Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: mattersburg

Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere

Titelseite Chatan Sofer Wir unterbrechen unsere Sommerpause kurz aufgrund der morgigen Jahrzeit von Rabbiner Samuel Ehrenfeld dem Älteren, dem Großvater des berühmten “letzten” Rabbiners von Mattersburg, Rabbi Samuel Ehrenfeld des…

Titelseite Chatan Sofer


Wir unterbrechen unsere Sommerpause kurz aufgrund der morgigen Jahrzeit von Rabbiner Samuel Ehrenfeld dem Älteren, dem Großvater des berühmten “letzten” Rabbiners von Mattersburg, Rabbi Samuel Ehrenfeld des Jüngeren.

Der 1. Tag des jüdischen Monats Aw (heuer: Montag, der 1. August) ist der Jahrzeittag des Mattersdorfer Rabbiners Samuel Ehrenfeld des Älteren. Er erblickte im Jahre 1839 in Pressburg das Licht der Welt. Die folgende biographische Skizze folgt im Wesentlichen dem Nachruf im “Israelit” (Nr. 68 (1883), S. 1149-1151), einer von Rabbiner Dr. Markus (Mordechai) Lehmann in Mainz herausgegebenen deutsch-jüdischen Zeitschrift.

Rabbi Samuels Vater, Rabbi David Hisch (Zwi) Ehrenfeld, ein Schüler des Chatam Sofer, war ein frommer und gelehrter Mann, der sich zeitlebens weigerte, eine rabbinische Stelle zu übernehmen und als Kaufmann seinen Lebensunterhalt verdiente. Er muss ein glänzender Toragelehrter und vorbildlicher Mensch gewesen sein, denn sein Meister wählte ihn zum Mann seiner Tochter aus.
R. Samuel erbte die hervorragenden Geistesgaben sowie die Liebe zur Tora von beiden Elternteilen, sog sie gleichermaßen mit der Muttermilch auf, und das machte sich auch bald bemerkbar:

In seinem Sohne Rabbi Samuel erwacht schon im Knabenalter eine glühende Liebe und Lust zur Thora. Er besuchte bald die Jeschiwa seines Onkels בעל כתב סופר [Verfasser des Werkes “Ketaw Sofer”], und wohin der junge R. Samuel kam, erregte er durch seine talmudischen Kenntnisse großes Aufsehen.

Seine Begeisterung – und dieser Ausdruck ist in diesem Falle wörtlich zu verstehen – für die Tora behielt er zeitlebens bei:

Von frühem Morgen bis gegen Mitternacht saß er über seinen Folianten gebeugt und wer ihm dann ins Gesicht sah, der glaubte ופניו מאיר’ כזהר שכינה – etwas von jenem höhern göttlichen Geiste auf seinen begeisterten Zügen zu bemerken.

Ist es ein Wunder, daß dieser Gelehrtentypus sich nichts sehnlicher wünschte als ungestört sich dem Lernen hingeben zu können?

Sein bescheidener ruhiger Charakter sehnte sich nach einem ruhigen, unabhängigen und bescheidenen Wirkungskreise. Sein sehnsüchtiges Verlangen wurde erfüllt, ein reicher angesehener ת”ח [Toragelehrter] R. Bunem Paschkus aus Szerdahely [Dunajská Streda] nahm ihn als Schwiegersohn und verschaffte ihm die Gelegenheit ganz seinem edlen Wunsche gerecht zu werden. Trotzdem er sich dem Kaufmannstande widmete, beschäftigte er sich ununterbrochen בלימוד תה”ק [mit dem Studium der heiligen Tora].

Israelit 68 (1883), S. 1150

Dem Artikel im “Israelit” zufolge war die Ehe eine gelungene; die Eheleute führten ein glückliches und harmonisches Familienleben:

Welch ein glückliches Familienleben er mit seiner gleichgesinnten Gattin, die השב”ה [Gott, gelobt sei er] trösten möge, führte, das weiß nur derjenige zu würdigen, der, wenn auch kurze Zeit, das Glück hatte in seiner Nähe zu weilen. Die Erziehung seiner Kinder im Geiste des Judenthums machte er zu seiner ersten Lebensaufgabe, sein sanftes, liebenswürdiges Wesen, sein edles Beispiel wirkte belehrend und erziehend, diese Liebenswürdigkeit wahrte er aber auch gegen Jedermann.

Die Söhne wuchsen ebenfalls zu großen Gelehrten auf: Rabbi Simcha Bunem (Bernhard) wurde später seines Vaters Nachfolger in Mattersdorf, und R. David Zvi, seines Zeichens Gemeindevorsteher in Surany, wurde der Schwiegervater seines Neffen Rabbi Samuel Ehrenfeld des Jüngeren (der letzte Mattersdorfer Rabbiner).

Es wäre schade gewesen, wenn dieser hervorragende Gelehrte und Erzieher sich mit seiner Rolle als Kaufmann begnügt hätte. Zum Glück hatte man seine Fähigkeiten bald erkannt und drang in ihn, doch ein Rabbinat zu übernehmen.

Im Gegensatz zu seinem Vater vermochte er sich der rabbinischen Tätigkeit auf die Dauer nicht entziehen. In Folge wiederholter Aufforderung folgte er 1866 dem Ruf nach Bethlen [Beclean] in Siebenbürgen und zwei Jahre später nach Szikszó in Ungarn.

1877 erreichte ihn der Ruf aus Mattersdorf. Er erklärte sich dazu bereit, überlegte es sich später aber wieder – wohl auf Drängen der Gemeinde Szikszó hin – und wollte in seinem Amt bleiben, so heißt es im Israelit (Nr. 32 (1877), S. 763). Zwei Wochen später berichtet das Blatt, Rabbi Samuel werde nun doch nach Mattersdorf gehen (Nr. 35 (1877), S. 840.

