Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: jüdisch-christlich

Hehre Ziele, steinige Wege?

Christlich-katholische Perspektiven auf die Begegnung von Juden, Christen & Muslimen Ein Beitrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” Vorbemerkung: Folgender Beitrag bietet eine Sammlung ausgewählter christlich-katholischer…

Christlich-katholische Perspektiven auf die Begegnung von Juden, Christen & Muslimen

Ein Beitrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott”


Vorbemerkung: Folgender Beitrag bietet eine Sammlung ausgewählter christlich-katholischer Perspektiven auf die Beziehung & Begegnung von Juden, Christen und Muslimen – auf Basis offizieller kirchlicher Positionsbestimmungen sowie theologischer Vorüberlegungen sollen christliches Selbstverständnis und -positionierung v.a. in der Begegnung mit Judentum und Islam überblicksmäßig und annäherungsweise bestimmt und einige “dialogische” Grundlinien gezogen werden.


Selbstverständnis & Ziele: Theologische & lehramtliche Grundlagen

  • Das Selbstverständnis des Christentums in der Begegnung mit anderen Religionen ist, vor allen Ansprüchen an den religiös Anderen, geprägt von einer fundamentalen Selbstverpflichtung: An sich selbst adressiert das Christentum einen (keineswegs mit missionarischen Bemühungen gleichzusetzenden) Imperativ der Dialogizität und des brüderlichen Umgangs –

    Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt

    1 Petrus 3,15; vgl. auch Unsere Hoffnung. OG I. S. 85; Nostra Aetate 1, 2, 5.

  • Bei allen (nicht zu überspielenden) theologischen Differenzen und angesichts einer (nicht zu verharmlosenden) beträchtlichen Konflikt-Geschichte & -Gegenwart weiß sich das Christentum mit Judentum und Islam doch verbunden im monotheistischen Fundamentalbekenntnis:

    Der ‘Gott unserer Hoffnung’ (vgl. Röm 15,13) ist ‘der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs’ (Ex 3,6; Mt 22,32), ‘der Himmel und Erde
    geschaffen hat’ (Ps 121,2) und den wir mit dem jüdischen Volk und auch mit der Religion des Islam öffentlich bekennen …

    Unsere Hoffnung. OG I. S. 87.

  • Mit erklärter “Hochachtung” begegnet das katholische Christentum dem Islam, um – mit nüchternem Blick für christlich-islamische Gemeinsamkeiten wie (z.B. christologische) Differenzen – die konfliktträchtige Beziehungsgeschichte der beiden Religionen umzuwenden in eine von Verständigung und gemeinsamem Engagement geprägte Gegenwart und Zukunft, d.i.

    sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen

    Zweites Vatikanisches Konzil: Nostra Aetate 3.

  • Mit dem Judentum weiß sich das Christentum wurzelhaft verbunden (“genährt … von der Wurzel des guten Ölbaums”; vgl. Röm 11, 17-24), versteht beide Religionen als Träger eines “gemeinsame[n] geistliche[n] Erbe[s]” und bekennt sich, in Distanzierung von antijudaistischen Traditionslinien und die entsprechende christliche Schuld-Geschichte vor Augen, zur Förderung der “gegenseitige[n] Kenntnis und Achtung” (Nostra Aetate 4). Die einzigartige Rückbindung christlicher Identität an das Judentum verbindet sich in christlich-katholischer Auffassung mit dem Anspruch der Verständigung und des geschwisterlichen Umgangs:

    Christen und Juden haben großenteils ein gemeinsames geistliches Erbe, sie beten zum selben Herrn, haben die gleichen Wurzeln, kennen sich aber oft gegenseitig viel zu wenig. Es liegt also an uns, als Antwort auf den Ruf Gottes dafür zu arbeiten, dass der Raum des Dialogs, des gegenseitigen Respekts, des Wachsens in der Freundschaft, des gemeinsamen Zeugnisses angesichts der Herausforderungen unserer Zeit immer offen bleibt; sie fordern uns dazu auf, für das Wohl der Menschheit zusammenzuarbeiten …

    Benedikt XVI., Ansprache in der römischen Synagoge 2010, 9.


