch keine sechs Jahre, als ich wegen der Krankheit meiner Mutter den ganzen Winter bei Großvater und Großmutter in Lackenbach verbrachte. Sie hatten ein Lebensmittelgeschäft nahe der Wohnung, aber Großvater war sehr beschäftigt mit den Sorgen der Gemeinde, in der er viele Jahre als Oberhaupt diente. Es schneite stark und ich kniete im gemütlichen Zimmer auf der zum Fenster gelehnten Couch und blickte auf die weiß bedeckte Straße und auf die in ihre Mäntel eingehüllten Gestalten, die auf der Gasse vorübergingen. Da zog ein mit Holz beladener Wagen vorüber und neben dem Kutscher saß Großvater; eine Wollhaube bedeckte seinen Kopf und sein Gesicht. Sooft der Wagen stehen blieb, lud Großvater zusammen mit dem Kutscher neben verschiedenen Häusern gehackte Holzstücke vom Wagen. Großvater übergab die Leitung des Geschäfts für einige Stunden der Großmutter und selbst teilte er Holz an Familien aus, die sich ohne diese Hilfe in dem strengen Winter kein gewärmtes Zimmer hätten leisten können.

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse



Hätte ich über alle Bräuche in der Judengasse und über die verschiedenen Charaktere in der Gemeinde erzählt ‒ Menschen, die durch ihre Taten hervorragten und einfache Leute, die keine große Rolle spielten ‒ hätte ich noch viele Blätter Papier füllen müssen. Sie alle verschwanden plötzlich und wurden durch eine verbrecherische Hand ausgerottet. Ich könnte mich trösten, wüsste ich, dass alle jene sich hätten aufmachen und ihr persönliches Hab und Gut, ihre Bücher und ihre Bräuche mit sich nehmen können und erhobenen Hauptes Zuflucht gefunden hätten. Aber so war nicht das Los der meisten von ihnen. Vor den Augen ihrer Nachbarn, mit denen sie und ihre Väter durch hunderte von Jahren Straße an Straße gewohnt hatten, wurden sie misshandelt, gedemütigt und vertrieben. Die meisten von ihnen wurden am Weg und in den Vernichtungslagern getötet; es gab auch solche, die Selbstmord begingen. Mit schmerzendem Herzen erinnere ich mich an den verdienstvollen Arzt Dr. Pap, der mit dem Titel ›Medizinalrat‹ und danach mit dem Titel ›Sanitätsrat‹ wegen seiner großen Verdienste für das Gesundheitswesen der Stadt ausgezeichnet wurde. Wer kannte nicht die magere Gestalt mit dem asketischen Gesicht und der glänzenden Glatze, die von Haus zu Haus lief, um Heilung zu bringen ‒ auch ohne jegliche Bezahlung. Niemand erhob sich, um zu protestieren, als er geschlagen und gezwungen wurde, eine mit Steinen voll beladene Schubkarre ohne jedes Ziel durch die Gassen der Stadt zu führen und er an jeder Ecke gedemütigt wurde. Mit Schwierigkeit entkam er nach Italien, wo er Selbstmord beging. Und wer von uns erinnert sich nicht an Sándor Wolf: bis heute existiert niemand, der Eisenstadt mehr liebte als er, der mit seinem Geld und seinen Händen seine Vorgeschichte erforschte und seine Vergangenheit von den Tagen der Römer an aufdeckte und der das berühmte Museum errichtete. Wie viele Demütigungen musste er ertragen, bis es ihm gelang, in völliger Armut zu entkommen und das Land Israel zu erreichen!

Mir blieben alle diese Leiden erspart, denn ich verließ am Beginn der Dreißiger Jahre, als ich fast noch ein Bub war, Eisenstadt und Österreich, wo meine Ahnen und Urahnen durch hunderte von Jahren lebten, und schloss mich der Gruppe der Pioniere in ›Eretz Israel‹ (›Land Israel‹) an.

Mit großer Liebe trage ich in mir das Gedenken an diese Gemeinde, an ihre Größe und an ihre Kleinlichkeiten. Aber die finsteren historischen Ereignisse führten dazu, dass ich Eisenstadt in meinem Gedächtnis von der geographischen Realität getrennt habe und es irgendwo in fernen Sphären schwebt. Erst Kurt und Ursula Schubert halfen mir zurückzukehren und es manchmal als etwas zu fühlen, was wirklich war.

