Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: kobersdorf

Rabbiner Simon Goldberger

Ein tragisches „Follow-up“ zum Artikel über das Genisagrab in Kobersdorf Am 20. April 1938 wurden 13 Torarollen am jüdischen Friedhof von Kobersdorf begraben. An diesem 20. April wurde der Kobersdorfer…

Ein tragisches „Follow-up“ zum Artikel über das Genisagrab in Kobersdorf

Am 20. April 1938 wurden 13 Torarollen am jüdischen Friedhof von Kobersdorf begraben. An diesem 20. April wurde der Kobersdorfer Rabbiner Simon Goldberger mit seiner gesamten Familie von den Nazis verschleppt und schwerst misshandelt.

In einem Dokument im russischen Staatsarchiv (USHMMA RG 11.001M.25, reel 106 SAM 674-1-109, 55-65) finden wir einen sehr detaillierten Bericht über die schrecklichen Stunden der Familie Goldberger an der ungarischen Grenze:

In Kobersdorf (Burgenland) überfiel zur Mittagszeit eine Rotte jugendlicher SA-Leute den 30-jährigen Rabbiner des Ortes, einen mit gültigem ungarischen Pass versehenen ungarischen Staatsbürger, namens Goldberger, „beschlagnahmten“ zunächst sein ganzes Barvermögen und alles von seiner beweglichen Habe, was sich leicht und schnell verkaufen lässt, dann luden sie den Rabbiner, seine eben erst vom Wochenbett aufgestandene Gattin mit ihren drei Kindern im Alter von 3 Wochen, 1 1/2 und 3 Jahren, nebst den für die deutschen Plünderer nicht verwendbaren Möbelstücken auf ein Lastauto, fuhren mit ihrer Beute, den Menschen und dem Mobiliar bis an das nahe gelegene ungarische Grenzdorf Harka und warfen dort, etwa 300 Schritte von der ungarischen Zollwache entfernt, aber noch auf österreichischem Gebiete, während ein eisiger Schneesturm übers Land fege, auf die roheste Art Menschen und Möbel vom Auto auf die Straße herab. Der Rabbiner schleppte sich bis zum ungarischen Grenzhaus, um dort Beistand zu erbitten und dann die Grenze, wie er mit Sicherheit annahm, überschreiten zu können. Er hatte aber die Rechnung ohne die ungarische Regierung gemacht, die beinahe täglich neue Verordnungen erließ, um auch mit gültigen Pässen versehene Juden, die ungarische Staatsbürger sind, die Rückkehr ins Vaterland unmöglich zu machen. Der ungarische Grenzwächter erklärte also pflichtgemäß dem Rabbiner, jeder ungarische Jude, der sich aus Österreich nach Ungarn nicht etwa flüchten, – weshalb denn und vor wem? – sondern „begeben“ wolle, müsse außer seinem Pass noch einen vom ungarischen Konsulat in Wien ausgefertigten Erlaubnisschein zum Überschreiten der ungarischen Grenze haben.

Aber wie sollte, wie konnte sich der bereits an der Grenze stehende Mann, den die SA-Leute mit Gewalt an der Rückkehr nach Österreich hinderten, im Handumdrehen einen solchen Passierschein aus Wien verschaffen? So suchte denn Goldberger, um wenigstens sich und die Seinigen vor der Kälte und dem heulenden Schneesturm zu schützen, Zuflucht in einer unweit dem ungarischen Zollhaus gelegenen Winzerhütte, die anstatt einer Türe nur eine Öffnung im Gebälk hatte. Unter seiner Habe befand sich noch ein Leintuch, mit dem er den Lehmboden bedeckte, damit die Kinder wenigstens nicht auf dem eiskalten Boden liegen mussten. Denn inzwischen war es Abend geworden und er gedachte, die Nacht mit den Seinen in dem noch auf österreichischem Boden befindlichen Winzerhäuschen zu verbringen.