Der Weg: Dialogische Grundhaltung

  • Den Weg zu diesen anspruchsvollen Zielen eröffnet eine dialogische Grundhaltung, d.i. die basale Bereitschaft, “dem anderen zuzuhören und seine Religion zu verstehen – in der Hoffnung, Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu finden“; vorurteilsfreies “Hören” des religiös Anderen & “authentisch”-“aktives Sich-Einbringen” sind die wechselseitig vorauszusetzenden Grund-Bereitschaften für fruchtbare dialogische Begegnungen (Francis Arinze, ehemaliger Präsident des Päpstliches Rats für den Interreligiösen Dialog; Arinze 1999. S. 10, 37).
  • Damit sind mittelbar auch die Außengrenzen des dialogischen Geschehens markiert:
    Vom distanzierten religionswissenschaftlichen Vergleich unterscheidet die dialogische Begegnung das explizite subjektiv-religiöse Engagement der Beteiligten, von der Bekehrungspredigt der Ausfall jeder (auch unterschwelligen) missionarischen Intention, von der theologischen Debatte der Verzicht darauf, die eigene (religiöse) Überzeugung als “richtige” auf Kosten der “falschen” Überzeugungen der Anderen etablieren zu wollen (Arinze 1999. S. 9f.).
    Gleichfalls kann sich echt dialogisches Bewusstsein nicht an einem pseudo-dialogischen und im schlechtesten Fall tendenziösen “Reden-über” (den religiös Anderen) genügen lassen, sondern wird eine fortgesetzte Offenheit für Selbstverständnis(se) und -darstellung(en) der religiös Anderen zu bewahren suchen, jenseits eingeschliffener Stereotype und eines pauschal-starren “Bescheid-Wissens”.
  • Freilich: Ein solcher Dialog meint nicht “Verzicht auf Wahrheit” oder Marginalisierung des eigenen religiösen Selbstverständnisses um einer erkünstelten Harmonie willen, sondern ist differenz-bewusste Begegnung, in der das bleibende Anders-Sein des religiös Anderen respektiert wird und in der auf das Zugeständnis des bleibenden religiösen Eigen-Seins vonseiten der Dialogpartner gerechnet wird – und die zugleich getragen ist von der

    Ehrfurcht vor dem Glauben des anderen und d[er] Bereitschaft, in dem, was mir als das Fremde begegnet, Wahrheit zu suchen, die mich angeht und die mich korrigieren, mich weiterführen kann

    Ratzinger 1998. S. 117f.; vgl. auch Arinze 1999. S. 37ff.

  • Dialogisches Geschehen wird sich, schon um dem Gegenstand des dialogischen Interesses annäherungsweise adäquat zu sein, so wenig eindimensional und uniform präsentieren (dürfen) wie die Religionen selbst – soll heißen: Intellektuelle Auseinandersetzung ersetzt nicht lebenspraktische Beziehungen, akademischer Austausch nicht religiöse Erfahrungen oder gemeinsames Engagement etc. (vgl. Arinze 1999. S. 11-14).
  • Noch eins: Dialog ist lebendige Begegnung – und entsprechend gefährdet, durch religiöse Profilierungssucht nicht weniger als durch chronisches wechselseitiges Schulterklopfen.


Literatur

  • Benedikt XVI.: Ansprache aus Anlass des Besuches der Synagoge zu Rom (17. Januar 2010).
    Online: http://ojm.at/benediktxvi
  • Francis Arinze: Begegnung mit Menschen anderen Glaubens. Den interreligiösen Dialog verstehen und gestalten. München u.a.: Neue Stadt 1999.
  • Joseph Kardinal Ratzinger: Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund. Hagen: Urfeld 1998.
  • NOSTRA AETATE. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen.
    Online: http://ojm.at/nostraaetate
  • UNSERE HOFFNUNG. Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland.
    Online: http://ojm.at/unserehoffnung (PDF!)

Christopher ist u.a. katholischer Theologe & seit 2004 im jüdischen Museum – und bloggt hier …

Dieser Beitrag ist Teil einer Blog-Mini-Serie, die unsere aktuelle Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” begleiten und ergänzen soll: Jüdische, christliche und muslimischen Autoren wurden gebeten, “eine Handreichung für interreligiöse Begegnungen aus jüdischer/christlicher/muslimischer Perspektive” anzufertigen, die, “quasi als interreligiöser Survival Kit, (…) Orientierung in der interreligiösen Begegnung verbessern und Unsicherheiten mindern” kann.