2 Kommentare zu Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt

Rosch haSchana 5781

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5781. שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה! Selbstverständlich haben wir…

Heute ist Erev Rosch haSchana. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein glückliches und gesundes neues Jahr 5781.

שנה טובה ומתוקה, כתיבה וחתימה טובה!

Selbstverständlich haben wir auch einen Neujahrs-Podcast gestaltet zum Thema „Jüdischer Kalender“.

Im folgenden Beitrag geht es um das Neujahrsfest in Eisenstadt, wie es Alfred Fürst in seinen „Sitten und Gebräuchen des Jahres“ 1908 beschreibt:

Das dankbarste Feld hat der Redner [bei der Predigt im Synagogengottesdienst] stets zur Zeit der Jahreswende, da das ganze Denken und Fühlen der Gemeinde ernsteren Gedanken zugänglich ist; da das pietätvolle Besuchen der Gräber, die bußfertige Ausübung menschenfreundlicher, gottgefälliger Handlungen dem Juden ebenso ans Herz gewachsen sind, wie das rein menschliche Hoffen und Harren auf ein gutes, neues Jahr. Ein Gemisch von Zagen und Hoffen charakterisiert auch die Liturgie dieser Bußezeit. Bloß am Neujahrstage, am Gerichtstage der „Einschreibung“ [d.h. das Los der Menschen wird von Gott bestimmt] überwiegt interessanterweise der so seligmachende Optimismus des Judentums. Die Schofarpredigt (vor dem Blasen der Neujahrsposaune), vor dichtgefüllter Galerie auf dem Almemor gesprochen, vermeidet es ängstlich ein strenges, strafend-ermahnendes Wort auszusprechen; bloß die Verdienste, die Wünsche der Gemeinde werden wohlwollend aufgezählt. Alles erscheint im Geiste so milde, so sanft, so verklärt licht, als wäre es ein innerer Widerschein des Gotteshauses, dessen Anblick heute wirklich bloß von Unschuld und Verklärtheit spricht. Hell, licht ist jeder Tempelschmuck: das Porocheth [Toravorhang] vor der Bundeslade, die Tischdecken und Toramäntelchen, auch die „Ständer“ (Betpulte) sind mit schneeigen Servietten bedeckt; einer Schar von Engeln aber gleicht nach einem Bildes des Midrasch [nicht wissenschaftlicher Kommentar zur Bibel] ‒ die andächtige Gemeinde, in ihre linnenen Totenkleider ernst gehüllt, Frauen sogar oft ganz in Weiß. Wahrlich die Harmonie der Eintracht und Liebe steigt mit den 30 Schofartönen zum „Eigner der Liebe“ empor“!

Und auch in den Familienhäusern hörst du keinen Laut der Lieblosigkeit, des Ärgers: süß ist die Sprache des neuen Jahres, süß ist der Honig, den man jetzt drei Wochen lang mit den Feiertagsbraten genießt. Die „Barches“ [Weizengebäck am Schabbat] müssen bis zum Schlussfest rund geflochten sein, um die Runde des Jahres anzuzeigen, geschickte Hausfrauen backen darauf kleine Kronen, Vögelchen, auch segnend ausgebreitete Kohenitenhände [Priesterhände]. In die Suppe kommen lange, feine Nudeln, ‒ das Jahr möge lang und fein sein, Enden werden nicht gegessen, ‒ das Leben möge nicht enden, hingegen liebt man die Köpfe vom Fisch und Geflügel, ‒ man möge zum Kopf werden, nicht zum Schwanz (Oberster und Letzter). Als Gemüse kochen die Frauen gern süßes Kraut oder Rüben, ‒ das „Hab“ (Haperl = Haupt vom Kraut) möge sich „mehren“ (Möhren = Rüben); man vermeidet scharfe Speisen und in die Mehlspeise gibt man keine dunkle Füllung, Mohn oder Schokolade. ‒ Ist dieses Menü verspeist, gönnt sich der Fromme Mann kein Schlummerstündchen, ‒ er könnte sonst das Jahr veschlafen, ‒ sondern eilt in den Tempel zu „Thillim“ [Psalmen, die gesagt werden, um in dieser Zeit nichts Böses zu sprechen]. Nach dem Minchagebete [Nachmittagsgebet] aber, dessen Zeit von nun an um 4 Uhr ist, eilt Jung und Alt, Mann und Weib zum Teich in den Hofgarten, um „Taschlich“ [symbolisches Sündenversenken] zu machen. Ob es bei dieser großen Toilettenparade auch noch ohne jede Kritik, ohne missgönnischen Blick abgeht!?

