Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: lackenbach

Hebräischkurs 2012

Seit Mittwoch findet in unserem Haus wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 darüber berichtet, und auch heuer kamen – bereits zum siebenten Mal! –…

Seit Mittwoch findet in unserem Haus wieder der schon traditionelle Hebräischkurs für Fortgeschrittene statt. Wir haben schon 2009 darüber berichtet, und auch heuer kamen – bereits zum siebenten Mal! – Damen aus Österreich und Deutschland zum Hebräischstudium nach Eisenstadt!

Es darf wiederholt werden: Ich finde es ganz großartig und bewundernswert, dass die Teilnehmerinnen jährlich Zeit finden und sich die Zeit nehmen, um ihr Hebräisch aufzufrischen bzw. sich immer auf viel – für sie – Neues in der Sprache einlassen.
Für mich wiederum besteht die Herausforderung darin, möglichst viel Abwechslung zu bieten. Denn es soll in erster Linie Freude machen, es gibt keinen Leistungsdruck und doch staune ich jedes Jahr über das wirklich beachtliche Können der Teilnehmerinnen.

Heuer gab es aber eine Premiere: Wir machten heute – bei Traumwetter – einen Ausflug in drei der ehemaligen Sieben-Gemeinden des Burgenlandes: nach Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz, aber sehen Sie selbst:

  • Kobersdorf mit seinem wunderschönen jüdischen Waldfriedhof (1.200 Grabsteine)
  • Grabstein des Kohen Mordechai Hersch Brunner in Kobersdorf
  • Die Damen bei der Arbeit
  • Datum lesen und umrechnen
  • Grabstein mit Hammer als Symbol
  • In Lackenbach am größten jüdischen Friedhof des Burgenlandes mit über 1.700 Grabsteinen
  • Gedenktafel in Lackenbach
  • Die kurze Gasse, in der sich die kaum auffindbare Gedenktafel an die größte Synagoge des Burgenlandes befindet!
  • Herbstzeitlose am jüdischen Friedhof Kobersdorf


Übrigens: Es sind noch einige Plätze für den Anfängerkurs frei, der am 12. September beginnt!

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Urlaubstage im Burgenland

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung “Jüdische Presse” (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: “Urlaubstage im Burgenland” war die…

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland

Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung “Jüdische Presse” (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: “Urlaubstage im Burgenland” war die 5-teilige Serie überschrieben; als Berichterstatter respektive Reiseführer fungierte Leopold Moses, 1888 in Mödling geborener Journalist und Historiker.

Moses wählte für seine Urlaubsfahrt – in den Text eingestreute Verweise auf jüdische Feiertage machen deutlich, dass es sich dabei (anders als das Erscheinungsdatum vermuten lässt) um eine Sommerreise gehandelt haben muss – eine grobe Nord-Süd-Route: Nach einem ersten Halt in Mattersburg/-dorf führte der Weg, via Sopron/Ödenburg, in die mittelburgenländischen Gemeinden Deutschkreutz, Lackenbach und Kobersdorf – Moses besuchte damit immerhin vier der sogenannten “Sieben-Gemeinden”, jener Gruppe jüdischer Landgemeinden, die sich unter dem Schutz der Fürsten Esterházy auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands etablieren konnten (neben den bereits genannten zählten hierzu die Gemeinden Eisenstadt, Kittsee und Frauenkirchen).

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Mit durchschnittlicher Reiseliteratur haben Moses’ Burgenland-Reportagen allerdings wenig gemein: Moses’ primäres Interesse gilt nicht etwa den (ohnehin raren) touristischen Sehenswürdigkeiten oder den Vergnügen der Sommerfrischler, sondern – passend zur orthodox-jüdischen Leserschaft der “Jüdischen Presse” – dem religiösen Gemeindeleben, das er in seinen Alltäglichkeiten und Spezialitäten dokumentiert – “Urlaubstage” der etwas anderen Art also …

