Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: mattersburg

Europäischer Tag der jüdischen Kultur

Zum fünfzehnten Mal wird heuer europaweit der Europäische Tag der jüdischen Kultur begangen. An diesem Tag sollen Geschichte, Traditionen und Bräuche des europäischen Judentums in Vergangenheit und Gegenwart einem breiten…

Zum fünfzehnten Mal wird heuer europaweit der Europäische Tag der jüdischen Kultur begangen. An diesem Tag sollen Geschichte, Traditionen und Bräuche des europäischen Judentums in Vergangenheit und Gegenwart einem breiten Publikum vermittelt werden. In fast 30 europäischen Ländern bieten Museen, Vereine und Initiativen Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Führungen zu Stätten jüdischer Kultur an.

Auf Initiative der Burgenländischen Forschungsgesellschaft wird dieser Tag 2014 erstmals auch im Burgenland begangen, gemeinsam mit den Burgenländischen Volkshochschulen, unserem Museum und dem Landesmuseum Burgenland sowie in Kooperation mit lokalen Gedenkinitiativen. Koordiniert und unterstützt werden die Aktivitäten von der European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage AEPJ.

Programm

Leerstellen I: Rundgang durch das jüdische Viertel in Eisenstadt

mit dem Zeitzeugen Ernst Simon (London) und Johannes Reiss (Österr. Jüd. Museum Eisenstadt)

Wann: Sonntag, 14. September 2014, 09.00 bis 09.45 Uhr
Wo: Treffpunkt: Jerusalemplatz, 7000 Eisenstadt

Matinee

Eröffnung des ersten Europäischen Tages der jüdischen Kultur im Burgenland durch LH Hans Niessl und Francois Moyse, Präsident der European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage.

Anschließend: Zeitzeugen erzählen von ihrer Kindheit im Burgenland, der Vertreibung durch die Nationalsozialisten und dem Leben in der Emigration. Mit Ernst Simon (Eisenstadt – London) und Gerda Frey (Mattersburg – Wien).

Wann: Sonntag, 14. September 2014, 10.00 Uhr
Wo: Österreichisches Jüdisches Museum

Logo 'Europäischer Tag der jüdischen Kultur'

Am Nachmittag haben Sie die Möglichkeit, an geführten Rundgängen in Mattersburg, Frauenkirchen, Rechnitz und Kittsee teilzunehmen:

Mattersburg, 15.00 Uhr | Leerstellen II: Rundgang durch das ehemalige jüdische Mattersburg mit Gertraud Tometich (Verein “wir erinnern”)

Frauenkirchen, 15.00 Uhr | Leerstellen III: Rundgang durch das ehemalige jüdische Frauenkirchen mit Herbert Brettl (Initiative Erinnern Frauenkirchen)

Rechnitz, 15.00 Uhr | Leerstellen IV: Rundgang durch das ehemalige jüdische Rechnitz mit Eva Schwarzmayer (Verein REFUGIUS)

Kittsee, 14.30 Uhr | Leerstellen V: Rundgang durch das ehemalige jüdische Kittsee mit Irmgard Jurkovich (Treffpunkt: Gasthaus Leban, U. Hauptstraße 41, 2421 Kittsee)

Mehr Informationen und Details der Veranstaltungen entnehmen Sie bitte der Broschüre: edjc-2014.pdf, Download, 2.16MB

Wir ersuchen Sie um Anmeldung. Benutzen Sie dafür bitte das Formular auf der Website der Burgenländischen Forschungsgesellschaft.

Selbstverständlich stehen wir Ihnen für Fragen gerne zur Verfügung:

  • per E-Mail: info@ojm.at oder
  • telefonisch: +43(0)2682 651 45


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‘Als im Burgenland noch das Schofarhorn ertönte’

Kürzlich ist ein neues Buch zur jüdischen Regionalgeschichte erschienen, nämlich eine groß angelegte Monographie über das jüdische Mattersburg: “Als im Burgenland noch das Schofarhorn ertönte. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde…

Kürzlich ist ein neues Buch zur jüdischen Regionalgeschichte erschienen, nämlich eine groß angelegte Monographie über das jüdische Mattersburg: “Als im Burgenland noch das Schofarhorn ertönte. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Mattersburg und Umgebung”, verfasst von Gertraud Tometich, erschienen bei Edition Marlit.