Aladar Alfred Ahron Fürst wurde 1877 in Eisenstadt geboren und promovierte an der Universität von Budapest zum Doktor der Philosophie. Er war 19 Jahre lang an der Hauptrealschule in Stuhlweißenburg Lehrer, ab 1921 unterrichtete er am jüdischen Knabengymnasium Budapest ungarische und deutsche Sprache. Fürst starb 1950 in Jeursalem. Veröffentlichungen: neben zahlreichen Artikeln in ungarischen und deutschen Zeitschriften erschien u.a. 1898 seine Dissertation „Gessner Salomon“ und 1914 die Artikelserie „die jüdischen Realschulen Deutschlands“ in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“.


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Zocken verboten!

In der 2. Folge unseres Podcasts „Koscher-Schmus“ geht es um das Kartenspielverbot in der jüdischen Gemeinde Eisenstadt.


Koscher-Schmus1 ‒ Der Podcast des Österreichischen Jüdischen Museums befasst sich mit häufigen Fragen von Besucherinnen und Besuchern ‒ in dieser 2. Folge erzählt Johannes Reiss über das Kartenspielverbot in der jüdischen Gemeinde Eisenstadt.


[1] Schmus (‎שמוס): aus jiddisch שמועס mit der Bedeutung: „Plauderei, Gespräch, Klatsch“ [Zurück zum Text (1)]


Barzen Rainer Josef, תקנות קהילות שו“ם: התקנות של קהילות רינוסג מגנצא, וורמייזא, ושפירא בימי הבניים, Teil 1, MGH – Hebräische Texte aus dem mittelalterlichen Deutschland, Band 2 von Monumenta Germaniae Historica. Hebräische Texte aus dem mittelalterlichen Deutschland, Wiesbaden 2019.

Wachstein Bernhard, Die Grabinschriften des Alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band I, Wien 1922, 69, Fußnote 1.

Wachstein B., Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden, Eisenstädter Forschungen, hrsg. von Sándor Wolf, Band II, Wien 1926, 145ff.

Rabbiner Avraham Radbil, Jackpot für Juden?, Jüdische Allgemeine, 29. 06. 2015.

Reiss Johannes, Orthodoxie und Oktoberfest, 16. Juli 2017.


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Leviten lesen

Koscher-Schmus ‒ Der Podcast des Österreichischen Jüdischen Museums befasst sich mit häufigen Fragen von Besucherinnen und Besuchern ‒ zum Auftakt erläutert Christopher Meiller das Levitenlesen.


Koscher-Schmus1 ‒ Der Podcast des Österreichischen Jüdischen Museums befasst sich mit häufigen Fragen von Besucherinnen und Besuchern ‒ zum Auftakt erläutert Christopher Meiller das Levitenlesen.

Der Einfall, selbst einen Podcast einzurichten, kam uns angesichts von „Anti & semitisch“ von Chajm Guski, der hiermit bedankt bzw. empfohlen sei!

[1] Schmus (‎שמוס): aus jiddisch שמועס mit der Bedeutung: „Plauderei, Gespräch, Klatsch“ [Zurück zum Text (1)]


Die Heilige Schrift. Einheitsübersetzung. 11. Aufl. Stuttgart 2006.

Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Georg Herlitz und Bruno Kirschner. Nachdruck der 1. Aufl. Berlin 1927. 2. Aufl. Frankfurt a.M. 1987.

Kluge, F.: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22. Aufl. Unter Mithilfe von Max Bürgisser und Bernd Gregor völlig neu bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin/New York 1989.


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