Koschere Melange

Das Blog des Österreichischen Jüdischen Museums - ISSN 2410-6380

Schlagwort: mattersburg

Our best wishes for Gisa

Gisa und Bernard Dolinger an ihrem 60. Hochzeitstag Heute ist die Urgroßtante unserer lieben Kommentatorin aus Massachusetts, Carole Garbuny Vogel, die mit Abstand die meisten Kommentare in diesem unserem Museumsblog…

Gisa und Bernard Dolinger an ihrem 60. Hochzeitstag


Heute ist die Urgroßtante unserer lieben Kommentatorin aus Massachusetts, Carole Garbuny Vogel, die mit Abstand die meisten Kommentare in diesem unserem Museumsblog schrieb,

108 Jahre

alt!

Wir wünschen Frau Gisa von Herzen alles Gute und im wörtlichsten Sinn “bis mindestens 120”! :)

Das Grab ihres Vaters befand sich auch am jüdischen Friedhof in Mattersburg und ist wie fast alle Gräber dieses Friedhofes leider verschollen.
Es tut mir so leid, dass wir nicht einmal das Foto des Grabes in unserer Sammlung haben, Gisa hätte sich so gewünscht wenigstens dieses zu sehen …

Die Großeltern von Gisa sind Abraham Kohn und Johanna (Hendl) Kohn.


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Der Reichsrats-Rabbiner

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat (nach langer Zeit) soeben Zuwachs bekommen – Claudia/Chaya-Bathya, mit ihrem…

Die Artikel-Sammlung auf unserer Website, in der sich eine Reihe wissenschaftlicher und weiterführender Beiträge v.a. zu burgenländisch-jüdischen Themen findet, hat (nach langer Zeit) soeben Zuwachs bekommen – Claudia/Chaya-Bathya, mit ihrem sachkundigen und dabei gut lesbaren Artikel über den Mattersdorfer Rabbiner und späteren Reichsratsabgeordneten Simon Sofer/Schreiber, sei Dank!

Der 1820/21 in Pressburg/Bratislava als Sohn des Chatam Sofer geborene Simon wurde 1842 und damit gerade 22-jährig zum Rabbiner von Mattersdorf berufen, ab 1861 wirkte er als Rabbiner von Krakau.


Im August 1852 kam Dr. Marcus Lehmann, der nachmalige Rabbiner (…) von Mainz, (…) in Mattersdorf an. Über sein Zusammentreffen mit R. Simon schreibt er:

… Diese wenigen Stunden sind mir unvergesslich geblieben. Oberrabiner Schreiber, einer der schönsten Männer, die ich gesehen habe – er zählte damals 32 Jahre – überschüttete mich förmlich mit wundervollen Erklärungen schwieriger Talmud-, Midrasch- und Bibelstellen, darunter Vieles von seinem großen Vater, dem Oberrabbiner von Pressburg, Rabbi Moscheh Sopher (Schreiber).

Im Jahr 1879 schließlich wird Simon Abgeordneter im Reichsrat zu Wien:
Als sich im Lande die Nachricht verbreitete, daß der Krakauer Rabbiner zum Abgeordneten gewählt worden sei und nach Wien ins Parlament des Kaisers fahren werde, da tanzten die Juden auf der Straße. Die Feste, die damals selbst im kleinsten jüdischen Dorf gefeiert wurden, sollen tagelang gedauert haben.

R. Simon muss im Reichsrat einen recht kuriosen Eindruck gemacht haben, wie er da so auf der äußersten Rechten mitten unter den Polen saß: ein recht korpulenter Mann in einem langen Kaftan aus schwarzer, schimmernder Seide, das Haupt bedeckt mit einer hohen Samtkappe, mit wallendem graumeliertem Vollbart und den langen Schläfenlocken (Pe’ot oder jidd. Pejes) der Ostjuden. (…)

Im Reichsrat, dem damals auch der Antisemitenführer Georg von Schönerer angehörte, zirkulierte ein Witz, der nebenbei auch seine politische Spitze hatte: Beim Namensaufruf kam stets – trotz des Alphabets – Schreiber vor Schönerer. So hieß es einmal auch: “Herr Abgeordneter Schreiber” – “Hier!” – “Herr Abgeordneter Schönerer” – “Fehlt!” – “Kunststück, es ist kaner ‘schönerer’ nach dem Schreiber …”

All dies und vieles mehr, etwa: wieso R. Simon Sofer silberne Löffel verschenkte oder warum selbst der Kaiser sich vor ihm bückte, lesen Sie im Artikel “R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר)”.

