Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: literatur

‚Als im Burgenland noch das Schofarhorn ertönte‘

Kürzlich ist ein neues Buch zur jüdischen Regionalgeschichte erschienen, nämlich eine groß angelegte Monographie über das jüdische Mattersburg: „Als im Burgenland noch das Schofarhorn ertönte. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde…

Kürzlich ist ein neues Buch zur jüdischen Regionalgeschichte erschienen, nämlich eine groß angelegte Monographie über das jüdische Mattersburg: „Als im Burgenland noch das Schofarhorn ertönte. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Mattersburg und Umgebung“, verfasst von Gertraud Tometich, erschienen bei Edition Marlit.

Wir halten die Aufarbeitung jüdischer Regional- und Lokalgeschichte – für ein jüdisches Museum wenig überraschend – für ein grundsätzlich sinnvolles, wichtiges und förderungswertes Unternehmen, vorausgesetzt natürlich, dass die inhaltliche Qualität derselben stimmt. Die besagte Mattersburg-Monographie lässt uns vor diesem Hintergrund nun leider einigermaßen ratlos und verwundert zurück …

Wir ersparen uns hier ein Lamento über die nicht wenigen Mängel in Sachen Orthographie und Interpunktion, die sich – buchstäblich – vom Vorwort bis zur letzten Seite des Buches ziehen, über die dürftige technische Qualität mancher Bilder (v.a. S. 128), über die teils eigenartig archaische Ausdrucksweise (beispielsweise firmiert das Grab des Chatam Sofer in Bratislava unter dem Titel „Judendenkmäler“: S. 58) und Ähnliches mehr. Über all das mag man letztlich hinwegsehen können, so ärgerlich es mitunter für den Leser sein mag.

Nicht hinwegsehen kann man dagegen darüber, dass Teile des Buches – man muss es leider sagen – sachlich problematisch, missverständlich oder auch schlicht inhaltlich fehlerhaft sind.

An einigen – besonders augenfälligen – Beispielen:

In einer Zeitleiste, u.a. zu den rechtlichen Entwicklungen in Ungarn, ist davon die Rede, dass das Judentum 1895 „als Staatsreligion [!] anerkannt“ worden sei (S. 14). Ernsthaft – das Judentum als „Staatsreligion„? Was tatsächlich gemeint ist, ist offenbar der Umstand, dass die jüdische Religion 1895 den Status „volle[r] gesetzliche[r] Anerkennung“ erlangte – sodass nun allererst „das Ziel der vollständigen Emanzipation als erreicht betrachtet werden [konnte]“ (W. Bihl: Das Judentum Ungarns 1780-1914. In: Studia Judaica Austriaca. Bd. III. Studien zum ungarischen Judentum. Eisenstadt 1976. S. 17-31, hier 22).

Zwei Fotos auf S. 122 zeigen Textilien mit hebräischer Aufschrift – beide stehen allerdings auf dem Kopf! (Zudem ist die Bildbeschriftung, „Thora-Decken“, zumindest ungewöhnlich und auch uneindeutig – in einem Fall handelt es sich jedenfalls um einen Tora-Vorhang).

An anderer Stelle wird das Laubhüttenfest wie folgt erläutert:

Das rituelle Laubhüttenfest (Sukka) [!] ist ein Dankesfest und wird im Herbst begangen. Es erinnert an den 40-tägigen [!] Aufenthalt der Juden in der Wüste …

(S. 115)

Nun heißt das Fest aber nicht „Sukka“, sondern „Sukkot“ (die Pluralform zu „Sukka“, „Hütte“); und das Volk Israel benötigte für seinen Wüstenzug bekanntlich nicht 40 Tage, sondern 40 Jahre (siehe z.B. Josua 5,6)!

Es sind basale Sachverhalte, die hier offenkundig schlicht nicht korrekt dargestellt werden.

Die Reihe ließe sich problemlos fortsetzen. In Summe muss hier, bei aller Sympathie für das grundsätzliche Anliegen eines solchen Buches, die Frage erlaubt sein, ob der Sache angesichts solcher eklatanter Defizite tatsächlich noch gedient ist. Diese Bedenken verschärfen sich noch, wenn man sich die Rezeptionswege vergegenwärtigt, die für Bücher mit solcher und ähnlicher Thematik typisch sind: ihre Verwendung gerade durch LehrerInnen und Studierende, ihre Heranziehung für schulische Projekte, Maturaarbeiten usf.

