Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: güssing

Kein Platz für die Pendeluhr

Über ein kleines, meist übersehenes, aber sehr wichtiges Detail in der Synagoge Synagogen im Burgenland: Ein historischer Miniexkurs Pendel- und Wanduhren, eine Ministatistik fürs Burgenland Die ehemaligen Synagogen des Burgenlandes…

Über ein kleines, meist übersehenes, aber sehr wichtiges Detail in der Synagoge


Synagogen im Burgenland: Ein historischer Miniexkurs

Auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes befanden sich vor 1938 dreizehn Synagogen[1], davon zwölf Gemeindesynagogen und die ehemalige Privatsynagoge Samson Wertheimers in Eisenstadt.

Die Gemeindesynagogen wurden im 19. Jahrhundert erbaut (Ausnahme Oberwart 1904), in den meisten Fällen an der Stelle der alten und zu klein gewordenen Synagogen.

Heute existieren nur mehr

  1. die ehemalige Synagoge in Stadtschlaining, die als Ausstellungsraum genutzt wird,
  2. die jüngst renovierte ehemalige Synagoge in Kobersdorf, die für Symposien, Konzerte, Lesungen, Kulturvermittlung für Schüler:innen usw. zur Verfügung steht sowie
  3. die Privatsynagoge im Wertheimerhaus (seit 1972 Österreichisches Jüdisches Museum), die einzige „eingeweihte“ Synagoge (engl.: „living synagoguge“) im Burgenland und die älteste in ihrer ursprünglichen Funktion erhaltene Synagoge Österreichs.


Pendel- und Wanduhren, eine Ministatistik fürs Burgenland

  • In acht von dreizehn der ehemaligen Synagogen des Burgenlandes sehen wir auf historischen Fotos deutlich, dass sich an der Ostfront eine Uhr befand
  • Siebenmal rechts vom Toraschrein, einmal links vom Toraschrein (Schlaining)
  • Sechsmal eine Pendeluhr und zweimal eine Wanduhr (Schlaining und Güssing)
  • Alle Pendeluhren sind Historismus-Uhren, altdeutsche Pendeluhren, die gekauft wurden, nachdem die Synagoge erbaut worden war und eingerichtet wurde.


Die ehemaligen Synagogen des Burgenlandes mit Pendel- oder Wanduhr

Kobersdorf

Die kleine Rundfahrt zu den (ehemaligen) Synagogen des Burgenlandes beginnt ausnahmsweise mit Kobersdorf. Ich gestehe, dass mich die jüngst renovierte ehemalige Synagoge von Kobersdorf auf die Idee zu diesem kleinen Artikel brachte. Denn auf den Infoständen innerhalb des Zubaus zum Synagogengebäude befinden sich Informationsprospekte, auf denen sich das unten abgebildete historische Foto der Synagoge befindet. Auf diesem Foto ist eindeutig die Pendeluhr erkennbar, die sich rechts vom Toraschrein befand. Und ich würde mich wundern, wenn noch keine:r der vielen Besucher:innen gefragt hätte, warum auf dem historischen Foto eine Pendeluhr rechts vom Toraschrein zu sehen ist und in der renovierten ehemaligen Synagoge nicht. Oder auch, was die Pendeluhr eigentlich für einen Zweck hatte? Natürlich hätten mich die Antworten der geschätzten Synagogenführer:innen auch sehr interessiert ;-)


Eisenstadt

Sowohl in der Gemeindesynagoge als auch in der Privatsynagoge im Wertheimerhaus, in dem heute das Österreichische Jüdische Museum untergebracht ist, befand sich rechts vom Toraschrein eine Pendeluhr.



Thomas Petters erwähnt in seiner Diplomarbeit über die Gemeindesynagoge Eisenstadt auch die Uhr mit Verweis auf Naama G. Magnus, 89[2]:

In der Blickrichtung von der Bima gen Süden, befand sich rechts neben dem Toraschrein eine Pendeluhr, welche offenbar eine burgenländische Besonderheit in der Synagogeneinrichtung darstellte.

Thomas Petters, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Eisenstadt, 49[3].

Die Gemeindesynagoge wurde bereits im Juni 1938 von den Nazis innen verwüstet, 1951 an die Gewerkschaft verkauft und abgerissen. Seit 19. Oktober 2022 befindet sich am Standort der ehemaligen Synagoge eine neue Gedenktafel.

Die Wertheimersynagoge wurde zwischen 1694 und 1716 erbaut und im Zuge der Umbauarbeiten am Wertheimerhaus für das Österreichische Jüdische Museum 1979 renoviert. Ob die Pendeluhr damals noch vorhanden war, ist leider nicht bekannt. Ich wüsste allerding keinen Grund, warum sie nach 1945 nicht mehr vorhanden gewesen sein soll, da die Wertheimersynagoge während des Krieges keinerlei Zerstörung erfahren hatte. Sehr schade, dass die Pendeluhr heute fehlt. Jedenfalls kennen wir die Pendeluhr nur mehr von diesem historischen Foto:


Mattersburg

Die Pendeluhr befand sich ebenfalls rechts vom Toraschrein und wird von Veronika Schmid in ihrer Diplomarbeit über die ehemalige Synagoge zwar modelliert, aber interessanterweise bei der Bildbeschriftung nicht erwähnt[4]. In den virtuellen Rekonstruktionen ist die Pendeluhr deutlich zu erkennen[5].

Der reich geschmückte Toraschrein hatte seinen Platz an der Ostwand des Gebäudes, daneben hing eine Pendeluhr.

Magnus N., a.a.O., 125

Die Gemeindesynagoge von Mattersburg wurde im September 1940 gesprengt. Seit 5. November 2017 erinnert ein Denkmal am Standort der ehemaligen Synagoge an die Synagoge und die jüdische Geschichte des Ortes.


Deutschkreutz

In der Synagoge von Deutschkreutz befand sich die Pendeluhr ebenfalls rechts vom Toraschrein und wird in der Literatur[6], wenn auch sehr kurz, erwähnt.

Die Gemeindesynagoge wurde am 16. Februar 1941 gesprengt, seit 2012 erinnert zumindest eine Gedenktafel im Zentrum des Ortes an die jüdische Gemeinde.


Lackenbach

Die Pendeluhr rechts vom Toraschrein in der ehemaligen Synagoge von Lackenbach wird in der Literatur erwähnt, wenn auch nur mit einer Abbildung in der Diplomarbeit von Benjaim Gaugelhofer[7] (ohne in der Beschreibung darauf einzugehen), als auch von Naama G. Magnus:

Rechts vom Toraschrein hing die obligatorische Pendeluhr.

Magnus, a.a.O., 201

Die Gemeindesynagoge von Lackenbach wurde 1941 oder 1942 gesprengt. Heute erinnert eine kleine, unscheinbare Gedenktafel an die Synagoge.


Bleiben noch die beiden ehemals batthyanischen jüdischen Gemeinden im Südburgenland, in denen sich nachweislich eine Uhr, und zwar eine Wanduhr, jedenfalls keine Pendeluhr befunden hat, Schlaining und Güssing.

Schlaining

In der ehemaligen Synagoge von Schlaining befand sich eine Wanduhr links vom Toraschrein, heute ist in der ehemaligen Synagoge eine Ausstellung zu sehen.


Güssing

Auch in der ehemaligen Synagoge von Güssing befand sich eine Wanduhr, allerdings nicht so wie in Schlaining links, sondern rechts vom Toraschrein. Die Synagoge war 1938/39 in eine Turn- und Festhalle umgebaut und 1953 abgetragen worden. An ihrer Stelle steht heute das Rathaus der Stadt Güssing.

