Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: israel

Eine Fahrt im Autobus 402 von Bnei-Brak nach Jerusalem

Claudia/Chaya-Bathya, unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, nimmt uns in ihrem heutigen Beitrag mit auf eine Busfahrt von Bnei Brak nach Jerusalem – und erklärt dabei Eigenheiten…

Claudia/Chaya-Bathya, unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, nimmt uns in ihrem heutigen Beitrag mit auf eine Busfahrt von Bnei Brak nach Jerusalem – und erklärt dabei Eigenheiten des israelischen Alltags, die so manchem Israel-Urlauber bekannt vorkommen bzw. für künftige Israel-Reisen wissenswert sein könnten.
Überdies hat ihr Beitrag einen aktuellen tagespolitischen Nebenaspekt: der Attentäter, der 1989 den im Beitrag angesprochenen Anschlag auf Bus Nr. 405 (Linie Tel Aviv–Jerusalem) verübte, ist nach israelischen Pressemeldungen einer jener palästinensischen Häftlinge, die im Austausch gegen den entführten Soldaten Gilad Schalit freigekommen sind (siehe die Liste der freigelassenen Gefangenen auf Wikpedia).

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Im Folgenden möchte ich meine Eindrücke von meiner Reise von Bnei-Brak nach Jerusalem am 29. Juni 2011 wiedergeben. An diesem Tag muss ich arbeitsbedingt nach Jerusalem fahren, und das freut mich sehr, denn ich liebe Autobusfahrten über alles. Etwa 70 km sind es von hier nach Jerusalem. Die Fahrt dauert ca. eineinhalb Stunden.

Ich steige beinahe an der ersten Haltestelle zu, die liegt fast vor unserem Haus. Zu diesem Zeitpunkt ist der Bus noch leer. Das wird sich aber sehr schnell ändern.

Die Autobusroute in der engen und überfüllten Stadt Bnei-Brak windet sich wie Darmschlingen. Die Fahrt in Bnei-Brak allein nimmt fast ein Drittel der gesamten Fahrzeit in Anspruch! (Über Bnei-Brak könnte man Romane schreiben, und wer weiß, ob ich das nicht noch einmal tun werde.) Wie wäre es denn mit der Errichtung einer zentralen Autobushaltestelle für Überlandfahrten, so wie es sie in allen anderen Städten gibt? Jaja, ich weiß: darüber wird hier schon lange Jahre geredet. Geschehen ist nichts. Und so ziemlich alle Stellen, wo man eine solche hätte errichten können, sind inzwischen verbaut.

Der Autobus füllt sich langsam. Der 402er ist übrigens ein sogenannter Mehadrin-Bus, d. h. hier sitzt man nach Geschlechtern getrennt: Männlein vorne, Weiblein hinten. Nicht alle, auch nicht alle orthodoxen Juden, sind von dieser Einrichtung erbaut. Das Schlimmste sind selbsternannte Ordnungshüter, die ein jegliches weibliches Wesen, selbst wenn es ihre Oma sein könnte, grob anfahren oder gar handgreiflich werden (wie absurd!), wenn dieses im Männerteil Platz genommen hat. Solche Vigilanten sind aber eine eher seltene Erscheinung, zumindest hier in Bnei-Brak. Frauen beklagen sich eher über die Sitzordnung selbst, weil ihnen das Schaukeln im hinteren Teil des Busses nicht wohl bekommt. Sie sagen aber nichts. Wer partout keinen Mehadrin-Bus will, kann von Bnei-Brak auch mit dem Autobus Nr. 400 nach Jerusalem fahren. Der ist „gemischt“.

Ich selber sitze sehr gerne hinten, weil es da am meisten hüpft und schaukelt. (In diesem Leben werde ich wohl nie erwachsen.) Außerdem sitze ich liebend gerne am Fenster und sauge die vorüberziehenden Bilder förmlich in mich auf. Wenn ich doch nur eine Kamera bei mir hätte!

Interessiert beobachte ich die umständlichen Reisevorbereitungen mancher männlichen Fahrgäste: Rock bzw. Kaftan ausziehen, fein säuberlich zusammenlegen und ins Gepäckfach unter der Decke des Busses schieben. Der Hut folgt. Der eine tut das rasch und entschlossen, der andere hingegen mit Bedacht. Hie und da wird noch ein Talmudfoliant aus irgendeiner Tasche gezogen, und dann macht man sich’s auf dem gepolsterten Sitz bequem. Fertig! Andere laben sich an mehr irdischen Genüssen. Raschelnde Papiersackerl mit Gebäck und Süßigkeiten, ein krachender Biss in einen saftigen Apfel.