Wir halten die Aufarbeitung jüdischer Regional- und Lokalgeschichte – für ein jüdisches Museum wenig überraschend – für ein grundsätzlich sinnvolles, wichtiges und förderungswertes Unternehmen, vorausgesetzt natürlich, dass die inhaltliche Qualität derselben stimmt. Die besagte Mattersburg-Monographie lässt uns vor diesem Hintergrund nun leider einigermaßen ratlos und verwundert zurück …

Wir ersparen uns hier ein Lamento über die nicht wenigen Mängel in Sachen Orthographie und Interpunktion, die sich – buchstäblich – vom Vorwort bis zur letzten Seite des Buches ziehen, über die dürftige technische Qualität mancher Bilder (v.a. S. 128), über die teils eigenartig archaische Ausdrucksweise (beispielsweise firmiert das Grab des Chatam Sofer in Bratislava unter dem Titel “Judendenkmäler”: S. 58) und Ähnliches mehr. Über all das mag man letztlich hinwegsehen können, so ärgerlich es mitunter für den Leser sein mag.

Nicht hinwegsehen kann man dagegen darüber, dass Teile des Buches – man muss es leider sagen – sachlich problematisch, missverständlich oder auch schlicht inhaltlich fehlerhaft sind.

An einigen – besonders augenfälligen – Beispielen:

In einer Zeitleiste, u.a. zu den rechtlichen Entwicklungen in Ungarn, ist davon die Rede, dass das Judentum 1895 “als Staatsreligion [!] anerkannt” worden sei (S. 14). Ernsthaft – das Judentum als “Staatsreligion“? Was tatsächlich gemeint ist, ist offenbar der Umstand, dass die jüdische Religion 1895 den Status “volle[r] gesetzliche[r] Anerkennung” erlangte – sodass nun allererst “das Ziel der vollständigen Emanzipation als erreicht betrachtet werden [konnte]” (W. Bihl: Das Judentum Ungarns 1780-1914. In: Studia Judaica Austriaca. Bd. III. Studien zum ungarischen Judentum. Eisenstadt 1976. S. 17-31, hier 22).

Zwei Fotos auf S. 122 zeigen Textilien mit hebräischer Aufschrift – beide stehen allerdings auf dem Kopf! (Zudem ist die Bildbeschriftung, “Thora-Decken”, zumindest ungewöhnlich und auch uneindeutig – in einem Fall handelt es sich jedenfalls um einen Tora-Vorhang).

An anderer Stelle wird das Laubhüttenfest wie folgt erläutert:

Das rituelle Laubhüttenfest (Sukka) [!] ist ein Dankesfest und wird im Herbst begangen. Es erinnert an den 40-tägigen [!] Aufenthalt der Juden in der Wüste …

(S. 115)

Nun heißt das Fest aber nicht “Sukka”, sondern “Sukkot” (die Pluralform zu “Sukka”, “Hütte”); und das Volk Israel benötigte für seinen Wüstenzug bekanntlich nicht 40 Tage, sondern 40 Jahre (siehe z.B. Josua 5,6)!

Es sind basale Sachverhalte, die hier offenkundig schlicht nicht korrekt dargestellt werden.

Die Reihe ließe sich problemlos fortsetzen. In Summe muss hier, bei aller Sympathie für das grundsätzliche Anliegen eines solchen Buches, die Frage erlaubt sein, ob der Sache angesichts solcher eklatanter Defizite tatsächlich noch gedient ist. Diese Bedenken verschärfen sich noch, wenn man sich die Rezeptionswege vergegenwärtigt, die für Bücher mit solcher und ähnlicher Thematik typisch sind: ihre Verwendung gerade durch LehrerInnen und Studierende, ihre Heranziehung für schulische Projekte, Maturaarbeiten usf.

Die gute Absicht aller Beteiligten in Ehren – sie allein ist leider nicht genug …

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Mattersburg judenfrei

Exakt heute vor 75 Jahren, am 8. Oktober 1938, meldete das “Kleine Blatt”, dass Mattersburg judenfrei ist. Damit hatte Tobias Portschy das erreicht, was er Anfang 1938, damals noch als…

Exakt heute vor 75 Jahren, am 8. Oktober 1938, meldete das “Kleine Blatt”, dass Mattersburg judenfrei ist. Damit hatte Tobias Portschy das erreicht, was er Anfang 1938, damals noch als illegaler Gauleiter, gefordert hat: die Judenfrage, die Zigeunerfrage und die Agrarreform mit nationalsozialistischer Konsequenz zu lösen …

Ausschnitt 'Kleines Blatt'


Mattersburg judenfrei!