In der Reichskristallnacht (9./10. November 1938) warfen SA- und HJ-Mitglieder alle beweglichen Gegenstände auf den Platz vor dem Tempel und verbrannten sie. Darunter befanden sich Matrikelbücher, Thorarollen, Möbel, vielerlei Dekorationen, Luster, der siebenarmige Leuchter und eine wertvolle Uhr mit römischen Ziffern. Zweimal versuchte man auch den Tempel in Brand zu setzen, doch das Feuer erlosch jedesmal von allein …

Textliche Beschreibung der Synagoge aus der Privatsammlung des Herrn Karl Gober aus Güssing, undatiert, zitiert nach Bezcak Matthäus, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Güssing[8]

Angemerkt werden muss, dass wir von den übrigen ehemaligen Synagogen (Oberwart, Rechnitz, Frauenkirchen, Kittsee und Gattendorf) keine historischen Fotos mit einer Uhr oder Pendeluhr kennen. Dieser Umstand schließt aber selbstverständlich nicht aus, dass sich nicht auch in der einen oder anderen dieser ehemaligen Synagogen eine Uhr oder Pendeluhr befunden haben könnte.


Die Pendeluhr ‒ eine burgenländische Besonderheit?

Naama G. Magnus schreibt (s.o.), dass die Pendeluhr offenbar eine burgenländische Besonderheit in der Synagogeneinrichtung darstellte.

Selbst wenn die Betonung auf Pendeluhr (und nicht nur auf „Uhr“) liegt, darf angezweifelt werden, ob die Pendeluhr in den ehemaligen Synagogen des Burgenlandes wirklich eine Besonderheit waren.
Denn Pendeluhren finden wir auch in ehemaligen Synagogen anderer jüdischer Gemeinden, etwa in Diespeck (Landkreis Neustadt an der Aisch in Mittelfranken, Bayern) oder in der ehemaligen Synagoge von Niederwerrn (Kreis Schweinfurt, Unterfranken, Bayern).

Das jüdische Museum der Schweiz in Basel erhielt im April 2018 eine Synagogen-Pendeluhr, die im jüdischen Gemeindehaus in Gailingen am Hochrhein (Deutschland an der Grenze zur Schweiz) hing und die, 1820 hergestellt, die nationalsozialistische Zeit überlebt hatte. Siehe den Jahresbericht 2018 des Museums (S. 26).

Eine Wanduhr wiederum finden wir etwa in der berühmten Zori-Gilod-Synagoge in Lemberg (Lviv, Ukraine) (2. Bild von oben).

Und schließlich finden wir sogar eine Wanduhr im Arbeitszimmer von niemand Geringerem als dem berühmten Gaon von Wilna (1720-1797), der als Inbegriff des aschkenasischen Judentums litauischer Prägung gilt:

Commemorative Portrait of the Vilna Gaon. Lithograph, 1897. Photo courtesy of the William A. Rosenthall Collection, Addlestone Library, College of Charleston.

Commemorative Portrait of the Vilna Gaon. Lithograph, 1897. Photo courtesy of the William A. Rosenthall Collection, Addlestone Library, College of Charleston.


Wir finden also zwar gelegentlich in der Literatur die Erwähnung einer Pendeluhr oder einer Wanduhr in den ehemaligen Synagogen, offensichtlich hat sich aber niemand Gedanken gemacht, warum diese Uhren eigentlich angebracht wurden. Ich habe den Eindruck, dass die Uhr in der Synagoge vielfach nur als Schmuckstück, nur als Wanddekoration gesehen wird.

Und damit kommen wir zum letzten und wichtigsten Punkt:

Warum gab / gibt es Pendeluhren oder Wanduhren in Synagogen?

Es sind wohl vor allem drei Gründe anzuführen:

  1. Zur Überwachung der Gebetszeiten sowie zum korrekten Einhalten von Schabbatbeginn und -ende.
    Der Schabbat beginnt bekanntlich nicht mit dem Sonnenuntergang am Freitag Abend (Erev Schabbat), sondern mit dem Anzünden der Kerzen, also eine gewisse Zeit vor Sonnenuntergang. In Wien etwa werden die Kerzen zehn Minuten vor Sonnenuntergang gezündet, in anderen Gemeinden sind es 18 Minuten, 21 Minuten wie in Tel Aviv oder 40 Minuten wie in Jerusalem. Diese Zeit vor dem Sonnenuntergang wird als „Tosefet Schabbat“ („Zusatz zum Schabbat“) bezeichnet. Für mehr Informationen zum Schabbatbeginn siehe den Artikel „ Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums“ von Chajm Guski. Auch am Kalender für Gebetszeiten und Shabbat Beginn in Wien“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien fällt auf, dass 10 Minuten nach dem „Schabbatbeginn“ (sprich nach dem Kerzenanzünden) das Wort „Skie“ steht. Das bedeutet ‎שְׁקִיעַת הַחַמָּה (schkiat hachama) oder ‎שְׁקִיעַת הַשֶּׁמֶשׁ (shkiat haschemesch), also „Sonnenuntergang“. Damit soll es aber hier genug sein. Es sollte nur klar werden, wie wichtig der exakte Zeitpunkt des Schabbatbeginns ist, dessen korrekte Einhaltung die Pendeluhr oder Wanduhr in der Synagoge gewährleisten soll. Im Regelfall ist der korrekte Schabbatbeginn noch wichtiger als der Zeitpunkt des Schabbatendes (v.a. wegen des „Tosefet Schabbat“). Natürlich mit Ausnahme von Jom Kippur, denn an diesem ist wohl der Zeitpunkt des Jom Kippurendes nach dem fast 26stündigen Fasten zumindest genauso wichtig.

    Screenshot Website IKG Wien (www.ikg-wien.at)

    Screenshot Website IKG Wien (www.ikg-wien.at)


    Interessant ist jedenfalls, dass Uhren auch in Synagogen von Gemeinden waren, die einen Eruv, also eine Art Schabbatgrenze, hatten (wie Eisenstadt!). Denn innerhalb dieser Grenze werden die Schabbatregeln nicht im selben Maße angewendet. Für mehr Informationen zum Eruv siehe den Artikel Eruv“ von Chajm Guski.
    Heute, ganz am Rande angemerkt, gibt es im deutschsprachigen Raum nur in Wien einen Eruv, der, immerhin 25km lang, selbstverständlich vor jedem Schabbat und jedem Feiertag kontrolliert wird, erkennbar an der Ampel, die, wenn der Eruv in Funktion ist, auf grün schaltet. Siehe auch ein Interview zum Wiener Eruv auf der Website von SFR «Der Eruv hat ein enormes Aufleben des jüdischen Lebens bewirkt».

    Screenshot Ampel von https://www.eruv.at

    Screenshot Ampel von https://www.eruv.at




  2. Einerseits trugen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Menschen noch keine Armbanduhr und andererseits trugen/tragen am Schabbat manche keine Armbanduhr.
    Generell verboten am Schabbat sind elektrische Geräte, die Handhabung und Betätigung aller Geräte, die irgendwie mit Licht zu tun haben, bergen ebenfalls die Gefahr, gegen das Verbot, ein Feuer anzuzünden, zu verstoßen. Vielleicht waren manche in den ehemaligen heiligen jüdischen Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes etwas sensibler in der Frage der Uhren, weil es von alters her intensive Diskussionen der Gelehrten zur Frage um die Verwendung von Uhren am Schabbat gab und weil es in diesem Zusammenhang auch eine Lehrmeinung von Rabbi Meir Eisenstadt (gest. 1744 und begraben am älteren jüdischen Friedhof in Eisenstadt) in seinem Responsenhauptwerk „Panim Me’irot“ („Leuchtendes Antlitz“) gab. Es geht dabei um das Ziehen der Ketten, was dem Aufziehen der Uhren entspricht. Die eigentliche Gelehrtendiskussion, hier nur sehr grob beschrieben, drehte sich um die Frage, ob das Ziehen dieser Ketten (um den Betrieb der Uhr zu beginnen) als das Herstellen oder Reparieren eines Gerätes angesehen wird oder ob dies nur als Art der Verwendung eines bereits vorhandenen Gerätes angesehen wird, eine Meinung, wie sie R. Meir Eisenstadt in Panim Me’irot II, 123 vertritt.


  3. Die Uhr in der Synagoge, egal ob Pendel- oder Wanduhr, erinnert alle, die die Synagoge besuchen, daran, sich der Zeit allgemein, besonders aber, sich auch ihrer eigenen Zeit stets bewusst zu sein.

    אָ֭דָם לַהֶ֣בֶל דָּמָ֑ה יָ֝מָ֗יו כְּצֵ֣ל עוֹבֵֽר׃
    Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.

