Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: friedhof

Tag des Friedhofs 2021

Gestern und heute ist der #TagDesFriedhofs. In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe (in unmittelbarer Umgebung unseres jüdischen Museums) sowie ein Mausoleum. Beide Friedhöfe können besucht werden, den Schlüssel erhalten…

Gestern und heute ist der #TagDesFriedhofs.

In Eisenstadt gibt es zwei jüdische Friedhöfe (in unmittelbarer Umgebung unseres jüdischen Museums) sowie ein Mausoleum. Beide Friedhöfe können besucht werden, den Schlüssel erhalten Sie sowohl in unserem Museum als auch beim Portier des Krankenhauses (gleich neben den Friedhöfen). Das Wolf-Mausoleum befindet sich einige Meter oberhalb des Gymnasiums Wolfgarten und ist mit dem Auto in wenigen Minuten, zu Fuß in etwa 20 Minuten (vom Museum aus) erreichbar.

Der ältere jüdische Friedhof darf wohl als einer der bedeutendsten jüdischen Friedhöfe in Europa bezeichnet werden. Über 1.100 Grabsteine, der älteste aus dem Jahr 1679, ausschließlich hebräische Grabinschriften. Auf dem Friedhof befinden sich u.a. die Gräber von MaHaRaM A“SCH, Rabbi Meir Eisenstadt, gest. 1744, dem ersten offiziellen Rabbiner der jüdischen Gemeinde Eisenstadt, sowie die Gräber der Eltern des berühmten Rabbi Akiba Eger (der heute, am 13. Tischre, seinen Jahrzeittag hat!): Mose Güns-Schlesinger und Gütel, Tochter von Akiba Eger dem Älteren… Schon 1922 wurde dieser Friedhof vollständig dokumentiert, seit 2015 ist jeder Grabstein mit Foto und Inschrift auch online, jeder Grabstein hat einen QR-Code mit Namen und Sterbedatum, wodurch alle BesucherInnen die Möglichkeit haben, ein bestimmtes Grab auch tatsächlich zu finden.

Nur wenige Meter entfernt liegt der jüngere jüdische Friedhof, der von 1875 an belegt wurde. Die etwa 300 Grabsteine haben ebenfalls fast ausschließlich hebräische Grabinschriften. 1992 wurde der Friedhof geschändet, der Täter im Herbst 1995 gefasst. Auch dieser Friedhof wurde von uns schon 1995 dokumentiert, seit 2017 ist jeder Grabstein mit Foto, Grabinschrift, Übersetzung, Anmerkungen und biografischen Ergänzungen online und vor Ort ebenfalls mit QR-Code versehen.

Das Mausoleum der Familie Wolf am Fuß des Leithagebirges im ehemaligen Obst-und Gemüsegarten der Familie Wolf beherbergt eine Gedenktafel sowie die Urnen von 12 Nachkommen von Leopold Wolf und seiner Frau Ottilie Laschober. Ottilie war katholisch, alle Kinder erhielten die Religion ihres Vaters, traten aber im Laufe ihres Lebens aus dem Judentum aus. Die Kinder, Schwiegerkinder und Enkeln von Leopold und Ottilie Wolf wurden aus der ganzen Welt zu ihrer Mutter nach Eisenstadt gebracht (bis 2001!).


Danke an die Kolleginnen/Kollegen vom Jüdischen Museum Frankfurt / Museum Judengasse https://www.facebook.com/juedischesmuseumffm fürs Erinnern an den #TagdesFriedhofs.


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Im fernen wirren Ungarn

Diese Woche hatten wir einen ganz besonderen Besuch: Ruth Ellen Gruber, die Koordinatorin von Jewish-Heritage Europe kam nach Eisenstadt.

Diese Woche hatten wir einen ganz besonderen Besuch: Ruth Ellen Gruber, die Koordinatorin von Jewish-Heritage Europe kam nach Eisenstadt.

Am Donnerstag fuhren wir über den jüdischen Friedhof Wiener Neustadt sowie den älteren jüdischen Friedhof von Eisenstadt und unser jüdisches Museum nach Köszeg (deutsch: Güns) in Ungarn, wo die Synagoge derzeit aufwändig renoviert wird. Da sie daher auch nicht betreten werden darf, haben wir leider nur wenige Fotos. 2022 ist die Fertigstellung geplant, man darf gespannt sein!

Aber der Reihe nach: In Wiener Neustadt waren es vor allem die am jüdischen Friedhof sehr schön präsentierten mittelalterlichen Grabsteine, die Mrs. Gruber faszinierten. Besonders erfreulich finde ich auch die Initiative der Stadt Wiener Neustadt, dass jeder dieser Grabsteine nun auch ein Täfelchen mit der Übersetzung und einen QR-Code zu meiner vollständigen Bearbeitung hat. Auch am jüdischen Friedhof in Eisenstadt konnte Mrs. Gruber unsere QR-Codes das erste Mal sehen und „testen“.

Gebaut wurde die Synagoge von Köszeg aus Mitteln einer Stiftung von Philipp Baron Schey von Koromla (geb. 20. September 1797 in Köszeg, gestorben am 29. Siwan 5641 = 26. Juni 1881 in Baden bei Wien). Philipp Schey wurde als erster ungarischer Jude geadelt und ist auf dem jüdischen Friedhof in Lackenbach begraben.

Der Film Synagogue for Sale“ von Zsuzsanna Geller-Varga zeigt die Synagoge im Jahr 2007.

Unter den Gesetzestafeln auf der Vorderseite der Synagoge erinnert auch eine Inschrift an Philipp Schey. Die jüdische Jahreszahl 5620 ist umgerechnet das Jahr 1859/60. Dieses Jahr wurde bisher immer als Gründungsjahr angenommen, jedoch ergaben neuere Forschungen, dass bereits 1856, also noch vor der Nobilitierung von Philipp Schey, mit dem Bau der Synagoge begonnen wurde.

Daher stoppten wir auf der Rückfahrt trotz einsetzenden Regens natürlich noch auf dem jüdischen Friedhof von Lackenbach. Wenn auch das Mausoleum von Baron Philipp Schey der Hauptgrund war, darf der größte jüdische Friedhof des Burgenlandes mit 1770 Gräbern nicht verlassen werden, ohne zumindest noch die Gräber von zwei der bedeutenden Rabbiner Lackenbachs zu besuchen:

Rabbi Salman Salomon Lipschütz, gestorben 1808 in Lackenbach. Seine Gegner beschrieben ihn 1765, als er vom Grafen zum Nachfolger seines Vaters als Rabbiner in Neuwied (Rheinland-Pfalz, Deutschland) ernannt wurde, als einen „äußerst aufgeblasenen und zanksüchtigen Mann„, der soeben seiner Frau im Kindbett den Scheidebrief gereicht und sie vertrieben habe. Auch wurde er als geheimer Sabbatianer bezeichnet und es wurde ihm sogar die Befähigung zum Rabbiner abgesprochen. Wie auch immer, gegen Ende seines Lebens war er Rabbiner in Lackenbach, sein Sohn Israel Lipschtüz (1782-1826) wurde Rabbiner im benachbarten Deutschkreutz, seine Tochter Jentl war die Mutter des Mattersdorfer Rabbinatsverwesers Rev Aron Singer.