Neben mir nimmt eine ältere Dame Platz. Das große Plastiksackerl, das sie schleppt, stellt sie zwischen ihre Beine. Drinnen sind, soweit erkennbar, zahlreiche weitere Sackerl. Meine Sitznachbarin ist recht kommunikativ, zeitweise für meinen Geschmack ZU kommunikativ. Sie redet Hebräisch durchmischt mit Jiddisch und einer weiteren Sprache, die ich nicht zu identifizieren vermag. Vielleicht eine kaukasische Sprache? Ab und zu zieht sie eine Eineinhalb-Liter-Cola-Flasche – gut eingehüllt in weiteres Plastiksackerl – aus dem großen Sackerl und nimmt einen Zug.

Bei der Ausfahrt aus der Stadt auf die „Geha“-Autobahn fährt der Bus auf einem holprigen Fahrweg mit wenig Asphalt, aber umso mehr Schlaglöchern (skandalös ist das!) an einem heruntergekommen, verwahrlosten Einfamilienhaus vorbei. Über dem Eingang hängt ein Schild: Hachnasat Orchim schel Awraham Awinu, also Gastfreundschaft des Erzvaters Abraham. Und dem guten Vorbild des Letzteren folgt auch der Hausherr: „Hier kann man kostenlos essen und trinken“, verheißt ein handbeschriebenes Pappschild an einem der Fenster. Ich hoffe nur, den Gästen kracht die Bruchbude nicht über dem Kopf zusammen.

Heute gibt es, wie sich herausstellt, im Bus auch ein „Unterhaltungsprogramm“: Eine ältere Dame teilt an die Frauen und Mädchen Heftchen zum Tehillim[Psalmen]-Sagen aus. Ich lehne dankend ab, weil ich es vorziehe, die schöne Aussicht zu genießen. Bei den Männern teilt ein Chassid Zettel aus – Daf Hajomi [das tägliche Blatt Talmud] vermute ich, genau weiß ich’s aber nicht, weil ich ja in der „Frauenabteilung“ sitze.

Plötzlich ein durchdringendes Pfeifen und Knacken! Aus dem Bordlautsprecher ertönt eine Stimme. Der Sprecher – es ist der genannte Chassid – bedankt sich in jovialem Ton beim Fahrer für die Überlassung des Mikrophons und fängt an, einen rabbinischen Vortrag zu halten. Worüber genau, habe ich nicht mitgekriegt.

Die Dame neben mir raunzt und nörgelt in einer Tour vor sich hin. Sie möchte ihre Ruhe haben und ist von der akustischen „Zwangsbeglückung“ alles andere als entzückt. Die anderen Fahrgäste scheinen teils dasselbe zu denken, reagieren aber nicht. Sie möchten wohl den Tora-Vortrag nicht stören. Die Frauen sind mit Tehillim-Sagen, mit Unterhaltung oder Handy-Gesprächen beschäftigt, einige Männer – so ich sie von meinem Platz aus sehen kann – ebenfalls. Auch der junge Jemenite, der wegen akuten Platzmangels auf den Stufen vor dem Ausgang Platz genommen hat, zieht offenbar sein Handy dem Talmud vor.

Der Vortragende schließt endlich mit einer längeren Serie von Berachot [Segenssprüchen], nicht ohne mindestens fünfmal den heutigen Rettungstag des „Kaliver Rebben schlite“ [schlita = שליט“א ist eine hebräische Abkürzung mit der Bedeutung: er lebe lange und gute Jahre, Amen!] zu erwähnen. Der charakteristische Tonfall der Segenssprüche allein deutet den Zuhörern schon an, wann sie antworten sollen: Ooo-mejn! [Amen]

Der selbsternannte Entertainer, recte Schiur[Lektion]-Sager, übergibt nun das Mikrophon an einen Rosch Jeschiwe [Haupt einer Jeschiwa]. Der nuschelt halblaut etwas vor sich hin, von dem ich kein einziges Wort verstehe. Und ich bin nicht die Einzige.