PS: Und noch ein sehr schöner Eisenstadt-/Burgenland-Bezug: Nachdem R. Simon Sofer gestorben war, wurde an seiner Stelle für den Wahlkreis Kolomea-Buczacz-Sniatyn der in Dukla (Galizien) gebürtige Floridsdorfer Rabbiner Josef Samuel Bloch in den Reichsrat gewählt. Bloch ist vor allem bekannt durch seinen Aufsehen erregenden Prozess gegen den Verfechter der Ritualmordlüge, Prof. August Rohling.

Weniger bekannt hingegen ist, dass Bloch in Eisenstadt an der Jeschiva von R. Esriel Hildesheimer studiert hatte. Und dort ist er hochkantig hinausgeflogen, nachdem er sich einen üblen Scherz mit zwei seiner Studienkollegen erlaubt hatte. Hildesheimer hat ihm das noch jahrelang nachgetragen. Lesen Sie über den Vorfall im 1. Teil seiner Autobiografie!

PPS: Rabbi Simon Schreiber findet sich als ehemaliger Abgeordneter auch auf der Website des österreichischen Parlaments – (Update 23. 09. 2010) auch auf der neuen Parlaments-Website genannt. Wir freuen uns, zu diesem Parlaments-Eintrag dank Claudias Artikel eine ausführliche Biographie Simons ergänzen zu können bzw. hiermit unsere “two cents” zum anstehenden vollzogenen Relaunch der Parlaments-Website beizutragen…


Den gesamten Beitrag können Sie in unserem Artikelbereich lesen: R. Simon Sofer (Schreiber; שמעון סופר).


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Einer, der nicht Rabbiner sein wollte

Rev (Herr) Aron Singer (אהרן זינגר) (Rabbinatsverweser) Vorbemerkung: Wenn wir unsere Grabsteine des jüdischen Friedhofs Mattersburg bearbeiten und online stellen, gibt es manchmal ein ganz besonders schönes Erlebnis: wenn nämlich…

Rev (Herr) Aron Singer (אהרן זינגר) (Rabbinatsverweser)

Vorbemerkung: Wenn wir unsere Grabsteine des jüdischen Friedhofs Mattersburg bearbeiten und online stellen, gibt es manchmal ein ganz besonders schönes Erlebnis: wenn nämlich die “Routinearbeit” jäh unterbrochen wird, weil ein Gesicht zum Stein und zur Inschrift auftaucht. So wie in diesem Fall: 2 Tage, nachdem der Grabstein von Aron Singer online war, schickte uns Chaya-Bathya folgenden Artikel über den 1868 Verstorbenen.


Geboren um 1806 als Sohn armer Eltern aus Szentgrod (Zalaszentgrót, Ungarn). Seine Eltern waren R. Jizchak und Jentl, die Tochter des Lackenbacher Rabbiners R. Salman Lipschitz, die beide schon früh starben. Der 10jährige Waisenknabe Aron kam nach Mattersdorf zu seinem Onkel mütterlicherseits, dem Dajjan R. Elieser Lipschitz, unter dessen Leitung er sich dem Talmudstudium widmete. Der Familientradition zufolge soll er auch ein Semester lang beim Chatam Sofer (R. Moses Sofer-Schreiber) gelernt haben.

