Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: israel

Chassidische Geburtshilfe

Video: Gerer Rabbiner besucht Gur in Polen Nach der Geburt meiner zweiten Tochter im März 1988, noch im Spital, ist mir etwas recht Kurioses passiert: Als ich so durch die…

Video: Gerer Rabbiner besucht Gur in Polen


Nach der Geburt meiner zweiten Tochter im März 1988, noch im Spital, ist mir etwas recht Kurioses passiert:

Als ich so durch die Abteilung wanderte, weil mir fad war (ich fühlte mich gesund und munter und Rooming-in gab es noch nicht), traf ich in der Abteilung für High risk-Schwangerschaften eine schon nicht mehr junge orthodox-jüdische Frau von niedriger Statur, aber umso größerer Korpulenz. Diese Dame hatte bereits etliche Kinder, das jüngste davon schon 15 Jahre alt – und da war sie plötzlich noch einmal schwanger geworden! Die Schwangerschaft verlief aber nicht glatt: Übergewicht, überhöhte Blutzuckerwerte und hoher Blutdruck ließen eine Schwangerschaftsvergiftung befürchten. Noch dazu war der Geburtstermin bereits überschritten. Eine versuchte Einleitung der Geburt mittels Hormonen erbrachte nicht den gewünschten Erfolg. Ein paar schwache Wehen, und aus wars wieder. Klarer Fall: man wird einen Kaiserschnitt machen müssen.

Am nächsten Tag tritt dieselbe Dame an mich heran, diesmal im Wartezimmer, zusammen mit ihrem Mann, einem Gerer Chassid [1] . wie aus dem Bilderbuch: schwarzer, oben runder Hut, Kaftan, „Hosensocken“ (d. h. die Hosenbeine in die Socken gestopft). Diesmal hat sie eine Bitte: der Gerer Rebbe [2] . hat ihr gesagt, eine fromme Frau solle ihr die Hände auf den Bauch legen und Psalm 19 rezitieren (ob ein- oder mehrmals, kann ich mich nicht mehr erinnern) – dann wird es mit der Geburt schon klappen und kein Kaiserschnitt nötig sein. Sie hat also mich für diese Aufgabe erkoren. Ausgerechnet. Na ja, versuchen wirs halt! Ich platziere also meine Hände auf ihrem Bauch und bitte ihren Mann, mir ein Gebetbuch mit dem erwähnten Psalm offenzuhalten. Diesen Psalm kenne ich zwar mehr oder weniger auswendig, aber ich verlasse mich bei einer so wichtigen Zeremonie lieber nicht auf mein Gedächtnis.

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.
Ein Tag sagt es dem andern, eine nacht tut es der anderen kund,
ohne Worte und Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme.
Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.
Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam;
sie frohlockt wie ein Held und läuft ihre Bahn.
Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende,
nichts kann sich vor iherer Glut verbergen.

Die Weisung des Herrn ist vollkommen, sie erquickt den Menschen.

Die Worte meines Mundes mögen dir gefallen, was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, Herr, mein Fels und mein Erlöser.

So, fertig! Das Gebetbuch wird zugeklappt, die Besuchszeit ist zu Ende, alle Frauen gehen in ihre Zimmer. Was aus meinem „Opfer“ wird, weiß ich nicht, weil ich am Tag darauf vormittags schon aus dem Spital entlassen werde.

Einige Zeit später habe ich dieselbe Frau wieder getroffen, am Schabbat auf der Rabbi Akiva-Straße, der Hauptstraße von Bnei-Brak. Mit ihrem kleinen Sohn im Kinderwagerl. Da habe ich dann erfahren, dass meine „Behandlung“ seinerzeit tatsächlich geholfen hat. Kein Kaiserschnitt war nötig, alles ist gut gegangen. Gott und dem Gerer Rebben sei Dank!

[1] Anhänger der Gruppe der Gerer Chassidim, eine der größten chassidischen Gruppen überhaupt und die größte und politisch einflußreichste in Israel..Der Name „Ger“, auf hebräisch „Gur“, kommt vom Namen der polnischen Stadt Gora Kalwaria, 25 km von Warschau, von wo die Gruppe ursprünglich stammt.
[Zurück zum Text (1)].

[2] Der damalige Anführer der chassidischen Gruppe Rabbi Simcha Bunem Alter, gest. 1992.
[Zurück zum Text (2)].

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Bild der Woche – Jitzchak-Rabin-Platz

In Padua findet sich, gleich neben dem Hauptplatz, der „Friedensplatz Jitzchak Rabin“. Jitzchak Rabin wäre am 01. März 88 Jahr alt geworden. Da vorige Woche Purim war, haben wir uns…

In Padua findet sich, gleich neben dem Hauptplatz, der „Friedensplatz Jitzchak Rabin“. Jitzchak Rabin wäre am 01. März 88 Jahr alt geworden. Da vorige Woche Purim war, haben wir uns entschlossen, dieses Bild erst heute zu zeigen.