Dann wird das Wort einem jüngeren Mann erteilt, der einen Sijum [Abschlußsseier] auf den ganzen Schass [Talmud] feiert, wie der Redner nicht vergisst zu betonen. Der Mann hat also den ganzen Talmud, gewöhnlich in 20 großen Folianten gedruckt, vollständig durchgelernt. Alle Achtung! Dieser Mann spricht laut und klar und fasst sich kurz.

Und ich? Ich habe nur Augen für die wunderbare Aussicht. Das satte Frühlings-Grün hat einem überwiegend gelbbraunen Farbton Platz gemacht. Reife Ähren stehen auf den Äckern, andere Felder sind schon abgemäht. Nur ein paar Strohballen sind übriggeblieben. Auch grüne Flecken gibt es noch: irgendwelches Gemüse und sonstige Blattpflanzen. Die werden bewässert. Ab und zu kugeln „Bluzer“ von Wassermelonen und Kürbissen kunterbunt herum. Die müssen aber noch ein bisschen wachsen. Auch Obstbaum-Plantagen gibt es. Die weißen Würfel, die hie und da in kleinen Gruppen an Feldrändern platziert sind, sind Bienenkolonien. Übrigens habe ich im Verlauf der Fahrt festgestellt, dass man vermehrt Wein anbaut. Man trägt also dafür Sorge, dass die hiesige Bevölkerung noch „geist“-reicher wird.

Immer wieder sieht man auch verstreute Ortschaften. Die bestehen aus Einfamilienhäusern, viele liegen in herrlich grünen Gartenlandschaften. In einer dieser Siedlungen sticht ein Gebäude durch Höhe und Baustil hervor: es handelt sich um „Seven Seventy“, eine genaue Replik des Hauptquartiers der Lubavitscher Chassidim in Crown Heights, New York. Wir sind also schon in Kfar Chabad. In diesem Dorf leben, wie der Name impliziert, ausschließlich Lubavitscher Chassidim. Der zweite Teil des Ortes – hierbei handelt es sich in erster Linie um das große religiöse Mädchengymnasium „Bejt Rivka“ mit angeschlossenem Internat – liegt übrigens auf der anderen Seite der Autobahn.

Den „Ben Gurion“-Flughafen sehe ich von meiner Seite aus nicht. Ich sitze bei der Hinfahrt nämlich rechts, weil auf der linken am Vormittag die Sonne hereinscheint. Ich hasse es, wenn man die Rollos runterzieht, weil ich dann die Aussicht nicht mehr genießen kann. Andererseits will ich aber natürlich auch nicht in der Sonne braten. Auf der Rückfahrt werde ich jedoch, wenn ich wieder auf der rechten Seite sitze, die startenden, landenden und parkenden Flugzeuge bewundern können.

Etliche Reisende sprechen jetzt das Tefillat ha-derech, das Reisegebet. So auch ich.

Jetzt sind wir schon in Scha’ar Hagaj, oder auf Arabisch: Bab El-Wad, das „Tor des Tales“, 23 km von Jerusalem! Von hier an geht es so richtig aufwärts. Aleppo-Kiefern, Sträucher, Kreidefelsen, Karst. Uff, ich kriege verlegte Ohren! Das passiert mir hier immer.

Der Ort ist landschaftlich wunderschön, aber auch ideal für einen Hinterhalt: die Straße verläuft in einem tiefen Einschnitt zwischen links und rechts aufragenden Felsen, die heute bewaldet sind.
Im Unabhängigkeitskrieg 1948 fanden hier heftige Kämpfe zwischen der Arabischen Legion und israelischen Soldaten statt. Auf halbverwachsenen Pfaden kann man die in der Gegend verstreuten Grabsteine für die 119 gefallenen jüdischen Konvoi-Kämpfer erreichen.

Die Überreste der bei den Kämpfen ausgebrannten Panzerfahrzeuge, einst rostrot gestrichen und ebenfalls auf dem Gelände verstreut, sind jetzt khakifarben und an einem Platz konzentriert. Man hat auch einen Gedenkort eingerichtet. Schilder erzählen davon, was hier passiert ist.