    Psalm 144,4

    Rabbi David Kimchi (RaDaK, 1160-1235) fügt hinzu:

    כמו הבל שעובר במהרה בהתפשט השמש או פירושו כצל העוף העובר בעופפו:
    Der Schatten eines Baumes verschwindet, wenn die Sonne untergeht, aber der Schatten eines Vogels bewegt sich gleich dem Vogel im Flug.

    RaDaK zu Psalm 144,4, zitiert nach Rabbi Gershon Winkler, Walking Stick Foundation Cedar Glen, CA

    Das Thema „Zeit“ im Judentum füllte schon und würde weiter viele dicke Bücher füllen. Selbstverständlich wird die Antwort je nach der religiösen Position innerhalb des Judentums ausfallen. Sie reicht von der Zeit als Einsteins vierte Dimension bis hin zur religiösen Tradition, dass die Zeit auch eine heilige Dimension hat (s.o. die Uhr im Arbeitszimmer des Gaon von Wilna).

    תניא היה רבי מאיר אומר חייב אדם לברך מאה ברכות בכל יום
    Es sagte R. Meir: Der Mensch ist verpflichtet, täglich 100 Segenssprüche zu sagen.

    Babylonischer Talmud, Traktat Menachot 43b

    Diese Verpflichtung ermöglicht dem Menschen, viele heilige Momente bewusst zu erleben, die sonst nicht als heilig betrachtet werden würden, der Mensch hat dadurch sozusagen die Möglichkeit, permanent das Heilige im Alltäglichen zu finden. Schneur Salman (1745-1812), der Begründer der chassidischen Chabad-Lubawitsch-Bewegung sah schon die Zeit als wesentlichen Faktor für die jüdische Praxis, jede verpasste Gelegenheit zur Erfüllung einer Mizwa kann niemals wieder gut gemacht werden, für seinen Nachfolger Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902-1994) hat jeder Zeitpunkt unendliches Potenzial, unabhängig davon, was voher war oder in Zukunft passieren wird.

    אֲפִילּוּ אִי בַּר נָשׁ קַיָּים אֶלֶף שְׁנִין, הַהוּא יוֹמָא דְאִסְתַּלַּק מֵעַלְמָא, דָּמֵי לֵיהּ כְּאִילּוּ לָא אִתְקְיַּים בַּר יוֹמָא חַד:
    Wir könnten selbst 1.000 Jahre leben und es würde sich noch immer anfühlen, als hätten wir nur einen einzigen Tag gelebt.

    Zohar 1:223b


Die Pendeluhr schlägt heute im Burgenland nicht mehr.



Fußnoten

[1] Eisenstadt: Gemeindesynagoge und Wertheimersynagoge, Frauenkirchen, Gattendorf, Kittsee, Mattersburg, Kobersdorf, Lackenbach, Deutschkreutz, Schlaining, Oberwart, Rechnitz, Güssing. [Zurück zum Text (1)]

[2] Magnus Naama G., Auf verwehten Spuren ‒ Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1: Nord- und Mittelburgenland, Wien 2013 [Zurück zum Text (2)]

[3] Petters Thomas, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Eisenstadt, Wien 2016. [Zurück zum Text (3)]

[4] Schmid Veronika, Virtuelle Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge in Mattersburg (Nagymarton; Mattersdorf), Wien 2016, 97. [Zurück zum Text (4)]

[5] Schmid V., a.a.O., 116. [Zurück zum Text (5)]

[6] Literatur: Braimeier Bernhard, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge in Deutschkreutz, Wien 2015, 55; Magnus N. G., a.a.O., erwähnt die Uhr nicht. [Zurück zum Text (6)]

[7] Literatur: Gaugelhofer Benjamin, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge Lackenbach, Wien 2016, 94 [Zurück zum Text (7)]

[8] Literatur: Beczak Matthäus, Virtuelle Rekunstruktion der Synagoge in Güssing, Wien 2015, 13 [Zurück zum Text (8)]


Vielen Dank an Claudia Markovits-Krempke, Israel, Traude Triebel, Landesrabbiner Schlomo Hofmeister und Motti Hammer, Wien.

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Zum 12. März

Eisenstadt, 1938 – Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren…

Eisenstadt, 1938 –

Im März 1938 war der Einmarsch. Es kam nicht plötzlich. Wir wussten, dass die Nazis in Österreich nicht aufgehalten werden können. Was wir aber nicht ahnten, waren die Auswirkungen, die Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelte. Das kam so plötzlich und überraschend, ein Schock, eine Enttäuschung, wie immer man das nennen will. (…) Wir sahen die deutschen Soldaten durch die Straßen in Eisenstadt marschieren und hatten ein Gefühl der Ungewissheit. Man wusste nicht, was jetzt passieren wird. Wir waren verängstigt, es machte uns Angst. (…) Als wir aus unserer Wohnung wegmussten, haben selbst unsere Nachbarn geweint, obwohl sie mit den Nazis sympathisierten. Sie sagten, sie hätten nie gedacht, dass es auch Leute wie uns treffen würde.

Aus den Erinnerungen des ehemaligen Eisenstädters Fred Poll (geb. 1921 als Alfred Politzer) (aus: G. Tschögl u.a. (Hg.): Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Wien 2004. S. 157f.)

Synagoge in Güssing 1938

Die Synagoge in Güssing wurde von den Nationalsozialisten in eine Turn- und Festhalle umgewandelt und im Jahr 1953 abgerissen. An ihrer Stelle wurde das neue Rathaus in Güssing errichtet.


In wenigen Tagen, am 12. März, jährt sich zum 75. Mal der sogenannte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland: Jener 12. März 1938, ein Schabbat wenige Tage vor dem Purim-Fest übrigens, markiert einen Einschnitt in der österreichisch-jüdischen Geschichte, dessen Größenordnung – gemessen an den unmittelbaren wie mittelbaren Folgen: Verhaftungen, Misshandlungen, Demütigungen, schließlich Vertreibung und Ermordung – offenkundig kaum überschätzt werden kann – und der von allem Anfang an Zentrum (Wien) und Peripherie (wie eben die jüdischen Gemeinden des Burgenlandes) gleichermaßen betraf.

Was der Eisenstädter Fred Poll im obigen (exemplarisch zu nehmenden) Zitat mit knappen Worten beschreibt, ist nicht weniger als der Anfang vom Ende des burgenländischen Judentums, Initialzündung zur nachhaltigen Zerstörung einer Jahrhunderte währenden Tradition jüdischen Lebens – deren fatale „Geschwindigkeit“ tatsächlich atemraubend ist: Nicht viel mehr als ein halbes Jahr sollte es dauern, bis – im Oktober 1938 – sämtliche Kultusgemeinden des Burgenlandes aufgelöst waren (vgl. ausführlich P. F. N. Hörz: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – volkskundliche Analysen. [Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Bd. 26.] Wien 2005. hier S. 61f.) – erster Akt im Programm der nationalsozialistischen Vernichtung des österreichischen Judentums!

In diesen Tagen, vor 75 Jahren …

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel „Spätes Erinnern an die Sheva Kehillot„.


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Jüdisches Leben im Südburgenland

Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz, Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [1] Der Artikel ist eine überarbeitete Version von: Gert Polster, Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden…

Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz, Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts [1]

Der Artikel ist eine überarbeitete Version von: Gert Polster, Die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Das Judentum im pannonischen Raum vom 16. Jahrhundert bis zum Jahr 1914. (= Internationales Kulturhistorisches Symposion Mogersdorf 39, Kaposvár 2009).


Die jüdische Bevölkerung von 1808 bis 1859

Unter dem Schutz der Grafen Batthyány konnten sich in deren Herrschaftsvororten Stadtschlaining, Rechnitz und Güssing seit dem späten 17. Jahrhundert drei jüdische Gemeinden etablieren, die um die Mitte des 19. Jh. voll ausgebildet waren. D.h. sie verfügten über die notwendigen Einrichtungen, wie Synagoge, Friedhof, Mikwe, Schule und einen Gemeindevorstand. Sie stellten Rabbiner und Schächter an und unterhielten eine Chevra Kadischa.[2]

Die jüdischen Familien in diesen drei Gemeinden lebten nicht wie anderswo in abgeschlossenen Teilen der Orte, sondern verteilt im gesamten Ortsgebiet. Zwar sind einzelne Judenhäuser, die von der Herrschaft zur Verfügung gestellt wurden, erwähnt, doch beschränkte sich der Siedlungsbereich nicht ausschließlich auf sie.

