Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: literatur

Köpfe der Woche – Rubinstein / Zweig

Youtube-Video: Anton Rubinsteins wunderschöne Romanze in E-Moll, gespielt von niemand Geringerem als Isaac Stern Der morgige 28. November hat sowohl ein prominentes musikalisches wie auch ein berühmtes literarisches Geburtstagskind vorzuweisen:…

Youtube-Video: Anton Rubinsteins wunderschöne Romanze in E-Moll, gespielt von niemand Geringerem als Isaac Stern


Der morgige 28. November hat sowohl ein prominentes musikalisches wie auch ein berühmtes literarisches Geburtstagskind vorzuweisen: Vor 130 Jahren, am 28. November 1881, wurde der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig geboren, ein gutes halbes Jahrhundert zuvor, am 28. November 1829, der russische Komponist Anton Grigorjewitsch Rubinstein.


Grund genug, meinen wir, für einen musikalisch-literarischen Doppel-„Kopf der Woche“ – zumal sich gewisse (zumindest sentimentale) Anknüpfungspunkte für unser Museum ergeben: 2003 zeigten wir in unserem Haus die sehr gelungene Wanderausstellung „Stefan Zweig – Ein Österreicher aus Europa“ – und Rubinstein, ab 1852 Hofpianist bei der Großfürstin (H)Elena Pawlowna, führt uns quasi in das biographische Hintergrund-Milieu unseres (hier im Blog schon mehrfach angesprochenen) Blauglockenbaums. Denn die Fürstin gehörte (angeheirateter-weise) zur Familie des Zaren Alexander I., dessen Schwester Anna Pawlowna wiederum die Namensgeberin unseres schönen Baums ist… ;-) Außerdem: das Jahr 1847 brachte Rubinstein im Palais Esterhazy in Bratislava zu – und von 1871-72 wirkte er als künstlerischer Direktor des Wiener Musikvereins


Den Juden bin ich ein Christ, den Christen ein Jude; den Russen bin ich ein Deutscher, den Deutschen ein Russe, den Klassikern ein Zukünftler, den Zukünftlern ein Retrograder u.s.w. Schlussfolgerung: ich bin weder Fisch noch Fleisch – ein jammervolles Individuum.

Wikipedia


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Mit Joseph Roth ins jüdische Burgenland

Vorbemerkung Im August 1919 erschien in der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“ eine Reihe von Reise-Reportagen – Titel: „Reise durchs Heanzenland„, verfasst von „unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter„, Joseph Roth….

Vorbemerkung

Im August 1919 erschien in der Wiener Tageszeitung „Der Neue Tag“ eine Reihe von Reise-Reportagen – Titel: „Reise durchs Heanzenland„, verfasst von „unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter„, Joseph Roth.

Der damals noch am Beginn seiner publizistischen Laufbahn stehende Roth (geboren 1894 im heute ukrainischen Brody) hatte im Frühjahr 1919 beim eben erst gegründeten (und im April 1920 auch schon wieder eingestellten) „Neuen Tag“ angeheuert (vgl. W. von Sternburg: Joseph Roth. Eine Biographie. Köln 2009. S. 194-207).

Seine Reise durch (Deutsch-)Westungarn (eben das „Heanzenland„) bzw. das heutige burgenländisch-ungarische Grenzland, die er zu pointierten (und, wie von Sternburg richtig anmerkt: nicht vorurteilsfreien) Texten verarbeitet, führt Roth durch einen politisch gebeutelten Landstrich (dessen Status sich letztlich erst 1921, mit der Entstehung des Burgenlands, klären wird): nach Neudörfl und (Bad) Sauerbrunn, Nagycenk/Zinkendorf und Sopron/Ödenburg

(Roth:

Ich würde ein großes Tor errichten als Eingangspforte und mit riesigen, weithin sichtbaren Lettern darüber schreiben: Nomen est omen! Denn nie sah ich eine Stadt, zu der der Name besser passte…) –

und schließlich nach Deutschkreutz, wo der Autor es zunächst mit einer Kostprobe burgenländischer Volkskultur zu tun bekommt, um am Ende in einer „Filiale der Leopoldstadt“, der Deutschkreutzer jüdischen Gemeinde, zu landen…

Im Folgenden Roths Beschreibung dieser letzten Station seiner „Reise durchs Heanzenland“ und der Geschichte der westungarisch-/burgenländisch-jüdischen „Siebengemeinden„. Die Textfassung folgt (mit minimalen Anpassungen) der Veröffentlichung im „Neuen Tag“.

