Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: literatur

Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik

Erinnerung an den jüdischen Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller In seinem zeitgeschichtlichen Beitrag über die drei überragenden geistigen Führer der österreichischen Sozialdemokratie in der 122 -jährigen Geschichte dieser politischen Partei…

Erinnerung an den jüdischen Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller

In seinem zeitgeschichtlichen Beitrag über die drei überragenden geistigen Führer der österreichischen Sozialdemokratie in der 122 -jährigen Geschichte dieser politischen Partei – Viktor Adler, Otto Bauer und Bruno Kreisky, übrigens drei Juden aus gutbürgerlich-altösterreichischem Hause – hat Hans Werner Scheidl in der Tageszeitung DIE PRESSE vom 8. Jänner 2011 (Printausgabe) auch den 1902 in Ödenburg im Königreich Ungarn geborenen Richard Berczeller zu Wort kommen lassen. Mit dessen Ausspruch über Otto Bauer („Aus unseren jungen Jahren ist er nicht wegzudenken“), diesen „revolutionären Illusionisten der Zwischenkriegszeit“. Für mich ein willkommener Anlass, an einen bedeutenden Mann zu erinnern,

Richard Berczeller, am 3. Jänner 1994 im Alter von 92 Jahren in New York verstorben, war ein begnadeter Überlebens- wie auch Lebenskünstler und eine Symbolfigur für die 1938 aus dem Burgenland vertriebenen Juden, den Umständen gemäß neben seiner ärztlichen und schriftstellerischen Tätigkeit aber nur ein „Zaungast der Politik“ (so der Titel eines gemeinsamen Buches mit Norbert Leser), aber das mit einer kaum überbietbaren Leidenschaft.

Berczeller für mich entdeckt habe ich bereits 1965, eher zufällig, als sein wohl interessantestes autobiographisches Buch mit dem Titel „Die sieben Leben des Doktor B.“ (Originaltitel : „Displaced Doctor„, The Odyssee Press, New York), aus dem Amerikanischen übersetzt von Kurt Wagenseil, im Paul List Verlag (München) erschienen ist. Das Buch fiel mir im Schaufenster einer Buchhandlung in Köln auf, weil auf einem daneben angebrachten Info-Text zu lesen war, dass sein Autor aus Ödenburg stammt.

Richard Berczeller und Mida Huber im Garten der Heimatdichterin in Landsee/Burgenland, August 1970; Bild: Klara Köttner-Benigni

Ich kaufte daraufhin sofort ein Exemplar und verschlang gierig die zu einem Teil in Mattersburg (dem Städtchen, in dem ich damals zu Hause war) spielende Erzählung. Ein Jahr darauf, 1966, schenkte ich das Buch meinem Freund, dem aus Wiesen bei Mattersburg stammenden Internisten Dr. Heinz Tragl, zu seinem 30. Geburtstag. Univ.-Prof. Tragl, bis 2003 ärztlicher Leiter des SMZ- Ost in Wien, wie auch ich wurden Jahre später über unsere Freundschaft mit dem damaligen Bundeskanzler Dr. Fred Sinowatz auch persönlich mit Richard Berczeller gut bekannt, der in den 1970er- und 1980er- Jahren wiederholt neben Wien, wo seine Frau Maria geb. Unger geboren wurde, auch das Burgenland besucht hat.

Zurück zu den „Sieben Leben des Doktor B“. Richard Berczeller schildert darin seine Zeit als revolutionärer Gymnasiast in Ödenburg/Sopron, die Flucht seiner Familie nach dem Ende des Bela Kun- Regimes in Ungarn ins neue österreichische Bundesland Burgenland, wo sein Vater sich in Sauerbrunn, dem damaligen Sitz der Landesregierung, niedergelassen und als Funktionär der Sozialdemokratischen Partei rasch Karriere gemacht hat, Leiter der neuen Burgenländischen Landeskrankenkasse und Vizepräsident der Burgenländischen Arbeiterkammer wurde. Sohn Richard studierte in Wien Medizin und nach seinen Jahren als Turnusarzt am AKH ließ er sich 1930 als praktischer Arzt in Mattersburg nieder, hatte Patienten aus der jüdischen Gemeinde des Ortes, aber auch zahlreiche Christen, einfache Leute und prominente, wie den legendären und mächtigen christlichsozialen Politiker und Landesrat Michael Koch.