Die gute Absicht aller Beteiligten in Ehren – sie allein ist leider nicht genug …

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Badatz!

Chajm Guski ist ein publizistisch Umtriebiger: Blogger auf „Chajms Sicht“ und Herausgeber der Info-Plattform talmud.de, Autor für die „Jüdische Allgemeine“ und gastweise auch für andere Medien, so auch hier im…

Chajm Guski ist ein publizistisch Umtriebiger: Blogger auf „Chajms Sicht“ und Herausgeber der Info-Plattform talmud.de, Autor für die „Jüdische Allgemeine“ und gastweise auch für andere Medien, so auch hier im Museumsblog. Und nun also auch noch Buchautor. „Badatz!“ heißt das unlängst erschienene Bändchen, das Arbeiten für die „Jüdische Allgemeine“ zusammenführt – und „viel zu tiefe Einblicke in den jüdischen Alltag“ verheißt.

Versammelt sind darin gut 40 erzählerische Miniaturen, knappe pointierte und geschickt überzeichnete Glossen, angesiedelt irgendwo zwischen Synagoge und Alltagsirrsinn – etwa über die „Kunst der gepflegten Kiddusch-Tisch-Konversation“ (56) und die Synagogengemeinde als Heiratsmarkt, Tücken der Bar-Mizwa-Vorbereitung oder das Enervierende der immergleichen Jom-Kippur-Witzchen:

Es gibt kein Jahr, in dem nicht irgendjemand bei der Ankunft zum Nachmittagsgebet gefragt hätte: ‚Na, hat’s geschmeckt?‘ oder ‚Wisch dir mal die Sauce aus dem Gesicht‘. Schon bin ich kurz davor, mein Sündenkonto fürs kommende Jahr knietief in den Dispo zu zwingen (95).

Bemerkens- und lesenswert ist das schon darum, weil Bücher, die den deutsch-jüdischen Alltag der Gegenwart aus der Binnenperspektive in den Blick nehmen, im Ganzen dann doch eher rar sind; noch mehr aber, weil diese kleinen Erzählungen so ganz und gar unverkrampft, witzig und clever gebaut daherkommen – oder, wenn wir uns ein paar Vokabeln aus der professionellen Feuilletonsprache ausleihen dürfen: so sprachgeschickt wie pointensicher. Ungeschoren bleibt dabei kaum jemand, am allerwenigsten freilich der Ich-Erzähler selbst –

Irgendjemand hat mal behauptet, Juden seien reich. Muss man das irgendwo anmelden? (10)

In Summe, ein Buch – adressiert an jüdische und nicht-jüdische LeserInnen gleichermaßen –, zu dem wir gerne raten.

Einziger, kleiner Schönheitsfehler: Gerade weil „Badatz!“ explizit auch nicht-jüdische Leser ansprechen will, hätte dem Buch ein Glossar hebräischer Begriffe bzw. religiöser Termini technici gut angestanden. Das Wissen um religiöse Basisbegriffe mag man bei einschlägig Interessierten ja voraussetzen können – das um „Oneg Schabbat“ (126), „Al Chet“ (95) und andere speziellere Begriffe dann aber doch eher nicht. Nu, vielleicht in der zweiten Auflage …

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Ein Meister des Prager Deutsch

Prager Triptychon – von Johannes Urzidil. Beim Kramen in meiner Bibliothek ist mir dieser Tage wieder die dtv-Ausgabe dieses Romans in die Hände gefallen, den ich vor genau 50 Jahren…

Prager Triptychon – von Johannes Urzidil. Beim Kramen in meiner Bibliothek ist mir dieser Tage wieder die dtv-Ausgabe dieses Romans in die Hände gefallen, den ich vor genau 50 Jahren gelesen habe. Im April 1963 in Haus im Ennstal, wo ich mit zwei Freunden zum österlichen Schifahren einquartiert war. Ich habe Datum und Ort aus welchen Gründen damals auch immer im Inneren des Buches vermerkt.

Und zu dem kleinen Urlaub als Student an der Universität Wien im 8. Semester habe ich mir diese Lektüre mitgenommen, weil ich kurz davor in einem Kulturinstitut in der Annagasse im Ersten Wiener Gemeindebezirk Gast bei einer Lesung Urzidils gewesen bin, die mich sehr beeindruckt hat.