Besonders angetan zeigt sich der Berichterstatter dabei von der lebendigen Frömmigkeit in den burgenländischen Gemeinden: von der Begeisterung etwa, die die religiösen Vollzüge begleitet; oder den frommen Geschäftsleuten der Gemeinde Mattersdorf (und ähnlich in Deutschkreutz), die inmitten ihres Tagewerks “jede freie Viertelstunde [benützen], um ein Stückchen zu ‘lernen'” – ja, selbst

… spät am Abend noch empfängt mich bei der Heimkehr von einem Spaziergange durch die Felder das Geräusch von Stimmen, das von den im Wirtshause beim Weinglas ausruhenden Bauern herrührt, und gleich daneben im gleichmäßigen Tonfall des Talmudstudiums die wehmütig und doch auch so zuversichtlich zugleich klingende Stimme Jakobs [Jakob meint hier keine konkrete Person, sondern ist als Bild für das “Volk Israel” zu nehmen]…

Jüdische Presse, 14.11.1924, 10. Jg., Nr. 46, S. 303ff.

So groß ist Moses’ Begeisterung für dieses jüdische Leben des Burgenlands, dass er zu reichlich schmeichelhaften Analogiebildungen – nämlich mit den Städten Palästinas – greift: Lackenbach

… möchte ich … das Rechoivoth unter den Schewa Kehilloth [hebräischer Name der oben angesprochenen burgenländischen “Sieben-Gemeinden”] nennen. Und dann wäre etwa, um im Bilde zu bleiben, Eisenstadt das Jerusalem, Mattersdorf das Zabueh, Zelem [hebräischer Name für Deutschkreutz] das Safed und Kobersdorf das Tiberias des Burgenlandes.

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 315.

Im Einzelnen freilich ist Moses durchgehend um realistische Beschreibungen des burgenländisch-jüdischen Lebens bemüht – entsprechend werden etwa auch allfällige religiöse Auflösungserscheinungen vermerkt, wie in der folgenden hübschen Anekdote zur Fußballbegeisterung in der jüdischen Gemeinde Lackenbach:

Am vergangenen Tischa b’Aw [Trauertag in Erinnerung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, an dem Vergnügen verschiedenster Art gemieden werden], da ein Fußballmatch der vereinigten jüdischen und deutschen Fußballspieler Lackenbachs gegen Ödenburger Gäste, das man aus Sporthöflichkeit nicht verschieben zu können meinte, stattfinden sollte, wusste sich der strengfromme und durch seine Schriften sehr bekannte Rabbiner R. Jehuda Kraus nicht anders zu helfen, als indem er den Fußball durch den Schammes [Synagogendiener] beschlagnahmen ließ. Freilich ahnte der gute Mann … nicht, dass die Jugend vorsichtig genug sein würde, noch einen zweiten Ball zu besitzen, mit dem auch das Spiel ausgetragen wurde …

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 316.

Moses’ Fazit ist dann aber doch ein positives, zumal wenn er – zum Abschluss der Serie – auf das Verhältnis der burgenländischen Juden zur nicht-jüdischen Bevölkerung zu sprechen kommt:

… seit Jahrhunderten sind die Juden dieser Gemeinden …, gleich der kaum viel früher eingewanderten grundehrlichen und braven deutschen Bauernbevölkerung, mit den Geschicken dieses schönen Ländchens verknüpft. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung des Burgenlandes herrscht … Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. (…) Wenn im Monat Elul [August/September] im Burgenlande der Schofar [Widderhorn, das u.a. im Elul geblasen wird] ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Zeiten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.
Die Juden des Burgenlandes haben aber auch immer eine gewisse Rolle im europäischen Judentum gespielt und auch jetzt … sind sie uns mehr als bloß ihrer numerischen Bedeutung entspricht.

Jüdische Presse, 19.12.1924, 10. Jg., Nr. 51/52, S. 328f.

Leopold Moses – das sei zum Ende hin erwähnt – war in späteren Jahren Archivar der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde; er wurde (lt. Informationen der Holocaust-Gedenkstätte/-Forschungsstelle Yad Vashem) im Dezember 1943 aus Wien nach Auschwitz deportiert und ebendort ums Leben gebracht.