Auf Wunsch dieses Onkels verehelichte sich Aron mit Selda Deutsch, eine Tochter des R. Mendel Deutsch (ein Bruder von R. Josef Zwi Deutsch in Mattersdorf). Als ältestes männliches Familienmitglied hatte er aber auch für seine Geschwister zu sorgen. Hierzu heißt es im Vorwort zu seinem Werk “Tif’eret Aharon”:

Als R. Arons Schwester ins heiratsfähige Alter kam, war er selbst erst 17 Jahre alt. Man redete ihm zu, er solle nach Pressburg zum Chatam Sofer (R. Moses Sofer) fahren und von ihm eine rabbinische Autorisation erhalten. Damit könne er eine schöne Summe Geldes verdienen, und zwar aus dem Legat einer Frau in Kanischa (Nagykanizsa). Er könne so die Hochzeit seiner Schwester bezahlen. R. Aron wollte aber nichts davon hören. Da mischte sich der berühmte Gelehrte R. Elieser (Müller) Dresnitz, einer der angesehensten Schüler des Chatam Sofer und Dajjan in Mattersburg, ein und befahl R. Aron, sich nach Pressburg aufzumachen. Außerdem übergab er ihm einen Brief an den Chatam Sofer. Da mußte R. Aron notgedrungen einwilligen, fuhr nach Pressburg und erhielt das Zeugnis. Dieses verfehlte seinen Eindruck auf die Verwalter des erwähnten Legats nicht, und R. Aron erhielt eine Summe, mit der er seine Schwester verheiraten konnte.

Zitiert bei Kinstlicher, siehe unten Literatur, S. 41

Der Chatam Sofer soll R. Aron ein überaus lobendes Zeugnis ausgestellt haben (s. Toldot Sofrim, S. 105-106).

R. Aron wohnte zeitlebens in Mattersdorf. Sein Leben war einfach, ohne Wechsel, wie das vieler Erdengrößen, die sich mit ungeteilter Energie einem bestimmten Berufe hingeben. Selbst die äußerst bedrängten Verhältnisse seiner Familie vermochten ihn nicht vom Torastudium abzuhalten.

R. Arons Gelehrsamkeit und Fleiß machten auf die Umgebung schon früh Eindruck. Alsbald scharten sich Jünger um ihn, die an seinen reichen Kenntnissen ihren Wissensdurst befriedigten. Sie fanden an ihm nicht nur einen Lehrer, sondern auch einen liebevollen Freund und Ratgeber. Von seinen insgesamt etwa 40 Schülern wurde er hoch verehrt. Unter ihnen finden wir: R. Benjamin Seew Wolf Breuer, Rabbiner in Tab (in Ungarn, Anm.); R. David Friedmann, Rabbiner in Deutschkreutz; R. Jehuda Löb Lemberger-Lwow, Rabbiner in Rozsnyo (Roznava, Slowakei); R. Jizchak Schmuel Schön-Jaffe (Neffe R. Arons) in Mattersdorf; R. Akiva Kornitzer; Vorsitzender des Rabbinatsgerichts in Krakau und R. Schlomo (Alexander, Sandor) Fischer, Rabbiner in Karlsburg (Alba Iulia, Rumänien).

Brief an R. Esriel Hildesheimer, dem Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts in Berlin

Bis 1860 lebte R. Aron als Privatmann. Durch die Übertragung des Amts eines Dajjans auf ihn nach dem Abgang seines Vorgängers R. Simon (שמעון) Sofer wurden seine finanziellen Verhältnisse insofern besser, als er ein kleines festes Einkommen bezog, das ihn jedoch auch nicht vor Mangel schützte. Die offizielle Annahme des Rabbinats verweigerte er, doch wurde zu seinen Lebzeiten kein Rabbiner gewählt. Er wird daher offiziell unter dem Titel “Rabbinatsverweser” (d. h. Verwalter des Rabbinats) geführt, obschon er sämtliche Funktionen eines Rabbiners erfüllte.

Hoch gelobt werden auch R. Arons menschliche Eigenschaften. Seine Bescheidenheit, sein liebevolles Wesen, sein nie ermüdender Eifer, Gutes zu stiften, machten ihn allseits beliebt. Trotz seiner eigenen Bedürftigkeit verließ kein Armer ungetröstet seine Schwelle.

R. Aron verstarb plötzlich am 28. Oktober 1868 (12. Cheschwan 5629) nach Teilnahme an einem Festmahl (סעודת מצווה) in Neudörfl bei Mattersdorf, das er noch “mit freudiger Begeisterung” mitgefeiert hatte.