Der 1896 in Prag geborene, 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag ins Exil gegangene (über Italien nach England, 1941 dann in die USA/ New York) Schriftsteller las damals seine Erzählung „Der Tod und die Steuern“, in der er die Schwierigkeiten seiner ersten Jahre in Amerika thematisiert hat. Bravourös und durchaus auch humorvoll vorgetragen, trotz der leidvollen Erfahrungen in einer ihm noch völlig neuen und fremdartigen Umwelt.

Johannes Urzidil (Sohn eines deutschböhmischen Eisenbahningenieurs und einer tschechisch-jüdischen Mutter) emigrierte in die USA mit seiner Frau Gertrude Thieberger, die einer angesehenen Rabbinerfamilie Prags entstammte, und lebte bis wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1970 in New York. (Urzidils Schwager, Friedrich Thieberger, war übrigens der Hebräisch-Lehrer Franz Kafkas) Gestorben und begraben ist Johannes Urzidil allerdings in Rom, wo er sich gerade im Rahmen einer Vortrags- und Lesereise durch Europa befunden hat. In einem Nachruf würdigte ihn der prominente Wiener Kritiker Hans Weigel als

einen europäischen Österreicher, der das Land der Böhmen mit der Seele suchte. … Mit ihm ist das alte Prag in die höhere Wirklichkeit der unvergänglichen Legenden eingegangen.

Bis zur Besetzung Böhmens und Mährens durch Nazi-Deutschland war Urzidil das jüngste Mitglied des legendären Deutsch-Prager Dichterkreises. Er war mit Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel befreundet. 1924, im Alter von 28 Jahren, hielt Urzidil beim Begräbnis von Kafka eine Trauerrede.

Mit Prag und Böhmen beschäftigen sich auch die meisten seiner Erzählungen und Romane wie „Die verlorene Geliebte“, „Das Prager Triptychon“ oder „Da geht Kafka“. Von großer literarhistorischer Bedeutung ist Urzidils bis heute unerreichte Studie über „Goethe in Böhmen“.

Urzidil war 13 Jahre lang auch Mitglied der deutschen Prager Freimaurerloge „Harmonie“, die unter der Gerechtsame der Großloge „Lessing zu den drei Ringen“ arbeitete und die Urzidil selbst nach der Besetzung Prags durch die Nazis, unmittelbar vor seiner Emigration, auflösen musste. Davor bekleidete er verschiedene Ämter in dieser Loge, hielt zahlreiche Logenvorträge und war auch Redakteur der masonischen Zeitschrift „Die drei Ringe“.

Die Freimaurerei, so Johannes Urzidil in einem in den 1960er-Jahren erschienenen Text,

halte ich für ein lebenswichtiges Vehikel der allgemeinen Moral, sofern sie nicht vereinsmeierisch betrieben wird, ebenso wie ja auch die Religionen von mancherlei Orthodoxie freigehalten werden müssen, um richtig wirken zu können. Ich habe die Bibel beider Testamente bei den Arbeiten der Freimaurer niemals als bloßes Symbol betrachtet. Sie ist vielmehr die große innere Sicherung der königlichen Kunst und sollte nicht bloß daliegen, sondern von A bis Z die unerlässliche Pflichtlektüre jedes Freimaurers sein.

Urzidils Werke sind heute auch eine Begegnung mit dem legendären Prager Deutsch verflossener Zeiten, nach Ansicht des Literaturkritikers Peter Demetz, das reinste Deutsch vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

Urzidils Meisterschaft besteht nicht zuletzt darin, als gelehrtester aller Prager deutschen Schriftsteller zu erzählen und seine Gelehrsamkeit dabei höflich zu verbergen, um die Leute nicht zu stören, die ihn partout als Herz- und als provinziellen Heimatschriftsteller lesen wollten.

Um sich einen guten Überblick über diese Werke zu verschaffen, ist der von Klaus Johann und Vera Schneider vor zwei Jahren herausgegebene Auswahlband „Johannes Urzidil – HinterNational“ zu empfehlen (Potsdamer Bibliothek, Deutsches Kulturforum – östliches Europa). Beigelegt ist diesem Lesebuch eine CD, auf der Mitschnitte vieler Lesungen Urzidils und seine wunderbare Vortragskunst zu genießen sind.

