Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: frauenkirchen

Hebräischkurs 2013

Seit Montag findet in unserem Museum wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 und 2012 darüber berichtet und es kann nicht deutlich und stolz genug…

Seit Montag findet in unserem Museum wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 und 2012 darüber berichtet und es kann nicht deutlich und stolz genug verkündet werden: Heuer schon zum achten Mal kamen die Damen aus ganz Österreich zum Hebräischstudium nach Eisenstadt!

2012 als Premiere gestartet, machten wir auch heute wieder einen Ausflug in drei ehemalige jüdische Gemeinden auf dem Gebiet der Sieben-Gemeinden des Burgenlandes, nach Frauenkirchen, Kittsee und Gattendorf – und erprobten die Hebräischkenntnisse sozusagen in der Praxis.
Heuer aber leider nicht bei Traumwetter, sondern bei regelrechtem Aprilwetter, wenn auch mit mehr Regen als mit Sonnenschein. Und meine Kamera hab ich auch vergessen, das Handy musste als Ersatz dienen, bitte um Entschuldigung. Trotzdem hier unser kurzer – aber zeitnaher – Bericht:

Herr Franz Wegleitner empfängt uns am jüdischen Friedhof

In Frauenkirchen, unserer ersten Station unserer kleinen Reise, empfing uns Herr Franz Wegleitner, der maßgeblich für die Ausstellung “Die Judengemeinde von Frauenkirchen – 1678 – 1938” verantwortlich zeichnete und sie mitinitiierte. Da die Ausstellung in den Nebenräumen der berühmten barocken Basilika von Frauenkirchen gezeigt wird, genossen wir zuerst seine faszinierende Führung durch den höchst beeindruckenden Kirchenraum.

Deckenfresko in der Basilika Frauenkirchen

Und wir fanden sogar hier Spuren der Geschichte der Juden im Burgenland. Eines der prachtvollen Deckenfreskos zeigt nämlich ein “L”, das für Kaiser Leopold I. steht. Jener Kaiser, der den Esterházys besonders verbunden war, aber eben auch jener Kaiser, der 1670/71 die Juden aus Wien vertrieben hat. Viele der damals vertriebenen Juden fanden in der Region des heutigen Burgenlandes, auf esterházysichem Gebiet, Zuflucht und waren Gründer der berühmten Sieben-Gemeinden.

Ausstellung in der Basilika von Frauenkirchen

Die Ausstellung “Die Judengemeinde von Frauenkirchen – 1678 – 1938”, zu der unser Museum auch die Hälfte der Texte sowie viele Leihgaben beisteuern durfte, wurde bisher ausgesprochen gut besucht, schon jetzt werden mehr BesucherInnen gezählt als in allen anderen vergangenen Ausstellungen, die in der Basilika Frauenkirchen stattfanden!

Ausstellung in der Basilika von Frauenkirchen

Das in Originalgröße nachgebaute und begehbare Brunnenhaus zählt sicher zu den Höhepunkten der Ausstellung. Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass die Ausstellung nicht nur so gut besucht ist, sondern auch sehr gut angenommen wird.

Grab von Ladislaus Rosenfeld

Das Grab von Ladislaus Rosenfeld, dem Bruder des einzigen Juden, der nach Frauenkirchen zurückgekehrt war, Paul Rosenfeld. Ladislaus Rosenfeld war Leutnant und lieferte sich 1937 mit einem Freund eine Wettfahrt mit dem Motorrad, die er nicht überlebte. An seinem Begräbnis, so erzählte sein Bruder immer, nahmen mehr Leute teil als an jedem anderen Begräbnis in Frauenkirchen, die Menschenmenge war schier unüberschaubar lang.

Alle anderen Verwandten wurden in Auschwitz ermordet. Paul Rosenfeld konnte das nie vergessen, vor allem nicht, dass seine beiden Neffen und Nichten darunter waren, Kinder im Alter von 8 und 6 Jahren.

Jüdischer Friedhof Kittsee

Von Frauenkirchen führte uns der Weg nach Kittsee, wo der jüdische Friedhof im Schatten des Schlosses liegt. Die Grabsteine sind sehr alt und die Inschriften teilweise noch schwerer zu lesen als auf den meisten anderen jüdischen Friedhöfen.

Grabstein von Josef Walter am jüdischen Friedhof Kittsee

Grabstein von Josef Walter.
Interessant: “Josef, genannt (vulgo) Joseph” würde man heute schreiben. Aber damals? Wie wurde “Josef” wirklich genannt?