Mit Ende des vergangenen Monats verließen die letzten Juden Mattersburg. Der Ort, der mit seinen 530 Juden Jahrhunderte hindurch berüchtigt war, ist somit gänzlich judenfrei! Die meisten sind auch bereits ausgebürgert, da sie das Reichsgebiet verließen. Im Zeichen der Erlösung von der Judenplage ließ der Ortsgruppenleiter und Bürgermeister unter Teilnahme einer jubelnden Menge auf dem ehemaligen Judentempel eine weiße Flagge hissen. Das Judenviertel selbst soll über kurz oder lang niedergelegt werden und anstatt der elenden Wanzenburgen werden neue Bauten und Parkanlagen erstehen.

Wien, Samstag, Das kleine Blatt, 8.Oktober 1938, Nr.277

Den Volltext der Zeitungsausgabe finden Sie im Onlinearchiv “Anno” der Österreichischen Nationalbibliothek.

Vielen Dank an Meir Deutsch für den Hinweis!


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Purim 5773

Am 14. Adar, heuer Sonntag, der 24. Februar, wird Purim gefeiert (zum Fest siehe auch unseren Purimbeitrag vom vergangenen Jahr!). Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein…

Am 14. Adar, heuer Sonntag, der 24. Februar, wird Purim gefeiert (zum Fest siehe auch unseren Purimbeitrag vom vergangenen Jahr!).

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unserer Koscheren Melange ein fröhliches Purim!

חג פורים שמח לכולם!

Da kurz nach Purim, am Dienstag, 26. Februar, in Mattersburg die Veranstaltung

Geschichten aus dem jüdischen Mattersdorf

stattfindet, zu der wir hiermit auch sehr herzlich einladen, soll heute schon hier im Blog über Purim in den ehemaligen jüdischen Gemeinden Mattersdorf/Mattersburg und Eisenstadt kurz berichtet werden:

Zunächst “Zur jüdischen Volkskultur von Mattersdorf / Nagy Marton” von Max Grunwald.

Max (Meir) Grunwald wurde 1871 in Oberschlesien geboren, promovierte 1892 zum Dr. phil. und war mit Margarethe, Tochter des Floridsdorfer Rabbiners und Reichstagsabgeordneten Dr. Joseph Samuel Bloch, verheiratet. 1938 musste Grunwald fliehen und starb 1953 in Jerusalem, wo an der Hebräischen Universität ein Lehrstuhl nach ihm benannt ist.
Seine rabbinische Laufbahn begann er in Hamburg, ließ sich aber 1903 in Wien nieder. Grunwald war wissenschaftlich besonders aktiv. Neben seinen philosophischen Arbeiten über Spinoza und seiner preisgekrönten Arbeit über “Samuel Oppenheimer und sein(en) Kreis” umfasst sein Gesamtoeuvre zur jüdischen Volkskultur ca. 750 Publikationen. 1925 verfasste er seine minutiösen Schilderungen vom nordburgenländischen Mattersburg (alle Ausdrücke in eckigen Klammern sind Anmerkungen des Verfassers dieses Textes):

Kinderlied für Purim:

a) Heit is Pürim morgen is aus,
Gets mo e Kreizer ün schmeißts mioch enaus.

b) Pürim Pürim alle, kümm’ ioch erein zü falle,
Fall ioch üntern Tisch, gefün ioch e Flederwisch.

Beim Verlesen der Megilla trägt der Zedoko-Gabbe [Vorsitzender des Wohlfahrtswesens] einen goldenen Siegelring an der rechten Hand.

Am Megilloh [Megilla, hier: die Esterrolle]-Abend wird auf die Tafel Megillohkraut aufgetragen, d.i. süß (mit Zibeben, Zucker usw.) zubereitetes Sauerkraut. Dasselbe wird auch am Simchas Thora, ferner bei jeder Hochzeit aufgetragen. Auf den Mittagstisch kommen zubereitete Bohnen. Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Frauen der Zubereitung des aufgesetzten Barches, welcher mit Rosetten und Krönchen geziert war. Schon lange vorher sahen die Dorfgeher darauf, sich bei den Bauern das feine Mehl für den Purimbarches zu erhandeln, und mit Genugtuung ließen sie sich vernehmen, dass sie für Purim bereits gesorgt hätten. Man nannte den Barches “das geele [gelbe] Barches” wegen seiner Zutaten, wie Eier, Safran, Zucker und Zibeben. “Marbe Kindloch” und “Makewniken” [Purimgebäck] gab es selbstverständlich in Hülle und Fülle. Die Reste der Kindloch wurden aufbewahrt, um als Dessert am Schabbos Hagodol zu dienen, beziehungsweise am Erew Pessach als letztes Chomez verzehrt zu werden.