Nichts ist bekanntlich schneller als die Fama, und so wusste man denn in der nahen Grenzstadt Sopron (Oedenburg) sehr bald von den Geschehnissen beim Grenzhaus von Harka. Mildtätige Menschen schickten sofort ein Auto mit Lebensmitteln und Kissen nach Harka, das vor dem Winzerhäuschen, wenige Schritte hinter dem ungarischen Zollhaus, aber doch schon – das muss immer betont werden – auf österreichischem Gebiet Halt machen wollte; augenblicks wurde es unter gröbstem Fluchen und Schimpfen von den deutschen SA-Männern wieder über die Grenze gejagt. Dann betraten drei mit Gewehren bewaffnete SA-Leute die Hütte und herrschten den Rabbiner an: „Aufstehen, Saujud, nimm deinen Kram auf den Buckel und komm sofort heraus.“

Draußen angelangt versetzten die deutschen Helden den Rabbiner, natürlich von hinten, einen Stoß, dass Goldberger auf die Straße hinschlug, und nun traktierten die drei SA-Männer ihr wehrloses Opfer mit Kolbenstößen und Fußtritten, bis Goldberger eine Rippe gebrochen wurde und er in einen Klumpen Blut verwandelt war. Während seine Gattin die Schmerzensschreie des Rabbiners vernahm, wie eine Wahnsinnige brüllend, im Dunkel der Nacht von einem Grenzhaus zum anderen irrte, stahlen die SA-Männer die Leintücher, auf denen die Kinder lagen, mit der Bemerkung: „Judenkinder sollen auf der Erde liegen“. Inzwischen war es dem Rabbiner, wie durch ein Wunder, gelungen, seinen Peinigern zu entfliehen und sich die wenigen Schritte bis zum ungarischen Zollhaus zu schleppen, vor dem er ohnmächtig zusammenbrach. Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, plötzlich ein Zivilist, dem die SA-Leute zuriefen: „Gib dem Juden den letzten Hieb“. Zum Glück für den Rabbiner fiel er aber gerade auf den ‚Strich‘, der Österreich von Ungarn trennt, nieder und so konnte endlich die ungarische Grenzwache, die all diese Vorgänge, bebend vor Zorn, mit angesehen hatte, aber nicht eingreifen durfte, weil sich das Ganze ja noch auf österreichischem Boden abgespielt hatte, in Aktion treten. Sie trugen den über und über mit Blut bedeckten Goldberger zunächst ins Zollhaus, wo er gelabt wurde, dann schlugen sie in unmittelbarer Nähe ein improvisiertes Zelt auf, wo sie die Familie notdürftig unterbrachten – den armen Kindern waren unterdessen Finger und Füße erfroren – ließen ärztlichen Beistand aus Sopron kommen und, sobald es sein Zustand gestattete, den Schwerverletzten und seine Familie in die Stadt schaffen.

Der Bericht endet fast so, dass man Hoffnung schöpfen könnte. In der Literatur lesen wir nur:

Hier verliert sich für uns seine Spur. Über das Schicksal der übrigen Familienmitglieder von R. Simon Goldberger ‒ Ehefrau Paula und drei Kleinkinder ‒ ist leider ebenfalls nichts bekannt.

Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.J., 172f

Das Schicksal der Familie Goldberger ist aber sehr wohl bekannt:

Simon Goldberger wurde am 03. Juli 1908 als Sohn des Lipot (Leopold) Goldberger und der Rosa Berger in Mád (Ungarn) geboren. Sein Vater war Talmudist und bei der Geburt des Sohnes 27 Jahre, die Mutter 26 Jahre alt.

Geburtsanzeige Simon Goldberger, 03. Juli 1908, Mad in Ungarn

Geburtsanzeige Simon Goldberger, 03. Juli 1908, Mad in Ungarn



Seine Frau Paula (Perl) wurde am 04. September 1903 in Kobersdorf geboren als Tochter des Rabbiner-Vorgängers von Simon Goldberger, Mose Lipschütz:

Geburtseintrag Paula Lipschütz, 04. September 1903 in Kobersdorf

Geburtseintrag Paula Lipschütz, 04. September 1903 in Kobersdorf



Rabbiner Simon Goldberger wurde in Auschwitz ermordet. Seine Frau Paula (Perl) wurde ebenfalls in Auschwitz ermordet. Auch alle drei Kinder, Lazar Goldberger, geb. 20. Mai 1935, Hermann Goldberger, geb. 08. Dezember 1936 und Isidor, geb. 25. März 1938, wurden in der Schoa ermordet.