Handwerk und Handel waren das Hauptbetätigungsfeld der zum Großteil nicht sehr vermögenden jüdischen Bevölkerung dieser Region. Die meisten gingen dem Hausiererhandel nach. Trotz dieser wirtschaftlich nicht sehr günstigen Situation wuchs die Bevölkerung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sukzessive an.

Die Kirchenschematismen der Diözese Szombathely enthalten neben den römisch-katholischen und protestantischen auch die jüdischen Einwohner der einzelnen Ortschaften. Für die betreffenden Jahre werden folgende Zahlen für die jüdische Bevölkerung ausgewiesen:

Statistik jüdische Bevölkerung von 1808 bis 1859

Statistik jüdische Bevölkerung von 1808 bis 1859



Das Siedlungsgebiet der Juden im heutigen Südburgenland war vor 1840 auf die drei zentralen Orte Stadtschlaining, Rechnitz und Güssing sowie einige wenige herrschaftliche und wirtschaftliche Zentren wie Lockenhaus, Pinkafeld, Rotenturm, Eberau, Großpetersdorf, Oberwart, Tatzmannsdorf, St. Martin an der Raab und Neumarkt an der Raab beschränkt. Die ersten vier dieser Ortschaften waren Sitz der Grundherrschaft mit Schlössern der Familien Esterházy, Batthyány und Erdödy mit den entsprechenden Verwaltungseinrichtungen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang das der Familie Esterházy gehörende Lockenhaus und die Tatsache, dass die Juden dieses Ortes sich nicht den Esterházyschen Judengemeinden des heutigen mittleren Burgenlandes anschlossen, sondern von Stadtschlaining aus betreut wurden. Hier mag die Komitatsgrenze daran hinderlich gewesen sein, denn auch andere Gemeinden der Herrschaft Lockenhaus auf dem Gebiet des Komitats Eisenburg wurden später von Stadtschlaining bzw. Rechnitz administriert.

Alle diese genannten Herrschaftsvororte waren wie auch Großpetersdorf, Oberwart und Neumarkt an der Raab bedeutende Marktflecken. Hier fanden die oft mit den Produkten der herrschaftlichen Meierhöfe Handel treibenden Juden die entsprechenden Absatzmärkte. Im Fall von Tatzmannsdorf war es vor allem der Bade- und Kurbetrieb, der hier schon zu Beginn des 19. Jh. Juden anzog. 1834 finden die jüdischen Gäste erstmals Erwähnung:

Für die Juden, welche diese Anstalt am häufigsten besuchen, bestehen eigens abgesonderte Wohnungen, und ein eigener Speisewirth.[3]


Vom Zentrum in die Dörfer

Die staatliche Gesetzgebung Ungarns zielte ab der 1. Hälfte des 19. Jh. zunächst auf Toleranz später auf die bürgerliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung ab und lockerte die Siedlungsbeschränkungen. Der Gesetzesartikel XXIX aus 1840 räumte den Juden das Wohnrecht und das Betreiben von Handel und Gewerbe in ganz Ungarn ein.

Diese neue Rechtslage hatte auf die jüdischen Gemeinden Ungarns große Auswirkungen. Die Folge war eine innerliche und äußerliche Lösung aus den traditionellen Verbindungen zur Kehila, die von einigen als Chance von anderen als Untergang gesehen wurde und zu starken Kontroversen führen sollte.
Rein äußerlich begann zunächst eine Abwanderung in größerem Ausmaß in die umliegenden Dörfer, wo sie sich als Gastwirte oder Greißler niederließen.
Eine Auswertung der Schematismen der römisch-katholischen Diözese Szombathely für das Gebiet des heute burgenländischen Teils des Komitates Vas lässt sehr schön die Auswirkungen des Gesetzes von 1840 erkennen.

Für das Jahr 1839 sind in 14 Orten 2.174 Juden ausgewiesen. Davon entfielen auf Rechnitz 41,7%, auf Stadtschlaining 27,6% und auf Güssing 24,2%. Demzufolge lebten in diesem Jahr noch 93,5% aller südburgenländischen Juden in den Vororten der Kultusgemeinden. Fünf Jahre später stellt sich die Situation schon etwas anders dar. 1844 lebten 2.324 Juden in 35 Ortschaften, davon 86,7% in Rechnitz (35,2%), Stadtschlaining (24,8%) und Güssing (26,7%).

Die höchste Zahl an Juden ist im Jahr 1859 mit 2.671 Personen in 62 Orten zu verzeichnen. Während die Anzahl der Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung bis 1868 auf 77 stieg, sank die jüdische Einwohnerzahl gesamt um rund 50 Personen. Dazu muss angemerkt werden, dass im Großteil der Ortschaften oft nur eine Person bis eine Familie wohnte. In Folge sank die jüdische Gesamtbevölkerung sukzessive und fiel im Jahr 1910 erstmals auf unter 1.000 Personen.

Größere Abwanderungsschübe sind für Rechnitz zwischen 1839 und 1844 sowie zwischen 1871 und 1874 zu verzeichnen. In Güssing machte sich die Abwanderung vor allem nach Graz zwischen 1859 und 1871 stark bemerkbar. In Schlaining verlief die Verminderung der Bevölkerung eher linear mit durchschnittlich 100 bis 150 Personen pro Jahrzehnt. Hier ist im Gegensatz ein relativ starker Zuwachs in den Filialen Pinkafeld, Oberwart und Großpetersdorf zu verzeichnen, wo eigene Filialgemeinden gegründet wurden.

Während die Bevölkerung im burgenländischen Teil des Komitats Vas kontinuierlich von 2.671 im Jahr 1859 auf 994 im Jahr 1910 abnahm, stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Juden in Szombathely von 420 auf 3.050. Unter den Neuzuzüglern waren sehr viele ehemalige Rechnitzer und Schlaininger Juden, was bereits in der Judenkonskription von 1848[4] für Szombathely ersichtlich ist.

Entwicklung der jüdischen Bevölkerung 1808-1910

Entwicklung der jüdischen Bevölkerung im Südburgenland, in den Gemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining sowie in Szombathely 1808-1910


Vor allem für Stadtschlaining mit seiner großen Anzahl an Filialen zeigt eine Untersuchung der in den Matriken[5] verzeichneten Geburten von 1841 bis 1895, dass die Zahl der im Ort Stadtschlaining Geborenen verglichen mit jenen in der gesamten Kultusgemeinde viel stärker abnahm, was mit der Abwanderung in die umliegenden Dörfer zu erklären ist.
Sie legt aber auch dar, dass ab ca. 1855 die Geburten im Allgemeinen sukzessive weniger werden, was weniger mit einem geringeren Kinderreichtum der Familien als vielmehr mit dem Wegzug aus der Kultusgemeinde zusammenhängt.

Jüdische Geburten 1841-1895

Jüdische Geburten in der Kultusgemeinde Schlaining und im Ort Schlaining selbst 1841-1895



Die Zugehörigkeit der in den Dörfern lebenden Mitglieder zu einer Kultusgemeinde war zunächst von deren Herkunft bestimmt. Aus diesem Grund waren die in den heutigen Bezirken Güssing und Jennersdorf lebenden Juden auf die Kultusgemeinden Stadtschlaining und Güssing aufgeteilt.
Während Rechnitz bedingt durch seine wirtschaftliche Bedeutung als Markt- und Herrschaftszentrum nach der Gründung der selbständigen Kultusgemeinden Szombathely (1832) und Köszeg (1852) bis auf einige umliegende Orte im Wesentlichen auf den Rabbinatssitz beschränkt blieb, siedelten die Angehörigen der beiden anderen Kehilot Stadtschlaining und Güssing verteilt auf dem Gebiet des heutigen Südburgenlandes bis weit in das Gebiet um Szentgotthárd und die Örség.