Die damaligen ungarischen Rabbiner waren für sämtliche religiösen Funktionen in ihren zumeist nicht sehr großen Gemeinden zuständig: außer Leitung des Gottesdienstes in der Synagoge, der Beantwortung von religionsgesetzlichen Fragen, der Vornahme von Trauungen und Begräbnissen sowie der Überwachung des Kaschrut-Wesens oblag dem Rabbiner auch die Matrikenführung, und last but not least der Toraunterricht. Und dieses Gebiet war es auch, auf dem Rabbi Samuel seine größten Leistungen erbrachte.

Seine ersten Erfahrungen im Unterrichten machte der junge Rabbi Samuel noch in Pressburg. Und als einmal sein Onkel, der Oberrabbiner auf Anraten der Ärzte auf Kur fahren musste, so war er, der “noch sehr junge” Kaufmann, einer seiner Stellvertreter an der Jeschiwa (Israelit 29 (1861), S. 353).

[Es] strömten aus ganz Ungarn zahlreiche בחורים [Bachurim, Studenten], um bei ihm zu lernen. Er war buchstäblich im ganzen Gebiete des jüdischen Wissens zu Hause, durchdrang den ganzen Talmud, mit jenem eigenthümlichen Scharfblick, der ihn immer auf den geraden Weg führte. Wer bei R. Samuel das Glück hatte, nur kurze Zeit zu verweilen, trug דברי תורה [Worte der Tora] davon. Er glich wahrhaft einem nie versiegenden Quell, aus dem immer Thora sprudelte.

Allgemein gerühmt wird die Art und Weise seines Vortrages, die das Schwierigste und Verwickeltste einem Jeden auch minder Befähigten klar und zugänglich zu machen wußte. Unübertrefflich war aber seine Lehrfähigkeit im Gebiete des Talmuds; jeder Schüler mußte bei ihm Fortschritte machen, denn der Verblichens wußte jeden für die Thora zu begeistern, und sein Fleiß im Thorastudium nahm nie ab.

Schon in Szikszó hatte er eine eigene, sehr gut besuchte Jeschiwa geleitet. Diese führte er dann in Mattersdorf weiter. Diese Gemeinde zählte zu jener Zeit etwa 200 Mitglieder. Der “Israelit” (Nr, 2 (1878), S. 37) berichtet über die Jeschiwa, dass an ihr 80 Bachurim studierten. Zum Zweck der Verköstigung der meist armen Studenten gründete er den Verein Chewrat Mesonot [Ernährungsverein] – jedes Gemeindemitglied verpflegte mindestens einen Bachur einmal in der Woche den ganzen Tag. Auch die Juden in den umliegenden Dörfern beteiligen sich mit finanzieller Unterstützung an diesem Verein.

Einige Informationen über die Größe der Jeschiwa und ihre finanziellen Lage im Jahre 1882 lassen sich dem folgenden Spendenaufruf eines gewissen H. Wolffing aus Würzburg entnehmen (Israelit 3 (1882), S. 67):

Matterdorf (Ungarn). Mitleidsgefühle der mannigfachsten Art, wahre Nächsten- und Bruderliebe sind es, durch die ich mich dringend veranlaßt sehe, eine sehr bedeutungsvolle, gewiß bescheidene Bitte an die geschätzten Leser zu richten.

Die Jeschibah zu Mattersdorf gehört bekanntlich zu den hervorragensten und am zahlreich besuchtesten Ungarns, indem mehr als 110 Bachurim ה’ יברכם [Gott segne sie] sich hier befinden, um aus dem reichlich sprudelnden Borne des hochzuverehrenden הרב הגאון והקדוש נ”י [des genialen und heiligen Rabbiners, sein Licht leuchte] zu schöpfen und dem Thorastudium obzuliegen. Aus fernen Gegenden nicht nur Ungarns, sondern auch anderer Länder weilen hier Schüler, dr Zudrang wird ein immer größerer und die Zahl Derjenigen, die der Unterstützung bedürfen, wird somit immer beträchtlicher. Wenn man nun auch der hiesigen Gemeinde zu sehr großem Danke für ihr gefälliges stetes Wohlwollen verpflichtet ist, so sind diese Beiträge gar zu gering, um das gewünschte Resultat zu erzielen, da Mattersdorf ja nur ein kleiner Marktflecken und der größte Theil der Jeschiba den Unbemitteln zuzuzälen ist. Als Schüler unseres hochzuverehrenden הרב הגאון נ”י [des genialen Rabbiners, sein Licht leuchte] und als College vieler lieber Freunde, die fast während der ganzen Woche von Brod und Obst leben, halte ich es für meine heilige Pflicht, im Vertrauen auf den vielfach bewährten Wohlthätigkeitssinn der geschätzen Leser an diese das hochwichtige Ersuchen zu richten, ihre wohlwollende Gesinnungen auch öfters der hiesigen Jeschibah in entsprechender Weise zeigen zu wollen.

Kann doch ein Jeder, der diesen Zeilen seine Aufmerksamkeit schenken möchte und diesem Wunsche ein bereitwilliges Ohr leihen würde, in der That sich durch dieses Werk עולם הבא die jenseitige Welt erkaufen. Indem die dahier Lernenden ihre ganze Thätigkeit dem Studium der hl. Thora widmen und bei echter יראת שמים [Gottesfurcht] nur לתורה ולעבודה [dem Torastudium und dem Gebet] leben, so würden edle Freunde und Gönner mit einer etwa monatlichen oder vierteljährlichen Einsendung des Betrages an den Verein der Jeschiba zu Matterdorf, Ungarn eine מצוה [Gebot, Wohltat] thun, die sowohl für diese als für jene Welt ihren Lohn sicherlich in sich birgt und mit vollem Rechte kann man einem Jedem, der edlen Spendenden zurufen: מה רב טובך אשר צפנת (Psalm 31, 20). Wie groß ist doch der Lohn, den Du Deinen Frommen aufbewahrst!