Am Purim wurde Homon [Haman] mit Füßen und Hämmern geklopft und mit Ratschen gerätscht [siehe auch unseren Beitrag “Hamanpuppe”].

Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder. Festschrift zum 90. Geburtstag von Richard Berczeller, hrsg. von Joachim Riedl, 62f

Esterrolle, Österreich-Ungarn 18. Jh.

Aus unserer Sammlung: Esterrolle/Megilla, Österreich-Ungarn, 18. Jahrhundert. Tusche/Wasserfarbe auf Pergament. Bgld. Landesmuseum IN 6.593

Über das Purimfest in der ehemaligen jüdischen Gemeinde Eisenstadt schreibt Meir Ayali:

An diesem Fest feierten wir die Niederlage des Haman, dem Urvater aller Antisemiten auf der Welt, und niemand konnte damals ahnen, welcher diabolische, um vieles gefährlichere Haman schon darauf wartete, das jüdische Volk zu vernichten und es von der Wurzel her auszurotten; und die Vernichtungswelle sollte ausgerechnet von hier, den “Siebengemeinden” im Burgenland, ihren Anfang nehmen. Fröhlich und freudig drängten wir uns am Purimfest mit den Masken auf unserem Gesicht und wir halfen auch unseren Eltern beim Verteilen der ›Purimgeschenke‹; dieser Brauch sollte die Freundschaft unter den Nachbarn vermehren, wie es uns im Buch Ester befohlen wurde. Mutter legte auf den Teller ein paar Früchte und ein paar Süßigkeiten, herrliche “Linzerkipferl”, gab alles in eine farbige Hülle und sagte:

Jetzt gehst du zu Berger. Sagst “Küss die Hand und guten Purim. Mama schickt Schlachmones” und genauso in andere Häuser, die selbstverständlich dieses wichtige Gebot ebenfalls einhielten.


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Urlaubstage im Burgenland

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung “Jüdische Presse” (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: “Urlaubstage im Burgenland” war die…

Eine historische Lese-Reise durch das jüdische Burgenland

Im November/Dezember 1924 lud die Wochenzeitung “Jüdische Presse” (Wien/Bratislava) ihre LeserInnen zu einer Lese-Reise durch das jüdische Burgenland: “Urlaubstage im Burgenland” war die 5-teilige Serie überschrieben; als Berichterstatter respektive Reiseführer fungierte Leopold Moses, 1888 in Mödling geborener Journalist und Historiker.

Moses wählte für seine Urlaubsfahrt – in den Text eingestreute Verweise auf jüdische Feiertage machen deutlich, dass es sich dabei (anders als das Erscheinungsdatum vermuten lässt) um eine Sommerreise gehandelt haben muss – eine grobe Nord-Süd-Route: Nach einem ersten Halt in Mattersburg/-dorf führte der Weg, via Sopron/Ödenburg, in die mittelburgenländischen Gemeinden Deutschkreutz, Lackenbach und Kobersdorf – Moses besuchte damit immerhin vier der sogenannten “Sieben-Gemeinden”, jener Gruppe jüdischer Landgemeinden, die sich unter dem Schutz der Fürsten Esterházy auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands etablieren konnten (neben den bereits genannten zählten hierzu die Gemeinden Eisenstadt, Kittsee und Frauenkirchen).