Bei einer Ausfahrt in der Umgebung steht eine hohe Mobilfunk-Antenne, in die man Äste von Nadelbäumen gesteckt hat, um sie unauffälliger zu machen. Das ist aber nicht wirklich gelungen, der „Riesen-Besen“ sieht vielmehr recht lächerlich aus.

Aus einer steil abfallenden Felswand vor der Har’el-Kreuzung wächst, halb hängend und eigenartig geformt, ein Feigenbaum. Verschwiegene Pfade führen ins Unterholz. Ach, wie hätte ich Lust, jetzt auszusteigen und zu wandern! Weit wandern, nur einfach so gehen. Irgendwohin, egal wohin.

Eine sehr schöne Aussicht gibt es bei dem arabischen Dorf Abu Gosch, bekannt vor allem für seine Restaurants, aber auch für musikalische Veranstaltungen. Jährlich zu Schawuot und Sukkot finden die „Abu Gosh Voice Festivals“ statt, in der Auferstehungskirche sowie in der modernen Kirche „Notre Dame Arche D’Alliance“ (Unsere Liebe Frau von der Bundeslade) finden zahlreiche weitere Konzerte statt.

Ganz in der Nähe liegt das Städtchen Kirjat Je’arim, umgangssprachlich „Tels-Stone“ genannt. Es ist fast ausschließlich von orthodoxen Juden bewohnt und hat durch den Selbstmordanschlag auf den Autobus Nr. 405 (Tel Aviv–Jerusalem) traurige Berühmtheit erlangt. Am 6. Juli 1989 stürzte sich ein arabischer Fahrgast – ein Mitglied des „Islamischen Dschihad“, wie sich später herausstellte – auf den Busfahrer, bemächtigte sich des Lenkrads und steuerte den Bus in den Abgrund. 16 Fahrgäste starben, 27 (darunter der Attentäter) wurden verletzt. Seitdem ist in israelischen Überlandbussen vor dem Fahrersitz eine Barriere installiert. Von den zumeist orthodoxen Freiwilligen, die mithalfen, die Verletzten und Leichen zu bergen, wurde später die Organisation ZAKA zur Identifizierung von Unfallopfern gegründet.

Ein Kaddisch de-rabbanan [Gebet nach dem Torastudium] reißt mich aus meinen Gedanken. Die Tora-Lektionen sind beendet. Einige Männer erheben sich, setzen den Hut auf und antworten vorschriftsmäßig auf das Kaddisch-Gebet. Die meisten anderen entledigen sich sitzend ihrer Pflicht. So auch ich. Es ist hier absolut kein Platz zum Aufstehen.

Die Frau, die die Tehillim verteilt hat, sucht nun all ihre Heftchen wieder zusammen: „Entschuldigen Sie, haben Sie ihr Heft schon zurückgegeben?“

Und dann sind wir auch schon in Jerusalem. An der ersten Station steige ich aus. In etwa hundert Metern Entfernung ragt der Pfeiler der charakteristischen und weithin sichtbaren Hängebrücke in den Himmel, auf der gerade eine Garnitur der neuerrichteten Jerusalemer Straßenbahn eine Probefahrt unternimmt. (Anmerkung: Inzwischen hat sie den regulären Betrieb aufgenommen.)

Ach, es ist doch immer schön, in Jerusalem zu sein!

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Bild und Kopf der Woche – Ausmal-Ben-Gurion

Wie man jüngeren (und jüngsten) Museumsbesucherinnen und -besuchern Historie schmackhaft machen kann, ist eine ebenso wichtige wie knifflige Frage. Klassisch-charmant ist die diesbezügliche Strategie des „Ben-Gurion-Hauses“ in Tel Aviv: Dort…

Wie man jüngeren (und jüngsten) Museumsbesucherinnen und -besuchern Historie schmackhaft machen kann, ist eine ebenso wichtige wie knifflige Frage. Klassisch-charmant ist die diesbezügliche Strategie des „Ben-Gurion-Hauses“ in Tel Aviv: Dort nämlich lädt man die jüngsten Gäste ein, sich via Mal-Vorlage (buchstäblich) ihr eigenes Bild vom „Vater der Nation“ zu machen – Museumspädagogik 1.0 gewissermaßen…

Schachspielender Ben-Gurion zum Ausmalen

Ein schachspielender Ben-Gurion zum Ausmalen – gesehen im „Ben-Gurion-Haus“, Tel Aviv

David Ben-Gurion (1886-1973), als David Grün im polnischen Płońsk geboren, emigrierte 1906 nach Palästina; er war der erste Premierminister des Staates Israel, von der Staatsgründung 1948 bis 1953, und nochmals von 1955 bis 1963.