Auffallend ist hier die besonders weite Streuung der Schlaininger Juden nach Süden in das Gebiet der ehemaligen Herrschaft Neuhaus am Klausenbach, obwohl diese näher bei Güssing lag. Dies mag damit zusammenhängen, dass diese Herrschaft der selben Linie der Familie Batthyány gehörte wie Stadtschlaining.
Um die Zuständigkeit dürfte es zu Unstimmigkeiten zwischen den Rabbinatsdistrikten gekommen sein, denn am 21. Januar 1852 wurde eine Einteilung von der Komitatsverwaltung vorgenommen. Dieser zu Folge gehörten zu Stadtschlaining: Bernstein, Hammer, Holzschlag, Neumarkt im Tauchental, Kogl, Lockenhaus, Mariasdorf, Altschlaining, Pilgersdorf, Rettenbach, Deutsch Gerisdorf, Tatzmannsdorf, Pinkafeld, Oberwart, Oberschützen, Jabing, Kitzladen, Kemeten, Bocksdorf, Kirchfidisch, Eberau, Mischendorf, Stinatz, Stegersbach, Deutsch Kaltenbrunn, Rudersdorf, Szentgotthárd (Teil), Jennersdorf, Neuhaus am Klausenbach und Königsdorf.[6]

Zum Distrikt Güssing wurden gezählt: St. Michael, Rauchwart, Felsö und Alsó Rönök, Sulz, Gerersdorf bei Güssing, Eltendorf, Moschendorf, Hagensdorf, Heiligenbrunn, Strem, Tobaj, Deutsch Tschantschendorf, Heiligenkreuz, Gasztony, Senyeháza, Neumarkt an der Raab, St. Martin an der Raab, Kalch, Rudersdorf (1 Familie), Sveti Jurij, Dolnji Slaveči, Serdica, Bodonci sowie Szentgotthárd (Teil).[7]

Bei dieser Aufteilung ging es nicht um räumliche Gesichtspunkte sondern um die Bezahlung der Kultussteuer der in den Ortschaften lebenden Mitglieder. Dass es vor allem in den weiter entfernten Dörfern zu mangelnder Zahlungsmoral kam, zeigt eine Aufstellung der säumigen Steuerzahler der Gemeinde Stadtschlaining aus dem Jahr 1860. Darin wurden weitere Orte genannt: Neben Deutsch Kaltenbrunn, Stegersbach, Rudersdorf, Neuhaus am Klausenbach, Bocksdorf, Jennersdorf, Szentgotthárd, Königsdorf und Stinatz nun auch Neudau, Dobersdorf, Loipersdorf, Litzelsdorf, Welten, Rábafüzes, Heugraben, und Mogersdorf.[8]

Allein in Szentgotthárd lebten im Jahr 1858 16 zur Schlaininger Gemeinde gehörende Familienoberhäupter.[9]

Eine endgültige Gebietseinteilung der Rabbinatssprengel und zugleich eine Fixierung des Umfanges der Kultusgemeinden sollte die doppelte Betreuung von Orten bzw. die Zugehörigkeiten der Gemeindeglieder nicht mehr nach personalen sondern nach territorialen Gesichtspunkten lösen.

Mit dem Jahr 1886 trat eine neue Rabbinatseinteilung in Kraft. Die neuen Rabbinatsbezirke deckten sich nun mit den Stuhlbezirken. Das bedeutete vor allem für die Kultusgemeinden Güssing und Stadtschlaining große Verluste bei den Mitgliedergemeinden. Für den Bezirk Szentgotthárd wurde ein eigenes Rabbinat geschaffen, zu dem von da an auch sämtliche Orte der ehemaligen Herrschaft Neuhaus am Klausenbach gehörten.

Doch auch zwischen den Kultusgemeinden Stadtschlaining und Rechnitz brachte diese Neueinteilung große Veränderungen dadurch mit sich, dass der gesamte Stuhlbezirk Güns-Umgebung mit dem Rabbinat von Rechnitz zur Deckung gebracht wurde. Orte, wie Bernstein, Lockenhaus, Pilgersdorf, die früher von Stadtschlaining betreut wurden, kamen nun zu Rechnitz. Das Gebiet der drei Kultusgemeinden Stadtschlaining, Rechnitz und Güssing deckte sich bis 1921 mit den politischen Bezirken Oberwart, Güns-Umgebung und Güssing. Im Zuge der Gründung des Burgenlandes verblieben Teile dieser Bezirke bei Ungarn bzw. wurden Orte aus den Rabbinatsbezirken Szombathely, Körmend und Szentgotthárd dem Burgenland angeschlossen und auf die nunmehr burgenländischen Kultusgemeinden aufgeteilt.

Endgültige Abwanderung

Die vollkommene bürgerliche Gleichstellung der Juden auch in den übrigen Kronländern der österreichisch-ungarischen Monarchie durch das Staatsgrundgesetz von 1867 hob die verbliebenen Einschränkungen auf. Die Abwanderung zielte vor allem auf die großen Städte Wien, Budapest, Zagreb, Szombathely und Graz ab.

Graz war bereits vor 1868 ein begehrter Handelsplatz vor allem der südburgenländischen Juden. Nun konnten sie sich hier dauerhaft niederlassen und eine eigene Gemeinde gründen, an der in erster Linie die Güssinger Juden maßgeblich beteiligt waren.

Der dauerhafte Aufenthalt war Juden in Graz aufgrund der städtischen Statuten lange Zeit verwehrt. Erst durch eine Änderung im Jahr 1861 war es ihnen auch gesetzlich möglich, nicht nur „auf Durchreise“, sondern auch die Nacht über in Graz zu bleiben.

Einer, dem die neue gesetzliche Regelung zugute kam, war Ludwig Kadisch, der erste namentlich bekannte Grazer Jude des 19. Jahrhunderts. Dieser wurde 1823 in Rechnitz geboren und übersiedelte als Knabe nach der zweiten Eheschließung seiner Mutter zu seinem Stiefvater Leopold Stern nach Güssing. Wie viele andere Juden aus seiner Gemeinde wurde er Handelsmann und dürfte hauptsächlich die Grazer Märkte aufgesucht haben. Bereits 1850 suchte er um eine Bewilligung für eine koschere Gastwirtschaft an, die ihm zunächst verwehrt wurde. Trotzdem blieb er wie einige andere Juden auch ständig in Graz auf Durchreise. Am 11. Dezember 1861 wurde ihm schließlich die Erlaubnis erteilt und er suchte im Jahr darauf bereits um eine Genehmigung zur Abhaltung eines Gottesdienstes in seinem Lokal an.[10]

Güssinger Juden waren in der Folge an erster Stelle an der Gründung einer eigenständigen Kultusgemeinde in Graz beteiligt und nahmen wichtige Positionen im Vorstand ein.[11]

Trotzdem wurden die Güssinger Juden in Graz noch beinahe zehn Jahre lang der Güssinger Gemeinde zugerechnet. Ein „Verzeichnis derjenigen Individuen, welche in Gratz wohnhaft, jedoch in der Cultus-Gemeinde Güssing einverleibt sind und an Cultus-Steuer im Rückstande sind“ vom 23. Januar 1877 nennt 24 Personen.[12]

Graz ist ein gutes Beispiel für die Abwanderung der südburgenländisch-westungarischen Juden, weil hier erst im späten 19. Jh. die rechtlichen Grundlagen für eine dauerhafte Ansiedlung geschaffen wurden. Doch wie bereits erwähnt wurde, übersiedelten Juden aus den drei Gemeinden auch in andere Städte und Teile von Österreich-Ungarn.

In einer undatierten und nicht ganz vollständig erhaltenen Güssinger Synagogensitzliste aus den 1870er Jahren geht etwa hervor, dass von 208 Mitgliedern (wovon 9 fehlen) 104 in Güssing, 29 in Graz, 12 in Kroatien (davon 3 in Krapina und 2 in Karlovac), 4 in Szentgotthárd, je 3 in Maribor und Neumarkt an der Raab, je 2 in Jennersdorf, Pinkamindszent, Rauchwart, Rudersdorf und St. Michael sowie je ein Mitglied in 17 Ortschaften des heutigen Südburgenlandes und in Dörfern im angrenzenden Ungarn sesshaft waren.[13] Das bedeutet, dass zumindest rund 21 Prozent der Mitglieder nicht in der Güssinger Kultusgemeinde wohnten.