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Synagoge Lackenbach, ca. 1920

Mit durchschnittlicher Reiseliteratur haben Moses’ Burgenland-Reportagen allerdings wenig gemein: Moses’ primäres Interesse gilt nicht etwa den (ohnehin raren) touristischen Sehenswürdigkeiten oder den Vergnügen der Sommerfrischler, sondern – passend zur orthodox-jüdischen Leserschaft der “Jüdischen Presse” – dem religiösen Gemeindeleben, das er in seinen Alltäglichkeiten und Spezialitäten dokumentiert – “Urlaubstage” der etwas anderen Art also …

Besonders angetan zeigt sich der Berichterstatter dabei von der lebendigen Frömmigkeit in den burgenländischen Gemeinden: von der Begeisterung etwa, die die religiösen Vollzüge begleitet; oder den frommen Geschäftsleuten der Gemeinde Mattersdorf (und ähnlich in Deutschkreutz), die inmitten ihres Tagewerks “jede freie Viertelstunde [benützen], um ein Stückchen zu ‘lernen'” – ja, selbst

… spät am Abend noch empfängt mich bei der Heimkehr von einem Spaziergange durch die Felder das Geräusch von Stimmen, das von den im Wirtshause beim Weinglas ausruhenden Bauern herrührt, und gleich daneben im gleichmäßigen Tonfall des Talmudstudiums die wehmütig und doch auch so zuversichtlich zugleich klingende Stimme Jakobs [Jakob meint hier keine konkrete Person, sondern ist als Bild für das “Volk Israel” zu nehmen]…

Jüdische Presse, 14.11.1924, 10. Jg., Nr. 46, S. 303ff.

So groß ist Moses’ Begeisterung für dieses jüdische Leben des Burgenlands, dass er zu reichlich schmeichelhaften Analogiebildungen – nämlich mit den Städten Palästinas – greift: Lackenbach

… möchte ich … das Rechoivoth unter den Schewa Kehilloth [hebräischer Name der oben angesprochenen burgenländischen “Sieben-Gemeinden”] nennen. Und dann wäre etwa, um im Bilde zu bleiben, Eisenstadt das Jerusalem, Mattersdorf das Zabueh, Zelem [hebräischer Name für Deutschkreutz] das Safed und Kobersdorf das Tiberias des Burgenlandes.

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 315.

Im Einzelnen freilich ist Moses durchgehend um realistische Beschreibungen des burgenländisch-jüdischen Lebens bemüht – entsprechend werden etwa auch allfällige religiöse Auflösungserscheinungen vermerkt, wie in der folgenden hübschen Anekdote zur Fußballbegeisterung in der jüdischen Gemeinde Lackenbach:

Am vergangenen Tischa b’Aw [Trauertag in Erinnerung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, an dem Vergnügen verschiedenster Art gemieden werden], da ein Fußballmatch der vereinigten jüdischen und deutschen Fußballspieler Lackenbachs gegen Ödenburger Gäste, das man aus Sporthöflichkeit nicht verschieben zu können meinte, stattfinden sollte, wusste sich der strengfromme und durch seine Schriften sehr bekannte Rabbiner R. Jehuda Kraus nicht anders zu helfen, als indem er den Fußball durch den Schammes [Synagogendiener] beschlagnahmen ließ. Freilich ahnte der gute Mann … nicht, dass die Jugend vorsichtig genug sein würde, noch einen zweiten Ball zu besitzen, mit dem auch das Spiel ausgetragen wurde …

Jüdische Presse, 28.11.1924, 10. Jg., Nr. 48, S. 316.

Moses’ Fazit ist dann aber doch ein positives, zumal wenn er – zum Abschluss der Serie – auf das Verhältnis der burgenländischen Juden zur nicht-jüdischen Bevölkerung zu sprechen kommt:

… seit Jahrhunderten sind die Juden dieser Gemeinden …, gleich der kaum viel früher eingewanderten grundehrlichen und braven deutschen Bauernbevölkerung, mit den Geschicken dieses schönen Ländchens verknüpft. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung des Burgenlandes herrscht … Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bevölkerungsteiles, da hier die Juden diese Eigenart auch viel freier zur Schau tragen und stolzer betonen als sonst irgendwo in Mitteleuropa. (…) Wenn im Monat Elul [August/September] im Burgenlande der Schofar [Widderhorn, das u.a. im Elul geblasen wird] ertönt, dann sagen die Bauern, dass die Juden den Herbst einblasen, wenn in Zeiten der Dürre alle Bittprozessionen nicht helfen wollen, dann kommen sie zu den Juden und fordern sie auf, um Regen zu beten, und in Mattersdorf ist von den zwei dort bestehenden Ortsfeuerwehren die jüdische auch bei den Nichtjuden als die bessere anerkannt.
Die Juden des Burgenlandes haben aber auch immer eine gewisse Rolle im europäischen Judentum gespielt und auch jetzt … sind sie uns mehr als bloß ihrer numerischen Bedeutung entspricht.