Wir wünschen viel Lese-Vergnügen!

Zeitungsausschnitt 'Reise durchs Heanzenland' - aus: 'Neuer Tag'

Reise durchs Heanzenland.
Von unserem nach Westungarn entsandten Sonderberichterstatter.

(…)

Deutsch-Kreuz.

In Deutsch-Kreuz war Tanz- und Polterabend.
Die weiten Gehöfte leer und nur die Alten waren zu Hause geblieben. Von Zeit zu Zeit kamen ein Kind oder ein Großvater des Weges daher und erzählten, dass „Marie-Tre’s“ ein Sacktuch wünsche.
In Deutsch-Kreuz ist die Institution der Parkettböden nicht bekannt.
Man tanzt vielmehr im Hofe und eine Ziehharmonika liefert die nötige greuliche Musik.
Die Mädchen, alle weiß gekleidet und mit schwarzen Kopftüchern, stehen in dichten drei Reihen hinter einander im Hofe, die Burschen stehen auf der anderen Seite, aber eher in Gruppen, viel zwangloser und freier. Manche sitzen drin in der Schenke und tun einen anständigen Zug. Auf einmal geht der Spektakel los:
Aus der missgestimmten Ziehharmonika flattert ein tiefer Ton auf, wie ein schwerer, plumper Vogel versucht er, eine Weile in der Luft zu bleiben und fällt dann schwer und plumpsend zu Boden.

Diesem Ton folgt ein heller, junger, es klingt wie ein Hahnenschrei und auf dieses Zeichen stürzen die Burschen ohne Hüte und in Hemdärmeln aus der Schenke. Im Nu sind die Weiber vergriffen. Der Bursche hält das Mädchen nicht etwa an sich gepresst, sondern hat beide Arme um ihre Hüfte geschwungen. Der Oberarm bleibt hölzern, steif und fest, so dass das Mädchen in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern von seinem Körper entfernt bleibt.
Der Tanz ist vollkommen kunstlos und besteht aus monotonen Drehbewegungen. Man dreht sich so lange, als der Ziehharmonikamensch will, denn es gilt als Schimpf, früher aufhören zu müssen. Man dreht sich in dem engen Hofe, in dem es zum Ersticken heiß ist, bis man im eigenen Schweiße ertrinkt. Der Boden ist nass wie nach einem Platzregen.

Da ich ins Wirtshaus trete, singen die Leute grade ein heanzerisches französisches G’stanzel:

Von da Nah und von da Fean
Lod’ ma olli ein, an jedn gseg ma gean.
Ochzig Hella is Eintrittsgöld
Des wegn is a nit g’fölt.
Denn wou spült d’Neuhausa Musi
Dou is a Hetz, a G’schpusi.

Man entdeckt an mir Kragen und Krawatte, hält mich für einen kommunistischen Agitator und feindselige Stille tritt plötzlich ein. Der Wirt poltert los: I kenn‘ Ihna gar nicht!

„Das macht nichts! Sie sollen mich kennen lernen!“
„Was wollen’s denn?“
„Was zu essen und einen Wein! Und schlafen möcht ich hier!“
„Z‘ essen hob i selber nix und schlof’n könnens net. An Wein könnens hab’n, wenn Sö Blaugeld han.“
Ich han Blaugeld und trinke einen Wein. Weil ich mit einer Hundertkronennote zahle, kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache.
Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist.
Nun aber kannst du in Deutsch-Kreuz drei Stunden lang herumwandern und findest kein Quartier und kein Brot. Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich. Entweder bist du ein Spion der Szegediner, so hat man Angst. Oder du bist ein Agitator Kuns, so hasst man dich. Du kannst verhungern. Zumal, da sowohl der Herr Pfarrer als auch der Herr Notär irgendwo beim Tarock sitzen.

Plötzlich sehe ich die Große Mohrengasse auftauchen.

Hausierergesichter, typische Leopoldstadt. Eine Judengruppe. Sie reden hochdeutsch mit den Händen. Ihre Bewegungen halten die Mitte zwischen Bedächtigkeit und Leidenschaft. Sie reden Leitartikel über Bela Kun. Bleiche Pogromangst spukt um sie herum.