Nach der Machtergreifung der Nazis auch in Österreich gelang Berczeller mit Hilfe von Marie Bounaparte (einer französischen Adeligen und Schülerin Siegmund Freuds) die Flucht nach Frankreich. Nach Monaten als Kolonialarzt an der afrikanischen Elfenbeinküste und Bordellarzt in Paris landete Berczeller mit Ehefrau und Sohn Peter 1940 in New York, wo er bis zu seinem Tod lebte, (nach zusätzlicher medizinischer Ausbildung in den USA) Jahrzehnte als Internist ordinierte und daneben in der angesehenen Zeitschrift „New Yorker“ immer wieder autobiographische Erzählungen veröffentlichte.

Seine Freundschaft mit Fred Sinowatz, der nach Kreisky Vorsitzender der SPÖ war, trug Berczeller 1985 die Viktor Adler- Medaille ein, die höchste Auszeichnung, welche die Österreichische Sozialdemokratie zu vergeben hat. Aber auch das Land Burgenland und sogar die katholische Diözese Eisenstadt unter Bischof Stefan Laszlo geizten nicht mit respektablen Orden, die sich der umtriebige und auch im hohen Alter noch immer charmante jüdische Grandseigneur ohne religiöse Bindung stets selbst vor Ort abholte. Bei solchen Anlässen festigte sich auch ein burgenländischer Freundeskreis um Berczeller, dem u.a. der damalige Vorstand der Sozialabteilung der Landesregierung, Dr. Günther Engelbrecht, wie auch ich angehörten.

An der Fassade des Hauses am Mattersburger Hauptplatz, in dem Berczeller bis 1938 als Arzt gewirkt hatte, wurde eine Gedenktafel angebracht. Eine Art Wiedergutmachung durch den damaligen Mattersburger SPÖ-Bürgermeister Mag. Eduard Sieber, weil dessen Amtsvorgänger Anton Wessely verhindert hatte, dass das neue Mattersburger Ärztezentrum nach Richard Berczeller benannt wurde.

Zu Berczellers 90. Geburtstag erschien eine von Joachim Riedl (der Korrespondent österreichischer Medien in New York gewesen war und dort den burgenländischen Emigranten und Präsidenten der American Friends of Austrian Labour kennen gelernt hatte), herausgegebene Festschrift mit dem Titel „Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!„. Das Herausgeberkomitee, bestehend aus Erhard Busek, Heinz Fischer, Thomas Klestil, Herbert Krejci, Peter Marboe, Fred Sinowatz, Franz Vranitzky und Helmut Zilk, konnte glänzender nicht sein.

Richard Berczeller und Günter Unger vor der Gedenktafel für die gefallenen jüdischen Soldaten des 1. Weltkrieges vor dem Österreichischen Jüdischen Museum, 1983

Bei der Präsentation des Buches im Österreichischen Jüdischen Museum in Eisenstadt am 23. April 1992 durch den damaligen Landeshauptmann Karl Stix unterstrich Paul Grosz, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, in einer Rede die hohe Wertschätzung des Jubilars innerhalb des österreichischen Judentums. ÖVP-Altbundeskanzler Josef Klaus veröffentlichte in der Festschrift seinen „Brief an einen alten Freund“. Richard Berczeller selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen an diesem Ereignis nicht teilnehmen.

Drei Wochen danach, am 13. Mai, erhielt ich seinen letzten Brief an mich aus New York, in dem er sich für meinen Fernsehbeitrag über dieses Ereignis bedankte und mir u.a. mitteilte, dass auch der ungarische Staatspräsident Arpad Göncz ihm zum 90er herzlich gratuliert habe. Und er schloss diesen Brief ein wenig wehmütig mit folgenden Zeilen:

Trotz meiner Erfolge in einem jahrzehntelangen Leben in der Fremde wäre ich viel lieber in meiner alten Heimat geblieben, auch wenn ich es dort nur zu einem inzwischen auch schon pensionierten Obermedizinalrat gebracht hätte.