An seinem Begräbnis nahmen zahlreiche Menschen teil. Der “Israelit” schildert dies mit folgenden Worten:

Es war eine Szene von wahrhaft erschütterndem Eindrucke, als der ארון (Sarg) aus dem Hause getragen wurde. Es musste alle ein tiefes Schmerzgefühl durchzucken bei dem Anblicke des geliebten Toten; dies bewies das plötzlich wie aus einem Munde ertönende herzzerreißende Wehklagen von Jung und Alt, von Frauen und Mädchen, von Juden und Christen, denn auch letztere hatten der Charaktergröße des Verstorbenen ihre Verehrung nicht versagen können.

Der Dajjan von Mattersdorf sowie die Rabbiner von Deutschkreutz, von Lackenbach und R. Elieser von Ödenburg hielten Trauerreden.

R. Arons schriftliche Aufzeichnungen wurden 1958 in Jerusalem unter dem Titel “Tif’eret Aharon” veröffentlicht.

R. Aron hatte 7 Kinder, darunter R. Jizchak Elieser S. in Mödling. Unter seinen Schwiegersöhnen sind: der Mattersdorfer Dajjan R. Josef Pressburger (der Mann seiner Tochter Beila Krassel); sein oben erwähnter Neffe R. Jizchak Schmuel Jaffe-Schön und R. Chaim Kohn in Papa (der Mann seiner Tochter Jentel; ihr Grabstein in “Mattersdorf Familiess. unter “Kohn”).

Literatur

  • (Kinstlicher) משה אלכסנדר זושא קינסטליכר, ה’חתם סופר’ ותלמידיו, בני-ברק: מכון ‘זכרון’, תשס”ה, S. 40-42.
  • Kommentar von Carole Vogel zu “Singer Aron”.
  • Zeitungsmeldungen: Beratung der Rabbiner der Sieben Gemeinden über Kultusangelegenheiten: Is 45 (1862), S. 186. Unterschreibt Protest gegen Horwitz und Mannheimer (Kompert-Prozeß): Is 8 (1864), S. 95-97. Ableben: Is 47 (1868), S. 873-874 [auch Biographie].


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Bild der Woche – Synagoge Mattersburg

Sofort beim Eintreten in den Tempel fiel der große Almemor [= Ort der Toralesung, Bima; Anm.] auf. Rings um den Almemor liefen Bänke, vor denen Betstühle standen…An der Vorderseite des…

Sofort beim Eintreten in den Tempel fiel der große Almemor [= Ort der Toralesung, Bima; Anm.] auf. Rings um den Almemor liefen Bänke, vor denen Betstühle standen…An der Vorderseite des Almemors stand die 1 ½ m hohe und entsprechend breite Menorah [= 7-armiger Leuchter; Anm.] … Die Sitzgelegenheiten waren im Tempel spärlich. Rings um die vier Wände lief eine Bankreihe. Nur im hinteren Teile des Tempels waren einige Reihen. Das Gros der Gemeinde verfügte über keine Sitzgelegenheit … Die Tempelwände waren (…) mit Gebetstücken beschrieben … Der Plafond (…) war mit Emblemen, Motiven, die teilweise dem religiösen Leben entnommen waren (Feststrauß, Menorah, Vögeln, Sternen), bemalt …

Max Grunwald, Mattersdorf, in: Jahrbuch für Jüdische Volkskunde 1924/25, hrsg. v. Max Grunwald, Berlin 1926. S. 417-420.

Synagoge in Mattersdorf, um 1920

Synagoge in Mattersdorf, um 1920. Zwar unleserlich, aber in den Umrissen erkennbar: die in unserem Blogbeitrag diskutierte Gedenktafel an der Außenfront der Synagoge.

Die Mattersburger Synagoge, am wulka-seitigen Ende der Judengasse gelegen (s. den von Meir Deutsch zur Verfügung gestellten historischen Stadtplan), stammte in ihrer baulichen Endgestalt wohl aus dem späten 19. Jahrhundert; die Baugeschichte bleibt allerdings, zusammen mit der (Früh-)Geschichte der Mattersburger Judengemeinde im Ganzen, umstritten – nachzulesen in unserem jüngsten Blog-Beitrag

Der Mattersburger Tempel wurde im September 1940 gesprengt (s. den Bericht von Hans Paul). Fotografische (Innen-)Ansichten der Synagoge sind rar, umso wertvoller ist die ausführliche (hier nur in kleinen Auszügen zitierte) Beschreibung bei Max Grunwald.