Rabbi Schalom Salomon Ullmann, genannt „Rabbi Schalom, der Scharfsinnige“, geb. 27. Februar 1755 in Fürth, gest. 06. März 1825 in Lackenbach, Sohn des Gemeindevorstehers Israel-Isserle Ullmann aus Fürth. 1799 wurde Ullmann Rabbiner in Nagyatád, Ungarn, kurz darauf Nachfolger von David Deutsch als Rabbiner in Frauenkirchen. Ab 1809 war er Rabbiner in Lackenbach, wo er als „Chassid“ galt.

Siehe „Das Biographische Handbuch der Rabbiner“.

Die Tafel auf der Rückseite des Grabsteines gibt es erst wenige Monate.

Beide Gräber, besonders aber jenes von Rabbi Ullmann, sind alljährlich das Ziel vieler orthodoxer Pilger.


Ich bedanke mich sehr herzlich (u.a.) bei Frau Eszter Sterk von der jüdischen Gemeinde Szombathely und bei Frau Dr. Edit Szántóné Balász und Herrn Attila Pók vom Institute of Advanced Studies Köszeg für ihre so freundliche Hilfe bei der Organisation und vor Ort in Köszeg.



Der Beitragstitel ist ein Zitat aus einem Brief von Rabbiner Dr. Asriel Hildesheimer, der diese Worte benützte, als er einem Freund in Düsseldorf von seiner Berufung als Rabbiner nach Eisenstadt berichtete.


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Meine Kindheit in der Judengasse in Eisenstadt

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von…

Diesen Artikel schrieb Professor Meir Ayali, seligen Andenkens, im Jahr 1988 und wurde von mir aus dem Hebräischen übersetzt. Meir Eugen Ayali wurde am 10. Juli 1913 als Sohn von Jehuda Hirschler und Esther Kohn im Wertheimerhaus in Eisenstadt, in dem sich heute das jüdische Museum befindet, geboren. Er starb am 01. Mai 2001 in Israel.
Ein berührender Artikel über seine Kindheit in einer ausgelöschten Welt.

Schabbatkette jüdisches Viertel Eisenstadt

Insgesamt standen 31 Häuser in der Judengasse, die sich wie ein umgekehrtes Dalet (ד = vierter Buchstabe im hebräischen Alphabet) erstreckte: beginnend bei den beiden Säulen mit der Kette im Osten bis zu den Häusern im Westen, die an das Spital der ›Barmherzigen Brüder‹ grenzten und von hier verlief sie in Richtung Norden bis zum Tor des alten Friedhofs. An der Südwestecke, beim Ausgang auf die ›Straße‹, befand sich ein Gittertor, das, ähnlich den dicken und schweren Eisenketten im Osten, auch an den Abenden vor Schabbattagen und Festen bis zum Ausgang des Schabbats bzw. des Festes für jeglichen Fahrzeugverkehr geschlossen wurde. Wie in früheren Jahren war in den Tagen meiner Kindheit und Jugend die autonome Gemeindestruktur der Gasse mit dem Namen Unterberg-Eisenstadt noch beibehalten und wir hatten einen eigenen Bürgermeister. Sogar als Kinder waren wir sehr stolz auf dieses Recht, das ein zusätzliches Flair auf den besonderen Charakter des Judenviertels und auf die Lebensatmosphäre in ihm ausübte.

31 Häuser: auf dem Tor eines jeden war eine kleine Tafel aus Holz oder Blech angebracht, auf die der Schames (Synagogendiener) zweimal am Tag dreimal schlug ‒ ta, ta, ta ‒ um bekannt zu geben, dass die Zeit des Morgen-, Mittag- oder Abendgebetes gekommen ist. Mit großer Pünktlichkeit, fünf Minuten vor dem Beginn des Gebetes in der Synagoge, schlug Herr Feldmann mit einem dicken Holzhammer auf das Tor Nr. 1, das Haus des Gabriel, das neben der Kette stand, und beendete binnen fünf Minuten die Runde beim Haus Nr. 31, das gegenüber (vom Haus Nr. 1), ebenfalls neben der Kette, war. In diesem Haus, Nr. 31, das heute ›Wertheimerhaus‹ genannt wird (mit Recht, denn es wurde von Rabbi Samson Wertheimer erbaut), und das im Besitz der Familie Wolf war, wohnten wir. Das Tor des Hauses ging auf die Judengasse, unsere Fenster schauten nach Osten; von ihnen blickten wir auf die Türme des Schlosses Esterházy, zum Hofgarten und auch auf die Abhänge des nahe gelegenen Waldes. Noch klingt in meinen Ohren das Zwitschern der Lerchen, das vom Park und vom Wald her den Morgen der Sommertage durchbrach, und ich erinnere mich an die sorglosen und glücklichen Tage meiner Kindheit in diesen Jahren, als auch die Erwachsenen nicht ahnen konnten, welche Vipern in Menschengestalt in viel späteren Jahren von allen Seiten hervorbrechen würden. Die Häuser der Gasse waren klein, die meisten von ihnen einstöckig, einfach und bescheiden; aber einige waren in ihrem Stil sehr pittoresk, und die Maler malten besonders gern das letzte Haus im oberen Teil der ›Oberen Gasse‹, links vom Tor des Friedhofes (an seiner Stelle befindet sich heute der Eingang zum Krankenhaus). Auf den Türstürzen einiger Häuser waren Krugformen ziseliert, um zu kennzeichnen, dass ihre Besitzer Leviten waren, die beim Gottesdienst die Handflächen der Priester wuschen, bevor diese auf das Podium stiegen, um das Volk zu segnen. Es scheint mir, dass Reliefs wie diese noch auf den Toren von zwei Häusern erhalten sind.

Neben dem Wertheimerhaus stand das Strohhaus, in dem im Jahr 1761 Rabbi Akiba Eger geboren wurde, der durch seine Lehre die Diaspora Israels erleuchtete, und der auch, als er schon Rabbiner von Posen war, seine Responsen ›Akiba, Sohn des Rabbi Mose Güns aus Eisenstadt‹ unterzeichnet hatte. Die Grabsteine von Rabbi Mose Güns und seinen Familienangehörigen sind noch auf dem alten Friedhof erhalten, nicht weit vom Grab des berühmtesten der Rabbiner Eisenstadts, des MaHaRaM Asch, (Rabbi Meir Eisenstadt), dem Verfasser der Bücher ›Panim me’irot‹ (›Leuchtendes Antlitz‹). Wenn nicht neue Vandalen kommen, werden diese Gräber noch viele Generationen erhalten bleiben.

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum

Ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers, heute im Österreichischen Jüdischen Museum



Gegenüber diesem Haus stand die große Synagoge (zu unterscheiden von der ›Kleinen Schul‹, die Samson Wertheimer in seinem Haus gebaut hat; in ihr betete man zu meiner Zeit nur an hohen Feiertagen und an besonderen Festen. Sie wurde jetzt von neuem, dank der Anstrengungen von Prof. Kurt Schubert (04. März 1923 – 04. Februar 2007), wieder hergestellt). Mit der großen Synagoge waren das ›Gemeinde-Haus‹, die Rabbinerwohnung, das Badehaus und die Mikwe sowie das ›Schiurzimmer‹, in dem die großen Rabbiner von Eisenstadt ihren Schülern Unterricht gaben, verbunden. Hier errichtete der Rabbiner Asriel Hildesheimer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts seine berühmte Jeschiva (Rabbinatsschule), ehe er nach Berlin übersiedelte, wo er das bekannte Rabbinerseminar gründete. In meiner Kindheit kannte ich noch einen seiner letzten Schüler in Eisenstadt, Herrn Asriel Wolf, einen alten Junggesellen, den mein gottseliger Vater als einen wahren Toragelehrten überaus schätzte; in ihm vereinten sich Tora und Lebensweisheit. Zu ihm schickte mich mein Vater manchmal am Schabbat Vormittag ›zum Verhör‹.