Jüdische Presse, 19.12.1924, 10. Jg., Nr. 51/52, S. 328f.

Leopold Moses – das sei zum Ende hin erwähnt – war in späteren Jahren Archivar der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde; er wurde (lt. Informationen der Holocaust-Gedenkstätte/-Forschungsstelle Yad Vashem) im Dezember 1943 aus Wien nach Auschwitz deportiert und ebendort ums Leben gebracht.

Moses Reisereportagen aus dem Burgenland finden sich im Volltext online auf Compact Memory (die obigen Zitate wurden ebendort entnommen).

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – was sonst: Urlaubstage im Burgenland, vielleicht sogar auf den Spuren der jüdischen Gemeinden … Alternativ – für diejenigen, deren Zeit knapper bemessen ist – ist auch ein sommerlicher Tagesausflug jedenfalls empfehlenswert … ;) Falls es Sie dabei – anders als Leopold Moses – auch nach Eisenstadt verschlagen sollte, würden wir uns natürlich über Ihren Besuch im Jüdischen Museum freuen bzw. laden Sie herzlich ein zur Begehung unserer aktuellen Outdoor-Ausstellung “Ver(BE)gangen”, die durch Geschichte und Gegenwart des jüdischen Eisenstadt führt.


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Tipp der Woche – Fahrt ins Blaue

Richard Berczeller ist den treuen Blogleserinnen/-lesern kein Unbekannter mehr. Vor über einem Jahr portätierte ihn unser Gastautor Dr. Günter Unger in seinem Beitrag: Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik. Nun…

Richard Berczeller ist den treuen Blogleserinnen/-lesern kein Unbekannter mehr. Vor über einem Jahr portätierte ihn unser Gastautor Dr. Günter Unger in seinem Beitrag: Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik.

Nun sind erstmals 10 Geschichten Berczellers aus dem New Yorker ins Deutsche übersetzt in Buchform erschienen. Präsentiert wird das Buch “Fahrt ins Blaue” am kommenden Freitag im Funksalon des ORF Funkhauses Eisenstadt (s.u. die Details).

In der ersten Geschichte des gleichnamigen Buches “Fahrt ins Blaue” erzählt Berczeller vom letzten Schrei der 1930er-Jahre, als die so gut wie bankrotten österreichischen Bundesbahnen auf die Idee kamen, den Personenverkehr mit Sonntagsausflügen anzukurbeln. Der Start dieser Reisen war jeweils am Wiener Westbahnhof, das Ziel war unbekannt und eine Überraschung für die Reisenden. Das Interesse war groß, das Geschäft boomte, Fahrkarten war schwer zu bekommen.

Die beiden feschen Brüder aus dem jüdischen Viertel Eisenstadt, Otto und Bruno, hatten ein halbes Jahr für ihre Fahrt ins Blaue gespart. Endlich war es so weit, mit neuen schwarzen Anzügen und weißen Seidenhemden machten sie sich nach Wien auf, um die Reise ins Unbekannt anzutreten. Eineinhalb Stunden später hörten sie die Klänge einer Musikkapelle. Die Rollos wurden hochgezogen und sie blicken nach draußen. Sie waren in Eisenstadt!

Die beiden waren schwer blamiert, sie wurden zum Gespött der ganzen Stadt … Auf ihren Anspruch, die Rückreise nach Wien zu konsumieren, verzichteten sie selbstverständlich.

Am Schluss der Geschichte erzählt Berczeller, dass er ein Jahr nach dem Krieg in der Ambulanz des Beth Israel Hospitals in New York einen alten Mann traf, der ihn erkannte und mit dem er ins Gespräch kam. Unweigerlich kamen die beiden auf die feschen Brüder Bruno und Otto zu sprechen – wusste er etwas von ihnen?

Ja, das tat er. Er war mit ihnen in Montauban interniert gewesen und wusste auch, was aus ihnen geworden war. Eines Tages sah er, wie sie gemeinsam mit anderen in einen der Güterwaggone nach Auschwitz verfrachtet wurden. Als die SS-Truppen die Eisentüren zuschoben, um sie einzuschließen, hörte er Bruno zu Otto sagen: “Wieder so eine Fahrt ins Blaue.”