Grabstein am jüdischen Friedhof Kittsee

Dieser abgebrochene Grabstein datiert aus dem Jahr 1692. Wir können deutlich lesen, dass der Verstorbene “Jakob” heißt und am 5. Elul 452 (17. August 1692) verstorben. Woher aber stammt dieser Jakob, dessen Nachnamen wir leider auch nicht wissen? Der zweite Teil der 1. Zeile der Inschrift scheint erstaunlicherweise deutlich schlechter und schlampiger geschrieben als der Rest der Inschrift. Seltsam?

Tafel am Eingang zum jüdischen Friedhof Gattendorf

Zum Abschluss fuhren wir dann noch zum jüdischen Friedhof ins nahe gelegene Gattendorf. Eine große Tafel, von einer Schulklasse gestaltet, findet sich auf dem Eingangstor. Beeindruckend!

Jüdischer Friedhof Gattendorf

Der jüdische Friedhof in Gattendorf ist sehr gepflegt, die Inschriften aber zum Großteil – ähnlich wie in Kittsee – nur sehr schwer lesbar.

Mit vorwiegend vielen positiven Eindrücken kehrten wir – sehr müde – nach Eisenstadt zurück. Morgen wird dann weiter im Museum gelernt …


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Gedenken, Erinnern, Gestalten

Vor einigen Wochen noch zeichnete ich in einem Beitrag ein eher tristes Bild des heutigen Frauenkirchen, in dem es einst eine namhafte jüdische Gemeinde gab. Der vorsichtige Optimismus am Schluss…

Vor einigen Wochen noch zeichnete ich in einem Beitrag ein eher tristes Bild des heutigen Frauenkirchen, in dem es einst eine namhafte jüdische Gemeinde gab. Der vorsichtige Optimismus am Schluss jedoch zeigt sich schon jetzt als goldrichtig: Es tut sich etwas in Frauenkirchen und wir begleiten hier auf der Koscheren Melange gerne die vielversprechenden Aktivitäten.

Einladung
zum Gedenken an die Ereignisse des 11. März 1938

An jenem Abend vor 75 Jahren begann die Verfolgung der jüdischen Ortsbewohner von Frauenkirchen durch die Nationalsozialisten. Zur Errichtung eines “Gartens der Erinnerung” wird ein symbolischer Grundstein gelegt

Am Montag, den 11. März 2013 um 19:00 Uhr
am Tempelplatz Frauenkirchen

  • Synagoge von Frauenkirchen 1938

    Synagoge Frauenkirchen 1938

  • Tempelplatz in Frauenkirchen, Status quo

    Tempelplatz, Status quo



Ein paar Worte zur Entstehung des Projekts:

Schon seit dem Erscheinen der Erstauflage des Buches “Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen” von Dr. Herbert Brettl vor 10 Jahren gibt es Bestrebungen, am Standort der Synagoge eine Gedenktafel anzubringen.

Erste konkrete positive Signale vom Bürgermeister gab es jedoch erst vor 2 Jahren, in Kooperation mit dem Verein erinnern.at konnte Herbert Brettl bald einen neuen Anlauf nehmen, Vorgespräche führen und im Dezember 2011 ein erstes Treffen organisieren. Schon zum kurz danach stattfindenden zweiten Treffen kamen unter anderem sowohl Vertreter der IKG als auch GemeindepolitikerInnen folgten gerne der Einladung. Finanzielle Unterstützung von Landeshauptmann und Bürgermeister wurde zugesagt und bald konstituierte sich um den Initiator Herbert Brettl ein perfektes Team mit dem Architekten Martin Promintzer und der Künstlerin Dvora Barzilai. Aus der Idee, eine Gedenktafel zu errichten, wurde ein Gedenkpark – mit dem Anspruch, Gedenken, Erinnern, Informieren und Verweilen zu ermöglichen.

Projekt Gedenkgarten

Projekt “Gedenkgarten” Frauenkirchen, geplante Realisierung: 2014

Der neugegründete Verein unter der Obmannschaft von Herbert Brettl versucht nun die Finanzierung zu sichern und baurechtliche Fragen/Auflagen zu klären. 2014 soll – so der ehrgeizige Plan – das Konzept des Gedenkgartens in die Realität umgesetzt sein.

Wir wünschen für das Vorhaben alles Gute!

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Was hätte man auch tun sollen?