In Deutsch-Kreuz sind sie zu Hause. Da ich einen um Quartier bitte, lässt er mich durch einen rothaarigen, sommersprossigen Judenjungen nach dem Hause eines Glaubensgenossen führen. Ich bekomme Brot und Eier und ein Bett. Ich teile das Zimmer mit einer gelähmten Großmutter, dem Ehepaar und zwei hübschen, schwarzäugigen Töchtern.
Am Morgen erlege ich nicht weniger als fünfzig Kronen in Blaugeld und wandere weiter.
Aber über die Juden in Deutsch-Kreuz muss ich noch erzählen.

Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles.

Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopoldstadt.
Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreuzer Ghetto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes Leben.
In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar Jahrhunderte alt. Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkäppchen auf dem Haupte. Er sitzt an einem langen Tisch und um ihn herum seine Jünger. Judenburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu Zeit der grelle Schrei der Ziehharmonika vom Wirte drüben.

Synagoge Deutschkreutz, um 1920

Synagoge in Deutschkreutz, um 1920

Ich will mit dem Rabbi über die Gemeinde sprechen. Er drückt mir die Hand und bittet mich um Verzeihung: er habe leider keine Zeit. Ich möchte zum Kultusvorsteher, Herrn Lipschütz, gehen.
Herr Lipschütz ist ein Mann um die Fünfziger. Ist auch schon in Budapest und, als er noch jung war, sogar in Wien gewesen und hat Manieren.
Er bittet mich in den „Salon“. Ein dunkelrot gehaltenes Zimmer, lauter Plüsch und Samt und verstaubte Nippessachen, Tintenfässer, Vögel, Hunde aus Bronze auf der Konsole. Der Stuhl, den er mir anbietet, ist leider durchgedrückt und ich rutsche in eine Versenkung, aus der ich mich mit vieler Mühe wieder hinausrette, um fortab am Stuhlrand sitzen zu bleiben.

Herr Lipschütz erzählt mir:
Vor vielen Jahren seien die Juden aus Oesterreich vertrieben worden und wären zum Fürsten Esterhazy gekommen. Dieser habe ihnen sieben Gemeinden, die sogenannten „Schweh-Khilles“, angewiesen. Es sind lauter deutsche Gemeinden. In einigen haben die Juden volle Autonomie und sogar eigene Bürgermeister. Die Juden sprechen ein reines, fehlerloses, etwas hartes Deutsch und vertragen sich ausgezeichnet mit der Bevölkerung. Die deutschen Bauern machen einen strengen Unterschied zwischen „Budapester“ und „unseren“ Juden.

Das Haus des Herrn Lipschütz ist einstöckig, mit einem großen Hof. Er ist der reichste Jude in der Gemeinde und sein Name ist weit und breit bekannt.
Der Kantor, der vor ungefähr 50 Jahren noch im Deutsch-Kreuzer Judentempel die Gebete sang, hieß Goldmark. Sein Sohn war der berühmte Komponist Carl Goldmark, der aus einem Deutsch-Kreuzer Judenjungen ein Mann von Weltruf ward.

Die Gemeinde zählt auch den ungarischen Romanschriftsteller und späteren Sektionschef Alexander Doczi rekte Dux mit Stolz zu ihren Söhnen.
Die Juden von Deutsch-Kreuz und den Schweh-Khilles beschäftigen sich nur mit ehrlichem Handel und werden von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt. Sie haben sich rein und unvermischt erhalten und aus ihren Gesichtern klagte das Jahrtausende alte Leid Ahasvers.
Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Weinen und Fasten. Die Deutsch-Kreuzer Juden fasten zweimal in der Woche und beten den halben Tag lang.
Der Tempeldiener kommt morgens und abends an jede Tür, klopft mit einem Hammer und ruft die Juden zum Gebet.
Ich besah mir den Hammer: er ist schon ganz klein, schwarz, fettig und „abgeklopft“. Er mag so alt sein, wie die Gemeinde.
Manchmal wächst ein Judenjunge heran, hat Begabung und Glück und wird ein Goldmark oder Doczi. Aber nur manchmal.
Die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind.
Das ist die Geschichte der Juden von Deutsch-Kreuz und der „Schweh-Khilles“.