Vielen Dank an Naomi Eisenberger-Atlani, Toronto, Kanada, für die Zurverfügungstellung von Dokumenten und die Unterstützung bei der Suche.


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Genisa-Grab in Kobersdorf – 20. April 1938

Ein bemerkenswerter Fund Dass der jüdische Friedhof Kobersdorf, zumindest auf mich, im Herbst eine besondere Faszination ausübt (siehe hier oder hier), ist kein Geheimnis. So war ich auch in den…

Ein bemerkenswerter Fund

Dass der jüdische Friedhof Kobersdorf, zumindest auf mich, im Herbst eine besondere Faszination ausübt (siehe hier oder hier), ist kein Geheimnis. So war ich auch in den letzten beiden Wochen zweimal auf diesem Friedhof, beide Male herrschte regnerisches und nebeliges Wetter.

Jüdischer Friedhof Kobersdorf, 25. November 2019

Jüdischer Friedhof Kobersdorf, 25. November 2019



Vieles ist neu auf diesem Friedhof. Die Grabsteine wurden vom Efeu befreit, viele Inschriften sind nun besser lesbar. Es wurden in den letzten Jahren allerdings auch allein vom Friedhofsfond 445.000 Euro investiert (wir können, da laut Gesetz der Friedhofsfond, sprich die öffentliche Hand, nur die Hälfte bezahlt, also wohl von der doppelten Gesamtinvestitionssumme ausgehen). Gemacht wurden vor allem Gärtnerarbeiten, Baumpflegemaßnahmen, Steinmetzarbeiten und eine statische Sicherung der Grabsteine, wie es auf der Webseite des Fonds nachzulesen ist.

Was allerdings nach wie vor fehlt, ist eine Dokumentation, die nicht nur die Namen und Sterbedaten auf den Grabsteinen erfasst, sondern, so weit wie möglich, die gesamten Inschriften. Und die vor allem auch der Öffentlichkeit zugänglich ist. Denn die Inschriften werden durch die geleisteten Arbeiten im Grunde noch weniger geschützt als vorher (weil die „Efeudecke“ fehlt) und sind zunehmend schlechter zu lesen.
Es ist völlig unverständlich, dass das 2009 beschlossene und grundsätzlich lobenswerte Gesetz zur Erhaltung der jüdischen Friedhöfe keinen Cent für die so dringend notwendige Dokumentation vorsieht.

Alle Grabsteine haben nun ein kleines Blättchen mit einer Nummer aufgeschraubt, was darauf hindeutet, dass auch eine Vermessung des Friedhofes erfolgte und ein Plan mit den eingezeichneten Nummern existiert.


An der vorderen Friedhofsmauer sind Grabsteine und Grabsteinfragmente aufgeschichtet, die offensichtlich am Friedhof lagen und (noch) nicht aufgestellt werden konnten. Die meisten dieser Grabsteine bzw. Grabsteinfragmente tragen erfreulicherweise auch Nummern, sodass hoffentlich davon ausgegangen werden darf, dass der ursprüngliche Standort der Steine bekannt ist. Schade natürlich, dass die Grabsteine so geschlichtet sind, dass es praktisch unmöglich ist zu erkennen um welchen Grabstein es sich handelt bzw. eine Inschrift zu lesen.

Auf dem Bild rechts unten sehen wir, dass kleinere Grabsteinfragmente auf einem eigenen Platz zusammengetragen wurden. Und auf diesen Fragmenten gibt es leider keine Nummern.

Unter diesen Fragmenten ist aber vor allem eines ganz besonders bemerkenswert: Ein Grabsteinfragment eines Genisa-Grabes (siehe unten den Exkurs zu „Genisa“)!