Weit anschaulicher als diese nackten biographischen Fakten ist allerdings die wunderbar plastische (und obendrein um politische Korrektheit völlig unbekümmerte) Beschreibung, die Amos Oz in seiner „Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Ben-Gurion gibt: Oz, damals gerade in seinen frühen 20ern, hatte sich 1961 auf eine publizistische Kontroverse mit dem Premierminister eingelassen – und wurde von Ben-Gurion prompt zum persönlichen Gespräch geladen…

Zwischen den Wänden dieses spartanischen Büros [gemeint ist das Büro Ben-Gurions in Tel Aviv; Anm.] ging mit schnellen kleinen Schritten, die Arme auf dem Rücken verschränkt, die Augen zu Boden gerichtet, den großen Kopf geneigt und energisch vorgeschoben, ein Mann auf und ab, der genau wie Ben Gurion aussah, aber auf keinen Fall Ben Gurion sein konnte: Jedes Kind im Land, schon im Kindergarten, wusste damals sogar im Schlaf, wie Ben Gurion aussah. Aber da es noch kein Fernsehen gab, meinte ich selbstverständlich, der Vater der Nation sei ein Riese, dessen Haupt in die Wolken rage. Und dieses Double nun war ein kleiner, untersetzter und rundlicher Mann, keine ein Meter sechzig groß (…), teils unbeugsamer Bergbauerngroßvater, teils uralter, energischer Zwerg (…). Er hatte eine silbrige Prophetenmähne, die wie ein Amphitheater seine Glatze umgab. Unterhalb der mächtigen Stirn ragten dicke, buschige weiße Brauen hervor, und darunter durchbohrten kleine blaugraue Augen mit messerscharfem Blick die Luft. Seine Nase war breit, dick und derb, eine vollkommen schamlose, geradezu pornographische Nase, wie die Nase der Juden auf antisemitischen Karikaturen. Dagegen waren die Lippen schmal wie eine Schnur (…). Die Gesichtshaut war rau und rot, als wäre da gar keine Haut mehr, sondern rohes Fleisch (…).
Die ersten Worte, die die Stille im Raum durchschnitten, erklangen in der durchdringenden blechernen Stimme, die wir damals alle fast täglich im Radio hörten. Sogar in unseren Träumen hörten wir sie. Der Allmächtige warf mir einen grimmigen Blick zu und sagte: ‚Nu! Warum setzen Sie sich nicht?! Setzen Sie sich doch!‘

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Frankfurt a.M. 2008. S. 686f.

Niemals, so schreibt Oz in der Rückschau auf jene Begegnung, habe ihn ein Mensch

so durch seine physische Präsenz und seine elektrisierende Willenskraft beeindruckt

wie damals Ben-Gurion (ebd. S. 692).

Ben-Gurions Haus in Tel Aviv („Beit Ben-Gurion“) ist heute der Öffentlichkeit zugänglich – und der Besuch schon aufgrund der erhaltenen Original-Ausstattung und Ben-Gurions beeindruckender Bibliothek (20.000 Bände!) in jedem Fall lohnenswert!

Wikipedia


David Ben-Gurions Geburtstag jährt sich am heutigen Sonntag, dem 16. Oktober, zum 125. Mal.


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Tipp der Woche – Sommerpause!

Ich höre nachts die Lokomotiven pfeifen, sehnsüchtig schreit die Ferne, und ich drehe mich im Bett herum und denke: ‚Reisen …‘ Tucholsky – Die fünf Sinne (zit. n. H. Hartung:…

Ich höre nachts die Lokomotiven pfeifen,
sehnsüchtig schreit die Ferne, und ich
drehe mich im Bett herum und denke: ‚Reisen …‘

Tucholsky – Die fünf Sinne
(zit. n. H. Hartung: Mit Dichtern reisen. 2. Aufl. München 1967. S. 30)

Sonnenaufgang am See Genesareth

„Reisen …“ – ein Sommer-Reisebild: Sonnenaufgang am See Genesareth

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir gönnen uns ein paar Tage Online-Pause, genießen die Sonne, machen die eine oder andere Reise – und melden uns Anfang August, ziemlich genau zum zweiten Geburtstag der „Koscheren Melange“, mit neuer Kraft zurück.