Heute erinnert an die Mattersburger Synagoge ein Gedenkstein am Brunnenplatz (s. unser Bild der Woche – Gedenkstein Mattersburg).

Gegenwärtig werden in Mattersburg Pläne für ein (neues) Synagogen-Denkmal diskutiert – wir sind gespannt & werden über allfällige Fortschritte hier im Blog berichten … (vielen Dank an Gemeinderätin Sonja Sieber für die Informationen).


Schicken Sie uns Ihr Bild der Woche


13 Kommentare zu Bild der Woche – Synagoge Mattersburg

Mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf?

Eine Hypothese … Vielen Dank an Meir Deutsch, der uns dieses sonst weitgehend unbekannte Bild der Tafel schickte, die an der Synagoge in Mattersdorf angebracht war. Wir kannten das Bild…

Eine Hypothese …

Ehemalige Gedenktafel an der Synagoge Mattersdorf


Vielen Dank an Meir Deutsch, der uns dieses sonst weitgehend unbekannte Bild der Tafel schickte, die an der Synagoge in Mattersdorf angebracht war. Wir kannten das Bild dieser Tafel selbst nicht und auch in der uns bekannten Literatur fanden wir zwar Hinweise auf die Tafel, aber kein Bild von ihr.

According to the plaque that was plastered at the front of the Synagogue it was first built in 5114 which is 1353-1354, but this date seems too early. I have seen a picture of the plaque, and it seems to me that it can be read as 5310 קיר and not קיד, which correspond to 1550 [we see that the three Hebrew letters have a dot over them, which usually means that you have to add the value of these letters and not to read them consecutively as a date, as the other year on the plaque 5635]. This date fits with the expulsion of the Jews from Odenburg in 1527, which settled in Mattersburg.

Meir Deutsch, Yalde Shabat, Jerusalem 2008, S. 42.

Meir Deutsch weiter:

It is said that the “Founders” of the Jewish community in Mattersdorf were the six Families of the tribe of Levi, that were expelled from Spain and Settled in Mattersdorf. The Jews were expelled from Spain in 1492 = 5252. If we take the reading of the date on the Plaque as 5310 = 1550, than we get that the first Synagogue was built just 58 years after the expulsion of the Jews from Spain and only 23 years after Odenburg expelled its Jews who settled in Mattersdorf.

Schön der Reihe nach, zuerst die Übersetzung:

  1. Erstgebaut im 6. Jahrtausend im Jahre “KID” (oder) “KIR” (der 3. und letzte Buchstabe des letzten Wortes der 1. Zeile ist umstritten)
  2. und von neuem errichtet im Jahr 635 (= 1875).
  3. So höre du sie im Himmel, (s. 1 Könige 8,32 u.a.)
  4. wenn sie kommen um zu beten n(ach der) k(leinen) Z(eitrechnung). (Der Zahlenwert des Nebensatzes ergibt noch einmal 635, also das Jahr 1875!)

1. Zeile:
Das 6. Jahrtausend beginnt (umgerechnet) im Jahr 1240/41, siehe Lexikoneintrag zur Zeitrechnung.
Je nachdem, ob wir קיר oder קיד lesen, erhalten wir – wie auch Meir Deutsch schreibt -, entweder 114 oder 310, umgerechnet also das Jahr 1353/54 oder 1550/51.

Meir Deutsch plädiert für die Lesung קיר, also “KIR” (1550), und argumentiert damit, dass wir im Mittelalter keine jüdische Gemeinde in Mattersdorf belegt haben, 1550 aber insbesondere deshalb möglich wäre, weil eine jüdische Besiedlung Mattersdorfs nach der Vertreibung der Juden aus Ödenburg (Sopron) belegt ist.