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Bild der Woche – Max Brod

Ich kann und muss mir … den Beinamen geben: ein Polemiker wider Willen. Es scheint mir, dass das weniger meine Schuld als die Schuld der Stadt ist, in der ich…

Ich kann und muss mir … den Beinamen geben: ein Polemiker wider Willen. Es scheint mir, dass das weniger meine Schuld als die Schuld der Stadt ist, in der ich geboren wurde und die längste Zeit meines Lebens zugebracht habe. Die Schuld Prags. Das alte österreichische Prag war eine Stadt, in der nicht nur die einzelnen gegeneinander polemisierten, sondern drei Nationen standen im Kampf gegeneinander: die Tschechen als Majorität, die Deutschen als Minorität und die Juden als Minorität innerhalb dieser Minorität. (…) Prag, die Stadt der drei Nationen, Prag, die polemische Stadt …

Max Brod: Streitbares Leben. Autobiographie. München: Kindler 1960. S. 7f.

Im Jahr 1939 vertauschte der Schriftsteller und Kafka-Herausgeber Max Brod dieses sein „polemisches“ Prag (zwangsweise) mit dem „tückisch glänzende(n) Labyrinth Tel Avivs“ (a.a.O. S. 500) …

Brod starb vor genau 42 Jahren, am 20. Dezember 1968, ebendort.

Wohnhaus Max Brods in Tel Aviv

Das Wohnhaus Max Brods in Tel Aviv, gelegen in Sichtweite des Mittelmeers, HaYarden Street 16

Apropos Todestage berühmter Schriftsteller – es bleibe nicht unerwähnt: Am kommenden Dienstag, dem 21. Dezember, jährt sich zum 75. Mal der Todestag des großen Kurt Tucholsky!



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Bittere Melodie

Erinnerungen an den jüdischen Lyriker David Ignatz Neumann geb. am 25. Mai 1894 in der Freistadt Rust im Komitat Ödenburg des Königreichs Ungarn, gest. am 01. November 1992 in Tel…

Erinnerungen an den jüdischen Lyriker David Ignatz Neumann

geb. am 25. Mai 1894 in der Freistadt Rust im Komitat Ödenburg des Königreichs Ungarn, gest. am 01. November 1992 in Tel Aviv im Staate Israel


Er gehört zu jenen Menschen, die mich in meinem bisherigen Leben besonders beeindruckt haben. Aus vielerlei Gründen, vor allem aber wegen seiner körperlichen Vitalität und geistigen Regsamkeit, die ihn beinahe hundert Jahre alt werden ließen.

Kennen gelernt habe ich David Ignatz Neumann 1987 über Vermittlung des deutschen Unternehmensberaters Hans Dieter Schell, der zum Freundeskreis Neumanns gehörte und im Burgenland einen Verlag für die Gedichte dieses Mannes suchte, die damals schon im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrt waren. Ich wies den Weg zur Edition Roetzer in Eisenstadt und aus dieser Empfehlung gingen dann in den folgenden Jahren vier Bände mit lyrischen Texten Neumanns hervor, teilweise versehen mit biographischen und analytischen Texten des deutschen Germanisten Manfred Seidler. Ihre Titel „Ein Leben- ein Werk“, „Bittere Melodie“, „Nichtigkeiten- Wichtigkeiten“ und „Spätlese“. Dem von mir verfassten Vorwort zum Band „Bittere Melodie“ bestehend aus einem Gedichtzyklus zur Geschichte Israels, gab ich den Titel „Ein Kämpfer für Zion“. Denn das war David Ignatz Neumann in jeder Phase seines Lebens.