Moses Reisereportagen aus dem Burgenland finden sich im Volltext online auf Compact Memory (die obigen Zitate wurden ebendort entnommen).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – was sonst: Urlaubstage im Burgenland, vielleicht sogar auf den Spuren der jüdischen Gemeinden … Alternativ – für diejenigen, deren Zeit knapper bemessen ist – ist auch ein sommerlicher Tagesausflug jedenfalls empfehlenswert … ;) Falls es Sie dabei – anders als Leopold Moses – auch nach Eisenstadt verschlagen sollte, würden wir uns natürlich über Ihren Besuch im Jüdischen Museum freuen bzw. laden Sie herzlich ein zur Begehung unserer aktuellen Outdoor-Ausstellung “Ver(BE)gangen”, die durch Geschichte und Gegenwart des jüdischen Eisenstadt führt.


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War Liszt Antisemit?

Listz, im Alter von etwa 70 Jahren: Wolfgang Horvath ‘Franz Liszt listening to …’, (Farb)Pigment und Pastellkreide Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© III Der Titel unseres Beitrags ist auch…

Listz, im Alter von etwa 70 Jahren: Wolfgang Horvath ‘Franz Liszt listening to …’, (Farb)Pigment und Pastellkreide


Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© III

Der Titel unseres Beitrags ist auch der Titel des 15. Kapitels in Serge Guts Biografie “Franz Liszt” und die Frage darf gleich vorweg beantwortet werden: Nein, Liszt war kein Antisemit!

Wir wollen in unserem Beitrag auch keineswegs die bereits Anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts breit geführte Diskussion um Liszts (angeblichen) Antisemitismus (siehe z.B. Band 12 der Musikkonzepte) neu aufnehmen oder gar vertiefen, sondern uns hier im Wesentlichen auf Franz Liszts Dementi aus dem Jahr 1883 beschränken (Liszt war damals 72 Jahre alt):

Mit einem gewissen Gefühle des Bedauerns richte ich diese meine Zeilen an Sie. Da indessen in jüngster Zeit die Nachricht von meiner angeblichen Judenfeindlichkeit verbreitet worden ist, halte ich es für meine Pflicht, diese Nachricht, welche auf Irrthum beruht, zu rectificiren. Allgemein bekannt ist es, daß ich mich der Freundschaft mehrerer in der Musikwelt hervorragender Juden, so namentlich Meyerbeers erfreute, gleichwie in literarischen Kreisen Heinrich Heine und andere ähnliche Gefühle für mich hegten. Ich halte es für überflüssig, des Weiteren anzuführen, welches Maß eifriger Loyalität ich während meiner fünfzigjährigen Laufbahn talentvollen Juden gegenüber bethätigte; auch enthalte ich mich der Anführung dessen, wie vielfach ich in den verschiedensten Ländern zur Vermehrung der jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten beigetragen habe. Die Parole meines Schutzheiligen Franz de Paula heißt: “Charitas” und dem bleibe ich treu bis in den Tod. Es gibt Leute, die einen Satz aus meinem Werke “Bohemiens en Hongrie” aus dem Zusammenhange reißen und mich angreifen. Ich kann mit ruhigem Gewissen meine Angreifer versichern, daß ich mich nur insoweit schuldig fühle, als ich die Idee des “Königthums von Jerusalem” zart berührte, welche lange vor mir drei hervorragende Israeliten, Lord Beaconfield, Georges Elliot und Cremieux eingehend behandelten.

Empfangen Sie usw. Franz Liszt.