Auch Hodik schreibt:

Möglicher Ausgangspunkt für die Historie bleibt in jedem Fall die an der Gassenfront der Synagoge entdeckte Tafel, die als Erbauungsdatum das Jahr 5114 (1353/54) ausgewiesen haben soll (Anm.: Hodik kennt die Tafel offenbar nicht). Dürfen wir aber diese Angabe ohne weiteres übernehmen und genügt sie denn, um mit Sicherheit auf die Existenz einer jüdischen Siedlung zu jener Zeit schließen zu können?

Historisch gesichertes Terrain betreten wir erst am Ende des 15. bzw. zu Beginn des 16. Jahrhunderts. …

Fritz P. Hodik, Beiträge zur Geschichte der Mattersdorfer Judengemeinde im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, S. 7f.

Dieselbe Auffassung vertritt Harald Prickler:

Der Hauptort der Grafschaft Forchtenstein war Mattersdorf (das heutige Mattersburg): Hierher übersiedelte Juden sind seit 1527 mehrfach nachweisbar, das Urbar der Grafschaft Forchtenstein von 1526 weist in Mattersburg noch keinen Juden aus, hingegen anstelle der späteren Judenhäuser viel öde Hofstätten (Söllnerhäuser). 1438 wird zwar der in Mattersburg wohnhafte Juden Kysaan mit seiner Frau Mendel urkundlich genannt, er trat als Gläubiger der Grafen von Forchtenstein und ihres Burghauptmanns Hans Linzer auf, doch kann aus dieser vereinzelten Nennung keineswegs auf den Bestand einer jüdischen Gemeinde im Mittelalter an dieser Stelle geschlossen werden (Hervorhebung von mir). Die neue Judensiedlung entstand seit 1526 auf dem zum herrschaftlichen Meierhof gehörigen herrschaftlichen Gelände (Kurialgrund), auf dem sich die 1291 geschleifte Burg Mattersdorf befunden hatte, im Anschluss an die Marktsiedlung flussabwärts.

Harald Prickler, Beiträge zur Geschichte der burgenländischen Judensiedlungen, in: Juden im Grenzraum, Eisenstadt 1993, S. 72f.

Bleibt schließlich noch Max Grunwald zu zitieren, der zumindest nicht abgeneigt zu sein scheint, die Frühdatierung 1354/55 zumindest in Erwägung zu ziehen:

Der Mattersdorfer Rabbinatsassessor Reb Joel Fellner und Reb J. Hirsch ließen sich in die Kuppelhöhe des Tempels hinaufseilen, um die in der Kuppel befindliche Jahreszahl zu enträtseln. Es stand dort: “ad ki jawo Schiloh lefak”, das wäre 462 = 1702 der bürgerlichen Zeitrechnung. An der Gedenktafel der Gassenfront des Tempels liest man als Erbauungsdatum 5114 (1354). Sollte diese Zahl das Erbauungsdatum richtig wiedergeben, dann muss angenommen werden, dass im angeführen Vers die ersten 5 Buchstaben besonders gekennzeichnet waren, welche als Prat katan kaf jud dalet ergeben.

Max Grunwald, Mattersdorf, in: Jahrbuch für Jüdische Volkskunde 1924/25, hrsg. v. Max Grunwald, Berlin 1926, S. 415f.

Grunwalds Formulierung ist ein wenig missverständlich, er meint, dass die Inschrift in der Kuppel nicht nur die Jahreszahl 462 (1702) angibt, sondern auch zusätzlich (?) das Gründungsjahr der Synagoge angeben will: עד כי יבא שילה ist ein Zitat aus Genesis 49,10 (Der Segen Jakobs) “bis der kommt, dem er gehört (der Herrscherstab)“.
Grunwalds Versuch, das Gründungsdatum der Gedenktafel auch im Zitat der Kuppel wiederzufinden, darf fast als rührend bezeichnet werden. Auch wenn die Zahlenwerte der ersten 5 Buchstaben des Verses tatsächlich 114 (also 1354) ergeben, es bleibt Theorie. Auch Hodik (siehe oben) unterstützt die Theorie Grunwalds nicht, sondern hält es für sehr wahrscheinlich, dass sich die Jahreszahl in der Kuppel (1702) auf den Abschluss von Instandsetzungsarbeiten an der Synagoge bezieht (allerdings hat Hodik, wie schon angeführt, die Gedenktafel nicht gesehen!).
Off topic: Warum mussten sich die beiden Kuppelinschriftsinspizienten eigentlich hinaufseilen lassen, war die Inschrift so klein geschrieben? Und haben sie die Details nicht überliefert oder gab es keine?