Joseph Roth.
In: Der Neue Tag, 9. August 1919, S. 4f.


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir unsere Publikation „Aus den Sieben-Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland„, in der Sie diese und andere Anekdoten, Erzählungen, Reiseberichte usw. aus den Sieben-Gemeinden finden.


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Buchtipp der Woche – Weder Ort, noch Stein

„Statt ein Gebet ein Gedicht hersagen“ – Elfriede Gerstl statt oder als? Unermüdlich Gebete und Gedichte sagen hersagen aufsagen in mich rufen … und Gedichte als Gebet denn Gebete sind…

„Statt ein Gebet ein Gedicht hersagen“ – Elfriede Gerstl

statt oder als?
Unermüdlich Gebete
und Gedichte sagen
hersagen aufsagen
in mich rufen …

und Gedichte als Gebet
denn Gebete sind
Gedichte oder
können es sein
könnten es sein

vielleicht auch ohne
Trauer ohne Not die
aus mir ruft

und immer öfter
schweigt

damit Gebete
Gedichten gleichen

Dieses ist das erste Gedicht im neu erschienenen Lyrikband „Weder Ort, noch Stein“, von Nurit Schaller, den sie am vergangenen Mittwoch im Cafe Kafka in Wien erstpräsentierte. Ich durfte dabei die einführenden Worte sprechen (etwas gekürzt und überarbeitet hier widergegeben).

Die – oben zitierte – 2009 verstorbene österreichische, jüdische Schriftstellerin Elfriede Gerstl schreibt in ihrem Gedicht: „überraschungsgast“

das gedicht kommt
wie eine katze
[…]

Mein erster Gedanke, als ich Nurits Gedichte las, war, dass die Gedichte tatsächlich „kommen“ wie eine Katze, zumindest so wie ich es mir als nicht-Katzenkenner vorstelle, dass eine Katze kommen könnte …

Nurit legt in ihrem Erstlingswerk sehr viele Gedichte vor, die leise, fast still, kommen. Es sind viele Gedichte, es sind – vielleicht nur auf den ersten Blick – sehr unterschiedliche Gedichte, die Gedanken aus verschiedenen persönlichen und künstlerischen Entwicklungsstufen widerspiegeln. Und es sind beeindruckende Gedichte!

Gedichte, die Bilder schaffen, ja, sie sind Bilder, die man erst einmal auf sich wirken lassen muss, die zwingen, jedes einzelne Gedicht nochmals und immer und immer wieder zu lesen, Gedichte, die dann aber sehr rasch neue Bilder erzeugen und vieles auslösen und einem die eigenen Worte nehmen; es fehlen die Worte Nurits Gedichte zu beschreiben – und das ist auch gut so!

Ich baue
Mir
Kein Haus

Ich lebe
Draußen
Als Wild

Vor der
Stadt
Gibt’s nichts

Nurit liest aus ihrem Buch ...

Gedichte in ihrem sehr eigenen, unverwechselbaren Stil. Nurits Sprache ist eine sehr poetische, aber auch eine sehr präzise, eine extrem direkte Sprache, eine sehr schöne Sprache. Die Sprache der Gedichte ist aber vor allem Nurits eigene Sprache – eine Sprache, die aus im Grunde wenigen, aber sehr intensiven Wörtern und Worten besteht, und es ist eine Sprache, die nahezu ohne Sätze auskommt! Eine Sprache die naturgemäß anstrengend für den Zuhörer ist oder sein kann.

Eine Sprache ohne Zeit, zumindest ohne Zeit in unserem westlichen Verständnis, die Gedichte scheinen sich überhaupt jeglicher Zeitdimension zu entziehen, der Zeitenwechsel innerhalb der kleinsten Gedichteinheiten gleicht im grammatikalischen Sinn einem Aspektwechsel (auch im Hebräischen gibt es die eigentlichen Tempora nicht). Ähnlich wie in den Texten der hebräischen Bibel scheinen in Nurits Gedichten die alten Funktionen der hebräischen Konjugationen auf aspektualer Grundlage nachzuwirken.