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf

Grabsteinfragment von Genisagrab am jüdischen Friedhof Kobersdorf


Bemerkenswert vor allem deshalb, weil wir in Österreich mit Ausnahme des auf dem Zentralfriedhof befindlichen 1987 errichteten Genisagrabes für in der Schoa geschändete Torarollen kein einziges Genisagrab kennen.

Und nun finden wir am jüdischen Friedhof von Kobersdorf ein Grabsteinfragment des einzigen Genisagrabes in Österreich vor 1945 und wissen nicht, wo am Friedhof sich das Grab ursprünglich befand!

Update 14. Jänner 2020: In dem 2015 erschienenen Buch „“ Frischman H., The Sheva Kehillos: Memories of Torah Life In The Western Hungarian Oberland Communities“ befindet sich ein Bild des noch kompletten Grabsteins (allerdings ohne Abschrift der Inschrift und ohne Übersetzung). Daher wird die Inschrift unten ergänzt.
Vielen Dank an Mag. Dieter Szorger für den Hinweis und den Bildscan!

Vollständiger Grabstein des Genisagrabes in Kobesdorf

Vollständiger Grabstein des Genisagrabes in Kobesdorf


Die hebräische Inschrift

Inschrift Genisagrab Kobesdorf: Zeilengerechte Transkription und Übersetzung
[1] 3. Z(wi)sch(en)f(eier)t(ag) von P(esach) 698 (= 20. April 1938), יום ג’ דחו“ה מ“פ תרצח
[2] als die Vertreibung [der Juden] an G(ottes) Wallfahrtsfest stattfand. לעת גלות ברגל ד’
[3] Hier sind verborgen פה נגנזו
[4] 13 Torarollen, י“ג ספרע הברית
[5] die Urim und Tummim, האורים והתומים
[6] als gingen ins Exil כאשר הלכו בגולה
[7] Väter und Kinder. אבות ובנים
[8] N(ach der kleinen Zeitrechnung). ל


Anmerkungen

Zeile 2: Wörtlich: „Zur Zeit der Galut (Vertreibung) am Wallfahrtsfest G(ottes)“.

Zeile 3: Schreibfehler: Es muss natürlich נגנזו und nicht נגנזר heißen.

Zeile 4: Wörtlich: „Bücher des Bundes“. [1]

Zeile 5: Exodus 28,30 u.a. אורים ותמיםUrim und Tummim„. Die „Urim“ bedeuten wörtlich „Lichter“, „Tummim“ etwa „Vollkommenheit“ (Luther übersetzt mit „Recht“, Buber mit „die Lichtenden und Schlichtenden“), beide sind vermutlich Los- und Orakelsteine des Hohepriesters im Jerusalemer Tempel.


Der 20. April 1938

Solange wir nicht den unteren Teil des Grabsteins gefunden haben, wissen wir leider nicht, ob überhaupt und wenn ja, wie der Text weitergeht. Das wäre allerdings nicht nur grundsätzlich, sondern vor allem aufgrund des Datums hochinteressant:

Hochinteressant ist jedenfalls das Datum des Grabsteins:

Nach einem Amtsvermerk der Bezirkshauptmannschaft Oberpullendorf wurde Rabbiner Simon Goldberger über Veranlassung des Nazibürgermeisters von Kobersdorf Thrackl, ohne höheren Auftrag am 20. April 1938 mit einem Lastwagen gewaltsam aus Kobersdorf weggebracht. … Rabbi Goldberger sollte bei Neckenmarkt über die grüne Grenze nach Ungarn deportiert werden. Anlässlich seiner Überstellung über die Grenze wurde er vom Zollwachbeamten Werner M. und dem Förster Anton K., beide aus Neckenmarkt, schwer misshandelt und 3m von der Grenze auf ungarischem Staatsgebiet liegen gelassen. R. Simon Goldberger lag dort vom 20. April mittags bis 21. April nachmittags, bis er von ungarischer Seite aus nach Ödenburg gebracht wurde. [2]

Einen detaillierten Bericht über Rabbiner Simon Goldbergers Schicksal an der ungarischen Grenze finden Sie in unserem Blogartikel: Rabbiner Simon Goldberger.