Zwischenstand und drei hebräische Buchstaben unter der Lupe

Wir halten also fest: Es gibt keine weiteren historischen Hinweise oder gar Belege für eine mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf, lesen wir auf der Gedenktafel als Gründungsdatum der Synagoge wirklich קיד für 114 (1354/55) (und lassen die Kuppelinschrift und die Theorie Grunwalds einmal außen vor), wäre dies der einzige Beleg für eine Frühdatierung einer jüdischen Gemeinde in Mattersdorf!

Und doch tendiere ich dazu קיד, also 114 (1354/55) zu lesen:

  • Meir Deutsch argumentiert, dass die Punkte über dem letzten Wort der 1. Zeile (mit dem die Jahreszahl angegeben wird) besondere Berücksichtigung verdienen, da bei der anderen Jahreszahl (in der 2. Zeile) keine Punkte über den hebräischen Buchstaben zu finden sind (sprich: Lies die erste Jahreszahl (auch) als Wort, die zweite als bloße Jahreszahl). Allerdings finden wir auch keine Punkte über den Buchstaben in der letzten Zeile, in der aber der gesamte Satz – werden die einzelnen Buchstaben als Zahlenwerte gelesen – ebenfalls die Jahreszahl 635 (=1875) ergibt! Das am Schluss der Inschrift stehende “LP’K” (nach der kleinen Zeitrechnung) לפ”ק bezieht sich somit auf alle 3 in der Inschrift vorhandenen Jahreszahlen!
  • Das hebräische Wort “KIR” קיר bedeutet “Mauer/Wand” (seltener und nur in bestimmtem Kontext auch “Stadt”). Dies ergibt aber im Zusammenhang mit dem Gründungsdatum der Synagoge wenig Sinn.
  • Was auch gegen die Lesung “KIR” קיר spricht: Sollte wirklich die Jahreszahl 310 (1550/51) angezeigt werden, warum dann nicht gleich mit dem im Kontext sinnvolleren Wort “KRI” קרי “Lesung”? Außerdem hätte man damit nicht nur ein sinnvolleres Wort, sondern auch die Zahlenwerte der Buchstaben in ihrer gewohnten Reihenfolge (Hunderter-, Zehnerzahl) gehabt!
  • Die Lesung “KID” קיד, also der Zahlenwert 114 und somit das Jahr 1354/55 ermöglicht uns nicht, ein sinnvolles Wort zu lesen, die Zahlenwerte der Buchstaben wären aber in ihrer gewohnten Reihenfolge, die 3 Buchstaben einfach als Jahreszahl zu lesen. Den Punkten über den Buchstaben messe ich auch keine besondere Bedeutung bei (siehe oben erstes Argument).
  • Die Formulierung “im 6. Jahrtausend” באלף הששי finden wir häufig im Mittelalter (Beispiel: 1252), kurz oder relativ kurz nach der Jahrtausendwende (1240). Die jüngsten Belege mit dieser Formulierung auf deutschen Grabsteinen etwa datieren aus dem Jahr 1438. Für das 15. und 16. Jahrhundert ist die Quellenlage dünn, tendenziell würde ich die Formulierung in der Mitte des 16. Jahrhunderts aber eher nicht erwarten, eine bewusste archaische Formulierung ist jedoch auch nicht auszuschließen.