Als Neumann 1894 als Sohn eines Weinsensals und Einkäufers für das große Eisenstädter jüdische Weinhandelshaus Wolf in der königlich- ungarischen Freistadt Rust das Licht der Welt erblickte, lebte der magyarische Chauvinismus in den deutschsprachigen Gebieten Westungarns gerade so richtig auf. Dieser Umstand, aber auch die von der Reblaus ausgelöste Wirtschaftskrise im Weingeschäft ließ die Familie Neumann mit ihren insgesamt 12 Kindern kurz nach der Jahrhundertwende aus Rust nach Wien ziehen, wo der kleine David Ignatz an der Hand seines Vaters am Begräbnis Theodor Herzls teilnahm und später dann den Beruf eines Messerschmieds erlernte, schon in der festen Absicht, nach Palästina auszuwandern. Im Ersten Weltkrieg diente David I. Neumann als Rechnungsunteroffizier im 76. (Ödenburger) Infanterieregiment der k.u. k. Armee. Sein Bruder Josef ist in diesem Krieg gefallen, was auf dem Ruster Kriegerdenkmal vor dem städtischen Rathaus heute noch nachzulesen ist.

Von 1927 an lebte David I. Neumann in Tel Aviv als Messer- und Verseschmied, denn die „Dichteritis“ (wie er diese Obsession einmal scherzhaft bezeichnete) hatte ihn von Jugend an fest in ihren Klauen. Stilistisch sah er sich in der Tradition von Eduard Mörike und Heinrich Heine. Und er war ein echter Jecke. Beherrschte auch nach Jahrzehnten in Israel nicht Hebräisch. Die deutsche Sprache war seine eigentliche Heimat. Die Stoßrichtungen seines Fühlens und Denkens hat er einmal in den folgenden Verszeilen festgemacht:

Zweigeteilt ist meine Seele.
Österreich hat mich geprägt.
Doch der Traum von Zion wurde
in die Wiege mir gelegt.

Im Band „Bittere Melodie“ konfrontiert uns Neumann mit jüdischem Empfinden und Denken, das nicht gerade von österreichischer Verbindlichkeit, Beiläufigkeit und Nonchalance gekennzeichnet ist. Härte und Unversöhnlichkeit gegenüber den Feinden der Juden paart sich bei ihm gelegentlich mit Ironie. Glatte Rhythmen und Reime wechseln aber immer wieder mit widerborstiger Beharrlichkeit im (für ihn) Grundsätzlichen.

David Ignatz Neumann im Alter von 93 Jahren in Basel am Rheinufer, im Hintergrund das Basler Münster, November 1987

Im Herbst 1987 besuchte ich mit einem Kamerateam David Ignatz Neumann in Basel, wo er sich nach den jüdischen Feiertagen im Oktober für die (in Tel Aviv klimatisch eher unwirtlichen) bevorstehenden Wintermonate in der Wohnung seiner (aus Königsberg stammenden) Altersfreundin Paula Friedländer einquartiert hatte und interviewte ihn für einen Beitrag im ORF- Fernsehen. Das verschaffte mir bei seiner Freundin zunächst ein gewisses Misstrauen, danach aber auch Respekt. Wenige Wochen später kam David I. Neumann nach Rust, der Stadt seiner Geburt, und nahm an einer Lesung seiner Gedichte im Seehof der Freistadt durch Karl Hofer teil. Bei dieser Gelegenheit wurde er von Bürgermeister Dipl. Ing. Heribert Artinger gebeten, sich in das Goldene Buch der Freistadt Rust einzutragen.

1994, also bereits nach seinem Tod, fand in Rust anlässlich des 100. Geburtstages von David I. Neumann eine Gedenkfeier statt, der auch Moshe Neumann, Sohn des verstorbenen Dichters, beiwohnte. Damals wurde auch das Gedicht des Jubilars „Als ich ein Kind war“ vorgetragen.

Als ich ein Kind war, Kind mit blonden Haaren,
Durft ich an Wintertagen Schlitten fahren.

An Sommertagen atmete der See,
Schilfrohrumstanden, blank, in meiner Näh‘.