Rabbiner Simon Goldberger wurde in Auschwitz ermordet. Seine Frau Paula (Perl) wurde ebenfalls in Auschwitz ermordet. Auch alle drei Kinder, Lazar Goldberger, geb. 20. Mai 1935, Hermann Goldberger, geb. 08. Dezember 1936 und Isidor, geb. 25. März 1938, wurden in der Schoa ermordet.

An diesem 20. April 1938 wurden die 13 Torarollen am jüdischen Friedhof Kobersdorf begraben. Vorausgeschickt sei: Die Jüdinnen und Juden von Kobersdorf wurden schneller ausgewiesen und verfolgt als die Jüdinnen und Juden der anderen Gemeinden des heutigen Burgenlandes. Schon Ende Mai 1938, also knapp zwei Monate nach dem sogenannten Anschluss im März 1938, gab es in Kobersdorf keine Juden mehr.

Was nun zur Vergrabung der Torarollen an diesem 20. April 1938, mitten in den Pesachtagen, führte, können wir nur vermuten und es bleiben Fragen:

  • Hat Rabbiner Goldberger vor seinem Martyrium am Ende noch selber veranlasst die Torarollen zu vergraben oder brach in der Gemeinde (verständlicherweise) Panik aus und man entschloss sich zu diesem Schritt? In jedem Fall war wohl Eile geboten, worauf vielleicht auch der Gravurfehler in Zeile 3 (s.o.) hinweisen könnte.
  • Handelt es sich um nicht mehr rituell taugliche Torarollen, die schon (länger) in Genisa-Räumen in der Synagoge aufbewahrt waren und nun, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen, begraben wurden oder handelte es gar um noch verwendete Torarollen, die man so vor den Nazis schützen wollte? (Z.B., weil man davon ausging, dass sie sobald sie den Nazis in die Hände fallen, was nur eine Frage der Zeit war, ohnehin geschändet werden)
  • Eine Frage an die Verantwortlichen: Warum trägt dieses bedeutende und in Österreich einzigartige Grabsteinfragment keine Nummer wie fast alle anderen Grabsteine, mit der es, zumindest sehr wahrscheinlich, möglich gewesen wäre, den ursprünglichen Standort zu kennen?


Kleiner Exkurs: Genisa

Das Wort „Genisa“ oder auch „Geniza“ ist eigentlich ein persisches Fremdwort und bedeutet „Schatzkammer“. In Mischna Schabbat 9 lesen wir: מֶקֶק סְפָרִים וּמֶקֶק מִטְפְּחוֹתֵיהֶם, כָּל שֶׁהוּא, שֶׁמַּצְנִיעִין אוֹתָן לְגָנְזָן „angenagte / abgenutzte Stücke von Schriftrollen oder ihren Einbänden, wie auch immer, werden aufbewahrt um sie zu verbergen„.

Mit „Genisa“ werden sowohl die Räume (meist in oder bei Synagogen) bezeichnet, in denen nicht mehr verwendbare liturgische Schriften, aber auch Gebetsriemen etc. aufbewahrt werden als auch die Gräber, in denen diese dann bestattet werden. Am Zentralfriedhof in Wien, Tor IV, etwa findet sich ein solcher Genisaraum. Im Wesentlichen geht es darum, den Gottesnamen in diesen Schriften und liturgischen Gegenständen vor Missbrauch zu schützen.
Die bedeutendste und bekannteste Genisa ist jene in der im 7. Jahrhundert erbauten Ben Esra Synagoge in Fustat, Kairo, die im 19. Jahrhundert entdeckt wurde und in der 300.000 jüdische Manuskripte bzw. Manuskriptfragmente, die einen Zeitraum vom 8. bis ins 19. Jahrhundert abdecken, gefunden wurden.

In Deutschland, vor allem in Süddeutschland, wurden einige solcher Genisaräume gefunden, meist aus dem 19. Jahrhundert, wenngleich diese Räume selbst so gut wie nie wirklich vorschriftsmäßig sind (also etwa ausschließlich zum Zwecke der Sammlung nicht mehr verwendeter Schriften angelegt usw.). So fand man etwa 2009 im Genisaraum der Synagoge von Bayreuth sogar ein jiddisches Blatt aus dem Homburger Eulenspiegeldruck von 1735.