Hier, in der Synagoge und ihrer Umgebung, war das Zentrum des Gemeindelebens. Hier versammelten sich die Gemeindemitglieder an Wochen-, Schabbat- und Feiertagen zum Gebet. An den hohen Feiertagen kamen sie und ihre Familienangehörigen, auch jene, die in anderen Teilen der Stadt wohnten, sowie Juden aus den umliegenden Dörfern. Als Kinder fühlten wir nur die Atmosphäre der Heiligkeit, die sich während dieser Zusammenkünfte ausbreitete; wir wussten nur wenig von den Sorgen, die die Herzen unserer Eltern und der übrigen Betenden erfüllten, ‒ Unterhalts-, Erziehungs- und Gesundheitssorgen. Hier kamen die meisten der Gemeindemitglieder zusammen: Händler, Handwerker, Beamte und Lehrer, Weinkellerarbeiter, Ärzte und Rechtsanwälte. Sobald sie in ihren Tallit (Gebetsmantel) gehüllt oder mit dem weißen ›Kittl‹ an den hohen Feiertagen bekleidet waren, konnte man an ihnen keinen Standesunterschied erkennen.

Die Feste verbreiteten eine besondere Atmosphäre in der Gasse. Ernst und mit Ehrfurcht im Herzen kamen die Leute zu Neujahr und am Versöhnungstag in die Synagoge, so wie es sich an Tagen gebührt, an denen der Mensch gefordert ist, sein Gewissen zu erforschen und er seinem Los im kommenden Jahr entgegenbangt. Aber schon in der Woche vor diesen Festen, an den kühlen Morgen des Monats September, vor dem Aufgehen der Morgenröte, gingen wir schweigend in die beleuchtete Synagoge und sagten die ›Slichot‹ (Bußgebete) als Vorbereitung auf die hohen Feiertage. Uns Kindern schien es, als wäre die ganze Welt jetzt in tiefen Ernst gehüllt. Aber gleich nach diesen Feiertagen kamen die Tage des Laubhüttenfestes und in allen Höfen wurden Laubhütten mit dem ›Skakh‹ (Laub, um die Laubhütte zu bedecken) aufgestellt; die Bedeckung bestand aus grünen, wohlduftenden Zweigen. Die Dekorationen an den Wänden gestalteten wir Kinder: vielfärbige Sterne, angefertigt aus glänzendem Buntpapier. Wir lernten diese Kunst in den Handarbeitsstunden in der jüdischen Volksschule, die hinter dem Hof des ›Strohhauses‹ stand. Die Herbstluft war bei diesem Fest schon getränkt vom Duft der Weintrauben und des Mostes, der aus allen Weinbergen und Weinkellern rundum aufstieg. Der letzte Tag des Sukkotfestes ‒ es ist der Tag von ›Simchat tora‹ (Freudenfest der Tora), an dem das Lesen der Toraabschnitte endet und von Neuem beginnt ‒ entschädigte uns für den tiefen Ernst an den Festen, die dem Sukkotfest vorausgegangen waren: Die Stimmung war fröhlich! Alle Kinder, auch die kleinen, die noch nicht das Alter der Gebote (der religiösen Pflichten, bei Buben mit 13 Jahren) erreicht hatten, wurden zur Tora aufgerufen, und, um die Freude zu vergrößern, wurden aus verschiedenen Fenstern Äpfel und Nüsse zu den Kindern bei ihrem Auszug aus der Synagoge geworfen.

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum

Obstauswerfen zu Simchat Tora, Bild: Burgenländisches Landesmuseum



Ich kenne den Grund für diesen Brauch, den ich danach in keiner anderen Gemeinde gesehen habe, nicht. Vielleicht fielen hier zwei Motive zusammen: das eine, dass die Symbole dieser Früchte in den Midraschim (religiöse Auslegungsschriften) mit Israel verglichen werden, und das zweite ‒ ein Gedenken an das ›Erntefest; der Beiname für das Sukkotfest. Auf jeden Fall erfreuten uns alle diese Tage sehr, sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen.

Chanukkaleuchter, Leihgabe Burgenländisches Landesmuseum

Danach kamen die kalten und verschneiten Tage des Winters und mittendrin das Chanukkafest. Mit dem Dunkelwerden wurden in allen Häusern auf den Fenstersimsen die winzigen Chanukkakerzen auf dem kleinen Leuchter entzündet, der das ganze Jahr im Kasten oder auf dem Regal darauf warte, seine Aufgabe während der acht Chanukkatage zu erfüllen. Danach setzten wir uns ‒ alle Familienangehörigen und manchmal mit eingeladenen Freunden ‒ zu Tisch zu den typischen Chanukkaspielen, in deren Mittelpunkt das Spiel mit dem Kreisel, das ›Trendel‹ (ursprünglich ›Drehdel‹) genannt wurde, stand. Manchmal zogen sich die Erwachsenen auf einen anderen Tisch zurück und spielten ein harmloses Kartenspiel; die Wette ging im Allgemeinen ‒ wie auch beim Spiel mit dem Kreisel ‒ um Nüsse! Das muss man wissen, denn in der Gemeinde Eisenstadt war das Kartenspiel das ganze Jahr hindurch ›verpönt‹ und ein schwerwiegender Bann wurde bereits in den Tagen des MaHaRaM Asch zu Beginn des 18. Jahrhunderts darauf gelegt. Er legte damals viele Verordnungen zur Verbesserung der Moral fest, wie etwa das Verbot für Frauen, Kleider in der neuen Mode des ›Kreolin‹ zu tragen. Das strengste unter allen Verboten war der Bann auf das Kartenspiel und auch in meiner Jugend achtete man im Judenviertel nicht weniger darauf als auf die Kaschrutgesetze (Gebote der rituellen Tauglichkeit, Speisegesetze). Wer aber dem Spieltrieb nachgab, fand für sich einen Ausweg und ging insgeheim mit seinen Freunden in das benachbarte Dorf Kleinhöflein, aus der Annahme heraus, dass der Bann dort nicht mehr gelte. Aber in den Verordnungen des MaHaRaM Asch war das Spiel in den Nächten des Chanukkafestes erlaubt. Man nützte diese Erlaubnis, wenn auch in sehr bescheidener Form! Weil es keinen Bann gibt, der, wenn er aufgehoben war, automatisch seine Gültigkeit wiedererlangt, sondern nur, wenn er von Neuem erklärt wird, verlängerte der Rabbiner (in Übereinstimmung mit dem Gemeindevorsteher) die Zeitdauer der Erlaubnis um einige Tage. Und ich erinnere mich, wie in den Tagen meiner Kindheit der Rabbiner oder der Vorbeter auf die Bima stieg und neben der Torarolle verkündete:

Das Spielen ist asur (verboten) ke-vime kedem (wie früher)!