Des Ufers Moorgeruch war mir vertraut,
Aus tiefer Stille sang ein Hummellaut.

Und ich war glücklich, unberührt vom Wissen,
Dass wir das Paradies verlassen müssen.


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Für die, die ohne Stimme sind

Herbstliches von Theodor Kramer Immer, wenn der Herbst deutlich um sich greift, greife ich gerne zu den Gedichten von Theodor Kramer, um mich einmal mehr in der Melancholie dieses bedeutenden…

Herbstliches von Theodor Kramer

Immer, wenn der Herbst deutlich um sich greift, greife ich gerne zu den Gedichten von Theodor Kramer, um mich einmal mehr in der Melancholie dieses bedeutenden Poeten zu wiegen, der am 1. Januar 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn als Sohn des jüdischen Gemeindearztes geboren wurde und ein Jahr nach seiner Rückkehr aus dem Exil in England, am 3. April 1958, in Wien verstorben ist. Carl Zuckmayer nannte ihn als stärksten Lyriker Österreichs seit Georg Trakl. Wie der frühverstorbene Salzburger war auch Kramer Frontsoldat im Ersten Weltkrieg. Nach der Okkupation Österreichs durch Hitler- Deutschland emigrierte er 1939 nach England, wo er die Staatsbürgerschaft erlangte und neben seiner unermüdlichen Produktion von Gedichten als Bibliothekar an einem College tätig war. An seiner späten Rückholung aus London war die streitbare Journalistin und Schriftstellerin Hilde Spiel wesentlich beteiligt.

Kramer schrieb von seinem 14. Lebensjahr an Gedichte. Tag für Tag. Mit 30 war er bereits eine kleine Berühmtheit. In seinen oft volksliedhaften Gedichten setzt er sich nicht nur mit der elenden sozialen Situation der Zwischenkriegszeit auseinander, sondern sucht zum Ausgleich auch immer die Natur. Gedichte auf Weinland und Stromland, Steinbruch und Schottergrube, Kräuter und Gras kamen dabei zustande. In der Zwischenkriegszeit erwandert sich Kramer vor allem die Gegenden des östlichen Niederösterreichs und des nördlichen Burgenlands und versucht, der einfachen und oft auch bitterarmen Landbevölkerung ein literarisches Denkmal zu setzen. Die Widmung seines gesamtes Werkes lautete: „Für die, die ohne Stimme sind“.

Weinlese

Kommt, geschnitten ist der Wein,
und es schäumt die Kelter;
lasst uns heute lustig sein,
morgen sind wir älter.
In der Kapsel surrt der Mohn,
aus den Malvenbroten
rinnt’s; beim kleinsten Hauch und Ton
klaffen leer die Schoten.
Spielt die Ziehharmonika
drum und singt nur lauter;
heute sind wir alle da,
waren nie vertrauter.
Schön am Saum der Herbststrauch steht,
Reif deckt früh den Anger;
die heut in die Stauden geht,
ist im Frühjahr schwanger.

Seine Eltern waren Juden, und so war auch er Jude, weithin sichtbar, von großer Statur und schweren Gliedern. Sein Gesicht war breit, die Nase kurz und eingesattelt, die Lippen wulstig. Sein runder schwarzer Kopf war hutbedeckt. Er hatte Augen wie Vogelkirschen, die im Schatten der breiten Krempe glitzerten. So sah er aus wie Moses Vogelhut, und jeder sah ihn, wenn er, mit scheuen Gebärden, auf schweren, schwankenden Sohlen dahinging.