Wir wünschen auch Ihnen einen schönen Sommer, hoffen, dass Sie ein paar Urlaubstage genießen können – und: gute Reise! :)

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Makkabiade – einst und jetzt

Die erste Makkabiade – Tel Aviv 1932 Vom morgigen 5. bis 13. Juli finden in Wien die 13. Europäischen Makkabi-Spiele statt – gewissermaßen die jüdische Antwort auf Olympia. Erwartet werden…

Die erste Makkabiade – Tel Aviv 1932


Vom morgigen 5. bis 13. Juli finden in Wien die 13. Europäischen Makkabi-Spiele statt – gewissermaßen die jüdische Antwort auf Olympia.

Erwartet werden mehr als 2000 Sportler aus über 40 Nationen, die sich auf/in/an diversen Courts, Hallen, Becken, Tischen (Schach!) etc. messen werden.

Erstmals ausgetragen wurde die Makkabiade 1932 im noch jungen Tel Aviv – sportlich sicherlich hochwertig, PR-technisch vielleicht noch etwas unterentwickelt (wie der Vergleich zeigt) … ;)


Die aktuelle Makkabiade – Wien 2011 (Vorschau)


Schon seinerzeit war übrigens auch eine österreichische Delegation vertreten, und zwar durchaus erfolgreich:
So etwa konnten die heimischen jüdischen Zeitungen, geradezu euphorisch bezüglich des „glänzenden Verlaufs“ der Spiele, österreichische Erfolge in den Box- und Schwimmbewerben (u.a. durch die damalige Spitzenschwimmerin Hedy Bienenfeld-Wertheimer) vermelden …


'Die Makkabiah' - in: Die Stimme, Wien, 7. April 1932

„Die Makkabiah“ – in: Die Stimme, Wien, 7. April 1932, S. 3 (entnommen aus dem Online-Archiv „Compact Memory“ – Die Stimme, Jg. 1932. H. 222, 5)

Man beachte – so nebenbei – auf derselben Seite auch das großartige, ja geradezu künstlerisch wertvolle Inserat für das „100% reine Kokosnussfett“ Kunerol, hergestellt „unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S[amuel] Ehrenfeld zu Mattersburg“ (!), das/der hier auch schon bei anderer Gelegenheit Thema war …

Weitere Infos zum sportlichen und Rahmen-Programm der aktuellen Wiener Makkabiade auf:

emg2011.eu

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – aus der breiten Presse-Berichterstattung zum Thema – die Interviews mit Makkabiade-Organisator und IKG-Vizepräsidenten Oskar Deutsch und Wiens Bürgermeister Michael Häupl.


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Unbekannte ‚Ikone‘

Bildquelle Eine Notiz zu Lea Goldberg Frage: Was ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Schriftsteller es (posthum) zu Ruhm und Ehre gebracht hat? Antwort: Sein/Ihr Porträt ziert a.) Briefmarken…

Bildquelle


Eine Notiz zu Lea Goldberg

Frage:
Was ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Schriftsteller es (posthum) zu Ruhm und Ehre gebracht hat?

Antwort:
Sein/Ihr Porträt ziert a.) Briefmarken und/oder b.) Geldscheine

Für die israelische Schriftstellerin Lea Goldberg (1911-1970), die im Mai ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, gilt genau dies. Nicht nur findet sich ihr Porträt auf einer israelischen Briefmarke …

… – Goldberg soll ebenso auf dem neuen 100-Schekel-Schein verewigt werden (dabei rangiert sie wert-mäßig übrigens zwischen Nathan Alterman, der für den 200-Schekel-Schein vorgesehen ist, und Tchernichovsky auf dem neuen 50er …;) ).

Und tatsächlich: Goldberg, geboren in Königsberg und 1935 (nach ihrem Studium u.a. in Berlin und Bonn) nach Palästina/Israel emigriert,

ist eine neuhebräische Ikone…In Zeiten der Entwicklung und Verbreitung des Iwrit als Sprache der alltäglichen Kommunikation im vorstaatlichen Jischuw wie auch in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel hatte Lea Goldberg mit ihrem Werk großen Anteil an der Erneuerung des Hebräischen als Sprache der Literatur. Dies macht sie zu einer Literatin des Übergangs und des Übertritts – von Europa und seinen Zungen weg nach Palästina bzw. Israel hinein.