Bereits erschienen sind der “Islam-Knigge” von Hussein Hamdan sowie “Schwierige Freundschaft” von Chajm Guski, weitere Beiträge folgen in den kommenden Wochen.


14 Kommentare zu Hehre Ziele, steinige Wege?

Bild der Woche – Religion vor Ort

Am Donnerstag besuchten wir im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” die Synagoge in der Seitenstettengasse in Wien, den sogenannten “Wiener Stadttempel”. Dass uns Oberrabbiner Paul Chaim…

Am Donnerstag besuchten wir im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” die Synagoge in der Seitenstettengasse in Wien, den sogenannten “Wiener Stadttempel”.

Dass uns Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg persönlich durch “seine Synagoge” führte, war für uns alle eine ganz besondere Ehre!

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg im 'Wiener Stadttempel'

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg im ‘Wiener Stadttempel’

Siehe unseren Beitrag “Religion vor Ort – Nachlese”.



Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


Keine Kommentare zu Bild der Woche – Religion vor Ort

Religion vor Ort – Nachlese

Museum “on tour” – das erste Mal für ein Museum wie unseres, das ein wenig abseits der Großstadt liegt, in einem Bundesland, in dem es so gut wie keine Juden…

Museum “on tour” – das erste Mal für ein Museum wie unseres, das ein wenig abseits der Großstadt liegt, in einem Bundesland, in dem es so gut wie keine Juden mehr gibt, in einer Stadt, die keine muslimische Infrastruktur hat.

Am Donnerstag fand im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” der 2. Teil “Religion vor Ort” statt, die Exkursion nach Wien, zu Orten gelebter Religiosität, in den Stadttempel, die Ruprechtskirche und die Moschee des Islamischen Zentrums.

Da wir als jüdisches Museum die religiöse “Blütenlese” naturgemäß von der jüdischen Tradition und von jüdischem Boden ausgehend betrachten wollen, lag es nahe, auch als erste Station in Wien den Stadttempel zu wählen, die Synagoge in der Seitenstettengasse.

Der “Chef” persönlich, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, führte uns durch “seine” Synagoge, wobei er besonders auch auf die zur Bauzeit (1825/26) geltende Vorschrift, nichtkatholische Gotteshäuser verborgen zu bauen, einging. Nach der Führung ließ er genügend Raum für Fragen der über 40 ExkursionsteilnehmerInnen aus Eisenstadt, Niederösterreich und Wien (Umgebung). Wenn das Programm an diesem Nachmittag – ganz bewusst – nicht so dicht gedrängt gewesen wäre, hätten wohl alle noch lange in der Synagoge verweilen wollen, manche der Fragen wären abendfüllend gewesen ;). Am Schluss wies der Oberrabbiner noch auf die in der unmittelbaren Nachbarschaft gelegene Ruprechtskirche hin, der die Synagoge auch “verdankt”, in der sogenannten Reichskristallnacht nicht in Brand gesetzt worden zu sein – um die Kirche nicht zu gefährden …

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg

Sr. Mag.a Ruth Pucher MSC führt uns in der Ruprechtskirche

In der ältesten Kirche Wiens erwartete uns Sr. Mag.a Ruth Pucher MSC, die nicht nur auf anschauliche Weise (mit farbigen Bauklötzchen!) die Bauchgeschichte der Kirche skizzierte und uns im beeindruckenden Innenraum der kleinen Kirche führte, sondern auch grundsätzliche theologische Themenstellungen der christlichen Religion – aus katholischer Perspektive – ansprach. Sr. Pucher wies ebenfalls auf die nachbarliche Synagoge hin und darauf, dass sich die Kirchengemeinde ihrer Nähe zur Synagoge auf der einen Seite und der Nähe zum ehemaligen Hauptquartier der Gestapo auf der anderen Seite sehr bewusst ist und daran in einer jährlichen Gedenkfeier immer wieder erinnert. Aber auch drei der modernen Glasfenster von St. Ruprecht rufen eindrucksvoll zur Besinnung auf die jüdischen Wurzeln des Christentums auf.