Von seiner Leidenschaft, nämlich der Unterweisung der heiligen Lehre, wollte Rabbi Samuel auch nicht lassen, als dies seiner Gesundheit schadete. Diese seine schwache Gesundheit war vielleicht erblich bedingt. Schon sein Vater, der 1861 mit 54 Jahren das Zeitliche segnete, hatte während seiner ganzen Lebenszeit mit physischen Leiden zu kämpfen gehabt (Israelit 47 (1861), S. 569-570).

Im Nachruf von Rabbiner Grünwald aus Ödenburg (Sopron) wird hervorgehoben, wie sehr ihm seine Jeschiwa am Herzen lag:

… trotzdem es ihm von den Ärzten verboten wurde, seiner Kränklichkeit wegen, מרביץ תורה ברבים [Tora in der Öffentlichkeit zu unterrichten] zu sein, eine Jeschiwa zu halten, die Jeschiwa dennoch nicht aufgab, denn er sagte: Wenn keine Jeschiwa – למה לי חיים? [Was soll mir das Leben?] […]

Dasselbe betont der Nachruf in der Berliner “Jüdischen Presse”:

Trotz der eindringlichen Abmahnung der Ärzte und der Professoren konnte sich derselbe nicht entschließen, des anstrengenden talmudischen Vortrages, welcher er unausgesetzt seinen Schülern zu Teil werden ließ, sich zu enthalten, und erst als bereits der Todeskeim seine Gesundheit vollends zu untergraben und zu zerstören begann, also ein starkes Lungen- und Brustübel ein solches Vorhaben unmöglich machte, erst dann entschloß er sich schwersten Herzen[s], seine Tätigkeit zu unterbrechen und einen Erholungsort aufzusuchen, von dem er nicht mehr lebend zurückkehren sollte.

Jüdische Presse (Berlin) 34 (1883), S. 400

Über sein Ende berichtet der “Israelit” im eingangs erwähnten Nachruf:

Seit Anfangs Winter [1882] verschlimmert sich allmählich sein Leiden, so daß der Verklärte ז”ל [gesegneten Andenkens], der keine höheren Freuden auf Erden kannte als להרביץ תורה [Tora zu unterrichten] schon damals die שעורים [Lektionen] mit seinen תלמידים [Schülern] unterbrach. Auf Anrathen der Ärzte reiste er nach Kirling [Kierling, gehört heute zu Klosterneuburg; es gab dort ein Sanatorium] zur Erholung, wo aber die dortigen Ärzte und die herbeigerufenen Professoren erklärten, daß das Leiden ein höchst gefährliches sei. Von allen Seiten, wohin die Kunde gelangt war, liefen täglich Erkundigungen und theilnahmsvolle Briefe ein; תפלות ציבור ויחיד [Gebete von Einzelnen und von der Gemeinschaft] stiegen zu dem himmlischen Arzte ב”ה [gelobt sei er] auf.

Allein Er in seinem unerforschlichen Rathe hatte es anders beschlossen. In den letzten Tagen des Lebens של אמ”ו [des Lehrers und Meisters] eilten sämmtliche Kinder, Verwandte, an das Krankenlager des theuren Vaters und Lehrers; bis zur letzten Stunde, seines Lebens versäumte er keine תפלה [Gebet] und war beständig מהרהר בד”ת [dachte an die Worte der Tora].

In der Nacht zu שבת ר”ח אב [Samstag, Monatsbeginn Aw = 1. Aw] trat eine solche Verschlimmerung ein, daß nach dem Urtheile erfahrener בני חברא [Mitglieder der Beerdigungsgesellschaft] das Schlimmste zu befürchten war. Nach 11 Uhr Vormittags sank er nach kurzem Gebete zurück und starb eine wahre מיתה בנשיקה [leichten und schnellen Tod].

Über die Trauer der Angehörigen und Gemeindemitglieder sowie über das Begräbnis heißt es:

Die Schilderung des Schmerzes der Nächstbetheiligten und als die Hiobspost an die Bewohner Mattersdorfs gelangte, die mit seltener Verehrung und Hochachtung an ihren(!) Rabbiner hingen, ist unbeschreiblich.

Nachdem der Telegraphendrath die Trauerkunde על הלקח ארון אלקים [über das Hinwegnehmen der Bundeslade] verbreitet hatte, eilten zu der הלויה [Trauerkondukt], die auf Dienstag 9 festgesetzt war, selbst aus weiter Ferne, Verwandte, Freunde, Schüler, zahlreiche Rabbinenen(!) und einzelne Deputationen der Gemeinden.Von den zahlreichen Rabbinen und Rab.Col., die zur לויה [Trauerzug] eintrafen, sprachen am Grabe sein Sohn R. D. H. aus Suran, sein Onkel R. Spitzer, Wien, sein Cous. R. S. Schreiber, Erlau, sein Neffe Rabb. Glaser, Klausenburg, Rabb. As. Kohn, Mattersdorf, Rabb. Katz, Kreutz, Rabb. Alt-Kobersdorf, sein Schwager Rabb.-Ass. Stern, Szerdahely.