Dan Diner, im Vorwort zu: Yfaat Weiss: Lea Goldberg. Lehrjahre in Deutschland 1930-1933. [toldot. Bd. 9.] Göttingen 2010. S. 7.

Umso erstaunlicher, dass Lea Goldberg dem deutschsprachigen Publikum bis heute beinahe unbekannt ist (vgl. hierzu auch Weiss a.a.O. S. 9ff.); in deutscher Sprache sind (unseres Wissens) einzig Goldbergs „Briefe von einer imaginären Reise“ (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003) greifbar – ein Briefroman, im Original 1936/37 (in hebräischer Sprache) veröffentlicht, in dem Goldbergs Protagonistin Ruth sich auf eine fiktive Europa-Reise macht und in (eben: „imaginierten“) Briefen an ihren Geliebten Immanuel melancholische Selbst-, Reise- und Städtebilder zeichnet:

Im Nebenabteil saßen drei Männer. Ich trat hinaus in den Gang. Sie sprachen über Frauen –
… Es ist eigenartig, ich habe es einige Male bemerkt – Ihr, die Männer, wenn Ihr unter Euch seid, könnt dieses seltsame Bedürfnis nicht bezwingen, über Frauen zu sprechen – wie Antisemiten über Juden.
Doch das nur nebenbei. Viel wichtiger waren diese Schienen unter mir, die ich in der Nacht nicht sehen konnte. Es war nur merkwürdig klar: Wenn man das Herz eines Menschen aus seiner Brust schneidet, es an der Lokomotive festbindet und über die Schienen davonführt, wird dieses Herz, das inniglich an sein „Dort“ gebunden ist, sich doch überhaupt nicht von der Stelle bewegen. Wenn dem so ist, weshalb fährt dann der „ganze Mensch“, aus Fleisch und Blut, mit seinem törichten, ironischen Verstand und seinem schweren Herzen, das an das „Dort“ gebunden ist, an dem Du bist, überhaupt fort?

Lea Goldberg: Briefe von einer imaginären Reise. Aus dem Hebr. von L. Böhmer. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003. S. 38.

Doch war Goldberg auch Lyrikerin, Übersetzerin – und: Verfasserin von zahlreichen klassischen israelischen Kinderbüchern.
Wer letztere für sich entdecken möchte, hat ab Herbst endlich die Gelegenheit: Lea Goldbergs Kinderbuch „Zimmer frei im Haus der Tiere“ erscheint im Oktober 2011 in einer illustrierten deutschen Fassung (in der Übersetzung von Mirjam Pressler).

Wir danken Stamm-Leser und -Kommentator Meir Deutsch herzlich für den Hinweis auf Lea Goldbergs 100. Geburtstag!

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Lag Ba-Omer

Am 33. Tag der Omer-Zählung, heuer heute am 22. Mai, wird in Israel ein Volksfest besonderer Art gefeiert: Lag Ba-Omer. An diesem Tag ist vor ca. 2000 Jahren Rabbi Schimon…

Am 33. Tag der Omer-Zählung, heuer heute am 22. Mai, wird in Israel ein Volksfest besonderer Art gefeiert: Lag Ba-Omer. An diesem Tag ist vor ca. 2000 Jahren Rabbi Schimon (Simon) Bar Jochai, ein Schüler des Tannaiten Rabbi Akiva und vehementer Gegner der Römer im großen Aufstand, in ein besseres Jenseits eingegangen. Im Heiligen Land wird dieses Ereignis schon mindestens seit dem 19. Jahrhundert mit dem Entzünden eines Feuers in Meron in Galiläa begangen.

Der hauptsächliche Festakt findet noch immer an diesem Ort, neben Rabbi Schimons Grabbau, statt. Der Moschaw Meron ist eine kleine landwirtschaftliche Siedlung, die vor allem von der Zimmervermietung an religiöse Sommerfrischler und auch vom Lag-Ba-Omer-Tourismus lebt.

Im Laufe der Jahre hat sich der Brauch des Feuerzündens im ganzen Land verbreitet und wahrhaft epidemische Ausmaße angenommen.