Diesen in ihren Gedichten so sichere Umgang mit der hebräischen Welt und insbesondere mit der hebräischen Sprachenwelt („Ort“, hebr. מקום, mit Artikel (determiniert) המקום = „Gott“) fand ich gleichsam genial als auch faszinierend. Aber auch als wenig überraschend, den Nurit ist eine brilliante Linguistin, die ihr Handwerk beherrscht. (Ich darf anmerken, dass ich Nurit Schaller vor vielen Jahren kennenlernte, als sie als junge Studentin meine Bibelhebräischvorlesung am Institut für Orientalistik der Universität Wien besuchte.)

Nurit hat mittlerweile ihr Studium, ihre Studien, beendet, ihre Ausdrucksform ist über weite Strecken die Kunst, die Malerei, die Texte, die Photographie … eine Kreative, und zwar im allerbesten Sinn des Wortes, und immer auf der Basis bzw. mit dem Hintergrund einer Wissenden!

Mehr noch: Ihre Gedichte spiegeln dieses Wissen sehr deutlich wider und doch – sie sind viel mehr als nur in Gedichte gepresstes Wissen, es ist Lyrik auf sehr hohem Niveau, die durchaus eben ohne die von Nurit intendierten Assoziationen an- und auskommt, anspricht, vereinnahmt und begeistert! Ganz sicher werden jene, die die intendierten Assoziationen erkennen, in den Gedichten nochmals andere Bilder entdecken und eigene Bilder dazu kreieren. Denn an Assoziationen, oder besser „Assoziationsräumen“, ist Nurits Gedichtband reich; völlig unaufdringlich und nahezu nebenbei, jedenfalls fast durchgehend so gut wie geräuschlos bedient sie sowohl die Klaviatur der griechisch-römischen (Platons „Nachtmahl“ wird zum „Abendmahl“ …), der europäischen als insbesondere auch der jüdischen, und näherhin der biblischen sowie rabbinischen und jüdisch-mystischen Geisteswelt, Kulturgeschichte und Philosophie, mitunter in einem einzigen kurzen Gedicht!

Nurit signiert ihre Bücher ...

Es wäre noch vieles zu den Gedichten sagen, die im Kant’schen Sinne aus sich heraus schön sind, erst fühlte ich mich wortlos und dann entstanden Bilder, Gedanken, eigene Assoziationsräume, ich blieb an einzelnen Wörtern hängen wie an dem so schönen Wort „Ohnehin“ – ein ganzes Gedicht ist dem Wort gewidmet …

das gedicht kommt
wie eine katze

schreibt Elfriede Gerstl

Nurits Gedichte kommen wie eine Katze …

Selbstverständlich begegnen wir auch ihrer eigenen Katze, sie setzt sich mit Erich Kästner auseinander und schreibt über Schmerz, Trauer und die Einsamkeit; und Nurit schreibt auch über „Gott, der mich NICHT führt, aber mir zusieht“, denn „seine Augen sind nicht blind …“ wie es in einem Gedicht heißt:

G’ttes Augen
Sind nicht
Blind

Nur wir

Sind taub
Für sein
Wort

Ich wünsche dem faszinierenden Lyrikband „Weder Ort, noch Stein“ von Herzen viele LeserInnen!

Nurit Schaller, Weder Ort, noch Stein, Horn 2011, Verlag Berger, ISBN: 978-3-85028-533-9

Nurit Schaller, geboren am 07. Juli 1975 in Wien, studierte u.a. Kulturanthropologie in Amsterdam, Jüdische Studien und Semitistik in Heidelberg. Ist Linguistin (Bibelhebräisch und Aramäisch), Herausgeberin der Kunstzeitschrift ‚diletto – the paper on art & cultures‘ und Künstlerin. Lebt, schreibt, malt und werkt in Wien.
Mehr über die Autorin: nuritschaller.org und diletto.org


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Unbekannte ‚Ikone‘

Bildquelle Eine Notiz zu Lea Goldberg Frage: Was ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Schriftsteller es (posthum) zu Ruhm und Ehre gebracht hat? Antwort: Sein/Ihr Porträt ziert a.) Briefmarken…

Bildquelle


Eine Notiz zu Lea Goldberg

Frage:
Was ist das sicherste Zeichen dafür, dass ein Schriftsteller es (posthum) zu Ruhm und Ehre gebracht hat?