Noch am Tage des Begräbnisses hatte die Gemeinde in wahrer Würdigung der unsterblichen Verdienste ihres seligen Rabbiners זצ”ל seinen würdigen Sohn R. Bunem, Rabbiner in Sarvar, zum Nachfolger im heiligen Amte mit Acclamation gewählt, die Gemeinde wird von allen Seiten beglückwünscht.”

Beigesetzt wurde Rabbi Samuel Ehrenfeld der Ältere am Mattersdorfer Judenfriedhof.

Sein literarisches Schaffen, oder zumindest ein großer Teil davon, wurde im Werk Chatan Sofer gedruckt:

in das er die ganze Fülle seines allgemein anerkannten Wissensschatzes und seine scharfsinnigen Forschungen niederlegte ס’ “חתן סופר” wovon der 1. Theil in Szikszo, und der 2. Theil in Mattersdorf ausgearbeitet wurde. Über den Werth dieses Werkes zu unrtheilen, steht mir nicht zu, die größten und gefeiertsten haben in brieflichen und literarischen Mittheilungen ihr Urtheil bereis gesprochen und die künftigen Geschlechter werden darin noch einen fast unerschöpflichen Quell der gründlichsten Belehrung finden. Außerdem verfaßte er noch viele Manuscripte auf תורה ש”ס וש”ע ושו”ת [Tora, Talmud, Schulchan Aruch und Reponsen] und war bestrebt, womöglich es drucken zu lassen.

Doch der Lenker der Geschicke hatte es anders beschlossen und den Frühvollendeten in der Blüthe seines geistigen Schaffens abberufen, zum größten Schmerze der nächsten Angehörigen, wie aller derer, die ihn wahrhaft kennen gelernt und seine Werke zu würdigen verstehen.


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Makkabiade – einst und jetzt

Die erste Makkabiade – Tel Aviv 1932 Vom morgigen 5. bis 13. Juli finden in Wien die 13. Europäischen Makkabi-Spiele statt – gewissermaßen die jüdische Antwort auf Olympia. Erwartet werden…

Die erste Makkabiade – Tel Aviv 1932


Vom morgigen 5. bis 13. Juli finden in Wien die 13. Europäischen Makkabi-Spiele statt – gewissermaßen die jüdische Antwort auf Olympia.

Erwartet werden mehr als 2000 Sportler aus über 40 Nationen, die sich auf/in/an diversen Courts, Hallen, Becken, Tischen (Schach!) etc. messen werden.

Erstmals ausgetragen wurde die Makkabiade 1932 im noch jungen Tel Aviv – sportlich sicherlich hochwertig, PR-technisch vielleicht noch etwas unterentwickelt (wie der Vergleich zeigt) … ;)


Die aktuelle Makkabiade – Wien 2011 (Vorschau)


Schon seinerzeit war übrigens auch eine österreichische Delegation vertreten, und zwar durchaus erfolgreich:
So etwa konnten die heimischen jüdischen Zeitungen, geradezu euphorisch bezüglich des “glänzenden Verlaufs” der Spiele, österreichische Erfolge in den Box- und Schwimmbewerben (u.a. durch die damalige Spitzenschwimmerin Hedy Bienenfeld-Wertheimer) vermelden …


'Die Makkabiah' - in: Die Stimme, Wien, 7. April 1932

“Die Makkabiah” – in: Die Stimme, Wien, 7. April 1932, S. 3 (entnommen aus dem Online-Archiv “Compact Memory” – Die Stimme, Jg. 1932. H. 222, 5)

Man beachte – so nebenbei – auf derselben Seite auch das großartige, ja geradezu künstlerisch wertvolle Inserat für das “100% reine Kokosnussfett” Kunerol, hergestellt “unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S[amuel] Ehrenfeld zu Mattersburg” (!), das/der hier auch schon bei anderer Gelegenheit Thema war …

Weitere Infos zum sportlichen und Rahmen-Programm der aktuellen Wiener Makkabiade auf:

emg2011.eu

Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir – aus der breiten Presse-Berichterstattung zum Thema – die Interviews mit Makkabiade-Organisator und IKG-Vizepräsidenten Oskar Deutsch und Wiens Bürgermeister Michael Häupl.


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Der Mattersdorfer Matriken-Krimi

Vor einigen Monaten mussten wir unser Projekt zum jüdischen Friedhof Mattersburg stoppen (wir berichteten). Kurzfristig ist nun leider eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung des Projekts, sprich ein neuerliches Ansuchen, geplatzt….

Vor einigen Monaten mussten wir unser Projekt zum jüdischen Friedhof Mattersburg stoppen (wir berichteten). Kurzfristig ist nun leider eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung des Projekts, sprich ein neuerliches Ansuchen, geplatzt. Da wir uns aber sowohl der Sache als auch unserer überaus engagierten und netten Community hier im Blog verpflichtet fühlen, werden wir ab heute das Projekt fortsetzen, wenn auch – wie angekündigt – deutlich langsamer und unregelmäßiger als geplant. Für mehr fehlen uns die Ressourcen.

Jedenfalls passend zum Neustart ein launiger Artikel unserer Korrespondentin aus Bnei-Brak, Claudia Chaya-Bathya Markovits Krempke, über so manche – vielleicht unerwartete – Gefahren, die bei der Matrikenarbeit lauern ;)

Alles begann mit dem Scheitern einer Ehe

Der in Szill-Sárkány im Komitat Ödenburg (Sopron, Ungarn) lebende Kreisarzt Dr. Wilhelm Szauer hatte als Mediziner in Wien am 20. Februar 1876 in Wien-Ottakring mit einer gewissen Helene Goldmann eine Ehe geschlossen, die er im Jahre 1883 lösen wollte. Er wandte sich deshalb sowohl an das Wiener Landesgericht als auch an das Ödenburger Vizegespansamt wegen Ungültigkeitserklärung seiner Ehe. Dieses sein Ansuchen sollte ungeahnte Verwicklungen herbeiführen.

