Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: grabsteine mittelalter

Grabstein Mittelalter I

Joschua, Sohn des Jakob, 12. Adar (50)28 = (Dienstag,) 06. März 1268? Dieser Grabstein ist der erste von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt….

Joschua, Sohn des Jakob, 12. Adar (50)28 = (Dienstag,) 06. März 1268?

Dieser Grabstein ist der erste von links der Installation der fünf mittelalterlichen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt.

Untenstehend zwei Fotos des Grabsteines mit unterschiedlichen Qualitäten, um eine möglichst korrekte Lesung der Inschrift zu ermöglichen.
Die Punkte über den hebräischen Buchstaben werden in der Transkription mit einfachen Anführungszeichen angedeutet.

  • 1. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt'
  • 1. Grabstein (von links) der Installation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt'


Die Grabinschrift

Inschrift MittelalterI: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] Dieses Grabmal ציון
[2] (steht) zu Häupt(en) הלז לרא‘
[3] d(es Herrn) Joschua, ר‘ ישוע
[4] S(ohn), d(es Herrn) Jakob, בר‘ יעקב
[5] der hinwegging שהלך
[6] in seine Welt לעולמו
[7] am 12. Adar בי’ב‘ לאד’ר
[8] d(es Jahres) 28 (= 1268) ש‘ כח‘
[9] […] […]


Anmerkungen

Die Inschrift ist bis inklusive Zeile 6 deutlich lesbar.

7. Zeile:
Wird der erste Buchstabe als ב gelesen, bietet sich an, die beiden Buchstaben mit den Punkten, י und ב, als Zahl, nämlich 12, zu lesen.
Beim 2. Wort dieser Zeile ist nicht ganz klar, warum sich über dem ד ein Punkt befindet. Möglich wäre, dass der Monatsname Adar ursprünglich nur mit ‘אד geschrieben wurde und der Punkt über dem ד das fehlende ר andeutet. Dann hätten wir eine Parallele zur 2. Zeile, in der das א im Wort ראש einen Punkt erhält, um das fehlende ש anzudeuten. Das ר von אדר könnte später geschrieben worden sein?

8. Zeile
Stimmt die Lesung “12. Adar” in der 7. Zeile, können wir nun die Jahreszahl erwarten. Da das ש mit deutlichem Abstand zu den nächsten beiden Buchstaben כ und ח geschrieben wurde, neige ich dazu, das ש als שנת (im Jahr) zu lesen. Der erste nicht mehr indentifizierbare Buchstabe der Zeile könnte ein ב gewesen sein, also בש’ (im Jahr …). Die Buchstaben כ und ח haben den Zahlenwert 28. Das jüdische Jahr 5028 ist umgerechnet 1268.
Alternativen: Wird das ש zusammen mit כ und ח gelesen, erhalten wir das jüdische Jahr 328 (umgerechnet 1568).
“28” als Altersangabe zu lesen – wie es manche tun – scheint mir unwahrscheinlich, weil dann das ש kaum erklärbar wäre und außerdem die Altersangabe wohl auch nicht zwischen Monat und Jahr stehen würde.

7. und 8. Zeile: Nur der Vollständigkeit sei angemerkt: Würde man die Zahlenwerte jener Buchstaben, über denen sich Punkte befinden, zusammenzählen, ד = 4, ש = 300 und ח = 8, erhält man (die Jahreszahl) 312 (umgerechnet 1552). Diese Lesung halte ich allerdings für eher unwahrscheinlich, auch, wenn mir die Punktsetzung nicht restlos erklärlich ist.

9. Zeile: Diese Zeile ist vollkommen unlesbar. Allerdings halte ich aufgrund der sichtbaren Buchstabenreste etwa ein לאלף ששי (im 6. Jahrtausend, also nach 1240) für möglich. Die Schlusseulogie תנצבה (Seine Seele möge eingebunden sein im Bund des Lebens) hingegen scheint mir unwahrscheinlich.

Bleibt abschließend festzuhalten, dass ich bei der Datierung zum Jahr 1268 neige, im Bewusstsein, dass das Jahr 1568 ebenfalls im Frage kommt (leider satte drei Jahrhunderte Unterschied).