Antwort:
Sein/Ihr Porträt ziert a.) Briefmarken und/oder b.) Geldscheine

Für die israelische Schriftstellerin Lea Goldberg (1911-1970), die im Mai ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, gilt genau dies. Nicht nur findet sich ihr Porträt auf einer israelischen Briefmarke …

… – Goldberg soll ebenso auf dem neuen 100-Schekel-Schein verewigt werden (dabei rangiert sie wert-mäßig übrigens zwischen Nathan Alterman, der für den 200-Schekel-Schein vorgesehen ist, und Tchernichovsky auf dem neuen 50er …;) ).

Und tatsächlich: Goldberg, geboren in Königsberg und 1935 (nach ihrem Studium u.a. in Berlin und Bonn) nach Palästina/Israel emigriert,

ist eine neuhebräische Ikone…In Zeiten der Entwicklung und Verbreitung des Iwrit als Sprache der alltäglichen Kommunikation im vorstaatlichen Jischuw wie auch in den ersten Jahrzehnten des Staates Israel hatte Lea Goldberg mit ihrem Werk großen Anteil an der Erneuerung des Hebräischen als Sprache der Literatur. Dies macht sie zu einer Literatin des Übergangs und des Übertritts – von Europa und seinen Zungen weg nach Palästina bzw. Israel hinein.

Dan Diner, im Vorwort zu: Yfaat Weiss: Lea Goldberg. Lehrjahre in Deutschland 1930-1933. [toldot. Bd. 9.] Göttingen 2010. S. 7.

Umso erstaunlicher, dass Lea Goldberg dem deutschsprachigen Publikum bis heute beinahe unbekannt ist (vgl. hierzu auch Weiss a.a.O. S. 9ff.); in deutscher Sprache sind (unseres Wissens) einzig Goldbergs „Briefe von einer imaginären Reise“ (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003) greifbar – ein Briefroman, im Original 1936/37 (in hebräischer Sprache) veröffentlicht, in dem Goldbergs Protagonistin Ruth sich auf eine fiktive Europa-Reise macht und in (eben: „imaginierten“) Briefen an ihren Geliebten Immanuel melancholische Selbst-, Reise- und Städtebilder zeichnet:

Im Nebenabteil saßen drei Männer. Ich trat hinaus in den Gang. Sie sprachen über Frauen –
… Es ist eigenartig, ich habe es einige Male bemerkt – Ihr, die Männer, wenn Ihr unter Euch seid, könnt dieses seltsame Bedürfnis nicht bezwingen, über Frauen zu sprechen – wie Antisemiten über Juden.
Doch das nur nebenbei. Viel wichtiger waren diese Schienen unter mir, die ich in der Nacht nicht sehen konnte. Es war nur merkwürdig klar: Wenn man das Herz eines Menschen aus seiner Brust schneidet, es an der Lokomotive festbindet und über die Schienen davonführt, wird dieses Herz, das inniglich an sein „Dort“ gebunden ist, sich doch überhaupt nicht von der Stelle bewegen. Wenn dem so ist, weshalb fährt dann der „ganze Mensch“, aus Fleisch und Blut, mit seinem törichten, ironischen Verstand und seinem schweren Herzen, das an das „Dort“ gebunden ist, an dem Du bist, überhaupt fort?

Lea Goldberg: Briefe von einer imaginären Reise. Aus dem Hebr. von L. Böhmer. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003. S. 38.

Doch war Goldberg auch Lyrikerin, Übersetzerin – und: Verfasserin von zahlreichen klassischen israelischen Kinderbüchern.
Wer letztere für sich entdecken möchte, hat ab Herbst endlich die Gelegenheit: Lea Goldbergs Kinderbuch „Zimmer frei im Haus der Tiere“ erscheint im Oktober 2011 in einer illustrierten deutschen Fassung (in der Übersetzung von Mirjam Pressler).

Wir danken Stamm-Leser und -Kommentator Meir Deutsch herzlich für den Hinweis auf Lea Goldbergs 100. Geburtstag!