Am 30. August 1883 wies das Ödenburger Vizegespansamt sein Ansuchen mit der Begründung ab, die Eintragung der Hochzeit in die Matriken scheine regelwidrig. Anstatt in die Matriken des Hochzeitsortes war die Eheschließung nämlich in einen besonderen Anhang der Mattersdorfer Israelitische Trauungsmatriken eingetragen worden. Trotzdem hielt sich das Vizegespansamt weder zur Vernichtung des fraglichen Matriken-“Anhanges” noch zur Ungültigkeitserklärung dieses Auszugs für berechtigt.
Der so quasi mit seiner ungeliebten Frau “steckengebliebene” Szauer richtete daraufhin einen Rekurs an den ungarischen Kultusminister Treford. In dem daraufhin von dem letzteren verfassten Erlass heißt es u. a.:

… stehen wir einem Vorgange gegenüber, der – selbst bei den erfahrenen zahlreichen traurigen Wahrnehmungen hinsichtlich der ungeordneten israelitischen Glaubensverhältnisse – die kühnste Phantasie überragt. Ein Rabbinats-Assessor, namens Jakob Hirsch, der am 7. April 1861 Mattersdorf verließ und nach Wien übersiedelte, hat angeblich mit dem Mattersdorfer israelitischen Matrikelführer David Kohn ein Übereinkommen getroffen, laut welchem die von Hirsch in Wien vollzogenen Trauungen durch Kohn in die Mattersdorfer Matrikel eingetragen werden.

Israelit 31 (1885), S. 504

Hier sieht man, mit welchen Schwierigkeiten sich Historiker und Genealogen bei ihrer Arbeit herumschlagen müssen!

Wer sind die hier genannten Personen?

R. David Kohn (gest. 1888) war Vorsitzender des Rabbinatsgerichts von Mattersdorf und als Nachfolger von R. Ahron Singer von 1868 bis 1878 Rabbinatsverweser. In dieser Eigenschaft war er für die Führung der Geburts-, Sterbe- und Trauungsmatriken der dortigen Juden zuständig.

R. Jakob Hirsch (geb. 1815; gest. zwischen 1903 und 1906) stammte ebenfalls aus Mattersdorf und hatte dort vor seiner Übersiedlung als Rabbinats-Assessor, also Dajjan, fungiert. Er war ein Schwiegersohn des R. Gabriel Trebitsch. Seine Torastudien hatte er bei dem Mattersdorfer Dajjan R. Elieser Lipschitz und dann beim Chatam Sofer absolviert. Aus persönlichen Gründen – er fühlte sich in Mattersdorf von einem Teil der dortigen Juden verfolgt – verließ er die Gemeinde und ging nach Wien, oder genauer gesagt: nach Sechshaus (erst 1892 in Wien eingemeindet; damals Teil des 14. Bezirks, heute des 15.). Hier wurde er Rabbiner der orthodoxen Gemeinde “Emunas Awes” (אמונת אבות, d. h. Glaube der Väter), die in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts einen eigenen Betraum unterhielt. Um 1873 erwarb diese Vereinigung in der Storchengasse 21 ein zweistöckiges Wohnhaus, in dem eine Knabenlehranstalt, eine Talmud-Tora-Schule sowie ein Jugend-, Frauen- und Unterstützungsverein untergebracht wurden. Die Gemeinde, die 1890 aufgrund des Israelitengesetzes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien angeschlossen wurde, errichtete dort später eine Synagoge, die sogenannte “Storchenschul” [1]..

Vorwürfe, Ermittlungen und Anschuldigungen

Es stellte sich heraus, dass Hirsch in den Jahren 1862 – 1878 in Wien insgesamt 143 Trauungsakte vollzogen hat, welche samt und sonders in den erwähnten “Anhang” eingetragen worden waren. Die Ehe von Dr. Wilhelm Szauer und Helene Goldmann war übrigens Nr. 139.

Trefords Erlass fährt fort:

Inwiefern Jakob Hirsch und David Kohn mala fide vorgingen oder nicht und inwiefern bei den in diesen ‘Anhang’ eingetragenen Ehen die sonst erforderlichen gesetzlichen Formen eingehalten wurden, weiß ich nicht. Thatsache jedoch ist, daß jede israelitische Gemeinde nur jene Fälle in ihre eigenen Matrikel einzutragen berechtigt ist, welche auf ihrem eigenen Territorium sich zutragen.

Ibid.

Der Minister kommt schließlich zur Schlussfolgerung, dass nicht in Mattersdorf geschlossene, aber dennoch in der dortigen Matrik eingetragenen Ehen als “nicht existirend, beziehungsweise cassirt zu betrachten” sind. Die involvierten Personen könnten nicht zur Verantwortung gezogen werden, da Rabbinatsverweser David Kohn bereits verstorben sei, und R. Jakob Hirsch in Wien, also außerhalb Ungarns, wohne. Seit Kohns Tod habe, nach Jakob Hirschs Aussage vor dem Mattersdorfer Stuhlrichter am 21. September 1883, der Mattersdorfer Rabbiner Samuel Ehrenfeld (Rabbiner 1878–1883) alle Trauungen selbst durchgeführt. Der argwöhnisch gewordene Minister Trefort ordnete daraufhin eine Untersuchung an, mit der der Mattersdorfer Stuhlrichter Molnar betraut wurde.