Die Gründe für die Datierung 1268 (wenn das Datum stimmt – leider vermissen wir noch Quellen, die diese Datierung unterstützen -, wäre dieser Grabstein jedenfalls der zweitälteste in Wiener Neustadt und einer der ältesten in Europa):

  • Die sprachliche Stil der Inschrift spricht für das 13. Jahrhundert, nicht aber für das 16. Jahrhundert.
  • Ebenso lassen die handwerkliche Ausführung der Gravur sowie die Form der Buchstaben auf ein frühes Datum schließen.
  • Zwar kein Beweis, aber ein weiteres Indiz für eine Frühdatierung ist, dass wir keine Angabe des Wochentages (Montag, Dienstag etc.) vorfinden. In Frankfurt/Main etwa stammt der älteste Stein mit der Angabe des Wochentages aus dem Jahr 1283, in Wiener Neustadt aus dem Jahr 1286 (an der Stadtmauer).
  • An der Stadtmauer in Wiener Neustadt befindet sich ein Grabstein aus dem Jahr 1252, der diesem hier – in Form und Inhalt – auffällig ähnlich ist (siehe Bild unten).


Mittelalterlicher Grabstein an der Stadtmauer in Wiener Neustadt, 1252


3 Kommentare zu Grabstein Mittelalter I

Präsentation der mittelalterlichen Grabsteine

Am vergangenen Donnerstag wurden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine der Öffentlichkeit präsentiert. Obwohl der Termin am Vormittag nicht von der Zeit, aber dafür vom Wetter begünstigt…

Am vergangenen Donnerstag wurden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine der Öffentlichkeit präsentiert. Obwohl der Termin am Vormittag nicht von der Zeit, aber dafür vom Wetter begünstigt schien – es war ein klarer und sonniger Tag –, konnten ca. 50 Interessierte begrüßt werden.
Die Grabsteine wurden im Rahmen des Projekts AKJF, “Aktion Kulturdenkmal Jüdischer Friedhof” von Dr. Werner Sulzgruber 2007 auf dem jüdischen Friedhof Wiener Neustadt (wieder)entdeckt.

  • Installation der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt
  • Installation der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt
  • Installation der fünf mittelalterlichen jüdischen Grabsteine am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt


Max Pollak beschreibt in seinem Standardwerk “Die Juden in Wiener Neustadt. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Österreich”, Wien 1927, Seite 11f., vier mittelalterliche Grabsteine, die sich zu seiner Zeit bereits am jüdischen Friedhof befunden haben. Der jüdische Friedhof Wiener Neustadt wurde 1888/1889 angelegt, die Steine also nach dieser Zeit dorthin gebracht. Drei der von Pollak beschriebenen Steine konnten nun wiederentdeckt werden, ein von Pollak beschriebener Stein gilt nach wie vor als verschollen und zwei der fünf präsentierten Grabsteine tauchen bisher in der Literatur nirgends auf.

In den Ansprachen wurde selbstverständlich auch darauf hingewiesen, dass sich an der Stadtmauer in Wiener Neustadt bereits sechs mittelalterliche Grabsteine befinden, die – wie die nun präsentierten – zu den ältesten jüdischen Grabsteinen Europas gehören.

Mittelalterliche jüdische Grabsteine an der Stadtmauer in Wiener Neustadt


Die mittelalterliche jüdische Gemeinde Wiener Neustadt war eine der ältesten und bedeutendsten Österreichs und weit über die Grenzen hinaus bekannt und berühmt. Unter Rabbi Israel ben Patachia Isserlein (geboren 1390 in Regensburg, verstorben 1460 in Wiener Neustadt), dem bedeutendsten deutschen Rabbiner des 15. Jahrhunderts, wurde die Stadt zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.

Sowohl die mittelalterlichen Grabsteine an der Stadtmauer als auch die nun präsentierten sind jedoch zum Teil deutlich älter und lassen sich ins 13. und 14. Jahrhundert datieren.

Das von Dr. Sulzgruber initiierte Projekt kann nur nochmals als vorbildliches Projekt bezeichnet werden. Ihm, seinen Schülern und Schülerinnen, die auf freiwilliger Basis mitarbeiteten, muss gedankt werden. Zu danken ist aber auch den Verantwortlichen von Stadt Wiener Neustadt, Israelitischer Kultusgemeinde und Bundesdenkmalamt, ohne deren Kooperation es nicht möglich gewesen wäre, die fünf mittelalterlichen Grabsteine zu restaurieren und in würdevollem Rahmen – am jüdischen Friedhof – geschützt und sicher aufzustellen.