Zitat Meir Ayali

Und wieder erlangte das puritanische Verbot seine Gültigkeit und der Ernst senkte sich auf die Judengasse bis zum Purimfest im Monat Adar (März/April). An diesem Fest feierten wir die Niederlage des Haman, dem Urvater aller Antisemiten auf der Welt, und niemand konnte damals ahnen, welcher diabolische, um vieles gefährlichere Haman schon darauf wartete, das jüdische Volk zu vernichten und es von der Wurzel her auszurotten; und die Vernichtungswelle sollte ausgerechnet von hier, den ›Siebengemeinden‹ im Burgenland, ihren Anfang nehmen. Fröhlich und freudig drängten wir uns am Purimfest mit den Masken auf unserem Gesicht und wir halfen auch unseren Eltern beim Verteilen der ›Purimgeschenke‹; dieser Brauch sollte die Freundschaft unter den Nachbarn vermehren, wie es uns im Buch Ester befohlen wurde. Mutter legte auf den Teller ein paar Früchte und ein paar Süßigkeiten, herrliche ›Linzerkipferl‹, gab alles in eine farbige Hülle und sagte:

Jetzt gehst du zu Berger. Sagst ›Küss die Hand und guten Purim. Mama schickt Schlachmones‹ und genauso in andere Häuser, die selbstverständlich dieses wichtige Gebot ebenfalls einhielten.

Zitat Meir Ayali

Koscher-Stempel für Pesach

Der Winter zog vorbei, der Schnee verschwand und das Frühlingsfest kam: es ist das Pesachfest, das Fest des Auszugs aus Ägypten, von der Sklaverei in die Freiheit, durchdrungen von Sehnsucht nach baldiger Erlösung und dem Glauben an das Kommen des Propheten Elias, dem Verkünder des Messias, bald in unseren Tagen. Jetzt kam auch die Zeit der großen Reinigung. Es genügte nicht das wöchentliche Scheuern des Fußbodens, das Reinigen und das gewöhnliche Waschen. Jetzt drehte man das ganze Haus um, reinigte, wusch und scheuerte bis auf die Grundfeste und die Hauptsache war, dass sich zum Pesachfest auch nicht ein Körnchen von Gesäuertem im Hause finde! Manchmal bekam man auch ein neues Gewand anlässlich des Festes. Aus der ganzen Gasse stieg der Lärm des Waschens und Scheuerns auf und der Geruch der Sauberkeit breitete sich in allen Häusern aus. Es kam die Sedernacht: nach dem Gebet in der Synagoge setzten sich die Familien zusammen, um das Fest mit dem Lesen der ›Haggada der Pesachnacht‹, der Geschichte des Auszugs aus Ägypten, zu feiern, wie es Brauch unserer Väter durch viele Jahrhunderte hindurch war. Alle Familienangehörigen sangen bis in die späten Nachtstunden die Lieder des Pesachfestes, des Festes unserer Freiheit; eines der Kinder öffnete die Tür weit als Zeichen des Gefühls der Freiheit und in Erwartung auf die Erscheinung des Propheten Elias, dessen Kommen sich verzögerte. Das Trinken der vier Becher in dieser Nacht, die die vier Ausdrücke der Erlösung symbolisierten, die beim Auszug aus Ägypten gesprochen wurden:

ich führte euch (hinaus aus Ägypten)« … »ich rettete euch« … »ich erlöste euch« … »ich nahm euch

2. Buch Mose 6,6-7

Und sogar das Trinken kleiner Mengen hatte seine Wirkung auf unsere Köpfe, die wir um Mitternacht bei einem kurzen Spaziergang bis zum Schlossplatz milderten. Aber obwohl wir im Zentrum der österreichischen Weinkultur wohnten, sah ich niemals einen Betrunkenen durch die Judengasse gehen, nicht einmal beim Purimfest.

So wurden in der Judengasse und in den Familien die übrigen Feste gefeiert, die in unseren jungen Herzen viele tiefe Erlebnisse auslösten. Natürlich herrscht in diesen Schilderungen eine übertriebene Idealisierung, die von Erinnerungen einer fernen Kindheit herrührt. Aber auch damals blieben vor uns die Gefahren nicht verborgen, die manchmal über den Köpfen unserer Eltern schwebten. Zur Zeit meiner Kindheit lebten unter uns noch alte Leute, die sich an die Blutbeschuldigung von ›Tisza Eszlar‹ erinnerten und in den Schaukästen der Nazis, die allenthalben aufzutauchen begannen, wurden giftige Andeutungen ‒ genommen aus dem ›Stürmer‹ ‒ gemacht. Da wir Kinder eine moralisch-puritanische Erziehung genossen hatten und es gemäß den strengen religiösen Gesetzen bezüglich der Kaschrut verboten war, Fleisch zu essen, bevor das Blut durch Einsalzen entfernt worden war, konnten wir nicht glauben, dass jemand von unseren Nachbarn, vor denen wir nichts zu verbergen hatten und mit denen wir in Partnerschaft und Frieden lebten und für die Entwicklung der Stadt arbeiteten, imstande war, diesen ›Unsinn‹ zu glauben.

Nicht in allen Bereichen der Religion ging das Leben in der Gemeinde in den Tagen meiner Jugend so vor sich wie in früheren Jahren. In der Judengasse, die am Schabbat an ihren beiden Ausgängen für den Fahrzeugverkehr abgesperrt wurde ‒ mit einer Eisenkette auf der einen, mit einem Gittertor auf der anderen Seite ‒ waren die Geschäfte selbstverständlich geschlossen. Aber im Zentrum der Stadt, in der ›Hauptgasse‹, waren schon einige Geschäfte von Juden am Schabbat geöffnet, aus der Befürchtung heraus, dass ihr Einkommen zu arg beeinträchtigt werde. Auch in ihren religiösen Einrichtungen war die Gemeinde Eisenstadt schon nicht mehr das, was sie in früheren Jahrhunderten war, als das Licht ihrer Lehre weithin erstrahlte. Die Sorge des gottseligen Vaters darüber war an seinen Seufzern ersichtlich, die manchmal aus seinem Mund schlüpften.

Aber die allgemeine Atmosphäre in der Gasse wurde in meiner Kindheit noch bewahrt. So funktionierten die Einrichtungen der Wohltätigkeit, der Unterstützung und der gegenseitigen Hilfe perfekt. In der Gasse gab es schon nicht mehr viele Reiche, außer der Familie Wolf, die hohe Abgaben an die Gemeindekasse und die Einrichtungen der Gemeinde leistete; doch auch an ihr war die Wirtschaftskrise erkennbar. Aber alle Gemeindemitglieder trugen das Joch dieser Einrichtungen und beteiligten sich überall, wo es nötig war, persönlich an der Hilfeleistung. Die ›Chevra kadischa‹ (›Heiliger Wohltätigkeitsverein‹), die offensichtlich dazu gegründet wurde, sich um die Toten und deren Begräbnis zu kümmern, ließ auch den Lebenden durch Beistand in der Stunde einer Krankheit oder einer anderen Bedrängnis Hilfe angedeihen.