Genisa-Gräber hingegen gibt es (zumindest im deutschsprachigen Raum) wenige, wohl auch, weil die Grabstellen häufig nicht bezeichnet wurden. Neben dem erwähnten Grab für in der Schoa geschändete Torarollen auf dem Zentralfriedhof Wien, IV. Tor, kennen wir in Deutschland etwa das Genisa-Grab am jüdischen Friedhof Würzburg oder die Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Altengronau im Main-Kinzig-Kreis und in Adelsheim-Sennfeld (Neckar-Odenwald-Kreis). [3]

Frowald Gil Hüttenmeister formuliert es wie folgt:

Man war wohl noch orthodox genug, um solche Schriften und Gegenstände nicht wegzuwerfen, aber nicht mehr orthodox genug, für sie einen eigenen Raum bereitzustellen oder sie, wie früher in Deutschland üblich, auf dem Friedhof zu begraben. [4]

Ohne die dramatischen Ereignisse rund um den 20. April 1938 dürfen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass man die Torarollen auch in Kobersdorf noch nicht begraben hätte.

Das Grabsteinfragment des Genisagrabes auf dem jüdischen Friedhof Kobersdorf ist in wissenschaftlicher Sicht ein außerordentlich bedeutender Fund.
Vor allem aber zeigt es auf dramatische Weise das Ende einer jahrhundertealten jüdischen Gemeinde aus einer rein innerjüdischen Perspektive.


Fußnoten

[1] ספר הברית „Bundesbuch“ bezeichnet eigentlich die älteste israelitische Rechtssammlung, das Wort selbst ist Exodus 24,7 entnommen: „Er [Mose] nahm das Buch des Bundes und verlas es vor dem Volk“. [Zurück zum Text (1)]

[2] Hausensteiner Erwin J., Die ehemalige jüdische Gemeinde Kobersdorf. Ein Buch der Erinnerung, o.J., 172, und dort zitiert: Susanne Uslu-Pauer und Eva Holpfer: Vor dem Volksgericht. Verfahren gegen burgenländische NS-Täter 1945-1955. Burgenländische Forschungen, Band 96, 171, Eisenstadt 2008. [Zurück zum Text (2)]

[3] Frowald Gil Hüttenmeister, Die Genisot als Geschichtsquelle, in: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, Seite 207.
Ganz anders geht man etwa in Übersee mit der Thematik um: Ein ausgesprochen imposantes 1947 errichtetes Genisagrab, eigentlich „Genisa-Mausoleum“, finden wir auf dem jüdischen Friedhof von Santiago de Chile, in dem 14 bei einem Brand der Synagoge am 26./27. Oktober 1944 zerstörte Torarollen begraben sind.
[Zurück zum Text (3)]

[4] Frowald Gil Hüttenmeister, Die Genisot als Geschichtsquelle, in: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte, hrsg. von Monika Richarz und Reinhard Rürup, Tübingen 1997, Seite 207f. [Zurück zum Text (4)]


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Berta Luria-Klinger – Family Tree

Inquiry from Mr. JK from Boynton Beach, FL, USA for his grandmother Berta Luria-Klinger (from Kobersdorf) and her family We find the name „Luria“ in different writings: Lurjan, Lurja, Lurjn,…

Inquiry from Mr. JK from Boynton Beach, FL, USA for his grandmother Berta Luria-Klinger (from Kobersdorf) and her family

We find the name „Luria“ in different writings: Lurjan, Lurja, Lurjn, Lurian etc., below I always take „Luria“.

Berta Luria was the grand-daughter of Abraham Luria and Han(n)i and daughter of Moritz (Mose Ber) Luria and Amalia Gerstl and had 7 siblings:

Abraham Luria, born ca. 1807 in Mattersdorf, and Hanni NN married 15 April 1841 in Mattersdorf (!), the bride is not mentioned, only „from Kobersdorf“(!). Abraham Luria died 31 December 1887 in Kobersdorf.