Mit dem Bus ging es anschließend aus dem Stadtzentrum Wiens hinaus zum Islamischen Zentrum, wo uns Mag. Aiman Morad ebenfalls sehr freundlich empfing. Nach der Führung durch die beeindruckende große Moschee hatten wir die Möglichkeit zum Gespräch mit Herrn Morad in der schönen Bibliothek des Zentrums. Dabei gab er uns eine kurze Einführung in den Islam und beantwortete dann offen und geduldig alle Fragen. Die Themen reichten von der Rolle der biblischen Propheten im Islam, dem muslimischen Verständnis des Eingottglaubens und den fünf Säulen des Islam bis hin zu tagesaktuellen und sehr praktischen Problemen und Fragestellungen. Ein nicht eingeplanter kleiner Höhepunkt für uns alle war sicher der gegen Schluss auf einmal zu hörende und mit einer ausgesprochen schönen Stimme ausgeführte Ruf zum Gebet …

Wir haben in nicht einmal 4 Stunden (exklusive Hin- und Rückfahrt Eisenstadt) unmittelbar hintereinander 3 Gotteshäuser der drei monotheistischen Religionen erlebt, die Eindrücke waren viele und tief.

Ganz herzlichen Dank noch einmal von hier aus an alle Referenten/Referentinnen für die freundliche Aufnahme und danke an alle TeilnehmerInnen, die unser Angebot angenommen und den intensiven Nachmittag so geduldig mitgemacht und mitgestaltet haben.

Vor der Heimfahrt nach Eisenstadt baten wir zwei TeilnehmerInnen noch um ein kurzes Interview (Stegreif):

Wir bitten um Entschuldigung für die anfangs schlechte Tonqualität des Videos. Nach vielen Tagen Dauerregen hatten wir den ganzen Nachmittag Glück mit dem Wetter, just beim Interview setzte dann aber leider doch starker Wind und Regen ein.


Elisabeth Penzias, Wien, und Mag. Bernhard Dobrowsky, Eisenstadt


Nächste Veranstaltung im Rahmen der Reihe “Schalom – Salam – Grüß Gott”: Eisenstadt x 3 – Ein interreligiöser Stadtspaziergang, am 29. August:

Ein Rundgang auf den Spuren religiöser Vielfalt in Eisenstadt – mit Besuch des Martinsdoms und der evangelischen Auferstehungskirche sowie einem Spaziergang durch das ehemalige jüdische Viertel samt Friedhof und Synagoge.
Was: Stadtrundgang mit Besichtigungen
Wann: Sonntag, 29. August 2010, 15.30 Uhr
Wo: Eisenstadt
Führung & Eintritte frei, Anmeldung erbeten, aber nicht notwendig
In Bälde hier mehr Informationen!


Mehr Informationen finden Sie auf der Überblicksseite der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott“.

Anmeldungen:


2 Kommentare zu Religion vor Ort – Nachlese

Die 10 Gebote II

Über die Schwierigkeit, bis 10 zu zählen Judentum und Christentum sind, wie im ersten Teil dieses Beitrags erläutert, uneins in der Zählung der 10 Gebote. In der bildlichen Darstellung der…

Über die Schwierigkeit, bis 10 zu zählen

Judentum und Christentum sind, wie im ersten Teil dieses Beitrags erläutert, uneins in der Zählung der 10 Gebote.

In der bildlichen Darstellung der Gebotstafeln setzt sich die jüdisch-christliche Differenz im Umgang mit dem Zehnwort fort: Während in jüdischer Darstellung die Gebote 1 bis 5 auf der ersten Tafel, die Gebote 6 bis 10 auf der zweiten Tafel zu stehen kommen, finden sich in christlicher bzw. katholischer und lutherischer Darstellung auf der ersten Tafel die Gebote 1 bis 3 (nach jüdischer Zählung sind dies die Gebote 2 bis 4, also: Fremdgötter-/Bilderverbot, Verbot des Missbrauchs des göttlichen Namens und Schabbatgebot), auf der zweiten Tafel die Gebote 4 bis 10 (nach jüdischer Zählung: 5 bis 10; vgl. Köckert 2007. S. 26-35).