In den Tagen meiner Kindheit gab es noch für alle Fälle (leere) Krankenzimmer in der ›Oberen Gasse‹. Aber es wurde mir erzählt, dass viele Jahre, bevor ich geboren wurde, die Cholera in Eisenstadt wütete und viele Kranke in diese Krankenzimmer gebracht wurden. Ich weiß nicht, wie weit die Geschichte authentisch war, die man im Zusammenhang damit über Herrn Adolf Gabriel, den Vorsteher der ›Chevra kadischa‹, erzählte. Ich kannte ihn in meiner Jugend, wie er wegen seiner schrecklichen Kurzsichtigkeit durch die Gasse taumelte. Auch als Greis noch war er ‒ natürlich ehrenamtlich ‒ seinen Aufgaben in der ›Chevra kadischa‹ treu ergeben. Über ihn erzählte man, dass er in den Tagen der Cholera nicht von den Betten der Kranken in dem kleinen ›Spital‹ wich, sie pflegte, ihnen zu essen gab und sich selbst darum kümmerte, dass jene, die verstarben, begraben wurden. Es war schwer zu glauben, welch körperliche, seelische und moralische Kräfte in diesem kleinen, mageren und bescheidenen Mann ruhten. Manchmal lachten wir über seine Kalkulation, als wir in sein Geschäft kamen, das fast leer war von Waren und Kunden, und ihn in der ›Neuen Freien Presse‹ lesen sahen, die wegen seiner Kurzsichtigkeit wirklich auf seinen Brillen lag, und die Zigarette in seinem Mund ein Loch in die Zeitung brannte. Über die Einrichtungen der Wohltätigkeit und der gegenseitigen Hilfe, so wie sie noch in den Tagen meiner Jugend aufrecht waren, wäre es wünschenswert, mehr Einzelheiten zu erzählen, die Zeugnis ablegen über ihren besonderen Charakter und über den Grundsatz der ›Mitzwa‹ (religiöse Pflicht; Gebot; gute Tat; Anmerkung des Übersetzers), auf den hin wir erzogen wurden. Das entscheidende Element der Wohltätigkeit war, dass sie in einer Form ausgeübt wird, die den Bedürftigen nicht beschämt. Es scheint mir, dass noch über der Wohltätigkeitskasse beim Eingang in die Synagoge von Rabbi Samson Wertheimer die Anfangsbuchstaben Mem, Bet, Jod, Alef eingraviert sind, (ein hebräisches Akrostychon; Anmerkung des Übersetzers) von Sprichwörter, Kapitel 21, Vers 14:

Ein Geschenk im Geheimen verdrängt den Zorn Gottes

Typisch dafür war die Wohltätigkeitskasse, die die Leute der ›Chevra kadischa‹ auf den Tisch im Haus von Trauernden stellten. Viele Münzen lagen schon darin, wenn sie unverschlossen zu den Trauernden gebracht wurde. Und selbstverständlich warf jeder, der kam, um sie in den sieben Tagen der Trauer zu trösten, ‒ durch einen Schlitz an der Oberseite ‒ heimlich etwas von seinem Geld in die Kasse ein; jeder so, wie er dazu imstande war. Die Absicht war, dass die Familie der Trauernden, die in den sieben Tagen ihrer Trauer verhindert war, ihrer Arbeit nachzugehen, am Abend ohne jede Überprüfung die ganze Summe, die für ihre Lebenshaltung notwendig war, aus der Kasse entnehmen konnte. Niemals überprüften die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ den Inhalt der Kasse und ich hätte mich nicht gewundert, wenn man in den Zwanziger Jahren am Boden der Kasse Münzen aus den Tagen des habsburgischen Kaiserreiches gefunden hätte.

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)

Judengasse Eisenstadt, ca. 1920 (obere Gasse, heute Wertheimergasse)



Ein Ereignis, dessen Sinn mir erst viele Jahre danach bekannt wurde, grub sich besonders in meinem Gedächtnis ein. An einem Abend besuchte uns Herr N., ein wohlhabender alter Mann, der ehrenvoll von seinen Ersparnissen lebte. Nie gehörte er zu dem engeren Freundeskreis meines Vaters und nie hatte er unser Haus besucht. Er bat, mit Vater ›unter vier Augen zu sprechen‹. Viele Jahre kannten wir nicht die Bedeutung dieser Geheimnistuerei. Erst Jahre, nachdem Herr N. kinderlos gestorben war, deckte mir Vater sein Geheimnis auf: als die Bank, auf der seine Ersparnisse lagen, Konkurs machte, blieb Herr N. in großer Armut zurück. Er wusste nicht, wovon er im kommenden Monat leben sollte und er war aus Schamgefühl nicht dazu imstande, sich an die Wohltätigkeitskasse zu wenden. Mit Hilfe eines geheimen Wohltätigkeitsfonds der Familie Wolf, für den Vater verantwortlich zeichnete, erreichte Vater eine festgesetzte monatliche Rente für Herrn N. bis zu seinem Lebensende, ohne dass jemand in der Gemeinde eine Veränderung in seiner sozialen Stellung wahrnehmen konnte.

Die Teilnahme an den Wohltätigkeitsfonds befreite niemanden vom persönlichen Handeln. Die Vorsteher der ›Chevra kadischa‹ und andere erfüllten selbstverständlich freiwillig ihre Aufgaben, die manchmal mit großer Mühe und erheblichem Zeitaufwand verbunden waren. Das Verrichten einer Mitzwe war mehr Verdienst als eine ernste Pflicht. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, trug mich mein gottseliger Vater als Neuling in der ›Chevra kadischa‹ ein. Er war verpflichtet, einige hundert Schilling Einschreibgebühr zu zahlen, und nachdem die Vorsteher der Chevra meine Aufnahme bestätigt hatten, wurde ich am Schabbat zur Tora und zum Lesen der Haftara (Text aus den Prophetenbüchern; Anmerkung des Übersetzers) aufgerufen. Was waren meine Rechte und Pflichten von nun an? Es waren nicht viele Wochen vergangen, als ich eine Nachricht empfing: der greise Herr Moritz Machlup ist sehr krank und da auch seine Tochter alt ist, kann sie ihn nicht pflegen. Ich musste die ganze kommende Nacht zur Unterstützung neben seinem Bett sitzen und ihm in allem helfen, wo er bedürftig war. Herr Machlup war früher ein Antiquitätenhändler, aber die Jahre der Wirtschaftskrise ließen auch ihn verarmen. Es lag in der Möglichkeit der ›Chevra kadischa‹, eine Frau anzustellen, die ihn pflegen würde, aber wo ist hier die persönliche Erfüllung der Mitzwa (›der guten Tat‹)? Nichts halfen die Proteste der gottseligen Mutter, dass man dem ›Kind‹ eine schwere Aufgabe wie diese auferlegte; ‒ meiner Reife und der Verantwortung, die mir auferlegt wurde, bewusst, ging ich zur armen Wohnung des Alten und pflegte ihn ein oder zwei Nächte.

Eines Morgens, als wir das Schlagen des Holzhammers auf das Tor des Hauses hörten, das zum Morgengebet rief, wurden wir darauf aufmerksam, dass anstelle von drei Schlägen ‒ ta, ta, ta ‒ nur zwei gegeben wurden.

Wie es scheint, ist Herr Machlup diese Nacht gestorben

Zitat Meir Ayali

sagte Vater, denn dies war das Zeichen, dass ein Beter von nun an in der Synagoge fehlen wird.

Noch ein Bild aus den Tagen meiner frühen Kindheit steigt in meinem Gedächtnis auf. Ich war noch keine sechs Jahre, als ich wegen der Krankheit meiner Mutter den ganzen Winter bei Großvater und Großmutter in Lackenbach verbrachte. Sie hatten ein Lebensmittelgeschäft nahe der Wohnung, aber Großvater war sehr beschäftigt mit den Sorgen der Gemeinde, in der er viele Jahre als Oberhaupt diente. Es schneite stark und ich kniete im gemütlichen Zimmer auf der zum Fenster gelehnten Couch und blickte auf die weiß bedeckte Straße und auf die in ihre Mäntel eingehüllten Gestalten, die auf der Gasse vorübergingen. Da zog ein mit Holz beladener Wagen vorüber und neben dem Kutscher saß Großvater; eine Wollhaube bedeckte seinen Kopf und sein Gesicht. Sooft der Wagen stehen blieb, lud Großvater zusammen mit dem Kutscher neben verschiedenen Häusern gehackte Holzstücke vom Wagen. Großvater übergab die Leitung des Geschäfts für einige Stunden der Großmutter und selbst teilte er Holz an Familien aus, die sich ohne diese Hilfe in dem strengen Winter kein gewärmtes Zimmer hätten leisten können.