Moritz (Mose Ber) Luria, hawker, born 1 August 1848 in Kobersdorf, son of Abraham Luria, son of Lotty Luria, and Han(n)i. 18 June 1872 in Kobersdorf: Marriage Moses Luria and Amalia Gerstl.

Sister of Moritz Luria: Fany Luria, born 15 October 1843 in Kobersdorf, see Bernhard Luria – 24. Oktober 1904

Brother of Moritz Luria: Bernhard (Baruch) Luria, born 03. April 1842 in Kobersdorf, died 24. October 1904, buried on the Jewish Cemetery of Kobersdorf

8 children of Moritz (Mose Ber) Luria and Amalia Gerstl:

Gustav (Gerson) Luria, born 10 April 1873 in Kobersdorf, died 22 December 1930 in Vienna, buried on Zentralfriedhof, Gate IV (the date of birth on the gravestone inscription is not correct!). In memoria Hermine Luria (his wife) and Emma Luria, his daughter. Both were deported to Minsk and murdered in the Shoa. Emma Luria, born 10 August 1901 in Liezem (Styria), registry entry in Graz!

Samuel Luria, born 19 Juli 1874 in Kobersdorf, metalworker, was murdered in the Shoa. Also his wife Hermina, born Müller in Kleinwarasdorf, daughter of Johana Süßmann, was also murdered in the Shoa (Auschwitz).
Son of Samuel Luria and Hermmina Müller: Ignatz Luria, died 03 May 1909 in Kobersdorf at age 19 months lung…?

Death entry Ignatz Luria, 03 May 1909, Kobersdorf

Death entry Ignatz Luria, 03 May 1909, Kobersdorf



Rosalia/Sali Luria, born 27 April 1876 in Kobersdorf. Marriage with Lázár Hirschl, son of Márkus Hirschl and Mária Glaser from Kobersdorf, born 02 July 1872

David Luria, born 13 November 1877 in Kobersdorf. 11 June 1901 in Neudörfl: Marriage David Luria and Friederike Steiner, daughter of Lipot/Leopold Steiner and Rosalia (Sali / Sari) Deutsch from Misslitz in Moravia.
2 children of David Lurian and Friederike Steiner:
Otto Lurjan, baker subworker, born 15 April 1902 in Vienna, physical adress: Vienna II, Vereinsgasse 28, married 08 August 1926 in Vienna with Anna Wartenberg false Taub. Otto had (at least) one daughter: Elfriede Lurjan, born 17 May 1928 in Vienna).

Stella Lurjan, born 09 September 1906 in Vinna, physical adress: Vienna II, Am Tabor

Charlotte Luria, born 17 September 1879 in Kobersdorf

Resi Luria, born 19 September 1882 in Kobersdorf

Netti Luria, born 11 September 1884 in Kobersdorf

Berta Lurian, born 01 June 1886 in Kobersdorf

Birth entry Berta Luria, 01 June 1886, Kobersdorf

Birth entry Berta Luria, 01 June 1886, Kobersdorf



Husband: Isidor / Izidor Klinger, sales agent (Weinstein (tartar) trader), born 29 April 1884 in Vienna, son of Salomon Klinger from Uherské Hradiště (Czech Republic), and Katalin Prinz, physical adress: Vienna II, Leopoldsgasse 27a. Marriage on 14 April 1912 in Kobersdorf.
Salomon Klinger, father of Isidor Klinger, physical adress: Vienna XX, Rauscherstraße 12, died on 14 September 1909 in Vienna in the age of 66 heart defect.

Divorce Berta Lurian and Isidor Klinger: 18 November 1930 in Vienna.

3 sons of Berta Luria and Isidor Klinger:

Fritz Klinger, born 14 January 1913 in Vienna, physical adress of the parents: Vienna XX, Wallensteinstraße 21, was deported to Auschwitz, survived and died 28 May 1954 in USA, district Columbia

Ernst Klinger, born 21 May 1914 in Vienna, physical adress of the parents: Vienna XX, Wallensteinstraße 48

Karl Klinger, born 15 September 1916 in Kobersdorf, died 24 December 1984 in Vienna, buried on Neustift Cemetery Vienna together with Elfriede Klinger.