Darstellung der 10 Gebote auf den 2 Gesetzestafeln auf einem Toraschild der Wertheimersynagoge


Verblüffenderweise nun nehmen Juden und Christen für diese ungleiche Praxis ein gerade übereinstimmendes Erklärungsmuster in Anspruch:

“[N]ach allgemeine[r] Auffassung”, so erläutert Schalom Ben-Chorin im Blick auf die jüdische Anordnung der Gebote, “[regeln] die ersten fünf Gebote die Beziehung des Menschen zu Gott (…)”, die Gebote 6 bis 10 betreffen “die Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Nebenmenschen” (Die Tafeln des Bundes. Tübingen: Mohr 1979. S. 34). Das Christentum weist ganz analog die Gebote der ersten Tafel, d.h. die Gebote 1 bis 3 nach katholischer bzw. lutherischer Zählung, dem “Verhältnis zu Gott” zu, die Gebote der zweiten Tafel dem “Verhältnis zum Mitmenschen” (so der christliche Theologe H. G. Pöhlmann: Pöhlmann/Stern 2000. S. 19).

Diese Bestimmung der Gebote der ersten Tafel als das Verhältnis von Mensch und Gott betreffend ist unmittelbar einsichtig für die Gebote 2 bis 4 der jüdischen bzw. 1 bis 3 der christlichen (katholischen und lutherischen) Zählung, also für das Fremdgötter- und Bilderverbot, das Verbot des Missbrauchs des göttlichen Namens und das Schabbatgebot, die von jüdischer und christlicher Seite übereinstimmend auf der ersten Tafel gelistet werden, außerdem auch für die Selbstvorstellung Gottes, also das erste Gebot nach jüdischer Zählung (das in der katholischen und lutherischen Zählung ausfällt).

Erklärungsbedürftig ist allenfalls, warum nach jüdischer Anordnung auch noch das Gebot der Eltern-Ehrung auf der ersten Tafel zu stehen kommt, wogegen es nach katholischer und lutherischer Anordnung auf die zweite Tafel verwiesen wird. “Für uns Juden”, so erklärt Rabbiner Marc Stern, “ist das Elterngebot ein Gebot, das sich auf Gott bezieht, denn Gott ist bei der Zeugung eines Kindes dabei, und wenn ein Kind geboren wird, ist er der dritte Partner neben Vater und Mutter” (Pöhlmann/Stern 2000. S. 19); Schalom Ben-Chorin ergänzt: Die Eltern stünden für das unmündige Kind “an Stelle Gottes”, freilich: nur sofern sie dem Kind tatsächlich „Gottes Wort und Wille (…) vermitteln“ (Ben-Chorin 1979. S. 97ff.) – entsprechend eben kommt das Gebot der Eltern-Ehrung, als fünftes Gebot nach der Selbstvorstellung Gottes, dem Fremdgötter-/Bilderverbot, dem Missbrauchsverbot und dem Schabbatgebot, auf der ersten Tafel zu stehen, die der Gottesbeziehung gewidmet ist. Christlicherseits wird dagegen das Gebot der Eltern-Ehrung dem zwischenmenschlichen Bereich zugerechnet (vgl. Pöhlmann/Stern 2000. S. 19) – und hat seinen Ort entsprechend auf der zweiten Gebotstafel, wogegen sich die erste Tafel eben auf die drei Gebote der Gottesbeziehung: Fremdgötter-/Bilderverbot, Missbrauchsverbot und Schabbatgebot, beschränkt.

Kurz also: 5 + 5 = 10 = 3 + 7.

In der vergangenen Woche, am 19./20. Mai bzw. am 6./7. Siwan, wurde Schawuot, das Wochenfest, gefeiert, das u.a. die Gabe des Zehnworts bzw. der Tora an das Volk Israel zum Inhalt hat. Als (verspätete)Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir schawuot-typischen Topfenkuchen …;)


Keine Kommentare zu Die 10 Gebote II

Die 10 Gebote I

Über die Schwierigkeit, bis 10 zu zählen 5 + 5 = 10 = 3 + 7 – was hier als mathematische Gleichung daherkommt, ist tatsächlich die Kurzfassung einer religiösen Meinungsverschiedenheit,…

Über die Schwierigkeit, bis 10 zu zählen

5 + 5 = 10 = 3 + 7 – was hier als mathematische Gleichung daherkommt, ist tatsächlich die Kurzfassung einer religiösen Meinungsverschiedenheit, auf die uns aufmerksame Museums- bzw. Synagogenbesucher regelmäßig hinweisen: Judentum und Christentum sind uneins in der Anordnung der Zehn Gebote, hebräisch “Aseret ha-Diwrot”, “die zehn Worte”, die nach biblischer Auskunft Israel am Sinai auf zwei Tafeln übergeben wurden (und die übrigens in der Tora zweifach überliefert sind: in 2. Mose 20 sowie in 5. Mose 5). Während sich nämlich das Zehnwort in jüdischen Darstellungen, z.B. auf dem Toraschrein unserer Synagoge, gleichmäßig auf die beiden Gebotstafeln verteilt: 5 Gebote auf der ersten, 5 Gebote auf der zweiten Tafel, listen christliche (bzw. genauer: katholische und lutherische) Darstellungen auf der ersten Tafel 3, auf der zweiten 7 Gebote.