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Kopf der Woche – Erich Fried

Mit einer handfesten (wiewohl entzückenden) Tautologie hat Erich Fried sich seinen Platz im deutschen Lyrik-Pantheon erobert – „Es ist was es ist…“ Vertrackter ist da schon das Selbstverständnis des Dichters:…

Mit einer handfesten (wiewohl entzückenden) Tautologie hat Erich Fried sich seinen Platz im deutschen Lyrik-Pantheon erobert – „Es ist was es ist…

Vertrackter ist da schon das Selbstverständnis des Dichters: ein Jude, aber kein religiöser; ein Österreicher, auch noch nach Jahrzehnten des Exils, aber ein „deutscher Schriftsteller“ –

Ich habe immer nur deutsch geschrieben. Deutsch, nicht österreichisch. Ich glaube nicht, dass es eine wesentlich österreichische Literatur im Gegensatz zur deutschen Literatur geben kann …

Ein Versuch, Farbe zu bekennen. In: E. Fried: Anfragen und Nachreden. Politische Texte. Hg. v. V. Kaukoreit. Berlin 1994. S. 25.

Erich Fried (aus: 'Altes Land, neues Land ... Texte zum Erich Fried Symposium 1999, Wien 1999)

Geboren 1921 in Wien begann Frieds literarische Karriere im englischen Exil (ein erster Lyrik-Band erschien 1944); an deren Ende (mit dem Tod des Dichters 1988) steht Fried der Büchnerpreisträger, Ehrendoktor und vielzitierte Klassiker moderner Liebeslyrik.

Abseits derselben zeigen Gedichte und Prosatexte Fried freilich auch als politischen Intellektuellen, der kontroversielle Gegenwartskritik nicht scheute: an der alten Heimat Österreich –

Welcher österreichische Schriftsteller hat schon in Österreich so viel Einfluss wie in Deutschland etwa Heinrich Böll oder Günter Grass oder sogar ich? Das ist doch bedenklich.

Die Freiheit, zu sehen, wo man bleibt. In: Fried 1994. S. 198 -,

an einem „chauvinistischen“ Zionismus und politischer Unkultur verschiedenster Couleur …

IN DER HAUPTSTADT

‚Wer herrscht hier?‘
fragte ich
Sie sagten:
‚Das Volk natürlich‘

Ich sagte:
‚Natürlich das Volk
aber wer
herrscht wirklich?‘

100 Gedichte ohne Vaterland. Berlin 1978. S. 44

Erich Frieds Geburtstag jährt sich am kommenden Freitag zum 90. Mal.

Und weil’s dann doch (im besten Sinne) unvermeidlich ist – ein Fried’sches Liebesgedicht mit Herzstich-Garantie zum Schluss …

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

Nur nicht. In: E. Fried: Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte. Berlin 1996. S. 24


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Bild der Woche – Martin-Buber-Geburtshaus

Bubers Geburtshaus, Wien, Franz-Josefs-Kai 45 Als Martin Buber 1896 zwecks Studium von Lemberg nach Wien übersiedelt, ist ihm die Stadt keineswegs gänzlich fremd: Zwar hatte Buber größte Teile seiner Kindheit…

Bubers Geburtshaus, Wien, Franz-Josefs-Kai 45


Als Martin Buber 1896 zwecks Studium von Lemberg nach Wien übersiedelt, ist ihm die Stadt keineswegs gänzlich fremd: Zwar hatte Buber größte Teile seiner Kindheit in Galizien verbracht, zur Welt gekommen aber war er 1878 eben in Wien. Es ist also die „Stadt meiner Geburt und frühesten Kindheit“, in die Buber 18-jährig zurückkehrt – und sich übrigens vom Vorlesungsbetrieb an der Wiener Universität weit weniger beeindruckt zeigt als vom Spielbetrieb des Wiener Burgtheaters …

In Bubers Rückschau erscheint besagte Rückkehr nach Wien überdies stark philosophisch-poetisch aufgeladen:

Die losen, flächigen Erinnerungsbilder schienen aus dem großen körperhaften Zusammenhang wie Scheibchen einer magischen Laterne hervor, aber auch manche Gegend, die ich nicht gesehen haben konnte, sprach mich als Bekanntes an. Die heimatliche Fremde lehrte einen täglich, wiewohl in noch undeutlicher Sprache, dass man die Welt anzunehmen und sich von ihr annehmen zu lassen habe, sie nämlich sei bereit …

Begegnung. Autobiographische Fragmente. 4. Aufl. Heidelberg 1986. S. 32.

Bubers Geburtstag, der 8. Februar, jährt sich in der kommenden Woche.



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