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse

Judengasse Eisenstadt, Obere Gasse, heute Wertheimergasse



Hätte ich über alle Bräuche in der Judengasse und über die verschiedenen Charaktere in der Gemeinde erzählt ‒ Menschen, die durch ihre Taten hervorragten und einfache Leute, die keine große Rolle spielten ‒ hätte ich noch viele Blätter Papier füllen müssen. Sie alle verschwanden plötzlich und wurden durch eine verbrecherische Hand ausgerottet. Ich könnte mich trösten, wüsste ich, dass alle jene sich hätten aufmachen und ihr persönliches Hab und Gut, ihre Bücher und ihre Bräuche mit sich nehmen können und erhobenen Hauptes Zuflucht gefunden hätten. Aber so war nicht das Los der meisten von ihnen. Vor den Augen ihrer Nachbarn, mit denen sie und ihre Väter durch hunderte von Jahren Straße an Straße gewohnt hatten, wurden sie misshandelt, gedemütigt und vertrieben. Die meisten von ihnen wurden am Weg und in den Vernichtungslagern getötet; es gab auch solche, die Selbstmord begingen. Mit schmerzendem Herzen erinnere ich mich an den verdienstvollen Arzt Dr. Pap, der mit dem Titel ›Medizinalrat‹ und danach mit dem Titel ›Sanitätsrat‹ wegen seiner großen Verdienste für das Gesundheitswesen der Stadt ausgezeichnet wurde. Wer kannte nicht die magere Gestalt mit dem asketischen Gesicht und der glänzenden Glatze, die von Haus zu Haus lief, um Heilung zu bringen ‒ auch ohne jegliche Bezahlung. Niemand erhob sich, um zu protestieren, als er geschlagen und gezwungen wurde, eine mit Steinen voll beladene Schubkarre ohne jedes Ziel durch die Gassen der Stadt zu führen und er an jeder Ecke gedemütigt wurde. Mit Schwierigkeit entkam er nach Italien, wo er Selbstmord beging. Und wer von uns erinnert sich nicht an Sándor Wolf: bis heute existiert niemand, der Eisenstadt mehr liebte als er, der mit seinem Geld und seinen Händen seine Vorgeschichte erforschte und seine Vergangenheit von den Tagen der Römer an aufdeckte und der das berühmte Museum errichtete. Wie viele Demütigungen musste er ertragen, bis es ihm gelang, in völliger Armut zu entkommen und das Land Israel zu erreichen!

Mir blieben alle diese Leiden erspart, denn ich verließ am Beginn der Dreißiger Jahre, als ich fast noch ein Bub war, Eisenstadt und Österreich, wo meine Ahnen und Urahnen durch hunderte von Jahren lebten, und schloss mich der Gruppe der Pioniere in ›Eretz Israel‹ (›Land Israel‹) an.

Mit großer Liebe trage ich in mir das Gedenken an diese Gemeinde, an ihre Größe und an ihre Kleinlichkeiten. Aber die finsteren historischen Ereignisse führten dazu, dass ich Eisenstadt in meinem Gedächtnis von der geographischen Realität getrennt habe und es irgendwo in fernen Sphären schwebt. Erst Kurt und Ursula Schubert halfen mir zurückzukehren und es manchmal als etwas zu fühlen, was wirklich war.

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Ein ganz besonderer Freiwilligeneinsatz

Im Burgenland gibt es heute so gut wie keine Juden mehr. Jene Nachfahren der Toten, die die Schoa überlebten, leben heute in den USA, in Israel, in Südamerika usw. Die…

Im Burgenland gibt es heute so gut wie keine Juden mehr. Jene Nachfahren der Toten, die die Schoa überlebten, leben heute in den USA, in Israel, in Südamerika usw. Die Pflege der 14 jüdischen Friedhöfe muss daher durch die öffentliche Hand erfolgen und/oder durch Freiwilligenarbeit.

Dass diese aber von Schülerinnen und Schülern der MS Kobersdorf gemacht wurde, ist nicht selbstverständlich und wirklich in höchstem Maße erfreulich.

Vor einigen Wochen wurde ich von Herrn Michael Bauer aus Brooklyn/NY gebeten, jemanden zu organisieren, der die vier Grabsteine seiner Familie am jüdischen Friedhof Kobersdorf vom Grünbelag befreien würde. Ich kontaktierte umgehend die Direktorin der MS Kobersdorf, die sich spontan bereit erklärte, mit Schülerinnen und Schülern ihrer Schule, die sich freiwillig melden, die Arbeit zu machen.

Schon heute Vormittag ging die Aktion über die Bühne. Wir reinigten nicht nur die gewünschten 4 Grabsteine von Gedalja Bauer und Sarl Bauer sowie von Mordechai Gerstl und Resl Gerstl, sondern noch weitere stark durch Grünbelag belastete Grabsteine.

Da die Schülerinnen und Schüler der MS Kobersdorf im Rahmen des Religionsunterrichts jährlich auch den örtlichen jüdischen Friedhof besuchen, freute ich mich sehr über die Gelegenheit, über die hebräischen Inschriften oder die Symbole auf den Grabsteinen zu erzählen sowie den einen oder anderen interessanten Grabstein zu zeigen.

Besonders erwähnt werden darf, dass alle Schülerinnen und Schüler mit größtem Einsatz und mit unglaublicher Genauigkeit und Freude die Arbeit verrichteten. Originalantwort einer 13jährigen Schülerin, nachdem wir ihr sagten, dass sie den Sockel des Grabsteins nicht so genau vom Grünbelag reinigen müsse wie den Teil mit der Inschrift:

Natürlich reinige ich den ganzen Grabstein. Wenn ich das Haus putze, putze ich ja auch nicht nur das halbe Haus…

VORHER:

NACHHER:

Die „Nachher“-Fotos entstanden einige Tage später nach heftigem Regen, da nach der Reinigungsaktion die Sonneneinstrahlung zu stark für aktzeptable Fotos war.


Nach gut 2 Stunden noch rege Diskussionen mit Direktorin, Lehrerinnen und SchülerInnen

Nach gut 2 Stunden noch rege Diskussionen mit Direktorin, Lehrerinnen und SchülerInnen



Ich bedanke mich in aller Form bei der Direktorin Carina Werba, allen Lehrerinnen für katholische und evangelische Religion und vor allem bei den 21 Schülerinnen und Schülern der 3a- und 3b-Klassen für ihre schnelle Zusage, ihre Bereitschaft und die so akribisch ausgeführte Arbeit.


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Im Schatten des Schlosses

Unser Museum ist voraussichtlich ab 01. Juli 2020 wieder geöffnet! Allerdings planen wir schon im Juni einigen Aktivitäten im kleinen und gesetzlich erlaubten Rahmen, Nähers in Kürze… Wir freuen uns,…

Unser Museum ist voraussichtlich ab 01. Juli 2020 wieder geöffnet!