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… dann bist du von Einsamkeit umsponnen …

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe … Berühmte Gelehrte…

Zur alljährlichen Tradition gehört es für mich, im Herbst den jüdischen Friedhof in Kobersdorf zu besuchen. Es darf wiederholt werden: für mich einer der schönsten jüdischen Waldfriedhöfe …

Berühmte Gelehrte sind hier begraben, darunter Rabbi David Alt, genannt Eibnitz, gestorben 1850, seine Ehefrau Chana, gestorben 1877 und sein Sohn Elieser, gestorben 1895.

  • Grabstein Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

    Rabbiner David Alt, genannt Eibnitz

  • Grabstein Chana Alt

    Grabstein Chana Alt (Eibnitz)

  • Grabstein Elieser Alt

    Elieser Alt (Eibnitz)


Lobenswert jedenfalls, dass der Weg sowohl zur Synagoge als auch zum jüdischen Friedhof in Kobersdorf mehrfach deutlich und klar bezeichnet ist, lobenswert auch, dass erkennbar ist, dass schon viele Arbeiten am Friedhof stattgefunden haben, wenngleich noch viel zu tun bleibt.

Ganz im Gegenteil dazu möchte ich fast von Schock sprechen beim Anblick der Synagoge in Kobersdorf. Die Geschichte ist bekannt: die Kultusgemeinde klagte den Eigentümer des Vereines, dem die Synagoge seit Jahren gehört, verlor den Prozess, die Synagoge verkommt immer mehr zur Ruine. Einfach nur traurig.
Genau gegenüber, nur durch eine schmale Straße getrennt, das schön renovierte Schloss Kobersdorf, in dem jährlich die Kobersdorfer Schlossspiele stattfinden. Tausende BesucherInnen des kleinen Ortes sind seit Jahren mit einer erschütternden Polarität konfrontiert, viele stellen Fragen, die Antworten bleiben unbefriedigend, die öffentliche Hand – so der Verdacht – hat nun offizielle Gründe wegzuschauen.?

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Synagoge Kobersdorf

    Synagoge Kobersdorf

  • Schloss Kobersdorf

    Schloss Kobersdorf


Lackenbach, nur wenige Kilometer entfernt: der größte jüdische Friedhof im Burgenland mit 1770 Grabsteinen, mit wenigen Ausnahmen alle mit hebräischen Grabinschriften, Kalksandsteine, die verwittern und täglich schwerer, zum Teil gar nicht mehr lesbar sind.

Auch hier finden grundsätzlich lobenswerte Arbeiten (Mähen, Katalogisierung …) am Friedhof statt, aber auch hier bleibt noch viel zu tun (Zuordnungen, Auslesen der hebräischen Inschriften, Übersetzungen …).

Aber bis heute: auch hier schockierend und wohl nicht nur für mich wirklich völlig unverständlich der Umgang mit der jüdischen Vergangenheit, mit der Gedenkkultur. Namentlich mit der Gedenktafel, die immerhin an die größte Synagoge des Burgenlandes erinnert (oder besser: erinnern soll), denn die Tafel ist in der ca. 50 Meter langen kleinen Gasse so gut wie nicht zu finden, der Platz für die Tafel sowie der Zustand dieser spotten jeder Beschreibung.
Auch hier viele Fragen: Ein Spiegelbild des Verantwortungsbewusstseins der öffentlichen Hand? Wo sind die Initiativen von Vereinen, Schulen, politischen Verantwortlichen? An den Finanzen kann es in diesem Fall ja wohl nicht liegen, dass seit vielen Jahren nichts passiert bzw. passieren will…

Gedenkkultur? Lackenbach

Gedenktafel – Gedenkkultur? in Lackenbach


PS: Die Überschrift stammt aus einem Gedicht der Literatin Mida Huber, die nahe Kobersdorf, am sehr idyllisch gelegenen Friedhof von Landsee, begraben ist.

2 Kommentare zu … dann bist du von Einsamkeit umsponnen …

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