Der ebenfalls schon verstorbene Lyriker Michael Guttenbrunner, dem ein großes Verdienst an der Wiederentdeckung Kramers nach dessen Rückkehr nach Österreich zukommt, hat ihn einmal „mit den Zeichen seiner Herkunft versehen“ so plastisch beschrieben. In einem Essay, den ich als Herausgeber der in Eisenstadt erschienenen Literaturzeitschrift „wortmühle“ 1979 zum ersten Mal veröffentlicht habe. „Kramers von Anfang an quälende Selbstschau“, führte Guttenbrunner in diesem Essay weiter aus, „ist mit einem naiven utopischen Weltblick gepaart, der an der Stelle des Olymps, der Altäre und Throne, die grüne burgenländische Wiese sieht, auf der die Gänsen weiden und ein freies Volk um den Maibaum tanzt“. Dazu passend ein bisher noch unveröffentliches Gedicht Theodor Kramers mit dem Titel

Mostnacht in Eisenstadt

Vom Herbstwind bin ich aufgewacht,
durchs Fenster schwebt ein Maulbeerblatt;
mit seinem Ruch erfüllt die Nacht
der schwere Most von Eisenstadt.
Die Rieden liegen tot, vom Tag
ist kaum zu sehn ein fahler Saum;
wo magst du sein, mit der ich lag
vor einem Jahr in diesem Raum.
Wo liegst du jetzt um diese Stund,
vor herbem Schimmel halt und heiß,
wer küsst jetzt deinen breiten Mund
und wohnt in deinem scharfen Schweiß ?
Wie sah die Nacht doch damals aus
noch immer so und anders nie;
schwarz drüben glomm das kleine Haus
wie heut und bebten mir die Knie‘.
Die Magd schob einen Krug mit Most
mir gestern abends noch herein;
mit dem komm ich zur Walnusskost
aus bis zum ersten Morgenschein.


Große Dichtung über kleine Leute, „auf einer Orgel aus Staub mit schweren, fleischigen Händen gespielt“ (Guttenbrunner). Gesammelte Gedichte Kramers unter dem Titel „Orgel aus Staub“ sind 1983 im Carl Hanser Verlag erschienen. 2005 kam dann im Zsolnay- Verlag eine dreibändige Gedichtsammlung heraus, die Erwin Chvojka ediert hat.

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Lange Nacht der Museen 2010 – Nachlese

Nachdem unser Museum vergangenes Jahr in der Langen Nacht der Museen pausierte, ließen wir uns heuer etwas ganz Besonderes einfallen. Die „Lange Nacht“ stand in unserem Museum selbstverständlich auch unter…

Nachdem unser Museum vergangenes Jahr in der Langen Nacht der Museen pausierte, ließen wir uns heuer etwas ganz Besonderes einfallen. Die „Lange Nacht“ stand in unserem Museum selbstverständlich auch unter dem Jahresmotto und im Zeichen unserer Veranstaltungsreihe „Schalom – Salam – Grüß Gott„.

Für die Kinder begann die lange Nacht naturgemäß sehr früh. Ein Spiel führte die Kleinen durch die 3 monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam und unsere Mitarbeiterinnen Kati und Anja freuten sich nicht nur über das Engagement der Kinder beim Spiel, sondern waren auch erstaunt über das teils große Wissen der Kinder über die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten der drei Religionen.

Selbstverständlich gewannen alle Kinder auch Preise und wir werden das von uns eigens für die „Lange Nacht der Museen“ kreierte Spiel sicher hinkünftig gelegentlich bei Schulklassen verwenden.

  • Kinderprogramm in der Langen Nacht der Museen 2010
  • Kinderprogramm in der Langen Nacht der Museen 2010
  • Kinderprogramm in der Langen Nacht der Museen 2010


Während die ersten beiden Stunden der „Langen Nacht“ bei uns eher gemächlich begannen, herrschte kurz vor 20 Uhr ein regelrechter BesucherInnen-Ansturm auf unser Museum und binnen weniger Minuten war das Auditorium zum Bersten gefüllt. Unser Programmhighlight „Aufräumen bei Gott! Verrückte Geschichten über Gott und die Welt“ sollte gleich beginnen. Helmut Wittmann, Aron Saltiel und David Raphael Katz boten dann 2 Stunden lang ein wirklich sensationelles Programm:

Helmut Wittmann, Aron Saltiel und David Raphael Katz beim Programm 'Aufräumen bei Gott!'