Richard Berczellers Geschichten sind stark anekdotenhaft und das sollte man immer im Hinterkopf haben beim Lesen. Sieht man in den Geschichten zeithistorische Dokumente, würde man unweigerlich Opfer eine Reihe von Fehlern, ungenauen Erinnerungen und manchmal schlicht falscher Tatsachen werden (selbstverständlich gab es zur Zeit von Bruno und Otto keine mittelalterliche Synagoge im jüdischen Viertel von Eisenstadt …). Was allerdings dann vielleicht nicht ganz unproblematisch sein kann, wenn der anekdotenhafte und atmosphärische Charakter der Geschichte (nahezu gänzlich) verloren geht: Beispiel Lackenbach, Seite 136f:

Ich wusste noch genau, wo der Friedhof lag – an einem schmalen Pfad, der hinter der Synagoge in der Judengasse den Hang hinaufstieg. Von dem Ort in meiner Erinnerung war aber nichts mehr übrig. Die jüdischen Namen über den Geschäften in der Judengasse waren verschwunden; die geduckte düstere Synagoge war dem Erdboden gleichgemacht; und der schmale Pfad dahinter war zu einer Straße ausgebaut worden. Vom Friedhof war nichts zu sehen. Meine Frau und ich liefen die Gasse auf und ab, ohne ihn ausfindig zu machen, bis ich mich schließlich an einen alten Mann wandte, der in der Sonne saß, und ihn nach dem “Judenfriedhof” fragte. Er zeigte darauf. Auf dem kleinen Platz vor dem Friedhofseingang stand jetzt ein Haus, das ihn vollständig verdeckte. Der alte Mann führte uns durch einen Gemüsegarten und danach über einen Hof, in dem Hühner herumliefen und Maiskörner pickten. Endlich standen wir vor dem verrosteten Tor.

Über den Umgang Lackenbachs mit seiner jüdischen Vergangenheit könnte man viel Trauriges und Beschämendes sagen und schreiben. Der jüdische Friedhof von Lackenbach aber ist der größte jüdische Friedhof auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes, mit über 1.700 Grabsteinen. Fährt man die Straße hinter der Kirche, wo einst der schmale Weg führte, bergauf, kann der jüdische Friedhof nicht übersehen werden. Streng genommen hat er 2 Eingänge, die auch nicht zu übersehen sind. Das war auch die Situation im Sommer 1963, als Richard Berczeller den Ort besuchte.

Aber lassen wir Richard Berczellers Sohn, Peter Berczeller, zu Wort kommen, der die Literatur seines Vaters im Nachwort des Buches auf den Punkt bringt:

Richard Berczeller war vor allen Dingen ein Geschichten- und Anekdotenerzähler; einer, der in der Tradition der Männer und Frauen erzählte, die seit Menschengedenken auf den von Rauch durchzogenen Märkten auf ihr Publikum warteten und es für ein paar Groschen mit erfundenen Geschichten in ihren Bann zogen, denen sie manchmal auch ein paar Fakten beimischten …

In der Geschichte “Sodom und Gomorrha” erzählt der Arzt Dr. Richard Berczeller von seiner anderen großen Leidenschaft, der Schauspielerei, mit der er schon versuchte, sein Studium zu finanzieren. Im April 1923 kam das Stummfilm-Epos “Sodom und Gomorrha” in die Kinos in Wien. Berczeller als Lot in einer Hauptrolle ist heute noch auf YouTube zu bewundern (s.o. Video)

Richard Berczeller Buchpräsentation
im Funksalon
Fahrt ins Blaue und andere Geschichten aus dem “New Yorker”
In Kooperation mit dem Literaturhaus Mattersburg


Am Freitag, 11. Mai 2012, 19.30 Uhr
Ort: ORF Funkhaus Eisenstadt, Buchgraben 51, 7000 Eisenstadt

Der Eintritt ist frei.


Im Funksalon erzählt Sohn Peter Berczeller von Fabulierlust und Sehnsucht. Zu Gast ist außer meiner Wenigkeit noch der Journalist Wolfgang Weisgram. Aus Richard Berczellers Texten liest Georg Kusztrich. Die Poesie der Geschichten ergründet Karin Schäfer mit ihrem Figurentheater.


Um Antwort (bei Zusage) wird gebeten:
Teleon 02682 700-27211
E-Mail: direktion.bgld@ORF.at


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