Schild 'piazza della pace ytzhak rabin'

Blick auf das Straßenschild ‚piazza della pace ytzhak rabin‘ in Padua
(kleines Bild: Blick vom Hauptplatz auf den Rabinplatz)

Jitzchak Rabin erhielt, zusammen mit Schimon Peres und Jassir Arafat, 1994 den Friedensnobelpreis. Am 04. November 1995 nahm Ministerpräsident Rabin an einer großen Friedenskundgebung am „Platz der Könige Israels“ in Tel Aviv teil, jenem Platz, der heute „Rabin-Platz“ heißt. Kurz vor seiner Ermordung hielt er noch eine bewegende Rede:

Ich möchte gerne jedem einzelnen von Euch danken, der heute hierher gekommen ist, um für Frieden zu demonstrieren und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe, vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. … Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.

Vielen Dank für das Foto an Hanna Feingold, IKG-Salzburg!



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Bild der Woche – Am Israel Chai

Von Tel Aviv ausgehend hat ein Graffito das Land erobert – das Sujet ist klassisch: „Am Israel Chai“ – wörtlich: „Das Volk Israel lebt“. Ein Exemplar nahe dem „Public Beach“…

Von Tel Aviv ausgehend hat ein Graffito das Land erobert – das Sujet ist klassisch:
„Am Israel Chai“ – wörtlich: „Das Volk Israel lebt“.

Graffito 'Am Israel Chai'

Ein Exemplar nahe dem „Public Beach“ von En Gedi (Totes Meer), aufgenommen im August 2009

Die dazugehörige „urbane Legende“ und Beispiele für (ebenso kreative wie kritische) Abwandlungen des Motivs finden sich hier.


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Amos Oz – ein Mattersburger?

Vorab gesagt: Die jüdischen Gemeinden des Burgenlands waren mit Prominenz im üblichen Sinne nur spärlich bestückt. Es gilt der Grundsatz Nikolaus Vielmettis, dass die Prominenten, die in alten Zeiten aus…

Vorab gesagt: Die jüdischen Gemeinden des Burgenlands waren mit Prominenz im üblichen Sinne nur spärlich bestückt. Es gilt der Grundsatz Nikolaus Vielmettis,

dass die Prominenten, die in alten Zeiten aus der [Juden-]›Gasse‹ hervorgegangen waren, dem Gelehrten- und Rabbinerstand angehörten und daher außerhalb des Judentums kaum größere Bekanntheit zu erlangen pflegten.

Ausnahmen à la Joseph Joachim bestätigen die Regel.

Die vergleichsweise kurze Liste nicht-rabbinischer Prominenz muss nun allerdings unerwartet ergänzt werden, denn: kein Geringer als Amos Oz, vielübersetzter und -bepreister israelischer Autor, reklamiert für seine Familie „burgendländische“ Ahnen!

Eine erste Bemerkung in diese Richtung fand sich in Oz‘ „Geschichte von Liebe und Finsternis“ (Frankfurt a. M. 2006, 69; danke für den Hinweis auf diese Stelle an Freundin Laurette „שלוש“ B.!):

Die Klausners [Oz‘ Geburtsname ist Amos Klausner; Anm. d. Verf.] stammten aus Odessa, zuvor aus Litauen, und noch früher wohl aus Mattersdorf, dem heutigen Mattersburg im Osten Österreichs, nahe der ungarischen Grenze.

Dass diese (Roman-)Notiz tatsächlich als autobiographische Mitteilung gelesen werden darf, belegt ein Interview aus den 1980ern, in dem Oz ausführlich über die europäischen Wurzeln seiner Familie berichtet (meine Übersetzung):

Ich wurde ursprünglich als Amos Klausner geboren. Ich änderte meinen Namen, als ich 15 war und gegen die Welt meines Vaters rebellierte. Der väterliche Teil meiner Familie jedenfalls stammt aus einem kleinen, nicht sehr kleinen Ort in Österreich. Mein Vater hat den Ursprung der Familie auf einen Rabbiner des 15. Jahrhunderts zurückgeführt, der in Mattersdorf, Österreich, das jetzt Mattersberg [sic!] heißt, lebte. Dieser Rabbiner, Abraham Klausner mit Namen, schrieb ein Buch, das einen sehr genauen Verhaltenskodex im täglichen Leben vertrat. (…) Vermutlich erlangte er eine Stellung als Rabbiner in Wien.

Ein Nachkomme Abraham Klausners sei später nach Litauen übersiedelt: Die Familie, so Oz weiter, lebte zunächst im litauischen Olkeniki (Valkininkai), zog später nach Odessa, schließlich nach Vilnius, von wo aus ein Teil der Familie nach Palästina emigrierte.

Besagter Abraham Klausner ist nun tatsächlich kein Unbekannter: Klausner (so weiß Shlomo Spitzer: Bne Chet. Die österreichischen Juden im Mittelalter. Wien u.a. 1997, 167, 170f.), gestorben 1408, wirkte als Rabbiner in Wien und verfasste eine (wohl von Oz angesprochene) „Sammlung von jüdischen Bräuchen“, Minhage Maharak (bekannt auch als Sefer HaMinhagim, „Buch der Brauchtümer“), die überdies „das erste von Juden in Österreich verfasste literarische Werk“ darstellt.