Mit der Analyse bzw. Transkription der Inschriften sowie der Datierung der Steine wurde unser Museum betraut.

So wie das Lesen der Inschriften stets auch ein Gedenken der Toten ist, war die “Präsentation” am Donnerstag – in sehr konkreter Weise – auch eine Gedenkveranstaltung.

Wir werden in den nächsten Tagen hier im Blog alle fünf Grabsteine einzeln “vorstellen” und sowohl Inschriften als auch Datierungen besprechen.

  • Besucherinnen und Besucher der Präsentation
  • Stadträtin Isabella Siedl
  • Bürgermeister Bernhard Müller
  • Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, Raimund Fastenbauer
  • Johannes Reiss
  • Dr. Werner Sulzgruber


Alle Beiträge zu den mittelalterlichen Grabsteinen in Wiener Neustadt werden/wurden zum leichteren Auffinden zusätzlich unter dem Schlagwort “grabsteine mittelalter” archiviert.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Lektüre des Beitrags “Wiederentdeckung eines Kulturschatzes” auf dem so engagiert geführten und großartigen Webportal Grave Pictures.

1 Kommentar zu Präsentation der mittelalterlichen Grabsteine

Bild der Woche – Kulturschatz

Die 2007 am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt wiederentdeckten fünf mittelalterlichen Grabsteine wurden vollständig restauriert und werden nun der Öffentlichkeit präsentiert. Vorbildliches Beispiel eines restaurierten Grabsteins: “Märtyrer Simcha, Sohn des Eljakim”,…

Die 2007 am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt wiederentdeckten fünf mittelalterlichen Grabsteine wurden vollständig restauriert und werden nun der Öffentlichkeit präsentiert.

Restaurierter mittelalterlicher Grabstein

Vorbildliches Beispiel eines restaurierten Grabsteins:
“Märtyrer Simcha, Sohn des Eljakim”, 25. Kislev 107 (10. Dezember 1346)

Wir laden Sie nochmals herzlich zur Präsentation der Grabsteine ein:
Donnerstag, 19. November, 09.30 Uhr am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt


Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


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Wiederentdeckung eines Kulturschatzes

Einladung zur Präsentation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine Am 19. November 2009, um 09.30 Uhr, werden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt, Wiener Straße 95, 2700 Wiener Neustadt fünf wiederentdeckte mittelalterliche jüdische Grabsteine…

Einladung zur Präsentation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine

Am 19. November 2009, um 09.30 Uhr,

werden am jüdischen Friedhof Wiener Neustadt, Wiener Straße 95, 2700 Wiener Neustadt

fünf wiederentdeckte mittelalterliche jüdische Grabsteine der Öffentlichkeit präsentiert.

Wir laden Sie herzlich dazu ein.

Es sprechen:

Bernhard Müller, Bürgermeister von Wiener Neustadt
Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
Johannes Reiss, Direktor des Österreichischen Jüdischen Museums, Eisenstadt
Werner Sulzgruber, Initiator AKJF und Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt

Einladung zur Präsentation mittelalterlicher jüdischer Grabsteine


Die AKJF, “Aktion Kulturdenkmal Jüdischer Friedhof” ist eine von Dr. Werner Sulzgruber 2007 ins Leben gerufene Initiative mit dem Ziel, den jüdischen Friedhof von Wiener Neustadt als “Lern- und Gedächtnisort” zu etablieren.

2007 machte Dr. Sulzgruber auch die sensationelle Entdeckung: Bei der laufenden Bestandsaufnahme des jüdischen Friedhofs waren dem Historiker zunächst zwei, und nach intensiver weiterer Suche insgesamt fünf mittelalterliche jüdische Grabsteine aufgefallen.

Das Österreichische Jüdische Museum hatte die Ehre, fast seit Beginn der Arbeiten das Projekt begleiten zu dürfen, zwei der Grabsteine datiere ich in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Selbstverständlich werden wir hier im Blog weiter über dieses vorbildliche Projekt berichten.

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – wie könnte es anders sein – am 19. November 2009 eine Fahrt nach Wiener Neustadt …

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