Kroatien, wo ebenfalls die ungarischen Gesetze von 1840 und davor galten, war bereits viel früher Siedlungsgebiet für Juden aus dem westungarischen Raum. So wissen wir von Ansiedlungen von Schlaininger und Rechnitzer Juden im späten 18. Jh. und frühen 19. Jh. im Raum Zagreb[14] und Ludbreg[15]. Diese Wanderung nach Kroatien hielt auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jh. an.

Das Hauptwanderungsgebiet waren jedoch die Hauptstädte Wien und Budapest, die bis ins beginnende 20. Jh. hinein die jüdische Bevölkerung aus den Landgemeinden förmlich aufsogen.

In den großen Städten konnten sich die Neuzugezogenen leichter ihre Existenzen im Bereich von Handel und Gewerbe aufbauen als in der Enge ihrer früheren Heimat, in die noch ihre Eltern und Großeltern aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen hineingezwungen wurden.

Doch auch der besonders im jüdischen Bürgertum stark vertretene Anteil an Intellektuellen fand in der neuen Umgebung bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Vier solcher Persönlichkeiten mit südburgenländischer Abstammung seien daher exemplarisch angeführt:

Der Historiker Samuel Steinherz kam am 16. Dezember 1857 in Güssing als Sohn des dortigen Lehrers zur Welt. Nach der Übersiedlung der Familie wuchs er in Graz auf und studierte dort wie auch am Institut für österreichische Geschichtsforschung in Wien Geschichte. 1894 erwarb er die Lehrbefugnis für österreichische Geschichte, 1898 auch jene für allgemeine Geschichte des Mittelalters. Obwohl Steinherz seinem jüdischen Glauben treu blieb, wurde er von Theodor von Sickel in Rom mit der Bearbeitung der Nuntiaturberichte aus Deutschland (1560-1565) betraut, womit er sich große Verdienste erwarb. 1901 erhielt Steinherz eine Professur an der Deutschen Universität Prag. Als er 1922 zum Rektor gewählt wurde, war er massiven Angriffen von Seiten deutschnationaler Kreise ausgesetzt. Hochbetagt wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er 1942 starb.[16]

Richard Charmatz wurde am 1. Februar 1879 in Stadtschlaining, wo seine Eltern eine Großtrafik betrieben, geboren und übersiedelte später mit ihnen nach Wien. Für ihn selbst war zunächst auch der Kaufmannsberuf bestimmt, seine Interessen gingen jedoch in eine andere Richtung. Sein Mittelschulstudium hatte er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen, aber nie aufgehört sich selbst zu bilden. Lange Jahre war er Zeitungskorrespondent, dann Redakteur. Schon vor 1914 und dann wieder ab 1920 gehörte er der Redaktion der Wiener „Neuen Freien Presse“ als außenpolitischer Leitartikler an. Die Zeit der Shoa konnte er versteckt in Wien überleben und wirkte bei der Neugründung der „Presse“ 1946 mit. Als Historiograph schrieb er mehrere Bücher über die österreichisch-ungarische Monarchie. Er starb am 15. Februar 1965 in Wien.[17]

Die Geschwister Anna und Gábor Hajnal spielten in der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle. Anna wurde am 1. Februar 1907, ihr Bruder Gábor am 4. Oktober 1912 in Kohfidisch geboren, wo ihr Vater Wilhelm Holzer ein Wirtshaus mit Greißlerei betrieb. In jungen Jahren übersiedelten sie mit ihren Eltern zuerst nach Szombathely, später nach Budapest. Anna war mit Imre Keszi verheiratet und machte sich als Lyrikerin einen Namen. Gábor schrieb selbst Lyrik und Prosa, galt aber auch als einer der besten Übersetzer ungarischer und deutscher Literatur. Anna verstarb am 6. September 1977, ihr Bruder am 26. Januar 1987 in Budapest.[18]

Neolog oder Orthodox

Mit der erlangten neuen Freiheit und dem damit verbundenen Bestreben, sich in die christliche Mehrheitsgesellschaft einzufügen, ging ein innerjüdischer Diskussionsprozess einher, der im jüdischen Kongress von 1868 seinen Höhepunkt erreichte und zur Spaltung des ungarischen Judentums in Reformer (Neologen) und Orthodoxe führte. Eine dritte Gruppe wollte sich keiner der beiden Richtungen anschließen, sondern versuchte am status quo ante festzuhalten.

Während die Judengemeinden des späteren Nordburgenlandes strikt an der Orthodoxie festhielten, war die Haltung der südburgenländischen Gemeinden nicht immer eindeutig.

Sowohl Neologie als auch Orthodoxie bestanden innerhalb der Gemeinden mit Sicherheit zur gleichen Zeit. Großen Einfluss auf die theologische Ausrichtung ihrer Gemeinden hatten zweifelsohne die Rabbiner. Deshalb seien die geistigen Führer unseres Betrachtungszeitraumes an dieser Stelle kurz vorgestellt:[19]

In Güssing wird in den Jahren 1844 bis 1854 Samuel Sommer genannt. Er wurde um 1810 in Pécs geboren und dürfte vor seiner Bestellung nach Güssing in Komarno/Komárom gewirkt haben, denn seine Kinder aus erster Ehe als auch seine zweite Gattin wurden dort geboren. Seine erste Frau starb am 5. Februar 1845 in Güssing. Er hat nach zehn Jahren Güssing verlassen, ging als Rabbiner zunächst nach Vrbové/Verbó und dann nach Pápa, wo er am 23. Jänner 1859 verstarb.[20]
Ihm zur Seite stand Jakob Pollak als Subrabbiner. Dieser wurde 1811 in Güssing geboren und stieg nach dem Weggang Sommers zum Oberrabbiner auf. Nach beinahe 50 Jahren in diesen Funktionen starb er am 26. Februar 1888 in Güssing.
In der Folge übernahm der um 1820 in Rechnitz geborene Kantor Joachim Fischer bis zu seinem Tod am 17. Juli 1895 als Rabbinatsverweser die geistliche Leitung der Gemeinde. Der letzte Rabbiner von Güssing war Jakob Grünfeld. Dieser wurde am 11. August 1865 im heute rumänischen Kozárvár/Cuzdrioara geboren, war seit 1892 Rabbiner und wurde 1895 als solcher nach Güssing berufen. Hier wirkte er bis zu seiner Flucht nach New York 1938.[21] Grünfeld dürfte der orthodoxen Richtung angehört haben.

In Rechnitz wirkte ab 1822 der Rabbiner Gabriel Engelsmann, auch Gabriel Ben Reuben Israel HaKohen genannt. Er wurde 1771 in Neustadtl an der Waag/Novo Mesto nad Vahom geboren, war streng orthodox und widersetzte sich jeglichen Neuerungen und Reformen.
Sowohl in Neustadtl als auch in Rechnitz unterhielt der gelehrte Rabbiner eine Jeschiwa, die regen Zulauf erhielt.[22] Gabriel Engelsmann starb am 29. Dezember 1850 in Rechnitz. Während der folgenden achtjährigen Vakanz des Rabbinatssitzes fungierte der um 1794 in Rechnitz geborene Lazar Louis Schloss bis zu seinem Tod am 30. Dezember 1858 als Rabbinatsverweser. Er war bereits Rabbinatsgehilfe seines Vorgängers.
Nach ihm wurde Maier Zipser zum Rabbiner gewählt. Er wurde am 14. August 1815 in Balassagyarmat geboren und war von 1844 bis 1858 Rabbiner in Székesfehérvár. Als einer der führenden Köpfe des ungarischen Reformjudentums nahm er großen Einfluss auf die Rechnitzer Gemeinde. Er starb am 10. Dezember 1869 in Rechnitz.
Seine Nachfolge trat der frühere Lehrer Moritz Moses Ehrlich an, der auch Zipsers Witwe heiratete. Er war der Bruder des Körmender Rabbiners Max Ehrlich und wirkte 50 Jahre lang wahrscheinlich im Geiste seines Vorgängers bis zu seinem Tod am 27. Juni 1921.[23]