Tatsächlich, schon die erste Geschichte war wirklich total verrückt! Wir erfuhren nämlich, wie Jesus und Petrus durchs Mühlviertel marschierten, Hunger bekamen und bei einer Bäuerin 3 (!) Krapfen erhielten. Petrus wollte daraufhin den Herrn Jesus reinlegen, was ihm freilich nicht gelang …
Jedenfalls, nur so viel sei hier verraten, wissen wir jetzt, dass und wie Jesus die Eierschwammerl erschaffen hat ;).

Und die BesucherInnen bekamen sogar, passend zur Geschichte, ein Stück warmen Krapfen!

Warum das Programm übrigens „Aufräumen bei Gott!“ hieß, erfuhren wir dann ganz am Schluss (der 2. Teil, nach einer kurzen Pause, endete um 22 Uhr) und möchten Ihnen die sehr eindrucks- und humorvolle Erklärung nicht vorenthalten:


Um 22.30h führte Kollege Christopher noch durch die Synagoge und durfte mehr als 30 begeisterte (!) Interessierte (und das bei einer Schwerpunktführung, die sich mit dem für eine „Lange Nacht der Museen“ vielleicht etwas schwierigen Thema der Heiligkeit von Synagoge, Kirche und Moschee auseinandersetzte!) begrüßen :).

Für unser Museum ging um 01h nachts eine großartige „Lange Nacht der Museen 2010“ zu Ende. Knapp 600 BesucherInnen, viele neue Gesichter, aber auch viele unserer „StammbesucherInnen“, nahmen unsere Angebote wahr.

Nach der „Langen Nacht der Museen“ ist vor der „Langen Nacht der Museen“ – die Überlegungen beginnen schon jetzt und wir versprechen, auch 2011 wieder weniger neuen Besucherrekorden nachzujagen, sondern uns wirklich zu bemühen, auch nächstes Jahr ein attraktives und zu unserem Haus passendes Programm zu bieten …


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Der ‚Ritualmordprozess von Tisza Eszlar‘ und der ‚Kaufmann von Venedig‘

Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die „Judensau“ als auch…

Unsere ständige Gastautorin und Korrespondentin aus Bnei Brak, Israel, Claudia/Chaya-Bathya, gibt uns die Möglichkeit zu einem kleinen Update, und zwar sowohl zu unserem letzten Blogbeitrag über die „Judensau“ als auch zu Shakespears „Kaufmann von Venedig“, der vor 2 Tagen nachts vom ORF gesendet und von meinem Kollegen Christopher in einem Tweet kommentiert wurde.
Der Ritualmordprozess von Tisza Eszlar (1882/83) gilt als klassisches Beispiel für den religiös motivierten Antisemitismus der neueren Zeit. Der Freispruch der jüdischen Angeklagten führte zu massiven antijüdischen Agitationen und begründete den modernen politischen Antisemitismus in Ungarn. Auslöser war das spurlose Verschwinden des vierzehnjährigen christlichen Bauernmädchens Eszter Solymosi am 01. April 1882.

Die folgende Predigt (wir bringen einen Ausschnitt) wurde von Rabbiner Emanuel (Menachem) Grünwald, Ödenburg [Sopron], zum Schabbat Hagadol 1883 gehalten. Der Schabbat Hagadol („großer Schabbat“) ist der Schabbat vor dem Pesachfest und fiel im Jahr 1883 auf den 14. Nisan, der auch gleichzeitig Erev Pesach war (21. April). Die Predigt ist in Deutsch mit hebräischen Buchstaben geschrieben, die untenstehende Fassung von Claudia gibt den Ausschnitt wortgetreu wieder.