Israelit 14 (15.2.1883), Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen, Pesth: Abdruck eines Schreibens von Franz Liszt an den Redakteur der “Gazette de Hongrie”, S. 223

So klischeehaft dieses sein Dementi auch immer sein mag, dass es zu den Antisemitismusvorwürfen kam, liegt am Inhalt des oben als “Bohemiens en Hongrie” zitierten Buches Des Bohémiens et de leur musique en Hongrie“, 1859, für das Franz Liszt zwar als Autor zeichnet, das aber seine langjährige Lebensgefährtin und Vertraute Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, ausgesprochen stark vom katholischen Antijudaismus geprägt, redigierte. Das Buch erschien in einer gekürzten Fassung bereits 1861 auf Deutsch, 1881 als Neuausgabe und zwei Jahre später als “Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn von Franz Liszt. In das Deutsche übertragen von L. Ramann, Leipzig 1883”.

Während in der Erstfassung des Buches aus 1859 der Antisemitismus noch relativ zurückhaltend geäußert wurde, hielt sich die Fürstin in der Neuausgabe von 1881 nicht mehr zurück, das Kapitel über die Juden strotzt vor aggressivem Antisemitismus!
Obwohl Serge Gut (siehe oben) in seinem Kapitel “War Liszt Antisemit?” schreibt, dass die antisemitischen Passagen (korrekt: “das Kapitel über die Juden”) in der 1861 erschienenen gekürzten deutschen Ausgabe gestrichen wurden, finden sich auch darin durchaus noch antijüdische Passagen, die der Herausgeber Cornelius jedoch für so harmlos hielt, dass er sie nicht einmal strich…:

Nur in einigen, von Europa gewissermaßen getrennten Landstrichen bewahrt sie [die jüdische Nation, Anm. des Verf.] noch ihren Kaftan, ihre ausschließlichen Speisen, ihre Sitten, ihren aufrichtigen Glauben, ihre äußerliche Erniedrigung und die Poesie ihrer Verstocktheit, ihrer unversöhnlichen Feindseligkeit gegen die Anbeter des Gefkreuzigten. Dort sind die Juden fast noch, was sie im Mittelatler waren: heimliche, listige Feinde der Gesellschaft, deren Laster sie hätscheln, während sie ihre Schwäche verachten …

… scheint es uns, daß wenn eine unvorhergesehene Catastrophe sie zurückwerfen sollte in die alte Noth, sie genug hebräischen Blutes in sich fühlen würden, um noch einmal, wie bei jenem Auszug aus Egypten zu heiligem Feste versammelt sich am Blute der Erstgebornen ihrer Tyrannen zu weiden …

Die Zeigeuner und ihre Musik in Ungarn, von Franz Liszt. Deutsch bearbeitet von Peter Cornelius, Pesth, 1861, S. 22f

Auch Alan Walker geht in seiner monumentalen Biografie auf diese Antisemitismusvorwürfe ein und stellt fest, dass sich Liszt von diesen nie wirklich erholt hat:

But by allowing Carolyne to control matters, he guaranteed a public relations disaster from which he never entirely escaped.

Alan Walker, Franz Liszt: The final years, 1861-1886, 1997, S. 406f

Schon 1881, also offensichtlich unmittelbar nach der Neuauflage des obzitierten von Fürstin zu Sayn Wittgenstein redigierten Buches auf Französich, finden wir in einer Korrespondenz aus Pest einen Hinweis auf Liszts Antisemitismus und sozusagen als Entlastung folgende Begebenheit zitiert (womit sich auch der Kreis zu unserem ersten Artikel dieser kleinen Lisztserie schließt):

Der Vater des Franz Liszt wohnte in Lakenbach (Ödenburger Komitat). Der junge Franz zeigte schon in seiner frühesten Jugend große Neigung und Befähigung zur Musik. Allein der Vater war zu unbemittelt, um seinem Kinde die Mittel zur Übung seines Musiktalents zu bieten. Ein reicher Jude in Lakenbach war im Besitze eines trefflichen Klaviers. Als auch dieser das vorzügliche Musiktalent des jungen Franz bemerkte, schenkte er demselben das Klavier. Für diese Hochherzigkeit richtete der Vater des jugendlichen Franz an den “jüdischen Wohlthäter” ein sehr ergebenes Dankschreiben, da sein Kind auf diesem Klavier sein Musiktalent nach und nach zur Entfaltung bringen konnte. Dieses Dankschreiben existirt noch bei einem Enkel jenes edlen Juden, der gegenwärtig in Wien wohnt. [aus dem “Pester Journal”]

Berliner Jüdische Presse 50 (Dezember 1881), S. 546

Ganz herzlichen Dank an den Musikwissenschaftler und meinen Freund Dr. Gerhard Winkler, s.A., für so viele wertvolle fachliche Ratschläge :)!