  • Gebotstafeln - christliche (katholische) Anordnung; Hochaltar der Malteserkirche, Wien (Detail)
  • Gebotstafeln - jüdische Anordnung; Toraschrein der Wertheimersynagoge, Eisenstadt (Detail)


Um diese Differenz in der Gebotsverteilung aufzuklären, müssen wir uns in einem ersten Schritt der einigermaßen verwickelten Frage der Gebotszählung zuwenden.

Hier zunächst der Text des Zehnworts samt der jüdischerseits üblichen Gebotszählung:

[1. Gebot:] Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.

[2. Gebot:] Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.
Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.

[3. Gebot:] Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.

[4. Gebot:] Gedenke des Sabbats, dass du ihn heiligst! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt.

[5. Gebot:] Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

[6. Gebot:] Du sollst nicht töten.

[7. Gebot:] Du sollst nicht die Ehe brechen.

[8. Gebot:] Du sollst nicht stehlen.

[9. Gebot:] Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

[10. Gebot:] Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

2. Mose 20, 2-17 (der Text folgt, mit einigen an Rabbiner Marc Stern orientierten Abweichungen, der Einheitsübersetzung; nach Marc Stern wurde auch die Gebotszählung ergänzt: Horst Georg Pöhlmann/Marc Stern: Die Zehn Gebote im jüdisch-christlichen Dialog. Frankfurt a.M.: Otto Lembeck 2000. S. 18f.)

Das Christentum nun hat, zusammen mit der gesamten hebräischen Bibel, auch das Zehnwort übernommen, geht allerdings, was die Gliederung anlangt, eigene Wege – wobei inner-christlich wiederum konfessionelle Differenzen in der Zählung der Gebote auftreten.

Man kann eben auf sehr verschiedene Weise bis zehn zählen,

erklärt lapidar der Berliner Alttestamentler Matthias Köckert – und unterscheidet im Ganzen drei Grundtypen der Gebotszählung:

Man reduziert am Anfang, indem man (a) entweder Fremdgötter- und Bilderverbot zusammenzieht oder (b) die Selbstvorstellung Gottes als Präambel aus der Zählung herausnimmt oder (c) das Bilderverbot als bereits im Fremdgötterverbot enthalten streicht. Je nachdem muss man am Ende die Verbote des Begehrens in ein einziges zusammenziehen oder auf zwei verteilen

Die Zehn Gebote. München: C.H. Beck 2007. S. 27f.

Heißt vereinfacht gesagt: Wer am Anfang einspart, hat zum Ende hin noch Reserven.

Diesem Prinzip folgen sowohl der Katholizismus wie die lutherischen Kirchen, wenn sie die Selbstvorstellung Gottes als 1. Gebot eliminieren, womit das Fremdgötter- und Bilderverbot an die erste Stelle aufrückt (bei Luther: nur das Fremdgötterverbot); diese Einsparung erlaubt es, an späterer Stelle ein weiteres Gebot einzuführen, das durch Aufspaltung des 10. Gebots (nach jüdischer Zählung) gewonnen wird: Das Verlangen “nach der Frau deines Nächsten” wird nach katholischer und lutherischer Zählung im 9. Gebot verhandelt, das Verlangen nach dessen Besitz im 10. Anders wiederum verfahren die reformierten und orthodoxen Kirchen, die nämlich das 2. Gebot der jüdischen Zählung aufspalten und das Fremdgötterverbot als 1. Gebot, das Bilderverbot als 2. Gebot auffassen, im Weiteren aber der jüdischen Zählung folgen (vgl. eben Köckert 2007. S. 28-35).

Wie sich die jüdisch-christliche Differenz im Umgang mit dem Zehnwort in der bildlichen Darstellung der Gebotstafeln fortsetzt, lesen Sie im – nach Schawuot erscheinenden – zweiten Teil dieses Beitrags.