In Stadtschlaining war von 1834 bis 1870 Moses Weinrebe als Rabbiner bestellt. Er wurde um 1797 im polnischen Laszk geboren. Wie weiter unten gezeigt wird, gehörte er der orthodoxen Richtung an. Er verstarb am 22. Januar 1870 in Schlaining. Den Rabbinatssitz nahm nach Weinrebes Tod der am 24. Januar 1842 in Schlaining geborene Jonas Heinrich ein. Er verstarb am 10. Juni 1905 nach einem jahrelangen Leiden. Sein Verhältnis zu der christlichen Bevölkerung dürfte ein sehr umgängliches gewesen sein, denn von seinem Begräbnis wird berichtet, dass die Feuerwehr geschlossen ausrückte und die Glocken sämtlicher Schlaininger Kirchen geläutet wurden.[24]
Bereits während der langen Krankheit von Rabbiner Heinrich versah Felix Feiwel Blau die geistlichen Belange der Kultusgemeinde. Dieser wurde am 17. April 1861 in Székesfehérvár geboren, wo sein Großvater mütterlicherseits Gottlieb Fischer Rabbiner war, und kam am 1. März 1902 als Rabbinatsverweser nach Schlaining. Mit 1. Juni 1923 verlegte er seinen Sitz in die Filialgemeinde Oberwart, das 1930 nach langen Auseinandersetzungen zur selbständigen Gemeinde erhoben wurde, der wiederum Schlaining als Filiale angeschlossen wurde.
Rabbiner Blau starb als letzter Rabbiner von Schlaining bzw. Oberwart am 4. Januar 1932 in Oberwart.[25]

Rechnitz schloss sich unter dem Rabbiner Maier Zipser dem Reformjudentum an. Schlaining war ebenso zeitweilig unter neologischem Einfluss. Umbauten der Synagogen in diesen beiden Orten mit der Versetzung des Almemors von der Raummitte zum Thoraschrein waren die Folge.
Reformströmungen gab es in der Rechnitzer Gemeinde aber bereits in der Zeit von Rabbi Gabriel Engelsmann. Als der Gemeindevorstand ihm einen Plan zur Versetzung des Almemors vorlegte, soll der Rabbiner gesagt haben:

Gut, aber wenn ihr heute den Almemor verlegt, so verlasse ich morgen Rechnitz.[26]

Leopold Moses beschrieb in den 1920er Jahren in der „Jüdischen Presse“ Schlaining und Rechnitz. Am meisten stieß er sich als orthodoxer Jude an der Lage des Almemors in der Rechnitzer Synagoge:

Aber bei allem Sinn für Schönheit und Kunst besitzt die Synagoge von Rechnitz doch einen nicht zu übersehenden Schönheitsfehler. Seit der […] Renovierung im Jahre 1855 befindet sich ihr Almemor vor der Bundeslade, wo er, abgesehen von allen anderen Bedenken, in diesem sonst so ehrwürdigen und stimmungsvoll wirkenden Raume ziemlich stilwidrig wirkt. […] Es war vor sechs bis acht Dezennien in Ungarn Mode, ohne Rücksicht auf die Tradition gewisse Dinge in Synagoge und Leben einzuschmuggeln, die der patriotischen Verschmelzung mit dem Staatsvolke die Wege ebnen sollten. Dabei wurde unbewußt oder bewußt Anlehnung an manche kirchliche Einrichtung gesucht, von der Gegenseite aber natürlich nur umso schärfer abgelehnt.[27]

Moses berichtet, dass der Mattersdorfer Rabbiner Ehrenfeld, als er wegen Beitrittsverhandlungen zum Verband der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes in Rechnitz weilte, sich weigerte wegen der Lage des Almemors die Synagoge zu betreten. Daraufhin wurden die Gespräche abgebrochen.
Die Eingabe um Genehmigung des Organisationsstatutes des Verbandes der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes zu Beginn der 1920er Jahre haben daher alle israelitischen Kultusgemeinden mit Ausnahme der Kultusgemeinde Rechnitz mitgefertigt.[28]

Schlaining ging hier einen anderen Weg. Beim Besuch des Mattersdorfer Rabbiners wurde die Rückversetzung des Almemors zugesagt und später auch durchgeführt. Die Entwicklung des Synagogenumbaus in Schlaining schildert Leopold Moses folgendermaßen:

Diesen Verfall konnte auch gewiß nicht hindern, dass, wie man heute sagen würde, durch einen Putsch, während sich der Rabbiner Moses Weinreb zum Kurgebrauch in Baden befand, am 7. Juli 1860 der Vorstand der Gemeinde, wohl angeregt durch das fünf Jahre vorher von der Nachbargemeinde Rechnitz gegebene Beispiel, die Renovierung der Synagoge und zur ‚Bundeslade-Vorwärts-Rückung des sogenannten Allemers’ (so!) beschloß. […] Der Rabbiner sandte, nachdem er von diesem Beschluß erfahren hatte, aus Baden unter dem 11. Juli einen energischen Protest an den Stuhlrichter von Oberwarth, erreichte damit aber nur eine Verschiebung der geplanten Maßnahme.[29]

Drei Jahre später wurde die Versetzung des Almemors unter erheblichem finanziellen Aufwand durchgeführt. Mit dem ortsansässigen Rabbiner Weinrebe konnte sich die Gemeinde anscheinend nicht einigen, denn die Einweihung der renovierten Synagoge nahm der Rechnitzer Rabbiner Maier Zipser am Vorabend des Neujahrfestes 1864 vor.
Einzig Güssing ist in diesem Zusammenhang schwer einzustufen, hier fehlen die notwendigen Überlieferungen bzw. eingehende Forschungen. Ein Foto vom Inneren der Güssinger Synagoge zeigt die Lage des Almemors in der Mitte des Raumes. Hier dürfte es nie zu einer Versetzung gekommen sein.

Die bürgerliche Gleichstellung stellte die jüdische Bevölkerung vor die grundsätzliche Entscheidung ungarische Juden bleiben, oder Ungarn jüdischer Konfession werden zu wollen. Dies drückte sich zum einen wie oben dargestellt in rituellen Fragen aus, die bei den Reformern zur teilweisen oder gänzlichen Aufgabe der Ausrichtung des Lebens nach den religiösen Gesetzen führte. Zum anderen drückten viele ihre Zugehörigkeit zum ungarischen Staat dadurch aus, dass sie ihren Namen magyarisieren ließen und dadurch ihre jüdische Identität nach außen hin ablegten. Auch für die drei Gemeinden gibt es hier genügend Beispiele.
Ganz wenige gingen den äußersten Schritt der gänzlichen inneren Emigration in Form einer Konversion zum Christentum.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die staatliche Gesetzgebung – wie im übrigen Ungarn auch – einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining genommen hat. Sie hat Rahmenbedingungen verändert, die von einer Seite als Beschränkung und von der anderen Seite als Schutz angesehen wurden.
Abwanderung und innere Neuausrichtung bestimmten die jüdischen Gemeinden des Südburgenlandes in dieser Zeit, die mit Fortschreiten dieser Entwicklung immer mehr zu einem Schatten ihrer selbst wurden.