Buchcover 'Johannes Urzidil - HinterNational'

Buchcover „Johannes Urzidil – HinterNational“

Ich bin, wie ich hier sitze, … beinahe die letzte Reliquie Kafkas. … Kein Mensch unter den Tschechen – unter den rund 1 Million Tschechen, die in Prag lebten – hatte eine Ahnung, was für ein bedeutender Mann [mit dem Tode Kafkas] dahingegangen war. Selbst unter den Deutschen war es nicht viel anders. Ich erinnere mich, als wir nach der Bestattung Kafkas – Brod und ich – die Totenreden für ihn hielten …, dass wir beide auf die künftige Weltbedeutung Kafkas hinwiesen – was dem Publikum ein leichtes Lächeln abnötigte. Es wollte das niemand glauben. … Der Vater meiner Frau [traf] einmal, als die ‚Verwandlung‘ erschienen war, auf der Straße Kafka …, und, um ihm eine Freundlichkeit zu sagen, bemerkte [er]: ‚Ich habe soeben Ihr neues Buch gelesen.‘ Und da sagte nun Kafka: ‚Na, was sagen Sie, Herr Professor – was in unserm Haus für Sachen vorgehen!

Hier im O-Ton: Johannes Urzidil – in großartigem Vortragsstil! – über Kafka, dessen Werk und dessen Verhältnis zum Judentum:


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Bild und Tipp der Woche – Hermann Leopoldi

„Die drei Wien des Hermann Leopoldi“ – Ausstellung in der Wienbibliothek (im Rathaus) … Wir haben so wie die Schweiz Auch im Wappen ein Kreuz. Schaust du dir das Kreuz…

„Die drei Wien des Hermann Leopoldi“ – Ausstellung in der Wienbibliothek (im Rathaus)

… Wir haben so wie die Schweiz
Auch im Wappen ein Kreuz.
Schaust du dir das Kreuz genauer an,
ist oft ein Hackerl dran.
O Hackenkreuz, o Hackenkreuz
Was machst du für Gezeter? [nach „O Tannenbaum“]

Das offene Ansprechen von Hakenkreuzen (hier „Hackenkreuze“) und nationalsozialistischem Antisemitismus ist einmalig in Leopoldis Liedern. 1924 konnte man sich über die Nationalsozialisten als eine unbedeutende politische Splittergruppe noch lustig machen …

Traska, a.a.O., 129

Ausstellung 'Die drei Wien des Hermann Leopoldi'

Noch bis 4. Oktober 2012 haben Sie die Möglichkeit, die sehr feine Ausstellung über den großen Komponisten und Interpreten des Wienerliedes, Hermann Leopoldi, geboren als Hersch Kohn am 15. August 1888, zu sehen. In der Ausstellung sehen Sie nicht nur sehr viele Fotos, Plakate und Dokumente, sondern können auch Audiobeispiele genießen!

Zur Ausstellung ist ein wunderbares, penibel recherchiertes Buch erschienen, das wir Ihnen ebenfalls sehr empfehlen dürfen:

Georg Traska, Christoph Lind (Hg.), Hermann Leopoldi, Hersch Kohn. Eine Biographie, Wien 2012.

Beigebunden ist eine CD mit Hermann Leopoldis Liedern, von den „Meidlinger Buam“ über „G’schichten aus dem Wienerwald“ und „There Is a Little Cafe Down the Street“ bis hin zum Buchwälder Marsch.

Informationen zur Ausstellung (Öffnungszeiten etc.) sowie ein Hörbeispiel können Sie hier downloaden!

Am 22./23. September 1938 wurde Hermann Leopoldi von Dachau ins KZ Buchenwald überstellt. Dort entsteht eines seiner wohl bekanntesten Lieder, „das Lied von Buchenwald“, dessen Text von Fritz Beda-Löhner stammt:

Oh Buchenwald, ich kann Dich nicht vergessen,
Weil Du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen,
Wie wundervoll die Freiheit ist.
Doch Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
Und was auch unsre Zukunft sei:
Wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen,
Denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei!

Refrain des „Buchenwälder Marschs“

Das kleine Bild, rechts oben im Teaser zum Blogpost, ist ein Bildausschnitt und stammt ebenfalls aus dem Buch Traska, a.a.O., 148.


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Jüdisches Burgenland – Entdeckungsreisen

Was, bitte, war denn Wien? A Vorort von Aisenstadt! Dieser im Jerusalemer Stadtteil »Kirjat Mattersdorf« noch immer gebräuchliche Ausspruch zeigt die einzigartige Bedeutung der jüdischen Gemeinden des Burgenlands. Den Reigen…

Was, bitte, war denn Wien? A Vorort von Aisenstadt!