Die Predigt (Ausschnitt)

Erlebnisse haben wir in unserer kultivierten Zeit erlebt [gemeint ist die Blutbeschuldigung von Tisza Eszlar 1882], von denen wir zwar keine Ahnung mehr hatten, denn selbst in unserer Zeit wird uns zum Vorwurfe gemacht, von den Judenfeinden, dass wir Blut zu unseren Zeremonien brauchen. Uns, denen selbst das Blut des Tieres verboten ist, werden solche lügenhaften Erdichtungen zum Vorwurfe gemacht! Dies erinnert mich an einen berühmten, hochberühmten Dichter [Shakespeare], der vor mehreren Jahrhunderten gelebt [hat]. Unter dessen Dichtungen findet sich auch eine [Kaufmann von Venedig], deren Held ein Jude ist:
Ein jüdischer Kaufmann, der seinem Schuldner für ein Pfund Gold, das er ihm geborgt, und das dieser aber später nicht zurückzahlen kann, ein Pfund Blut abzapfen will. Ein Pfund Blut für ein Pfund Gold!

Und diese Dichtung ward nicht geschrieben, etwa bloß für den gelehrten Leser in seiner einsamen Stube. Nein, sie ward geschrieben fürs Volk, für die große Menge. Ein Jude fordert von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus dessen Herzen für ein Pfund Gold! Wie? Ein Jude, dem selbst das Blut des Tieres heilig ist, verlangt für sein Gold Menschenblut? Wie gehörte nicht eine hirnverbrannte Phantasie dazu, um solch eine Dichtung zu schaffen?! Doch nein, es war eben keine Dichtung, sondern Wahrheit, geschichtliche Tatsache, die ganz in der Wirklichkeit vor Jahrhunderten in einer Stadt sich zugetragen hat. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass im wirklichen Vorgange der Jude nicht der Gläubiger, sondern der Schuldner [war]. Der Jude war es, der in seiner tiefen Not und Bedrängnis einem harten, bösen Mann für ein Pfund Gold ein Pfund seines Herzblutes verschreiben musste. Derartige Lügen werden erdichtet, um Zwiespalt und Zwietracht zwischen der einen und anderen Konfession [zu säen].

Hat sich aber unser Zeitalter gebessert seitdem? Unsere Zeit hat gezeigt, dass der alte eingefleischte Judenhass noch immer nicht aufgehört hat, um Verdächtigungen, böse Anklage zu erheben.

Zum Verfasser der Predigt

Rabbiner Emanuel (Menachem b. Pinchas) Grünwald wurde ca. 1844 in Cece (Ungarn) geboren. Unter seinen Lehrern finden sich die Rabbiner Arje Lichter (Cece), Abraham Karpeles (Görböpincehely), Joel Ungar und Elieser Sussmann Sofer (Paks) sowie Samuel Wolf Schreiber (Abraham Benjamin Schmuel Sofer) in Preßburg, der Sohn und Nachfolger des Chatam Sofer. R. Menachem war der Schwiegersohn des Dajjan R. David Neumann in Preßburg. Nach seiner Hochzeit wohnte er bei seinem Schwiegervater, wurde dort selbst Dajjan und schließlich Rabbiner in Ödenburg (Sopron). In zweiter Ehe war er mit einer Tochter von R. Jizchak Kramer, Rabbiner in Neuhäusel (Nove Zamky, Slovakei) und Wien, verheiratet. Seine drei Söhne (Jehuda, Schmuel und Jehoschua) waren ebenfalls Rabbiner, desgleichen sein Schwiegersohn R. Katriel Blum aus Nagykaroly (Carei Mare, Rumänien). R. Menachem starb am 25. Tischri 5690 (September/Oktober 1929).
Kinstlicher, משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר‘ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‚זכרון‘, תשס“ה, S. 516.

Ein weiterer Sohn von R. Menachem Gruenwald war übrigens Malkiel Gruenwald (1882-1968), der zur Zeit der Affäre von Tisza Eszlar geboren wurde und später gegen Kastner gekämpft hat.

Ein paar Monate nach der erwähnten Predigt berichtet die „Jüdische Presse (Berlin)“ 5 (1884), S. 46 in einer Korrespondenz vom 25. Jänner über antisemitische Vorfälle in Ödenburg. Unter anderem wurden die Fenster des Rabbiners und jene der beiden Synagogen zertrümmert.


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