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Franz Liszt und sein jüdischer Entdecker

Lisztsujet, Bild-©: Kulturservice Burgenland Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© I In wenigen Tagen, am 27. Jänner 2011, findet der feierliche Auftakt zu Lisztomania 2011© statt, das Burgenland feiert 2011…

Lisztsujet, Bild-©: Kulturservice Burgenland


Unsere “two cents” zu Lisztomania 2011© I

In wenigen Tagen, am 27. Jänner 2011, findet der feierliche Auftakt zu Lisztomania 2011© statt, das Burgenland feiert 2011 “‘seinen Superstar’, das Wunderkind, den Klaviervirtuosen, den Frauenschwarm, den Freigeist und Hexenmeister der Konzertsäle Europas”: Franz Liszt.

Zitiert aus dem Text der Einladung

Was uns 2009, im Haydn-Jahr, nicht vergönnt war (weil es einfach keine Anknüpfungspunkte gab), dürfen wir jetzt nachholen und sozusagen auch von “jüdischer Seite” aus einen kleinen Beitrag zu “Lisztomania 2011©” leisten.

Geplant sind vorerst 3 kurze Blogbeiträge, die sich mit Franz Liszt aus der Sicht jüdischer Quellen beschäftigen und wir beginnen heute – immerhin (!) – mit der Entdeckung des Wunderkindes:

Auf seiner Reise durch die Sieben-Gemeinden, die sieben heiligen jüdischen Gemeinden des heutigen Burgenlandes, folgte für den Journalisten, Schriftsteller und Zionisten Otto Abeles

nach den Stunden in der atembeklemmenden dumpfen Enge von Deutschkreutz (Zelem) […] ein heller Tag im freundlichen Lackenbach.

(Anmerkung: Lackenbach liegt knappe 6km neben Raiding, wo Franz Liszt am 22. Oktober 1811 geboren wurde).

Draußen, am guten Ort, der neben den uralten kleinen Steinen auch schon Nobelgerüste à la Döblinger Friedhof, aufweist, liegt der Sohn des Maharam Asch Eisenstadt, Rabbi Benjamin Asch, der das Rabbinat von Lakenbach und Kobersdorf innehatte und hier geliebt, geehrt war, wie sein größerer Eisenstädter Vater. Ihm folgte durch drei Rabbinergenerationen die Ullmannsche Dynastie. Den hundertsten Todestag des Stammvaters, der den Beinamen Charew (der Scharfsinnige) führte, und eine Leuchte in Israel war, hat man zu Lakenbach im Vorjahre gefeiert. Reb Scholem Charew soll auch körperlich ein Riese gewesen sein und einst einen Bären erwürgt haben. Sein Urenkel erzählt mir von seinen berühmten Ahnen, während er im Gewölbe die Kundschaft bedient.

Ein interessantes Ledergeschäft! Oberhalb der Warenstapel laufen Bücherbretter rings um die Wand. Es sind keine Geschäftsbücher, sondern ererbte Bibliotheksbestände. Das Gespräch mit dem Träger eines berühmten Namens erweist, dass nicht viele jüdische Kaufleute der Großstadt über so viel Bildung, Kultur und geistiges Interesse verfügen, wie dieser Lakenbacher, der jetzt für 20 Groschen Holznägel zuwiegt und sie in die selbstgedrehte Tüte schüttet.