Schon längere Zeit vor dem Festtag sind die lieben Kleinen – hauptsächlich Buben natürlich – eifrig dabei, Äste, Bretter und dergleichen als Brennmaterial zu finden. Alles, was aus Holz und nicht niet- und nagelfest ist, ist dazu bestimmt, auf dem „Scheiterhaufen“ zu landen. Die Kinder formieren sich zur Materialsuche in Gruppen. Der „Wettkampf“ mit anderen Gruppen gehört da natürlich auch zu den Vorbereitungen.

Leider zählen in den Augen der Kinder auch die Holzplattformen von Gabelstaplern zum Brennmaterial. Diese Dinge werden dann oft mit eigens dazu „ausgeliehenen“ Supermarkt-Wägen zum Ort des Geschehens verbracht. Natürlich erlaubt die Tora einen solchen Diebstahl nicht. Aber vergeblich zetern Eltern und Rabbiner dagegen. Die Kinder bringen einen wahren FEUEReifer bei diesen Fest-Vorbereitungen zu Ehren des Rabbi Schimon Bar Jochai auf – einen Eifer, den sie zum Leidwesen ihrer Erzieher beim Lernen allzu oft vermissen lassen.

Und wenn dann überall die Feuer brennen, dann sind die Eltern damit beschäftigt, hinter ihrem Nachwuchs herzurennen, damit sie den Flammen nicht zu nahe kommen. Bei der hier üblichen Anzahl von Kindern pro Familie ist das gar nicht einfach.

Leider verbrennen die Kinder nicht nur Holz oder Papier. Der Anblick der züngelnden Flammen macht zahlreiche Menschen anscheinend zu Pyromanen. Da wird dann alles in das Feuer geworfen, was nur so herumliegt. Leider auch Plastik. Und besonders attraktiv für schlimme Buben sind natürlich Spraydosen. Die explodieren nämlich so schön!

Früher, als es hier noch zahlreiche freie Plätze zwischen den Häusern gab, war die Stadt (Bnei-Brak) voller Feuer. Inzwischen ist fast alles verbaut, und so hat sich die Anzahl der „Scheiterhaufen“ zwangsläufig drastisch vermindert.

Aber auch heute ist es ratsam, vor Lag Ba-Omer die Wäsche von der Leine zu nehmen, damit sie nicht geräuchert wird. Das G’rucherl bringt man dann nur mehr schwer weg. Und jedes Mal vor dem Fest bete ich, dass das Wetter klar ist und der Wind weht. Ich erinnere mich mit Schrecken an einen bestimmten Lag-Ba-Omer-Tag, an dem Inversionswetterlage herrschte. Der Brandgeruch lastete schwer auf der Stadt und verursachte mir Kopfweh. Noch ein, zwei Tage später hat er sich kaum verzogen. Wie haben das die Asthmatiker nur aushalten können?

Es heißt, die Kinder würden um die Feuer tanzen und singen. In dem Vierteljahrhundert, in dem ich hier lebe, habe ich das aber selten gesehen. Das geschieht nur bei den offiziellen Feiern, an denen Rabbiner teilnehmen. Die Kinder grillen lieber Kartoffeln und Würstel, und so wird der Akt der Verbrennung von einem rein spirituellen auch zu einem irdisch-kulinarischen. Und so sitzt dann die junge Generation schließlich einträchtig zusammen und verzehrt halb rohe, halb verkohlte Erdäpfel. Zu dem Zeitpunkt sind die Kinder schon von oben bis unten mit einer dicken Schweiß- und Rußschicht bedeckt und riechen, als seien sie selbst gegrillt worden. Die Mütter werden bei ihrem Heimkommen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und den Nachwuchs gleich in die Badewanne stecken.

Wenn dann, spät in der Nacht, die Feuer erloschen sind und die sich im Dauereinsatz befindenden Feuerwehrleute auch die letzten glimmenden Kohlen ausmachen, dann sprechen die Eltern aus dankbarem Herzen ein Gebet, dass alles – Gott und Rabbi Schimon sei Dank! – gut verlaufen ist.

Hier das diesjährige Anzünden des Feuers in Meron durch den Bojaner Rebben. Dem jeweiligen Bojaner Rebbs, Nachkommen des Rabbi Israel von Ruzhin aus Sadagora, ist dieses Privileg vorbehalten!


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