Am 19./20. Mai bzw. am 6./7. Siwan wird Schawuot, das Wochenfest, gefeiert, das u.a. die Gabe des Zehnworts bzw. der Tora an das Volk Israel zum Inhalt hat. Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir die Einführung zu Schawuot von Michael Rosenkranz.


8 Kommentare zu Die 10 Gebote I

Religion vor Ort

Eine Exkursion in den Wiener Stadttempel, die Ruprechtskirche und die Moschee des Islamischen Zentrums Im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich…

Eine Exkursion in den Wiener Stadttempel, die Ruprechtskirche und die Moschee des Islamischen Zentrums

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott”

Das Österreichische Jüdische Museum lädt herzlich ein zum zweiten Teil der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott”:

Religion vor Ort: Zu Gast im Wiener Stadttempel, in der Ruprechtskirche und im Islamischen Zentrum

Wann: Donnerstag, 03. Juni 2010
Wo: Wien
Es besteht die Möglichkeit zur gemeinsamen Bus-Anreise aus Eisenstadt – Abfahrt vor dem Österreichischen Jüdischen Museum, 12.45 Uhr.
Treffpunkt in Wien ist der Eingang zum Stadttempel (Seitenstettengasse 4, 1010 Wien), 13.50 Uhr.

3 Religionen, 3 Orte religiöser Praxis: Synagoge, Kirche und Moschee sind Orte gelebter jüdischer, christlicher und muslimischer Religiosität. Der zweite Teil der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” begibt sich auf die Spur von Eigenheiten und Ähnlichkeiten dieser religiösen Räume und lädt ein zu einer Begegnung mit Religion vor Ort:

Besucht werden der Wiener Stadttempel und seine ungleiche Nachbarin, die (wohl) älteste Kirche Wiens St. Ruprecht sowie die Moschee des Islamischen Zentrums in Wien-Floridsdorf.

Durch den Stadttempel führt Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, durch die Ruprechtskirche Mag.a Ruth Pucher MC (Kunsthistorikerin, Kirchenführerin und Gemeindemitglied von St. Ruprecht), durch die Moschee des Islamischen Zentrums Mag. Aiman Morad.


  • Wiener 'Stadttempel' in der Seitenstettengasse
  • Wiener 'Ruprechtskirche, Wien
  • Moschee des Islamischen Zentrums, Wien


Bitte beachten Sie:
Die maximale TeilnehmerInnen-Zahl (in Rücksicht auf die Sicherheitsbestimmungen im Stadttempel) von maximal 40 Personen ist fast erreicht. Nach jetzigem Stand ist nur mehr 1 Platz frei ist kein Platz mehr frei! (Update, 15h) Wir ersuchen Sie deshalb, sich möglichst schnell anzumelden.
Allerdings “wackeln” einige wenige Plätze, daher gibt es eine Warteliste. Wenn Sie Interesse haben an der Exkursion teilzunehmen, ersuchen wir um Anmeldung und verständigen Sie umgehendst bei Freiwerden eines Platzes (in der Reihenfolge der Anmeldungen).

Eine Anmeldung ist möglich:

Bitte beachten Sie weiters:
Der Unkostenbeitrag für Busfahrt (Eisenstadt – Wien – Eisenstadt) und Eintritte/Führungen beträgt Euro 9, für Eintritte/Führungen (exklusive Busfahrt) Euro 5.

Bitte Ausweis mitnehmen!

Weitere Informationen zum Programm der Veranstaltungsreihe “Schalom – Salam – Grüß Gott” finden Sie in unserem Übersichtsartikel.

1 Kommentar zu Religion vor Ort

Finde:

Generic selectors
Nur exakte Ergebnisse
Suche im Titel
Suche im Inhalt
Suche in Beiträgen
Suche in Seiten
rl_gallery
Filter nach Kategorien
Abbazia / Opatija
Cheder
Ebenfurth
Fiume / Rijeka
Friedhof Eisenstadt (älterer)
Friedhof Eisenstadt (jüngerer)
Friedhof Kobersdorf
Friedhof Mattersburg
Friedhof Triest
Friedhof Währing
Genealogie
Karmacs
Kunst und Kultur
Leben und Glaube
Mitbringsel / Souvenirs
Podcasts
Salischtschyky / Zalishchyky
Veranstaltungen
nach oben