“Hier oben”, erzählt er während des Tütendrehens und weist auf das Stockwerk über seinem Gewölbe, “hier in diesem Hause wohnte Ruben Hirschler, der im Leben Franz Liszts eine bedeutsame Rolle spielte. Der alte Hirschler, ein wohlhabender und kunstliebender Mann, ließ – damals bei Juden eine Ungeheuerlichkeit – seine Töchter bereits das Klavierspielen erlernen. Mit Liszts Vater, welcher Verwaltungsbeamter Esterhazys auf dem Nachbargute Raiding war, stand er in Geschäftsverbindung. Als Vater Liszt mit dem kleinen Franz einst hier zu Besuch weilte, erkannte der alte Hirschler die Begabung des Knaben, schenkte ihm das Klavier und kümmerte sich um seine Ausbildung.”

So hat ein Lakenbacher Jude dem großen Franz Liszt die Laufbahn des weltberühmten Pianisten und Tondichters eröffnet.

Abeles O., Das freundliche Lakenbach, in: Wiener Morgenzeitung vom 16. Februar 1927, S. 4.

Den fast identischen Bericht von Otto Abeles über Lackenbach finden wir auch in “Die neue Welt, Nr. 45, S. 7, Jg. 2/1928”. Beide Berichte online einzusehen in compactmemory.de.

Interessant ist auch, dass Ruben Hirschlers Neffe Josef Hirschler (Sohn von Rubens Bruder Aaron) in Eisenstadt einige Jahre vorher, 1813, höchst unangenehm aufgefallen ist, als er nämlich als Besitzer des Wertheimerhauses versuchte, sämtlichen Parteien zu kündigen und das Bethaus auflassen wollte! Auch Josef Hirschler begegnen wir später als führende Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde Lackenbach.
Bernhard Wachstein, Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden, Wien 1926, S. 302

Die “Entdeckung” Liszts durch den jüdischen Kaufmann Ruben Hirschler beschreibt auch der britisch-kanadische Musikwissenschaftler Alan Walker auf fast rührige Weise.
Franz Liszt besuchte am Tag seines 7. Geburtstags mit seinem Vater den jüdischen Kaufmann Ruben Hirschler in Lackenbach, wo er zu Tränen gerührt war, als er Fanni, die Tochter Hirschlers, am Klavier spielen hörte. Hirschler schenkte dem Knaben daraufhin das Klavier und die beiden Familien verband eine lange Freundschaft … aber lesen Sie selbst die Stelle im Original:

As a special treat for his seventh birthday, On October 22, 1818, the small boy was allowed to travel with his father to Lackenbach, where Adam had some business with a wealthy merchant called Ruben Hirschler. The daughter of this merchant, Fanni, had just been given a piano, recently arrived from Vienna. Adam requested the girl to play something for his young son, who, he explained, also loved music. When the lad heard the playing he could say nothing, his eyes filled with tears, and he threw himself weeping into the arms of his father. This scene so moved the elderly merchant that he gave the piano to the boy. It was a wonderful birthday gift. Hirschler’s gesture created a warm friendship between the two families. The Liszts often used to drive over from Raiding to Lackenbach (about half an hour’s journey) and spend their Sunday afternoons in the Hirschler household. [Budapesti Bazar, Pesti Hölgy-Divatlap, no. 22, Nov. 15, 1873. Koch (KLV, p. 18), who also reports this anecdote, wrongly calls the Hirschler family “Rehmann”/ The Hirschlers, in fact, were rich Jews who later fell upon hard times. By 1865 they had been reduced to selling shoes from an old stall in the Vienna market. Fanni herself married into poverty, but she followed Liszt’s subsequent career with interest.

Alan Walker, Franz Liszt: The virtuoso years, 1811-1847, 1983, S. 60

Vielen Dank für den Hinweis auf Walker an unsere Gastautorin Claudia Chaya-Bathya Markovits-Krempke, der Autorin unserer nächsten beiden Lisztbeiträge!

Bleibt schlussendlich noch anzumerken, dass wir in unserem dritten Beitrag über Franz Liszt noch einmal auf diese Entdeckungsgeschichte zurückkommen werden, wenn Franz Liszt sich nämlich in späteren Jahren gegen die Vorwürfe antisemisch zu sein zu Wehr setzen wird …

Weblinks:



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