Gedruckte Quellen

Schematismen der Diözese Szombathely 1808, 1822, 1839, 1844, 1859, 1868, 1871, 1880, 1895, 1910

Ungedruckte Quellen

  • Vas Megyei Levéltár (VML)
  • Matriken der israelitischen Kultusgemeinden Güssing, Rechnitz, Stadtschlaining
  • Judenkonskriptionen von Güssing, Rechnitz, Stadtschlaining 1848
  • Burgenländisches Landesarchiv (BLA)
  • Jüdisches Zentralarchiv (JZA), E Güssing; K Rechnitz; L Stadtschlaining
  • Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. IV B, 1067-1938; Abt. VIII, 567-1926


Literatur

  • Edit Balázs (Hg.), Jüdische Erinnerungen in der West-Pannonischen EuRegion (Szombathely 2008)
  • Gerhard Baumgartner, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Schlaining (Stadtschlaining 1988)
  • Ders., Die jüdische Gemeinde zu Güssing. In: Schlomo Spitzer (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland (Wien 1995)
  • Milivoj Dretar, Povijest doseljavanja Židova u ludbreški kraj. In: hakol. Glasilo Židovske zajednice u Hrvatskoj (Nr. 102, 2007) S. 34-36
  • Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes (Tel Aviv 1970)
  • Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – Volkskundliche Analysen (=Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien 26) (Wien 2005)
  • Rudolf Kropf (Hg.), Juden im Grenzraum. Geschichte, Kultur und Lebenswelt der Juden im burgenländisch-westungarischen Raum und in den angrenzenden Regionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (=WAB 92) (Eisenstadt 1993)
  • Ders., Sozialstruktur und Migration von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Schlaininger Judengemeinde. In: Rudolf Kropf (Hg.), Juden im Grenzraum. Geschichte, Kultur und Lebenswelt der Juden im burgenländisch-westungarischen Raum und in den angrenzenden Regionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (=WAB 92) (Eisenstadt 1993) S. 107-123
  • Mathias Macher, Die den Gränzen der Steiermark nahen Heilwässer in Ungarn, Kroatien und Illyrien. Physikalisch medizinische Beschreibung der Sauerbrunnen zu Tatzmannsdorf und Sulz, der schwefelhaltigen Bäder bei Warasdin und Krapina, und der Thermen bei Stubitza Tschatesch und Neustadl (Grätz 1834)
  • Gerhard Oberkofler, Samuel Steinherz (1857-1942). Biographische Skizze über einen altösterreichischen Juden in Prag (Innsbruck 2008)
  • Harald Prickler, Beiträge zur Geschichte der burgenländischen Judensiedlungen. In: Rudolf Kropf (Hg.), Juden im Grenzraum. Geschichte, Kultur und Lebenswelt der Juden im burgenländisch-westungarischen Raum und in den angrenzenden Regionen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (=WAB 92) (Eisenstadt 1993) S. 65-106
  • Artur Rosenberg, Geschichte der Juden in Steiermark (Wien/Leipzig 1914)
  • Gerhard Salzer-Eibenstein, Die Geschichte des Judentums in Südostösterreich von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. In: Israelitische Kultusgemeinde für Steiermark, Kärnten und die politischen Bezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf (Hg.), Geschichte der Juden in Südostösterreich (Graz 1988), S. 97-125
  • Paul Wildner, Der Historiograph und Journalist Richard Charmatz (1879-1965) (Phil. Diss., Wien 1972)

[1] Begriffserklärung: Wenn hier über die Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen wird, so muss die Zeitspanne etwas weiter reichen als von 1850 bis 1900. Aufgrund der enormen Bedeutung des Judengesetzes von 1840 für den weiteren Verlauf, wird dieses Jahr als Beginn des Untersuchungszeitraums und der Endpunkt mit 1921 als dem Jahr der Gründung des Burgenlandes als österreichisches Bundesland gesetzt. Räumlich umfasst das Gebiet im Wesentlichen das heutige Südburgenland, das damals freilich den westlichen Teil des Komitats Vas ausmachte. [Zurück zum Text (1)]

[2] Zusammenfassende Darstellungen: Edit Balázs (Hg.), Jüdische Erinnerungen in der West-Pannonischen EuRegion (Szombathely 2008); Gerhard Baumgartner, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Schlaining (Stadtschlaining 1988); Ders., Die jüdische Gemeinde zu Güssing. In: Schlomo Spitzer (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Juden im Burgenland (Wien 1995); Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes (Tel Aviv 1970); Peter F.N. Hörz, Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Fragmente – Volkskundliche Analysen (=Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien 26) (Wien 2005); Gerhard Salzer-Eibenstein, Die Geschichte des Judentums in Südostösterreich von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. In: Israelitische Kultusgemeinde für Steiermark, Kärnten und die politischen Bezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf (Hg.), Geschichte der Juden in Südostösterreich (Graz 1988), S. 97-125. [Zurück zum Text (2)]

[3] Begriffserklärung: Wenn hier über die Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesprochen wird, so muss die Zeitspanne etwas weiter reichen als von 1850 bis 1900. Aufgrund der enormen Bedeutung des Judengesetzes von 1840 für den weiteren Verlauf, wird dieses Jahr als Beginn des Untersuchungszeitraums und der Endpunkt mit 1921 als dem Jahr der Gründung des Burgenlandes als österreichisches Bundesland gesetzt. Räumlich umfasst das Gebiet im Wesentlichen das heutige Südburgenland, das damals freilich den westlichen Teil des Komitats Vas ausmachte. [Zurück zum Text (3)]

[4] VML, Judenkonskription 1848. [Zurück zum Text (4)]

[5] VML, Matriken der israelitischen Kultusgemeinde Stadtschlaining. [Zurück zum Text (5)]

[6] BLA, JZA, L Stadtschlaining, II/7. [Zurück zum Text (6)]

[7] BLA, JZA, E Güssing, I/4/7. [Zurück zum Text (7)]

[8] BLA, JZA, L Stadtschlaining, XV/3/1. [Zurück zum Text (8)]

[9] BLA, JZA, L Stadtschlaining, III/a/17. [Zurück zum Text (9)]

[10] Evi Fuks (Hg.), Minhag Styria. Jüdisches Leben in der Steiermark (Graz 2005) S. 37; Artur Rosenberg, Beiträge zur Geschichte der Juden in Steiermark (Wien/Leipzig 1914) S. 114-116. [Zurück zum Text (10)]

[11] Rosenberg, S. 117. [Zurück zum Text (11)]

[12] BLA, JZA, E Güssing, I/5/62. [Zurück zum Text (12)]

[13] BLA, JZA, E Güssing, I/5/128. [Zurück zum Text (13)]

[14] Melita Švob, Od kuda su došli i što su bili naši stari. In: hakol. Glasilo Židovske zajednice u Hrvatskoj (Nr. 96, 2006) S. 23-29. [Zurück zum Text (14)]

[15] Milivoj Dretar, Povijest doseljavanja Židova u ludbreški kraj. In: hakol. Glasilo Židovske zajednice u Hrvatskoj (Nr. 102, 2007) S. 34-36. [Zurück zum Text (15)]

[16] Gerhard Oberkofler, Samuel Steinherz (1857-1942). Biographische Skizze über einen altösterreichischen Juden in Prag (Innsbruck 2008). [Zurück zum Text (16)]

[17] Paul Wildner, Der Historiograph und Journalist Richard Charmatz (1879-1965) (Phil. Diss., Wien 1972). [Zurück zum Text (17)]

[18] Gerhard Baumgartner, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Schlaining (Stadtschlaining 1988) S. 40. [Zurück zum Text (18)]

[19] Soweit nicht anders angegeben folgen die Daten den Matrikenabschriften der Kultusgemeinden im Komitatsarchiv in Szombathely (Vas Megyei Levéltar). [Zurück zum Text (19)]

[20] Ben Chananja 2 (1859), S. 96. [Zurück zum Text (20)]

[21] BLA, Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. IV B, 1067-1938. [Zurück zum Text (21)]

[22] Maleachi, Aus dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. In: Jüdische Presse. Nr. 33/34, 22.9.1922, S. 201f. und Nr. 37/38, 6.10.1922, S. 221-223. [Zurück zum Text (22)]

[23] Maleachi, Aus dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. In: Jüdische Presse. Nr. 33/34, 22.9.1922, S. 201f. und Nr. 37/38, 6.10.1922, S. 221-223. [Zurück zum Text (23)]

[24] Oberwarther Sonntagszeitung, Nr. 25, 18.6.1905, S. 5. [Zurück zum Text (24)]

[25] BLA, Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. IV B, 1067-1938. [Zurück zum Text (25)]

[26] Maleachi, Aus dem Leben des letzten Gaons von Rechnitz. In: Jüdische Presse. Nr. 37/38, 6.10.1922, S. 223. [Zurück zum Text (26)]

[27] Moses, Rechnitz, S. 2. [Zurück zum Text (27)]

[28] BLA, Regierungsarchiv, laufende Registratur, Abt. VIII, 567-1926. [Zurück zum Text (28)]

[29] Leopold Moses, Schlaining. In: Jüdische Presse, Nr. 36, 9.9.1927, S. 222. [Zurück zum Text (29)]


28 Kommentare zu Jüdisches Leben im Südburgenland

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