Ein Kurzbesuch in Frauenkirchen Eine sehr angenehme dienstliche Verpflichtung führte mich heute von Eisenstadt ins Franziskanerkloster nach Frauenkirchen, einem Ort im Seewinkel, wo über 250 Jahre lang eine jüdische Gemeinde…

Ein Kurzbesuch in Frauenkirchen

Eine sehr angenehme dienstliche Verpflichtung führte mich heute von Eisenstadt ins Franziskanerkloster nach Frauenkirchen, einem Ort im Seewinkel, wo über 250 Jahre lang eine jüdische Gemeinde existierte, die zeitenweise ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte.

Unweigerlich fällt mir beim Spaziergang durch das ehemalige jüdische Viertel ein:

Der Rabbi von Frauenkirchen war sehr zugeknöpft, als ich bei ihm vorsprach. Sein gutes Recht, vielleicht auch seine Pflicht, dem Fremden gegenüber. Aber als ich erzählte, in einer Eisenstädter Gastwirtschaft, die als einwandfrei koscher anerkannt ist, sei ich einem Frauenkirchner begegnet, der dort kein Fleisch genoss, wurde der einsilbige Mann plötzlich lebendig. Seine Augen leuchteten auf und er triumphierte sichtlich befriedigt:

“Das war recht von ihm.”
Und ich entnahm unschwer, dass sich aus der Koscher-Fleischfrage zwischen Frauenkirchen und Eisenstadt eine Differenz von unerhörter Wichtigkeit ergeben hat: Khille Geist.

Otto Abels, in: Wiener Morgenzeitung, Nr. 2881, 1927.

In Frauenkirchen gibt es heute keine Juden mehr. Der letzte Jude, Paul Rosenfeld, starb 2003 und ist in Wien begraben. Auf eigenen Wunsch! Nicht in Frauenkirchen, obwohl regelmäßiger Teilnehmer an den örtlichen Wirtshausstammtischen. Was dort (und wohl nicht nur dort) so gesprochen wurde, wissen noch manche der älteren Frauenkirchner zu berichten. Hört man das, ist Paul Rosenfelds Wunsch zu verstehen …

Barbara Coudenhove-Kalergi schrieb 1986 in ihrem bemerkenswerten Aufsatz “Paul Rosenfeld. Einer kam zurück”:

… An den letzten Akt erinnert sich die Wirtin des Bahnhofgasthofs. Sie sieht es noch wie heute: den Junitag, den langen Zug der Menschen, jeder nur ein kleines Bündelchen in der Hand. Viele bekannte Gesichter. Es ging durch die Hauptstraße, durch die Esterházygasse, zum Bahnhof. Dort wurden alle auf Viehwaggons geladen. “Das war ein Weinen.”

Und niemand hat geholfen?
Nein. Niemand. Was hätte man auch tun sollen?
Freilich, als der Nazibürgermeister des Ortes die Fronleichnamsprozession verbot, hat man doch etwas getan. Die Frauen hätten ihn mit ihren Besen über den Kirchenplatz gejagt, erzählt der Pater Josef von den Franziskanern.

Der große jüdische Friedhof in Frauenkirchen ist versperrt, der Schlüssel kann im Rathaus geholt werden. Leider ist der Platz vor dem Friedhofseingang wahrlich kein Ruhmesblatt für den Ort.
Der eiskalte, nasse und starke Nebel umfängt heute auch die Grabsteine.

Unter den Grabsteinen auch jener der Familie von Paul Rosenfeld, jener des großen Rabbiners Israel Pscherhofer (bitte Bilder durch Klicken vergrößern) und der jüngste Grabstein des Friedhofes: der eines 6jährigen ungarischen Mädchens, das 1957 auf der Flucht mit ihren Eltern über den Neusiedlersee erfroren ist:

  • Grabstein der Familie Rosenfeld
  • Grabstein des berühmten Gelehrten Israel Pscherhofer
  • Grabstein aus Sandstein
  • Ein ehemals sehr beeindruckender Grabstein
  • Jüdischer Friedhof Frauenkirchen
  • Der jüngste Grabstein aus 1957


Bis heute ist es in Frauenkirchen nicht gelungen, eine Gedenktafel oder einen Gedenkstein an die ehemalige jüdische Gemeinde zu errichten. Gerademal Gassen- und Platznamen erinnern: “Tempelplatz, Judengasse”…
2013 soll es endlich so weit sein, erfahre ich bei unserem heutigen Treffen mit Pater Elias, einem Nachfolger des obgenannten Pater Josef.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Ihnen wärmstens das Buch: “Herbert Brettl. Die jüdische Gemeinde von Frauenkirchen”, 2. Auflage, Halbturn 2008.


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