Aus der Autobiographie R. Jakob Hirschs in seinem Werk “Mor Dror” (1. Teil, S. 20) erfahren wir, dass auch die österreichischen Behörden in der Angelegenheit ermittelten. Hirsch wurde von der Polizei zu einem Verhör vorgeladen und nach eigener Aussage dort sehr höflich und zuvorkommend behandelt. Trotzdem wurde es dem Rabbiner mulmig zumute. Man legte ihm einen Brief der Wiener Kultusgemeinde vor, in dem ihm die unbefugte Vornahme von Trauungen vorgeworfen wird. Hirsch wies die Anschuldigung entschieden zurück und erklärte, als Mattersdorfer Dajjan sei er zu solchen Handlungen sehr wohl autorisiert; außerdem habe er alles fein säuberlich in die Mattersdorfer Matriken eintragen lassen. Die Behörden akzeptierten seinen Standpunkt und ließen ihn unbehelligt ziehen. In seinen Aufzeichnungen bezichtigt Hirsch die Wiener Kultusgemeinde, ihn verfolgt zu haben, weil er sie wegen ritueller Neuerungen bekämpfte.

Exkurs

Tatsächlich waren die Spannungen innerhalb der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde nicht mehr zu übersehen. Seit der Freizügigkeit 1848 waren Scharen von Juden aus Osteuropa nach Wien gekommen, vor allem aus Ungarn und der heutigen Slowakei. Diese Neueinwanderer waren zumeist streng orthodox, und zwar nach dem Preßburger Muster. Tatsächlich stammten zahlreiche Ankömmlinge aus dieser Stadt. In Wien fanden sie Glaubensbrüder von liberalerer Gesinnung vor, die bereits im Begriff waren, sich an die nichtjüdische Umwelt zu akkulturieren. Anfang der 1860er Jahre wurden diese Spannungen so stark, dass auch die berühmte Wiener Gemütlichkeit und die vorbildliche und harmonische Zusammenarbeit zwischen dem orthodoxen Rabbiner Lazar Horwitz und Prediger Isak Noah Mannheimer sie nicht mehr zu übertünchen vermochten. Schon im Jahre 1861 forderten die Wiener Orthodoxen Autonomie, drangen aber mit ihren Forderungen nicht durch.

Von da an begann sich die Orthodoxie abzusondern. Obwohl der Führer der sogenannten “Preßburger”, Rabbiner Salomon Spitzer (בנימין שלמה זלמן שפיצר), damals noch selbst dem Wiener Bet-Din (Rabbinatsgericht) angehörte – dessen Integrität also auch in den Augen der Allerfrömmsten garantiert war – vermied es die Trennungsorthodoxie nun nach Möglichkeit, die genannte Institution in Anspruch zu nehmen. Ihre Mitglieder heirateten daher außerhalb der damaligen Grenzen Wiens, z. B. in Sechshaus, dessen jüdische Gemeinde, wie wir bereits gesehen haben, damals noch nicht zur Wiener Kultusgemeinde gehörte.

Einen Höhepunkt erreichten die Zwistigkeiten mit dem Amtsantritt des liberal gesinnten Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Ignaz Kuranda. Im Jahre 1872 wollte der Vorstand der IKG in den beiden großen Tempeln gewisse Gebete abschaffen. Die Orthodoxen stiegen natürlich sofort auf die Barrikaden. In bester Wiener Manier einigten sich die Rabbiner und der Vorstand schließlich auf einen Kompromiss (diese Gebete sollten leise rezitiert werden), doch Rabbi Spitzer machte da nicht mit und trat aus dem Wiener Bet-Din (Rabbinatsgericht) aus. Er versuchte für seine Gesinnungsgenossen von den Behörden die Anerkennung als eigene Gemeinde zu erreichen. Trotz starkem Druck, einer Medienkampagne und der Unterstützung von zahlreichen ausländischen orthodoxen Rabbinern wurde diesem Ansuchen jedoch nicht stattgegeben. Vermutlich haben die Vorgänge in Ungarn um die Trennung der Gemeinden die Behörden abgeschreckt.

Jetzt, da die Wiener Orthodoxen das Beth Din der Kultusgemeinde nach dem Ausscheiden Spitzers einerseits nicht mehr anerkannten, anderseits aber rechtlich nicht befugt waren, selbst ein solches zu bilden, waren sie gänzlich auf andere, ihrer Meinung nach religiös zuverlässige Gemeinden angewiesen. In einer Zeitungsmeldung aus dem “Israelit” 4 (1873), S. 56 ist z. B. die Rede von einem Vater, der sich mit der Bitte um einen Get (Scheidungsbrief) für seine Tochter an Rabbiner Spitzer gewandt hatte. Dieser verwies den Mann daraufhin an das Mattersdorfer Beth Din.

Wieder Mattersdorf!

Conclusio

Die eingangs erwähnten Eintragungen der von R. Jakob Hirsch durchgeführten Trauungen in die Mattersdorfer Matriken beweist, dass nicht nur in Ungarn, sondern auch in Österreich die religiösen Angelegenheiten der Juden nicht geregelt waren. Erst das sogenannte “Israelitengesetz” aus dem Jahre 1890 stellte das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage. Und in Ungarn wurde 1885 eine Reform des jüdischen Matrikenwesens unternommen. Es hat den Anschein, dass die Gemeinde Mattersdorf einen nicht unbedeutenden Anteil daran hat.