Dieser im Jerusalemer Stadtteil »Kirjat Mattersdorf« noch immer gebräuchliche Ausspruch zeigt die einzigartige Bedeutung der jüdischen Gemeinden des Burgenlands.

Den Reigen der Veranstaltungen anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums unseres Museums eröffnet die

Präsentation des eben erschienenen Buches

Jüdisches Burgenland. Entdeckungsreisen
von Christof Habres und Elisabeth Reis

mit Podiumsdiskussion.

Wir laden Sie sehr herzlich dazu ein!

Wann: Sonntag, den 15. April 2012, Matinee um 11 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Am Podium:

Florian Bayer (Leiter Esterházy-Sammlung) oder Robert Tannenbaum (Leiter Kulturbetriebe Esterházy)

Paul Gulda (R.E.F.U.G.I.U.S)

Lutz Popper (Arzt, Oberwart)

Patrick Frankl (Geschäftsführer Schiller-Moden, Eisenstadt)

Johannes Reiss (Österreichisches Jüdisches Museum, Eisenstadt)

 

Die historisch-literarischen Entdeckungsreisen in die Vergangenheit und zu den gegenwärtigen Spuren jüdischen Lebens im Burgenland

Das Autorenduo Christof Habres und Elisabeth Reis beschreibt die in Österreich einzigartige Geschichte jüdischen Lebens, die weltweit bis heute bekannten rabbinischen Lehrtraditionen der Tora- und Talmudschulen des Landes, aber auch die ungeheuer radikale und schnelle Auslöschung der jüdischen Gemeinden nach dem Anschluss. Einfühlsame Porträts von Zeitzeugen, Nachfahren jüdischer Burgenländer und engagierter Menschen führen zu den Spuren in der Gegenwart.

Die spannenden, penibel recherchierten Entdeckungsreisen vom Weinkeller in der Seitenstettengasse in Wien, zu allen ehemaligen jüdischen Gemeinden im Burgenland bis in den Stadtteil »Kirjat Mattersdorf« in Jerusalem machen dieses Buch zu einem lesenswerten Kaleidoskop dieser bedeutenden, in Mitteleuropa herausragenden Epoche jüdischen Lebens.

Quelle: Metro-Verlag

Die Vorbereitungen unseres Jubiläumsprogramms laufen auf Hochtouren: in Bälde werden wir unser „Outdoor-Projekt Ver-/Be-gangen“ präsentieren und Sie selbstverständlich hier am Laufenden halten!


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Flaschenpost an die Zukunft

Erinnerung an den Lyriker Gabor Hajnal Nach längerer Enthaltsamkeit als Gastautor dieses Bloggs möchte ich mich heute wieder zu Wort melden und auf einen aus dem südlichen Burgenland stammenden jüdischen…

Erinnerung an den Lyriker Gabor Hajnal

Nach längerer Enthaltsamkeit als Gastautor dieses Bloggs möchte ich mich heute wieder zu Wort melden und auf einen aus dem südlichen Burgenland stammenden jüdischen Lyriker aufmerksam machen, dessen Geburt sich im kommenden Herbst zum 100. Male jährt.

Sein Name: Gabor Hajnal. Das Licht der Welt hat dieser Mann am 4. Oktober 1912 in Kohfidisch erblickt, das damals noch zum westungarischen Komitat Vas im Königreich Ungarn gehörte (zur Gründung des österreichischen Bundeslandes Burgenland kam es bekanntlich ja erst im November 1921), gestorben ist er am 26. Jänner 1987, also vor demnächst 25 Jahren, in Budapest. In Hajnals Geburtsort Kohfidisch (im Bezirk Oberwart gelegen) gab es damals (und gibt es auch heute noch) ein Schloss der ungarischen Magnatenfamilie Erdödy.

Hajnal hieß bei seiner Geburt Holzer und war der Sohn einer jüdischen Kaufmanns- und Gastwirtefamilie in Kohfidisch, die 1920 nach Steinamanger/ Szombathely übersiedelte und ihren Namen auf Hajnal magyarisieren ließ. In Steinamanger absolvierte der junge Gabor das Gymnasium und maturierte dort 1930. Danach studierte er an der Universität in Budapest Jus, war viele Jahre als Beamter im Justizministerium in der ungarischen Metropole tätig, ehe er sich zu einem Leben als Freier Schriftsteller und Übersetzer entschloss.