Allerdings planen wir schon im Juni einigen Aktivitäten im kleinen und gesetzlich erlaubten Rahmen, Nähers in Kürze…

Wir freuen uns, wenn Sie uns wieder besuchen können und möchten Ihnen jetzt schon Lust auf die ehemalige Judengasse und unser Museum machen. Gewählt haben wir diesmal eine ganz andere, spannende Perspektive …:

Drohne und Videoschnitt: Martin Schwarz

Die beste Qualität erhalten Sie, wenn Sie die Auflösung auf 1080p stellen!

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie unseren YouTube-Kanal abonnieren, weitere Videos sind schon in Planung. Außerdem starten wir in einigen Tagen mit einer Podcast-Serie.


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Genisa-Grab in Kobersdorf – 20. April 1938

Ein bemerkenswerter Fund Dass der jüdische Friedhof Kobersdorf, zumindest auf mich, im Herbst eine besondere Faszination ausübt (siehe hier oder hier), ist kein Geheimnis. So war ich auch in den…

Ein bemerkenswerter Fund

Dass der jüdische Friedhof Kobersdorf, zumindest auf mich, im Herbst eine besondere Faszination ausübt (siehe hier oder hier), ist kein Geheimnis. So war ich auch in den letzten beiden Wochen zweimal auf diesem Friedhof, beide Male herrschte regnerisches und nebeliges Wetter.

Jüdischer Friedhof Kobersdorf, 25. November 2019

Jüdischer Friedhof Kobersdorf, 25. November 2019



Vieles ist neu auf diesem Friedhof. Die Grabsteine wurden vom Efeu befreit, viele Inschriften sind nun besser lesbar. Es wurden in den letzten Jahren allerdings auch allein vom Friedhofsfond 445.000 Euro investiert (wir können, da laut Gesetz der Friedhofsfond, sprich die öffentliche Hand, nur die Hälfte bezahlt, also wohl von der doppelten Gesamtinvestitionssumme ausgehen). Gemacht wurden vor allem Gärtnerarbeiten, Baumpflegemaßnahmen, Steinmetzarbeiten und eine statische Sicherung der Grabsteine, wie es auf der Webseite des Fonds nachzulesen ist.

Was allerdings nach wie vor fehlt, ist eine Dokumentation, die nicht nur die Namen und Sterbedaten auf den Grabsteinen erfasst, sondern, so weit wie möglich, die gesamten Inschriften. Und die vor allem auch der Öffentlichkeit zugänglich ist. Denn die Inschriften werden durch die geleisteten Arbeiten im Grunde noch weniger geschützt als vorher (weil die „Efeudecke“ fehlt) und sind zunehmend schlechter zu lesen.
Es ist völlig unverständlich, dass das 2009 beschlossene und grundsätzlich lobenswerte Gesetz zur Erhaltung der jüdischen Friedhöfe keinen Cent für die so dringend notwendige Dokumentation vorsieht.

Alle Grabsteine haben nun ein kleines Blättchen mit einer Nummer aufgeschraubt, was darauf hindeutet, dass auch eine Vermessung des Friedhofes erfolgte und ein Plan mit den eingezeichneten Nummern existiert.


An der vorderen Friedhofsmauer sind Grabsteine und Grabsteinfragmente aufgeschichtet, die offensichtlich am Friedhof lagen und (noch) nicht aufgestellt werden konnten. Die meisten dieser Grabsteine bzw. Grabsteinfragmente tragen erfreulicherweise auch Nummern, sodass hoffentlich davon ausgegangen werden darf, dass der ursprüngliche Standort der Steine bekannt ist. Schade natürlich, dass die Grabsteine so geschlichtet sind, dass es praktisch unmöglich ist zu erkennen um welchen Grabstein es sich handelt bzw. eine Inschrift zu lesen.

Auf dem Bild rechts unten sehen wir, dass kleinere Grabsteinfragmente auf einem eigenen Platz zusammengetragen wurden. Und auf diesen Fragmenten gibt es leider keine Nummern.

Unter diesen Fragmenten ist aber vor allem eines ganz besonders bemerkenswert: Ein Grabsteinfragment eines Genisa-Grabes (siehe unten den Exkurs zu „Genisa“)!

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf


Bemerkenswert vor allem deshalb, weil wir in Österreich mit Ausnahme des auf dem Zentralfriedhof befindlichen 1987 errichteten Genisagrabes für in der Schoa geschändete Torarollen kein einziges Genisagrab kennen.

Und nun finden wir am jüdischen Friedhof von Kobersdorf ein Grabsteinfragment des einzigen Genisagrabes in Österreich vor 1945 und wissen nicht, wo am Friedhof sich das Grab ursprünglich befand!

Update 14. Jänner 2020: In dem 2015 erschienenen Buch „“ Frischman H., The Sheva Kehillos: Memories of Torah Life In The Western Hungarian Oberland Communities“ befindet sich ein Bild des noch kompletten Grabsteins (allerdings ohne Abschrift der Inschrift und ohne Übersetzung). Daher wird die Inschrift unten ergänzt.
Vielen Dank an Mag. Dieter Szorger für den Hinweis und den Bildscan!

Vollständiger Grabstein des Genisagrabes in Kobersdorf

Vollständiger Grabstein des Genisagrabes in Kobersdorf


Die hebräische Inschrift

Inschrift Genisagrab Kobersdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] 3. Z(wi)sch(en)f(eier)t(ag) von P(esach) 698 (= 20. April 1938), יום ג’ דחו“ה מ“פ תרצח
[2] als die Vertreibung [der Juden] an G(ottes) Wallfahrtsfest stattfand. לעת גלות ברגל ד’
[3] Hier sind verborgen פה נגנזו
[4] 13 Torarollen, י“ג ספרע הברית
[5] die Urim und Tummim, האורים והתומים
[6] als gingen ins Exil כאשר הלכו בגולה
[7] Väter und Kinder. אבות ובנים
[8] N(ach der kleinen Zeitrechnung). ל


Anmerkungen

Zeile 2: Wörtlich: „Zur Zeit der Galut (Vertreibung) am Wallfahrtsfest G(ottes)“.

Zeile 3: Schreibfehler: Es muss natürlich נגנזו und nicht נגנזר heißen.

Zeile 4: Wörtlich: „Bücher des Bundes“. [1]

Zeile 5: Exodus 28,30 u.a. אורים ותמיםUrim und Tummim„. Die „Urim“ bedeuten wörtlich „Lichter“, „Tummim“ etwa „Vollkommenheit“ (Luther übersetzt mit „Recht“, Buber mit „die Lichtenden und Schlichtenden“), beide sind vermutlich Los- und Orakelsteine des Hohepriesters im Jerusalemer Tempel.


Der 20. April 1938

Solange wir nicht den unteren Teil des Grabsteins gefunden haben, wissen wir leider nicht, ob überhaupt und wenn ja, wie der Text weitergeht. Das wäre allerdings nicht nur grundsätzlich, sondern vor allem aufgrund des Datums hochinteressant:

Hochinteressant ist jedenfalls das Datum des Grabsteins:

Nach einem Amtsvermerk der Bezirkshauptmannschaft Oberpullendorf wurde Rabbiner Simon Goldberger über Veranlassung des Nazibürgermeisters von Kobersdorf Thrackl, ohne höheren Auftrag am 20. April 1938 mit einem Lastwagen gewaltsam aus Kobersdorf weggebracht. … Rabbi Goldberger sollte bei Neckenmarkt über die grüne Grenze nach Ungarn deportiert werden. Anlässlich seiner Überstellung über die Grenze wurde er vom Zollwachbeamten Werner M. und dem Förster Anton K., beide aus Neckenmarkt, schwer misshandelt und 3m von der Grenze auf ungarischem Staatsgebiet liegen gelassen. R. Simon Goldberger lag dort vom 20. April mittags bis 21. April nachmittags, bis er von ungarischer Seite aus nach Ödenburg gebracht wurde. [2]

Einen detaillierten Bericht über Rabbiner Simon Goldbergers Schicksal an der ungarischen Grenze finden Sie in unserem Blogartikel: Rabbiner Simon Goldberger.