Quellen

Der spezielle Fall:

  • Israelit 31 (1885), S. 503-505; 33 (1885), S. 547
  • Jakob Hirsch, “Mor Dror”, 1. Teil, S. 20
  • R. Jakob Hirsch: Kinstlicher, Der Chatam Sofer und seine Schüler (heb.), S. 218-222

[1] Tempelverein Storchengasse [Zurück zum Text (1)].:


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Begnadeter Überlebenskünstler / Zaungast der Politik

Erinnerung an den jüdischen Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller In seinem zeitgeschichtlichen Beitrag über die drei überragenden geistigen Führer der österreichischen Sozialdemokratie in der 122 -jährigen Geschichte dieser politischen Partei…

Erinnerung an den jüdischen Arzt und Schriftsteller Richard Berczeller

In seinem zeitgeschichtlichen Beitrag über die drei überragenden geistigen Führer der österreichischen Sozialdemokratie in der 122 -jährigen Geschichte dieser politischen Partei – Viktor Adler, Otto Bauer und Bruno Kreisky, übrigens drei Juden aus gutbürgerlich-altösterreichischem Hause – hat Hans Werner Scheidl in der Tageszeitung DIE PRESSE vom 8. Jänner 2011 (Printausgabe) auch den 1902 in Ödenburg im Königreich Ungarn geborenen Richard Berczeller zu Wort kommen lassen. Mit dessen Ausspruch über Otto Bauer (“Aus unseren jungen Jahren ist er nicht wegzudenken”), diesen “revolutionären Illusionisten der Zwischenkriegszeit”. Für mich ein willkommener Anlass, an einen bedeutenden Mann zu erinnern,

Richard Berczeller, am 3. Jänner 1994 im Alter von 92 Jahren in New York verstorben, war ein begnadeter Überlebens- wie auch Lebenskünstler und eine Symbolfigur für die 1938 aus dem Burgenland vertriebenen Juden, den Umständen gemäß neben seiner ärztlichen und schriftstellerischen Tätigkeit aber nur ein “Zaungast der Politik” (so der Titel eines gemeinsamen Buches mit Norbert Leser), aber das mit einer kaum überbietbaren Leidenschaft.

Berczeller für mich entdeckt habe ich bereits 1965, eher zufällig, als sein wohl interessantestes autobiographisches Buch mit dem Titel “Die sieben Leben des Doktor B.” (Originaltitel : “Displaced Doctor“, The Odyssee Press, New York), aus dem Amerikanischen übersetzt von Kurt Wagenseil, im Paul List Verlag (München) erschienen ist. Das Buch fiel mir im Schaufenster einer Buchhandlung in Köln auf, weil auf einem daneben angebrachten Info-Text zu lesen war, dass sein Autor aus Ödenburg stammt.

Richard Berczeller und Mida Huber im Garten der Heimatdichterin in Landsee/Burgenland, August 1970; Bild: Klara Köttner-Benigni

Ich kaufte daraufhin sofort ein Exemplar und verschlang gierig die zu einem Teil in Mattersburg (dem Städtchen, in dem ich damals zu Hause war) spielende Erzählung. Ein Jahr darauf, 1966, schenkte ich das Buch meinem Freund, dem aus Wiesen bei Mattersburg stammenden Internisten Dr. Heinz Tragl, zu seinem 30. Geburtstag. Univ.-Prof. Tragl, bis 2003 ärztlicher Leiter des SMZ- Ost in Wien, wie auch ich wurden Jahre später über unsere Freundschaft mit dem damaligen Bundeskanzler Dr. Fred Sinowatz auch persönlich mit Richard Berczeller gut bekannt, der in den 1970er- und 1980er- Jahren wiederholt neben Wien, wo seine Frau Maria geb. Unger geboren wurde, auch das Burgenland besucht hat.

Zurück zu den “Sieben Leben des Doktor B”. Richard Berczeller schildert darin seine Zeit als revolutionärer Gymnasiast in Ödenburg/Sopron, die Flucht seiner Familie nach dem Ende des Bela Kun- Regimes in Ungarn ins neue österreichische Bundesland Burgenland, wo sein Vater sich in Sauerbrunn, dem damaligen Sitz der Landesregierung, niedergelassen und als Funktionär der Sozialdemokratischen Partei rasch Karriere gemacht hat, Leiter der neuen Burgenländischen Landeskrankenkasse und Vizepräsident der Burgenländischen Arbeiterkammer wurde. Sohn Richard studierte in Wien Medizin und nach seinen Jahren als Turnusarzt am AKH ließ er sich 1930 als praktischer Arzt in Mattersburg nieder, hatte Patienten aus der jüdischen Gemeinde des Ortes, aber auch zahlreiche Christen, einfache Leute und prominente, wie den legendären und mächtigen christlichsozialen Politiker und Landesrat Michael Koch.

Nach der Machtergreifung der Nazis auch in Österreich gelang Berczeller mit Hilfe von Marie Bounaparte (einer französischen Adeligen und Schülerin Siegmund Freuds) die Flucht nach Frankreich. Nach Monaten als Kolonialarzt an der afrikanischen Elfenbeinküste und Bordellarzt in Paris landete Berczeller mit Ehefrau und Sohn Peter 1940 in New York, wo er bis zu seinem Tod lebte, (nach zusätzlicher medizinischer Ausbildung in den USA) Jahrzehnte als Internist ordinierte und daneben in der angesehenen Zeitschrift “New Yorker” immer wieder autobiographische Erzählungen veröffentlichte.

Seine Freundschaft mit Fred Sinowatz, der nach Kreisky Vorsitzender der SPÖ war, trug Berczeller 1985 die Viktor Adler- Medaille ein, die höchste Auszeichnung, welche die Österreichische Sozialdemokratie zu vergeben hat. Aber auch das Land Burgenland und sogar die katholische Diözese Eisenstadt unter Bischof Stefan Laszlo geizten nicht mit respektablen Orden, die sich der umtriebige und auch im hohen Alter noch immer charmante jüdische Grandseigneur ohne religiöse Bindung stets selbst vor Ort abholte. Bei solchen Anlässen festigte sich auch ein burgenländischer Freundeskreis um Berczeller, dem u.a. der damalige Vorstand der Sozialabteilung der Landesregierung, Dr. Günther Engelbrecht, wie auch ich angehörten.