Vor dem Zweiten Weltkrieg übersetzte er Größen der deutschsprachigen Dichtung wie Goethe, Hölderlin, Heine, Rilke, Lenau und Grillparzer ins Ungarische, in den Sechziger- und Siebziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts dann Georg Trakl, Bertold Brecht, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, H.C. Artmann und Erich Fried. Manchmal hatte er sogar das beklemmende Gefühl, dass ihn seine vielfältige Übersetzungsarbeit doch ein wenig an der Produktion seiner eigenen Lyrik hindere, was er poetisch einmal so ausdrückte:

Die Schatten ungeschriebener Gedichte umflattern mich
Während ich fremde Verse stille“.

Die Kriegsjahre 1939 – 1945 waren für Gabor Hajnal schwere Jahre.

Als Jude diskriminiert, verlor er allmählich alle Möglichkeiten als Schriftsteller tätig zu sein, musste als Hilfsarbeiter in einer Fabrik arbeiten und schließlich als Verfolgter in verschiedenen Arbeitslagern ein ständig bedrohtes Leben fristen

Klara Köttner- Benigni

Seine eigenen Gedichte, alle ungarisch verfasst und vom Rhythmus dieser sehr melodiösen und auch ein wenig pathetischen Sprache getragen, hat Hajnal in insgesamt 18 Bänden veröffentlicht. Eine Auswahl daraus in deutscher Übersetzung ist 1978 in der DDR- Version des Verlags Philipp Reclam in Leipzig erschienen. In einem Band mit dem Titel „Walpurgisnacht“. Seine Verse im Deutschen (nach wörtlichen Rohübersetzungen von Sprachkundigen) nachgedichtet haben ausgezeichnete DDR- Autoren wie Günter Kunert und Franz Fühmann. Fühmann betonte dabei in einem Nachwort des Bandes, dass Hajnal zweifellos zu den bedeutendsten Dichtern des damaligen Ungarn gehört. Seine Gedichte seien Zeugnis der Bewältigung bitterster Lebenserfahrungen. Sie kündeten vom Standhalten und Standgehalten-Haben auch in Hiobs- Situationen. Und Fühmann zitiert dabei ein von ihm ins Deutsche übertragene Gedicht Hajnals, in dem dies auch vom Dichter aus Kohfidisch bestätigt wird.

Wenn wenigstens / winterliche Kälte kreischte / so wäre Hoffnung, dass dies einmal ende / der Frühling käme und danach der Sommer/…./ aber um uns ist Herbst / ewiger Herbst.“ Und trotzdem: „Flaschenpost sind alle meine Worte / weil ich dennoch an die Zukunft glaube.

Zum Burgenland fand Hajnal wieder in den 1970ern engeren Kontakt. Er absolvierte Lesungen (u.a. auf Einladung des Ungarischen Kulturvereins in Unterwart) und veröffentlichte einige seiner Gedichte in den Zeitschriften „Volk und Heimat“ und „Pannonia“. Darunter auch jenes, das er als persönlichen Nachruf auf den in Paris freiwillig aus dem Leben geschiedenen galizisch-jüdischen Dichter Paul Celan geschrieben hat und von Günter Kunert ins Deutsche übertragen wurde.

Von Tür zu Tür tritt die Nachricht
trommelte in die Ohren
es prasselt der Regen und
schreckt dich auf in der Nacht
durchbebt den Morgen
trommelt und trommelt und
du begreifst nicht begreift nichts
es wirbelt die Trommel.

Flucht vor langsam mahlender Qual
durch Qual zerberstend im Augenblick
In nichts.

Von Tür zu Tür tritt die Nachricht
sein Leichnam sein gefunden
es trommelt in die Ohren
in den Tod ging der Überlebende
seinen Platz hatte er vergeblich gesucht.

Flucht vor langsam mahlender Qual
durch Qual zerberstend im Augenblick
in nichts.

Seiner Worte Trommelwirbel
schreckt dich auf in der Nacht
durchbebt den Morgen
begreifst du nichts? Begreifst du nichts?


Bildnachweis: Gerald Schlag, Burgenland. Geschichte, Kultur und Wirtschaft in Biographien


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