Rabbiner Simon Goldberger wurde in Auschwitz ermordet. Seine Frau Paula (Perl) wurde ebenfalls in Auschwitz ermordet. Auch alle drei Kinder, Lazar Goldberger, geb. 20. Mai 1935, Hermann Goldberger, geb. 08. Dezember 1936 und Isidor, geb. 25. März 1938, wurden in der Schoa ermordet.

An diesem 20. April 1938 wurden die 13 Torarollen am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben. Vorausgeschickt sei: Die Jüdinnen und Juden von Kobersdorf wurden schneller ausgewiesen und verfolgt als die Jüdinnen und Juden der anderen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Schon Ende Mai 1938, also knapp zwei Monate nach dem sogenannten Anschluss im März 1938, gab es in Kobersdorf keine Juden mehr.

Was nun zur Vergrabung der Torarollen an diesem 20. April 1938, mitten in den Pesachtagen, führte, können wir nur vermuten und es bleiben Fragen:

  • Hat Rabbiner Goldberger vor seinem Martyrium am Ende noch selber veranlasst die Torarollen zu vergraben oder brach in der Gemeinde (verständlicherweise) Panik aus und man entschloss sich zu diesem Schritt? In jedem Fall war wohl Eile geboten, worauf vielleicht auch der Gravurfehler in Zeile 3 (s.o.) hinweisen könnte.
  • Handelt es sich um nicht mehr rituell taugliche Torarollen, die schon (länger) in Genisa-Räumen in der Synagoge aufbewahrt waren und nun, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen, begraben wurden oder handelte es gar um noch verwendete Torarollen, die man so vor den Nazis schützen wollte? (Z.B., weil man davon ausging, dass sie sobald sie den Nazis in die Hände fallen, was nur eine Frage der Zeit war, ohnehin geschändet werden)
  • Eine Frage an die Verantwortlichen: Warum trägt dieses bedeutende und in Österreich einzigartige Grabsteinfragment keine Nummer wie fast alle anderen Grabsteine, mit der es, zumindest sehr wahrscheinlich, möglich gewesen wäre, den ursprünglichen Standort zu kennen?


Kleiner Exkurs: Genisa

Das Wort „Genisa“ oder auch „Geniza“ ist eigentlich ein persisches Fremdwort und bedeutet „Schatzkammer“. In Mischna Schabbat 9 lesen wir: מֶקֶק סְפָרִים וּמֶקֶק מִטְפְּחוֹתֵיהֶם, כָּל שֶׁהוּא, שֶׁמַּצְנִיעִין אוֹתָן לְגָנְזָן „angenagte / abgenutzte Stücke von Schriftrollen oder ihren Einbänden, wie auch immer, werden aufbewahrt um sie zu verbergen„.

Mit „Genisa“ werden sowohl die Räume (meist in oder bei Synagogen) bezeichnet, in denen nicht mehr verwendbare liturgische Schriften, aber auch Gebetsriemen etc. aufbewahrt werden als auch die Gräber, in denen diese dann bestattet werden. Am Zentralfriedhof in Wien, Tor IV, etwa findet sich ein solcher Genisaraum. Im Wesentlichen geht es darum, den Gottesnamen in diesen Schriften und liturgischen Gegenständen vor Missbrauch zu schützen.
Die bedeutendste und bekannteste Genisa ist jene in der im 7. Jahrhundert erbauten Ben Esra Synagoge in Fustat, Kairo, die im 19. Jahrhundert entdeckt wurde und in der 300.000 jüdische Manuskripte bzw. Manuskriptfragmente, die einen Zeitraum vom 8. bis ins 19. Jahrhundert abdecken, gefunden wurden.

In Deutschland, vor allem in Süddeutschland, wurden einige solcher Genisaräume gefunden, meist aus dem 19. Jahrhundert, wenngleich diese Räume selbst so gut wie nie wirklich vorschriftsmäßig sind (also etwa ausschließlich zum Zwecke der Sammlung nicht mehr verwendeter Schriften angelegt usw.). So fand man etwa 2009 im Genisaraum der Synagoge von Bayreuth sogar ein jiddisches Blatt aus dem Homburger Eulenspiegeldruck von 1735.

Genisa-Gräber hingegen gibt es (zumindest im deutschsprachigen Raum) wenige, wohl auch, weil die Grabstellen häufig nicht bezeichnet wurden. Neben dem erwähnten Grab für in der Schoa geschändete Torarollen auf dem Zentralfriedhof Wien, IV. Tor, kennen wir in Deutschland etwa das Genisa-Grab am jüdischen Friedhof Würzburg oder die Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Altengronau im Main-Kinzig-Kreis und in Adelsheim-Sennfeld (Neckar-Odenwald-Kreis). [3]

Frowald Gil Hüttenmeister formuliert es wie folgt:

Man war wohl noch orthodox genug, um solche Schriften und Gegenstände nicht wegzuwerfen, aber nicht mehr orthodox genug, für sie einen eigenen Raum bereitzustellen oder sie, wie früher in Deutschland üblich, auf dem Friedhof zu begraben. [4]

Ohne die dramatischen Ereignisse rund um den 20. April 1938 dürfen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass man die Torarollen auch in Kobersdorf noch nicht begraben hätte.

Das Grabsteinfragment des Genisagrabes auf dem jüdischen Friedhof Kobersdorf ist in wissenschaftlicher Sicht ein außerordentlich bedeutender Fund.
Vor allem aber zeigt es auf dramatische Weise das Ende einer jahrhundertealten jüdischen Gemeinde aus einer rein innerjüdischen Perspektive.


Fußnoten

[1] ספר הברית „Bundesbuch“ bezeichnet eigentlich die älteste israelitische Rechtssammlung, das Wort selbst ist Exodus 24,7 entnommen: „Er [Mose] nahm das Buch des Bundes und verlas es vor dem Volk“. [Zurück zum Text (1)]

[2] Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.J., 172, und dort zitiert: Susanne Uslu-Pauer und Eva Holpfer: Vor dem Volksgericht. Verfahren gegen burgenländische NS-Täter 1945-1955. Burgenländische Forschungen, Band 96, 171, Eisenstadt 2008. [Zurück zum Text (2)]

[3] Frowald Gil Hüttenmeister, Die Genisot als Geschichtsquelle, in: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, Seite 207.
Ganz anders geht man etwa in Übersee mit der Thematik um: Ein ausgesprochen imposantes 1947 errichtetes Genisagrab, eigentlich „Genisa-Mausoleum“, finden wir auf dem jüdischen Friedhof von Santiago de Chile, in dem 14 bei einem Brand der Synagoge am 26./27. Oktober 1944 zerstörte Torarollen begraben sind.
[Zurück zum Text (3)]

[4] Frowald Gil Hüttenmeister, Die Genisot als Geschichtsquelle, in: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, Seite 207f. [Zurück zum Text (4)]


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