An der Fassade des Hauses am Mattersburger Hauptplatz, in dem Berczeller bis 1938 als Arzt gewirkt hatte, wurde eine Gedenktafel angebracht. Eine Art Wiedergutmachung durch den damaligen Mattersburger SPÖ-Bürgermeister Mag. Eduard Sieber, weil dessen Amtsvorgänger Anton Wessely verhindert hatte, dass das neue Mattersburger Ärztezentrum nach Richard Berczeller benannt wurde.

Zu Berczellers 90. Geburtstag erschien eine von Joachim Riedl (der Korrespondent österreichischer Medien in New York gewesen war und dort den burgenländischen Emigranten und Präsidenten der American Friends of Austrian Labour kennen gelernt hatte), herausgegebene Festschrift mit dem Titel “Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!“. Das Herausgeberkomitee, bestehend aus Erhard Busek, Heinz Fischer, Thomas Klestil, Herbert Krejci, Peter Marboe, Fred Sinowatz, Franz Vranitzky und Helmut Zilk, konnte glänzender nicht sein.

Richard Berczeller und Günter Unger vor der Gedenktafel für die gefallenen jüdischen Soldaten des 1. Weltkrieges vor dem Österreichischen Jüdischen Museum, 1983

Bei der Präsentation des Buches im Österreichischen Jüdischen Museum in Eisenstadt am 23. April 1992 durch den damaligen Landeshauptmann Karl Stix unterstrich Paul Grosz, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, in einer Rede die hohe Wertschätzung des Jubilars innerhalb des österreichischen Judentums. ÖVP-Altbundeskanzler Josef Klaus veröffentlichte in der Festschrift seinen “Brief an einen alten Freund”. Richard Berczeller selbst konnte aus gesundheitlichen Gründen an diesem Ereignis nicht teilnehmen.

Drei Wochen danach, am 13. Mai, erhielt ich seinen letzten Brief an mich aus New York, in dem er sich für meinen Fernsehbeitrag über dieses Ereignis bedankte und mir u.a. mitteilte, dass auch der ungarische Staatspräsident Arpad Göncz ihm zum 90er herzlich gratuliert habe. Und er schloss diesen Brief ein wenig wehmütig mit folgenden Zeilen:

Trotz meiner Erfolge in einem jahrzehntelangen Leben in der Fremde wäre ich viel lieber in meiner alten Heimat geblieben, auch wenn ich es dort nur zu einem inzwischen auch schon pensionierten Obermedizinalrat gebracht hätte.


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Bild der Woche – Siegel

Zugegeben, die Arbeit an historischen Matriken kann eine recht trockene Angelegenheit sein. Umso erfreulicher ist es, wenn die Recherche, quasi nebenher, solch hübsche Fundstücke zutage bringt: das offizielle Siegel der…

Zugegeben, die Arbeit an historischen Matriken kann eine recht trockene Angelegenheit sein. Umso erfreulicher ist es, wenn die Recherche, quasi nebenher, solch hübsche Fundstücke zutage bringt: das offizielle Siegel der jüdischen Gemeinde Mattersdorf, dem man seine mehr als 100 Jahre kaum ansieht …

Siegel der jüdischen Gemeinde Mattersdorf

Siegel der jüdischen Gemeinde Mattersdorf (bitte Bild vergößern!),
Mattersdorfer Sterbematriken, Stadtarchiv Sopron,
aufgestöbert im Rahmen der Recherchen für das (aus genannten Gründen aktuell leider auf Eis liegende) Projekt der Online-Aufarbeitung des jüdischen Friedhofs Mattersburg

Beschriftung im Außenkreis: “SIG . DER . MATERSDORFER . IUDNGIMEIN”
Im Innenkreis: Davidstern mit den hebräischen Buchstaben ק מ ד = “(Heilige jüdische) Gemeinde Mattersdorf”


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Eine unerfreuliche Meldung zum Stand der Dinge

Das hier laufende Projekt über den jüdischen Friedhof Mattersburg sowie (geplant) für 2011 auch über die beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt kann aufgrund der ohnehin knappen Ressourcen unseres Hauses nur…

Das hier laufende Projekt über den jüdischen Friedhof Mattersburg sowie (geplant) für 2011 auch über die beiden jüdischen Friedhöfe in Eisenstadt kann aufgrund der ohnehin knappen Ressourcen unseres Hauses nur bewältigt werden, wenn zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Wir haben daher im Juli/August beim Österreichischen Nationalfonds einen Antrag zur Förderung des genannten Projekts mit dem Titel “Entanonymisierung der jüdischen Friedhöfe – Burgenland” gestellt.

Wir wurden nun informiert,

dass das Projekt in der letzten Sitzung […] zurückgestellt wurde. Das ist [formal] keine Ablehnung. Sie haben die Möglichkeit, bei der nächsten Komiteesitzung (Mai 2011) das Projekt noch einmal vorzustellen und Missverständnisse zu klären.

Anmerkung: Wir wissen nicht, welcher Art die Missverständnisse sind, da unserer Meinung nach das Projekt klar und umfassend definiert war.

Da wir also derzeit keine finanzielle Unterstützung bekommen, können wir das Projekt zu unserem großen Bedauern bis auf Weiteres auch nicht wie geplant fortsetzen.

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