Soweit also stimmen die historischen Belege zur Oz’schen Familientradition. Nicht belegen allerdings können wir aus den uns verfügbaren (und für das mittelalterliche Mattersdorf im Ganzen raren) Quellen eine biographische Verbindung Klausners zu Mattersdorf. Hier müssen wir (vorerst?) mit Shlomo Spitzer (a.a.O.) sagen:

Über R. Abrahams Abstammung wissen wir so gut wie nichts …

Die Klausner’sche/Oz’sche Familientradition (über deren Quellen wir nur spekulieren können) hat diesbezüglich ihre eigene Antwort. Zur Aufnahme in die Reihe der burgenländisch-jüdischen Prominenten sollte das allemal reichen – und Mattersburg könnte sich ja zukünftig vielleicht mit einer „Amos-Oz-Straße“ schmücken …


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – neben der Oz-Lektüre natürlich – das hervorragende ZDF-/arte-Porträt „Amos Oz. Die Natur der Träume“ (auf YouTube, 8 Teile).


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Mattersburg war ein kleiner Ort …

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war…

… der Alltag hat darin bestanden, dass man in der Früh und am Abend in den Tempel beten gegangen ist. In der Zwischenzeit hat man studiert und gelernt; das war alles.

Josef Weiszberger, 1917 in Mattersdorf, dem späteren Mattersburg, geboren, später in Richtung Tel Aviv emigriert (nachzulesen in der von Alfred Lang u.a. herausgegebenen Interviewsammlung „Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen“, Wien 2004)

Das Ende des jüdischen Mattersburg, vielgerühmt ob der Frömmigkeit seiner Bewohner, kam mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1938, die Mattersburger Juden vertauschten ihren frommen „Alltag“ zwangsweise mit Gefangenschaft oder Emigration.

Mit dem Ende der Geschichte des burgenländischen Mattersburg beginnt die Geschichte eines jüdischen Exil-Mattersburg – Neugründung inklusive! Die Errichtung dieses „neuen“ jüdischen Mattersburg – nun fern des Wulkatals – ist eines der großen Kuriosa in der Geschichte der burgenländischen „Siebengemeinden“: Samuel Ehrenfeld, letzter Mattersburger Gemeinderabbiner, gründete zunächst im New Yorker Exil eine Mattersdorf-Gemeinde, später folgte der Aufbau eines Kirjat Mattersdorf (קריה Kirja = hebr. „Stadt“, „Vorort“) in Jerusalem.
(Kompakt nachzulesen ist die Geschichte von Mattersburg/Mattersdorf in den Texten der VHS-Ausstellung „Zerstörte Jüdische Gemeinden im Burgenland“.)

  • Ortschild in Hebräisch, Arabisch und Englisch 'Mattersdorf', Auto und Radfahrer
  • Schabbattor in Kirjat Mattersdorf
  • Gittertor und Wegweiser zum religiösen Zentrum von Kirjat Mattersdorf


Von dieser Fortsetzung des burgendländisch-jüdischen Lebens können sich Israel-Besucher, bis heute, selbst ein Bild machen – wenige hundert Meter nördlich von Jerusalems reger Jaffa Road beginnt mit Kirjat Mattersdorf eine touristen-, nicht aber burgenlandfreie Zone …


Übrigens: Eine Spur des Namenswechsels Mattersdorf/Mattersburg findet sich auch in unserem aktuellen Bild der Woche, eine Ansicht der Namen der burgenländischen Gemeinden in Yad Vashems „Tal der Gemeinden“:
In lateinischen Buchstaben lesen wir „Mattersburg„, im Hebräischen „Mattersdorf„. Die Gestalter wählten in der lateinischen Variante das ab 1924 offizielle Mattersburg, im Hebräischen das ursprüngliche und innerjüdisch weiterhin gebräuchliche Mattersdorf (ähnlich liegt der Fall bei Deutschkreutz/Zelem).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir Wolfgang Weisgrams STANDARD-Artikel zu Geschichte und Gegenwart von Mattersburg/Mattersdorf sowie zum diesjährigen Österreich-Besuch des Mattersdorfer Oberrabbiners …


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Bild der Woche – Yad Vashem

Im „Tal der Gemeinden“, Teil der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, finden sich die Namen tausender zerstörter jüdischer Gemeinden in Stein geschrieben. Die Namen der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlands…

Im „Tal der Gemeinden“, Teil der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, finden sich die Namen tausender zerstörter jüdischer Gemeinden in Stein geschrieben.

Burgenländische Gemeinden in Yad Vashem

Die Namen der ehemaligen jüdischen Gemeinden des Burgenlands sind in geographischer Ordnung (von Norden nach Süden) gereiht.


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6 Kommentare zu Bild der Woche – Yad Vashem

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