Es bleiben viele Fragen:

  • Die Tafel wurde 1875 (oder später) an der Gassenfront der Synagoge angebracht. Die Verfasser des Textes auf der Tafel mussten sich auf Traditionen, vielleicht auch auf schriftliche Quellen bezüglich des Gründungsdatums berufen können, haben den Text vielleicht sogar ganz oder teilweise von einer alten Tafel/Vorlage etc. wörtlich übernommen (siehe Formulierung “6. Jahrtausend”).
  • Könnten dabei Fehler passiert sein? Oder handelt es sich beim Datum 1354/55 etwa um Traditionen, die vielleicht mehr auf Legendenbildung als auf historischen Tatsachen beruhen?
  • Stimmt am Ende Grunwalds Theorie doch, dass wir auch in der Kuppelinschrift der Synagoge das Gründungsdatum 114 (1354/55) finden und hätten wir damit einen zweiten Hinweis auf eine Frühdatierung des Enststehens der jüdischen Gemeinde Mattersdorf? Sehe ich mir manche Grabinschrift auf dem jüdischen Friedhof Mattesdorf an, möchte ich nicht einmal wirklich ausschließen, dass in der Kuppelinschrift sogar beide Daten, 1702 und 1354 zu finden gewesen sein könnten.

Conclusio

Ich lese die Gründungsjahreszahl auf der Gedenktafel der Synagoge als 314 (1354/55), bin mir aber bewusst, dass ein einziger – noch dazu unsicherer – Beleg nicht reicht, um den Beginn einer jüdischen Besiedlung in Mattersdorf sicher ins Mittelalter zu datieren.

Und doch – ich würde mich wahrlich nicht wundern, sollten doch einmal (weitere) Dokumente auftauchen, die beweisen, dass auf dem heute burgenländischen Teil Westungarns damals nicht nur Eisenstadt eine voll ausgebildete jüdische Gemeinde besaß!

Siehe dazu besonders auch unseren Beitrag Amos Oz – ein Mattersburger? und insbesondere auch den Kommentar von Christopher! Denn der Ur-Ur-usw.-Großvater von Amos Oz ist der 1408 verstorbene Rabbiner Abraham Klausner … aus Mattersdorf!

Danke

Danke an Meir Deutsch, Israel, für das Bild der Gedenktafel und für die Anregung, mich näher mit ihr auseinanderzusetzen!

Danke an Frau Nathanja Hüttenmeister vom Salomon Ludwig Steinheim Institut Duisburg für wertvolle Anregungen zur Inschrift :)!


Da wir jetzt “nur” die Gedenktafel an der Gassenfront der Synagoge in Mattersdorf kennengelernt haben … am Wochenende gibt’s dann in unserem “Bild der Woche” mehr zur Synagoge!


Als Beilage zu unserer heutigen Melange empfehlen wir das wunderbare Buch von Michael Brocke “Verborgene Pracht – Der jüdische Friedhof Hamburg-Altona – Aschkenasische Grabmale sowie auch ganz besonders die großartige epigraphische Datenbank “epidat” des Salomon Ludwig Steinheim Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen.


39 Kommentare zu Mittelalterliche jüdische Gemeinde in Mattersdorf?

Bild der Woche – Matriken

Die Aufarbeitung des jüdischen Friedhofes Mattersdorf/Mattersburg hält derzeit die ganze Frau- und Mannschaft des Museums auf Trab. Während in Eisenstadt an den hebräischen Inschriften auf den vorhandenen Fotos (und Abschriften)…

Die Aufarbeitung des jüdischen Friedhofes Mattersdorf/Mattersburg hält derzeit die ganze Frau- und Mannschaft des Museums auf Trab. Während in Eisenstadt an den hebräischen Inschriften auf den vorhandenen Fotos (und Abschriften) der Grabsteine gearbeitet wird, werden andernorts, nämlich in Sopron, Wien und Mattersburg, die Mattersdorfer/Mattersburger Matriken von 1833 bis 1938 beschafft …

Aber es sind in der Tat weniger die hebräischen Inschriften als die Ungarisch geführten Matriken, die das Projekt immer wieder unfreiwillig bremsen, da unsere Ungarischkenntnisse nur auf exzessivem Wörterbuchgebrauch beruhen ;-)

Matriken der jüdischen Gemeinde Mattersdorf in Sopron

Matriken der jüdischen Gemeinde Mattersdorf, Stadtarchiv Sopron

An dieser Stelle herzlichen Dank für die sehr freundliche Kooperation an Mag. Wolf-Erich Eckstein von der Matrikenabteilung der IKG Wien sowie an Dr. András Krisch vom Stadtarchiv Sopron und Anita Grafl vom Standesamt Mattesburg!


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